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  • Madonna: Arbeit ist Wahrheit

    Diedrich Diederichsen über Pop und Prostitution

    Madonna hat sich mehr misogynen Müll von Männern und ihren Magazinen anhören müssen als Marilyn Monroe, Marlene Dietrich und Mae West – einige ihrer Vorbilder – zusammen. Und zur modernen Misogynie, zur Frauenfeindlichkeit der aufgeklärten Art, gehören die scheinheiligen schlechten Zensuren für die mangelnde Emanzipiertheit des Opfers: „Repräsentant der Restauration“, „verklärtes Frauenbild“, „Hausfrauensex“ und so weiter.

    Männer konsumieren Bilder sogenannter starker Frauen grundsätzlich nur dann mit Genuß, wenn in ihrem Mythos eine Bestrafung für die Stärke miteingebaut ist. Der Fall der Göttin, ihr tragisches Scheitern ist Bestandteil aller männlichen Frauenkulte, von Maria Callas bis Tina Turner. Egal ob die Bestrafung in einem pittoresken Drogentod, im ständigen Ausstellenmüssen der Wunden früher eingesteckter Schläge oder einfach in einem öffentlichen Unglück besteht, verursacht durch dieselbe „Leidenschaft“, dieselben „starken Triebe“, die zwar die Karriere ermöglicht haben, aber, so der Mythos, unweigerlich am Ende Kontrolle über seine Protagonisten gewinnen und sie niederstrecken: Einsamkeit, Alzheimer oder Alkohol.

    Diese einzelnen Mythen leben symbiotisch mit einer von Industrie, Konsumenten und Kommentatoren gleichermaßen zäh geglaubten Ideologie, die das Gesetz verhängt, das von Frauen als Stars „Authentizität“ verlangt: die Aufgabe der Distanz zwischen Darsteller und Dargestelltem. Und das, was von Mick Jagger oder Prince längst kein postmoderner Mensch mehr verlangt, höchstens noch ein paar DDR-Bürger von Joe Cocker, hat sein Modell natürlich in dem Authentizitätskultus der Pornographie („Cum-Shots“).

    Madonna hingegen hat stets die Distanz zwischen ihren Mythen und der sie erfindenden Person betont. So sehr, daß die Nichtidentität zwischen Show und Wirklichkeit wieder in einem Maße zu ihrem Inhalt wurde, daß dabei eine neue Identität herauskam. Nun allerdings nicht mehr zwischen einem reaktionären Mythos und seinem Opfer, sondern zwischen einer erkämpften, neuen Position und ihrer Autorin. Ihre Domäne: die überprüfbare, echte Arbeit am überprüfbar Unechten.

    Sie ließ das Publikum Anteil nehmen, als sie den überlieferten Diva-Baukasten auspackte, etwa beim Erwählen und später Verstoßen eines Prinzgemahls, des sympathischen Schauspieler-Darstellers Sean Penn. Lud fast zu Wetten ein, welches gut abgehangene, von ihren Mädchen-Obsessionen umgedichtete Hollywood-Klischee, welche aus der Computer- oder Robinson-Club-Werbung abgestaubte Bildwelt ihr nächster Spielplatz werden würde. Nur wer sich böswillig blöd stellt, kann das „Express Yourself“-Video als Bekenntnis zum Masochismus lesen.

    Einen der ersten Artikel über Madonna in deutscher Sprache schrieb Lothar Gorris unter dem Titel „Uns leuchtet ein Stern“ für Spex im November 1983. Madonna ist da noch ein weißes Underground-Mädchen, das ungewöhnlicherweise über schwarze Musik und durch die Unterstützung schwarzer Radio-DJs einen mittelüberraschenden Club-Hit landet. Im selben Sommer hörte ich in New York ihr „Holiday“, das noch vor der ersten LP erschien. Das war eines der besten Disco-Stücke aller Zeiten, uplifting, utopisch, unwirklich – erlebt im Kontext der „Paradise Garage“-Mode.

    Die „Garage“ war eine West-Side-Diskothek, deren DJs aus endlos verflochtenen Peech-Boys- und S.O.S.-Band-Remixen einen einheitlichen, euphorisierenden Sound mischten, der keine einzelnen Songs mehr erkennen ließ, und heute als Vorläufer des „House“-Sounds gilt: billiger, kräftiger, klarer Soul, dessen Produktion moderner und einfacher war als alle mitteleuropäische Computermusik.

    Aus dieser Ursuppe tiefen, heißen Trashs klingt Madonnas Hymne an den einen Tag, den man sich vom Leben frei nimmt, wie die Nahtstelle zu den amerikanischen Massen im Tageslicht, klang wie der Morgen auf der Dachterrasse des „Garage“, wo schöne, schwarze Schwule zum Sonnenaufgang mit Orangensaft relaxten. Ihr als „mickrige Piepsstimme“ denunziertes, billig-energisches Girl-Group-Organ war wie die erste Antwort der anderen, draußen auf den Straßen, an die Schönheiten der im Dunkeln blühenden Dance-Kultur.

