Autor: admin

  • Art ’85 – Blowin’ The Basel Blues

    Es fehlten uns: Walter Dahn, Georg Dokoupil, Werner Büttner, Albert Oehlen, Markus Oehlen, Martin Kippenberger, Jörg Immendorff, Penck und sein Schlagzeug, Lüpertz und sein E-Klavier, und Peter Bömmels wollte auch nicht mit, zur Kunstmesse nach Basel, der renommiertesten in Europa: „Ich will doch nicht mit ansehen, wie meine Kunst zur Ware wird.“

    Doch gerade durch die Abwesenheit des von Künstlern bei Kunstgroßereignissen üblicherweise veranstalteten Rummels, gerade durch die Abwesenheit ihres diffus-unterhaltenden und ablenkenden Diskurses über Kunst, lag deren Warencharakter offen dar wie ein entblößter Fels, ein Monument des Mammon. Der Tauschwert rules, o.k., und macht alle gleich, so will es die Idee der Messe, auch wenn sie sich als glamouröser Supermarkt ausgibt. Und plötzlich ist ein Hausner mehr wert als ein Kippenberger.

    Die Händler dagegen hatten ihre helle Freude. Händler aller Größen und verschiedenen Formats machten sich mit unverhohlenem Genuß daran, ihre Waren an den Mann zu bringen. Selbst amerikanische Galeristen, die keinen eigenen Stand auf der Messe hatten, waren eigens nach Europa gekommen, um – mit dem Aktenköfferchen voller Ektachrom-Dias – zu verhandeln. Und die vom Hasten durch die Messehallen erhitzten Händler – klassisch schön, diese Händler mit den dicken Ringen und Sonnenbrillen – ließen sich im Innenhof des Messegeländes an kleinen Tischen nieder, pokermäßig um die begehrten Kunstwerke dealend, daß es eine Freude war zuzuschauen. Das Wetter war milde, und das Klatschen der Ektas auf die Tischplatte wiederholte sich mit der Regelmäßigkeit eines entspannten Tennis-Matches an einem entspannten, südfranzösischen Sommerabend. Kunst als Ware, aber was für eine Ware muß das sein, die dies wunderbar ölige antike Händlervolk so lüstern und dabei so dekorativ hin- und herschiebt. Purpur? Safran? Laserkanonen?

    So eine Kunstmesse entspricht ihrer Funktion und ihrem Wesen nach den großen Sommer-Pop-Festivals. Man wird durch ihre kommerzielle Vollständigkeit daran erinnert, was es alles noch an Monstrositäten gibt. Chris De Burgh zum Beispiel. Hatten wir nicht alle vergessen, im Kölner Elfenbeinturm, wie schlecht Kunst sein kann? Katharsis kam auf beim Besuch von Kojen echter Dinosaurier-Künstler wie Rudolf Hausner, Johannes Grützke, Günther Uecker, „dem signierenden Giger und dem sinnierenden Helnwein“ (Basler Zeitung), Friedensreich Hundertwasser und ihrer New Wave-Pendants wie Elvira Bach und Helmut Middendorf. Zu unserer vollständigen Läuterung fehlte eigentlich nur Horst Antes.

    „Umfangen und umschlungen“ (Spiegel) wurde man an allen Ecken und Enden von einer vielköpfigen Hydra namens Martin Disler. Der Schweizer, den laut Spiegel derselben Woche ein „mythischer Juckreiz“ plagt und sein „Farbgewühl“, wie es der subjektiv Disler verteidigende, ihn aber objektiv der Lächerlichkeit aussetzende Spiegel-Artikel nennt, war so unvermeidlich omnipräsent wie Paul Hardcastle in den Ghettoblastern dieser Tage. This Year’s Julian Schnabel.

    Die wohltuende Antithese, zum Glück kaum minder präsent, waren die spitzfindigen, gleichwohl übersichtlichen und gedanklich wie ästhetisch optimal geordneten Arbeiten des britischen Schwulen-Duos Gilbert & George, ohne deren Wirken in den letzten zwanzig Jahren weder Kraftwerk noch Devo noch Boy George denkbar gewesen wären und die David Bowie für seine letzte LP-Hülle schamlos beklaut hat.

