Vernutzt sind nicht die Gegenstände, sondern das Prinzip: Subkulturen zwischen Ästhetik und Politik
Jetzt, wo sie vorüber ist, kann man sich fragen, was eigentlich bei der mehrjährigen deutschen Pop-Debatte herausgekommen ist. Erinnert sich noch jemand? In den späten 90ern jonglierten die üblichen Kulturverfassungsdiagnosen plötzlich mit einem eigentlich alten, aber neu gebrauchten Wort: Pop, Pop-Kultur. Erste Anlässe waren vermeintliche Verblödungsphänomene: Nachmittagstalkshows, Guildo Horn, Stefan Raab. Tonlage und Häufigkeit steigerte sich mit der ersten Big-Brother-Staffel ins Schrille und wurden bei den nächsten beiden noch eine Weile auf hoher Lautstärke stabilisiert. Das Wort „Spaßgesellschaft“ und letztes Jahr dessen vermeintliches Ende entlasteten den Pop-Begriff. Dann sackte das Thema in sich zusammen: Seine Unterdebatten wie Pop-Literatur, Pop-Theater, Pop-Art ächzten noch einmal unter dem Stapel von Zeitungsausschnitten, dann gaben sie den Plastiklöffel ab.
Nicht nur wurden neue Phänomene nicht im Unterschied zu ihren funktionsähnlichen Vorgängern beschrieben, sondern man tat kontrafaktisch so, als hätte eine Flut von popkulturellen im Sinne von massenkulturellen Produkten die der alten Hochkultur abgelöst. Vulgär auf den Punkt gebracht in der Verachtung des Umstands, dass einer Fernsehstar sein darf (ein Migrantenkind!), der noch nicht mal Shakespeare kennt. Drei Jahre später ist er vergessen. Sein Vorname begann mit Z.
Nicht neue kulturelle Formen wurden mithin zur Kenntnis genommen, sondern unter dem Stichwort „Pop-Kultur“ der Konsens beschlossen, die alte Massenkultur sei noch größer und einflussreicher geworden. Neu ist aber nicht eine neue hohe Zahl an massenkulturellen Produkten an sich, und unrichtig eine vermeintliche Verdrängung der Funktion von Hochkultur, sondern neu ist die Anzahl der in sich geschlossenen nichthochkulturellen Kulturen. Es gibt tatsächlich immer mehr kulturelle Phänomene, die sich nur dem erschließen, der ihre, oft einander gegenseitig ausschließenden Rahmenbedingungen kennt oder annimmt: chinesisches Actionkino, Noise-Musik, Swing-Revival oder Internetspiele sind nur dem beschlagenen Insider oder gar nicht verständlich. Und es gibt immer mehr miteinander unvereinbar erscheinende kulturelle Welten, die, wie sonst früher nur die Hochkultur – wenn auch oft in einem geringen Maße – gezielt Zugangshürden errichten, auch um ihren Kunden zu ermöglichen, Distinktionsvorteile zu erzielen.
Dies ist es präzise, was die Kulturdiagnosen des Feuilletons rund um die Pop-Debatten durcheinanderbrachte. Denn das Feuilleton funktioniert – meist unausgesprochen – noch nach einem älteren Modell von Hochkultur und Massenkultur. Und das geht so: In der Hochkultur entstehen ästhetische Gegenstände. Diese zu genießen, bedarf es bestimmter Voraussetzungen: Bildung, Erfahrung des Umgangs, aber auch eine bestimmte Haltung, die diese Gegenstände nicht zu deutlich verbraucht, vernutzt. Diese „ästhetische Disposition“, wie sie bei Bourdieu heißt, tut stets kund, dass sie genießen kann ohne zu gebrauchen – im Einklang mit der „Interesselosigkeit“, die bei Kant für den Unterschied zwischen der Erfahrung des Schönen und der des nur Angenehmen steht.