    Daß „Trash“, der einzige wirklich die achtziger Jahre bestimmende Zug der Kulturgeschichte, auch Massenkultur wurde, hängt direkt mit Madonnas Erfolg zusammen. Trash heißt, daß die Nähte und Nieten, die einen Song, einen Film zusammenhalten, die aus armseligen Produktionsbedingungen, Eile, Ungeduld, Trendhinterherrennerei entstandenen Mängel, absichtlich oder unabsichtlich, zur Schau gestellt, vor allem aber genossen werden. Genossen als unauslöschliche, unrelativierbare Spuren wirklicher Arbeit und wirklicher Verhältnisse (nicht als die große gefälschte, augenzwinkernde teure Billigkeit, die heute Mainstream-Mode ist). Und dafür erwiesen sich oft sehr billige, sehr japanische, sehr computerisierte Technologien als die besseren Speicher als die konventionellen Mittel des individuellen Ausdrucks, der sich nicht eingesteht, Arbeit zu sein.

    In Madonnas Karriere floß zwar schon bald das Geld, das andere Produktionsbedingungen zuließ, und half den Verfall der musikalischen Seite ihrer Platten zu Ami-Mainstream zu finanzieren, aber daß Madonna eine Underground-Figur war, aus der Mitte der New Yorker No-Wave-Szene der frühen Achtziger aufgestiegen, wurde dort nie vergessen. Madonna blieb eine vielinterpretierte und bearbeitete Erscheinung, deren Erfolg nicht, wie in den meisten vergleichbaren Fällen, im Underground als Verrat denunziert wurde.

    Diesen Respekt erkämpfte sie sich damit, daß sie eines der Hauptanliegen der Achtziger-Jahre-Undergroundmusik, das Offenlegen von Entstehungsbedingungen, die aktive Kritik der Kulturindustrie mehr oder weniger offen zu ihrer Methode machte – nicht als esoterisches Schmollen, sondern als Entwickeln von Alternativen einerseits, und als wie auch immer geartetes, sich „subversiv“ verstehendes Arbeiten mit der Industrie andererseits. Wobei Madonna nie einen Zweifel daran ließ, daß die Verhältnisse nicht sauber sind, in denen ihr Aufstieg stattfindet: Desperately seeking richtiges Leben im Falschen.

    Das hat ihr wiederum vom britischen Underground-Star der Achtziger, dem ehemaligen Smiths-Sänger Morrissey, den Vorwurf eingetragen, sie propagiere Prostitution. Seltsam, so was aus dem Munde dieses profilierten Oscar-Wilde-Kenners zu hören. Erst Madonnas Triumphe, in offen als falsch kenntlich gemachten Verhältnissen, brachten nicht nur die Kosten auf den Punkt, sondern erlaubten auch, die Chancen von unvorhergesehener Souveränität im Zeitalter der totalen Industrialisierung von Pop zu diskutieren. Im Massen-Pop-Bereich, der ansonsten wie ein einziges kostenloses „Pornotopia“ funktioniert, führte Madonna symbolisch die Bezahlung ein. Und damit die Anerkennung der entfremdeten Arbeit als entfremdete Arbeit anstelle ihrer bisherigen Verklärung zu kostenlosen, frei verfügbaren Liebesdiensten. In dem Sinne, daß eine Prostituierte mitunter besser dran ist als die legal umsonst vergewaltigte Ehefrau.

    Das einzige Ziel von Trash muß schnelles, exhibitionistisch ausgegebenes Geld sein, das sich zu den Geldverklärungen, Ruhm, Glück, Message und Regenwaldrodungsverhinderung verhält, wie „Hausfrauensex“, Prostitution und Kicks sich zu Kultur, Kulturindustrie und Politikersätzen verhalten.

    Aber statt dessen sammelt sie inkonsequent und sentimental Kunst: den Kitsch von David Salle und die feministische Heldin Frida Kahlo, die so übermenschlich stark unmenschlich grauenhafte Rückenschmerzen und einen tyrannischen Ehemann (den berühmten Diego Rivera) ausgehalten hat und dennoch eine weltberühmte Surrealistin wurde. Bei Madonnas letzter Bühnenshow überraschte die völlig bizarr überquellende Rückenmuskulatur. Die Angst, daß das Kreuz nicht hält. Die Kreuze, die sie zu Beginn ihrer Karriere zur Weltmode gemacht hat: Bei diesen rührenden, katholischen Kreuzschmerzen endet der souveräne Tanz auf den demaskierten Verhältnissen. Der ohne Inkonsequenzen, aber eben nur eine weitere wertlose Versuchsanordnung wäre, wie sie selbsternannte Pop-Konzept-Künstler à la Malcolm McLaren immer wieder erfolglos im Laufe der Achtziger versucht haben.

