Simultanes und Inkommensurables zwischen Theorie, Bildender Kunst und Musik im deutschen Punk
Intensität
Es war eine intensive Zeit. Darüber sind sich alle einig. Aber darüber sind sich ohnehin alle einig, die an ihre Jugendzeit zurückdenken. Doch hängt an dem Begriff der Intensität etwas von dem, um das es damals ging. Vorübergehend war Intensität vielleicht sogar etwas wie ein Kampfbegriff, jedenfalls nicht unumstritten. Einig war man sich eigentlich nur, daß es zu einem großen Umbruch gekommen sei und kommen mußte. Aber was umgebrochen werden mußte und wofür, wurde selten ausgesprochen. Und vielleicht war gerade diese Unschärfe das Erfolgsgeheimnis von Punk als Bewegung wie als Legende. Ein abstrakter Hippie mußte als negativer Avatar herhalten, über den man sich positiv als Generationsbewegung beschreiben wollte. Doch was steckte drin in diesem Avatar? Heute ist es verbreitet, den pop-musikalischen Bruch von Punk, New Wave und Neuer Deutscher Welle mit Parallelen in bildender Kunst zum einen, aber auch Theorie und politischer Orientierung zum anderen in Verbindung zu bringen – doch was hatten die wirklich gemeinsam? Intensiv also. Einer der meistgelesenen und -zitierten Autoren jener Zeit war Jean-François Lyotard, sein in unseren Kreisen meistgelesenes Buch war die vom Merve-Verlag besorgte und betitelte Zusammenstellung Intensitäten. Dort sind diese positiv besetzt. Der kurze Text auf der Rückseite des im prägenden Jahr der deutschen Punk-Rezeption, 1978, erschienenen Buches endet mit dem Satz: „Ich hoffe, mein Diskurs hat etwas von dieser intensiven Unseriosität.“1
Was entsprach dieser intensiven Unseriosität, oder konkreter, was entsprach etwa Lyotards im Zuge einer Apologie von Cage und Nietzsche vorgenommenen Forderung nach einer Politik der Intensitäten? Der Philosoph benennt es: „Das sind die ‚Menschen der Steigerung‘, die ‚Herren‘ von heute: Außenseiter, experimentierende Maler, Popkünstler, Hippies und Yippies, Parasiten, Verrückte, Eingesperrte. Eine Stunde ihres Lebens enthält mehr an Intensität (und weniger an Intention) als tausend Worte eines Berufsphilosophen.“2 Nicht unwichtig ist, daß diese 1972 als Vortrag gehaltenen „Bemerkungen über die Wiederkehr des Kapitals“ sich ausdrücklich immer wieder auf die Musik beziehen als den Ort, wo sozusagen der Kampf zwischen guter Intensität und böser Repräsentation am weitesten zugespitzt ausgetragen wird: als Kampf zwischen der Note und dem Ton.
Welche Rolle hatte nun Punk in dieser Theorie, warum zog sie uns an, benannte sie nicht gerade unseren Feind als Helden, den Hippie, und war sie nicht genau das Gegenteil einer Theorie von 1978, nämlich tatsächlich die typische Theorie von 1972: Als sich der Kampf vom Campus und Straße auf Psychiatrie und Kunst verlagerte? Ich war jedenfalls 1972 ein Fan des Begriffs, völlig unklare offene Abenteuer lagen vor mir, durch nichts und wieder nichts sollten sie bestimmt sein, außer durch den dauerhaften Eindruck, den sie auf mich machen sollten. Und den ich machen wollte, auf alle die, die mir bei meinen Abenteuern begegnen sollten: Nachhaltiges, intensives Leben war die einzige Möglichkeit, nicht tot zu sein. 1978 war die Intensität ein ärgerliches und kitschiges Klischee, eine rein nominelle Forderung eines Kritikerdiskurses, ein ewiges Element einer Rede von alten Leuten und ein Vehikel der ideologischen Intellektuellenfeindschaft und damit gegen jede Möglichkeit gerichtet, daß sich ein politisches Leben, eine aggressive Gegenkultur regenerieren könnte. Unseriosität hingegen klang 1978 noch sehr interessant.