Dennoch werden – dieser vielen Diagnosen impliziten Formel zufolge – die Formen der je spezifischen ästhetischen Gegenstände irgendwann verbraucht und sinken dann herab in die Massenkultur. Dort werden diese vernutzten, heruntergekommenen Formen industriell reproduziert und nun von Leuten konsumiert, die sie bei nur geringen Grenzen zu ihrer sonstigen Alltagserfahrung tatsächlich gebrauchen und verbrauchen. Die das Vernutzte nun noch weiter instrumentalisieren, um ihr beschädigtes Leben auf die Reihe zu kriegen.
Dieses Modell würde wohl selbst in der Zeit-Redaktion nur hinter vorgehaltener Hand so ausgesprochen und formuliert werden, aber es bringt das Gemeinsame in der Topologie linker wie rechter Massenkulturverachtung auf den Punkt. Erstens: Man darf ästhetische Gegenstände nicht gebrauchen. Gebrauchte ästhetische Gegenstände sind niedrigere Gegenstände. Komischerweise werden in diesem Modell nur gebrauchte, vernutzte Gegenstände gebraucht, nämlich in der Massenkultur: Offen bleibt, wann die erste Nutzung stattfindet, wenn der hochkulturelle Umgang eigentlich gar kein Gebrauch ist. Zweitens aber heißt das aus der Perspektive des Kulturjournalismus: Alle ästhetischen Gegenstände der Massenkultur sind uns bekannt und zugänglich, denn wir kennen sie ja noch aus ihrem ersten Leben in der Hochkultur. Ein Blick auf die Massenkultur ist deswegen nicht nötig, der näher an die Phänomene herangeht, als zu erkennen erforderlich, um welchen herabgesunkenen Gegenstand es sich handelt – oder um dessen Fehlen zu bemerken (siehe Zlatko und Shakespeare).
So wie der erste Teil – Verbot des Gebrauchs – als Maxime ästhetischer Einstellung nach wie vor auch in der Praxis ästhetischer Konsumenten eine gewisse unausgesprochene, zumindest normative Gültigkeit hat, so falsch ist die Deskription des zweiten Teils – Massenkulturen scharen sich um vernutzte Gegenstände der Hochkulturen – geworden. Das Problem mit den Zumutungen von Spaßkultur und Pop-Literatur war ja vor allem, dass man sie gerade in diesem Punkt nicht einsortieren konnte: Sie waren als reine Verfallsprodukte bürgerlicher Kultur nicht mehr zu erkennen, da sie ihrerseits kulturelle Zugangsbeschränkungen errichtet hatten. Man nennt sie seit einiger Zeit „Kulte“: unausgesprochene und nicht immer leicht von außen erkennbare Vereinbarungen.
Die handelten etwa von dem Status des ästhetischen Gegenstands im Zentrum eines Rituals, etwa davon wie ernst, wie leicht oder wie zitathaft er zu verstehen sei. Mit anderen Worten: Diese Vereinbarungen entsprechen den zahlreichen Metacodes in Pop-Kulturen, deren bloße Zahl und Präsenz jedem auffällig waren, die aber trotzdem oder gerade deswegen in der Außenrezeption nicht als Signale für die Notwendigkeit eines modifizierten kulturtheoretischen Instrumentariums verstanden wurden, sondern nur additiv zum ungenauen Sammelbegriff Ironie zusammengezählt wurden. Dabei ging es um so fundamentale und selten offen diskutierte Dinge, ob eine Band wegen eines Dresscodes, eines bestimmten Drum-Sounds oder wegen der allein dem Regisseur des Video-Clip – nennen wir ihn Hype Williams – zu verdankenden, in die Realwelt projizierten Räumlichkeiten einer digitalen Raumsimulation wichtig ist. Mit den Worten älterer ästhetischer Theorien: Was das Bild ist und was der Rahmen, was Werk und was Parergon.
