Autor: admin

  • Kurosawa, Eastwood, Friedkin

    Vor ein paar Jahren, sechs oder so, schrieb ich über The Shining, Kubrick-Filme seien wie Olympiaden, in derselben Nummer derselben Zeitschrift schrieb ich aber auch, über Kagemusha von Kurosawa, dies sei der beste Film seit Barry Lyndon, also seit der letzten Olympiade und bin gerne bereit über Ran, den neuen Film von Akira Kurosawa beides zu wiederholen, daß die Aufgabe des Olympiade-Ausrichtens vorläufig auf Kurosawa übergegangen ist und daß Ran möglicherweise der beste Film seit Kagemusha, also seit sechs Jahren ist. King Lear mit vertauschten Geschlechtern und einer eingebauten Lady Macbeth im Japan des 16. Jahrhunderts, was aber als historischer Rahmen vollkommen gleichgültig ist. Alas! Wie auch bei Shakespeare kommt es auch bei Kurosawa auf die Geräusche, die in der Landessprache angelegten Geräusche an, die sich über das Artikulierte in Winde und Geklirre fortsetzen, hinter Felsvorsprüngen grummelnd kauern, die sich als Ruinen entpuppen, Ruinen, an denen Blut klebt, zu Unrecht vergossenes, sich fortsetzen in das Gewimmere des hilflos durch viel zu hohes Gras irrenden Greises, in das Gekeife seines Hofnarren, wieder in Schlachtengeklirr.

    Das sind japanische Gaumen, die das alles aussprechen, bis hin zur Windmaschine, so wie bei Shakespeare eben auch das Geräusch abgeschossener Pfeile mit th geschrieben wird … aber dies nur eine Facette dieses Films, der nicht nur wie ein großer Kurosawa, sondern auch noch wie ein Mizoguchi aussieht.

    Honky Tonk Man von, mit und über Clint Eastwood hilft wieder mal, die Idiotenfront einzukesseln. Idioten, die satte fünfzehn Jahre danach die Qualitäten des harten Dirty-Harry-Eastwood begriffen und dies mit ihrem kleinen Kopf zu vereinbaren gelernt haben, diese ganze ekelhafte, nachgewachsene dritte Generation der ideologiefreien Freunde des amerikanischen Unterhaltungskinos zeigt dem unheimlichen Eastwood eine lange Nase, weil sie – als Europäer immer die besseren Kenner des „wahren“ amerikanischen Kinos – einen Kunstanspruch zu entdecken vermeinen. Honky Tonk Man hat genau den Kunstanspruch einer guten Country-Ballade. Und gute Country-Balladen brauchen keinen „Kunstanspruch“, sie sind Kunst (woher sollen die Arschlöcher das wissen?). Honky Tonk Man erzählt das Leben eines Country-Sängers in der Sprache eines Country-Songs (und Country-Songs sind aus allen Pop-Gattungen die, bei denen Texte am wichtigsten sind), Strophe für Strophe, Vers für Vers, Staat für Staat, auf der Reise nach Nashville. Liebevoll werden die Akzente und Dialekte der verschiedenen Sorten von Hinterwäldern, die Eastwood und sein von seinem Sohn dargestellter Neffe passieren, ausgearbeitet. Eastwood spielt nicht den Crooner, der es in der Grand Ole Opry zu etwas bringt, sondern einen von der Sorte, der der Country-Musik die Bezeichnung „the white man’s Blues“ eingebracht hat. Eastwood strickt dabei nicht an dem larmoyanten Singsang von den Guten, die es niemals schaffen und unweigerlich, wie er in diesem Film, an Tuberkulose sterben müssen – sondern auch der Mann, der sein Talent in der Grand Ole Opry prüft, der Vertreter des Establishments und der Musik-Industrie, wird als einer dargestellt, der nur seinen Job tut und es bedauert, Eastwood nicht nehmen zu können (weil er todkrank ist und zuviel von Boogie und Alkohol singt). Der Countrysänger ist ein Beruf, der, wie es der Neffe sagt, allemal besser ist als Baumwollpflücken (die Gemeinsamkeit des weißen Lumpenproletariats und der ehemaligen schwarzen Sklaven im Süden: cotton picking), ein Beruf, den man nicht ausübt, weil man dazu berufen ist, sondern weil man keine Alternative hat. Ein Country-Sänger ist ersetzbar: Eastwood bricht am Ende bei Plattenaufnahmen im Studio zusammen, der Backing-Sänger singt den Song zu Ende. Nach seiner Beerdigung singt sein Neffe am Grab „Swing Low, Sweet Chariot“, der alte Schwarze, der das Grab ausgehoben hat, fällt ein: schwarzer und weißer Blues, sich im Gospel vereinigend. Die Arschlochfront, die meint, trivial sei geil und Kunst passe nicht zu trivial, fragt sich immer noch, wo der harte „Dirty Harry“ bleibt, aber der war auch Kunst. Man sollte den Arschlöchern erst Play Misty For Me zeigen, Eastwoods Psychopathen-Macho-Delir, bis sie sich der Frage nähern, was uns dieser Künstler eigentlich sagen will; den Spex-Lesern sagt er, da bin ich sicher, eine Menge, vor allem wenn sie das Glück haben, diesen Film im Original zu sehen.