Die Rede von der Intensität war also keine rein philosophische. Es gab sie als Alltagstext, mit dem jeder, der in den siebziger Jahren 20 wurde, aufgewachsen ist. Das stärkere Argument als jedes politische war das der Intensität, es war der Sinn des Lebens, intensiv zu leben – darauf konnten sich religiös Wahnsinnige mit revolutionären Anarchisten einigen. Doch die Inszenierung des Bruchs mit dieser Kultur durch Punk nahm nun zwei Formen an: Zum einen wies man die sogenannte Hippie-Kultur zurück, weil sie vor lauter Intensität blöde geworden war und so auch harmlos – vor allem aber dumm. Dieser Gegenstandpunkt war dezidiert intellektualistisch. Man muß wieder diskutieren, Begriffe verwenden, Dinge aussprechen, Bücher lesen, explizit werden. Von diesem Standpunkt aus griff man zu Merve-Büchern, nur um in ihnen dann wieder zu lesen, daß es besser sei, jenseits der Repräsentation – wie die gerade überwundenen Hippies – als Außenseiter zu existieren, begrifflos als Intensität. Aber es war immer noch besser, dies zu lesen, als es – wie schon so lange – nur zu erleben: als sozialen Druck. Wenn der Außenseiter nun in eine „Theorie“ eingetragen war, konnte man ja nachsehen, ob er im Recht war.
Die zweite Form des Bruchs der Punk-Kultur war aber genau andersherum gebaut. Nicht Intensität als Wert war das Problem, nicht die einst intensiven Leben der Außenseiter waren trostlos, sondern sie waren gar nicht mehr intensiv: Nicht etwa, weil sie verblödet waren, sondern weil sie längst nur noch Repräsentationen von Intensität waren, Intensitätsdarsteller. Darüber hatte womöglich auch ihr Legitimationsdiskurs Schaden genommen, so daß auch von dieser Seite nicht mehr von Intensität gesprochen wurde, aber das Ziel und der Wert waren eben gerade nicht durchgestrichen. Man bemühte sich nun, intensives Leben auf neue Beine zu stellen, auf neue Lebensformen, neue Außenseiterschaften. In dieser Version waren die Hippies nicht so sehr schuldig, Hippies zu sein, sondern keine mehr zu sein, die Ideale der „Menschen der Steigerung“ verraten zu haben. Einig waren sich die beiden Vertreter dieser beiden Lesarten des Punk-Bruchs nur darüber, daß das, was heute 1978, 1979 sich als „Hippie“, „Außenseiter“, „Experimentator“ gratis lobte und natürlich öffentlich-rechtlich subventioniert wurde, abzulehnen war.
Aber die Gründe der Ablehnung waren diametral entgegengesetzt: Negation des repräsentations-kritischen Prinzips der Intensität auf der einen Seite, Negation seiner aktuellen Mittel und seiner empirischen Vertreter auf der anderen Seite. Das führte dazu, daß sich in den Reihen des Punk Anhänger und Gegner der Intensität in den gleichen Kneipen, in den gleichen Konzerten und in den gleichen Klamotten wiederfanden. Und da man zusammen trank, rauchte, Drogen nahm und Musik hörte, nicht aber begrifflich diskutierte, wurde diese Differenz nicht in den Begriffen ausgetragen, in der man sie hätte artikulieren können, sondern durch ästhetische Stellvertreterkriege. Ich selbst schwankte auch zwischen den Standpunkten: Text-orientierte, manifestartige, zitierende, denotative Punksongs liebte ich anti-intensiv (und das sehr intensiv), überwältigungsästhetische, elektronische, laute, schwere Punk- und Industrial-Zumutungen lebte ich intensiv. Entsprechend zu den drei musikalischen Zentren der deutschen Punk-Kultur (Berlin, Hamburg und Düsseldorf) gab es drei Zentren der damals sogenannten wilden Malerei (Berlin, Hamburg und Köln3). Da die bildenden Künstler einem begrifflichen Universum näher waren als die Punk-Musiker, nicht zuletzt, weil sie die früheren Auseinandersetzungen in der Kunst auch als begriffliche – etwa auf so damals tatsächlich begrifflichen Akademien wie der Düsseldorfer oder der Cooper Union in New York – erlebt hatten, gab es hier ansatzweise die expliziten Konfrontationen, die in Musik und Alltagsleben auf Geschmacksdifferenzen oder Prügeleien verwiesen waren. Berliner Malern wie Salomé oder Helmut Middendorf wurde etwa der Vorwurf gemacht, tatsächlich nur zu verdoppeln und so bloß zu repräsentieren, was sie an Lebensformen attraktiv fanden, aber nicht in eine Form der Malerei oder der Kunst überhaupt zu übertragen. Bilder von Rock’n’Roll-Sängern oder Transvestiten oder starken Frauen waren in den Augen etwa der Hamburger Gruppe um Albert Oehlen und Werner Büttner unerträgliche Rückfälle in eine Idee expressiver Kunst. Und das war wichtig: Expressiv wollte ja niemand sein.