    Die achtziger Jahre sind aber vorbei. Der Inhalt von Madonnas Arbeit, niemals die Distanz zwischen Symbol und Realem aufzugeben, da das Reale immer mehr ist als jede Symbolisierung und dieses Verhältnis die Voraussetzung der Begierde, ist nicht nur in ihren neuesten Produkten (nur eines ist schlimmer als ein „nostalgischer“ Film: „nostalgische“ Musik) kaum noch zu spüren. Als verbindliche Pop-Aussage hat diese Formel abgedankt. Die immer mehr Einzelnen zugänglichen „Selbstverwirklichungs“-Technologien haben zu einer total ausdifferenzierten Underground-Kultur einerseits und Dancefloor-Kultur andererseits geführt, die keine übergeordneten Pop-Mythen (nur gebrochen, von der Peripherie her, wie etwa Hip-Hop) mehr zuzulassen scheinen. Große Verfeinerung und elektronische Einsamkeit bestimmen die Lage.

    Der letzte mögliche, fortschrittliche Pop-Mythos war der von den durchschauten, auf Distanz gehaltenen, beherrschbar falschen Verhältnissen, dem Lachen und Tanzen auf dem Groove des Falschen, das etwas Richtiges, Souveränes, Wirkliches abwirft. Sinéad O’Connors „echte“ Tränen vor der Videokamera und die darüber entflammte falsche Berührtheit abgewichster Journalisten weisen auf eine Restauration alter Pop-Frauen-Rollen hin. Warum auch sollte die Wiederherstellung von Vorkriegsverhältnissen in der wirklichen Welt enden?

  • Platte des Monats: Vom Ende der Wahrheit

    Verschiedene: Techno 2 – The Next Generation; 10 Records/Virgin

    House-Musik gilt in linken und alternativen Kreisen als menschenfeindliche Maschinenmusik. 

    Zwei naive Vorstellungen existieren über die Beziehung von Popmusik zu technologischem Fortschritt, die im Prinzip jede Rede über diesen Zusammenhang regeln. Die eine erwartet von der Popmusik ein ständiges Arbeiten auf dem Stand der Technologie, ein progressives Aufderhöhederzeitsein, eine – gerne auch als „subversiv“ und „Entreißen“ empfundene – Vertrautheit mit den neuesten Generationen von – mittlerweile – digitalen Klangerzeugern und -speichern. Was in den 50ern die E-Gitarre des urbanen R’n’B, seien in den 60ern das Mehrspur-Studio, Wah-Wah, Verzerrer und in den 70ern Kraftwerk gewesen, in den 80ern mußte es der Emulator sein, heute Sampling und der obligatorische Atari, in den Musikzimmern noch der am beiläufigsten und hobbymäßigst Musizierenden.

    Die andere Vorstellung geriert sich humanistisch: Nur in auf den Körper der Menschen, ihre Finger, Armspannweiten, Lippen und Gesichtsmuskulatur zugeschnittenen Instrumenten könne Musik dem Maß aller Dinge, Mensch, entsprechend zum Ausdruck kommen. In synthetischen Beats hingegen hören wir eine inhumane Präzision, die Vorbereitung auf die Reaktionszeiten der nächsten Weltkriege, eine Verarmung der klanglichen Möglichkeiten auf die der Klaviertastatur, mit der nämlich die meisten Musikcomputer, Sampler etc. arbeiten, die Einübung eines robotermäßigen Funktionierens in Arbeit, Leben, Schule, Knast und NATO.

    Am zweiten Techno-Sampler aus Chicago läßt sich der wirkliche, aktuelle Stand des angesprochenen Zusammenhangs gut darstellen. Zum einen muß man unterscheiden zwischen dem offensichtlichen, bedeutenden Umgang mit einer Technologie, und dem stillen, unauffälligen. Seit es Popmusik gibt, setzt die innovative, dem Underground oder der wirklichen Welt verbundene Fraktion ihre Mittel immer bedeutend ein, sie lassen den Zuhörer nie darüber im Unklaren, daß und was sie benutzen, während die regressive Seite ihre Mittel immer verschleiert. Im Mainstream- und Stadion-Rock unserer Tage wird exzessiv von der Technologie des Sampling Gebrauch gemacht (einer Art Klangfotografie, die kürzeste Einheiten von Musik aufnimmt, die dann, von dem Klang ausgehend, an der Pianotastatur des Computer im Prinzip so gespielt werden kann wie das Originalinstrument, mit der Originalklangfarbe eines historischen Instrumentalisten: So werden berühmte Drumbreaks, etwa von John Bonham, immer wieder als Ausgangsmaterial für das Schlagzeug einer ganzen LP benutzt etc.), aber stets so, als wäre alles „authentisch“ eingespielt worden (sowohl in der Propaganda, wie auch im Klang selbst, der sich nie als etwas anderes als konventionelle Bandmusik ausgibt). Underground-Musiker/Bewegungen sind traditionell stolz auf die Eigenheiten ihrer Geräte.