    Völlig egal ist es, in welcher Sprache man sich To Live And Die In L.A. ansieht. Die reizlosesten Gesichter seit Erfindung des Gesichts – aber nicht gut reizlos, wie in Brian-De-Palma-Filmen, auch nicht dreckig-fies-reizlos, wie in großen Arschlöcher-Balladen wie, sagen wir, Fat City, sondern TV-Serien-reizlos – crashen und ballern ein wenig durch L.A. Ein L.A., das sich Robby Müller, Wenders’ geiler Kameramann, für den früher eindeutigen Regisseur William Friedkin (Friedkin war mit Jeanne Moreau zusammen, nachdem diese mit Handke zusammen war, Wenders’ Freund. Man ist eingeladen, sich hier einen psychologistischen Unsinn über amerikanisch-europäische Kultur-Komplexe, falsche Faszinationen und Minderwertigkeitsgefühle zusammenzuhalluzinieren) ausgedacht hat. Keine Szene, die nicht in einer top-schrillen, unglaublich wahnsinnigen Location spielt, noch das billigste Flittchen residiert in einem 18.-Stock-Apartment mit total-geilem Blick auf das nächtliche L.A., für jede Reifenpanne (kommt keine drin vor, egal) wird eine architektonische Monstrosität in den Hintergrund gestellt. Was Jim Jarmusch bei geringem Budget für New York ist – nämlich Wenders’ amerikanischer Freund –, sind Friedkin/Müller für L.A. Dazu rankt sich die Geschichte um so beschissene Dinge wie einen unglaublich skrupellosen Künstler, der seine Bilder verbrennt (für den Film hat sie Fetting gemacht und so einen Fetting in Flammen aufgehen zu sehen, ist ganz nett, rührt an Tabus – höhö), um stattdessen mit seinen sensiblen Fingerchen, die vorher unsensiblen expressionistischen Quatsch herstellten, Blüten zu pinseln. Direkt rührend, diese amerikanische Idee von Kunst, daß ein wilder Schmierer auf irgendeine Art prädestiniert sein soll, so etwas Akkurates wie Falschgeld herzustellen. Die Action (Schießen, Verfolgungsjagden) hat ebenfalls nichts von der wahnhaften Choreographie, die die De Palmas dieser Welt auszeichnet, aber eben auch noch den einen oder anderen Chuck-Norris-Film erträglich macht, außer der einen berühmten (Berlinale!) Verfolgungsjagd sieht man nicht viel mehr als eine Edel-Version von Starsky & Hutch. Knallharte Action eben, hart wie der Schwanz einer Bisamratte; flau, aber herzlos; desperately seeking Action, also nichts Besonderes.

  • Richard Manuel

    Neulich saßen Mayo und ich vorm Fernseher und sahen uns auf Video noch mal The Last Waltz an. Was für eine Band war The Band! Die Violent Femmes der ersten Hälfte der 70er! Damals waren sie die beste Band der Welt! Besser als Little Feat, besser als Steely Dan, besser als Grateful Dead, besser als The Byrds, besser als Roxy Music, besser als The Spiders From Mars! Jedenfalls auf ihren ersten vier LPs, deren vierte und vielleicht beste als einzige zur Zeit vergriffen ist und vielleicht wegen des traurigen Anlasses aus dem ich diese Zeilen schreibe, von der EMI wiederveröffentlicht werden könnte (ein Exemplar von Cahoots bitte an mich!): Richard Manuel ist tot.

