Kategorie: Archiv

  • The dB’s – Metapop

    Von Zitierkunst ist in Joachim Stenders Diskurs in diesem Heft die Rede. Aber nicht zum ersten Mal in Sounds. Daß ein gewisses Virtuosentum im Umgang mit bereits festgelegten stilistischen Codes, mit Meisterwerken der Vergangenheit zu einem blühenden und vielleicht zum wichtigsten neuen Stil geworden ist, zeichnet sich mehr und mehr ab.

    Gerade auf diese Weise hält sich New York weiter auf Platz eins im Bereich historischer Entwicklungen. Phase eins war der Ausbruch des rebellischen, neurotischen Bohemien in atonale Regionen. Phase No New York! Intelligenter Lärm gegen Rock’n’Roll. In Berlin wird diese Phase heute weiter am Leben gehalten. Phase zwei war ein Schritt gegen die Unverbindlichkeit, die meistens mit Lärm und Ego-Ausbrüchen verbunden ist. DNA entwickelte einen Stil, James White verschmolz sein Saxophon mit James-Brown-Funk, Lydia Lunch graste Gil Evans und Musical-Traditionen ab, um sie mit ihrer Morbidität intelligent zu vergiften. Phase drei war verbunden mit der technischen Entwicklung vieler Musiker. Man war nunmehr in der Lage, richtig zu spielen. Und richtig heißt in Übereinstimmung mit den Rock’n’Roll-Gesetzen. Da man aber nicht so naiv war, zu glauben, man könnte nun losdaddeln wie Generationen vorher, entstand dieser Zitierstil, der sich die bedeutungstragenden Grundmuster diverser überlieferter Spielweisen zunutze machte und für eigene Zwecke einsetzte. Zur Phase drei gehören die Raybeats, die Lounge Lizards, die dB’s und noch ein paar andere geniale Eklektizisten. Wichtige Voraussetzung für diese Musik, bei der der Musiker mehr Ingenieur von Pop-Geschichte als subjektiver Schreihals ist, ist die erfolgreiche Beendigung der Pubertät. Ein etwas distanzierteres Verhältnis zu all dem, was man früher so innig liebte.

    Peter Holsapple und Chris Stamey, die Köpfe der dB’s, sind Pop-Fans von hohen Graden. Ihre Musik wäre nicht denkbar ohne die intensiven Geschichtskenntnisse und die leidenschaftlich gelebten Pop-Fantasien, die die Jugend der dB’s in North-Carolina bestimmte: „Für ein Konzert mit Roy Woods Wizzard bin ich 400 Meilen getrampt … Ich kann dir heut noch jeden Besetzungswechsel bei Savoy Brown nennen.“ (Pete Holsapple). Andere Idole lernten die dB’s schließlich persönlich kennen, was ihren weiteren Werdegang entscheidend prägte. In den Jahren 77/78 spielten Holsapple und Stamey in verschiedenen N.Y.-Bands: Holsapple bei den kurzlebigen H-Bombs und Chris Stamey bei den Sneakers. Das frühe Schallplattenwerk der dB’s umfaßt Solo-Singles von beiden Leadern, sowie eine EP der Keimzelle Sneakers. Bei diversen Arbeiten gehörte der Producer-Credit Alex Chilton, dem großen gemeinsamen Idol, der auch die erste dB’s-Single produzierte und mit der Gruppe einen regen Kontakt unterhielt, „bis er nach Memphis verschwand, wo er wahrscheinlich gerade jetzt neben einer Flasche Whisky sitzt“ (Holsapple). Chilton, der als sechzehnjähriger Box-Tops-Sänger („The Letter“) seine wilde, genialische Karriere begann, unterhielt in den frühen Siebzigern zusammen mit Andy Hummel für drei LPs die Gruppe Big Star, deren zweite LP Radio City für die dB’s absoluten Vorbildcharakter hatte. Big Star pflegte schon damals Tugenden, die erst heute die fällige Anerkennung finden und entsprechend von hellen Köpfen verarbeitet werden. Zu einer notorisch rauhen, zerrissenen Produktion gesellt sich ein stilistischer Eklektizismus, der von tief empfundenen Country-Balladen über deftigen Orgel-Beat-Pop, schrägen Soul, Velvet-Underground-meets-Gram-Parsons-an-einem-versoffenen-Texas-Morgen-Nummern bis zu mutiertem Blues-Rock reicht. Eine Musik, die sich permanent selbst übertreibt, ihre von Traditionen übernommenen Gesetze liebt, aber sie ständig bricht, sei es aus Inkompetenz oder aus Überschwang. Ein mit Narben und Bruchstellen überzogenes Netz aus bittersüßen Reminiszenzen, bewußten und unbewußten Zitaten, Verweisen – Metapop.