    Zweitens müssen wir unterscheiden zwischen dem sozial und geschichtlich unvorhergesehenen Einsatz und dem „eingeplanten“, der Rolle, die die entsprechende Technologie sonst spielt, dem Unterschied zwischen aktuellen „Macht“medien, gerade abgelösten „Macht“medien und solchen, die als zukünftige schon mal ausprobiert werden sollen. Hier bietet die Geschichte des Hip-Hop natürlich endlos viele Beispiele. Man kann aber grundsätzlich sagen, daß es der Musik derjenigen, die in ihrem ganzen Lebenszusammenhang nahe an der Verfügbarkeit neuer Technologien siedeln, immer ebenso gut gestanden hat, auf diese zu verzichten, wie der an der Peripherie der ersten Welt entstehenden Musik, exzessiv davon Gebrauch zu machen (unter anderem auch, weil noch jede Dritte-Welt- oder „exotische“ Musik, die sich auf ihre traditionellen Instrumente verlassen hat, am nicht einkalkulierten ethnologisch-ferntouristisch-kolonialistischen Blick der sie rezipierenden Zentren eingegangen ist; aber auch jene Musik, die aus den Zentren kommt, die sich mit den ja wirklich schon für ganz andere Verwaltungsaufgaben vorgesehenen Maschinenparks arrangiert oder sich in die Idylle der technologischen Ignoranz flüchtet, hat genau keinen Wert – es hat sich hier, in Mitteleuropa und den heileren Großstädten der USA, eine Kultur entwickelt, die mit den jeweils gerade überholten und soeben entmachteten „zweitneuesten“ Technologien/Medien die wahrsten Ergebnisse erzielt: Hardcore, Post-Punk. Schließlich muß man an die objektiv enthierarchisierende Funktion erinnern: je neuere Geräte sind meist desto leichter zu bedienen und desto erschwinglicher. Auf sie ostentativ zu verzichten und darauf eine Ideologie zu errichten, hat also auch etwas ausgesprochen Dünkelhaftes).

    Der Einsatz von digitalen Synthesizern, Emulatoren und Sampling blendet andrerseits tatsächlich bestimmte grundsätzliche und nicht nur strategisch und punktuell wichtige Möglichkeiten von Underground-Musik aus: zum einen „Arbeitsspuren“, also alle ziemlich wichtigen Formen von Raumklang, Studio„atmosphäre“, unwillkürliche Geräusche etc.; zum anderen jedes Zusammenspielen, etwa die Kollektivimprovisation, wie sie die Undergroundmusik vom Jazz anfangs der 70er Jahre in einer wechselvollen Geschichte übernommen und mit unterschiedlichen Ergebnissen eingesetzt hat. Bei letzterem gilt allerdings überraschenderweise, daß diese Form immer dann neue Blütezeiten erlebte, wenn sich ein technologischer Sprung bei dem weltzugewandten Teil der Musik durchgesetzt hat. Vereinfacht gesagt: In dem Moment, in dem eine Funktion der sogenannten „handgemachten“ Musik technisch ersetzbar wurde, konnte der Musiker, der bis dahin diese Funktion bekleidete, mit seiner Zeit etwas Anderes und Neues anstellen. Die Blüte kalifornischer Improvisations-Rock-Musik und ihr Übergreifen auf die Post-Punk-Szene in den Jahren 87, 88 hat viel damit zu tun, daß die heavy beats inzwischen beim Hip-Hop viel intensiver aus den Samplinggeräten kamen und die Beatfunktion plötzlich andere Aufgaben übernehmen konnte. Arbeitslosigkeit als Freiheit, in dem Sinne, in dem die Malerei abstrakt werden konnte, weil sie von der Weltrepräsentation entbunden wurde. Aber auch die Arbeitsspuren, die kleinen signifikanten Geräusche, die den Reiz des Sounds, einen Studiostil ausmachen, kamen auf einer anderen Ebene zurück: Gesamplete Funk- und 70ies-Passagen auf Hip-Hop-Platten waren immer weniger nur als musikalische Funktionsträger im sich musikalisch erweiternden Genre Hip-Hop wichtig, sondern wurden immer häufiger aus genau dem Grund gesamplet, weil sie mit einer bestimmten bezeichnenden Patina versehen waren: dem bis dahin von Poptheoretikern als „unwillkürlich“ verklärten Charme des Geräuschs. Die idealisierte Unzulänglichkeit wurde kontrollierbar, emanzipiert zum nicht nur noch Genießern zugänglichen, allgemein deutlich aussagefähigen Element.

