Kategorie: Archiv

  • Eddie Murphy – Der Champion

    Am Anfang der Talk Show fragt Eddie erst mal nach, ob unter seinen Zuschauern auch keine Weißen, Schwulen, Juden, Chinesen oder andere Opfer seiner Witze zu finden sind. Witze über nichtschwarze Mehr- oder Minderheiten sind nun einmal sein Geschäft. Und er braucht sich auch in der Regel keine Sorgen zu machen: seine supererfolgreichen Ein-Mann-Talk-Shows in den größten Kabaretts der USA werden zu 99 % von seinesgleichen besucht, den jungen, smarten, illusionslosen Schwarzen. Alle wissen sie: black is best!

    Was ist der Unterschied zwischen schwarz und weiß? Eddie weiß eine Antwort. Hinckley schießt auf Reagan. Der weiße Sicherheitsoffizier stellt sich schützend vor den Präsidenten, wirft sich in die Kugeln. Der schwarze tritt beiseite und denkt: „Fuck, shit, jetzt muß ich wieder bei meinem Vetter in der Wäscherei arbeiten.“

    Es gibt noch mehr Unterschiede: „Wir haben einen längeren Schwanz als die Weißen. Die Mädchen wissen das, auch die weißen Mädchen. Noch schlimmer sind die Chinesen mit ihren Stummelschwänzen.“ Dies wird fortan Eddies Rolle sein. Der hübsche junge Schwarze, der weiß: „Ich kann mir meine Nudel vergolden lassen. Mann, war ich gut!“ (aus Nur 48 Stunden). Eddie Murphy fickt gut, das muß gar nicht erst gesagt werden, das ist klar. Wer ihn im Kino sieht, wird an eine Wahrheit erinnert, die den meisten weißen Sex-Mythen verloren gegangen ist: wer gut redet, fickt auch gut. Sexualität und Sprache als analoge Systeme, die von der gleichen Gehirnfunktion betrieben werden. Vulgärsymbole sind der lange Schwanz und die große Klappe.

    Eddie ist jetzt 22 und ein großer Star. Er wird geliebt von einem Publikum, das wie der schwarze Sicherheitsoffizier sich einen Dreck um die Probleme des weißen Amerikas schert, das cool und notgedrungen mitarbeitet, aber unendlich hoch über diesen hektischen Kindsköpfen steht und in zynischer Ruhe und mit göttlichem Humor nur noch lachen kann. Damn! Shit! Fuck! Fuck und Shit, was die Weißen so treiben, aber die Eddie Murphys durchschauen es in cooler, manchmal direkt menschenfreundlicher Gelassenheit, ohne allzuviel Aufhebens davon zu machen, daß sie’s durchschauen. Nur ein paar Witze hier und dort.

    Es ist dabei durchaus kein Widerspruch, daß diese Eddies gerne mit dem weißen System zusammenarbeiten, wenn es ihnen nützt. Eddie spielt in weißen Fernsehshows, ist recht oft ein Alibi-Schwarzer. Außer dem schwarz angemalten Weißen Sammy Davis Jr. ist er der einzige Schwarze, der in einer Produktion für das weiße Publikum Kino-Hauptrollen spielt.

    Eddie Murphy kommt aus einer relativ heilen Familie und aus New York. Sein Vater starb als er acht war, und Eddie mag seinen Stiefvater, er sagt: „Wenn ich einmal sterbe, sollen meine Kinder auch so einen tollen Stiefvater haben.“ Komischerweise sieht der Stiefvater Eddie ähnlicher als seine Mutter. In Saturday Night Live trat Eddie als 19-Jähriger die Nachfolge des berühmten schwarzen Komikers Richard Pryor an. Die Fernsehshow aus New York, aus der Leute wie Dan Aykroyd und John Belushi hervorgegangen sind, gehört zum Besten, was menschlicher Humor zustande zu bringen befähigt ist. Eddie Murphy ist zum Beispiel ein radikaler schwarzer Dichter und trägt in einer parodierten Dick Cavett Show sein Gedicht „I Killed My Landlord“ vor, das nur aus der einen Bekenner-Zeile „Ich habe meinen Hauswirt umgebracht“ und mehreren zornigen „Yeahs“ besteht. Danach ist „Guys Talk“ und Eddie Murphy ist der „Guys Talk“-Gast Michael Jackson. Ein Moderator fragt ihn, unter männlichen Grunzlauten und allerlei schulterklopferischen Kumpelgesten, er habe gehört, Michael sei von Diana Ross entdeckt worden, ob er, höhö, er wisse schon, wie es gemeint sei, auch sie schon mal „entdeckt“ hätte, höhöhö! Und Eddie legt tuntig die Hände in den Schoß, wackelt mit den Schultern, kichert und erzählt mit Kastratenfalsett schweinöse Chauvi-Geschichten, einen Schwall von lustigen Obszönitäten.

    Ein Jahr später ließen sie ihn Nur 48 Stunden drehen. An der Seite des great white Muffels Nick Nolte jagt er gezwungenermaßen eine Gangsterbande und will doch eigentlich nur Sex. In der berühmten entscheidenden Szene nimmt er als falscher schwarzer Sheriff einen Redneck-Laden auseinander: „Und nun noch einmal für die Landbevölkerung zum Mitschreiben“, leitet er seine Beschimpfungskanonade auf Hinterwäldler, Weiße, Schwule etc. ein. Auf alle, die sich mit ihm einfach nicht messen können. Das kann in diesem Film auch allenfalls Nick Nolte, mit dem er sich prügelt und der schließlich sein Freund wird, weil er so zäh und so roh ist. Die beiden sehen dann aus wie Horst Hrubesch und Jimmy Hartwig.