    Für die dB’s wirkte aber Big Star mit seinen rohen, offenen Produkten nur zu Beginn als Anregung, Meister Chilton nachzumachen, der sich ja auch selber nie auf ein Konzept einigen konnte und dessen viele Seelen ihn im Moment zu den wilden Blues/Rockabilly-Zerstörungsorgien von Tav Falcos Panther Burns („I don’t wanna be mistreaten by no bourgeoisie“) getrieben haben. Auch die dB’s hatten noch eine eigene Geschichte der Pop-Musik zu schreiben, und auf die Dauer war es nicht mit Chiltons Lektionen getan. Das erste Album Stands For Decibels bringt noch ein paar der Singles-Klassiker, aber in einem völlig verwandelten Sound. Die monatelange perfektionistische Arbeit trug vor allem Vorbildern wie den Beach Boys Rechnung: „Beach-Boys-LPs wie Friends, Smiley Smile oder Pet Sounds sind vom Arrangement, der Produktion und den Melodien her absolut einmalig und unerreicht. Eine Musik, auf die sich Chris und ich einigen können. Eigentlich ist er eher der Tüftler von uns beiden, er hat Harmonielehre studiert und konstruiert Melodien sehr bewußt, während ich mehr von Rock’n’Roll-Tradition zehre“, meint Peter Holsapple.

    Doch umfaßt der Geist von Stands For Decibels weit mehr als nur die Rekonstruktion der Beach-Boys-Brillanz. Der Reiz der Platte besteht eher in der Mischung, im Zusammenwirken von lustvollem Aufgreifen eines bereits bestehenden Stils und dem Durchbruch der eigenen, noch sprachlosen Leidenschaft. Was alles zum Vokabular der dB’s gehört und wie flexibel sie es organisieren, zeigt dann ein Live-Auftritt, Samstagnachts gegen drei in New Yorks „Peppermint Lounge“, die zu diesem Zeitpunkt mit eher konservativen Fun-geilen Teenagern aus den Vororten gefüllt ist, die sich von der Tanzfläche die Lunge nach „Rrrrockandrrrooll“ heiser schreien. Man konnte befürchten, daß in dieser Atmosphäre kein Mensch einen Nerv für den Filigran-Pop der dB’s hat. Aber die meistern die Situation auf ihre Weise. Etwas kraftlos schlurfen sie auf die Bühne, scheinbar ohne Angst vor dem Löwen in der Höhle oder den Hexen des Kessels. Die vier z. T. recht langhaarigen Figuren bauen sich in aller Ruhe vor ihren Instrumenten auf, bis Peter Holsapple mit einem Riff auf der Gitarre einsteigt, das hier alle kennen: „Up Around The Bend“ von Credence Clearwater Revival. Und für einige Momente verschmilzt nicht nur seine Erscheinung mit dem Aussehen der großartigen Fogerty-Brüder, der ganze Song wird in Sound und Arrangement bis hin zur Stimme an das Original angelehnt. Das Publikum hat seinen „Rock’n’Roll“ und die dB’s nützen ihren Überraschungscoup aus, um das Publikum über die rockigeren Nummern der zweiten LP Repercussion langsam in die dB’s-Welt einzuführen.