Während also Oehlen und Büttner eher ein anti-intensives Programm im oben beschriebenen Sinne verfolgten und den Berlinern sozusagen als Intensitäts-Darstellern und -Behauptern die Fehler vorgeworfen wurden, die man auch dem Außenseiter-Kitsch offizieller liberaler und sozialdemokratischer Kultur machte, waren die Kölner um die Gruppe Mühlheimer Freiheit eher Vertreter des anderen, oben dargestellten Gedankens, daß die Intensität nur verraten worden sei, aber durchaus gerettet oder ihre Rahmenbedingungen neu konstruiert werden mußten. Die Bezüge zu Blues und Beuys bei Walter Dahn, auf ein ideelles Afrika bei Dahn und Dokoupil, verweisen auf ein solches Programm der Rekonstruktion eines intensiven Lebens als Leben in der Kunst. Später wird dies in einen eher distanziert schmunzelnden postmodernen Habitus vor allem von Dokoupil überführt, während etwa Peter Bömmels weiterhin die Malerei als ein heuristisches Mittel der Exploration individueller wie soziopathischer Zustände einsetzte. Ein Mitglied verliert die Gruppe immerhin an Bhagwan. Die Hamburger werfen ihnen vor: „Sechs junge Kölner präsentieren eine Synthese aus Antes und Schröder-Sonnenstern“.4 Die Kölner warfen den Hamburgern wiederum die reine Karikatur, eine in ihrem Humor restlos aufgehende Kunst – eben ohne jede Intensität – vor. Für die ersten Berichterstatter der etablierten Kunstzeitschrift art geht die ganze Bewegung in allen Städten in den Begriffen des „Wilden“, des „Malerischen“ und vor allem einer „hemmungslosen Subjektivität“ auf.5 Letzteres wird u. a. von Werner Büttners „Selbstbildnis im Kino onanierend“ illustriert, das ja nicht nur die womöglich ratlose (Selbst-)Kritik malerischer Subjektivität so lakonisch wie allegorisch vorführt (statt sie zu feiern), sondern auch ein seltsames Licht auf die Argumentation dieses historischen art-Textes wirft, der nämlich immer wieder die Welthaltigkeit und Neugier der „wilden“ Malerei von dem immer wieder bekundeten Interesse der befragten Maler am Kino herleitet.
Der zentrale negative Legitimationsbegriff aller Punk-Reden war die Langeweile. Das Lied „Boredom“ von den Buzzcocks und der Film Brennende Langeweile von Wolfgang Büld mit Ian Moorse, Gaye Advert von den Adverts [u. a.] aus dem Jahr 1978 benannten besonders eindrucksvoll, was die verschiedenen Fraktionen und Praktiken einte: ein Gefühl drückender existenzieller Ausweglosigkeit, die nicht so sehr auf eine Katastrophe zusteuerte als auf ein gesichertes aber nicht lebenswertes Leben. Wie schon bei verschiedenen Äußerungen des Situationismus war die Langeweile mehr als nur die Abwesenheit von Abwechslung und Unterhaltung, sondern im Gegenteil eher deren Ergebnis. Weder die Reste einer politisierten Kultur, deren Vertreter längst habituell nicht mehr von den Machthabern unterscheidbar waren, noch die restlos unterhaltungsindustriell gewordenen Jugend- und Gegenkulturen konnten einem das Gefühl vermitteln, daß politische oder kulturelle Lebensentscheidungen anders als folgenlos in die Produktion von Alltäglichkeit eingehen würden. Der Konsens der Demokraten und ihre ebenso konsensuellen Rockpaläste in öffentlich rechtlichen Anstalten schien nur noch durch eine konsequente Negation herauszufordern.
Eine solche Kritik der Langeweile konnte politisch geführt werden, wie bei den Situationisten und ansatzweise bei der allerdings zunächst minoritären linken Punk-Schule der Richtung Gang Of Four und Mekons, der in Deutschland am ehesten S.Y.P.H. und die Fehlfarben entsprachen.6 Sie konnte aber auch existenzialistisch und anthropologisch geführt werden, als Suche nach dem Wesentlichen: Auch dafür fanden sich bald Vertreter. In den immer üppiger und künstlerischer werdenden Fanzines von Jürgen Kramer spielen plötzlich Autoren wie Heidegger eine immer größere Rolle. Eine noch zentralere, weil alle möglichen unterschiedlichen Subszenen einende Figur ist Friedrich Nietzsche, der von Franzosen wie Lyotard, Deleuze und Foucault neugelesene Philosoph der affirmativen Rede, der schon erwähnten Steigerung. Er versöhnte tatsächlich auch die beiden zuvor unterschiedenen Intensitätspositionen: Denn sowohl die, die den Hippies den Verrat an der Intensität vorwarfen, wie diejenigen, die die Idee der Intensität durchstreichen wollten, konnten sich auf den apodiktischen, antidemokratischen, aggressiven Ton einigen, den man von Nietzsche lernen konnte – vollkommen unabhängig zunächst von einer Lektüre seiner Philosophie in der einen oder anderen Weise, völlig unabhängig überhaupt von Positionen.