    Die Bild-Zeitung spricht von Selbstmord, denkbar ist bei ihm alles. Als wir The Last Waltz sahen, fragten wir uns, was aus den einzelnen Band-Mitgliedern geworden ist: Robbie Robertson gehört zum Scorsese-Clan, macht Filmmusik, schauspielert, produziert Filme, in denen er und Levon Helm auftreten und hat neuerdings einen hochdotierten Vertrag mit Geffen Records. Levon Helm war der Hauptdarsteller von Coal Miner’s Daughter, hat eine Band und eine Solo-LP und zeigt sich oft vor der Kamera, Rick Danko spielt ebenfalls mit einer eigenen Band landauf landab, hat eine Solo-LP (mindestens) aufgenommen und ist gefragter Session-Mucker. Garth Hudson ist ganz gelegentlich auf irgendwelchen Session-Credits zu finden, u. a. bei Van Morrison. Nur von Richard Manuel war außer bei der verunglückten Band-Reunion ohne Robertson (vor zwei Jahren) nichts zu hören. Er war es, der bei den backstage gefilmten Szenen des Last Waltz ausschließlich knarzige Seit-25-Jahren-On-The-Road-Witze riß und des öfteren ins Unzusammenhängende verfiel, drogengeschädigt. Am Anfang der Band-Karriere war er einer der tragenden Figuren des Konzepts und neben Robbie Robertson Hauptsongwriter. Auf Music From Big Pink stammen die einzigartig-zerbrechlichen Wimmerballaden „Lonesome Suzie“, „In A Station“ und „We Can Talk“, dazu die Musik zu Dylans „Tears Of Rage“ von ihm, lauter extrem traurige, resignierte, musikalisch hocheigensinnige Blues-Nummern (ohne Blues-Schema) und durch Manuels wimmernd-flehende Stimme Monumente einer besonderen Eigenartigkeit der Gruppe, die später in den Hintergrund gedrängt wurde. Auch ich halte Robbie Robertsons Solo in der Live-Version von „Unfaithful Servant“ für die schönste Kombination von Tönen, die je auf einer Gitarre gespielt wurden, aber mit Manuels sinkendem Einfluß verschwand das schräge Element der Band The Band.

    Man denkt jetzt an die Geschichte, die Robbie Robertson in dem Film von dem sterbenden Sonny Boy Williamson erzählt oder an Clint Eastwoods Ende im Honky Tonk Man – klar: solche Schicksale lassen sich immer als letztlich doch sinnvolle, tragische Bekenntnisse zum romantisch-eigensinnigen Verfall erzählen. Die Wahrheit dürfte eher die Orgel in „Tears Of Rage“ sagen und der verzweifelte Reim auf „Tears of rage, tears of brief“: Life is brief.

  • Politik

    Aus Chile prinzipiell nichts Neues, aus Argentinien: Putschgefahr. Alfonsin, das demokratische Wunderkind, hat es geschafft, alle Wahlen triumphal zu gewinnen, und auch den Junta-Mördern einen ausgezeichneten Prozeß zu machen, aber jetzt munkelt alle Welt vom dicken Ende. Das lasse sich die Armee nun nicht mehr gefallen. Egal ob sie’s läßt: eine pro-amerikanische Regierung wird es in jedem Fall, und Castros Schuldenrückzahlungsboykott wird sich das Land auch nicht anschließen. Brasilien hat sich mit dem namenlosen Tancredo-Neves-Ersatz abgefunden, meldet die FAZ. So wie man sich in der Gegend eben abfindet: Was Besseres als Alfredo Stroessner (Paraguay) finden wir allemal. Der brandneue, alerte, spritzig-junge Regierungschef von Peru, Sozialdemokrat und Verfechter eines gemäßigten Schuldenboykott, gilt als die Hoffnung im Kampf gegen die Armut, aber auch gegen die Anden-Guerilla; in Bogota (Kolumbien) besetzte die „Bewegung 19. April“ das Justizministerium und ließ sich und die einzigen halbwegs liberalen Politiker des Landes von der Armee niedermetzeln. Die Regierung in Washington hat den beherzten Einsatz gegen die Terroristen gutgeheißen, die wiederum der Drogen-Mafia nahegestanden haben sollen, als zur selben Zeit die Anzahl der Toten aus der Justizpalast-Schlacht zur Marginalie wurde, weil ein Vulkan mit einer Eruption begann, die am Ende über 20.000 dahinraffen sollte. In Venezuela etabliert sich zur selben Zeit ein neues „Andenkino“, immerhin ein Land, das sich offensichtlich ästhetische Sorgen leisten kann.