    Im Moment läuft in den deutschen Kinos Die Glücksritter, dessen Handlung Eddie die Möglichkeit gibt, das neue schwarze Lebensgefühl amüsierter Überlegenheit beim notgedrungenen Mitmachenmüssen in verschiedenen sozialen Situationen darzustellen. Als schwarzer Topmanager sieht er haargenau so elegant geboren aus wie die vielen schwarzen Manager, die die Zeitschrift Ebony – eine Art Stern nur für Schwarze – als vorbildliche Erfolgsmenschen vorstellt. Brothers, die es geschafft haben. Als pfiffiger Schnorrer von der Straße ist er nicht mehr von denen zu unterscheiden, die in Wirklichkeit die Straßen der US-Großstädte säumen. Er sagt damit aber nicht, daß er ein tolles Verkleidungstalent ist, er sagt: in all diesen Brothers ohne Geld und Arbeit steckt ein smarter, flitziger, flinker Eddie Murphy. Und das ist irgendwie besser und moderner, auf jeden Fall präziser, als „Say it loud / I’m black and I’m proud“. Eddie ist immer pragmatisch schlau und diesseitig. Er ist ein mitfühlender Zyniker, dünn, gelenkig und jugendlich und keiner von den ernsten, alten Charismatikern, die bislang schwarze Helden abgaben: Isaac Hayes, James Brown, Martin Luther King oder Miles Davis. Er ist kein Buddhist, Christ, Black Muslim und gehört auch der Zulu Nation nicht an. Ganz und gar untranszendent.

    Immer durchmogelnd, aber immer neugierig. Eddie Murphy reißt ständig die Augen auf und hält etwas nicht für möglich. Sekundenlang schweigt er mit aufgerissenen Augen in höchster Konzentration. Dann ein Wortschwall und dann wieder eine ruckartige Taekwondo-Bewegung. Eddie Murphy macht aus einer reinen Dialogszene einen Boxkampf, einen Schlagabtausch. Nick Nolte war zwar bald angeschlagen, aber er konnte immerhin noch rohe, männliche Kraft, die Vorteile des Schwergewichts gegen das gewandte Leichtgewicht Murphy ausspielen. Dan Aykroyd, sein Partner in Die Glücksritter, ist ihm nicht gewachsen.

    Es geht die Legende, Rap sei entstanden aus dem Spiel „Signifyin“, einem Spiel New Yorker Straßenkids, bei dem es darum gegangen sei, den Gegner nur durch Worte, möglichst durch Reime, zum Weinen zu bringen, den verbalen k.o. Und so wie beim Boxen die Schwarzen seit 50 Jahren unangefochten regieren, hat auch Eddie Murphy keinen weißen Gegner mehr zu fürchten, weder Woody Allen noch Gisela Schlüter.

  • Boy George – Kindergottesdienst mit dem Verführer

    PROLOG

    Daß Boys aussehen wie Girls und Julie Driscoll wie ein Boy, kennen wir. Woher? Aus Swinging London natürlich. Und Swinging London war nicht Hippie-San-Francisco, wo man vielleicht gelegentlich mit Trans-Love-Airways hinjettete. Nein, Swinging London war genauso offensiv, humorig und unernst wie London 77, swinging eben. Wie „Karma Chameleon“.

    DAS EI

    1973 war die Kiff-Kultur-in-Kneipe in Hamburg „Das Ei“. Ich war eigentlich jedes Wochenende da und hatte mich mit dem DJ angefreundet, der damals so alt war wie ich heute und mit dem meine Freunde und ich Platten tauschten. Man tanzte damals ernsthaft zu „One More Saturday Night“ oder „Casey Jones“ („Drivin that train / high on cocaine“) von Grateful Dead. Alles war sehr weich, fließend, natürlich oft einfach schlapp und öde, aber auch anmutig und swingend. Zu den Attraktionen des „Ei“ gehörte ein großgewachsenes, gutaussehendes Wesen mit langen, blonden Haaren. Es trug einen sehr weiten Pullover und seine Stimme war geschlechtsunspezifisch. Mal nachzufühlen, ob Junge oder Mädchen, wäre damals uncool gewesen. Das Geheimnis blieb bestehen bis der Laden vom Rauschgiftdezernat geschlossen wurde. 1974 ging man schon wieder woanders hin. Keiner hat dieses Wesen je wieder gesehen.

    DER FAN

    Naturgemäß ist niemand mit den Geheimnissen, Mikroattraktionen, Strategien, Wirkungsweisen eines Stars so vertraut wie der Fan. Ich habe es mir neuerdings zur Arbeitsmethode gemacht, zu Interviews mit Stars einen Fan mitzunehmen, der immer mehr sieht, als ich sehe. In diesem Fall war es ein professioneller Fan, jemand, der sich, von Kindesbeinen an Fan, in vielen Jahren der Erforschung und des Kontaktes mit Stars, vom naiven zum bewußten Fan entwickelt hat und zur Zeit Boy George favorisiert, den Star des Jahres 1983.