    Neben bewährten, aber auch teuren Kräften wie Gilbert & George hatte Art ’85 zwischen Dinosaurier-Kunst und Reste-Ausverkauf (schon auffällig, die vielen unverkauften Reste aus Einzelausstellungen, die man selber gesehen hat, jetzt in Discount-Kojen der großen deutschen Galeristen wiederzufinden) noch einiges zu bieten, das wir dem kunstinteressierten Yuppie zum Aufbau einer Sammlung empfehlen möchten:

    Markus Oehlens Elefanten-Psychedelia – ein gegenständlich-milde gewordener Pollock trifft einen Picasso auf Acid – (bei Metzler), Philip Taffees Op-Art-Remakes (unfrei nach Bridget Riley und Vasarely), Bettina Semmers anthologistische, scharfsinnige Stilleben auf Monochrom-Braun und Albert Oehlens farbenlehregewordene Rehabilitationen des Kästchendenkens (alle gesehen bei Ascan Crone) … „Pretty Girls Going This Way“, „Evil And Trouble Going This Way“, die erste Schrift, dünn und weiß, links unten, die andere rechts unten, weisen den Weg aus einem circa 2,50 Meter langen, aber nur wenige Zentimeter hohen, illusionistisch gemalten, bräunlichen, an einen Abendhimmel erinnernden Gemälde Ed Ruschas, das uns bei Tanja Grunert begeisterte. Bei der Londoner Galerie Lisson fanden wir zwischen den cleveren, dreidimensionalen, sich langsam etwas abnutzenden Späßchen Julian Opies rührende, unbeholfen-ungenaue geometrische Zeichnungen Sol LeWitts, die an so manche Quälerei aus dem Mathematik-Unterricht gemahnten, sogar auf selbst gezeichnetem Kästchenpapier. Art & Language beschäftigen sich weiter mit dem Inhalt ihres Ateliers. Hatten sie ihn zuerst mit allen Details inclusive Red-Crayola-Platten halbwegs realistisch abgebildet, wie er sich scheinbar zufällig im Atelier gruppierte, sind sie jetzt dazu übergegangen, alte Zeitungen und Farbreste, platt gewalzt und in Rahmen gepreßt, also im buchstäblichen Sinne den Inhalt selbst, an die Öffentlichkeit zu bringen (für den sophisticated Yuppie, ebenfalls bei Lisson).

    Unter der Rubrik „Perspectiven“ wurden, nach einem nicht transparenten Schlüssel, sogenannte hoffnungsvolle junge Leute mit jeweils eigenen Kojen ausgestellt. Nicht einsichtig, zu welchen Hoffnungen die schlabbrigen Oberschüleraquarelle Alessandro Franchettis, der ein illegitimer Sohn des Cy Twombly sein will, die Kuratoren berechtigt haben. Ebensowenig der Endart-Müll, den wir aber in Spex 1/85 so erschöpfend beschimpft haben, daß sogar Art es für nötig befand, darauf zu verweisen. Ernst Trawögers einziger Verdienst ist die überaus hippe Kombination seiner Wohnorte (Innsbruck/New York. Warum nicht Lüdenscheid/Manila?). Und auch sonst keine Perspektiven außer den hierzulande und unsereinem schon etwas bekannteren Talenten der Rosemarie Trockel und des Donald Baechlers. Ersterer verdanken wir die Innovation der Strickbilder und letzterem eine neue Form von Monomanie: die Fetischisierung des eigenen Vornamens: DONALD, DONALD!

    Apropos Donald! Der definitive Hip-Sammler kauft dieses Jahr Donald-Duck-Kunst, also die Sorte moderner Kunst, die in von Carl Barks gezeichneten Donald-Duck-Geschichten an den Wänden hängt und in Basel günstig im Angebot war: Deutsches Informel, 50er-Jahre-abstrakte-Malerei der plumperen Art, gern auch aus der Schweiz, wo die Abstraktion schon immer leicht ins Graphisch-Dekorative lappte. Dazu ein runder Teppich, überdimensionierte Ohrensessel und erbauliche Lektüre an Regentagen: „Kinder, wer möchte noch ein Hühnerbein?“

    XY-ungelöst! Whatever happened to Graffiti? Außer Rammellzee und Crash sind sie offensichtlich alle zurück in die Bronx geschickt worden, die Spraydosenhelden der Subway. An deren Stelle ist österreichische und schweizerische Friseursalon-New-Wave-Kunst getreten.