    „Vieles erklärt sich dadurch, daß wir aus einem ganz isolierten Nest in North Carolina stammen und uns zwar enorm intensiv, aber aus der Ferne mit Pop beschäftigt haben, da entstehen ganz andere, leidenschaftliche Beziehungen zur Musik. Wir kommen auch heute besonders gut an, wenn wir an Provinz-Colleges spielen. In North Carolina entsprechen die Menschen eben nicht so den Großstadt-Stereotypen. Da, wo ich herkomme, gibt es zum Beispiel so einen Typ, das ist ein ganz reaktionärer Redneck, ein versoffener gewalttätiger Kerl, der Rote und Schwule gern abknallen würde. Neulich hat er sein Herz für BowWowWow entdeckt und jetzt läuft er mit einem Matthew-Ashman-Irokesen-Schnitt herum.“ Peter Holsapple stellt sich als der erste Mensch heraus, den ich in diesem Business treffe, der Van Dyke Parks nicht nur kennt, sondern ihn auch, wie ich, für einen der fünf größten Musiker der Gegenwart hält. „Wir warten natürlich auch seit sieben Jahren auf seine vierte LP, aber zwischen Song Cycle und Discover America waren auch vier Jahre, und als wir ihn mal in LA besucht hatten, haben wir den Eindruck bekommen, daß er an etwas ganz Großem arbeitet. Er hat ja einen Teil der Musik von ‚Popeye‘ gemacht, und er tritt auch einmal kurz als Pianist auf.“

    Peter Holsapple und Chris Stamey, vor allem ersterer, arbeiten auch als Musikjournalisten, vorzugsweise beim „New York Rocker“. Im Moment macht Peter ein Buch, das, wie die „Golden Turkey Awards“ fürs Kino, die schlechtesten Platten der Rockgeschichte zusammenfaßt. Fan, Analytiker, Beobachter – der Typ des Pop-Musikers entfernt sich immer mehr von „Man we play our music don’t ask me about politics“-Typ vergangener Jahre. Pop ist zu einer Sprache geworden, die man weder mit der Muttermilch („entweder fühlst du es oder du fühlst es nicht“) aufsaugt, noch einfach durch die Ausbildung in Sachen Musik, Klang und Töne, Harmonien und Dissonanzen beherrschen kann. Pop ist mehr. Unschuld kann nur noch durch Besessenheit gerechtfertigt werden. Und Lärm ist kein Fortschritt, sondern Dada-Revival.

  • Lora Logic – Madonna im Schafspelz

    Als eine faszinierende Person fällt sie uns schon seit Jahren auf. Eigentlich seit X-Ray Spex’ formidablem „Oh Bondage Up Yours“-Debüt. Eine der fünf größten Punk-Singles überhaupt, und Lora bläst das Saxophon. In den folgenden Jahren kamen Singles und LPs und Auftritte, aber nie schafften wir es so richtig, mit ihr in Kontakt zu kommen.

    Mehrere kurze Artikel legen davon Zeugnis ab. Erst nach ihrer äußerst ausgeruhten letzten LP ergab sich auch eine ausgeruhte Situation für ein längeres Gespräch, das die Widersprüche, die vielfältigen Neigungen, Facetten dieser Persönlichkeit wenigstens streift.

    Von jeher hatte mich Loras leicht ätherische, entrückte Ausstrahlung verwirrt. Man könnte meinen, daß sie mit ihren Gedanken sonstwo ist, aber ein kleiner Witz, ein plötzliches Lächeln zeigen, daß sie ganz da ist; auch wenn sie sich, wie meistens, hinter arabischen Tüchern, Schals, wallenden Umhängen, indischen Gewändern und Pudelmützen verbirgt. Ihre Erscheinung erinnert etwas an Free-Jazz-Musiker der Sechziger, die gerade auf einem religiösen oder politischen oder auf dem Weltmusiktrip waren und sich gern mit tausend Zeichen ihrer Lieblingskulturen behingen. Bei Lora Logics Musik war Exotik immer im Spiel. Flirts mit Nordafrika z. B. Sie hat letzten Sommer zwei Monate mit Beduinen auf der Sinai-Halbinsel gelebt, und schon auf ihrer ersten LP mit ihrer langjährigen Band Essential Logic liebte sie rätselhafte Namen, Anspielungen und Sätze wie „Diesel injection of light / Medieval rejection of life / Oh, making the commitment / soliciting with the beat / learn the shabby robot rules / in beat religion school“.