Zum anderen konnten aber diese kulturellen Gegenstände auch deswegen nicht erkannt werden, weil sie gar keine Verfallsprodukte der Hochkultur mehr waren, sondern – wenn überhaupt Verfallsprodukte – solche vorangegangener, früherer Pop- oder Subkulturen, die nicht in das alte vertikale Modell passten. Unstrittig also, dass die meisten kulturellen Auffälligkeiten tatsächlich einen zweiten Durchlauf nahmen (oder schon den siebenten), und daher auch naheliegend, dass man sie in die alte Theorie der herabrutschenden Kulturen eintrug, aber falsch erstens, dass es sich dabei um ehemals hochkulturelle Methoden, Praktiken und Ästhetiken handelt, und zweitens, dass ihre Zweitverwertung tatsächlich sich der ökonomischen Metapher fügen und sich als minderwertig herausstellen würde. Tatsächlich sind die Akzentverschiebungen und verrutschten Markierungen von wichtig und unwichtig, Sache selbst und Rahmen, die unterschiedliche Zyklen popkultureller Phänomene signalisieren, seltener Verfallsformen, sondern meist Bearbeitungen und Dialogbeiträge auf demselben Plateau. Über die Qualität der Beiträge entscheiden andere Fragen.
Wenn man sich die besagten Phänomene statt als von oben herabgerutschte als Nachfolge-, Sekundär- und manchmal eben auch tatsächlich Verfallsprodukte einer oder mehrerer anderer Sub-Kulturen vorstellt, muss man diesen aber zunächst überhaupt eine Fallhöhe zubilligen. Das verlangt die Bereitschaft, etwas über sie wissen zu wollen und setzt den unangenehm zeitraubenden Umgang mit den Metacodes voraus. Jeder einzelne Metacode ist natürlich mehr oder weniger inhaltlich begründet. Gemeinsam ist aber allen Metacodes, dass sie in gewisser Weise und unterschiedlich intensiv das ästhetische Erlebnis der Beteiligten nach dem strukturellen Modell alter Elitekulturen organisieren. Psychologische Verbindlichkeit des ästhetischen Erlebens für mein Innenleben, soziokulturelle Übersetzbarkeit seiner Gegenstände in meine Welt, ästhetisches Kompetenzgefühl, das ich an mir gerade auch im Unterschied zu anderen beobachte, die es für einen bestimmten Gegenstand offensichtlich nicht aufbringen – all dies sind Aspekte der Organisation ästhetischen Erlebens der alten Hochkulturen, die die neuen Popkulturen imitieren – allerdings immer im Rahmen eines spezifischen, vom Gegenstand hergeleiteten Legitimationsdiskurs, den die alten Hochkulturen nicht brauchten. Deren Legitimität zeigte sich im Umgang – und dieses Ziel erreichen auch einige der Popkulturen, die anderen streben es an.
Damit wäre nicht nur die Frage nach der Fallhöhe schon beantwortet: Denn wenn der Konsum eines ästhetischen Gegenstandes oder der Umgang damit elitär oder wenigstens exklusiv organisiert ist, erscheint jede prinzipielle Erweiterung des Kreises als Verfall. Den Beteiligten geht Intimität und Intensität verloren – also Vertrautheit und Erregung durch das Objekt – und dem Objekt zumindest von einer Perspektive aus auch. Denn die gemeinschaftsbegründende Intensität und die durch Exklusion erreichte Intimität bestimmt ja den ästhetischen Gegenstand, der immer seltener an sich eine Bedeutung hat. Meistens wächst und gedeiht diese, durch das, was eine bestimmte Gruppe mit ihm macht. Platten, Outfits, Texte wechseln ihre Bedeutung nicht nur in der Geschichte, sondern auch simultan in den unterschiedlichen sozialen und kulturellen Strata. Nur eines an diesen Wechseln ist objektiv: Etwas, das einmal exklusiv betrieben wurde und dann weniger exklusiv, verfällt tatsächlich, nicht nur aus der subjektiven Perspektive seiner ehemals exklusiven Betreiber.