    Worüber wir uns besonders ärgerten, weil schlechte österreichische und schweizerische Kunst die Theorie sabotierte, die sich uns beim Besuch spanischer, sowjetischer, lateinamerikanischer Kojen und beim staatlichen Kunsthandel der DDR aufdrängte: Je besser ein Land, desto schlechter die Kunst, die es hervorbringt.

    Man sieht also: Jedem unserer idealistischen Versuche, qualitative Hierarchien oder andere akzeptable Ordnungssysteme zu etablieren, wird von der nivellierenden Profanität des Kunsthandels der Teppich unter den Füßen weggezogen. In einer solchen kalten Welt trieb es dann auch die wenigen anwesenden Künstler bezeichnenderweise in die Kojen der weiblichen Galeristen, wo die Mummy’s-Dearest-Künstler noch so etwas wie Wärme zu finden glaubten (und wohl auch fanden). Uns zog es dagegen in die Bars, Cafés und Diskotheken dieser Kunststadt, immer vor Tinguely-Brunnen, im Schatten von St.-Phalle-Monumenten der Kunststadthaftigkeit dieser Kunststadt ausgesetzt.

  • Lou Reed

    Die Parkplätze vor der Philipshalle waren jedenfalls voll und die wenigsten der angereisten Klein- und Mittelklassewagen trugen das gewohnte D auf dem Nummernschild, und neben noch nachbarschaftlichen Ws, Es und Ks gab es auch viel HH, F, M oder gar Bs. Kennzeichen genug also, um ein Treffen der nationalen Lou-Reed-Elite zu erwarten, ein Gipfeltreffen von Connaisseurs, die den richtigen Stoff im Blute haben und alle Velvet-Bootlegs auswendig kennen.

    Stattdessen waren mindestens zwei Elemente dieses Lou-Reed-Konzertes identisch mit dem letzten Lou-Reed-Konzert, das ich, fast auf den Tag genau, zehn Jahre zuvor in der Hamburger Musikhalle gesehen hatte. Die Menschen zunächstmal. Ich verspreche, daß dies das letzte Mal ist, daß ich mich vor Ihnen ekle, aber ich würde etwas Wichtiges verschweigen, wenn ich nicht sagte, daß selbst das einzige BRD-Konzert nach Jahren der Abwesenheit offensichtlich nicht in der Lage ist, etwas anderes an Publikum anzuziehen, als ein vollvermieftes, langhaariges, wollpulloveriges, unsicher taperndes Jugendzentrumbesucherpandämonium mit weggezüchteter Wirbelsäule und wahrhaftig kreisenden Joints. Mir wurde schwarz vor Augen, ein Teil der Wahrnehmung fiel aus.

    … und setzte wieder ein als, nein nicht als Lou Reed die Bühne betrat, sondern als die Simpel-Intro-Akkorde von „Sweet Jane“ das Konzert beginnen ließen wie das von 1974. Das zweite identische Element. „Sweet Jane“, nicht das populärste oder erfolgreichste, aber wohl das meistgehörte Lou-Reed-Lied aller Zeiten. Schon weil jeder es nachspielen konnte. Diese Band hier nudelte es konsequent in der „Loaded“-Fassung durch und ich mußte kurz daran denken, wie Sterling Morrison et al Reed immer dafür gerühmt hatten, daß er live jeweils neue Textzeilen improvisiere, was man auf dem 1969-Live-Doppelalbum von Velvet Underground auch sehr schön hören kann.

    „Das nächste Lied geht weit zurück in die Vergangenheit. Das könnt ihr schon an den Preisen merken. Für 26 Dollar … (Jubel aus dem Publikum) … gibt’s heute kein Heroin mehr.“ Nur die Erwähnung dieser mythischen „Twentysix Dollars“ reichte für einen Aufschrei, als „Waiting For My Man“ begann und ich dachte, daß ich bis heute eigentlich nicht glauben kann, daß der junge Lou Reed sich tatsächlich an der Ecke 125ste Straße / Lexington Avenue herumgetrieben und schwarze Mädchen angemacht haben soll. Dieser Mann, der mit seinen 42 Jahren immer noch so etwas massiv Bürschchenhaftes, Wunderkindmäßiges ausstrahlt, der soll sich mitten in Harlem in den Matsch gestellt, Heroin gedrückt und sein zartes Leben in Gefahr gebracht haben?