Negation
Ich habe schon darauf hingewiesen, daß der unterschiedlich negative Bezug auf Intensität eine entscheidende Rolle bei der – natürlich begriffslos durchgeführten – Bildung eines impliziten Selbstverständnisses der verschiedenen Punk-Kulturen spielte. Tatsächlich waren nahezu alle Elemente solcher Selbstverständnisse ex negativo zustande gekommen – und sollten auch nicht in einen Zustand einer eingenommenen Position überführt werden. Man war zwar nicht wirklich gegen alles, und es war nicht beliebig, gegen was man war, aber es kam darauf an, den Zustand der (oft sehr bestimmten) Verneinung nicht durch bloße Logik in eine Position zu überführen. Die von allen als tragisch begrenzt geahnte Erfahrung des Anhaltens der Geschichte im Zustand der Negation sollte gerade deswegen so lange wie möglich gedehnt werden – und für einzelne Individuen, davon weiß Jürgen Teipels Buch makaber genau zu berichten, dauerte dieser Moment sehr lange, mitunter bis heute, an. Es ist dennoch ein Fehler, aus dem Wunsch, den Moment der Negation dauern zu lassen, abzuleiten, daß es sich um Nihilismus handelte. Der Zustand der Verneinung ist vielmehr ein Zustand größtmöglicher Kontrolle: Wer alles ablehnt, ist für nichts Bestehendes verantwortlich und hat gleichzeitig alles andere, alles, was es nicht gibt, als ein unendliches Reich der Zukunft für sich offen. Er muß nur den Moment herauszögern, an dem diese Zukunft beginnen soll. Daher rührt das unglaubliche Moment des Beharrens in allen Spielarten von Punk (und anderen Negationsbewegungen), die in der treffenden Selbstkritik, „Punk macht dicken Arsch“ (von, ich glaube, Peter Hein), ihren angemessenen Ausdruck fand.
Trotzdem sagten Punks, was sie nicht wollten: Sie konnten nicht immer nur allgemein bleiben. Und Theoretiker taten dies auch. Bildende Künstler – obwohl dadurch privilegiert zwischen beiden stehend mit beiden Kontakt zu unterhalten – zeigten dies auch eher als es zu sagen. Oft strichen sie Sachen durch, die man nur kennen und identifizieren konnte, wenn man ihre Interna oder die Interna der Kunst kannte. Sah man ihnen von außen zu, konnte man nur die Genauigkeit erkennen, mit der es gegen etwas, gegen etwas Bestimmtes ging, ohne zu wissen was. Das war sehr eindrucksvoll. Punks sagten an prominenten Stellen, was sie nicht wollten: keine Helden, keine Werte, keine Zukunft. Und an weniger prominenten: keine alten Bewegungen, keine Natur, keine politischen Vorgaben, keine Spießer. Natürlich gibt es noch unendlich viel mehr Äußerungen, die den unterschiedlichsten Status haben: Interview-Äußerung, Songtext (ironisch), Songtext (Manifest) etc. – aber die eben zusammengestellten, sind nicht nur sehr präzise und daher diskutierbar in dem Sinne, daß sie die von ihren Urhebern vermiedene positive Ableitung zulassen, sondern sie waren vor allem auch folgenreich, also viel rezipiert. Es ist interessant, daß sie fast alle nicht so eindeutig gemeint waren, wie sie klingen.
„Keine Helden“ fällt in dem Stranglers-Song „No More Heroes“ und ist oft als zentrale Punk-Äußerung gehandelt worden, auch verlängert zu der noch konkreteren Ablehnung von „Beatles and Rolling Stones“. Doch nicht nur Selbsterklärungen der Songwriter – etwa Hugh Cornwell im Gespräch mit mir –, sondern auch die Liste der fraglichen Helden in diesem Song erklärt, daß dies nicht einfach eine Forderung war, sondern ebenso sehr Ausdruck eines Bedauerns: Leo Trotzki und Sancho Pansa, die der Ich-Erzähler vermißt, waren ja gerade nicht die Helden ihres historischen oder fiktiven Kontextes, sondern jeweils die Nummer zwei. Sie sind selbst schon Anti-Helden. Doch auch sie sind verschwunden – womöglich den Helden geopfert, von den Helden vernichtet. Der Kehrreim „No More Heroes“ läßt die Deutung des Bedauerns ebenso zu wie die der Forderung. Tatsächlich war die Identifizierung mit Helden in der Punk-Kultur zeitweilig viel stärker als in der vorangegangenen Jugend- und Gegenkultur auf Musik-Basis: Gerade weil alle möglichen Regeln und Institutionen kultureller Produktion und Rezeption wie Schallplattenfirmen, große Konzerte, Hitparaden, High-Tech etc. in Frage gestellt waren, und natürlich auch der sichtbare Starkult, etablierten sich Personen als letzte konstante Einheiten der Kultur, als Helden, wurden Einzelne zu völlig überforderten Vertretern der von sonst nichts Materiellem, Fixem und Konstantem mehr zusammengehalten geglaubten Lebensform (Sid Vicious) oder Moral (Joe Strummer). Was eine entsetzliche Kultur der Verräterverfolgung hervorbrachte.
