Kategorie: Archiv

  • Popocatepetl

    10 Jahre Schallplatten

    „Das Böse ist nach der formellen Seite das Eigenste des Individuums …“
    Hegel

    „BAD means GOOD in my language“
    Grace Jones

    „God, do you really care? God, do you have long hair?“
    David Peel & The Lower East Side

    „All that God wanted to be is just another deity“
    The Residents

    1. Kapitel

    Steindamm 63 / 1979-1983

    Ich schreibe diesen Text in einem Zimmer ohne Aussicht in Madrid1, weil er, wie ich jetzt beim Redigieren weiß, dort veröffentlicht werden wird, und weil Madrid noch in derselben Sphäre am weitesten weg ist von dem Thema dieser Geschichte, Musik und Dissidenz während der letzten zehn Jahre, weil Madrid ein Ort ist, wo ein entfaltetes Leben auf der Höhe der Zeit möglich ist, ohne einen Zugang zu anglo-amerikanisch geprägter Underground-Kultur. Die spanischen Bands sind perfekt in ihrem Bemühen, diejenigen amerikanischen Garagenbands zu imitieren, die ihrerseits Garagenbands aus den 60ern imitieren, und die dies alle nur tun können, weil jemand im Garagensound der 60er eine Lücke gelassen hat, eine freie Stelle, eine geplatzte Naht, die sie alle immer noch stopfen, füllen müssen und können. Man klinkt sich immer nur in den Sound / Groove / die Ästhetik ein, die mindestens eine coole Lücke hat, die einen anzieht; das Vollständige schätzt man vielleicht erst im Alter, wenn überhaupt.

    Als ich anfing2, hatte die Pop-Musik gerade eine ihrer langweiligeren Perioden überwunden. Zum ersten Mal war Rock und Jugendmusik Mainstream geworden, hatte sich die vergleichsweise kleine Schallplattenbranche den Dimensionen der Filmindustrie angenähert. Man merkte die strukturellen Nachwirkungen unter anderem noch daran, daß von den damals rezensierten Platten kaum eine nicht aus den Bemusterungspaketen der deutschen Plattenindustrie stammte. Das Maß des Enthusiasmus und der Lebensfreude einer Epoche kann man ja auch daran erkennen, wie unzugänglich oder entlegen die Objekte sind, die diesen Enthusiasmus entzünden, das Paradox massengefertigter Seltenheiten erfüllen – insofern ist solche Lebensfreude auch immer Kritik von industriell gefertigten Aufbewahrungen des Enthusiasmus, immer auch eine Suche nach exklusiven Gefäßen. Die Lanze, die für die als langweilig verschriene Gattung der Schallplattensammler zu brechen ist: in einer Konsumkultur zeigt sich jede Dissidenz zuerst als abweichendes Konsumverhalten (traditionell der Job der Popkultur, etwas zu zeigen), das ja nie nur Konsumverhalten ist: bevor es nämlich wieder nur klein- und frühkapitalistische Situationen irgendwo installiert haben wird, verändert es übergangsweise und dynamisch Lebensumstände und kulturelle Produktionsverhältnisse. (Da, wo die Konsumkultur sich der Kritischen Theorie noch als Verhunzer des Kunsterlebnis zu [u. a.] einem des bloß sozialen Dabeiseins sich darstellte, hat die dissidente Konsumkultur in den 20 Jahren, die sie seitdem Zeit hatte, eigene Gesetze zu entwickeln und bekannt zu machen, durch ihr Verherrlichen und Gestalten des Nichtdabeiseins etwas freigelegt, das dem alten Kunsterlebnis nicht so verschieden ist. Ähnliches läßt sich für die Funktion des Fetischcharakters in der Subkultur sagen: doppelte Negation des Kunsterlebnis.)

    So entstand das heute in den verschiedensten Bereichen florierende Netzwerk unabhängiger Labels. Die heute bestehende Unübersichtlichkeit hat ihren Ursprung in den Diversifizierungs-Bedürfnissen der Plattenfetischisten, die seit dem Vollzug der Auflösung der Rockkultur in eine Rockindustrie in den mittleren 70ern, ihr Eigentliches unermüdlich in der Unmöglichkeit einer industriell gefertigten Authentizität suchten: über die Umwege der Seltenheit, Vergriffenheit und anderer Produkt-Mystizismen. Dabei entstand schließlich ein Musikbegriff und ein Verständnis von Schallplatten, das – unabhängig von der Unmöglichkeit der idealistischen Wünsche der Rock-Fans – über zarte heimische Fetischismen bis zu großen Independent-Netzwerken die Grundlagen für die Produktion und vor allem Distribution der nächsten großen öffentlichen Dissidenz (Punk rules) schuf, sowie ein viel vollständigeres und richtigeres Bild von den Dimensionen einer Schallplatte ermöglichte (die der alten Hippie-Ideologie nur als Surrogat für das wirkliche Ding galt: den blöden Live-Gig, bei dem man neben Kaugummi im „Stadtpark“ saß oder im Bier des „Pö“ schwamm oder im Kinderladen der „Fabrik“ in behämmerte Baguettes biß).

    Die Sorte Schallplatte, um die es hier geht, ist nämlich durchaus ein Ding mit allerlei theoretischen und theologischen Mucken und Grillen: Ihr Charakter des begrenzt Massenproduzierten, des begrenzt industriell Gefertigten, das sich an immer neuen und immer wieder limitierten Auflagen, an den Unterschieden der Pressungen in verschiedenen Ländern bricht, sorgt für eine andere und neue Art der Aura, bewahrt eine andere Zeitzeugenschaft. In ganz anderen Dimensionen haben wir es hier mit einer erweiterten Bibliophilie zu tun, die anders als diese, die ja nach dem richtigen, ersten, authentischen Buch in erster Linie sucht, spezielle, auch sekundäre Fertigungsmerkmale, Stationen des Übergangs als Bestandteile und aussagefähige Formen des Werks begreift, historische und regionale Besonderheiten und Verfälschungen nicht weniger achtet als Originalität und Authentizität, und so einen realistischeren Begriff vom massenproduzierten, aber immer begrenzt und historisch definiert massenproduzierten Kunstwerk schlechthin zur Grundlage hat (für die neue vor allem im Overground übliche Technologie der unverwüstlichen CD, die nicht sichtbare, eingeritzte Spuren der Musik angreifbar trägt, sondern digitalisierte Info, werden dann ganz andere Probleme und Mystizismen entstehen); auch hier gilt, wie auch in anderen Zusammenhängen der Musik, um die es hier geht, daß nicht die Intentionen des Autors / der Künstler interessieren, am Starkult der Kult und nicht der Star, das Marginale und Unbeabsichtigte intensiver genossen und goutiert, verstanden und kritisiert wird als das vermeintlich Zentrale, und es immer eher auf das Endprodukt und seine eigenartige Geschichte und die Spuren, die es davon behalten hat, ankommt. Trash-Kultur und Trash-Bewußtsein, die sich von allen Ergebnissen von einigen Jahrzehnten Subkultur als am dauerhaftesten unvereinbar mit der herrschenden Kultur erwiesen haben, am unvereinbarsten auch mit den Plan- und Berechenbarkeit verlangenden Verwertungsinteressen, delegieren und verlegen die Verantwortlichkeit für ein Werk auf vielfältige Weise. Ob wir z. B. eine New-York-Dolls-Platte, Malcolm McLaren oder Shadow Morton, dem genialen Erfinder und Produzenten auch der Shangri-Las und Beistand der Vanilla Fudge und ihrer unsinnig üppigen Keyboards, verdanken oder David Johansen oder den Nadeln im Arm von Johnny Thunders oder einem Knäuel weiterer Wirkungen, die sowieso keiner der Beteiligten unter Kontrolle hat, plus den Sonderbedingungen dieser Wirkungen beim zweiten Durchlauf im Jahre 77 – wer weiß das schon?

    Das Wissen von diesen Zusammenhängen war 79 noch nicht besonders entwickelt. Vieles war aber auch schon wieder verlorengegangen oder nur nie bis nach Deutschland durchgekommen, wo man zwar in den 70ern in Sounds durchaus Lester Bangs lesen konnte, den Mann, dessen Texte das leidenschaftliche Interesse, etwas durchzusetzen / zu predigen / zu lieben in den Mittelpunkt jeder Arbeit zu stellen verlangten und einige deutsche Autoren, die ihn rezipiert hatten, nicht aber Nick Tosches, Richard Meltzer oder Nick Kent. Und ich habe zehn Jahre gebraucht, bis heute, um ganz zu verstehen, daß Dub- und Roots-Reggae die beste Musik ist. Erst während dieses Jahres, 1979, begann man sich Platten wieder vom „Zensor“3 aus Berlin zu besorgen, aus Amerika oder England schicken zu lassen, sich für die Objekte zu engagieren, statt sich nur auf die regelmäßig eintreffenden Pakete zu verlassen. Interviews wurden statt auf US-Reisen zu Größen des Stadionrocks wieder zuhause und in England mit lebendigen Menschen geführt. Was nicht alleine auf die Punk-Bewegung zurückzuführen ist, wie es immer heißt, sondern eben auch darauf, daß sich 79 schon abzeichnete, daß die Industrie, die gerade ihre fettesten Jahre durchlebt hatte, falls wie absehbar, nicht ewig alles so nach ihren Wünschen laufen sollte, wieder den alten Kaufmannsgesetzen gehorchen, und so wenig verschiedene Produkte wie möglich, zu so hohen Stückzahlen wie möglich, zu verkaufen versuchen würde. Was bei der mittlerweile eh alt und erwachsen und etabliert gewordenen, aber gerade erst so richtig kaufkräftigen, immer noch den Großteil des Umsatzes bestimmenden US-Mainstream-Rock-Klientel das Ende der Probleme mit der ewigen Zwangsdomestizierung der Underground-Kultur bedeuten würde. (Langsam lebten sich diese beiden Kulturen immer weiter auseinander, auch wenn die Industrie natürlich bis heute nicht aufhören kann, in irgendeiner Form die Ideen/Trends/Moden des Undergrounds aufzugreifen. Sie hat es sogar leichter, wenn die Distanz zwischen den Welten größer ist, weil dann das Verstümmeln und Verflachen, die Versuche Sinn zu unterschieben, niemandem mehr auffallen: Sinn entsteht analog zu Profit, die Übernahme der Sprachregelung vom Sinn machen aus dem Englischen im Deutschen der letzten Jahre, sogar und gerade beim „späten“ FJS, ist bezeichnend. Sinn meint in unserer Sprache nicht erfolgreiche Kommunikation oder Gehalt/Inhalt, sondern das Schmieröl, das unverstandene oder unverständliche Lebensäußerungen und Kunstwerke in verwaltbarer und profitabler Weise in die offiziellen Systeme zu integrieren hilft. Und seinerseits beim Integrieren sich vermehrt und in immer größeren neuen Mengen – nach erfolgreichen Integrationen – zur Verfügung steht. Sinn wie Profit sind Funktionen des Wachstums. Wachstum zerstört die Welt. Für eine Ökologie der Ideenproduktion?!).

    Die geilsten und wichtigsten Platten des Undergrounds erschienen sowieso nie oder verspätet in Deutschland und waren als Importe damals – im Gegensatz zu heute, wo Musikkaufhäuser und spezialisierte Läden dafür sorgen, daß jede Neuerscheinung zwischen Auckland und Aberdeen zumindest in einer geringen Stückzahl und für eine gewisse Zeit verfügbar ist – so gut wie nicht zu haben. Das heißeste Ding waren die Dire Straits, die Szene war verrückt nach ihnen, Punk war trotz des Medienrummels als Musiksparte noch so klein wie heute Speedcore-Unterabteilungen, das zweitheißeste war The Knack. Importe wurden nur in Sonderrubriken rezensiert, Independents gab es, außer bei den Selbsthilfeaktionen der Deutschrockbands, noch nicht. Die Schallplatte als lebendiger und die Welt erschütternder Gegenstand setzt aber ein gesteigert fetischistisches, den besonderen, mit Warencharakter nur unzureichend beschriebenen Auflagenobjekt-Charakter der Schallplatte, und damit auch der von ihr aufgezeichneten Musik, übertreibendes Verhältnis zum Vinyl voraus. Auch deswegen erlahmen die Rezensenten im etablierten Kulturbetrieb mit so einer vorausberechenbaren Sicherheit: sie gehen nicht in die Läden, sie bestellen nicht beim bizarren Versender, sie bieten nicht auf Auktionen, sie stehlen nicht, sie leihen nicht aus, um zu überspielen, stattdessen entwickeln sie zuhause so perverse Gelüste wie den perfekten Sound. Ein Bedürfnis, das die Industrie in zunehmenden Maße zu befriedigen weiß. Ein kulturelles Bedürfnis, das die Kulturindustrie erfüllen kann, ist aber keines, das in dem Sinne schön und gerecht sein kann, wie es dem unausgesprochenen Verständnis einer jeden Subkultur entspräche, von Bikern bis zu Punk-Rockern, Van-Dyke-Parks-Kammer-Acid-Fans bis Folkies, Speedmetal bis Ska, Goldketten bis Gänseblümchen.

    Andrerseits verlangt die Weltausdehnung all dieser Subszenen für die geographisch noch so weit auseinanderlebenden Mitglieder nach einem prinzipiell in gleicher Weise zugänglichen Erlebnis, weswegen die Kneipe, die Orgie oder das Live-Konzert auf Dauer nur zweitrangige Bedeutung haben: sie sind zwar zuständig für das richtige Leben, dessen Botschafter die Musik sein soll – aber dieses richtige Leben ist immer ein Privileg weniger, die zur richtigen Zeit im richtigen Alter am richtigen Ort sind (richtiges Leben ist möglich im Falschen, aber immer nur kurze Zeit oder unter Drogen). So daß schließlich nur das zu Vinyl geronnene richtige Leben, wie auf Schallplatte festgehalten (als Mythos wie auch tatsächlich), sowohl als Objekt der Geschichtsschreibung wie als enthusiasmierendes Versprechen einer anderen Welt – im politischen wie im dionysischen, im karrieristischen oder im narkotischen Sinne – für mehr als wenige funktionieren kann.

    ***

    Jeder Diskurs über Popmusik war ja von Anfang an in der Defensive. Da nicht am Hofe des Diskurses entstanden, sondern an seinen Antipoden, mußten diejenigen, die aus der Welt der Rede und der Schrift und ihrer Nebengemächer, der notierten Musik, der zeremoniellen, hinabgestiegen waren, zu Jazz und Rock & Roll, sich anschließend verteidigen, wenn sie zurückkehrten. Oder die Musik wurde entmündigt, indem sie zu einem Bestandteil der groben oder exotischen Räusche/Späße wurde, die sich mißratene Söhne gönnten, um ihre Eltern zu ärgern und die naturgemäß darauf bedacht sein mußten, daß die antikulturelle Primitivität der Popmusik gewahrt blieb, da ihnen sonst die Eltern nicht mehr den Gefallen des Verärgertseins getan hätten. Die dandyistischen und exotistischen Argumente rechtfertigten die Liebe zu Jazz und Rock als Element der Selbstinszenierung und stellten sie neben das Böse und Irrationale, als nicht begründbar, weil unvermittelbar individuell vor den Augen von Sinn und Fortschritt und Hierarchie, die Popmusik gerne im Orkus ihrer Nichtkulturfähigkeit zurücklassend. Dies tat der Popmusik einerseits gut und entsprach ihr, weil sie genau das ja auch immer war/sein wollte: Gegenkultur. Andrerseits entsprach es ihr nicht, tat ihr nicht gut; denn an keiner Figur wie am exotistischen Dandy läßt sich so gut erklären, warum eben das nicht geht, Gegenkultur. Diese wird in seinen Händen immer idealistisch zur besseren, höheren, eigenen Kultur. Als Kultur der sauberen Negativität schließlich wird sie zum reinigenden Komplement der im Ökonomischen und Staatstragenden, später auch Industriellen unablässig sich besudelnden offiziellen Kultur. So wird sie zu deren künstlicher Niere, ihr so nach vollzogener Blutwaschung aufs Neue ermöglichend, mit der vom Dandy aus den schwarzen Löchern der Primitivität, der Negativität und des vom Blues aus den Pakten mit dem Devil gewonnenen und den Zwecken der herrschenden Kultur überlassenen Autorität neues Geld zu machen und neue Staaten zu tragen, die aufs Neue die grausamsten Verbrechen gegen das Einzige und das Eigene des Menschen begehen werden (George Bush ist ein Rock’n’Roller). Andererseits und wichtigstens hat der Dandy wiederum der Kretinkunst des Rock’n’Roll, durch seinen umgekehrt ebenso prägenden Umgang mit ihr, die Idee in den Kopf gesetzt, statt des Eierdiebstahls den großen Coup gegen die Bank zu wagen (und ohne die Idee hättest Du nie von Rock’n’Roll gehört). Er hat in der Höhle ein paar Werkzeuge und Verfeinerungsgeräte liegengelassen, mit denen die Wilden komische Sachen machen. Er hat vielleicht Verstärker aufgestellt, die ihr Treiben zu den anderen (Dandys) übertragen. Die Geschichte guter Popmusik ist die Geschichte von Tauschgeschäften zwischen Dandyismus und Devianz (und ihrer gegenseitigen Annäherungen und Entfremdungen, eines ihrer Ergebnisse, Trash, als materialistische Variante von Dandyismus).