    Er reitet dann parforce durch die Siebziger, hier ein „Street Hassle“, da ein „Sally Can’t Dance“, besonders glücklich macht mich die werkgetreue Wiedergabe von „There She Goes Again“. Doch alles Mid- bis Up-Tempo. Sogar „Take A Walk On The Wild Side“ wird zum flotten Fetzer und ich muß daran denken, daß der erfolgreichste Sänger der historischen Sekunde, Holly Johnson von Frankie Goes To Hollywood, seinen Namen aus diesem Song hat: „Holly came from Miami Fla. / … /shaved his legs and then he was a she“. Er ist keine She geblieben.

    Natürlich fragt sich der Fan, dem man nun langsam in Greatest-Hits-plus-neue-LP-Stimmung gebracht hat, wo seine persönlichen Favoriten bleiben: „Candy Says“, „Caroline Says“ und „Lisa Says“ und überhaupt all die Balladen, und Lou Reed sagt, er wisse, eigentlich seien wir alle wegen der schnulzigen Balladen gekommen und spielt „Satellite Of Love“. Ganz schön. Immerhin. In der Vergangenheit heftete an Lou-Reed-Konzerten mehr als einmal der Ruch des Skandal. Sie waren zu kurz, zu langweilig, er stand unter Drogen, wurde festgenommen, hatte sich eine total unfähige Big Band zur Seite gestellt. All sowas. Diesmal gab’s nichts davon, es gab genügend Lou Reed fürs Geld, es gab keine Pannen und verläßliche Profis wie den Hans-Dampf-Gitarristen Bob Quine, der aussieht wie der Oberbilker Kundenberater der Stadtsparkasse Düsseldorf. Es gab drei Zugaben und Solidität wohin das Auge blickte. Nur wenn sich Lou Reed an den genial-primitivistischen Nummern seines letzten Albums versuchte, war es mehr als eine gelungene Weißt-Du-noch?-Veranstaltung, mehr als ein Guck-Lou-Reed-der-steht-da-wirklich-Konzert. Dann äußerte sich nämlich dieser rührend jugendliche 42-Jährige und erzählte von den Video-Arkaden am Broadway, Ecke 52ste Straße, wo er laut Ansage wirklich viel „rumhänge“ (was ich einfach nicht glaube) und machte den Versuch, so ein Thema (Video, Computer), das für Modernität steht, in sein steinaltes Rock’n’Roll-Konzept zu integrieren. So zu betrachten, als wäre er dreißig Jahre jünger. Und bei diesem Liebeslied, „I Love You Susanne“, da geht es auch nicht um die Liebe im besten Mannesalter, sondern um Pubertät.

    Ja, es ist ein sehr schönes, ergreifendes Lied, dieses „I Love You Susanne“. Aber, als ich auf dem S-Bahnhof Oberbilk stand, dachte ich, ich will, nein ich will nicht mein ganzes Leben mit dieser Eisenkugel Pubertät an meinen Fußgelenken herumlaufen.

    Später hörte ich eine alte Animals-Nummer, „As The Years Go Passing By“. Eric Burdon singt darin: „Aaah, the blues / the ball and chain that is ’round every English musicians leg / In fact every musicians leg“. Von diesen Ketten und Kugeln sollte man sich endlich mal frei machen.

  • Rückblick

    • Polisario-Preis und die Mulukkenmedaille für die Bekanntmachung einer exotischen Volksgruppe geht 1983 an Valid Dschumblat, Drusenführer.
    • Der Blind Faith-Lords Of The New Church-Supergruppen-Orden geht an Immaculate Conception.
    • Die Hampton-Grease-Band-Medaille für hippeste private Wiederentdeckungsobskurität geht an The Big Bopper.
    • Die Martin-Luther-Münze für den charmantesten Jubilar des Jahres geht an Konrad Lorenz.
    • Der Herbert-Wehner-Wimpel für den eloquentesten MdB geht an Joschka Fischer.
    • Die Bea-Fiedler-Stiftung ehrt als das freiwilligste Sex-Objekt des Jahres Muriel Hemingway.
    • Den Johnny-Rotten-Ein-Jugendführer-kehrt-zurück-Preis erhält Willy Brandt.
    • Die Leserbrief-Lilie und die Ehemann-Ehrung erhält Tony Parsons für den zur Verteidigung seiner Frau, Julie Burchill, an The Face geschriebenen Satz: „If I had a dog with a face like Kevin Rowland, I would shave his ass and teach him to walk backwards.“
  • Eddie Murphy – Der Champion