Denn warum bilden sich diese Intimität und Intensität erzeugenden und organisierenden Gemeinschaften? Nun, sie begehren Intimität im Kulturgebrauch aus zwei Gründen: Zum einen ist Intimität selten und die Ausnahme. Dies ist sie zum einen als Organisationsform – sie taucht selten auf – und es ist zum anderen ihr Inhalt: das Management der seltenen Begegnung mit wenigen. Ihre Seltenheit macht auch ihren externen Wert aus, ihren sozialen Status, ihren Distinktionswert. In der Intimität liegen also, was selten ist im Kapitalismus, Tauschwert und Gebrauchswert nahe beieinander und widersprechen sich nicht. Das wiederum erlebt das Subjekt im Kapitalismus als Sinn.
Zum anderen stellt die Organisation intimer Kommunikation oder eines exklusives Kunsterlebnisses einen Versuch dar, die Rahmenbedingungen für die Gelungenheit des Kunsterlebnis zu sichern, das Risiko von Missverständnis, Streuverlust etc. klein zu halten. Sie will den Moment im ästhetischen Erlebnis, an dem ich mich besonders individuell getroffen und angesprochen fühle, so organisieren, dass kein Bruch entsteht zwischen meiner risikoreichen Öffnung zur Kunstwirkung einerseits und meinem sozialen Selbstbild andererseits. Natürlich verringert sich dadurch auch die Möglichkeit einer Überraschung und Überwältigung, die Möglichkeit desjenigen besonderen und weil noch selteneren und daher noch begehrteren Kunsterlebnis, bei dem trotz aller Risiken eines Streuverlustes und eines gigantischen Missverständnisses oder verheerendster Langeweile das ästhetische Verhältnis dennoch zuschnappt: wenn die intime Kommunikation eine Massenkommunikation ist.
Das ästhetische Erlebnis wird ja schon in frühen Fassungen, etwa bei Kant, fast dialektisch gedacht als radikal individuelles, das ganz von der Subjektivität des Erlebenden abhängt, aber das uns allen dennoch möglich ist und auf diese Weise etwas verkörpert, das wir auf intimer und individueller Ebene miteinander teilen, das unsere Gemeinschaft begründet. So sehr es universell gedacht war, so sehr war es natürlich in dieser Fassung auf eine historisch spezifische Gemeinschaft zugeschnitten, eben auf diejenige partikulare Gemeinschaft, deren Partikularität schon immer darin bestand, sich für universell zu halten: das europäische Bürgertum der Aufklärung.
Auch in dieser Hinsicht sind diese vielen Nichthochundauchnichtmassenkulturen Imitationen dieser bürgerlichen Kultur. Auch sie haben oft, zumindest in ihren Anfängen als Bürgerrechts-, Hippie- und Protestkultur, einen idealistischen Universalismus entwickelt, den sie gleichzeitig partikularistisch pflegen: die einzig wahre Dylan-Deutung oder Mao-Auslegung. Die Winzigkeit des Eingeweihtenkreis wurde durch die maximal globale Bedeutung des verwalteten Materials kompensiert. Oder sie agieren, wie etwa die revolutionären Afroamerikaner der 60er, umgekehrt von einem Minderheitenpartikularismus aus, der aber seinen Pathos und seine Legitimität von genau einem verweigerten Zugang zum Universalismus bezieht. Das erste konnte man in den 90ern bei Techno, das zweite etwa bei Hip-Hop wiederfinden.
Doch ist nun nach dem abendländisch bürgerlichen Modell so etwas wie ein ästhetisches Erlebnis ohne Exklusion gar nicht vorstellbar. Jede ästhetische Produktion schließt bestimmte Bedeutungen dezidiert aus und sie erreicht ihr Gegenüber auch nur dann, wenn sie es in seinem So-und-nicht-anders-Sein, seiner Individualität anspricht, die immer auch eine sozial begründete und bestimmte Individualität darstellt – das verbindet sie mit anderen und schließt andere wiederum aus.