    Beat Rhythm News war ein Dokument eines, nennen wir’s ruhig punkigen, wiedererwachten Jazz-Geistes mit haargenauen, durchdachten Kompositionen, abgezirkelten harten Melodien, dominiert von Loras Stimme und Sax-Overdubs, aber noch frei von der Ätherik und Gelöstheit späterer Singles oder der neuen LP. „Ich find sie gut, die Platte, aber sie war nicht gerade relaxt, das Aufnehmen war verkrampfter, und wir haben manche Stücke monatelang geprobt, deswegen klingt alles so überexakt und kantig. Bei Pedigree Charm war das Schöne, daß die Aufnahmen in dem Bewußtsein entstanden, daß man nicht so ernst nehmen muß, was man tut. Das heißt nicht, daß mir die Platte nicht wichtig ist. Ich wollte diese Sachen schon lange machen, auch schon mit Essential Logic. Aber ich konnte es mit diesen Musikern nicht machen. Wir haben uns gut verstanden, aber du weißt, boys will be boys, und Musiker haben eh alle ein großes Ego. Abends trinken sie und morgens stehen sie nicht auf. Die letzte Tour mit Essential Logic war wunderbar, wir alle wußten, daß es die letzte sein würde, und daraus ergab sich diese tolle Atmosphäre. Danach nahm ich die Platte ein erstes Mal auf. Mit Phil Legg an Gitarre und Bass und mit einem Schlagzeuger, der Duncan hieß. Dann ging ich mit Red Crayola auf Tour und legte das Projekt erstmal auf Eis. Ich war unzufrieden mit Baß und Schlagzeug, und die ganze Platte wurde ein zweites Mal aufgenommen, mit Charles Hayward von This Heat und Ben Annesley, den ich auf der Red-Crayola-Tour kennengelernt hatte. (…) Im Vergleich zu früheren Aufnahmen hatten wir überhaupt keine Schwierigkeiten, uns zu organisieren, alles entstand wie von selbst.“

    Warum in Arizona?

    „Oh, das war nicht in Arizona. Wir haben die Platte in meinem eigenen Studio aufgenommen in Brixton. Ein enger kleiner Raum, in dem wir manchmal auch schlafen mußten. Alles war so beengend und deprimierend, daß wir dann die Sache umgedreht haben und das Studio ‚Milton Groovy Arizona‘ genannt haben. Inzwischen nehmen auch andere Leute da auf, und wir bekamen nach der LP begeisterte Anrufe, wie ‚Wer ist der Produzent‘, ‚Wo ist das Studio?‘ Im Moment nimmt gerade Stuart Moxham mit The Gist darin auf.“

    Pedigree Charm ist eine Platte, die man weniger leicht in den Griff und ins Ohr bekommt, als man zunächst denken könnte; das geht von den großen Freiräumen, die der Zuhörer in der luftigen Produktion und Loras klarer Stimme vorzufinden meint, die sich aber bald als handfeste Verführung durch intelligente Luftspiegelungen entpuppen, bis hin zu den nahezu kryptischen und verschlüsselten Texten. „Ich sprech nicht gern über meine Lieder nach der Art von ‚Dieser Song ist über das und jener über das‘, ich finde ‚Martian Man‘ bringt es auf den Punkt.“ Der Mann vom Mars und der kriegerische Mensch, die Schlüsselzeilen des Songs sind „Martian Man is dead / … / action man is only lead / no more fiction / no more fiction / sugared mice are only frosted / … / muscle man is really thin / robots are only thin“

    „Das Lied spricht von der westlichen Zivilisation: Fernsehen, Medien. Keine Fiktionen mehr, sondern Wahrheit. ‚Pedigree Charm‘ (eigentlich Stammbaum) ist ein Wortspiel. ‚Pedigree Chump‘ ist eine bekannte englische Hundefutter-Sorte. ‚Hiss and Shake‘ handelt von alltäglichen Vergiftungen. ‚Crystal Gazing‘ ist der Titelsong eines Films, in dem ich die Hauptrolle spiele und auch die Filmmusik geschrieben habe. Zwei Regisseure, ein Ehepaar, bekamen eine Single von mir in die Hände, weil ihr Sohn das Cover lustig fand. Es war ein Affe drauf. Sie waren begeistert von der Musik, von der sie noch nie vorher gehört hatten. Die Frau schrieb also eine Geschichte. Sie wollte jemanden beschreiben, der so ist, wie sie sich die Person vorstellt, die diese Musik gemacht hat. Sie nannte ihren Charakter Kim. Dann rief sie mich an. Ich las das Drehbuch, und Kim ist tatsächlich genau wie ich. Der Film spielt in Notting Hill Gate unter sechs verschiedenen Personen und spiegelt die ökonomische Depression von 1981 wider. Drei Personen begehen Selbstmord, und ich bin eine Rockmusikerin, irgendwie ist das Ganze auch ein Witz über ‚Breaking Glass‘. Ich bin irgendwann in ‚Top Of The Pops‘ und singe ein Lied, das ich einem der Selbstmörder widme, und träller dann aber ganz fröhlich los. Sehr krank das Ganze.“