    Daneben gab es aber auch das krypto-rassistische Argument der sogenannten Vitalität der Popmusik. Der pfadfinderische Respekt dieser Argumentation vor Leistungen des unzivilisiert freiluftigen Benehmens des Jazz (wo sind die Noten?) wirkte auch in alles, was bis 79 und darüberhinaus über Rockmusik geschrieben wurde, hinein (wurde von mir jedenfalls noch in voller Blüte vorgefunden), wobei auch diese Position – trotz ihrer grundidiotischen, weil defensiven Haltung – einiges Richtige während seines täglichen Umgangs mit dem Richtigen aufgenommen hatte. Das vitalistische Argument war entstanden, um die – verglichen mit europäischer E-Musik – vermeintliche harmonische Armut afroamerikanischer Musik zu rechtfertigen. Ich brauche wohl niemandem die Armseligkeit dieses Unternehmens zu erklären. Jazz wurde bis in die späten 60er hinein, Rock bis heute, in erster Linie mit Schein- oder Sekundärtugenden wie Spontaneität, Ursprünglichkeit, Vitalität, Direktheit, Unverblümtheit – kurz mit allen Eigenschaften, die man normalerweise Clowns und Kindern zuschreibt, sozialkitschig verteidigt. Leider hat diese dumme und reaktionäre Rede so lange und so große Teile des Diskurs über Pop- und Rockmusik bestimmt und bis in die schönen, großspurigen Entwürfe zur „Gegenkultur“ der späten 60er hineingewirkt, daß auch alles (oder große Teile des) Richtige(n) in logischerweise verfälschter, aber doch rekonstruierbarer Form Eingang gefunden hat in diese Rede. Wenn also ein Rockkritiker dieser Schule von Musik redet, verfügt er durchaus über ein Instrumentarium, sich und seinem Publikum auch die von mir und meinesgleichen geschätzten Eigenschaften einer Platte so zu beschreiben, daß sein Publikum sie wiedererkennt. Da meine ganze erste Zeit, die Jahre am Steindamm4 in Hamburg vor allem, von der Gegnerschaft gegen diese Haltung und alle von ihr gezeitigten Spätfolgen bestimmt war, habe ich auch gegen die maskierten, aber etwas Richtiges maskierenden Teile des falschen Diskurses soweit polemisiert, daß auch das hinter der Maske Verborgene in Mitleidenschaft gezogen wurde und einige Kinder mit dem Bade ausgeschüttet wurden; ich habe selber ideologische Elemente aufgebaut, die richtige Musik, weil sie in der Regel in falscher Rede vertreten wurde, mitvernichtet haben, ja bin so weit gegangen, was ich allerdings noch heute jedem, der neu anfängt, als Methode zur Frontsicherung und Selbstfindung empfehlen kann, alles, was sich rein theoretisch in dieser flachen Rede verteidigen ließe, prinzipiell abzulehnen.

    Denn, wenn es darum geht, bekannt zu machen, daß das Faszinierende an Pop-Musik ihre praktische Intelligenz ist, ihre unabhängige Bereitschaft, alleine aufgrund von traditions- und konventionsunabhängigen Intelligenzentscheidungen, zufällig entstandenen neuen und bewußt ignorierten alten Gesetzen, ihr Material zu organisieren, ungeduldig nach Wirkungen fragend, und nicht über Aufbau und Architektur und langwierige Strukturen verhandelnd, dann kann man keine Rücksicht darauf nehmen, daß Vitalität in einer den Menschen kastrierenden und devitalisierenden Welt tatsächlich eine andere Stärke der Rockmusik ist, wo doch diese Vitalität längst sprichwörtlich und Surrogat geworden war. Daß nicht Authentizität falsch ist, sondern die Ideologie der Authentizität als eben gerade Surrogat-Kultur, als idealistisch-voluntaristische Ignoranz des eigenen Warencharakter (als Erinnerung einer kurzfristig diesen tatsächlich transzendierende Kraft, die jede Bewegung für einen Moment hat), begriff ich erst, nachdem ich gesehen hatte, was, wie beim 82er Zitat- und Retro-Pop, aus einer Kunst wird, die als Gegenentwurf von der grundsätzlichen Unmöglichkeit jeder Authentizität ausgehend, eine Ideologie der Fälschung errichtete, die nach einer Phase historischer Berechtigung im günstig-postmodernen Klima in kürzester Zeit bankrott ging und sich schiffbrüchig bald im Rechtfertigen korrupter und erbärmlicher Existenzen verlor (als trübste Affirmation des Immerschon-Gewußten, statt Affirmation und Befreiung des im Hochglanzpop lebensbejahend-lügend verborgenen, kollektiven „Traum von einer Sache“).

    Die Rede von der Vitalität war eine falsche Rede, die sich beim Feind anbiedert und dessen Begriffe verwendet, sich zum Wesen der Popmusik verhält, wie sich Sozialkitsch zum Sozialismus verhält. Deswegen gehörte sie bekämpft, aber vor allem war es meine Verpflichtung als Anfänger, das ebenfalls anfangende theoretische Zeitalter der Popmusik zu fordern und zu fördern. Seine Prämisse, nach der du einen theoretischen Grund haben mußt, etwas zu tun und etwas auf eine bestimmte Weise zu tun, eingebettet in eine prinzipielle Desillusioniertheit von der Freiheit und einem Bewußtsein von der Verstricktheit aller Dissidenz-Musik (gleich wohl eingedenk der Tatsache, daß.alles andere noch lächerlicher wäre), prägte die 80er Jahre, galt bewußt oder unbewußt von Punk bis Hip-Hop dagegen: Einfach so zu handeln, freizeitkulturell spielerisch und spontan, war ja sozialdemokratische Herrschaftskultur und tendenziell leuteverblödend und infantilisierend, arbeitskraftreproduzierend. Das bedeutete aber, daß man sich der Bedeutungen, die Popmusik schon immer hervorgebracht hat, auf die sie sich bezog, die sie verfeinerte und erweiterte, außerhalb der Musik in Texten klar machte, die erstmals nicht den Mythen folgten, die sich aus dem Leben von Musikern und den Logiken von Riffs von selber ergaben oder die aus dem konservativen Propaganda-Interesse von Schallplattenfirmen entstanden waren. Es bedeutete auch, sich nicht mehr auf irgendeine Verlautbarung interessierter Kreise zu verlassen, sondern mit der Analyse beim eigenen Fanatismus zu beginnen. Das wäre der wahre Materialismus der Rezeption (so wie die Analyse der Stimulanz-Produktion auf der Künstlerseite von Theweleit5 geleistet wurde): Die berühmten sogenannten Obsessionen ausleben, dann selber lesen und analysieren (dies weder einer profitinteressierten oder klerikalfaschistischen rechten, noch einer konsumkritisch verkürzenden, linken Entmündigungssoziologie überlassen).

    Das hieß, auch Mythen von der politischen Aufrichtigkeit derer anzuzweifeln, denen sie bislang mehr oder weniger unwidersprochen gratis angedichtet worden waren und sie stattdessen denen andichten (aus ihrem Werk ableiten), die man selber gerne hatte. Die Entscheidung der Linken für die Stones und gegen die Beatles revidieren und umkehren, und dafür ebensoviel objektive Gründe finden wie zugeben, daß man eigentlich nur so spricht, weil man als Kind mit den Beatles aufwuchs und nicht mit den Stones (ein objektiver Grund war, daß die Stones das vitalistische Argument geradezu herausforderten, die Beatles hingegen die konventions- und traditionsfreie, nur an reinen problemlösenden Intelligenzentscheidungen interessierte Neuheit verkörperten).

    Darauf aufbauend sollten die nie ausgesprochenen, aber sowohl den Mythen wie den objektiven Verhältnissen immanenten Folgeprobleme behandelt werden: was ist wirklich politische Rockmusik? Sind vielleicht schwule Weichlinge revolutionärer als Rocker mit Messer zwischen den Zähnen? Wieviel und wie wichtig an der Musik ist überhaupt die Musik, und welche Bedeutung kommt in der Popmusik allen nichtmusikalischen Elementen zu; vor allem aber, wie verhält es sich mit dem Problem der Vereinnahmung auf inhaltlicher, ökonomischer, politischer Ebene, und wie schließlich verhindern wir, daß die neuen Musiken, die damals entstanden, nicht zu Lindenberg6-artigen Institutionen sich entwickelten, die die Jugend via Sinn, Vernunft und SPD zum demokratischen Mitmachen abwerben? Schließlich hatte man ja gerade erlebt, wie Punk-Rock durch Soziologisierung zum verwaltbaren „Problem“ reduziert worden war, und daraus die sozialdemokratische Variante dessen abgelesen, was noch eine Protestgeneration vorher Ausgrenzung war: Integration in das Netz vertrauter sozialer „Probleme“. Das war der administrative Schatten dessen, was im Marktbereich das hektische Einkaufen von Bands und deren Integration als Produkt in die breite „Range“ der Company war, wie es die Plattenindustrie in sozialdemokratischen Zeiten noch machte, etwa mit Reggae, Punk, Pub-Rock, sog. Neuer deutscher Welle (während sich kurz darauf schon die andere Strategie der Verknappung abzeichnete).

    Zehn Jahre später ist der Underground so autark, daß es echt keinen mehr interessiert, was irgendwelche Massenmedien schreiben/senden/verbreiten, was Plattenfirmen veröffentlichen …, aber damit kann man auch nicht zufrieden sein. Sowohl auf das Auffressen wie auf das Ausschließen mußte die Plattenkritik in den letzten zehn Jahren ständig reagieren, denn auf der Ebene der Schallplattenproduktion wurde schließlich nur ökonomische Wirklichkeit, was das veränderte Denken/Selbstverständnis des Underground seit 77/79 hervorgebracht hatte: einerseits wurde massenhaft altes Material, als Zitat wie als einigermaßen komplette Retroinszenierung in neuen Kombinationen und Bedeutungen neu belebt, andrerseits baute sich Unübersichtlichkeit durch das Entstehen von Massen kleiner Independent-Labels auf, die sich jeweils als Vertreter einer abgrenzbaren (meistens zu einem großen Teil fiktiven) Klientel aufführten und so u. a. auch den klassischen bürgerlichen Medientrick der Soziologisierung (über den sich nun auch sowjetische Avantgardisten erstmals beklagten, die Opfer westlicher Glasnost-Euphorie wurden: man sei kein Mensch mehr, kein Name, nur noch ein „Symptom“) einfach umdrehten (wie am Ende von Sexbeat7 gefordert), indem eben jedes von ihnen so tat, als ob es eine relevante soziologische Gruppe repräsentiere, eine soziopolitisch bedeutsame, neue ästhetische Praxis vertrete, so das soziologisierende Gerede nicht nur wirklich wirksam ins Leere führend, sondern aus dessen Relevanz-Kriterien noch gegen den Strich etwas von der immer noch und nicht ganz zu Unrecht begehrten Würde der Medienwichtigkeit absaugend.

    Die Unübersichtlichkeit der Jugendkulturen hat erreicht, was 82-85 vielleicht eine strategische Idee war, aber nicht für möglich gehalten wurde: es ist den Massenmedien (als Agenten der Staatsvernunft) tatsächlich unmöglich geworden, noch glaubwürdig von Jugendkultur zu sprechen. Was sich bestenfalls auf Mode-Strecken reduziert hat, wird auch in der Grauzone der sogenannten Zeitgeistzeitschriften8 nicht anders, die zwar nicht, wie bisher zu einfach angenommen, Jugendkultur aussaugen und ans Establishment verkaufen, sondern einfach selbstreferentiell eine eigene, irreale Welt erfinden, die sich wesentlich leichter verkaufen (heißt vor allem: bebildern) läßt als der reale Underground. Die darüberhinaus niemand für real hält und deren Vervielfältigung auch auf diesen überhaupt nicht zurückwirken. Früher konnten Medien sich noch durch so etwas Einfaches wie Lügen, sachliche Fehler oder zwei bis drei Jahre verspätete Berichterstattung diskreditieren, was immer noch soviel Nähe zur Wirklichkeit voraussetzt, etwas falsches über ein wenigstens richtig benanntes Objekt sagen zu können. Heute ist das, worauf die sich beziehen, ebensowenig von dieser oder irgendeiner anderen realen Welt, wie das, was sie darüber aussagen, und die wahre Realität der vielfältigen subkulturellen Praxis für Mainstream-Kulturindustrie ein entrücktes, kaum noch verwertbares Ghetto. (Ich glaube nicht, daß es prinzipiell unmöglich ist, über Minderheitenkultur zutreffend zu berichten oder sich als Mehrheitskultur tarnende Spezialistenkultur wie Bildende Kunst mit Objektivierungen zu begegnen, es hat nur niemand ein wirtschaftliches Interesse daran, dafür neue Wege freizusprengen.)

    Dabei ist natürlich, was wie tausend verschiedene Gruppierungen und Rituale aussieht, nichts, was in einer Großstadt mehr als 100 bis 10.000 Leute existentiell betrifft, ja ist eigentlich nichts anderes als die Entsprechung zu dem, was früher künstlerische Avantgarden waren. Traditionell kollaboriert diese Welt tendenziell mit Lumpenproletariat, Kleinkriminellen und Halbwelt, bis in den 80ern Underground vor allem eine Sache der Kleinbürgerkinder wurde. Was zunächst toll war, weil endlich Theorie und Selbstreflexion des U-Ground einsetzen konnte, die Spezialität der kleinbürgerlichen Seele: Erkenntnisfortschritt durch Selbstbespiegelung bis zu dem irgendwann zwingend eintretenden Wendepunkt, wo der zum kleinbürgerlichen Bewußtsein gehörende Harmonisierungs- und Synthetisierungszwang die frisch aufgeworfenen Konfliktlinien wieder zuschüttet.

    Denn wie immer ist der Bereich, der am ungeregeltsten, fragwürdigsten, scheinbar unmoralischsten organisiert ist, der Ort, an dem das kompetente moralische Urteil über die Welt am unbeeinflußtesten von korrumpierenden Interessen und am gerechtesten gesprochen werden konnte, auch weil eine außerhalb entstandene Ästhetik zur Verfügung stand (ein wesentlicher Zweck des Geredes von der Postmoderne, in der alles gehe, ist der, vorzugaukeln, daß alles gehe: es geht nämlich noch lange nicht alles und eigentlich nicht mehr als je zuvor, die Verbote sind identisch, nur der Kulturstrafvollzug hat sich von Ausschluß/Verurteilung zu Aufkauf/Ausreden/ Angebote, die man nicht ablehnen kann, verschoben, – allerdings ist auch das z. Z. wieder in Gefahr, durch ältere Formen ersetzt zu werden), und aufgrund der inzwischen funktionierenden selbstgeschaffenen Strukturen der Unabhängigkeit auch am härtesten und ästhetisch richtigsten umgesetzt werden kann.