Aber: Wo das ästhetische Erlebnis Verbindungen zu der sozialen Existenz der erlebenden Person herstellt, wird es politisch verhandelbar und diskutierbar. Es geht nicht ohne Exklusion, aber keine Exklusion ist fix, essentiell oder sakrosankt. Der Übergang sollte immer erkennbar und benennbar bleiben und zur Diskussion stehen. Der oft zu beobachtende Versuch, diesen Übergang wiederum ästhetisch zu begründen und das ästhetische Verhältnis so mit sich selbst kurzzuschließen, statt den oder die Erlebenden als Individuum ernst zu nehmen, ist so langweilig wie reaktionär. Er begründet die Kunstreligionen des Fan-Spießers.
Stattdessen kann man vielleicht sagen, dass der spezifische Gebrauch einer ästhetischen Erfahrung in einer solchen Gemeinschaft dasjenige ist, was – wenn es nicht zirkulär verfällt – den Anspruch dieser Gemeinschaft begründet, eine (auch als größere gedachte) Öffentlichkeit vorzuschlagen oder darzustellen. Eine Öffentlichkeit, die ihren speziellen Gebrauch des ästhetischen Erlebnisses nicht als Ware anbietet, sondern als potenzielle Politik. Denn während die Subkulturen in der Ableitung der Gemeinschaft vom ästhetischen Erlebnis die Kant’sche Formel übernommen haben, so haben sie in ihrer Vorstellung vom Gebrauch dieses Erlebnis das Gegenteil gemacht: Ihre Vorstellung vom Gebrauch war nicht interesselos, sondern interessiert. Er blieb auch im Nachstellen der bürgerlichen Kunsterfahrung unbürgerlich und ähnelte dem Gebrauch von Kunst in den älteren Massenkulturen.
Diese Form des Gebrauchs führt nun aber zum Öffentlichkeitsanspruch der Subkulturen. Mit und gegen Richard Sennett kann man sagen, dass dieser Öffentlichkeitsanspruch Intimität als öffentlich organisiert (was nicht dasselbe ist wie Öffentlichkeit durch Intimität zu ersetzen) oder dies mit dem Übergang und dem Widerspruch zwischen beiden tut. Intimität und intimer Umgang mit dem ästhetischen Material wird gerne denen gezeigt, die ihn nicht haben oder verstehen.
Nun entstehen allerdings fortgesetzt solche Kulturen, die um ein exklusives Erlebnis herum eine Gemeinschaft von Eingeweihten bilden, die bald größer wird und zerfällt. Das heruntergekommene Signum ihrer Gemeinschaft wird sodann in einer anderen, meist größeren Gemeinschaft dekontextualisiert übernommen, die dieses aber nach wie vor wegen seiner exklusiven Vergangenheit begehren. Der dadurch ermittelte Wert verfällt und als Müll wird derselbe Gegenstand, dann aber wieder mit anderen Markierungen wiederum für die nächste elitäre Gemeinschaft begehrenswert. Michael Thompson hat diesen Zyklus des kulturellen Abfalls schon in den 80er-Jahren beschrieben.
Was er aber nicht sagte, ist, dass dieser Weg nicht nur ein zirkulärer ist, sondern letzten Endes auch ein absoluter. Tatsächlich hat die Bildung von Kulten und Kultürchen ein Stadium erreicht, wo sich einerseits der objektive Verfall beschleunigt, andererseits die Bildung solcher Bündnisse und Grüppchen von einer Inflation erfasst wurde, die durch die industrielle Anwendung dieses Prinzips verursacht wurde. Nicht die Gegenstände dieser Kultur sind also das Problem, sondern dass die subkulturelle Methode der Imitatio der Geburt des Bürgertums aus dem ästhetischen Erlebnis zur Maxime einer neuen Kulturindustrie geworden ist, die nicht mehr große Identitäten oder Gemeinschaften anbietet, sondern deren Module und Moleküle für eine flexible Bewältigung des postfordistischen Selbstmanagement zur Verfügung stellt. Die Bildung von Gemeinschaften wird immer flüchtiger und gehorcht ganz der instrumentellen Logik der Reproduktion des arbeitsfähigen flexiblen Selbst – der Anstrengung, jeden Tag ein neues Plagiat von sich herzustellen, wie Samuel Beckett sagte.