    DIE MUTTER

    „Ich bewundere meine Mutter. Früher war sie von ihrer Arbeit und ihrem Haushalt furchtbar unter Druck gehalten worden. Heute sieht man erst, was in ihr steckt.“ (Boy George) „Don’t say you didn’t hear us calling / you’ll be sorry in the morning / when we tell you / Mama had tears in her eyes / She’s the only one who never cries“ (Culture Club: „That’s The Way“)

    DER MANN

    „Sie trinken Bier, sehen Fußball und schlagen ihre Frauen. Ein männlicher Mann und eine extrem weibliche Tunte sind das schlimmste, was es gibt. Ich hasse Skinheads.“ (Boy George) „On the streets they’re preaching violence / Mr. Man, it’s in your head“ (Culture Club: „Mister Man“)

    BOY GEORGE I

    „Ain’t it obvious / I’m just a man like you“ und „I’m a man who doesn’t know / how to sell a contradiction“ (Bekannte Zitate aus der neuen LP) „I’m a man of constant sorrow“ (Bob Dylan)

    BOY GEORGE II

    Die Düsseldorfer Philipshalle. Ein ziemlich leeres Verwaltungszimmer. Boy George trifft ein, in der Hand eine Flasche Diätorangensaft. Seine Hände, entweder zu schwach oder zu feucht, mühen sich hilflos bei dem Versuch sie zu öffnen. Seine Schminke ist, laut Fan, eine notdürftige Zehn-Minuten-Schminke. Er ist wesentlich größer als ihn jede Bühnendekoration oder Fotokulisse zu verkaufen sucht, mindestens 1,85. Er ist wesentlich männlicher, als ihn jedes Foto zu verkaufen sucht. Man nimmt ihn nicht in den Arm, man läßt sich von ihm in den Arm nehmen. Er ist jetzt weder Puppe noch Pinocchio. Er trägt unter seinem Gewand einen Polyacryl-Pullover. Er hat sich noch nicht rasiert. Unter der Schminke ist ein leichter grauer Schatten am Kinn zu erkennen. Er ist ein Mann.

    SEX I

    „Nichts ist scheußlicher als totale Permission. Ich denke dabei an L.A., wo nur gefickt wird und nichts dabei empfunden, wo es nur um dieses Gehn-wir-zu-dir-oder-zu-mir-Spiel geht. Ich habe durchaus eine puritanische Ader. Ich bin für Liebe und jeder, der leugnet, daß jeder sich irgendwann verlieben muß, hat ein krankes Lebenskonzept. Der lügt. Und sich verlieben, heißt Verantwortung übernehmen“, sagt Boy George.

    IST BOY GEORGE EIN MODERNER MENSCH?

    Der moderne Mensch für Arme ist George Michael von der Gruppe Wham! (obwohl er trotzdem gut ist). Der unmodernste Mensch ist Mick Jagger. Malcolm McLaren könnte der moderne Mensch sein, aber er ist erstens zu bewußt und zweitens nichts anderes als ein 68er, der seinen Verstand nicht verloren hat. Boy George, der Mann der Gefühle, der großen schönen alten Werte, der Clown, Verkleidungskünstler, Exzentriker in alter britischer Tradition und Leser von Camp-Fotobänden müßte eigentlich als klassische, zeitlose Boheme-Erscheinung unter extrem altmodisch (und dabei noch Modernität vorgebend) abgeheftet werden. Aber machen wir uns klar, daß die modernsten Menschen nach wie vor Gertrude Stein (1874-1946) und Andy Warhol sind, daß weiterhin der Star Boy George, der eine Erfindung des Menschen George O’Dowd ist, vollkommen neu ist. Zunächst ist der Verführer, der ohne Ziel verführt, nur um des Verführens willen, eine verdammt moderne Figur und Boy George ist ein solcher Verführer, es geht ihm unentwegt und einzig und allein darum, Menschen in sich verliebt zu machen. Mit Erfolg. Der einzige andere Pop-Star, der in bestimmten Phasen seiner Karriere dieses Ziel verfolgte, ist Bowie. Zum anderen ist Boy George ein Kinderverführer. Er gibt den kurz vor erster, früher Reife befindlichen Kindern den entscheidenden sanften Stoß in das Wasser des aktiven Liebeslebens. Er übernimmt die Funktion der Mädchenbücher mit dem Unterschied, daß er zum Handeln rät.

    IST ER DENN EIN AUFKLÄRER?

    Natürlich nicht. Aufklärung ist ein altes sozialdemokratisches Projekt zum Zwecke der Limitierung des originellen Denkens auf ein limitiertes PROBLEMBEWUSSTSEIN. Boy George ist kein Biologiebuch, er ist ein Aphrodisiakum.

    DIE FRAU

    „Frauen sind eindeutig besser als Männer. Frauen können sich in Männer hineinversetzen, umgekehrt geht das nicht. Frauen sind weiser. Sie haben eine breitere Palette von Emotionen.“

    MUSIK I

    „Viele Musiker haben Angst, bestimmte Stile zu verwenden oder zu übernehmen, weil sie fürchten, unglaubwürdig zu wirken. Das finde ich falsch. Der Irrtum ist, zu glauben, daß es irgendetwas Eigenes oder Neues in der Musik geben könnte. Musik ist eine sehr traditionelle Angelegenheit, alles ist schon dagewesen, außer vielleicht Stockhausen und Philip Glass und so’n Zeugs, aber nicht einmal das ist heute noch neu.“ Er hat sich vom Image-Künstler zum Song-Writer entwickelt. „Die Musik ist für mich viel wichtiger geworden als sie es am Anfang war. Ich wußte nichts über Musik. Ich habe unseren Bassisten damals per Anzeige kennengelernt und er fragte mich, was er spielen sollte. Jon (Moss, der Drummer) war auch dabei. Wir sahen uns ratlos an. ‚Spiel irgendetwas!‘ Es hat dann geklappt, wir haben uns verstanden. Im Laufe der Zeit habe ich irgendwann die Struktur des Songs begriffen. Heute bin ich soweit, einen einerseits so einfachen, andererseits so komplizierten Song wie ‚Karma Chameleon‘ zu schreiben. (…) Da ist Crosby, Stills & Nash drin, Beach Boys, Country & Western und trotzdem ist es ein Song. Ein altmodisches Lagerfeuer-Lied.“