    Die Geschichte des Einsatzes neuer und neuester Gerätschaften ist eine alles andere als lineare, und sie ist nur zu verstehen, wenn man sich klar macht, daß kein Geräusch als neueres, passenderes, erregenderes und noch nicht von deren Welt codiertes Geräusch verstanden wird, wenn nicht unterground-intern vereinbart worden wäre, es so zu verstehen. Wenn Kraftwerk als Erste reine Synthesizer-Musik populär machten, blieben sie damit lange ziemlich allein (umgeben nur von den eskapistischen Meditationsstimmungen früherer, vorwiegend deutscher Analog-Synthesizer-Bands). Sieht man vom um konventionelle Songs gebauten, britischen Synthi-Pop der frühen 80er Jahre ab, waren es fünf Jahre nach Kraftwerks wichtigen Platten ausgerechnet die im internationalen und stilistischen Gattungsgeflecht am weitesten entfernten Hip-Hop-DJs wie Afrika Bambaataa, die auf „Trans-Europe Express“ eine völlig neue Tanzmusik aufbauten. Während in den frühen 80ern der innovativste Umgang mit Synthis in Europa von den sogenannten Industrial-Musikern, in weitgehend atonalen Geräuschkompositionen, gepflegt wurde, entwickelte sich ausgerechnet aus dieser, äußerst offenen Musik in der zweiten Hälfte der 80er die extrem stumpfsinnige, in Belgien und Frankfurt so erfolgreiche, unelegante und vielleicht sogar wirklich alle Vorurteile des Rockism bestätigende, als „Electronic Body Music“ lancierte Sequencer-Tanzmusik, während um 86/87 in Chicago House aufkam, die Musik, die erstmals bewies, daß digitale Rhythmen swingen können.

    Die mittlerweile weltweit bis zum Überdruß verbreiteten House-Standards gebaren verschiedene Subrichtungen, in England immer mit großen, kurzfristigen Club-Culture-Bewegungen verbunden. In Chicago entstand stattdessen, nachdem man zuvor die Patterns für die vielleicht erste völlig anonyme und weitgehend atonale Massenmusik der Geschichte (Acid House) an Großbritannien geliefert hatte, vor gut einem Jahr aus House Techno. Heute ist Techno etwas außer Mode, steht nicht im Mittelpunkt des Tanz-Geschehens, bietet dafür aber die Gelegenheit, die musikalischen Entwicklungen, unabhängig von ihren Codierungen in einem Underground (der sie im Falle dieses zweiten Techno-Samplers auch bald wieder erreichen wird), daraufhin zu befragen, was sie wirklich an klanglich neuen Möglichkeiten für die reine elektronische Tanz- und Undergroundmusik erschlossen haben. Die ewige Rede der unendlich vielen Möglichkeiten der Computer auf die Ergebnisse einer Musik hin zu überprüfen, die ja nicht völlig frei ist, sondern eine vorgegebene Aufgabe zu erfüllen hat (Dance!).

    Das Ergebnis ist allerdings brillianter und radikaler als das meiste aus England, wo diverse Abarten von House den Standard-Sound fast aller zeitgenössischen Popmusik bilden. Die dunklen, jedes Soundsystem zur Erschütterung bringenden Baßschleifen von KGBs „Stark“ wirken eher wie die zeitgenössischen Entsprechungen zur avanciertesten, Technologien „uneingeplant“, nicht im Sinne der Gebrauchsanweisung einsetzenden Musik der 70er, dem instrumentalen Dub (-Reggae). Wie dort wurde hier aus der Notwendigkeit, die noch effektivere Tanzmusik zu schaffen, gegen die Konkurrenz der zunehmend von internationalen Konzernen aufgekauften Sänger und ihren mit State-of-the-Art/Mainstream-Studiotechnik aufgemotzten Produktionen en passant ein neuer Stil mit eigenen Gesetzen etabliert.