    Die Contras in Nicaragua greifen mittlerweile nur noch die Zivilbevölkerung an und ermorden mit Vorliebe und US-Geld, US-Söldnern und US-Waffen sandinistische Lehrer und Bürgermeister, während dank Ben Wisch die Entführung der Tochter von El Salvadors Napoleón Duarte zu einem vollen Austauscherfolg für beide Seiten wurde. Den kleinen, fetten Napoleón sah ich im spanischen Fernsehen (a besa melach). Er sagte, er wolle mit der Frente Farabundo Martí durchaus reden. Als die tags darauf nach Madrid eilten, um das Angebot anzunehmen, eilte Napoleón zum Flughafen. Madrid ist die schönste Stadt der Welt. In Mexiko fand man nach dem großen Erdbeben in den Kellern des Polizeipräsidiums die gefolterten Leichen von Bürgern, die angeblich nie festgenommen worden waren. Bei der Sichtung der Trümmer einer Nähmaschinenfabrik wurden vordringlich Nähmaschinen geborgen, erst dann die verschütteten Näherinnen, die zwischenzeitlich in Ruhe sterben konnten. Die USA sind weiterhin fest entschlossen, die Welt zu beherrschen. Mit allen Mitteln. Nur die UdSSR setzt ihr kaum noch was entgegen, weder bei Verhandlungen noch militärisch, noch Unterstützung-von-Befreiungsbewegungen-mäßig. In Rumänien hungern und frieren die Menschen und dürfen wegen Energieknappheit nur eine 40-Watt-Birne pro Wohnung benutzen. Bulgarien, das vielgeschmähte, hat ein höheres Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt als das vielgelobte Ungarn. Die DDR hat England überholt, Italien und Spanien sowieso. Polen liegt noch immer im Koma der schwarzen Madonna von Tschenstochau, während die Weltöffentlichkeit jenseits von Ost-Berlin nur auf zwei Menschen schaut: Andrej Sacharow und Jelena Bonner.

    Die Franzosen geben als Fake-Supermacht mal wieder die allerlächerlichste Figur ab, die Holländer haben sich nach einigen Monaten liberaler Verzögerung doch noch zum NATO-Doppelbeschluß durchringen können. Österreich schlägt sich derweil mit Thomas Bernhard herum, und obwohl der Zeichner Manfred Deix eine Geißel der Menschheit ist, muß man ihm zugute halten, daß die Österreicher physiognomisch von ihm leider immer wieder sehr gut getroffen werden; England konserviert sich weiterhin die Widersprüche des 19. Jahrhunderts, unter schrecklichen Opfern, aber vielleicht doch besser als die des 21., die unserer Republik vom Süden her langsam die Luft abschnüren. Der erste grüne Minister ist ein Ereignis, das der ersten Großverlags-Wave-Zeitschrift, die über die ersten drei Nummern hinauskommt, an Bedeutung in nichts nachsteht. Die Intelligentsia berauscht sich weiter an Kohls Dummheit in ähnlicher Weise wie der Rest des Volkes an den Erfolgen Boris Beckers und den Mißerfolgen der Nationalmannschaft. Daß mißlungene bürgerliche Politik nicht schlimmer ist als gelungene – wie soll es der Helmut-Schmidt-Fan-Club ahnen! Raissa und Lady Di sind die postfeministischen Symbolfiguren des Zusammenhangs zwischen weiblicher Repräsentationsfähigkeit und zerfallenden Weltreichen. Solange die sowjetischen First Ladys knarzige Bäuerinnen waren, verhandelten ihre Männer noch aus einer Position der Stärke. In der mongolischen Volksrepublik regiert mittlerweile der ehemalige Rektor der Universität Ulan Bator, Enver Hodscha ist tot, und alle Welt bis hin zum Blödhip-Blatt „The Face“ freut sich, daß man in der VR China als Model nicht mehr ins Gefängnis geworfen wird und daß die Bevölkerung Wham! hört und Coca Cola säuft. Die Hauptstadt Äthiopiens heißt Addis Abeba.