Black Flag erteilen in „No Values“ allen, auch den linken Werten, eine Absage und bekennen sich natürlich doch zu den zwar um einige historische Makel saubereren Werten des Anarchismus, an dem weder die Gulags der Kommunisten, noch die Bürokratie der Sozialdemokratie klebten, die eindeutig aus der moralisch-ethischen Tradition der historischen Linken stammen. Der von Black Flag und anderen, vor allem kalifornischen Bands, noch relativ elaboriert vorgebrachten (und auch zuweilen angezweifelten) Anarchismus-Verehrung, folgten Punks überall in der Welt – bis heute. Die Ableitung der Anarchie aus der Absage an Werte – allen Werten –, der man unter Umständen folgen kann, wenn man die normative Instrumentalisierung von Werten durch Autoritäten mit den Werten selbst gleichsetzt, leuchtete dennoch allgemein ein und verursachte nur denjenigen Schwierigkeiten, die daraus eine dauerhafte Praxis gewinnen wollten, wie Black Flag mit dem SST-Label und viele andere, die als ersten Schritt zu herrschaftsfreien Räumen – klassisches Paradox der Independent-Kultur – eine Firma gründeten.
Aber von diesem oft diskutierten Problem abgesehen, wollte die pro-intensive und Verräter verfolgende Seite der Punk-Kultur ja vor allem ein besonders intimes und intensives Verhältnis zur eigenen Moral und den ihr zugrundeliegenden Werten. Ihre Empfindlichkeit gegenüber jedem möglichen desintensivierenden Medium, zwischen der reinen Moral und dem Verhalten, verweist ja geradezu auf eine Moralversessenheit. Und die so entworfenen Menschentypen konnten gar keine anderen sein als Helden. Die Punk-Geschichte, auch das zeigt sich in Teipels Protokollen, ist voll von Typen, die unter diesem Druck oder unter diesem Widerspruch zusammenbrachen: Organisation der totalen Negation als totalen Terror der Moral. Daß Punks keine Zukunft wollten oder für sich sahen, läßt sich auch nicht wirklich auf die weltberühmte Halbzeile der Sex Pistols bringen, „There is no future in England’s dreaming“ und auch die später im Kehrreim beschlossene Zukunftslosigkeit für dich und mich bezieht sich nur darauf, daß wir in einem monarchisch-verklärten Englandtraum nicht vorgesehen sind, was wir eigentlich auch so wußten. Die aber geläufige und bindende Übersetzung von „No Future“ in der Alltags-Soziofolklore der achtziger Jahre war das Ende der Utopien: Punk war der Bruch mit der – und nennen wir sie beim allgemeinsten Namen: sozialistischen – Utopie; und alle seine frühen Formulierungen, sofern sie nicht zynisch oder rechtsradikal waren, bemühten sich, zu beschreiben, wie man (radikal) links bleiben könne, ohne sich etwas vorzumachen. Deswegen haben wir alle, die damals jung waren, auch nie die Verrenkungen all derjenigen verstanden, die 1989 vom Sozialismus als konkreter Hoffnung Abschied nahmen, weder den Neuigkeitswert, noch die panische Hektik, mit der so viele Achtundsechziger unbedingt auf die andere Seite wollten und meinten, mit der konkreten Utopie auch die Kritik aufgeben zu müssen.
Daher sind auch die drei deutschen unter den oben gegebenen Beispielen der Negation schon konkretisierende Anwendungen des allgemeinen Befunds auf deutsche Verhältnisse: Keine Natur, wie in „Zurück zum Beton“, war gegen die in Gründung befindlichen Grünen gerichtet. Punks wußten schon damals, Natur kann uns nicht retten, wenn wir Gesellschaft aufgeben. Keine alten Bewegungen, das richteten die Fehlfarben ambivalent gegen Achtundsechziger, aber auch gegen die bereits erstarrten Punks und womöglich auch gegen die in der Revival-Warteschlange anstehenden neu entdeckten alten Bewegungen von Mod, Ska und bald vielen anderen. Das folgende „Was heute zählt ist Sauberkeit“, vielleicht die beste Zeile der ganzen deutschen Punk-Kultur, sagt nämlich auch dreierlei:
1.) Sauberkeit ist die repressive Norm der BRD, gegen die sich Punk auch und immer noch genauso richtet wie frühere antirepressive Jugendkulturen.