    Am Anfang der Talk Show fragt Eddie erst mal nach, ob unter seinen Zuschauern auch keine Weißen, Schwulen, Juden, Chinesen oder andere Opfer seiner Witze zu finden sind. Witze über nichtschwarze Mehr- oder Minderheiten sind nun einmal sein Geschäft. Und er braucht sich auch in der Regel keine Sorgen zu machen: seine supererfolgreichen Ein-Mann-Talk-Shows in den größten Kabaretts der USA werden zu 99 % von seinesgleichen besucht, den jungen, smarten, illusionslosen Schwarzen. Alle wissen sie: black is best!

    Was ist der Unterschied zwischen schwarz und weiß? Eddie weiß eine Antwort. Hinckley schießt auf Reagan. Der weiße Sicherheitsoffizier stellt sich schützend vor den Präsidenten, wirft sich in die Kugeln. Der schwarze tritt beiseite und denkt: „Fuck, shit, jetzt muß ich wieder bei meinem Vetter in der Wäscherei arbeiten.“

    Es gibt noch mehr Unterschiede: „Wir haben einen längeren Schwanz als die Weißen. Die Mädchen wissen das, auch die weißen Mädchen. Noch schlimmer sind die Chinesen mit ihren Stummelschwänzen.“ Dies wird fortan Eddies Rolle sein. Der hübsche junge Schwarze, der weiß: „Ich kann mir meine Nudel vergolden lassen. Mann, war ich gut!“ (aus Nur 48 Stunden). Eddie Murphy fickt gut, das muß gar nicht erst gesagt werden, das ist klar. Wer ihn im Kino sieht, wird an eine Wahrheit erinnert, die den meisten weißen Sex-Mythen verloren gegangen ist: wer gut redet, fickt auch gut. Sexualität und Sprache als analoge Systeme, die von der gleichen Gehirnfunktion betrieben werden. Vulgärsymbole sind der lange Schwanz und die große Klappe.

    Eddie ist jetzt 22 und ein großer Star. Er wird geliebt von einem Publikum, das wie der schwarze Sicherheitsoffizier sich einen Dreck um die Probleme des weißen Amerikas schert, das cool und notgedrungen mitarbeitet, aber unendlich hoch über diesen hektischen Kindsköpfen steht und in zynischer Ruhe und mit göttlichem Humor nur noch lachen kann. Damn! Shit! Fuck! Fuck und Shit, was die Weißen so treiben, aber die Eddie Murphys durchschauen es in cooler, manchmal direkt menschenfreundlicher Gelassenheit, ohne allzuviel Aufhebens davon zu machen, daß sie’s durchschauen. Nur ein paar Witze hier und dort.

    Es ist dabei durchaus kein Widerspruch, daß diese Eddies gerne mit dem weißen System zusammenarbeiten, wenn es ihnen nützt. Eddie spielt in weißen Fernsehshows, ist recht oft ein Alibi-Schwarzer. Außer dem schwarz angemalten Weißen Sammy Davis Jr. ist er der einzige Schwarze, der in einer Produktion für das weiße Publikum Kino-Hauptrollen spielt.

    Eddie Murphy kommt aus einer relativ heilen Familie und aus New York. Sein Vater starb als er acht war, und Eddie mag seinen Stiefvater, er sagt: „Wenn ich einmal sterbe, sollen meine Kinder auch so einen tollen Stiefvater haben.“ Komischerweise sieht der Stiefvater Eddie ähnlicher als seine Mutter. In Saturday Night Live trat Eddie als 19-Jähriger die Nachfolge des berühmten schwarzen Komikers Richard Pryor an. Die Fernsehshow aus New York, aus der Leute wie Dan Aykroyd und John Belushi hervorgegangen sind, gehört zum Besten, was menschlicher Humor zustande zu bringen befähigt ist. Eddie Murphy ist zum Beispiel ein radikaler schwarzer Dichter und trägt in einer parodierten Dick Cavett Show sein Gedicht „I Killed My Landlord“ vor, das nur aus der einen Bekenner-Zeile „Ich habe meinen Hauswirt umgebracht“ und mehreren zornigen „Yeahs“ besteht. Danach ist „Guys Talk“ und Eddie Murphy ist der „Guys Talk“-Gast Michael Jackson. Ein Moderator fragt ihn, unter männlichen Grunzlauten und allerlei schulterklopferischen Kumpelgesten, er habe gehört, Michael sei von Diana Ross entdeckt worden, ob er, höhö, er wisse schon, wie es gemeint sei, auch sie schon mal „entdeckt“ hätte, höhöhö! Und Eddie legt tuntig die Hände in den Schoß, wackelt mit den Schultern, kichert und erzählt mit Kastratenfalsett schweinöse Chauvi-Geschichten, einen Schwall von lustigen Obszönitäten.