    ABER. Aber: The very thing that makes you rich makes you poor. Diese Bedingungen, diese einsamen köstlichen Vorzüge des Indie9-Paradieses sind gleichzeitig die Bedingungen einer tendenziellen Vereinsamung, und daher Verarmung und Verblödung (von der Verschweinung im Drogenhandel gar nicht zu reden). Da, wo Unübersichtlichkeit ungestörte und unvergiftete Blüte von richtigen Bildern und Tönen verspricht, und immer wieder auch hält, uneinnehmbar vom Falschen und Verfälschenden, Staat, Geld, Sinn, Ideologie und Schule, läßt dieselbe Unübersichtlichkeit – zumal sich heute ja auch die Mehrheitskultur nach diesem Vorbild postmodern ihre „Unübersichtlichkeit“ in Aspekte feiern läßt – Inzest und Spezialistentum, Langeweile und Tod gedeihen, weil sie aus dem Auge verloren hat, warum sie überhaupt geworden ist, wie sie heute ist, warum sie was vor welchem Falschen schützen wollte, warum sie Pakte mit den finstersten Mächten schloß, nur um nicht drinnen zu sein. Weil man das Richtige, Eigene vergißt, wenn man das falsche Allgemeine ignoriert / aus den Augen verliert. Wenn radikale, ästhetische Praxis (ihre immer auch) moralische(n) Befunde über die Welt von dieser Welt abkoppelt und sich als was Besseres aufführt, übergeht sie, daß in glücklichen Momenten auf jeder Dorfkirmes Punkrock gedacht und gespielt wird, in unmittelbarer Nachbarschaft von Regression und Faschismus und Vergewaltigung, daß die krassesten, richtigen Entscheidungen der Konzept-Kunst von Parkwächtern im Karneval getroffen werden, daß das Layout des Plakats, das zur Fasanenausstellung der Landwirtschaftskammer ganz weit draußen einlädt, direkt korrespondiert mit Ideen, die wir gerade als aufregende Erfindungen von uns gefeiert haben. Denn die Produktions-Bedingungen der Subkulturen tendieren dazu, vergessen zu machen, daß das Richtige die Sache aller Menschen ist und daß alle Menschen, trotz der widrigsten Widrigkeiten gegen jeden eigenen Gedanken im eigenen Kopf, immer wieder kühnste Eigenheiten äußern, die ihrerseits Gemeinsamkeiten bilden, auch mit den far outesten, besten Positionen, um die eine Avantgarde unter den besten Voraussetzungen zu kämpfen vorgibt. Und die haben dann ein um so größeres Gewicht als die von professionellen Kämpfern gewonnenen Erkenntnisse, wie der Generalstreik ein größeres als das Attentat hat (was die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Attentate nicht herabsetzt/ausschließt).

    Wegen dieser systembedingten Tendenz zu selbstzufriedener Beschaulichkeit (die sich immer wieder zu albernsten, destruktiven Fraktionismen auswächst) braucht Underground-Pop-Kultur im Großen wie im Kleinen immer eine noch zusätzliche Konfrontation mit dem Gegenteil und Gegenüber ihrer jeweils dominanten Richtung. Es ist klar, daß diese Aufgabe nicht immer diejenigen übernehmen können, die gerade mit der Durchsetzung eines wichtigen, unausgesprochenen, ungehörten kleinen, nächsten Schrittes beschäftigt sind, aber jeder muß nicht nur immer in der Lage sein, sondern auch diesen dialektischen Spaß an der vorübergehenden Selbstaufhebung genießen lernen, das jeweils Richtige an seinem Gegner/ Gegenüber innerhalb und außerhalb der Fraktionen zu erkennen und schätzen zu lernen, bevor er mit seinen richtigen Bemühungen fortfährt. In der durchkulturisierten Informationsgesellschaft wird immer mehr kulturelles und politisches Handeln ineinander übergehen. Es kommt darauf an, die entwickeltsten, künstlerischen Positionen des 20. Jahrhunderts mit politischen Erfahrungen kollektiver Bewegungen kurzzuschließen, in Verbindung zu bringen. Die Arbeit des 21. Jahrhunderts wird Kulturarbeit sein. Diese wird eine neue Theorie der Arbeit brauchen, die eine Arbeitskraft untersucht, die von Inspiration und Stimulanz reproduziert wird und wie bei deren Herstellung Menschen ausgebeutet und umgebracht werden. In der Pop-Musik entstehen heute schon, undurchdacht und unbewußt und unorganisiert – was vielleicht gerade gut ist –, oft aussichtslose und idealistische, aber eben doch, Formen des Widerstands für die Kulturgesellschaft des nächsten Jahrhunderts.

    ***

    Ich habe nicht nur Englisch an Songs gelernt und spreche noch heute ein Englisch, das nur aus Zitaten besteht: kein englisches Wort hat für mich eine Bedeutung, die sich auf irgendeinen Gegenstand aus der Wirklichkeit bezieht, wenn ich „Feuerwehrwagen“ denke/sage, sehe ich einen roten Feuerwehrwagen vor mir, wenn ich „Fire Brigade“ sage/denke, höre ich ein Lied von The Move, ich habe auch das Denken an Pop-Musik gelernt. Daß das Ich Grenzen hat. Daß Menschen bedingt sind. Daß man sich in andere hineinversetzen kann und daß man dadurch wirklich folgenreich in den anderen drin ist. Daß man an heißen Sommertagen freihändig einen Berg herunterfahren sollte. Daß man immer zu Recht haßt. Daß es schön ist, an Drogen sterbenskrank zu sein. Daß das, was man sowieso will, immer richtig ist. Daß Liebe nur dazu dient, sich selbst zu verklären. Daß Gerechtigkeit und Frieden reaktionäre Phrasen sind, die aber auf Englisch einen Klang haben, der über ihre Phrasenhaftigkeit als Argument hinaus als musikalische Ereignisse ihnen die ursprüngliche Richtigkeit zurückgibt. Daß das Kleinbürgerlich-Sentimentale eine schwere Eisenkugel ist, die man sein Leben lang mit sich herumschleppt und zu der man sich verhalten muß, ohne zu lügen noch zu beschönigen, stolz und demütig: denn der Kleinbürger ist angenehmer als so mancher andere, aber der einzige Beschränkte, der seine Beschränktheit immer wieder vergißt (denn seine Beschränktheit ist die Unbeschränktheit, er kann alles verstehen; aber nur, wer nicht alles verstehen kann, sondern lediglich das, was seinem Zweck hier auf Erden dient, denkt wirklich unbeschränkt). Daß fast alle Haßsongs Liebeserklärungen sind, besonders „I Hate You“ von Kim Fowley. Und so weiter. Dies sind willkürlich zusammengestellte Ideen, die ich Songs verdanke. Es ist also nur selbstverständlich, daß ich und Millionen meiner Zeit- und Altersgenossen, die genauso aufgewachsen sind, Intelligenz in einer Musik entdecken, die ihnen Material war, um ihre Intelligenz zu entwickeln. Frühere Menschen entwickelten sie, sagen wir, am Beobachten von Himmel und Erde und Feuer und Wasser und fanden logischerweise da ihre Götter wieder, wir fanden sie in der Pop-Musik. Ich weiß nicht, was die übernächste Generation in dann fossil gewordenen Homecomputern und Video-Games finden wird. Ob diese Intelligenz nun wirklich objektiv in der Musik vorhanden ist, ist kein Problem, da die an ihr entwickelte Intelligenz auf sie zurückwirkt, wie die Beschaffenheit eines Werkzeugs die Intelligenz seiner Erfinder auf zukünftige Benutzer überträgt.

    Die vorige Generation jedenfalls hatte, als ich bei Sounds anfing, gerade mit dem Problem zu tun, daß Popmusik (Rock’n’Roll) für sie immer mit ihrer Entdeckung (als Teenager) und der darauf folgenden sogenannten Befreiung der Sexualität zu tun hatte. So daß sie dazu verurteilt war, in Rock-Musik immer wieder Sexualität zu hören/zu vermissen, was natürlich 79 nicht mehr dem Stand der aktuellen Probleme/Fragen entsprach. Denn das war für uns sekundär: nicht nur weil unsere Sexualität wahrscheinlich nie in dem Maße unfrei war, sondern auch, weil für unsere Generation Popmusik schon lange vor der Pubertät selbstverständlich war, weswegen sie eher mit Entdeckung der Welt als mit Entdeckung des Sex gekoppelt ist.

    Die Ablehnung von Punk/New Wave in Sounds – bevor 79 mit Thomas Buttler, Michael O.R. Kröher und mir die neue Redaktion einzog, von der alten (in einem für das Medienbusiness einmalig-honorigen Fall von Verzicht auf Pfründe) bestellt – hatte auch damit zu tun, daß Punk eine Anti-Sex-Musik war und im Laufe seiner Geschichte zu Hardcore immer noch mehr wurde. Punk war nicht nur entschieden unfunky und ungroovy. Die Häßlichkeit sogenannter Punk-Ästhetik hing auch damit zusammen, daß Punk eine Anti-Sex-Musik war, die einfach den zur Schau getragenen Sexismus bei Rod Stewart und Mick Jagger viel ekelhafter fand, als die von Kritikern vorgeschobenen Argumente wie Publikumsferne, Stadion-Rock etc. Dies waren Kinder oder jüngere Geschwister von Hippie-Zuhältern und Hippie-Schlampen, Jodie Foster als Opfer von Harvey Keitel in Taxi Driver drei Jahre später und Linda Manz als Opfer von Dennis Hopper in Out Of The Blue, die begriffen hatten oder erleben mußten, daß Love-&-Peace-Parolen in einer kapitalistischen Welt in kürzester Zeit zu Werbesprüchen für Zuhälter werden müssen; zumal ein Aspekt aller Subkulturen immer war, daß sie an ihrem einen Ende der jeweils avanciertesten Zuhälterei den Überbau lieferten: etwas, was bei Punk trotz einiger rührender Analog-Versuche des liebenswerten Libertin Kim Fowley, in L.A., nicht glückte. Punk richtete sich eben auch gegen den immer noch alles und alle dominierenden, öffentlich ausgetragenen Versuch, die Abrechnung mit 50er-Jahre-Sexualität als den für alle Zeiten verbindlichen, und dabei immer noch negativ deren Gewalt und Unterdrückung beinhaltenden, Gefühlscode der Popmusik anzusehen. So erklären sich auch Rassismus-Anwandlungen und andere Ressentiments der Punk-Bewegung, die sich nämlich gegen das richtete, was aus schwarzen Grooves eine inzwischen 35 gewordene weiße Pop-Kultur gemacht hatte, die natürlich noch immer nicht mit ihrem Lebensproblem fertig geworden war: dem Wichsverbot der Fifties.

    Unser Problem war stattdessen nicht, wie man meinen könnte, das Wichsgebot der 60er/70er und ihrer Kinderläden und Konkrets mit nackten Mädchen (da es bei uns zuhause den Stern nicht gab, sah ich das erste fotografierte nackte Mädchen meines Lebens in einer Nummer von Theater heute bei einer Otto-Mühl-Aktion), sondern Glück und Selbstverwirklichung der viel zu glücklich verlaufenen westlichen Science-Fiction-Kindheiten der 60er Jahre. Aus denen sich der im Prinzip richtige Wunsch ergab, dieses Glück (nicht nur aus altruistischen Gründen: so aufgewachsen kann man Unglück einfach nicht aushalten) mit allen teilen zu wollen, der immer gerne als moralischer Rigorismus ins Tyrannische lappt, und im Falle unserer K-Gruppen gründenden Generation das Tyrannische u. a. als guten Witz („Stalinismus“) gegen pluralistische Nivellierungsstrategien rechtfertigte. Diffus geistert der tyrannische Glückszwang als allgemeiner moralischer Fundamentalismus immer noch durch die Köpfe derer, deren Intelligenz in den 60er/70er Jahren sich an Popmusik entwickelt hat, sie für immer als das Material ansehend, mit dem man denkt. Die tendenziell noch glücklicheren, widerspruchsfrei aufgewachsenen, späteren Kinder praktizieren heute auf allen Ebenen einen noch rigideren, rabiateren Moralismus oder Anti-Moralismus.

    In meinen Texten hat es sehr bald auch ein Argument gegeben, das Popmusik ursprünglich gegen mögliche Vorwürfe der E-Position – mangelndes Raffinement, geringe Komplexität – verteidigen sollte und das später offensiv für den Zuckerbäcker-Zitat-Stil der Jahre 81-84 eingesetzt wurde; schließlich habe auch ich noch mit Musiklehrern über Led Zeppelin und die Beatles diskutiert. „Revolution 9“ und „Whole Lotta Love“ in der langen Fassung mit Mittelteil kamen wg. formaler Innovation („Collage“) gut an, „Bourée“ von Jethro Tull schlecht, weil der Flötist „ein Stümper“ sei, einem akustischen Trio des Mahavishnu Orchestra wurde Kitsch, zu Recht, vorgehalten. Herr Lindemann und Herr Mollineus waren schon sehr gut. Diesem Argument zufolge ist Pop nur zum Teil Musik, zum möglicherweise größeren Teil alles andere. Der Musik bediene sich der Popmusiker nur, wie zuweilen Schriftsteller des Theaters als ein vorgegeben konventionelles oder massenwirksames Medium, dessen Regeln man genüge tun muß, um nicht im Problem einer neuen Form Dringenderes zu verlieren, das sowieso in bekannten Formen deutlicher zur Geltung kommt, der wichtigere Text und die Inszenierung, das jeweils Andere/Neue an Gedanken, Ideen, die ein Stück transportiert. Heute ist vieles davon selbstverständlich, immerhin haben wir als ein Ergebnis dieser Idee Videos. Der Gedanke hat seine Wirkungen möglicherweise, wie so viele Errungenschaften einer Epoche, an deren Ende ins Kontraproduktiv-Reaktionäre hin verlängert. Als ich anfing, war dies ein in jeder Argumentation nicht nur unberücksichtigter Aspekt, sondern noch schlimmer: wenn sich ein Musiker über mehr als Musik äußerte, gestaltete, darstellte, wurde ihm dies meistens als „unecht“, als Schwäche der Musik (als des Eigentlichen) ausgelegt, Bowie war bei kleinen Mädchen beliebter als bei Sounds.

    Zusätzlich zum vitalistischen Argument hatte es seit den späten 60ern / frühen 70ern das „progressive“ gegeben, demzufolge jetzt auch Popmusik improvisiere, Intensitäten aufbaue, collagiere, wie eben anerkannte Musikrichtungen wie E-Avantgarde oder Jazz, einzig der Warencharakter der Schallplatte und die sie herstellende Industrie hindere sie daran, sich diesbezüglich voll zu entfalten, so als ob Popmusik nichts wäre als eine Jugend-E-Musik in noch nicht voller Blüte. Die Dürftigkeit dieses bis in die späten 70er und in Experimental-New-Wave-Kreisen dann auch später wieder so manche Diskussion nächtelang beflügelnden Begriffspaares „kommerziell/progressiv“ wurde in Sounds relativ früh erkannt und Konsequenzen gezogen. Man kümmerte sich schon ab 72 mehr um amerikanische Musik, die mit ihrer engeren Beziehung zu auch weißer Volksmusik und Country & Western ganz andere Probleme hatte, als der von der hitzigen und präpotenten Atmosphäre der Kunstschulen geprägte britische Pop. Aus der engen Beziehung zu dieser amerikanischen, heterosexuellen Männermusik entwickelte sich natürlich auch wieder eine Spielart der vitalistischen Ideologie, die als coole Haltung nur noch gelten lassen wollte, nichts weiter zu wollen, als es gut abgehen zu lassen, gute Stimmung zu verbreiten und nebenbei vielleicht noch einen ältlichen Humor. Das war ein Nährboden auch für besagten Sexismus/Sauwohlfühlgehtgutabismus, der sich dann u. a. in so tadellosen Erscheinungen wie den Flamin’ Groovies und dem britischen Pub-Rock bestätigt sah, sonst vor allem in amerikanischer Musik, auch der bombastischsten. Als wir diese Haltung bekämpften, mußte dann auch ungerechterweise viel Pub-Rock mit dranglauben, den ich heute längst wieder mag, und sich eine Band wie die Count Bishops Formulierungen wie „paßt nicht in unsere Zeit der Mikrochips“ anhören, die doch gerade zu dem Zeitpunkt durch den Tod Zenon DeFleurs genug gestraft waren.