2.) Sauberkeit als individuelle Integrität ist die einzige Chance, auch politisch gesellschaftlich zu überleben: Die moralische Rigorosität blieb die letzte Möglichkeit, politisch zu bleiben, wenn Organisationen, anerkannte Wahrheiten und Parteilinien nicht in Aussicht waren. Gleichzeitig suchte man sich dafür natürlich ausgerechnet den normativen Druck auf den Einzelnen als Medium aus, für den die auch gerade beklagte Sauberkeit der immer noch herrschenden deutschen Disziplinarkultur steht.
3.) Sauberkeit als Provokation der leeren Spießerfeindlichkeit des Punk. Weil Punk sich so oft auf seinen nach innen gerichteten Moralterror (und dessen logischerweise immer mitgeschlepptes Gegenteil) und eine Ethik der Existenz als sauber verweigernde dauerbesoffene oder anderweitig radikale Person bezog, aber keine externe und allgemeingültig vertretbare (etwa politische, sozialistische) Begründung dafür hatte, brauchte er als Gegner eine Figur, der man etwas anderes als nur politisches oder anderweitig diskutierbares Versagen vorwerfen konnte, nämlich nur noch individuelles, verfehltes Leben: Spießigkeit und Lächerlichkeit. Darin sind sich unendlich viele Lieder einig. Es sollte ja weiterhin um etwas (auch politisch und vor allem moralisch: kein Verräter sein) gehen, das aber gleichzeitig nicht mehr allgemein begründet werden konnte. Konsequenz: Haß ad personam. Schlimmer: Haß auf Verlierer als andere Seite des Hasses auf Verräter. Auch dieses Problem ist in einem Fehlfarben-Song genial vorweggenommen worden, „Gottseidank nicht in England“, in dem die Welt eines Menschen einstürzt, den die Wirklichkeit überholt hat.
Die Theorie hatte sich nun im selben Moment – siehe oben – vom Marxismus verabschiedet (oder besser die deutschen Übersetzungen und die Verlage, die sie veröffentlichten), als Punk das auf seine implizite Art auch tat, aber nun die Intensität der Existenz in einem früheren Sinne als Gegenmittel eingeführt, in einem Sinne, der für genau hinsehende Punks eigentlich als hippiehaft hätte erkannt werden müssen. Daher (und aus vielen anderen Gründen, auf die einzugehen hier nicht der Platz ist) kam es in den folgenden zehn Jahren auch so oft zur Synthese aus Punk-geprägten Lebensläufen mit hippieintensitätsphilosophisch geprägten Ästhetiken (und Praktiken): etwa bei Formen von Industrial, der Musik des 4AD-Label etc. Die bildenden Künstler hatten aber noch ein anderes Material, eine anders codierte Negationsgeschichte: die negative Bezugnahme auf die Geschichte der Avantgarde, die es im popmusikalischen Gedächtnis damals noch nicht gab. Hierbei gab es eben auch eine zentrale Einigkeit, daß die zu verneinende dominante Kunstrichtung die konzeptuelle Kunst der siebziger Jahre sei, aber auch eine fundamentale Uneinigkeit darüber, was genau an der Concept Art zu verneinen sei. Gab es eine Richtung, die das Unsinnlich-Intellektuelle einer zutiefst spießigen, normativen Unmittelbarkeitsideologie folgend ablehnte, so gab es eine andere, für die u. a. Oehlen, Büttner und Kippenberger stehen, die die Abstraktionsleistung der Concept Art gerade erhalten, aber nun nicht auf eine Ästhetik anwenden mochten, die ihre Intellektualität als Darstellungsmodus mitausstellte, sondern die Konzeptualisierbarkeit künstlerischer Arbeit lieber am scheinbar kreatürlichsten Gegenpol konzeptueller Kunst ausprobieren wollte, an der Malerei.