    AMERIKA

    Culture Club handeln wie die Beatles. Sie nehmen den Amerikanern ihre besten Traditionen, veredeln sie zu sophisticated Amalgampop und schenken sie ihnen zurück. „Ich glaube nicht. Ich mußte nicht nach Amerika, um Gospel zu hören. Ich habe früher, als ich noch in Birmingham lebte, jeden Sonntag den schwarzen Gottesdienst besucht. Das war wunderbar. In den USA habe ich nicht einen Ton Gospel gehört. Nur Country & Western und Bruce Springsteen. Die Amerikaner haben keine Kultur. Deswegen haben sie auch Schwierigkeiten mit unserem Outfit gehabt. Sie konnten es in keine Kategorie einordnen. In jedem europäischen Kulturvolk gibt es eine Tradition des Exzentrischen, besonders in England. Die Amerikaner brauchen ihre Kategorien, ihre Pole. Als unsere erste Platte herauskam, dachten sie, wir wären schwarz, weil wir Soul haben. Dann fanden sie heraus, daß wir weiß sind. Und dann, daß wir etwas seltsam aussahen.“

    MELTING POT

    „What we need ist a great big Melting Pot“ (Blue Mink) Culture Club spielen dieses Stück als Zugabe. Und als Manifest. Boy George sieht auf der Bühne wieder wie ein Puppe aus, etwas seltsam dimensioniert, mit seinem unförmigen Uncle-Sam-Outfit. Wir sehen weniger Boy Georges und Girl Georges als vor einem Jahr in Hamburg, und nicht so gute. Dafür rührende Fans, die mit Szene und Subkultur nichts am Hut haben. Dicke Männer mit Bauarbeiter-Armen, die ihre Töchter hochheben. Und dann am Schluß fallen sie alle in „Melting Pot“ ein, das Lied, das sie fast alle heute abend zum ersten Mal hören. Und sie verschmelzen mit, noch eine Kultur, die miteingeschmolzen wird, vom Kulturenclub, aber besser, Kulturenkirche. Bei Liedern wie „Victims“ lappte die Veranstaltung voll ins Kindergottesdienst-mäßige. Mit dem Unterschied, das diese Kinder glauben. Bewegend.

    SEX II

    Ist Boy George nun schwul oder nicht? Daß er mit Kirk Brandon liiert war, steht so gut wie fest. Daß vor ihm bereits Lou Reed, David Bowie und andere ursprünglich schwule Pop-Stars im Laufe ihrer Karriere auf die andere Seite wechselten ebenfalls. David Bowie beispielsweise verkehrte in einem Berliner Schwulencafé, wo man ihn nicht nur wegen seiner Berühmtheit gerne sah, sondern auch wegen seines Renommees als berühmter Bekenner. Als er jedoch wieder und wieder, mit immer größeren Zahlen von Mädchen zum Frühstück erschien, faßte sich die couragierte und engagierte Geschäftsleitung ein Herz und setzte den prominenten Gast vor die Tür. Boy George selber sagt von sich, er sei bisexuell und warum soll man ihm sein auf Musik bezogenes Credo („I enjoy everything, so why not do everything“) nicht auch als libidinöses Credo abnehmen. Eindeutig schwul und campy ist jedoch die Galerie seiner Helden: Oscar Wilde, Tallulah Bankhead, Quentin Crisp und (of all people) Montgomery Clift.

    JEMAND DER BOY GEORGE NICHT MAG

    sagt: „Culture Club sind einfach zu süß. Das ist wie weiße Schokolade. Man beißt rein und es schmeckt auch wirklich sehr gut, aber dann, wenn man noch ein Stück genommen hat, wird es einem zu süß und man muß kotzen.“

    EIN UNFALL

    Während sich im Inneren des Hotel Ramada die Grotesken abspielen, die sich in allen Hotels der Welt abspielen, wo Manager sich fern der Heimat betrinken, warten vor dem Hotel ein paar Verehrerinnen mit Autogrammbuch auf Mr. O’Dowd. Der Bus trifft ein. George, noch im Bühnenkostüm, geht, wie es seine Art ist, auf seine Freundinnen zu und will ihnen den Gefallen, den bescheidenen, den er gewohnt ist zu gewähren, gerne tun. Da schießt plötzlich eine Furie aus dem Dunkeln auf den 1,85-m-Mann, wirft ihn nieder, wobei beide gegen den kleinen Brunnen vor dem Hotel knallen. Fast wären sie hineingefallen, hätte nicht ein umsichtiger Virgin-Mann den Boy von hinten gestützt. Zu fünft versuchen Helfer die Furie von ihrem Star zu trennen. Doch die schreit nur immer wieder: „Ich hab ihn angefaßt, ich hab ihn angefaßt.“ Als sie schließlich doch getrennt werden, verprügeln die anderen Mädchen, denen ein vom Schock gezeichneter Boy George nun keine Autogramme mehr gibt, ihre Konkurrentin mit ihren Poesiealben.

    BOY MARILYN

    Georges alter Freund Marilyn ist jetzt bei Phonogram untergekommen. Auch er, einer von denen, die wie ein Madl ausschaun. „Ich mag den Typ sehr gerne, aber ich mag sein Image nicht, ich möchte nicht, daß es einen Schatten von mir gibt.“

    IST CULTURE CLUB EINE MODERNE BAND?