    Es geschieht oft, das man jemanden unerträglich findet, der nahezu das gleiche Denken, das gleiche Weltbild propagiert wie man selber. Man haßt ihn wegen der kleinen Unterschiede. Oder man haßt Leute, deren Denken einem den Lebensraum vergiftet (wie z. B. alle Astralhippies, holsteinischen Studenten, Feuilleton-Liberalen und New-Wave-Dummys), mit seinen Lügen, Eingrenzungen und Wiederholungen. Und es gibt Leute, die man vollkommen versteht, vor allem, wenn es die Möglichkeit gibt, über Kunstwerke zu kommunizieren, und die dennoch Dinge meinen, mit denen man nicht nur nichts zu tun hat, sondern die man normalerweise nur aus elenden Zusammenhängen kennt. Die Ästhetik, die Lora Logics Musik bestimmt, sagt mir bis ins kleinste Detail zu. Sie spricht die Wahrheit. Doch in Loras Rede kommen Begriffe vor wie „Körper und Seele“, „spirituell und materialistisch“ oder gar „Krishna“. Obwohl völlig weltlich in ihrer Lebensführung, politisch informiert und von offenem Wesen, gibt es etwas, in ihrer Musik lokalisierbar, das sie selbst als spirituell bezeichnet. Sie erzählt mir die Geschichte eines bestimmten Wissens, das in Indien von Prophet zu Prophet weitergereicht werde, und das eine sehr genau ausformulierte Wissenschaft vom Leben beinhalte, ja, es sei wirklich eher Wissenschaft als Religion. Ausgehend von der Prämisse, daß die Seele wiedergeboren werde, ginge es eben darum, das Übergangsstadium in unseren jeweiligen Körpern so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Wahrheit dieser Lehre sei offensichtlich. Wer sich genau ansieht, wie gut alles in der Natur funktioniert, müsse doch einfach begreifen, daß ein höheres Prinzip dahinterstehe. Gerade weil das so offensichtlich ist, ist es doch verdächtig, wende ich ein. „Oh, nein, das ist nicht eine von diesen billigen Hippie-Philosophien, die irgendein geschäftstüchtiger Inder nach Europa importiert, um mit der Scheinlösung anderer Leute Probleme schnelles Geld zu verdienen.“ Jedenfalls unterzieht sich Lora hin und wieder („ganz ohne Zwang, nur wenn ich Lust dazu habe“) einer bestimmten, strengen klösterlichen Zucht in einem Londoner Tempel, wo sie um vier Uhr aufsteht und diverse Übungen mitmacht. Wenn sie auf Tour ist, lebt sie allerdings wieder einen völlig anderen Stil, raucht und trinkt und findet auch nichts dabei, und zwischen Weihnachten und Neujahr fährt sie mit ihrer Familie nach Österreich in den Ski-Urlaub.

    „Mit Mayo Thompson habe ich oft nächtelang über solche Fragen diskutiert, und es ist natürlich klar, daß wir uns nie einig werden, denn er ist ja Marxist, und Marxismus hat ein Zentrum, aber für mich ist es klar, daß ein Zentrum immer ein höheres Prinzip sein muß, nichts Weltliches. Trotzdem reden wir immer wieder, und ich bleibe ja auch in Red Crayola.“ Ich sehe es ja auch eher so wie Mayo und rede gern mit ihr. „Es ist ja auch viel Perverses im Namen von indischer Kultur angerichtet worden. Das hat mit der Kolonisierung zu tun. Die Aufrechterhaltung kultureller Traditionen ist ein schwieriges Unterfangen, und es ist klar, daß ein völlig fremder Einfluß wie der englische viel zerstört und entwurzelt hat, aber das hat alles nichts mit dem zu tun, wofür ich mich interessiere.“ Die Unabhängigkeit kann man Lora ohne weiteres abnehmen.