    Erst zwei, drei Jahre später ließ sich dieser Widerspruch als der Kampf gegen den Rockismus beschreiben. Denn erst 82 mit dem Aufkommen des sogenannten Zitatpop, mit der sich seit 81 abzeichnenden Abkehr von jeder Punk-Rock-, Avantgarde-Rock-, ja jeder Rock-Ästhetik überhaupt, war ein ästhetischer Standpunkt eingenommen, der sich gegen jeden Aspekt der ausgesprochenen und unausgesprochenen Ideologie des Rock stellte. Unterstützt wurde diese Haltung von flankierenden Entwicklungen wie frühem Rap/Hip-Hop und deren Zitat-Ästhetik, vom Soul-Revival und Retro-Trash-Interesse, das Künstliches und Comics jeder gelebten Biographie echter Männer vorzog. Bei aller Fruchtbarkeit und intellektuellen Produktivität stellte sich dieses Denken als wegbereitend für die spätere Yuppie-Ästhetik heraus – allerdings auch für die Unterideologie von der prinzipiellen Überlegenheit der schwarzen Musik, denn Rap/Hip-Hop war schwarz, und der sogenannte Zitat- oder auch Metapop speiste seinen Eklektizismus vor allem mit schwarzer Soul- und Disco-Musik.

    Aber jede ästhetische Revolte, die sich gegen Lüge und Beliebigkeit des einst Wahrhaftigsten richtet, wird im Kapitalismus irgendwann sehr schnell wieder Träger der Beliebigkeit, und in the long run klingen dann eben hohe Studiokosten wieder nur wie hohe Studiokosten. Das gilt übrigens genauso für das Aufbegehren gegen die jeweils aktuelle Form der Entstellung von Sexualität; dem zurecht bekämpften Rock-Sexismus folgte bis zum Ende der 80er ein Kult sogenannter „unschuldiger“ Mädchenstimmen (meist in englischen Girls mit Wasserstoff-Haaren wohnend), der sein reaktionäres Potential in der britischen Indie-Musik der zweiten Hälfte der 80er austobte.

    Bevor jedoch das, was im Kampf um Verbindlichkeit, die ja nunmal der natürliche Vorteil jeder Jugendkultur gegenüber etablierter Kultur ist, unser Gegner sein sollte, sich immer deutlicher als Begriff und Idee des Rock herausstellte, mußte die Musik unserer Zeitgenossen, mußte unser Diskurs, der in den Jahren 77-79 begonnen hatte, positiv einen eigenen Standort beziehen. Ein Aspekt davon war die Forderung nach Zeitbezogenheit. Wie alte Futuristen forderten wir von der Musik, daß sie zu klingen hätte wie die fortgeschrittensten Produktionsmittel, ein entsprechendes Diktum von Roger McGuinn verglich den Sound der Byrds mit dem eines Düsenflugzeugs. Zu dieser schönen Plattheit konnten wir uns allerdings immer nur zur Hälfte entschließen, wenn wir die Abwesenheit einer Modernität des Klangs immer wieder falsch fanden. Positiv konnten wir Zeitgenossenschaft musikalisch nur sehr ungenau bzw. weit definieren. Es ging ja auch über Texte, die sich auf neues Leben und neues Bewußtsein bezogen, etwas, was in den 70ern selten geworden war, oder durch neue Haltungen gegenüber früher von Rock immer nur ideologisch betrachteten und also verachteten Musiken wie Mainstream-Charts-Pop oder Disco-Musik. Man lernte Chic als Bauhaus der Tanzfläche schätzen. Und natürlich den dünnen, weißen David Bowie, der ebenso Nomadismus verkörperte wie er Punk-Rock und Disco-kompatibel war und seine Haltungen zu Moden und Zeitgenössischem von der geläufigen Altmännerignoranz sich so sympathisch unterschieden.

    Schließlich steuerte die ganze New-Wave-Rede auf den Punkt zu, wo nur noch über das Problem der Autonomie des Einzelnen debattiert wurde (und zwar in der ganzen Bandbreite, von kleinbürgerlicher Selbstverwirklichungsideologie bis zum stalinistischen Kollektivismus), sowohl pubertätsbedingt wie Kraftwerkrezeptionsbedingt, in unserem Fall natürlich auf den Punkt bezogen, wie sich der Einzelne als Künstler präsentieren darf/soll, was er verkörpern soll, was nicht, oder ob er vielleicht, wie alte Rocker immer noch sich vorstellten, nichts verkörpern soll außer sich selbst. Sie: Die Medien schreiben ihm diese Eigenschaften nur zu. Nicht echt. Wir: Das tun Medien immer, er muß dafür sorgen, daß die nach seiner Pfeife tanzen, das ist sein Job als Künstler (die Pop-Spiegelung der Fluxus/Situationismus-Idee des Manipulations- und Interventions-Künstlers). Bis es schließlich als New Wave galt, wenn einer davon sprach, fremdbestimmt zu sein, nur noch wie eine Nummer sich zu fühlen, eine Maschine, ein Automat, von außen kontrolliert und ohne Gefühle. Pionierarbeit für diese naturgemäß besonders in England sehr populäre Haltung leistete neben Kraftwerk, und deren Kitschversion Ultravox, seit 1978 Devo, die New-Wave-Gruppe schlechthin – auch wenn aus Ohio –, wenn auch nur sehr wenige ihre Intelligenz und ihren Humor besaßen, diese Ästhetik des Computer-/Synthesizer-/Spielzeugroboter-Maschinengrooves nicht gleich wieder in die alte Klage über den Verlust der Identität und Selbstkontrolle des einheitlichen Individuums abgleiten zu lassen, mit dem darum gewundenen, idealistischen Müll, wie das Gejammere über zu viel Neon-Licht und moderne Architektur; die Künstlichkeit und das Zusammengesetzte des modernen Ichs stattdessen zu begrüßen und zu feiern, wie z. B. eben New-Wave-Mainstream. U. a. auch als Affirmation der Künstlichkeit als Autonomie des Gedankens über seine Bedingungen, Wave auch als hundertdritte Marx-Nietzsche-Versöhnung, sowie mein geliebter Guattari-Satz von den völlig künstlichen, anti-natürlichen Setzungen, die wir vorzunehmen hätten, damit ein völlig künstlicher Mann und eine völlig künstliche Frau völlig künstliche, freie Beziehungen hätten, denn nur so könne man der semiotischen Vergiftung jeder vorgeblich natürlichen Rolle, Funktion oder Lebensäußerung im Kapitalismus entgehen. Das war der allerdings nur selten zu überblickende neue Horizont der Künstlichkeitsdebatten von ca. 1981, das Beste der Autonomie- und Identitäts-Diskussion. Deren Problem war aber, daß die Kritik an den Natürlichkeits- und Authentizitätsmythen, die der Rock, auch bis in weite Bereiche des sogenannten Punk-Rock hinein perpetuierte, einen intelligenteren Ausgangspunkt brauchte, als einen, der meist nicht über die wie auch immer verdaute Schullektüre George Orwells bei britischen Kunststudenten hinausgeht.

    Der notorisch intelligente Green Gartside und der kaum weniger notorisch schlaue David Byrne meinten z. B. bei der durch die antiindividualistische, antikleinbürgerliche Kollektiverfahrung des Gospel emotional codierten, schwarzen Musik, sprich Soul, sei dieser Ausgangspunkt zu finden. Byrne hatte mich schon begeistert, bevor er meinte, etwas ungeschickt in seine Talking Heads schwarzes Community-Feeling injizieren zu müssen, indem er diese durch ein paar schwarze Studio-Funk-Professionals Ende 80 zum Nonett vergrößerte, als er noch in entfernt auszumachender, aber viel weiter durchdachter und so in Distanz gerückter Velvet/Richman-Tradition versuchte, den Standpunkt bei einer Warholistischen City-Folk-Musik zu finden. An die Stelle von Kritik, wie sie der geil sein (in den meisten Fällen vom Blues und dessen Mythen geklautes, fingiertes) Leiden vorzeigende Rock-Individualist und seine das Leiden verwertende und verkaufende Gitarrenschwanzautonomie gepachtet hatten, sollte nun ein das Vorfindbare feierndes, bescheidenes kleines Liedchen treten, das sich formal eher der erwachsenen Tradition der parteilichen Nachrichtenübertragung verpflichtet fühlte (statt pubertären Männerposen) und inhaltlich der Teen-Neurose-Tradition von altem Rock’n’Roll bis Jonathan Richman.

    Mit diesem Coup hatte Byrne das theoretische Jahrzehnt der Popmusik eröffnet und wahrscheinlich mehr geprägt als jeder andere. Seit damals weiß man, daß musikalisch einfachen Liedern/Ideen die zugrunde liegenden, komplexen intellektuellen Entwürfe/künstlerische Behauptungen anzuhören sind, die von da an einen Diskurs über Musik in Gang setzten, der der Pop-Musik die letzte Unschuld endgültig nahm, die Schutzbehauptung ihrer Spontaneität und Naivität. Er demaskierte diese Behauptung als Ideologie und betonte den grundsätzlich konzeptuellen Charakter aller Popmusik. Er hatte das dagegen abgeschafft, er hatte Rock als Wut-Musik abgelöst. Nicht mehr ein gemimter Haß/Wutausbruch als verhärteter Reflex eines dreißig Jahre alten sexuellen Problems sollte von nun an das Bild des Pop-Musiker bestimmen, sondern auch ein von mir seinerzeit begrüßter und theoretisch überhöhter Entwurf eines unbeeindruckt das Bestehende konstatierenden, höflich-schüchternen Menschen, der sich nichts auf seine Versoffenheit einbildet, seinen unter zur Schau gestelltem Leid entwickelten, zur Schau gestellten Leidensdruck und den daraus ebenfalls stolz zur Schau gestellten Ersatzhandlungen etwas einbildet, ja der sich auf überhaupt nichts Erlittenes, sondern allenfalls Begangenes oder seinen Geschmack etwas einbildet. Heute mag mir wieder Stolz auf Ersatzhandlungen lieber sein, als Stolz auf Höflichkeit oder Unbeteiligtheit, aber damals war Byrnes Eingriff unbedingt nötig. Heute ist das von ihm Vertretene längst auf eine viel schlimmere Art zu konservativer Ideologie erstarrt, weil es schon relativ schnell vergaß, daß es gegen eine andere Fehlentwicklung entstanden war, und Byrne selber konnte sich auch als Künstler nur schwer gegen diesen fatalen Sog seiner Ideen behaupten. Die Kultur erfüllt jede politische Forderung an die Kultur auf ästhetische Weise und kehrt deren politischen Sinn um. Dieser Vorgang dauert zwischen fünf und zehn Jahren, und man kann ihm weder entgehen noch ignorieren, man kann immer nur unermüdlich bis zur totalen Langeweile und Erschöpfung und Überdruß schneller sein. Dabei entsteht mit der Zeit die Spur, die wie eine Position ist, von der aus man spricht.

    Schallplatten von New Wavern sahen zum ersten Mal wieder gut aus. Layout, Fotos, Farbigkeit waren zum ersten Mal wieder auf Musik bezogen. Die ersten Indies und Fanzines hatten auch visuell eine neue Ästhetik geschaffen, die das Vorhaben, allgemein bekannt zu machen, daß eine neue Zeit begonnen hatte, die sich auch als neue Zeit erleben will, verstärkten. Die Beteiligten wußten soviel schon über Geschichte, hatten als die Kinder, die selbst in den übelsten Fällen noch glücklichere Kindheiten hinter sich hatten als alle vor ihnen aufgewachsenen Kinder, fast alles, was das Leben windig und würzig, spürbar und gefährlich macht, nur als Geschichte vermittelt und in seiner Geschichtlichkeit mitbekommen. Sie waren aufgewachsen in der Behütetheit, die Aufregendes nur als historisches Phänomen durch die Tür ließ, so daß sie jetzt, wo sie ihr eigenes Leben begannen, dieses von Anfang an als geschichtsträchtig spüren wollten und von Anbeginn an alles, was sie taten, periodisierten, in Epochen darstellten, sich selbst ihre Geschichte simultan zum Erlebnis schrieben und gar vorgriffen oder sich mit anderen gewesenen und ausgewiesen bedeutsamen Epochen in Verbindung brachten und ständig Analogien aufspüren mußten. Das war eine Stufe weiter als Nostalgie. Leute, die schon in ihrer Kindheit Nostalgie mitangesehen hatten, Geschichte als Ware, wollen im Erwachsenenleben nur noch Geschichte simultan zu Lebzeiten. Und so begann das Zeitalter – Sie werden gemerkt haben, daß sich die letzten Überlegungen mühelos auf andere Bereiche unserer Kultur übertragen lassen –, wo graphische Moden nicht mehr unschuldige Moden waren, sondern bereits beim Entstehen die Konturen kalkulierten, die sich als historische Merkmale würden später ablesen und wiedererkennen lassen, wo politische Gedenktage wichtiger wurden als politische Ereignisse. Die Sehnsucht des mit immer mehr Glück und daher immer mehr Todesangst gefütterten bürgerlichen Individuums – denn je reicher, größer und glücklicher so ein Ich, desto größer der Verlust für es selbst – nach einem ewigen Leben verlegte sich in eine Nachwelt zu Lebzeiten, wo man bereits im eigenen Leben spazieren gehen konnte wie in einem Dokumentarfernsehspiel und in dem man sich kleidete, als hätte einen der Fundus der Abteilung „Stile und Moden der Subkultur“ des ZDF des Jahres 2020 ausgestattet. Das war der Gipfel des Programms „künstliche Identitäten“, „Bejahung des Gemachten in der Kunst und in der Emotion schlechthin“.

    Die zutreffende Behauptung, daß Pop-Musik nur zu einem Teil Musik sei, wurde wichtiger in der Auseinandersetzung mit einer eigenartigen Neutöner-Fraktion, die im Zuge der Punk-Bewegung mitentstanden war und die neben einer Menge wichtiger und heute noch wunderschöner musikalischer Entwürfe, die mehr als alles bisher Erwähnte die Zeiten überdauerte (Pop Group, Pere Ubu, James White), eben auch eine Ideologie der Innovation mithervorgebracht hatte, die einen Innovationszwang verhängte, der nun erst recht zur Wiederholung ganz alter ästhetischer Ideen aus Free Jazz, Futurismus, Fluxus, Dada – you name them – führte. Man reproduzierte die Spuren des Provozierens, das Erschüttern längst toter Bürger durch noch totere Künstler als künstliche Patina, was noch okay hätte sein können – schließlich waren es zunächst junge, neue Leute, die sich dieser alten Ideen annahmen, wovon alte Ideen im Prinzip immer jünger werden –, wenn es nicht zu einer Ideologisierung und Verhärtung dieses Denkens gekommen wäre, das ja nichts anderes war als der normale Reflex der intellektuellen Grundnot, daß jede Generation aufs Neue (sich) beweisen muß, daß man Musik auch ohne Einhaltung der Gesetze des dreistrophigen Liedes und der europäischen Funktionsharmonik spielen kann und erleben will, wie Eltern und andere Erwachsene und Vertreter des Establishments das nicht ertragen können. Aber wie kann man das ohne Geschichtskenntnisse wissen und woher sollen die auch bei einem kommen, der neu auf der Welt ist und gerade deswegen alles wirklich weiß? Der aber immer dann sein Wissen vorübergehend verlieren muß, wenn er den nötigen nächsten Schritt tut und sich auf vor ihm Existierendes bezieht. Dem niemand sagen wird, daß auch das ein ganz altes, kleinbürgerliches Ritual ist, was er für das Brisanteste hält, das aber nicht im Geringsten der Komplexität der Situation des Verbotenen in einer durchkulturisierten, liberalen Mediengesellschaft entspricht, die sich nur freuen kann, wenn einer seine Dissidenz geschichtlich und kulturkompatibel codiert. Das Gegenargument von 82 hieß einfach, daß neue Töne zu suchen, nicht neu sei; Töne wie bedeutende Teile eines Sprach-analogen Systems aus Verweisen auf andere Töne zu verstehen, hingegen ja.