Das hat zur Folge, dass unsere Feuilletonisten manchmal zur Hälfte richtig lagen, wenn sie in Phänomenen, die sie zwischen 98 und 00 unter „Pop“ diskutierten, tatsächlich die gute alte Massenkultur wiedererkannt haben. Vernutzt sind aber nicht die Gegenstände, sondern die Methode, das Prinzip, ihnen einen eigenen elitären und dennoch nicht hochkulturellen Rahmen zu geben. Das Prinzip Subkultur, wenn man so will, ist abgesackt. Diese Genealogie zu erkennen, haben unsere Diagnostiker konsequent verweigert, unter anderem, weil sie die Pop-Musik und ihre Geschichte als heuristisches Potenzial ausgeklammert haben.
Die um ästhetische Erlebnisse entstandenen Nichthochkulturen fordern oder forderten aber nicht nur die pyramidale und vertikale Konstruktion des kulturellen Feldes heraus, das sie diskontinuierlicher, fraktaler und flacher werden ließen, sie forderten auch das politische Modell der repräsentativen Demokratie heraus. Der Anspruch dieser Gemeinschaften war ja immer einer, der – wie oben beschrieben – von beiden Seiten aus das ästhetische Erlebnis organisieren wollte, von seinem garantierenden, rahmenden, einschließenden Metacode aus wie von der Öffnung zur sozialen Dimension des ästhetisch erlebenden Subjekts. Wenn aber soziale Welten und ihr Selbstverständnis von der Intensität gemeinschaftlicher ästhetischer Erfahrungen gespeist waren, war das natürlich eine heiße Herausforderung für das kalte Prinzip der Repräsentation in der repräsentativen Demokratie. Diese neuen nichtelitären Eliten der Subkulturen waren in gar nicht so unähnlicher Weise eine Gefahr für diese, wie es die alten Eliten waren, nur dass sie ganz andere politische Absichten hatten: nämlich die Übertragung des Intensitätsprinzip auf die ganze Politik. Dies war womöglich die gewaltigste Herausforderung, die Subkulturen für offizielle Politik darstellten.
Man könnte sagen, dass sei nicht praktikabel und nur das Prinzip einer kalten Repräsentation garantiere demokratische Gleichheit, aber dagegen spricht, dass die konkrete Gestalt von Demokratie ja immer schon ein gestaltetes Gesicht hat, das nichts anderes ist als so etwas wie sedimentierte ästhetische Erlebnisse, erkaltete konkrete Kulturen, die einen Übergang ins Politische hatten. Jede zukünftige kalte Repräsentation ist also auch ein Ergebnis heutiger heißer ästhetischer Intensitätskulturen und ihrer jeweiligen Übersetzungsleistung.
Denn das wäre sozusagen als die eigentliche Aufgabe zu verstehen: nicht die Politik zu ästhetisieren oder die ästhetische Erfahrung zu politisieren, sondern deren soziale Seite, deren Fensterfront zur ganz anderen Ordnung des Politischen nicht verwittern zu lassen, sondern selber politisch zu gestalten.
Einstweilen gibt es keine Verständigung, weil man innerhalb wie von außen überzeugt ist, dass eine solche Kommunikation verboten ist oder nicht funktioniert und die Intensität aus der Kultblase ablassen würde. Doch jeder Intensitätszirkel hat auch einen intentionalen Kern, einen guten Grund, warum er seine Kommunikation schützt, dieser ist politisch, auch dann, wenn er vorderhand nur vom Tanzen und exklusiven Deutungszugängen zu Identitätsangeboten handelt. Ihr Gebrauch ist aus politischen Gründen nicht beliebig. Vielleicht aber war genau das die große Leistung politisierterer Generationen: die Subkulturen von ihrem Inneren, ihrem verträumten Selbstverständnis her, an eine entsprechende Politik anzuschließen.