    Es war vor ein bis zwei Jahren eine neue und damit moderne Erkenntnis, daß es bei Pop-Musik immer nur um Sekundär-Musik geht, Musik, die sich auf Aktuelles, andere Musik, Image, Ideologie, Außermusikalisches bezieht. Die folglich alles darf, was man früher als „trendy“, „geklaut“ und so weiter indiziert hatte. Culture Club ist die Band, die das tut, was Pop-Bands schon immer getan haben: Klauen, sich auf Außermusikalisches beziehen, Image-Kunst betreiben etc. Nur sind sie die ersten, die es in diesem Maße bewußt und offensiv tun, und sie sind die ersten, an denen man überprüfen kann, was aus einer Band wird, die so bewußt Pop zu fabrizieren begonnen hat: Sie wird ungeheuer musikalisch. Boy George: „My mind works so fast anyway.“

    1984

    Boy George, gut geschminkt, mit Appetit essend, in der Hotelbar. Ein Mann von Popcorn und meine Wenigkeit haben uns gerade mit ihm unterhalten. Der Mann vom Popcorn: „Am Schluß habe ich noch eine Bitte: Könntest du uns eine Zeichnung machen? ‚1984‘ mit den Ziffern von dem LP-Cover?“ – „Warum 1984?“ – „Because it’s coming!“ (besorgt, kritischer ’s-ist-verdammt-Scheiße-Unterton) – „Häh? Das ist nicht meine Art, die Dinge zu sehen.“ Boy George lächelt ein japanisches Lächeln. Emsig wie ein kleiner Junge macht er eine kleine Zeichnung und schreibt irgendetwas in der Preislage von „Genieße 1984 mit einer Platte von Culture Club!“

    KONSUM

    „Ich bin der totale Medienkonsument. Ich nehme so viel auf, wie ich kriegen kann.“ Ja, was denn? Lesen, so erfahren wir, tut er nicht viel. Wenn überhaupt, dann Biographien. Im Fernsehen hat er am liebsten Dokumentationen. Neulich sah er mit großem Interesse eine über die Beziehungen von Männern untereinander, nicht im sexuellen Sinne, ganz allgemein, sein Lieblingsthema ist es sowieso. Weiterhin geht er gern ins Kino, besonders gefallen hat ihm ein Film über das Leben von Quentin Crisp, sowie Am Anfang war das Feuer. Also schon wieder: Ethno- und Soziologie und die Geschichte des Exzentrischen. Verhalten, Liebe und verrückte Klamotten. Doch nicht modern, Boy George? Bullshit, wen interessieren Inhalte!

    ZUKUNFT

    „Ich glaube nicht, daß mein Erfolg mein Recht ist. Ich glaube, daß ich dafür arbeiten muß. Wenn ich nicht arbeite, bin ich auch nicht gut. Da ich nicht vorhabe, in fünf Jahren arbeitslos zu sein, kümmere ich mich darum, daß Culture Club langfristiger existieren kann. (…) Wir führen vollkommen getrennte Leben und wenn wir nicht gerade Platten aufnehmen oder eine Tournee vorbereiten, sehen wir uns nie. (…) Ich möchte Talente aufnehmen und fördern, wie Helen.“ Es ist spät geworden. Boy George beginnt zu krächzen. Wie singt er doch in „Miss Me Blind“:

    ER KRIEGT DAS LETZTE WORT

    „I’m better than the rest of the men.“ Aber er meint nicht sich. Es ist wieder nur eines dieser Männer-Verhaltens-Szenarios.

    ABER JETZT:

    „The space between your eyes / is a place for heroes / that never compromise“ („Changing Every Day“)

  • Kritiker-Charts

    LPs

    Dexys Midnight Runners Too-Rye-Ay
    A Young Person’s Guide To Compact
    Gun Club Miami
    Pere Ubu Song Of The Bailing Man
    John Cale Music For A New Society

    Songs

    Marvin Gaye „Sexual Healing“
    Orange Juice „Felicity“
    The dB’s „Living A Lie“
    ABC „The Look Of Love“
    Grandmaster Flash „The Message“

  • Spaß in New York für den jungen Europäer

    Underground wie Overground-Medien unterscheiden sich kaum, wenn sie von New York sprechen. Drei Sprechweisen existieren, die sich abwechselnd, auch einander aufhebend, als roter Faden durch alle Äußerungen über diese Stadt ziehen.

    Nummer eins: New York als Superlativ. Obwohl Mexico-City (mehr Morde), sieben US-Großstädte (mehr Morde, mehr Kriminalität, mehr Heroin), achtzehn US-Großstädte (mehr Vergewaltigungen), Tokio (mehr Chaos), drei US-Großstädte (größere Flughäfen), London (mehr Hipness, mehr Musik) und Chicago (höhere Wolkenkratzer), sich alle Mühe gegeben haben, dem Big-Apple-Superlativ den Garaus zu machen, scheren sich Journalisten und Mythologie-Stifter in aller Welt einen Dreck um die Wirklichkeit. Sie finden den größten Laden für Manschettenknöpfe (in New York), den umsatzstärksten Hundefriseur (in New York), den heroinsüchtigsten Heroinsüchtigen (in New York) und die graffitigsten Graffiti (ebendort). Vor allem in der Saure-Gurken-Zeit des Sommers überfluten Nachrichtenagenturen und freie Schreiber – die sich ihren kargen Lebensunterhalt in New York mit dem Verkauf origineller Schnurren über diese, weltweit als für jeden Witz gut erachteten Weltstadt aufbessern („… die dickste Sonntagszeitung der Welt …“) – die Medien mit dem euphorischen Guinness-City-of-Records-Gesang und hinterlassen beim geneigten Leser ein ungläubiges „Wie isses nun bloß möglich?“

    Nummer zwei: Das Lied der Gegensätze. Der reichste Mann der Welt und der hungrigste Verhungernde, nur zwei U-Bahn-Stationen voneinander entfernt – in New York. Unbeschreibliches Elend, verschwenderischer Luxus – Tür an Tür; Saubermänner und Hardcore Sado-Maso – Auge in Auge, in New York, ukrainische Juden und Neger aus Kwazululand – im selben Coffee-Shop, in New York. Die New Yorker selber singen diesen Evergreen nur allzugerne, demonstriert er doch, daß es für sie nicht den geringsten Grund gibt, den Rest der Welt überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, wenn doch alles, von Israel bis Puerto Rico, von Brasilien bis Ostpreußen ein Bestandteil von Manhattan ist. Viele New Yorker sind mir begegnet, die noch nicht einmal Harlem oder die Bronx aufzusuchen für nötig befunden hatten.