Klartext
Das Problem, das sich im Kontext dieses Ansatzes stellt, ist nun wiederum eines, das die Malerei mit der Pop-Musik der Punk-Zeit gemeinsam hat, die Sehnsucht nach einem nichtmedialen Medium, der Wunsch, aus der Diskussion der Medialität herauszutreten und über eine Art Metaphysik des Klartextes so etwas wie das Kunstwerk selbst in den Griff zu bekommen. So wie Anarchismus eine Werteordnung darstellte, die gleichzeitig als die Ablehnung aller Werte verstanden werden konnte, mußten Medien und künstlerische Mittel her, die eigentlich das nicht mehr waren oder zeigten. Malerei war also nicht gedacht als das Medium, mit dem man sich besonders gut ausdrücken kann, sondern als dasjenige, das in einem von Gegenwartsdiskussionen möglichst unbelasteten und von historischem Ballast möglichst belasteten Sinne für Kunst an sich stehen sollte: Nur so konnte man die intellektuelle Herausforderung der Demystifizierung von Kunst wiederum an Gegenständen durchführen, die auf den ersten Blick sinnlich verdeckten, was intellektuell und konzeptuell in ihnen steckte. Diese (unausgesprochene) Idee korrespondiert mit der Idee des Punk-Rock, mit den berühmten „drei Akkorden“, der simpelsten Songform und mit den traditionellsten musikalischen Strukturen, nicht vom Eigentlichen abzulenken: Anders als in der Kunst war dies nicht unbedingt ein intellektuelles Anliegen, sondern war vielmehr die Energie, die Intensität, die unkorrupte Gemeinschaft, denn genau wie bei den Malern wurde die konventionellste und historisch belastetste Form als besonders geeignet empfunden. Es ist natürlich leicht, einem solchen naiven Antiformalismus vorzuwerfen, daß er in sozusagen reaktionärer Weise glaubt, das Wissen der Avantgarden über Formen und Medien, deren Geschichte und Gesetzmäßigkeiten ignorieren zu können.
Aber das wäre nicht nur falsch, weil es zu leicht ist, sondern weil es übersehen würde, welche ästhetische Entdeckung Punk-Rock und eine bestimmte Malerei in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren auch gemacht haben: Daß man nämlich nur dann Zeichen in neuer Weise einsetzen und auch ausstellen kann, wenn man sie in einem möglichst konventionellen Rahmen agieren läßt. Das zentrale Wissen des Punk-Rock, daß es in Rock- und Pop-Musik eh immer schon einerseits um Attitüden und Haltungen (cool, sprach-analog und anti-intensiv), andererseits (intensiv) um Lärm und Energien, um gegen Noten befreite Töne ging, erforderte eine denkbar einfache und erkennbar nur als Stützkorsett übernommene Form aus der Geschichte der Musik, um seine neuen Entdeckungen kommunizieren zu können. In der Malerei entsprach dem das uneigentliche Arbeiten mit all den immer als eigentlich und malereiimmanent gedachten Elementen der Malerei. Die Arbeit mit Strichen und Auftragsweisen nicht als künstlerisch-ästhetisch begründete Mittel, sondern als Symptome charakterlich und psychologisch, ideologisch und politisch begründeter Lebensformen. Das verstand sich als eine Radikalisierung, nicht als eine Zurücknahme der Erkenntnisse der Concept Art. Man konnte natürlich diese Entscheidung gegen avancierte Form wie gegen mediale Avanciertheit verschiedentlich deuten. Zum einen ging es gegen den Kitsch einer sich selbst genügenden Kunstfertigkeit, gegen das Kunsthandwerk des Progressive Rock und damit gegen den Glauben daran, künstlerische Formen überhaupt noch als unbeschädigte Mittel zum Selbstausdruck einsetzen zu können. Insofern waren auch Punk-Rock und neue Malerei analoge Formale, als sie ihre künstlerischen Mittel nur als beschädigte akzeptieren wollten oder, wie es damals hieß, als „elende“ Mittel – solche die eben immer eine gesellschaftliche Symptomatik noch in den Atomen ihres künstlerischen Sinnes mitschleppten. Zum anderen aber gab es eine Ästhetik des demokratischen Klartextes: Man glaubte durch den Einsatz der einfachsten und zugänglichsten Mittel mit Form und Medium jedes undemokratische Zugangshindernis nicht nur auf Seiten der Rezeption, sondern auch auf der der Produktion aus der Welt geschafft zu haben.