    Dennoch stand ich der Neutönerei bis ca. 1981 positiv gegenüber, weil es ja in der New-Wave-Zeit, nicht zuletzt durch technologische Entwicklungen, tatsächlich ungehörte und neue Töne gegeben hatte, auch von den Residents und Throbbing Gristle. Aber zu der Einfallslosigkeit, immer mehr ziellos-übelgelauntes Lehrerverarschen auf solche Neutöner-Ideologien zu schieben, kamen dumme Argumente, die zu noch dümmerer Ideologie wurden, die alles Geformte unausgesprochen als bereits mit der Niedertracht der Warenform korrespondierenden Verrat verbannen wollte, obwohl doch gerade Formlosigkeit und Formausfransung ein in den frühen 70ern bis an die Grenzen getriebenes Prinzip des Hippietums war, gegen das Punk entstanden sei, wie die, die wie ich darunter noch persönlich gelitten hatten, meinten. Was diese oft um entscheidende drei Jahre jüngeren Leute nicht wissen konnten. Nur wer mit ernstem, dem Publikum abgewandten Gesicht Krach machte, und, noch schlimmer, wer diesen Krach mit durchgehenden New-Wave-Beats und einfachen, im Hintergrund verschwommen repetitiven Gitarrenriffs für Jugendliche genießbar machte und, am allerschlimmsten, mit Flanger- und/oder Flageolett-Effekten versüßte, sollte auf einmal Punk und Georges Bataille und Raumschiff Enterprise und Marcel Duchamp richtig verstanden haben? Das war ein letzter Schatten eines teleologischen Weiterentwicklungsglaubens, in einem Jahrzehnt, wo der Weg eher spiralenförmig war. Mein Gegenargument hieß also: Punk hat einen wesentlichen Charakter der Pop-Musik grundsätzlich wiederbelebt, ihre Geschwindigkeit und ihren Gesamtkunstwerk-Charakter. Und Punk hat diese Werte nicht nur belebt, sondern im Gegensatz zu jenen, die auch unbewußt und als dumpfeste Mucker dennoch in dieser Tradition standen, ausgesprochen zur Diskussion gestellt.

    Daran hatten halbseidene Typen und „Theoretiker“ von McLaren über Morley bis zu mir ebenso Anteil, im Sinne von Verdiensten, wie sie den Bogen überspannten, weil sie plötzlich eine neue Art von Existenz geschaffen hatten, den Pop-Philosophen; der sich zu Philosophie verhält wie Pop sich zur E-Musik. Richtiger dagegen kommt es mir heute vor, mit der „Heimat im Herzen die Welt (zu) umfassen“, wie es im Motto des Hamburger Abendblatt steht: parteilich für Pop/Underground in möglichst vielen Bereichen der Welt zu arbeiten, in dem Sinne, daß die einzige politische Option des Kulturarbeiters sein kann, Wege zur Wahrheit, die immer nur die Betroffenen begehen können (ich bin nicht mehr jung/draußen), freizusprengen / zu erhalten.

    Zwar gab es in der Punk-Rhetorik noch den Unterschied zwischen dem Poser und dem Authentiker, einen bis heute nicht ausgestorbenen, sentimentalen Mythos der „Kids“, die „alright“ seien, doch galt eigentlich immer und wurde auch in dem Zusammenhang klar, daß die Poser die intelligentere Musik machen und das Bestehen auf der eigenen Authentizität nicht nur die Blödheit des Rock perpetuierte, sondern eben auch noch eine reaktionäre Haltung zum neusten Stand der Geschichte des Ich einnahm. Das gab es ja nicht mehr oder sollte es nicht mehr geben. An seinem Zusammenhalt festzuhalten war eben reaktionär, an seine Autonomie zu glauben naiv. (Was auch immer noch gälte, wenn wir den Sozialismus verwirklicht hätten; solange das nicht so ist, muß man umdenken, weil ohne Ich keine Autonomie, ohne Autonomie keine Politik, ohne Politik kein Ende der Ungerechtigkeiten des Kapitalismus von Massenarbeitslosigkeit bis Waldsterben bis Klitorisbeschneidung in der Dritten Welt: man muß zweigleisig fahren und die für Privilegierte erreichbaren, fortgeschrittensten Denk- und Entwicklungsmöglichkeiten eines Post-Ichs ausnutzen und weitertreiben, aber autonom menschlich bis idiosynkratischidiotisch Politik machen. Neueste Musik reflektiert diese Tatsache, daß tendenziell immer ungerechteres Sein [Spätkapitalismus, Imperialismus etc.] immer gerechteres Bewußtsein schafft, das in der Lage ist, seine eigenen Bedingungen als ungerecht zu erkennen, ohne auf die Ausnutzung ihrer Vorteile zu verzichten.)

    Die Erfahrung vom aus allen Bereichen der Kunst Zusammengesetzten der Pop-Musik mußte gegen reaktionäre Befreier der Musik im alten, neutönerischen Sinne also ebenso verteidigt werden, wie man sich gegen Parteigänger des autonomen Mucker zu der Flüchtigkeit und Künstlichkeit bekennen mußte, wie sie vom Objekt der 7-inch uns und unseren englischen Vorbildern im idealen Sinne verkörpert zu sein schien. 1980 führten wir in Sounds ein, was es bis dahin in deutschsprachigen Rock-Zeitschriften nicht gegeben hatte: Singles-Besprechungen.

    Ein Manifest zur Lage des Pop schrieb ich für die 1981 von mir herausgegebene und vom Verlag mit einem grauenhaften Cover, inzwischen eine lustige Groteske, verschandelte Anthologie Staccato, dafür durfte ich da sehr früh schon machen, was ich wollte: eine völlig konzeptlose Anthologie. In meinem Beitrag verband ich die Forderung nach einem Ja zur zusammengesetzten Künstlichkeit der Identität mit dem vom damaligen Throbbing-Gristle-Leader und heutigen Fake-Sektenführer Genesis P. Orridge ausgegebenen Slogan von einer „alien culture“, demzufolge Oppositionelle nicht im selbstzufriedenen Anderen ihrer Alternativkultur leerlaufen sollen, sondern unbemerkt und äußerlich identisch mit allen anderen aufgehen sollen in der modernen Welt, um mikropolitisch „in inspirierten Stunden Sand in so manches Getriebe“ geraten zu lassen. Ein ebenso transpolitisch richtiges und weit vorausgreifendes, in vielem, was heutige unerkannte Subzellen-Praxis ausmacht, wie unmaterialistisches Konzept, das nicht mitberücksichtigte, daß nur kulturelle Veränderungen gegen einen sozialdemokratischen Überbau gar nichts sind, erst recht nicht, wenn im gleichen Moment auf der Basis die Wende zum noch Schlimmeren stattfindet. „We Have A Greater Problem Now“. Dem Hippie, wie der ungenaue Begriff für alle vor Punk entstandenen Subkultur-Haltungen lautete, wurde vor allem die Verklärung der Niederlage vorgehalten, die ihn sauber bleiben ließ, aber eben nicht nur nichts bewirkte, sondern dem System nichts in den Weg stellte, das seinen Job, alle Erscheinungen der Welt einzudeuten und zu verwerten, wirklich schwerer gemacht hätte. Heute haben wir es daraufhin mit einem Haufen von Leuten zu tun, deren Mitmachen vom Unterwandern schon lange nicht mehr sauber zu trennen ist, weil eben die materielle Definition der Unterwanderung immer gefehlt hat: gegen rein kulturelle Interventionen hat das System keine Einwände, nur die einzelnen Feuilleton-Arschlöcher, die man beleidigt, und die sterben eh irgendwann oder werden pensioniert. Das Manifest schloß mit einer längeren Passage aus Félix Guattaris Wunsch und Revolution (recommended!), demzufolge die Revolution keine Frage revolutionärer Situationen oder blutiger Mühseligkeiten, sage ich, sei, oder anderer marxistischer Schlechte-Laune-Begriffe, sondern eine Sache des radikalen Optimismus. „Kinder der Tod ist gar nicht so schlimm!“ (Palais Schaumburg)

    Das zwei Jahre später, 83, schon nach dem Ende von Sounds veröffentlichte Manifest, das in dem RoRoRo-Buch Schocker erschien, war schon weniger optimistisch. Die Ergebnisse der Revolution waren eingefahren, alternative Sinnstiftung war von meta-alternativ vernichtend geschlagen worden, während in den noch nicht kulturisierten Zonen der Produktion die gleiche sozialdemokratische Variante von Herrschaft durch nicht mehr geschminkten Brutalkapitalismus erster Ordnung ersetzt wurde, der sich nicht mehr darum kümmern würde, Bewußtsein und Produktion auszusöhnen oder zu koordinieren oder Wechselwirkungen zu organisieren und daher auch gar nicht empfänglich war für Erschütterungen des Bewußtseins, wie von der Symbolfigur Kohl auf den Punkt gebracht. Mein Ansatz, man könne in der Kulturarbeit nicht über direkte politische Wirkungen nachdenken, sondern müsse zunächst nur seinen Job/Auftrag erfüllen, nämlich inmitten der semiotischen Vergiftung die Wahrheit zu sagen versuchen, war schon allein dadurch, bei aller verbleibender Restrichtigkeit, überholt, daß unsere kulturellen Interventionen ja durchaus in den Grenzbereichen der Mainstream-Kultur, wo sich Werte bilden, zur Kenntnis genommen wurden, sogar politische Folgen hatten, nur nicht immer die erwünschten: beim Gefecht gegen den lokalen, herrschenden Duodezfürsten hatten wir auch dem, ihn ebenfalls bekämpfenden, internationalen Großimperialisten Hilfe geleistet.

    Stattdessen entstand das seinerseits unübersichtliche Chaos, das, wie man im weiteren Verlauf der 80er sehen sollte, auch das ungestörte Blühen von „befreiten“ Zonen, vermutlich ahnungslos, in Kauf nahm (die Sozi-Denken/Politik/Kultur sofort versucht hätte, einzugemeinden), während für die meisten Menschen ein neuer Druck, eine neue Angst um Rechte und Wohnungen begann, die bis heute nicht gestoppt ist und weiterhin Verheerungen zunehmend anrichtet: die Wohnungslage in den deutschen Großstädten bedroht die Grundlagen jeder Bohemia massiv. Daß ein Sieg in der Kultur immer nur ein Sieg in der Kultur ist, und in kürzester Zeit die dabei durchgesetzte Form die Funktion der Form übernimmt, gegen die man sie durchgesetzt hat, begriff ich damals noch nicht, aber – daß man an nichts hängen darf, und verlassen und austauschen muß, was man gerade durchgesetzt hat! Daß das aber wieder eine, im Grunde genommen systemkonform-unmenschliche Gehetztheit hervorrief/hervorrufen muß, läßt einen dann eines Tages fragen, was aus den Rockformen und aus dem amerikanischen Traditionsanarchismus geworden ist, den es ja auch immer noch gab, all die Jahre, und der die aufgeregten Diskussionen zwischen Deutschland und England vermutlich nur am Rande mitbekommen hat. Diese Figur taucht dann im zweiten Teil meines 84 geschriebenen und 85 veröffentlichten Buches Sexbeat als der postmoderne Beatnik wieder auf. Hier kam schon vor, daß sich ein Sieg in eine Niederlage verwandelt hatte.

    Wir hatten als erste Generation mit einer Kultur zu tun, die uns auch deswegen jeden Wunsch erfüllen würde, weil sie in ihrer Funktion durch keinerlei Dissidenz mehr zu gefährden war, auch nicht durch die ostentative Verweigerung von eingeplanter Dissidenz – „uns fehlt in ihrem Beitrag das kritische Hinterfragen“. So gab es eine Form von Verweigerung durch grotesk gesteigerte Affirmativität, die sich aber ebenso als gegen Neurose gewordene Entartungen europäischer Dialektik wie beim zwanghaft angenommenen „Dahinter“, das angeblich hinter allen Dingen stecke, lesen ließ. Mit Warholismus dagegensteuernde Zitat-Pop-Songs, Trans-Folk und Meta-Dissidenz, um denen so zu zeigen, daß man ihr Spiel durchschaut, verstanden und überwunden hat. Aber welche Möglichkeit hat Kultur gegen Kultur? Saubere Verweigerung führt zum ewigen Trotzkismus-Dilemma, daß man das, was man weiß, so ja auch den Nachwachsenden vorenthält und damit die realen Möglichkeiten, Richtigkeiten vorübergehend aussprechen zu können, sträflich vernachläßigt, nur um sich eine kleinbürgerliche Reinheit zu schenken, mit der man in Ruhe gemütlich bitter werden kann. Sollte hier der amerikanische Traditionsanarchismus – der schließlich auch Zeit durch sich hat durchlaufen lassen, der mit guten alten Gegenkultur- oder Alternativ-Ansätzen kommen könnte, ohne hinter das zurückzufallen, was 79-83 verdientermaßen den Löffel abgegeben hat – ein Wörtchen mitreden? Aber wird dieser je begreifen, daß Kinder und Clowns nicht Hoffnungsträger sind, sondern die Pest? Wird er je aufmüpfig-schnippische Grüne so scheußlich finden, wie sie sind? Und muß er das überhaupt? Und wie unterscheidet er sich von den alten, lediglich systemkomplementären Dissidenzen?

    Die Musik – die die Idee der Musik als Nichtmusik oder Nichtnurmusik illustrieren, also von einer früher unausgesprochenen und vielleicht auch unbewußten, aber doch sehr oft und fast weitgehend beherzigten Selbstverständlichkeit ausgehen sollte – hieß Zitatpop und kannte in ihrer Theorie als kleinste Einheit nicht mehr die Note, sondern den Verweis. Ein im Prinzip richtiger und fruchtbarer Ansatz, den man heute aber umschreiben würde: kleinste Einheit aller Popmusik sind die Sounds (wie auch immer sie zu notieren wären, im Zeitalter des Sampling steht dies ja unmittelbar bevor), und der Sound ist, wie der Schauplatz im Film (zu dem sich die Darsteller gesellen wie in der Popmusik die Worte, und die besten haben die Unnatürlichkeit, Willkür und Künstlichkeit dieses Zusammentreffens immer betont, in beiden Medien), der wie auch das Wetter in der Wirklichkeit niemals unschuldig ist, aber eben auch nicht nur Verweise enthält, sondern auch immer Einmaligkeit und absolute Aktualität, also das, wovon radikale Jazzer meinen, daß ihre Musik nur daraus bestehe. Arbeitet man aber zu lange bewußt mit dieser Erkenntnis, stolz darauf, sie den unübersichtlichen Erscheinungen abgetrotzt zu haben, wie ab 82 einige Jahre lang geschehen, und nicht mit der Selbstverständlichkeit, die sie heute wieder geworden ist und die ein Song wie „So You Want To Be A Rock’n’Roll Star“ vor 25 Jahren formulierte, entsteht dieser seltsame Zuckerbäcker-Stil, dieser Historismus als letzter Nagel im Sarg von Camp, der Zitatpop in seiner erhitzt euphorischen Aufgeregtheit nach einem Jahr der Übererregtheit schließlich wurde, einen Haufen interessanter, angefangener Karrieren zurücklassend, von denen eigentlich nur die von Kevin Rowland und ABC weiterhin ansehnlich und öffentlich blieben. Another day the music died. Music als ein präzises Arbeiten mit einem Rest, der einem etwas sagt, das man ganz genau kennt, aber nicht aussprechen darf oder kann. Ganz früher war dies verbotener Sex von Heranwachsenden, irgendwann wurde es die Bereitschaft 25-Jähriger, den Tod für ein intensives Leben in Kauf zu nehmen, weil ihre Spielkameraden in Vietnam starben, heute ist es in glücklichen Momenten wieder so etwas wie Sex von Heranwachsenden, nur viel wichtiger, peinlicher und härter, weil die totale, überhitzte Körperlichkeit in der Ekstase einer Stage-Diving- oder Mosh-Orgie auch noch ein in jeder Hinsicht überhitztes, überflutetes und moralisch überempfindliches Bewußtsein ständig spürt. Zitatpop aber starb an dem (poptypischen) Paradox bewußter und gelenkter Naivität, die immer nur ganz kurz gut gehen kann, bevor sie in der Hölle des Charmes auf ewig schmoren muß, dann aber war es die einmalig glückliche Versöhnung von Theorie und Soul.