  • Live! Screaming Blue Messiahs; Icicle Works; Billy Bragg; Turbo Hy Dramatics

    Bill Carters Motor Boys Motor waren bereits, wenn auch zur Unzeit – man dachte 82 weniger direkt als er damals wie heute –, eine der wenigen, rechtmäßigen Erben des weißen Blues, von Captain Beefheart bis Led Zeppelin (übrigens eine wirklich unglaublich einfallsreiche Gruppe, die innovativste Gruppe, die je wirklich erfolgreich war; das nur am Rande). Bei Screaming Blue Messiahs, einem Trio, singt er zusätzlich und erweitert das Repertoire um das monoton-poetische „Rappen von Psychosen“, schafft es irgendwie, die goldene Brücke von den ganz besonders langen Versionen von „I’m a Man“ der Yardbirds zu den klassischen Fall zu schlagen, und rennt dabei, kahlköpfig, streng manisch, abwechselnd die Gitarre prügelnd und poetische Tiraden verbreitend, über die Bühne. Hot! Daß er Gitarre spielt wie ein junger Gott, nicht nötig zu erwähnen, aber daß man ihm nachsagt, er sei gefährlich, habe allein kraft seiner Blicke Horden gefährlicher Skinheads von Bühnenrändern einsam gelegener Clubs im Norden Londons vertrieben, das soll nicht verschwiegen werden. Er spielt verzerrt und hätte in einem anderen, prä-punkiger-versoffenen, weniger diszipliniert-geisteskranken Leben vielleicht bei Free und Bad Company ein Auskommen gefunden, aber die wilde Seele und die wilden Hunde, die frei herumlaufen, bellen und Schafe reißen …

    Icicle Works sind das schlechte Gewissen von U2, The Smiths und ähnlichen: denn wo die sich noch das eine oder andere Sound-, Text- oder Idee-Mätzchen ausgedacht haben, ihr eigentliches Anliegen, nämlich die Fortsetzung der 70er Jahre mit anderen Mitteln, zu verschleiern, geben Icicle Works, eine Band pathetischer Langhaariger, alles offen zu. Daß sie Peter Hamill und Van Der Graaf Generator über alles lieben, ist im Prinzip eine gute Idee, was heißen soll, theoretisch richtig, also, die sind schon liebenswert, aber diese, mit Waterboys versetzt, in die Gegenwart übertragen?

    Schwamm drüber, denn sie waren nur die Vorgruppe von Billy Bragg. Dieser hat fünf bis sechs auf nahezu identischen Akkordfolgen aufbauende, großartige, rührende Songs geschrieben, die auch live von der einst wie jetzt prima Idee profitieren, einsam zur verstärkten Klampfe zum besten gegeben zu werden. Darüber hinaus verschont er uns nicht mit seinen Empörungen über Dinge, über die einfach jeder – aber in seinem Publikum mehr als jeder – bereits empört ist. Was nicht schlimm wäre, wenn er nicht durch seine wenig pointierten Zwischenconferencen politischen Beifall der allerfiesesten Sorte auf sich ziehen würde und das auch noch genösse, etwa so wie Biermann ’76. Polit-Singer/Songwriter hatten wir in Deutschland schon gewieftere. Und zumindest der frühe Degenhardt war ja auch musikalisch durchaus zu allerlei Dummtüch aufgelegt. Dann macht Billy Bragg gerne schmutzige Witze, deren Klatscherfolg verdeutlicht, wie auch das politische Klatschen funktioniert: wie an einem Herrenabend nämlich. Billy Bragg ist ein ewig geiler Sex-Maniac. Wie alle Sozialdemokraten von Willy Brandt bis Günther Nenning. Sozis sind immer geil, Christdemokraten sind pervers, aber Kommunisten führen vorbildliche Ehen (Trotzki, Wehner, Thälmann). Ich bin Kommunist, weil …

    Nun, die Turbo Hy Dramatics sehen sich also als die neuen Yardbirds. Was ihr pathetischer Schreihals von Sängergitarrist im fast leeren Club zu Köln darbot, reichte aber nicht einmal zu den neuen Savoy Brown, die hatten noch Charisma (nicht die Plattenfirma!). Obwohl hier und da netter Blues-Rock-Lärm zu Gehör gebracht wurde, machte doch gerade die noch frische Erinnerung an die Screaming Blue Messiahs schmerzhaft klar, daß mit einer derart bemüht herbeigepreßten Ekstase heuer kein Blumentopf zu gewinnen ist.