    „Mein Glaube, obwohl ich es nicht gern Glaube nenne, denn ich predige nicht gern, und ich würde auch nie in Songtexten von diesen Dingen reden, ist sehr stark beeinflußt worden durch Erfahrungen, die ich in Krankenhäusern gemacht habe. Ich hatte die Gelegenheit, ausgiebig Menschen sterben zu sehen. Und da passiert jedesmal etwas Seltsames. Sie sterben nicht einfach so. In dem Moment, wo der Tod eintritt, wo das Belebte sie verläßt, wird dir klar, daß da etwas den Körper verlassen hat. Man merkt das ganz deutlich.“ Lora redet noch eine Weile über die einzelnen Propheten, die sie interessieren, über Indiens Rolle in der Frühgeschichte und über die politischen Implikationen ihrer Religion: „Wenn die Menschen nicht mehr so stark an materiellen Werten hängen, gibt es für sie auch keine Notwendigkeit für geregelte Arbeit und politisches Wohlverhalten. Sie werden freier.“ Leider scheitere ich immer wieder an Begriffen, die mich schon zu Hippie-Zeiten terrorisiert haben und die ich nun von Lora wiederhöre: Energy, Spirit – vage Worte, die für die, die sie verwenden, über magische Kräfte zu verfügen scheinen, die ich aber nicht einmal mit der Kohlenzange anfassen mag. Womit wir wieder beim Thema wären: Ars Longa Vita Brevis. Die Texte von Lora erreichen genau das, was solche Worte nicht erreichen: sie treffen zu. Konkret im Bild, wirksam, ohne auf die reaktionäre Tätigkeit der Interpretation bauen zu müssen, die entkräftet, was Sprache an Kraft entwickelt. Lora sagt: „Ich mag Art & Language gern. Ich mag diese Verbindung von Kunst und Sprache.“ Abends sagt mir jemand, der recht hat: „Das ist ja gerade das Gute an der heutigen Zeit. Daß jemand bei Hare Krishna sein kann, ohne daß das weiter wichtig ist. Daß die großen Dinge, die früher ein Leben total umkrempelten, heute die kleinen Dinge sind, und daß die kleinen Sachen zählen.“

    Es ist die Rough-Trade-Welt, wo so verschiedene Dinge wie Mayo Thompsons hochintellektueller Marxismus, David Thomas’ Jehovah, Lora Logics Krishna und Scritti Polittis frankophile Pop-Semiologie nebeneinander existieren können und nicht zu peinlichen Konzepten ausgewalzt werden, sondern einfach und bescheiden zu größerer Buntheit beitragen. Dafür braucht man keine liberalen Toleranzlügen, nur etwas weniger Kleinlichkeit. Werte die klassischen Weltanschauungen einfach ab und verstehe sie als Teil der Pop-Kunst! So wie Kleidung, Gitarrentypus, Haarschnitt oder die weltbewegende Entscheidung, ob Drummer oder Rhythmus-Box. Wer gut ist, hat eben auch das Recht, recht zu behalten.

    Und am nächsten Morgen erzählt Lora einem gewissen M.O.R.K., wie sie Abba findet, „Changes“ von Bowie, die Musik ihres Großonkels Kurt Weill und die Gesänge sizilianischer Hirtenjungs. Und ihr Lieblingsclub sei der „Dschungel“ in Berlin, man könnte dort schon nach einem Getränk vollkommen besoffen sein. Irgendwann werde sie ein Buch über Mayo Thompson schreiben, das sei die seltsamste Person, die sie je kennengelernt hat.

    „Natürlich sind Heilsversprechen auch Waren. Aber man muß sich ja um irgendetwas kümmern, so …“ Dieses so, mit einem freundlichen Lächeln begleitet, ist Loras Antwort. Sei es, daß sie über den Unterschied von „wahrem Ego“ und „falschem Ego“ referiert, sei es, daß sie ihre Lieblings-LPs aufzählt, alles endet mit diesem lächelnden so. In der Mitte ihrer Stirn hat sie einen Leberfleck, der genau da sitzt, wo bei indischen Brahmanen-Frauen deren künstliches Kastenzeichen ist. Und wenn ich spirituell in meinem aktiven Wortschatz hätte, würde ich das Wort garantiert auf Loras Pedigree Charm-LP anwenden, so sage ich inspiriert. Wir lassen dann offen, welcher Atem sie angehaucht hat. Sie hat für mich heute die Wirkung, die in den frühen Siebzigern Van Morrisons Platten hatten, Beruhigung und Stärkung, ein kräftiger naturreiner Vitaminsaft fürs Hirn. Mit Poly Styrene, die Lora damals bei X-Ray Spex rausgeschmissen hat, wird Lora wahrscheinlich bald eine gemeinsame Platte machen. Die beiden haben sich zufällig im besagten Tempel wiedergetroffen und viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Seltsam sind die Wege des Punk. So.

