Doch dann, am Ende des Tages, geht nichts über Krawall und Komplexität. Über das Zusammenwirken dieser beiden liebenswertesten Dimensionen des spielenden Menschen. Alessio Riccio hat irreführenderweise das Wort von der „immersivity“ über das seine CD begleitende Manifest geschrieben – mit Immersion als dem Aufgehen in kontinuierliche, einsaugende, umwölbende Zustände, die so viele Gegenwartsmusik zu verursachen versucht, also mit dem guten alten Wagner’schen Zeit als Raum hat Ninshubar – From The Above To The Below (Unorthodox) nun gerade überhaupt nichts zu tun. Riccio gebraucht das Wort in einem anderen Sinne und verknüpft es mit dem ebenfalls missverständlichen „subversion“ und einer hingebungsvollen Lektüre der „Ökosophie“ von Félix Guattari, um schließlich, nun aber plausibel wie die Sonne am Sonntag, auf seine Methode der „Heterogenese“ als „Prozess fortgesetzter Resingularisierung“ zu kommen. Yessir! Damit trifft er dieses unfassbare Werk: unaufhörliche Resingularisierung und dadurch geilste Überforderung des hörenden Menschen – ohne dass das jetzt klingen würde wie komplexistische neue Musik à la Brian Ferneyhough.
Es klingt wie, ja, sagen wir, der Klang von zerbrechendem Hirnglas, nämlich wie truly heterogenetischer Rock’n’Roll als zerseidelter Drum’n’Bass verkleidet plus Hörspiel (Luc Ferrari auf DMZ) und Oper. Sprech- und Singstimmen (darunter prominent: ein Wiederhören mit Catherine Jauniaux, die man aus diversen Art-Rock/New-Wave-Zusammenhängen der Achtziger kennt), die aus allen Richtungen zu kommen scheinen, wilde Beats und wildes Schweigen, Aufstand sexualisierter Küchengeräte: brachial schönes Durcheinander. Und auch ein bisschen wie Hermeto Pascoal fürs 23. Jahrhundert. Die beste Platte! Und wer Chili gern mit Chili kombiniert und sich danach durch Szechuan wälzt, wer also mit einer Überbietungsplatte allein nicht genug hat, kann sich anschließend mindestens ebenso wild und überbeanspruchend – wenn auch von einer insgesamt weniger posthumanen, also noch musikantenhaft-gewalttätigen Körperlichkeit getragen – von Lean Left versorgen lassen: Das ist das gemeinsame Projekt der beiden Gitarristen von Hollands Uralt-Polit-Punk-Helden The Ex (Terry Ex und Andy Moor) mit dem großen Corecore- und Free-Jazz-Schlagwerker Paal Nilssen-Love und dem Schilfrohrinstrumente-Monsterbläser Ken Vandermark, diesmal live in einer anzestralen Arena in Italien: Live At Area Sismica (Unsound).
Nun aber zum unwilden Teil des Abends: Jason Grier aus dem Julia-Holter/Ariel-Pink-Umfeld und Betreiber des Labels Human Ear Music hat auf eben diesem Unbekannte herausgebracht, ein von vielen stehenden, irdenen, aber vibrierenden und aufgeladenen Instrumenten begleitetes, unwirkliches (vorwiegend) Vokalalbum, das einmal die Stimme, das Summen, das Singen zelebriert, ohne auch nur einen Cent für Narzissmus auszugeben: Geht hier endlich mal wieder um das, was an so einem Organ dann eben auch Organ ist und nicht immer gleich Fenster zur Seele. Außerdem toll: Warten und Innehalten, Zögern und Synkopieren wird hier nicht auf Release und Rettung hin eingesetzt, sondern als Ziel in sich selbst, im Sinne von: Lecker, wie der Bass hier weder dröhnen noch abgehen will, sondern wirklich nur warten.
Wunderschöner Synthie-Pop mit Siebziger-Art-Rock-Anklängen auf dem dritten Album von Nick Grey & The Random Orchestra, You’re Mine Again (Milk & Moon). Früher Bowie, Greys erklärtes Vorbild Robert Wyatt und Synthie-Indie der frühen Jahre bereiten eine luxuriöse Atmosphäre für das Fassen von Gedanken, die diese Nacht überleben sollen.
An eine ganz andere Seite von Wyatt, nämlich an das durch Echos geschickte Hauchen auf seinem Solodebüt The End Of An Ear, könnte man Peter Ablingers „Hypothesen über das Mondlicht“ (2012) anschließen lassen, mit denen diese Nacht zu Ende gehen soll. Irre, wie sich nach Sekunden die Höreinstellungen umschalten, vom literarischen Hören des Pop-Albums zum chemischen Hören von Ablingers phänomenologischen Studien über Hörbarkeit, von denen vier auf der Veröffentlichung Augmented Studies (Maria de Alvear World Edition) zusammengefasst sind – alle performt von Erik Drescher, der hier eine, drei, 16 und 22 Flöten und Glissandoflöten spielt. Es ist ein sehr heller Abgrund, nach all der Musik, die etwas mit einem machen will, eine zu hören, die einem etwas zeigen will, die es nicht auf die Seele, die Anteilnahme, das Mitdenken und die Co-Intensität absieht, sondern auf das Hören selbst. Klingt ein bisschen kunstpathetisch, das so zu sagen. Aber man macht solche Erfahrungen nicht jeden Tag: wie mit dieser Musik.