    Nummer drei leitet sich aus den ersten beiden ab. Selbst Journalisten können nicht immer dasselbe sagen, sogar sie leben manchmal von der Abwechslung. Deswegen, so funktioniert 90 % der gesamten Presse, feiern sie hin und wieder ihren Mut und ihren Scharfsinn, indem sie die von ihnen selbst mit viel Euphorie in die Welt gesetzten Stereotypen annagen: New York ist ganz anders: „Wie ich in Harlem einen netten Neger traf, der Deutsch sprach und mich nicht vergewaltigte“, „wie ein Puertoricaner, bis an die Zähne bewaffnet, einer alten Frau in der Bronx über die Straße half“, „wie ein homosexueller, schwarzer Jude sich in einem Restaurant in Harlem mit einem Texaner über Politik unterhält“. Meist gehen aber diese New-York-ist-anders-Litaneien über in das „Die Stadt der Gegensätze“-Lied und enden mit der Konklusion, nirgendwo sei so viel verschiedenes möglich wie in New York.

    Es ist schwierig, sich diesem System zu entziehen, ein so teuflisch perfektes Netz, das alle Erlebnisse in New York wie ein kräftiger, schmutziger Strudel anzusaugen scheint und sie dem Terror seiner Sprachregelung unterwirft. Bei jungen Leuten, die stolz darauf sind, daß sie sich nicht alles erzählen lassen und diesen Umstand für kritisches Bewußtsein halten, findet man in letzter Zeit häufiger eine diesem System entgegengesetzte skeptisch-nörgelige Haltung gegenüber New York, ein „is-ja-alles-garnich-so-doll“, oder „das-hab-ich-mir-aber-größer-vorgestellt“. Aber auch dies ist nicht die richtige Konsequenz. Man sollte versuchen, sich auf ganz andere Weise den Verlockungen und Freuden dieser Stadt anzunähern, die sich beileibe nicht im Anschauen von Weltrekorden und klaffenden Gegensätzen erschöpfen. Man lese z. B. die Passage über die Gerüche New Yorks in Andy Warhols From A To B and Back Again oder man lese den berühmten Roman Manhattan Transfer von John Dos Passos und benutze dabei einen Plan von Manhattan und verfolge stets die von Dos Passos präzise angegebenen Locations bzw. die Strecken, die die Personen zurücklegen. Auf diese Weise kommt man der Faszination Manhattans am nächsten, die viel wesentlicher ist als alles, was sich in dieser Stadt zuträgt, wer in ihr was tut, wer von woher wann hierhergekommen ist, und wer hier kreucht und fleucht, der Form von Manhattan. Die rechtwinklig geometrisch angelegten, durchnumerierten Straßenzüge, die zum Teil starren, zum Teil flexiblen Grenzen zwischen den Neighbourhoods, die Insel, die bis zum Rand vollgepfropft ist mit Menschen und Material, weil aus irgendwelchen Gründen alle, die drin sind, all dem nicht trauen, was draußen ist.

    Der geometrisch angelegte Mikrokosmos – mit seinen so wichtigen ungeometrischen Ausnahmen von der geometrischen Regel. Der Mikrokosmos, der soviel Energie auf seinen inneren Zusammenhalt verwendet. Mir scheint oft, Manhattan ist nichts anderes als die Großstadt gewordene Metapher für das menschliche Gehirn mit seinen Spannungen zwischen Ordnung und Unordnung, ordentlicher Form und unordentlichem Inhalt und seinem Drang, sein ganzes Innen fest zusammenzuhalten.

    Den größten Fehler, den der Jugendliche, womöglich kunstbeflissene, gar musikbegeisterte, nachtschwärmerische Hip-Tourist machen kann, ist, sich auf die offiziellen, für jedermann zugänglichen Verlustierungen zu verlassen. New York ist elite, und alles, was man für Geld erwerben kann, ist sowohl zu teuer als auch das Geld nicht wert. In der Regel jedenfalls. Was man hier sehr schnell organisieren sollte, sind Freunde. Jede Art von Freunden ist gut und interessant, jeder ist mit irgendetwas Interessantem beschäftigt, außer vielleicht: die Künstler. Hüte dich in New York vor Künstlern, meide den Stadtteil SoHo! Es sei denn, du bist hierhergekommen, um zu sterben. Aber selbst dann dürfte es angenehmer sein, sich nachts auf die Avenue C zu stellen und zu warten, bis ein verrückter Junkie kommt, oder von der Brooklyn-Bridge zu springen, als sich von den Millionen gestrandeter Bürgerkinder, die sich hier aus aller Welt zusammenfinden, um es als Künstler zu machen, zu Tode langweilen zu lassen.

    Ich rede vorwiegend von bildenden Künstlern, es liegt mir fern, hier die ganze traditionsreiche Bohemia New Yorks zu verdammen, auch nicht irgendwelche amüsanten Großkünstler, ich will euch nur vor der inflationären, beliebigen, bourgeoisen Produktion sinnloser Selbstdarstellung warnen, die sich hier so laut verbreitet. Sucht euch also nicht nur originelle Freunde, sondern auch mächtige Freunde. New York ist eine zynische Stadt: wer Spaß haben will, muß auch zu einem gesunden Opportunismus im Angesicht der Macht fähig sein. Man lernt dabei eine Menge.