  • Jean-Luc Godard

    Der beste Film des vergangenen Jahres war – obgleich bereits zwei Jahre alt – Jean-Luc Godards Rette sich wer kann (das Leben). Daher sind die beiden besten Filmbücher zwei, in denen Godard zu Wort kommt. Sie sind es so, wie in einem Jahr, wo Deutschland Fußball-Weltmeister wird, das Buch, das davon erzählt, das beste Sportbuch ist. Diese Bücher gestatten es, sich noch einmal in das zu versenken, was einem an diesem Film Freude gemacht hat. Sie sind der lange Arm des Films.

    Dies gilt vor allem für Liebe Arbeit Kino. Interviews mit Godard, mit Kameraleuten, die sich über Schwierigkeiten mit Godard auslassen, mehrere Drehbuchentwürfe und eine einfallsreiche Gebrauchsanweisung von Lothar Kurzawa. Ergiebiges Material zum Schmökern nach dem Kinobesuch, zu einem Preis, der nicht viel höher ist als der der Eintrittskarte.

    Wie Liebe Arbeit Kino ist auch Godards Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos kein Buch im eigentlichen Sinne, sondern ein weiterer Film von Godard, den man mit sich herumtragen kann. Ein über 300 Seiten langes Vorspiel auf eine Geschichte des Kinos, die dann nicht mehr folgt, weil sie nicht realisiert werden konnte und ohnehin nicht geschrieben, sondern gefilmt werden sollte. Denn eine „wahre“ Geschichte des Kinos sollte laut Godard aus „Bildern und Tönen gemacht sein und nicht aus illustrierten Texten“.

    Godard hatte sich in Kanada aufgehalten, um mit dortigen Filmstudenten ein Drehbuch für eine solche Geschichte des Kinos zu erarbeiten. Die ließ sich dann aber aufgrund mangelnder Geldmittel nicht drehen. Geblieben sind Tonbandprotokolle der Seminarsitzungen, aus denen jedoch die Beiträge der Studenten ausgeblendet wurden. Godard hatte in seinem Sinne bezeichnende Filme verglichen, was aus den Kapitelüberschriften ersichtlich ist, die die fragmentarischen Monologe gliedern. Der Leser kann die angegebenen Filmtitel nutzen, um sich die wahre Geschichte des Kinos selber vorzustellen. Ebenso die Pausen in Godards Rede, die durch die ausgelassenen Studentenfragen entstehen, um sich einzuschalten. Was auch nötig ist, da auch Godard manchmal Dummes redet, etwa wenn er Clint Eastwood einen ausgemachten Schwachkopf nennt. Wo doch Clint Eastwood um einiges intelligenter ist als der Godard-Darsteller Jean-Paul Belmondo.

    Schließlich enthält dieses Buch dennoch mehr Wahrheiten als alle Statistiken oder Filmographien, die sonst in dem unmöglichen Genre „Filmbuch“ verkauft werden (die einzig sinnvollen Filmbücher sind neben solchen Regisseurauskünften Sammlungen von guten Kritiken oder Essays), und sei es die Wahrheit, daß Regisseure wie auch Musiker weniger glänzen als ihre Werke.

    Jean-Luc Godard: Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. Hanser-Verlag, DM 34,–.

    Jean-Luc Godard: Liebe Arbeit Kino – Rette sich wer kann (das Leben). Merve Verlag, DM 10,–

  • Gisela Weilemann, Helmer v. Lützelburg, Dominik Graf, Johann Schmid, Wolfgang Büld: Neonstadt

    Daß ein Episodenfilm Münchner Filmhochschulabsolventen, der zudem Neon(urgh!)stadt heißt, mit grauslichen intellektfeindlichen Sprüchen für ein pseudodekadentes Publikum wirbt, und – Gipfel der Marketingpeinlichkeiten – ein koksschnüffelndes Mädel auf dem Plakat präsentiert, so ganz anders ist, nämlich gut, kann uns, mit Vorurteilen à la „Südlich von Hamburg beginnt der Balkan“ (Helmut Schmidt) belastete Hamburger, nur erstaunen.