    Ein zentraler Begriff dieser Zeit war Strategie. Ich zumindest konnte es mir nicht als sinnvoll vorstellen, über irgendeinen Kulturteil, Fetisch oder Trophäe auch nur für eine krumme Peseta nachzudenken, wenn es nicht irgendeinen Kampf zu führen gäbe, ein Richtig und Falsch sowieso vorausgesetzt. Genau das hatten wir ja den sogenannten Hippies vorgeworfen: keine gehabt zu haben. In Wahrheit war ihnen ihr Richtiges nur im Laufe der Zeit zerrieben worden, und übrig blieb ihre Strategie; denn genau das war ihre Milde ja gewesen, die sich aber wie alle formalen Errungenschaften einer Gegenkultur – die auf keine (oder die falschen) materiellen Umwälzungen sich stützen kann – von den ursprünglichen Zielen ablösen und habituell werden. Am Ende sich gegen die ursprünglichen Ziele richtend, auch das eine Gesetzmäßigkeit. Da das Strategische ja latent ohnehin in jeder kulturellen Äußerung steckte, entweder karrierestrategisch oder moralisch-politisch-philosophisch auf die Durchsetzung der Wahrheit bezogen, mußte es nur offengelegt werden, um die wirkliche Strategie eines Artefakts klarzustellen (statt zu hinterfragen) oder um die eigene zu diskutieren. Strategie sollte die defensiv-lebensfeindlich-paranoid-sozialdemokratische Denkfigur des Hinterfragens ersetzen, sollte setzen statt zu bezweifeln und kulturoppositionelle Praxis zur permanenten Auseinandersetzung zwingen (statt sich anzuweinen oder zu benörgeln); denn alles hat ja eine diskutierbare, strategische und auch befristete Bedeutung: Ist Reggae diese Woche strategisch richtig oder blaue Haare oder Zweitligafußball? Niemandem nichts durchgehen lassen. Aber auch Strategie konnte nicht auf Dauer Setzung bedeuten, sondern mußte sich über ein Gegen definieren, das wie eben immer, wenn man nicht materielle Macht usurpiert, die definitorische Macht über den Begriff gewinnt: eine alte Regel, daß es leichter ist, den Feind zu benennen und aufzuspüren, als Schönheit und Richtigkeit dessen zu formulieren, wofür man steht, vor allem, wenn dessen Verbreitung die unnatürlichen Grenzen der realen politischen Macht feindlich gegenüberstehen. Der Tribut, den man zollt, wenn man hauptberuflich zum Gegner wird, war schon immer derselbe: der Detektiv nimmt die Züge des Auszuspähenden an, wird selbst zum Feind. Wie uns neben den Lebensgeschichten von tausendundeins Bolschewisten nicht erst unzählige Frühsiebziger-Filme mit bezeichnenderweise Bob Dylan und Mick Jagger als Western- oder Gangstergeschichten zeigen mußten. Zweifellos war dies ein Reflex auf die sich zerfransende, zurückflutende Gewaltdiskussion in den Posthippiemilitanzjahren in den USA, dem als nächstes in den 70ern unzählige, und nur zu einem geringen Teil hier bekannte, Filme folgten, die einen in der Geschichte amerikanischer Filme nie zuvor und nachher gekannten, radikalen, konsequenten Anarchismus das Wort redeten. Vertraue niemals dem und irgendeinem Staat. Sollte diese amerikanische Botschaft wieder der europäischen vorzuziehen sein, einen eigenen, neuen, besseren Staat zu errichten?

    Eines Tages trafen wir uns dann und heulten uns aus. An dem Tag, als wir nicht mehr nur noch darüber glücklich sein konnten, keine Liberale zu sein. Wir New-Wave-Charaktermasken, die gleichzeitig begriffen hatten, daß alternative oder linke Lehrer nur dazu da waren, jugendkulturelle Inhalte auszuspionieren und durch Verständnis und andere permissive Tricks zu ruinieren und daß deren Rituale der Intimität nur scheinverbindlich und verlogen waren, wir hatten uns ein Jahrzehnt lang verbeten, daß man sich in Kneipen einfach so anfasse, und nicht die Blödesten waren es, die wieder angefangen hatten, sich zu siezen und andere, objektive Grenzen und Unterschiede zwischen Menschen reaktionär vertuschende Hippie-Rituale abzuschaffen. Doch unsere kantigen New-Wave-Egos verbissen sich, psychisch ohne Distanz zur Distanz, wirklich in dieses Gefecht zweiter Ordnung, als die Wirklichkeit längst von den Feinden unserer Feinde übernommen worden war. Das war dann das Ende der strategischen, künstlichen Wave-Persönlichkeit, die vergessen hatte, daß echte Öffnungen im Charakterpanzer, echte Verluste der Kontrolle, als Erdung des Stromkreises notwendig waren, auch wenn diese Öffnungen in der Hippie-Regierungszeit mißbraucht waren. Das zu verstehen war dann der Beginn der Anerkennung der fundamentalen anarchistischen Werte (und damit des nächsten Paradigmenwechsel in der Pop-Dissidenz: Parteigründung/Syndikat/Mafia/Saat/66-69/77-82 gegen Outlaw/Einzelner/Kleinkrimineller/Terrorist/70-75/85-89).

    Ich selber verdanke eigentlich alles Grateful Dead, und während der ersten Hälfte der 70er waren die Stooges und David Bowie, anders als ich später immer behauptete, nur Ereignisse am Rande gewesen. Was wirklich zählte, waren Lou Reed, Cecil Taylor, an einem traurigen Herbsttag 1974 Neil Youngs zweite LP Everybody Knows This Is Nowhere, an einem herrlichen Herbsttag 73 „Break On Through (To the Other Side)“ von den Doors. Dann war es aber das erste, was mir auffiel, als ich bei Sounds anfing, daß dort erst 75 eine Bowie-Platte besprochen wurde (dazu ein Live-Doppelalbum). Dies war bei Sounds zu kurz gekommen: die dandyistischen Selbstinszenierungen und -auflösungen galten immer weniger als amerikanische Bodenständigkeit. Rock war schon immer schwulenfeindlich (das ist die Größe Iggy Pops: vor einem Haufen Bikern im Sommerkleidchen Biker-Songs gesungen zu haben). Die größte Herausforderung für ein bürgerliches Tierchen, nachdem es seine Drogen genommen, seine Kader durchlaufen und seine Schizo- und Liebesflashs durchgezogen hat, bleibt die andere Sexualität. Es mußte doch möglich sein, sowohl in der Hippiefreiheit der sich ihr westliches Ego zerimprovisierenden Grateful Dead, wie im Feinheiten niedertrampelnden, autonomistischen Rock, als auch im schwulen Neufestsetzen der Geschlechterrollen, Heimat und Herkunft der Künstlichkeit opfernd, und auch noch im weitesten, kristallklarsten Cecil-Taylor-Denkjazz, zum jeweiligen Höhepunkt zu kommen zu vereinbaren, ohne das aus den Augen zu verlieren, wogegen und wofür ich etwas erfahren würde. (Schönheit ist ja gerecht repräsentierte Welt. Avantgarde die Korrektur einer bestehenden Ungerechtigkeit der Repräsentation. Sexualität die Praxis der Körper des als schön Erkannten. Also Vollzug der Gerechtigkeit, aber nicht direkt mit der Basis verknüpft und daher nach seiner immer schönen, zum schönen Bild hinkorrigierenden Durchsetzung auch genauso schnell zum neuen, zeitgemäßen Herrschaftsinstrument mißbrauchbar.)

    Seitdem denke ich eigentlich, daß alle diese Varianten dissidenter Kultur, und noch einige mehr, einen Beitrag zur Gestaltung unterdrückter und/oder noch nicht weggekaufter Wahrheit/Lebenswirklichkeit zu formulieren wissen, und es die Aufgabe eines begleitenden Kulturarbeiters sein muß, die zu unterstützen, die eine neue, unterdrückte oder übergangene Wahrheit kennen oder gegenzusteuern, wo eine der Richtungen in Ideologie erstarrt, Macht übernimmt oder von Macht übernommen wird. Andrerseits müssen die genau das tun, andernfalls hätten sie ja die Gewißheit, im Recht zu sein – die sie von der bürgerlichen Talkshow-Kultur unterscheidet – verloren und aufgegeben. In Lou Reed waren viele der sich widersprechenden Stränge der Popkultur in einer Person zusammengekommen, die alles andere als weich und versöhnlerisch auftrat. Und das sollte auch, bei Licht besehen, die eigentliche Tugend des New Yorker Underground bleiben: vermittelnder, aber harter Eklektizismus, Vereinbarkeit von Unvereinbarem. Nicht aber: die härteste Stadt der Welt und immer vorneweg – immer vorneweg, das waren verzweifelte Steinhaufen wie Detroit oder eben L.A., auch S.F., London oder Juwelierstädte wie Düsseldorf. Lou Reed ging überallhin, wo man gewesen sein muß, und kam erstaunlicherweise gesund aus allem wieder heraus, was er mit einer gewissen aufgeregt-selbstbewußten Verbissenheit bezahlen mußte, die ihm seitdem anhaftet. Er ist zwar der Größte, weil er das alles überlebt hat, man kann nichts gegen ihn sagen, aber es ist ein Zug einer inneren Härte und niedergekämpften Bitterkeit an ihm … Er konnte früher jedenfalls sagen: There are problems in these times and none of them are mine. Das war die Botschaft von Velvet Underground. Wein am Morgen und Frühstück zur Nacht, ich glaube, ich fange an, das Licht zu sehen. Das war die Erleuchtung (vielleicht auch das und Alice Cooper). Lange vor hedonistischen Jahrzehnten, die dieses Licht dann vor lauter Zwängen zum Genuß nicht mehr sehen konnten. Dieses Licht gab es nur für den Einzigen, der sich diese Kühnheit gestattete, die bei dem Licht eines posthedonistischen Madrider Montagnachmittags eine kleine Freude war, keine wahre Königsausschweifung. Aber sie konnte wenigstens reichen, um Bürgerkinder auf die schiefe Bahn zu bringen, wie die Parolen zum Brandschatzen und Stehlen der Jefferson Airplane. Derweil lebte Lou vor, wie ausgerechnet die schiefe Bahn in einen Ehehafen mit seriösen Dichterambitionen führte, während sein bester Interpret, kritischster und klügster Begleiter, wenige Monate nach der Ehepropaganda-Comeback-Platte sterben mußte: Lester Bangs, Frühjahr 82. So daß er MTV nicht mehr erleben mußte. Ich wollte in Lou-Reed-Sätzen die Erneuerung des Marxismus finden. Ich dachte: in der Tat, die Herrschenden erklären in ihren endlosen sozio-klassifikatorischen, öffentlichen Strategie-Talks das zu „problems“, was die wirklich lebenden Menschen so an Unpassendem treiben, das wider alles Profitmaximieren und sozialstaatliche Vernunft ist, von Geiseldramen bis Drogen, von komisch Ficken bis komisches Musikhören (letzteres natürlich meine Selbstüberschätzung). D. h. nicht, daß man sich einbilden muß, es sei supergefährlich oder irre revolutionär, wenn man eins dieser vier oder vierhundert übrigen Probleme verursacht: soll nur nicht sein und heißt daher Problem, und es ist nie falsch, einem Problem seine Solidarität auszusprechen, indem man es z. B. anders nennt und sich selber zulegt/betreibt, etc. Es gibt keine Probleme, es gibt nur Arschlöcher, die immer wieder sagen, es sei ein Problem, wenn einer das beste Leben haben will und der glücklichste Mensch sein will und sich deswegen was-auch-immer ganz zu Recht z. B. in irgendwelche Körperöffnungen stecken will, so daß es sich gut anfühlt. Und die Gründe, die die Arschlöcher hatten, waren immer die gleichen und reaktionären. And it’s truly truly sin. So war der Lou-Reed-Satz richtig.

    2. Kapitel

    Severinsmühlengasse 1 und Aachener Straße 40-4410 / 1985-89

    Beim gegenwärtigen Stand des Weltausbeutungszusammenhangs bringt dieser den ausbeutenden, industrialisierten, imperialistischen Nationen der ersten Welt nicht nur (materielle) Vorteile, die ihre Bourgeoisie zuhause aufißt. So wie das Geld, das Zuhälter erwirtschaften, in eine hypothetisch ideale Erziehung investiert, wirklich freie, emanzipierte Kinder hervorbringen kann, deren Emanzipiertheit nicht notwendig relativiert wird dadurch, wie verabscheuungswürdig unfrei auch immer die Umstände gewesen sein mögen, unter denen es erwirtschaftet worden ist, so partizipiert die ganze Bevölkerung an den Imperialismuseinspielergebnissen trotz Fortbestehens der Ausbeutungszusammenhänge auch im eigenen Land. Das hat u. a. dazu geführt, daß diese Staaten ihren Bürgern Chancen der sogenannten Selbstverwirklichung, der Entfaltung und des Erkennens bieten, eine Konsumkultur, die einen Grad an Sophistication erreicht hat, wo Konsumverhalten in tatsächlich materielle Folgen zeitigendes, Werte setzendes Kulturverhalten umzuschlagen mehr denn je die Chance hat, das seinerseits neue Lebensrealitäten herstellt. Wo eine reformierte Bürokratie und Karrierestruktur entstanden ist, die in gewissen Sektoren bisher nicht zugelassene Gruppen zu Karriere und nicht gekannten Vermögenszuwachs zuläßt (bei gleichzeitigem, ungestörtem Fortbestehen der alten Scheiße, vgl. „ucobi“, Spex 1/89 und „Antwort auf Ulrich Schneider“, Spex 3/89), die einerseits immer mehr Erste-Welt-Bürger so viel Bildung, Reflexionszeit und -technik an die Hand gibt, die sie besser denn je in die Lage versetzt, sich selbst und ihre objektive Situation zu verstehen, vielleicht sogar mehr als es dem Zusammenhang, der sie in diese Lage versetzt, lieb sein kann (aber dieser Zusammenhang ist ein System, dem das egal ist), andrerseits gestaltet sie die Lage der hier Ausgebeuteten allerdings auch so, daß die mittlerweile mehr gemeinsame Interessen und weniger Unterschiede mit ihren Ausbeutern empfinden als mit ihren vermeintlichen Klassenbrüdern und -schwestern in der Dritten Welt. Deswegen kann man weder die neuen kultivierten, zu Museumsbesuchen und für Salif-Keita- wie Sting-Platten gewonnenen Mittelschichten, jene immer mehr gewinnenden Gewinner der Zweidrittelgesellschaft, und erst recht nicht die Deklassierten derselben Welt, für eine Politik gewinnen, die Solidarität mit den Opfern des Weltimperialismus voraussetzen würde, da auch diese mittlerweile gelernt haben, sich zu den Gewinnern dieses Zusammenhangs zu rechnen, sowie zunächst kulturell zu reagieren statt sozial/politisch, Werte setzen und sich lieber einem neuen Nationalismus hingeben.11 (Was strukturell Jugendkulturpraxis ist: statt in die Gewerkschaft zu gehen, einen Kult zu begründen, bewirkt mehr.)

    Gleichzeitig steigt aber die kulturell vermittelte Solidarität, die nichts mit materiellem Interesse zu tun hat, sondern mit jener Sonderform von Kultur, aus der die Musik kommt, von der wir hier sprechen, die Werte aufbewahrt, weitergibt, Intensität verleiht, die gegen die Vernunft und das Funktionieren einer Welt gerichtet sind, die von diesen Ausbeutungs-Zusammenhang lebt. Und das paradoxerweise um so besser und genauer und wirksamer kann, je grausamer und erfolgreicher Ausbeutung funktioniert. Je ungerechter das Sein, desto gerechter das Bewußtsein.

    Dieser neue relative und paradoxe Frieden, diese tendenziell menschenfreundlichere Distribution von Chancen innerhalb der ersten Welt nutzt als Treibriemen das weite Feld der Kultur. Kultur ist einerseits das Medium, das die neuen Verwirklichungsangebote, das abgerüstete, gemeinsame Partizipieren an einer Welt der folgenlosen Formen, Ideen und Fußballübertragungen vermittelt, andrerseits ist die Kultur die einzige Wachstumsbranche, die auf lange Sicht unabhängig von den Geschäften mit Kriegen, Krisen und Rohstoffen der Dritten Welt sowie der sogenannten Schwellenländer, ökologisch relativ verträgliche Profite einspielen wird. Es ist also nicht etwa Generosität oder gar Selbstaufgabe der Position der Herrschenden, wenn sie alle oder tendenziell alle am großen Sinnstiftungsprogramm teilhaben lassen, es ist genauso eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Auf der anderen Seite ist die ideologisch-pessimistische Optik, die jede Integration von Kultur in kapitalistische Verwertungszusammenhänge grundsätzlich als das Ergebnis einer gesinnungsmäßig-intentionalen Niedertracht wie eine verschlingende, böse Absicht liest, und als das Ende des jeweils Gekauften, nicht hilfreich. Kapitalismus hat ja gerade keine Moral und keinen Blick.