    Natürlich hat das offizielle Nachtleben seine attraktiven Seiten. Die vier Stockwerke (zuweilen bis zu sechs) der danceteria, die konstanteste Institution allgemein zugänglicher Hipness, bietet Entertainment und Environment der verschiedensten Art. Trotzdem bin ich jedesmal nach drei, vier Besuchen trotz Bands, Kleinkunst, Partys, Videos und schöner Frauen gelangweilt. Das liegt daran, daß gerade Nachtleben eine Sache der Nuancen und der Kollisionen von Öffentlichem und Privatem ist. Wie soll ich als Tourist das genießen, wenn um mich herum tausende unbekannter New Yorker ihren Beschäftigungen nachgehen. Die danceteria sollte man zu Konzerten aufsuchen und sich genau kundig machen, wann Showtime ist (Angaben, auf die man sich in der Regel verlassen kann). Oder sonntags bis dienstags, wenn der Eintritt frei ist und viele Kids kommen, oder im Sommer am Mittwoch, wenn es Partys auf dem Dach gibt. Die danceteria profitiert von den vielen Kleinkunstaktivitäten des East Village und schöpft von den oft unerträglichen, immer gleichen Transvestiten- und Kabarett-Shows den intelligenten Rahm ab. Der beste der unzähligen kleinen East-Village-Plätze ist für mich das pyramid, eine sehr europäische kneipenartige Bar mit guten Shows, wirklich interessanten neuen Bands, guter Tanzmöglichkeit und einem Publikum, das mehr den angenehmeren Klischees von Bohemia ähnelt. Im Prinzip sind jedoch die meisten kleinen Hip-Bars ihr Geld nicht wert und jeder „bürgerliche“ Hang-out mindestens genauso interessant. Über viele Monate fungiert eh die Straße als Treffpunkt, für unsere Zielgruppe dürfte es vor allem der St. Mark’s Place zwischen zweiter und dritter Avenue sein, wo zwischen unzähligen Privatflohmärkten („Hunger Sale, any item two dollars or less“) und Gartenrestaurants, einem der besten intellektuellen Buchladen der Welt (bis Mitternacht geöffnet), mehreren Late-Night-Friseuren, Plattenläden und Restaurants die Jugend vor sich hin promeniert.

    Wenn man es aber versteht – und das ist nicht so schwer, auch wenn es inzwischen nicht mehr so exotisch ist, aus Deutschland zu kommen –, sich als interessante Person zu profilieren, gerät man schnell an Leute, die einem Tür und Tor zu privaten Vergnügungen, Gästelisten und freiem Eintritt verschaffen, bis man zu jener Kaste privilegierter Armer gehört, die den Kern der New Yorker Nachtszene ausmacht und schon immer ausgemacht hat.

    Natürlich muß man da eine gewisse Zeit und eine gewisse Menge Geld für Inspektionen des in Frage kommenden Menschenmaterials und Konstruktion solcher Beziehungen investieren, vielleicht klappt es auch beim ersten Mal nicht und man landet jeden Abend an einem der traurigen Sub-Hip-Plätze, wo die Touristen, die mehr erwartet haben, ihr weniges Geld in Drinks investieren. Nun, auch das muß nicht die Alternative sein. Beim ersten Mal New York reicht der Intensitätsschub, das Plus an Ereignissen pro Sekunde, pro Quadratmeile oder was immer für einen angenehmen bis hinreißenden Aufenthalt.

    Anyway … man sollte der Reizfülle nicht fliehen, man sollte sie forcieren: die Straße darf nicht zu ruhig sein, laß dich am besten an einer Avenue nieder, wo in der Regel mehr Action ist als in den Streets, sperr die Fenster auf, miete einen TV, kauf dir ein Radio, lies die New York Post, Daily News, New York Times und die Village Voice, kaufe dir dazu mindestens jeden zweiten Tag eines dieser obskuren Detektiv-Magazine oder eines der billigen Sensationsblätter, die nur über Sachen berichten wie „Müder Mann liegt seit 51 Jahren im Bett“ oder „Huhn Esmeralda war zwei Wochen tiefgefroren und überlebte“. Dazu hetzen diese Blätter gegen Liberale, Schwarze, Schwule – pures Amerika, böse-knarzig-gemeiner Lynch-Mob-Faschismus, ein Zug der Amerikaner, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Der Liberalismus, dem die USA die Einsicht verdankt, daß Schwarze auch Menschen sind, ist z. T. auch deswegen das Höchste, was die USA an politischer Intelligenz zu bieten haben, weil sein Gegner, der rechte Flügel, so martialisch, brutal und faschistoid sein kann, daß auch die fundamentalsten liberalen Ideen nicht selbstverständlich sind.

    Doch verlieren wir uns nicht: die USA sind eh kein Land, das sich primär über Inhalte verstehen läßt. Schenk deine Aufmerksamkeit vor allem anderen seinem Äußeren! Den Schriften, Bildern, Schildern, Häusern, Autos und Gesichtern. Sieh von früh bis spät fern, wenigstens ein paar Tage. Gerade in New York blüht jeder Mythos von der Intensität des Wirklichen. Überzeuge dich via TV, daß erst im Zusammenspiel mit dem Unwirklichen das sogenannte Wirkliche intensiv wird.