    Schon der Vorspann, der auch später zwischen den einzelnen Episoden fortgesetzt wird, zeigt, wie ernst und unprätentiös Pop im Kino sein kann. Die mit geringen Mitteln gedrehte Folge von Spots, in denen ein ums andere Mal einer der Filmdarsteller in einer grotesken Frustsituation den Kehrreim von „Paul ist tot“ singt: „Was ich haben will, das krieg ich nicht / und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht“, ist als deutsches Musical optimal. Der Fehlfarben-Satz überschreitet darüber hinaus die spezifische Ratinger-Hof-Schwebel/Hein-Mythologie und sagt Allgemeines über unsere Generation von fetten Kindern.

    In Gisela Weilemanns Beitrag „Verliebt, Verlobt, BRD-igt“ (auch hier ist der Film tausendmal besser / charmanter / ergreifender als der abgeschmackte Graffiti-Titel) entwickelt, neben der angenehm zurückhaltend agierenden Christiane F. (deren Mitwirken vom Verleih über Gebühr werbewirksam ausgeschlachtet wird), die Regisseurin selbst tragikomisches Talent, wenn sie in einer Absteige auf ihren Freund wartet (ein lümmelhafter, gleichgültiger Bavaria-Punk) und ihn anpiepst wie eine Sprechpuppe: „Wie findest du mein neues Kleid?“ und noch ergreifender: „Leg dich auf mich drauf!“ Die Episode verliert sich schweifend und leichtfüßig an Ereignisse, die entweder überdeutlich inszeniert sind (Michaela May als Karikatur der Hawksian Woman im Disco Ambiente) oder von schwereloser Zufälligkeit getragen werden.

    Im Gegensatz zu Gisela Weilemann setzt Helmer von Lützelburg, der in „Star“ ein bewegendes, manieristisches Sozial-Drama um eine ungeliebte, einsame, dicke Telefonistin inszeniert hat, die sich zum Wochenende in ihrem anonymen Apartment in eine bizarre Schöne der Nacht verwandelt, auf absoluten Professionalismus. Vor dem unwirklichen Glück flieht die Arme panisch, und dennoch läßt der nette Postbote nicht locker. Besonders effektvoll ist der Moment, wo der als Sozial-Drama beginnende Film während des Schminkvorgangs den Schritt zum unwirklichen Douglas-Sirk-Melodram tut. Ein Film, der treffend mit dem Jimmy-Ruffin-Klassiker überschrieben ist, der hier zum Einsatz gelangt: „What Becomes Of The Brokenhearted?“

    Dominik Grafs „Running Blue“, ein deutsch-vernebelter Waffenschieber-MAD/BND-Komplott, den man allerdings nicht zu sehen bekommt, sondern stattdessen das Unbehagen des Helden an der Durchsichtigkeit der sich entziehenden Mächte – hier gefällt fast nur eine Szene im verrauchten Speisesaal einer bayerischen Pension, wenn sich der coole Hamburger Wolfgang Fink hysterisch über einen zu klein geratenen Eidotter beschwert.

    „Panther Neuss“ ist ein romantischer, leicht verrückter, pubertärer Rebell, wortkarg und poetisch. Eine rasendschnelle Story, die auch die Rapper-/Musiker-Talente des Hauptdarstellers Stefan Wood vorführt. Höhepunkt dieser Anthologie ist aber eindeutig Wolfgang Bülds clevere, routiniert-harte Tragödie „Disco Satanica“, die noch einem Brian De Palma zur Ehre gereicht hätte. Tod und Rache kommt über das verderbte Nachtleben wie eine alttestamentarische Plage.

    „Why I Love To Live Fast“ nannte Andy Warhol mal einen Essay – diese Filme zeigen, daß man gar nicht so viele Meter Film braucht, um wirklich große Spielfilme zu produzieren. Hello, Hans-Jürgen Syberberg!