    Das bedeutet unter anderem auch, daß zum ersten Mal die „neuen Möglichkeiten“ sich auch als so etwas wie eine „neue“ Tonalität vorstellen. Die nicht rhythmisch funktionalisierten, also an dem Ort der Melodie wohnenden Spuren dieser Stücke, sind weder tonal noch atonal. Hier werden unendlich viele „fraktale“ Töne „zwischen“ den Noten abgerufen, um aber nicht in einem unendlichen Chaos von Kombinationsmöglichkeiten unterzugehen, sondern sich neue Gesetze von Fall zu Fall zu schaffen, die dem Zuhörer so schnell einleuchten wie sie sich der musikologischen Klassifizierung noch entziehen. Was man hier hört, ist die Bewältigung des Phänomens des „komischen Geräuschs“, jener von Fans immer wieder fetischisierten, oben erwähnten Beiläufigkeit, die früher immer ein Zufallsergebnis, ein Nebenprodukt, aber auch die Adresse einer populären Musik war, der Ort, wo man sie erreichen und von wo aus man sie mit der Underground-nötigen Codierung versehen konnte. Beim Hip-Hop wurde dieser Aspekt durch die inflationär eingesetzten historischen Samples kontrollierbar, im cleaneren, an ‚Spuren‘ nicht so interessanten House, eben besonders bei diesen hier neue Marksteine setzenden Techno-Spielarten, ist es die Fertigkeit, „komische“, also willkürliche, aber wiedererkennbare, „sinnvoll“ wirkende Geräusche und Geräuschkombinationen kontrolliert selber herzustellen. Das Glück, daß die Fülle von Realisierungen solcher sofort einleuchtenden Geräusch„melodien“ hervorruft, trägt natürlich gleichzeitig das Wissen von dem Ende einer der letzten Möglichkeiten der Aufzeichnung unwillkürlicher, „objektiver“ Töne, und damit von Geschichte und Wahrheit in der populären Musik in sich. Das Ende einer Musik, die nur durch die Absprachen derer, die sie hörten, Bedeutung hat. Jetzt ist der letzte unmanipulierbare Bereich, auf den sich solche Festlegungen und Absprachen beziehen können, handhabbar geworden. Freilich nur, um in absehbarer Zeit die Entdeckung anderer Parameter von Musik zu ermöglichen.

  • For What? For Whom? Jörg Immendorff, Painting and Politics

    “I dreamed of having my name in the papers, of having lots of exhibitions, and of course I wanted to do something ‘new’ in art. Egoism was my guide.” (Jörg Immendorff: Das tun, was zu tun ist, 1973)

    These fine words, apart from their tone of maudlin self-reproach, can still apply to Immendorff today. His choice of the political party and the kind of art that would best “serve the people” was never in conflict with his desire to “be in the papers”.

    In the early 70s, Immendorff was immersing himself in the ideological, programmatic and cleansing purgatory of the Maoist League Against Imperialism. It is the aims and strategies of this group, along with its inevitable dramatic schisms, which he so finely portrays in Das tun, was zu tun ist (To Do What Is To Be Done).

    When I encountered Immendorff’s work a few years on, it reminded me of the legacy I had buried since the age of sixteen when I left the Maoist League, under the influence of Godard’s cosy dictum “one shouldn’t make political films, one should make films political”. The legacy can be expressed as an awareness of the unavoidable embarrassment of content, and of partisanship, the awkwardness of (political) content with its unavoidable moral presumption, and the necessity of moral presumption in a situation where all other authorities have failed. The awkwardness of content unsettles one’s ease in adolescence, and later on increasingly challenges one’s own sense of validity and the validity of one’s art.

    Only an artist could communicate this disturbance – though not one of those ideologically “right-thinking” artists, who were probably closer to the party line than the trivial agit-prop painter Immendorff. Their thoughts were too simple for me, as all thoughts on art are too simple when compared with the intellectual possibilities of their realisation in an image. In Das tun, was zu tun ist, and also in the furniture exhibition “Position/Situation”, Immendorff showed me how “political correctness” can be more exacting than just “right-thinking” – that it lies not only in subjecting oneself and one’s art to infinitely laborious, funny and above all painful procedures, but also in exposing those procedures and constantly evolving new ones: working egoism into an endless self-criticism. When you get what you want, there is either something lacking or everything is distorted out of recognition. In culture, desires or demands are seen to be independent of power and production. It is this separation which demarcates culture as such. All demands made in the field of culture are fulfilled these days with increasing velocity, but always in a self-defeating way. Parents give the wrong records, toy cars of the wrong brand, art schools and ideas abound, but in the wrong places, with the wrong people.

    The realm of political demands, expressed within culture and on a cultural level, is a classic example of the distorted idea-desire-fulfillment curve: demands are always met completely, but in a way which entirely severs them from the political reality they originally addressed. From democracy to the equality of women, all demands are seen to be realised, but only among artists. The results most frequently evinced by this concept of political art are such phenomena as token women in exhibitions and democratically organised groups of artists – the opposite of what was being demanded in the first place.