    Ein Jahr später ließen sie ihn Nur 48 Stunden drehen. An der Seite des great white Muffels Nick Nolte jagt er gezwungenermaßen eine Gangsterbande und will doch eigentlich nur Sex. In der berühmten entscheidenden Szene nimmt er als falscher schwarzer Sheriff einen Redneck-Laden auseinander: „Und nun noch einmal für die Landbevölkerung zum Mitschreiben“, leitet er seine Beschimpfungskanonade auf Hinterwäldler, Weiße, Schwule etc. ein. Auf alle, die sich mit ihm einfach nicht messen können. Das kann in diesem Film auch allenfalls Nick Nolte, mit dem er sich prügelt und der schließlich sein Freund wird, weil er so zäh und so roh ist. Die beiden sehen dann aus wie Horst Hrubesch und Jimmy Hartwig.

    Im Moment läuft in den deutschen Kinos Die Glücksritter, dessen Handlung Eddie die Möglichkeit gibt, das neue schwarze Lebensgefühl amüsierter Überlegenheit beim notgedrungenen Mitmachenmüssen in verschiedenen sozialen Situationen darzustellen. Als schwarzer Topmanager sieht er haargenau so elegant geboren aus wie die vielen schwarzen Manager, die die Zeitschrift Ebony – eine Art Stern nur für Schwarze – als vorbildliche Erfolgsmenschen vorstellt. Brothers, die es geschafft haben. Als pfiffiger Schnorrer von der Straße ist er nicht mehr von denen zu unterscheiden, die in Wirklichkeit die Straßen der US-Großstädte säumen. Er sagt damit aber nicht, daß er ein tolles Verkleidungstalent ist, er sagt: in all diesen Brothers ohne Geld und Arbeit steckt ein smarter, flitziger, flinker Eddie Murphy. Und das ist irgendwie besser und moderner, auf jeden Fall präziser, als „Say it loud / I’m black and I’m proud“. Eddie ist immer pragmatisch schlau und diesseitig. Er ist ein mitfühlender Zyniker, dünn, gelenkig und jugendlich und keiner von den ernsten, alten Charismatikern, die bislang schwarze Helden abgaben: Isaac Hayes, James Brown, Martin Luther King oder Miles Davis. Er ist kein Buddhist, Christ, Black Muslim und gehört auch der Zulu Nation nicht an. Ganz und gar untranszendent.

    Immer durchmogelnd, aber immer neugierig. Eddie Murphy reißt ständig die Augen auf und hält etwas nicht für möglich. Sekundenlang schweigt er mit aufgerissenen Augen in höchster Konzentration. Dann ein Wortschwall und dann wieder eine ruckartige Taekwondo-Bewegung. Eddie Murphy macht aus einer reinen Dialogszene einen Boxkampf, einen Schlagabtausch. Nick Nolte war zwar bald angeschlagen, aber er konnte immerhin noch rohe, männliche Kraft, die Vorteile des Schwergewichts gegen das gewandte Leichtgewicht Murphy ausspielen. Dan Aykroyd, sein Partner in Die Glücksritter, ist ihm nicht gewachsen.

    Es geht die Legende, Rap sei entstanden aus dem Spiel „Signifyin“, einem Spiel New Yorker Straßenkids, bei dem es darum gegangen sei, den Gegner nur durch Worte, möglichst durch Reime, zum Weinen zu bringen, den verbalen k.o. Und so wie beim Boxen die Schwarzen seit 50 Jahren unangefochten regieren, hat auch Eddie Murphy keinen weißen Gegner mehr zu fürchten, weder Woody Allen noch Gisela Schlüter.