    Aber es fällt natürlich immer ein Reflex der Gekauftheit auf die Form selbst. Eine für eine gewisse Zeit gekaufte Form der Dissidenz wird dann prinzipiell zur Form der Herrschaft, auch wenn der Benutzer und Verwender dieser Form nichts falsch macht und selber nicht gekauft ist. Das liegt daran, daß die Form der U-Ground- oder Jugend-Culture, die ursprünglich als dissidente oder pubertär-junge die Forderung nach einer anderen Welt enthält, in dem Moment, wo sie in einen Verwertungszusammenhang integriert wird, ohne sich als Form zu verändern, jeweils den Anspruch auf eine andere Welt mit verkauft, indem sie sich zur Verwertung in dieser Welt bereit erklärt (deswegen ist jeder zu loben, der im Moment des Verkaufs die Form ändert). Die einzigen Formen, die gegen diesen Aufkauf resistent sind, sind solche, die schon gekauft waren oder gar ursprünglich als Formen ohne die Dynamik der Dissidenz geboren, schon ein oder mehrere Male in ihrer Geschichte enteignet worden sind. Die also mehrfach den Besitzer gewechselt haben oder zumindest einmal aus der geplant kulturindustriellen Anwendung, im Sinne einer bestimmten Bedeutung, entwunden und zu anderen Zwecken (dabei würde gar nicht stören, wenn diese wieder kulturindustriell verwertet wurden) verwendet wurden. Dies gilt für viele Discogrooves, wie es auch für die klassischen Riffs der Velvet/Reed/Dylan-Schule gilt, für ihre Nachbarn und Verwandte, für den Blues u. v. m.

    So verlief während des theoretischen Jahrzehnts die Praxis der Song-orientierten Popmusik: das immer wieder durch Moden oder einsam-autoritäre Entscheidungen Umbesetzen und Umsemantisieren bestimmter musikalischer Elemente. Denn die ging davon aus, daß es nicht um einen Eigenwert musikalischer Elemente geht, sondern immer darum, welche Bedeutung man ihnen durch die in der Produktionsform Band besonders günstig gedeihende Kultur der Absprachen zuteilt. Denn nur, wenn alle etwas gleichzeitig tun oder gleichzeitig auf eine wahrnehmbare Art und Weise nicht dasselbe tun, können sie einer amorphen, bedeutungslosen Sache Form und selbstgewählte Bedeutung geben. Darin, daß kein anderer Parameter Sinn und Bedeutung in der PopMusik festlegt als solche Absprachen, besteht ihre ästhetische Fortschrittlichkeit, ihre Modernität, aber auch ihre keine andere Bedingungen als Intelligenz und Einfallsreichtum stellende Zugänglichkeit für jedermann.

    Dem ständigen Entwenden und neu Semantisieren von Songtypen, Riffs, Klangfarben, Geräuschen entsprach, vor allem in der schwarzen Tanzmusik, das Arbeiten mit bereits industriell vorgefertigten Tonträgern: das Scratchen und später Sampeln war sozusagen die buchstäbliche Auslegung und Anwendung der kulturellen Praxis des 80er-Jahre-Underground. Ausgehend von der Prämisse, daß der Groove ein Allgemeingut ist (vgl. hierzu diverse Texte von Lothar Gorris in Spex, besonders in 1/88 und meinen in 11/87 sowie in konkret 12/87), aber nur wirksam ist, wenn er teuer und eindringlich produziert wird, und von der Technologie, die es erlaubt, durch Sampeln und Loopen der Samples aus geklauten Grooves eigene zu machen, passiert das, was Derek B. „Ich stehle von den Reichen und gebe dem Dancefloor“ nennt. Auch wenn in der romantischen Konstruktion von Illegalität und Rebellion gegen das Copyright nicht die eigentliche Enteignung liegt (denn die ist semantisch: aber der echte Diebstahl des teuer Produzierten zeichnet diesen Vorgang auf eindringliche Weise nach, die dafür sorgt, daß ein Groove oder ein Riff, eine Spielweise, gegen die normalerweise mit dem Aufkaufen einhergehende, semantische Vergiftung resistent werden).

    Kultur kann heute erst recht nicht mehr nur wie ein auch immer verzerrender oder verzerrter Spiegel der Welt, kein mehr oder weniger objektiver Kommentar, eben nicht nur als eine Erscheinung zweiter Ordnung, eine Welt im Quadrat oder in der Potenz, gelesen werden, sondern muß immer mehr und fortschreitend auch in ihrer Funktion als staats- und wirtschaftswichtiger Bestandteil des Lebens erster Ordnung der ersten Welt verstanden werden. Zwar war Überbau noch nie nur Überbau, und Basis nie nur Basis, aber die Tendenz des Überbaus, Basis zu sein – für eine stetig wachsende Zahl Haushalte, Ausbildungen, Lebensentwürfe – ist immens, ein Ende des Booms nicht abzusehen. Daraus ergibt sich aber auch, daß avantgardistische Kultur, dissidente, progressive Kultur, sich nicht (mehr nur) in anderen, kritischen, dissidenten Inhalten ausdrückt, und das nicht nur, wie schon bekannt, weil diese längst rituell vereinnahmt sind, sondern vor allem auch deswegen, weil diese nur in dem Maße relevant und interessant waren, wie Kultur in erster Linie als Wirklichkeitskommentar und -Spiegel gedacht werden konnte. Wenn Wahrheit nicht mehr in erster Linie eine Frage von Können als technischem Können und Ehrlichkeit nicht mehr eine Frage der intentional-moralischen Qualität ist – weil Können und gute Absichten Rohstoffe der Zukunftsindustrie sind – muß sich Dissidenz und ihr Programm, wahr zu sprechen, auf der Ebene der Produktionsformen entfalten.

    Nicht daß Bands demokratische Strukturen nachempfinden sollen. Voluntaristisches gutes Benehmen im Sinne der zu erkämpfenden Gesellschaft (wir haben den Kommunismus noch nicht, aber wir sind trotzdem schon besitzlos) ist ein reaktionäres, freiwilliges Opfer, aber in den Formen des Zusammenspiels in Bands zeichnet sich schon ein Fortschritt ab, der sich auf anderen Ebenen der Produktion fortsetzt. Der Star ist eine Funktion der individualistischen Gesellschaft, ihn hat die Underground-Kultur durch Ideen wie Identitätswechsel oder Übertreibung der Einzigkeit auf verschiedene Weise behandelt und kommentiert, unabhängig davon, ob er als – nebenbei nicht die einzige denkbare – mythische Form benutzt wird oder nicht. In den 80er Jahren haben die Menschen tendenziell weniger denn je an Stars geglaubt, sie eher als kuriose bis beneidenswerte Orientierungsmerkmale benutzt, sich über sie verständigt, aber wenn jemand als Vorbild verstanden wurde, dann auf die echte materielle Karriere des betreffenden Stars bezogen, nicht auf seinen mythischen Gehalt. Es geht nicht um das Gesicht einer Band oder eines Solisten oder Teams, wenn man diese Produktionsform untersucht. Die mit der Band verwandten Produktionsformen unterscheiden sich von allen vorangegangenen, weil Gruppendynamik, soziale Energie und meinetwegen Freundschaft für sie wesentlicher sind als musikalische Fähigkeiten und auf eine neuartige Weise auf die Musik zurückwirken. In der Jazz-Combo als Vor-Form der Band ist die Trennung von Solist und Begleitung zwar noch virulent, aber die Musik lebt vom vor allem auch sozial und außermusikalisch-menschlich brisanten Aufeinanderangewiesensein bei der Improvisation. Bei der Kollektivimprovisation des Free Jazz sind auch die Bassisten und Perkussionisten emanzipiert. Dennoch litt die Kollektivimprovisation immer darunter, daß die Ensembles, die so zusammenspielten, aus ökonomischen Gründen selten länger zusammenarbeiten konnten und so mehr über die äußerlichen, konzeptuellen Wirkungen von Absprachen hätten lernen können, weswegen kaum Entwicklung jenseits der rein musikalischen stattfinden konnte, wie dann bei den Bands der Rockmusik, die zwar in der Regel weniger gut spielen konnten, aber gerade deswegen vom Material unabhängige Absprachen benutzten.

    Was einen enormen Fortschritt darstellte: die Zugänglichkeit und Erschwinglichkeit von Instrumenten ist seit den 60er Jahren im selben Maße gewachsen, wie die Attraktivität von bürgerlicher Musikkultur gesunken ist. Dies hat zu neuen und von diesen Traditionen unabhängigen Umgangsformen mit Instrumenten geführt. Daß ein bestimmter sinnloser und willkürlicher Akt einleuchtet, wenn er gleichzeitig nach Absprache von vielen vorgenommen wird, diese Grundwahrheit jeder modernen (situationistischen) Oppositionskultur, die ja grundsätzlich gegen das traditionslegitimierte Abgesprochene die Verabredung zur Mode und zu neuen Kleidern des Kaisers ausnutzen muß, ist gleichzeitig der Grundgedanke der Band, wie sie im Underground seit den Beatles immer wieder gebildet wird. Sie verschärft sich mit der Beschleunigung der beschriebenen Tendenz von wachsender Zugänglichkeit der Hardware bis zur Studiomiete und sinkender Erreichbarkeit des Notenlesens als besonderes Prinzip der Pop-Musik der 80er Jahre. Sie ist weder atonal, noch läßt sie sich ganz von der Funktionsharmonik erklären; sie ist entweder Gitarrenmusik oder Synthesizermusik oder von anderen Instrumenten, Techniken und deren Gesetzen definiert.

    In der Band trafen sich vor allem Jungs. Kernzelle war oft ein Freundespaar, das sich noch nach den Gesetzen von Jungsfreundschaft gebildet hat, die in der Zeit vor der sexuellen Freizügigkeit der 60er verbindlich waren und sich noch eine Weile erhielten. Immer mehr heute aktive, wichtige zeitgenössische Bands haben stattdessen ein (ehemaliges) Liebes-Paar als Keimzelle, von den Cramps über Fall, Sonic Youth, These Immortal Souls, Crime & The City Solution, Yo La Tengo, Kastrierte Philosophen, Prefab Sprout, Tav Falco’s Panther Burns, Dos (mit Mike Watt von fIREHOSE/Minutemen und Kira von Black Flag), Opal, Giant Sand, B-52’s, Chills, Bats, Freiwillige Selbstkontrolle, X, Divine Horsemen … um nur die zu nennen, die mir auf Anhieb einfallen, und wenn nicht, wie in diesen Beispielen der Fall, ein heterosexuelles Paar, ist es ebensooft ein schwules Paar. Nur in den harten Pubertätsmusiken – wie Hardcore oder Thrash-Metal oder den atavistisch-machistischen wie Hip-Hop oder Metal – wird noch musiziert, um erst die Mädchen kennenzulernen.

    Wir haben also vergesellschaftete, gegen Käuflichkeit resistente Riffs, wir haben einen vergesellschafteten Weltgroove, wir haben die Zugänglichkeiten der Instrumente und Produktionsformen, die weder reaktionäre Sexismen noch andere politische Atavismen zulassen, stattdessen neue Gefühle als Ergebnisse neuer sozialer Dynamiken. Und doch ist das noch nicht genug. Denn Friede und Entwicklung ist weniger als nichts in einer unfriedlichen Umgebung, ja fast könnte man geneigt sein zu sagen, Unfriede und Stagnation, verbiesterte Atavismen seien besser. Das ist die Hippie-Lektion, daß solcher Friede zur Gefügigkeit führt, zu unmaterialistischer Moral: zu reinen, produktionsunabhängigen Werten. Die das allerkäuflichste sind, was wir kennen, und wenn produktionstechnische Errungenschaften der Subkultur oder ihrer Musik als allgemein-moralische Werte beschreibbar werden, sind sie unwichtig und längst an die Good-Will-Koalition des linksbürgerlichen Common Sense verscherbelt. Werte haben nichts gegen Dixielandfrühschoppen.

    Deswegen müssen alle Riffs und Grooves, wenn sie gegen den Kauf resistente Gefäße fortschrittlicher Inhalte sein wollen, noch eine andere Behandlung über sich ergehen lassen, müssen sich zu regelmäßigen Checks der produktionskritischen Prozedur des Trash in gewissen Abständen unterziehen. Trash ist die einzige Haltung, die bis heute kein Sinn-Kollaborateur verstanden hat, noch irgendein Verwerter und Absauger. Trash hat keinen Inhalt, keine Lehre, sondern ist eine Methode und Haltung, die der Immunisierung von Spaß gegen Vernunft, Macht und Verwertung dient (überall da, wo Trash zum Inhalt geworden ist, ist er auch unerträglich, in dem Sinne, wie Camp untergegangen ist, weil sich Camp an bestimmte Bilder und festgeschriebene Inhalte verheiratet hat, und Trash als Frühsechziger Bonbonfarben-Bikini z. B. diesen Monat in Swatch-Anzeigen fixiert wird). Sein Weg ist die – ob freiwillig moralische oder unfreiwillig notgedrungene ist egal – gnadenlose Kritik des Anteils der Produktionstechnik an einem Produkt. Er wurde geboren aus der kapitalistisch-kleinkulturindustriellen Notwendigkeit, mehr Unterhaltung und Spaß für weniger Geld zu produzieren: dafür muß er traditionell zum Krassesten greifen, jedes Krasse hat aber seinen Eigensinn.

    Trash ist auch die demonstrative und hörbare Nichtwahl eines Produktionsmittels auf der Höhe der Zeit und kritisiert so dieses wie aber auch das gewählte, ist so auch immer eine Kritik der Tendenz, Dissidenz aufbewahrende Riffs/Spielweisen/Grooves wieder an den Strom der Unverbindlichkeiten anzuschließen: wie oft sind zum Beispiel bestimmte Metal-Spielweisen hin- und herbehandelt worden, um brauchbar zu bleiben oder selbstzufrieden unkommunikativ steril zu werden. Die häufigsten der, auch aus dem Kontext der Notgedrungenheit herauslösbaren, Trash-Behandlungen sind Billig-Produktion oder Dilettantismus, sehr oft auch Beschleunigung und andere Formen von Übertreibung: sein Wesen ist jedoch erstens, daß seine Mittel unendlich sind und nur von den sich verselbständigenden Produktionsformen, die er zerstört oder angreift, mitbestimmt werden, und zweitens, daß Trash immer von der intensivsten Liebe zu der wie auch immer scheinbar bösartig behandelten Form ausgeht, der Liebe dessen, der eine Kunst zum schnellen Geld ausnutzen wollte und sich dann dauerhaft verliebt hat, oder der während seiner ganzen Kindheit von einer Form heimgesucht worden ist: Trash hat immer materielle und/oder neurotische Zwänge zur Grundlage. Das unterscheidet Trash von spießigen Methoden wie Satire, Ironie, Kabarett (oder überhaupt: freiwilliger Humor). Trash ist auch immer von momentanen, situationsbedingten Absprachen abhängig und glücklicherweise einer Ordnung, wie sie diese Argumentation unter unvermeidbaren Gewaltakten, die zum Aufbau einer solchen Ordnung notwendig werden, darstellt, gegenüber resistent und flüchtig. Alles kann die Funktion von Trash ausüben, sehr oft auch Formen und Methoden, Kombinationen und Konfrontationen, die weder in erster noch in weiteren Instanzen dafür vorgesehen waren. Ich fasse unter diesem Begriff hier alle Techniken zusammen, die es gestatten, Grooves/Sounds/Akkorde/Riddims für längere Zeit als Gefäße/Speicher von subkulturell erworbenen, gewonnenen Fortschrittlichkeiten zu erhalten, zu putzen, zu impfen und funktionstüchtig zu machen.