So sehr das für eine gewisse Zeit zutraf und die gewünschten Effekte einer Demokratisierung eintraten (Bands und Label schossen aus dem Boden, viele bis dahin nicht zugelassene Gruppen – darunter die im Rock stets ausgeschlossenen Frauen, aber auch viele musikalisch unausgebildete, eher konzeptuell orientierte Künstler, Arbeiterjugendliche, Intellektuelle – ergriffen das ermächtigende Format des Punk-Rock, und auch einer von traditionellen Zugangshindernissen bereinigten Malerei), so sehr rächten sich langfristig die übersehene und ignorierte Medialität, die Gattungsgesetze, die Tradition. Nur wer mit hoher Aufmerksamkeit diese in ihrem beschädigten „Elend“ bearbeitete, konnte auf lange Sicht seine Arbeit immun halten gegen die Rache des Unbeachteten – das andernfalls nämlich dafür sorgte, daß etliche Maler tatsächlich in einem reaktionären Sinne an die Malerei als unumwunden verfügbares historisches Medium und Genre glaubten. Und dafür, daß die Formen des Punk-Rock von jenem Gegröle und seiner Geschichte überformt wurden und schließlich auch von jenen eingesetzt, die an Grölen wirklich glaubten und in ihm nicht nur einen symptomatischen Lärm der Geschichte hörten, den man als erkennbar kaputte Form paradox zum Sprechen über seine Genese bringen könnte. In der Tradition des Klartextes stand dann auch der Zugang, den die Punk-Generation zur Elektronik fand: Synthesizer wurden auch hier als einfach zu bedienende, geschichtslose oder geschichtsvergessene Nullmedien begehrt, nicht wie in der Hippie-Zeit als ideales Mittel zur Erzeugung „unerhörter“ und neuer Klänge. Insofern waren es gerade die billigen, garantiert klanglich groben und eher funktional als gestimmte Metronome eingesetzten Casio-Keyboards, die die Szene bestimmten. Viel von der Acid-House-Ästhetik von 1988 bezog sich noch einmal auf diese Einfachheit und Reduktion. Aber diese Umwertung des Synthesizers von einer bereichernden zu einer vereinfachenden Maschine, wie sie von den frühen Cabaret Voltaire bis zum Plan, von Human League bis zu DAF zum Tragen kam, brachte auch eine neue konstruktive Ästhetik hervor, die – wie so oft, wenn neue Maschinen zur Verfügung stehen – aus verschiedenen Gründen mit Geschichte nichts mehr zu tun haben wollte (ob aus richtigen oder falschen futuristischen Gründen bleibt hier aus Platzgründen undiskutiert). Und auch nicht über den negativen Kontakt, der sich in Abarbeitung und der Erzeugung von Lärmenergien aus Müll und Scheitern zeigte, der aber auch über Analysen und Erkenntnisse anhand der Gewordenheit des Materials beim Punkrock fruchtbar wurde, wollte sich der elektronische Futurismus mit Geschichte einlassen. Obwohl gerade der historischen Sensibilität des Punk für das Verlorene und Gescheiterte die großen Auseinandersetzungen mit Soul (Dexys Midnight Runners, Scritti Politti) oder Ska, Reggae in der Punk-Generation zu verdanken waren – auf deren Ergebnisse sich dann auch der Synthi-Pop der frühen achtziger Jahre gerne bezog. Doch die Umwidmung des neuen Mittels Synthesizer in ein einfaches und zugängliches und somit in eines, das der Erzeugung sozialer Energie (und nicht künstlerischer Form) in erster Linie dienen soll, hatte auch eine Parallele zumal in der deutschen bildenden Kunst: bei all jenen an Medienkunst interessierten in jener Zeit noch an Akademien aktiven Künstlern und Künstlerinnen, die die Arbeit an und mit Video und anderen sich abzeichnenden elektronischen Medien von der introspektiven und dokumentarischen, erst recht von der visuell ermöglichenden Rolle abziehen und ähnlich den Mitteln des Punk-Rock und des Synthi-Punk zur Erzeugung von Situationen und Aktionen einsetzen wollten. In meinem Hamburger Umfeld waren das Künstlergruppen wie M. Raskin Stichting Ens. oder Minus Delta t, die natürlich Ansätze von Medienkunst und vielen Netzkunstideen ebenfalls aus einer punk-spezifischen Geringschätzung der Autonomie der Mittel und Medien herleiteten und dialektischerweise das ideale neue Medium immer in jenem fanden, das am wenigsten seine Medialität vor die Wahrnehmbarkeit und Mobilisierbarkeit sozialer Energien schob. Genau diesen Effekt kann man mit genauso gutem Recht (und dem freundlichen Nicken Walter Benjamins) allerdings gerade auch dem abgemeldeten alten Medium zuschreiben. Intensitäten werden weiterhin gegen Repräsentationen zu mobilisieren sein. Und immer wieder wird man sich fragen, was man dann gegen die Repräsentation der Intensität mobilisieren soll. Dies wird dann weiter ein guter Grund bleiben, die Intensität zu unterbrechen, und der zweite ist der, daß die Freude des Asozialen immer wieder rechts landet, wenn sich der linke Kontext sozial verbraucht hat. Diese Unterbrechungen, Rekonstruktionen und Transgressionen der parallelen, aber nur begrenzt gegeneinander freundlichen Projekte der Emanzipation und der Repräsentationskritik haben in Punk einen historischen Focus, einen Knotenpunkt gefunden, an dem man ihre Gesetzmäßigkeiten gut beschreiben kann. Dessen Brisanz besteht darin, daß Punk – unter anderen, weitgehend depolitisierten Rahmenbedingungen – noch immer das Bild für die größte Macht darstellt, die radikale kulturelle Selbstermächtigungen in den letzten Jahrzehnten erobern konnten. Und für die Gefahren dieser Macht.