    The fact that the things that one fights for are actually achieved, but precisely reversed, is the eternal misfortune and the eternal error of protest art, and the eternal tragedy of “political” culture in general. But it is, in some sense, an obsolete tragedy. In future the tasks of culture will no longer be evaluation of morality, the apportioning of guilt and praise, but instead the distillation of pure and ever stronger stimulants, the primary material of the leisure industry.

    Art was never in competition with reality, but rather lived close to it and fed on its most exciting and advanced areas. Art is a parasite, attached to the most advanced, distinct, beautiful and characteristic products of false relations. But its proximity to those products does not raise the question of whether it can thereby have a correct content, but of how any content is arrived at, how a basically non-political (purely artistic) self-interrogation can lead to an (inevitably political) field of content. Neither Immendorff’s contemporaries, nor Immendorff himself, came close to making such painful demands on art as did the members of the Maoist League, who even saw Immendorff’s portraits of the classic figures of Marxism/Leninism as somewhat slanted.

    The pursuit of content, and of the most “correct” content possible, leads the visual artist, and particularly the painter, to the extreme limits of his competence, where it is jeopardised by what it cannot do or be. This would expose Immendorff to question the very fact of painting, in a way more extreme than anything thrown up by art history since the advent of cinema, Duchamp and Dada, which has aimed at overcoming painting entirely. There will always be a dialogue between Immendorff the painter and the Immendorff who started out with the dictum, “Stop painting”.

    “Can you change anything with it?” asks Elvis, pointing to an Italian sports car, picking up a mariachi trumpet and finally Woody Guthrie’s guitar. Jeff Koons stands up and tells him that the mariachi trumpet, the sports car and Woody Guthrie’s guitar are precisely what the world is. Tattooed on the forearm of W. Axl Rose. Today the question is less whether culture can change the world than whether the world still has a chance of getting noticed through the maze of culture that has engulfed it. Faced with this situation in most of the media-saturated countries, and the continuing tendency of media and culture to spark off revolutions in places outside their domain, Immendorff’s questions, “For What? For Whom?” (in Das tun, was zu tun ist) seem antediluvian. They are in the spirit of Mao’s speeches and ideas in Yenan, still tied to the belief in art’s transformative potential, based on insight and benevolence.

    The most beautiful paintings are those that also say something about the artist, which appear superficially to be against the thread of his intended meaning and only secondly and thirdly in line with his intentions. Immendorff’s later paintings, such as his champagne-drinking scenes with Duchamp and other classic artists, or his portraits of the Galerie Werner and its milieu of curators, collectors, critics and friends, address the way in which the world is transformed using “a simple paintbrush (0.70 DM)”, “a wooden frame with a canvas stretched across it” (it is here that the artist’s idea is given form), and normal housepaint. In these paintings, through these paintings, capital moves around, people are magnetically attracted and bound together, and manifestos performed on the unsteady stage of interpersonal and hierarchical relations are turned by those very relations into solid facts of economic power. The Maoist understanding of how to use cultural campaigns in support of the State is finally mobilised to represent the way in which the production of art today both stabilises and moves Capitalism, as a power-political interplay between money and ideas.

    In his later paintings, Immendorff has kept to the correct political questions, but the felt prohibition on painting no longer derives from political morality or conflicting peer group pressures: it derives rather from impotence in the face of the institutionalised affirmation of painting, enabling it to express only the magnificence of depicting its own pointlessness, brokenness and commodification. One way of expressing this impotence is by the use of a figuration which totally reduces objects to a symbolic function, and thus can harmonise self-reflexive irony with the old committment. Only when the attitude of the artist towards what he depicts is clear can the style of painting become apparent, and not if the attitude leaves the content hanging, as in Richter’s Baader-Meinhof paintings.

    For What? For Whom? It has become impossible for the successful painter in his 40s to express solidarity with the struggling peoples of the world, however strongly he may feel it. World affairs have not in some way become post-political: the life-cycle of the painter has changed, demanding a new approach. If one has decided in favour of painting at some point, it is necessary to go on developing as a painter. The artist’s means of production have greatly evolved – doing justice to these means of production does not mean experimenting with computers, but at least being familiar with the life-style that is possible for artists today. For at the very point where they are most closely related to power, the arts can develop a range of different functions, opening up unconquered areas attached to ideas and languages which cannot exist elsewhere.

    Art sticks to power and is also furthest from power, further from the people than any other medium and thus furthest from the ravages of power, which occur among the people (and which also consist in barricading away the people’s efforts for self-realisation – the very thing art desires for the artist). It is thus also free to make contact with its own most recent, correct and uncoded energies: the energies from which, in Mao’s words, “the correct ideas of the people emerge”. If the visual arts create an awareness of this condition of their existence that is not exhausted in the resentment and emotionalism that we all know, but leaves the contradiction on display as a massive joke, that’s something.