    New Yorker tragen kleine Buttons mit der Inschrift: „New Yorker are real people“. Dabei ist das Größte, das Beste an dieser Stadt, daß sie nicht for real ist. Sieh nur, in der Telefonzelle steht Isaac Hayes und checkt einen Dealer aus, Curtis Mayfield und zwei Brothers kaufen sich Sprit im Liquor Store, den man doch aus The Lost Weekend kennt. Im Taxi, das gerade über dampfende Gullis (vgl. Taxi Driver, Escape From New York) schaukelt, sitzt Norman Mailer, John Cage scheint seine letzte Habe auf dem Asphalt ausgebreitet zu haben. Susan Sontag sitzt bei diesem japanischen Film hinter mir im Kino und Harvey Keitel verscherbelt vor der Tür kleine Mädchen viertelstundenweise, Edie Sedgwick bedient elf Jahre nach ihrem Tod den Fahrstuhl in der danceteria. Downtown, Thomas Street, im Odeon nimmt gerade J.R. Ewing einen Drink, der Business-Trip nach New York war hart, der Mann mit dem französischen Akzent und dem kahlen Cäsarenschädel ist nicht Foucault, oder doch? Auf dem Dach eines Apartmenthauses tanzte sogar der Dalai Lama. Jeder der vierundzwanzig Stunden geöffneten Grocery Stores sieht aus wie aus Taxi Driver, die U-Bahn ist 200 % Hollywood, die Treppenhäuser Film noir. Kino überall, und jeder, der da mittendrin steht, kann plötzlich eine Rolle bekommen, ein Abenteuer erleben.

    Geh tanzen, auch wenn das sonst nicht deine Sache ist, meine ist es auch nicht und nichts ist ekelhafter als die amerikanische Fitness-Manie. Natürlich sind die wichtigsten Tanzplätze die, wo überwiegend Schwarze tanzen, auch downtown. In Harlem oder in der Bronx tanzen zu gehen, sollte man nur unter diversen Sicherheitsvorkehrungen wagen. Downtown hast du die Wahl zwischen dem Roxy, wo das, was von der Kunst des Quickmix übriggeblieben ist, sich am Vollendetsten entfaltet. Hier leben noch immer alle Zweige der sogenannten Hip-Hop-Kultur: Breakdancing, DJ-Kunst, Rap. Wer dieser Bewegung müde ist, geht ins Paradise Garage (man sollte einen Member kennen), wo eine halbe Stunde tanzen sich beim Blick auf die Uhr als sechs Stunden herausstellt. Das schwarze und überwiegend schwule Publikum trinkt keinen Alkohol, raucht Pot und erfrischt sich mit Orangensaft, den es umsonst an der Bar gibt. Gegen sechs Uhr morgens entspannt man sich zur aufgehenden Sonne auf dem Dach. Das Fresh Fourteen wird von schwarzen und puertorikanischen Kids aufgesucht, die Atmosphäre ist heavy und ein Tag nach meinem letzten Besuch gab es dort einen Toten. Die harmloseren Kids gehen ins Funhouse, wie alle erwähnten Läden riesig groß, wo der inzwischen zu Weltruhm gekommene Produzent / Engineer Jellybean Benitez als DJ seine neuesten Mixes coram publico testet.

    Jugendkultur ist aber in New York weit weniger bedeutend für die Spaßproduktion als in Europa. Check die Intelligenz aus, lerne einen Politiker kennen! Eine angenehme Tatsache ist, daß das Leben hier nicht mit dreißig zu Ende ist. Was damit zu tun haben mag, daß hier viele ältere Leute viel Geld auszugeben und keiner Arbeit nachzugehen haben. Mäzene leisten sich intellektuelle Zirkel, große Kunst und wilde Parties. Obwohl die meisten Intellektuellen hier den Eindruck erwecken, eher einem bestimmten mythologischen Typus von Intelligenz entsprechen zu wollen (Beatnik, Lower-East-Side-Dichter, Maileresker Trunkenbold, europäisches Sensibelchen, jüdische Brillanz, grauhaarige weibliche Autorität, Pop, Camp, Woody Allen), als sich einen neuen auszudenken, macht jeder Kontakt mit diesen durchweg gut gebildeten Menschen großen Spaß. Alle haben sie eine Idee, ihre jeweilige kulturgeschichtliche Bestimmung durch Ergänzungen aufzupeppen, schmücken sie sich mit eigenen Mini-Attitüden, sind ganz Pop – lebende Image-Collagen. Leute die wissen, daß alles schon gedacht wurde und sich auf das Neu-Zusammensetzen spezialisieren, mit viel Humor und einer arroganten „Seen-it-all-before“-Haltung, die einen nicht schrecken sollte. Letztlich hat man als Europäer Zugang zu Sachen, die sie nie gesehen haben. Es gibt viele Deutsche in New York. Sicher sind viele ekelhafte Langweiler darunter, die irgendwie ihr Geld ausgeben müssen, dafür eine schön teure Stadt gesucht haben und dir hier Street-Smartness vorspielen. Das ist aber noch lange kein Grund, in den alten Rucksack-Touristen-Fehler zu verfallen, mit Landsleuten nichts am Hut haben zu wollen und in griechischen Cafés so zu tun, als sei man Finne. Viele der hiesigen Deutschen haben mehr über die Stadt zu sagen als die New Yorker, denen sie selbstverständlich ist. Ihr oft harter Weg ist von den spannenderen Anekdoten begleitet worden. Laß sie dir erzählen!

    Denn machen wir uns nichts vor: Hauptgrund hierherzukommen, für den Touristen wie für den Emigranten, ist die Herausforderung der Stadt. Herausfinden zu wollen, ob man dem allem gewachsen ist mit seinem sicheren, mitteleuropäischen Background, ist das gesündeste Motiv. Dem real existierenden Kapitalismus ins ungeschminkte Gesicht schauen, an einem Ort, wo die Reichtümer und die Armut, die er produziert, nicht mehr durch die räumliche Distanz zwischen einer ersten und einer dritten Welt getrennt sind. Jaja, die Stadt der Gegensätze.