  • David Sardy – Mastertape oder Leben

    David Sardy lebt und arbeitet als einsames weißes Wesen neben der schrecklichsten U-Bahn-Station der Welt. Da können komische Effekte nicht ausbleiben.

    Mann, David Sardy hat wirklich schon ’ne Menge erlebt. Mit 14 spielte er in der NY-Hardcore-Band Squirm. Seitdem hat er Musik studiert, wurde professioneller Engineer und entdeckte für sich den Blues und Hip-Hop. Seine Band Barkmarket hat gerade ihre zweite LP herausgebracht – The Easy Listening Record -, und da hat er „Pink Stainless Steel“ von der alten Red Crayola gecovert, das letzte Mal war es „Ready For War“ von John Cale. Ein guter Geschmack also. Will man seiner LP das größtmögliche Kompliment machen, sagt man, sie klänge wie eine Mischung aus Beefheart und Hip-Hop (und das ist gar nicht so wahnsinnig falsch).

    „Ich glaube, daß Captain Beefheart wirklich der Größte überhaupt in der gesamten Geschichte der populären Musik ist, er wäre einer von zweien, von denen ich mich anstellen ließe, aber ich könnte das Zeug natürlich nie spielen.“ Dafür legt er bei allen Barkmarket-Platten hörbar großen Wert auf die Produktion, versucht den Nivellierungen durch neue Studiotechnologien so weit wie möglich entgegenzuwirken, Mikrophone so oft und oft genug für komische Effekte einzusetzen wie möglich. Daneben Samples. Einmal hat er für Public Enemy als Engineer gearbeitet, bei einem Gig in Chicago: „Man merkte die Spannung in der Band, daß sie sich bald auflösen würde. Immer hieß es, die Kirche wird dieses, die Kirche wird jenes nicht gut finden. Ich meine, Propaganda kann eine gute Sache sein, aber die sind eindeutig Opfer ihrer Propaganda, auch wenn ihre Musik die beste der Welt ist. Die Show war dann direkt neben der Kirche der Nation of Islam, und das ganze Publikum war voll mit diesen N.O.I.-Aktivisten, kein sehr angenehmer Ort für einen Weißen. Ich bin die unrassistischste Person der Welt, aber man wird halt immer wieder draufgestoßen.“ Vor allem, wenn man, wie David, in Bedford-Stuyvesant wohnt, als einziger Weißer in einem Radius von ein paar Kilometern. Schießereien sind an der Tagesordnung, auch an dem Tag, als er mit dem Masterband vor der Haustür stand und nicht wußte, ob er erst sein Leben oder seine LP in Sicherheit bringen sollte. „Leider hab ich kaum Kontakt mit meinen Nachbarn, was auch mit meinem Lebensstil zusammenhängt, aber unsere U-Bahn-Station hat die höchste Mordquote der Welt. Ich treffe nur Downtown auf Jazz-Sessions immer wieder Musiker, von denen sich dann herausstellt, daß sie bei mir um die Ecke wohnen.“ Zu seinen Jazz-Connections gehört ein enger Kontakt zu Marc Ribot, mit dem er oft in dessen Band spielt und der umgekehrt bei der letzten Barkmarket ausgeholfen hat, wie auch seine Schwester, Fall-Keyboarderin Marcia Schofield, und der in Köln lebende Künstler und gelegentliche Spex-Mitarbeiter Fareed Armaly. Sein Interesse an Sounds, Aufnahmetechniken und Raumklang hat ihn dann auch immer wieder zur Mitarbeit an der florierenden Collagen-Hörspiel-Kultur auf den besseren der US-College-Radiostationen gebracht, wo mit eingesandten Tapes, verfremdeten Commercials, Schweigen und durch Wölfe und Sampler gejagte Platten gearbeitet wird und Institutionen wie Negativland oder Culturcide ihre Heimat haben. Um so überraschender für ihn, daß er gestern in Amsterdam auf einem holländischen Sender damit noch Leute verwirren konnte. Dafür ist Barkmarket jetzt erstmals über den Projektstatus hinaus zu einer richtigen Band geworden (ein Trio mit dem Drummer von Miracle Room), die gerade seine Freunde von den Throwing Muses supportete. Sein Interesse an Propaganda und Massenbeeinflussung im Angesicht einer fast aussichtslosen Lage („in der Mitte meiner Straße zwischen Crack-Häusern und Halbtoten, die nichts zu verlieren haben, wenn sie dich abmurksen, kannst du die Lichter von Manhattan sehen …“), schlägt sich in Cover-Graphik, LP-Titel und Texten nieder. Fazit: „Wenn alle integren und intelligenten Menschen der Welt auf einmal anfangen würden zu handeln, gäbe es noch Hoffnung, aber da sie das nie tun werden, denke ich, daß nicht mehr viel zu machen ist …“