    Doch draußen ist gerade deutscher Sommer, die Stadt ist in den Händen besoffener, gröhlender Schweine, die weder Lust haben, ins Museum zu gehen, noch die Möglichkeit, sich durch ein kleines Verbrechen von dem Los, auf immer besoffene Schweine sein zu müssen, zu befreien, je erwogen haben. Woher sollte jetzt ein weißer Mittelstandsjunge die Kraft nehmen, sich in so eine mächtige, schwere Sache, wie in den Strom der Riffs und der Dissidenzen, einzuklinken. Woher nimmt er die guts? Woher kommen überhaupt die richtigen guts der Menschheit, wie schon der kürzlich verstorbene No. 1 Funkateer Mao Tse Tung so richtig fragte. Die weiße Mittelschicht ist für guts nicht zuständig. Dafür hat sie schon vor allzulanger Zeit gelernt, zufrieden zu sein und wird mit immer neuen legalen, kulturellen Angeboten vor der Unzufriedenheit bewahrt. (Diese neuen kulturellen Angebote müssen natürlich ausgenutzt werden, denn an ihnen entstehen immer verfeinertere Menschen, die auch neue Realität sind, die immer neue, immer bessere Realität produziert – die aber in ihrer Dekadenz, ihrer intensiven Begeisterung für das kleinste, noch uncodierte Detail/Ding, das noch nicht in die immer tiefer sich verästelnden, feinen und feineren Systeme eingetragen ist, in ihrer hysterischen Genauigkeit ohne einen Verbündeten, mit dem sie den Feind teilen, machtlos sind.) Wenn wir guts als die Steigerung der Begierde definieren, die entsteht, wenn ihre Befriedigung verwehrt oder verboten wird, und als Bereitschaft, sich über Hindernisse hinwegzusetzen, um Befriedigung zu erlangen, zur Eigenschaft des so Gegängelten wird, haben guts eine Menge gemein mit den Leidenschaften des von Überdruß und Erreichbarkeit gelangweilten Décadent, dem die Realität des Körpers so abhanden gekommen ist, wie sie dem anderen von Anfang an verwehrt wurde. Beiden ist Befriedigung unnatürlich, der ungebrochen in den Verwertungsprozeß integrierte normale Körper fremd und auf die verschiedenste Art und Weise feindlich.

    Als den emotionalen Kern aller Popmusik, allen Rock’n’Rolls, aller San Francisco-Musik, aller Soul-Musik, ja aller Formen, die bis zu den mittleren 70ern entstanden sind, bis zu einem großen Teil des Mainstream-Jazz und des Reggae können wir das Seelenleben des kleinkriminellen Cretins ausmachen. Ohne den Cretin ist der Mittelstandskünstler nichts. Die Sentimentalität des Cretins mit all ihren miesen Tricks und Erpressungen ist das, was uns wirklich rührt. Der kleine Gangster ist der einzige Mensch in unserer Gesellschaft, der wirklich einen Schritt getan hat, der durch das Verdienst definiert ist, wie es so schön heißt, aus der Bahn geraten, vom Wege abgekommen zu sein. Das heißt, in einem nicht vorgesehenen Moment sich selbst und seiner Stärke vertraut hat. Und dabei hat er neben all den Widerwärtigkeiten, Reaktionärem und Verschlagenem, das er sich angeeignet hat, eben auch eines gelernt und erworben: die Fähigkeit, wirklich ein eigener Herr ein kleines Stück mehr zu sein als alle anderen. Er hat guts. Diese sind schöne, vorbildliche Eigenschaften, die nicht nur jedem Revolutionär eignen sollten, sondern sie sind vor allem die schönste und richtigste Verankerung (unter den vielen denkbaren Verankerungen) jeder fortschrittlichen Kunst in der realen Gegenwart der Widersprüche (wer übrigens als junger Künstler mit politisch fortschrittlichen Realitätsperspektiven arbeitet, entwickelt oft als älterer Künstler den korrekten Blick für das fortgeschrittenste, dringendste kunstimmanente Problem).

    Nur hat sich die Lage inzwischen verschärft: in den abgerüsteten mitteleuropäischen Binnenmärkten werden guts nicht mehr hergestellt. Die korrekte Verankerung des fortschrittlichen, jungen Künstlers ist auch nicht mehr bei keiner Arbeiterklasse oder einem nostalgischen Bild der größten aus ihr hervorgegangenen Kleinkriminellen gratis abzuholen, sondern nur noch im Weltmaßstab. Nicht nur aus den für sich schon zwingenden Gründen der immer noch gültigen moralischen Schönheitsformel (Schönheit ist gerechte Weltrepräsentation nach dem jeweiligen Horizont des Künstlers, Avantgarde die Verpflichtung zur Korrektur der vorherrschenden Bilder und/oder Zerstörung der Mechanik ihres Zustandekommens) folgt, daß heute die guts nicht mehr nur an die abgerüsteten, innereuropäischen Binnenmärkte und Erste-Welt-Leben angeschlossen und zur Aufladung und Verstärkung angeklinkt werden müssen, sondern große Lautsprecher an den Peripherien aufgestellt werden, wo diejenigen Opfer des Weltzusammenhangs, die noch Sprache, Sounds und Produktionsmittel der Subkultur der Ausbeuterwelt in Sicht- oder Reichweite haben, die Stimme erheben (Commonwealth, Bronx, Jamaika, innerstädtische Ghettos der USA, „freiwillig“ [individual] anarchistisch-kriminelle Jugendliche etc.). Diese Verstärker müssen die Networks, Medien, aber auch die Sounds/Eigengrooves der internationalen Subkultur sein, die dabei natürlich Gefahr laufen, zu Agenten einer weiteren Runde des Verkaufs dieser Stimmen zu werden. Aber der findet sowieso statt, egal ob sich die Subkultur als Resonanz dieser Stimmen zur Verfügung stellt und so auch lernt, die Bedingungen ihrer eigenen Dissidenz, inklusive der ihr zugrundeliegenden Privilegiertheit, in ihren Riffs miteinzuschließen, oder ob sie nur ignoriert, wie ihre dekadentesten und selbstzufriedensten Kreise nahelegen. Das heißt, daß die weiße Subkultur der ersten Welt sich sozusagen – wie immer bei diesen sogenannten internationalen Solidaritäten – auf eine verdrehte Weise auch an der Weltausbeutung beteiligt, Energie abschöpft – aber das liegt in der Natur des Paradox einer ästhetischen Opposition, die sich mit Freund und Feind auf dem Niveau des jeweils fortgeschrittensten Verfeinerungserfolges der ersten Welt verständigt, also auf dem Niveau des Feindes, und aus Gründen der Verbotenheit des Zurückgehens hinter die eigenen Erkenntnisse und nostalgie de la boue auch nichts anderes darf: dabei doch eigentlich nur deswegen überhaupt den Weg der Dissidenz eingeschlagen zu haben behauptet, um ein richtiges Leben jenseits der Ausbeutungszusammenhänge zu fordern, die dieses Nivau ermöglichen. Andernfalls gäbe es aber überhaupt keine Übertragung aus diesem Reich der Finsternis, wenn man nicht die Mikrophone mithinunternehmen würde, die aus den Knochen der dort unten Gefolterten und Ausgebeuteten gewonnen wurden (ja, kurios, aber wahr: man baut dort unten tatsächlich aus Knochen Mikrophone und Sound Systems!).

    Der zweite Grund, eine neue Verankerung zu suchen, ist, daß die wesentliche Popmusik – die immer aus dem Zusammenspiel kleinbürgerlicher Outlawismen und anderer romantischer Wünsche mit echter Halbwelt und Boxringen zustandekam – im Laufe der 80er Jahre vorübergehend ganz an ein selbstbewußtes Kleinbürgertum fiel (Talking Heads). Was zunächst sehr gut war, weil ein bewußt die zu progressiver Kultur besonders befähigenden Privilegien seiner Klasse ausspielender Kleinbürger, der nichts sein will, als er ist, besser ist, als einer, der Joe Cocker sein will. Aber natürlich bei der gleichzeitig sich anhäufenden Macht und Kultur dieser Klasse in besagtem Zeitraum zu einer Abtötung des Kontaktes zu den richtigen guts der Menschheit führte. Am Ende dieser Epoche endete auch das theoretische Zeitalter mit dem Beginn der abstrakten Popmusik (lustigerweise). Man begann wieder einfach zu spielen/theorielos Musik zu machen, indem man die wirkungsvollen Bestandteile des Songs, in seinen verschiedenen Gattungen, seine ursprünglich nur begleitenden Effekte isolierte, wie die frühe abstrakte Kunst die Effekte des Bildes, seine Bestandteile einzeln untersuchte. So nahm sich der House Sound die funktionale Rhythmik, Hip-Hop Ansprache und Beats, Spacemen 3 und viele andere den isolierten Fuzz-Effekt, Gore spielten instrumentalen Metal und gaben Texte als Lesestoff auf Blättern mit, andere nahmen zwei markante Effekte und konfrontierten sie miteinander (Jesus And Mary Chain). Dem lag einerseits zugrunde, daß die besser gewordenen Maschinen zu solchem Ausprobieren reiner Wirkung verführten, andrerseits, daß dem Sampling eine ähnliche Funktion zukam wie der Fotografie gegenüber der Malerei, es entband das Instrument von der Aufgabe, songstrukturstiftende, tragfähige Töne zu erzeugen, wie die Fotografie den Maler davon entband, die Wirklichkeit abzubilden. Damit war die Verankerung in der als realistisch codierten Songstruktur ebenso gelockert worden wie die an dem traditionsgemäß als Wirklichkeit empfundenen Sujet des Tafelbildes. Und auch wenn die Analogie nicht komplett zu machen ist, denn das Sampling ersetzt nicht den Song, sondern nur Bestandteile, kann ich mir nicht helfen, mich vom Hip-Hop der Gegenwart an die ersten kunstvollen Slapstickjahre erinnert zu fühlen, wie vom SST-Programm 87/88 an die Armoury-Show. In dieser Situation des fundamentalen Umbaus unter Einbeziehung neuer Techniken brauchte die Popmusik eine neue Verankerung in der Wirklichkeit. In jeder Beziehung.

    Aus dem Kleinkriminellen wurde von der Mitte der 70er bis zum Ende der 80er der Gangster bzw. die Figur des Gangsters, von Gregory Isaacs bis Schoolly D. Der entspricht der veränderten Lage, daß die Widersprüche nicht mehr in erster Linie in einer Nation/Stadt/in einem überschaubaren und am eigenen Leibe erlebbaren Gebiet ausgetragen werden, sondern tendenziell in einer Weise über die Welt verstreut, daß nur noch die elektronische Kommunikation den Kontakt halten kann, nur noch elektronische Bilder zeigen, wie Widersprüche heute aussehen. Das sich wehrende Opfer, derjenige, der heute die Option der Kleinkriminalität in Anspruch nimmt, muß mehr aushalten, höhere Risiken eingehen und gefährlichere Drogen nehmen, für die schöne Sentimentalität bleibt keine Zeit und kein Platz, sie kommt nur noch unkultiviert als bloßer Kitsch vor: die meiste Zeit geht für die nötigen, coolen Gangsterposen drauf, including Guerilla, Pimp und Terror, also zwischen Eazy E und Public Enemy im Hip-Hop, GG Allin und Glenn Danzig im Hartkern-Feld und diversen Vietnam- und Nicaragua-Kämpfern (auf beiden denkbaren Seiten übrigens) im Metal. Schließlich ist das das einzige, was nicht mehr so ist wie früher. Ganz früher, ganz am Anfang, konnte man noch Delinquent werden, nur weil man jung war. Das ist lange vorbei. Man mußte sich Autos und Mädchen noch illegal besorgen. Unfaßbar, der Nährboden von Soul, heute wird einem beides nachgeschmissen, kommt einem aus den Ohren wieder raus (und erweist sich schnell als nicht das, worum es wirklich geht). Früher mußten sogar Dichter und Künstler illegal vorgehen, um ihre Aktionen zuende zu führen, ihre Arbeit zu machen oder einfach nur, um die Drogen zu kriegen, die sie für ihre Arbeit brauchten.

    Während der totalen Dominanz der Bürgerlichkeit im Pop war in Vergessenheit geraten, daß viele, nicht nur schwarze Lieder über Liebe und Besitz viel wörtlicher und materieller gemeint waren, als es die Bürgerkinder verstanden, deren Liebe Komplexe und Verklemmtheiten (die man nicht unterschätzen darf), aber keine Kanonen und Ausbeutungsverhältnisse im Wege standen, die Mädchen anhimmeln, aber nicht auf den Strich schicken wollten: doch für ihre Gefühle benutzten sie dieselben Codes. Das war ein schöner, aber auf Dauer gefährlicher Selbstbetrug. Die Gangster und MP-Poser rückten das ein wenig zurecht, indem sie in Hip-Hop wie Metal Formen wählten, die das kleinbürgerliche Seelenleben abschrecken, vor allem aber entsprach ihr Auftreten der veränderten Weltausbeutungsstruktur (Weltkrieg der Ersten gegen die Dritte Welt, statt Bourgeoisie gegen Arbeiterklasse in einem Land, mit der Tendenz, das Ganze eines Widerspruchs unüberschaubar von einander weg zu verlagern, bevorzugter Schauplatz der kulturellen Kriege also, die Grenzen der Welten, vor allem die der Enklaven der Dritten in der Ersten Welt und umgekehrt).

    Es blieb der Sub-Musik/-Kultur im Allgemeinen nichts übrig, als ihre Formen und Gestalten zu härten, aufzuladen mit den jeweils aktuellen Typen des Gangsters. Dabei sind Gangster am Ende ihres Weges in das System als große Gangster genausowenig von den legalen Machthabern zu unterscheiden, wie erfolgreiche Musiker am Ende ihrer Karriere von dem, was sie am Anfang zu bekämpfen auszogen. Dennoch sind sie das einzige Modell aus der Wirklichkeit, der einzige Verankerungspunkt, der zu harten, wahrnehmbaren, klaren Bildern führt (nachdem der der Partei, des Syndikats irreal oder atavistisch geworden war), die einzige von den Konfliktlinien der materiellen Basis und deren besonderer Emotionalität chemisch zusammengesetzte Apodiktik und Radikalitäts-Injektion. Die einzige Möglichkeit aber vor allem für die Peripherie, im Zentrum spürbar zu werden, denn der Groove hat gegenüber dem elektronischen Bild den Vorteil, daß, egal unter welchen Übertragungsbedingungen er in der ersten Welt ankommt, noch immer in die Richtung fliegt, sowie das aufbewahrt und einschließt, was er ursprünglich aufbewahren sollte, während das Bild nicht als einzelnes sinnloses, bewegendes Datum ankommt, sondern eingesponnen und überlagert von tausend Kommentaren und Erklärungen und relativierenden Überlagerungen.

    Der Gangster wohnt weit weg von Katharina Franck, er hat nichts mit Straight-Edge-Puritanismus und Daisy-Age-Farben oder Skate-Körperbeherrschung zu tun. Noch glücklichere, widerspruchsfreier erzogene Kinder drängen auf die Bewußtseinsbühne der Kulturgesellschaften. Ich kann ihr Programm, ohne Selbstzerstörung und Drogen (a.k.a. Zeit und Raum ein Schnippchen schlagen) auszukommen, bzw. die damit zusammenhängenden Ziele auf rein sportlicher und – nach allgemeinen Vorstellungen von Vernunft – vernünftiger Ebene zu erledigen, noch nicht beurteilen, weil ich die kleinen Cyberpunk-Ghetto-Gangster und deren Mentalität noch nicht kenne, die die nächste Version von Kriminellen-Feeling prägen werden, das sich mit dann noch blauäugigeren, moralischeren Bürgerkinderwelten kurzschließen muß, um widerstandsfähige Formen zu züchten, zu übernehmen und in die Welt zu setzen. Werden sie Prince und die Talking Heads als Vorläufer verehren? Punk und Hip-Hop als anachronistischste Gewalt-Scheiße ablehnen und ein paar Wimp-Bands rehabilitieren, während eine De-La-Soul-Nachfolgepossee die Incredible String Band, Able Tasmans und Dr. Strangely Strange samplen, und winzige Laptops, mit Biochips aus Früchtequark und Gilbweiderichstengeln „ernährt“, im Hintergrund zufrieden quaken? Sehr interessant. Was sollte diese Kids dann noch bewegen, überhaupt zu den Opfern ihres Glücks Kontakt aufnehmen zu wollen? Dasselbe wie uns: die von dort immer wieder raufechoenden Grooves (es ist unsere Aufgabe und wird deren Aufgabe sein, daß das Echo hörbar bleibt), die auf die durch noch glücklichere Kindheiten und noch mehr Selbstverwirklichung noch einmal einige Volten ausgebildetere Moralität der kleinbürgerlichen Kinderseele als Resonanzboden treffen. Deren Moralität und Empfindlichkeit wichtigstes High-Tech-Produkt des Weltimperialismus ist.

    Das theoretische Zeitalter ist aber auch für unsere Generation vorbei, die länger als alle vorangegangenen an diesen Ereignissen teilhaben wird, wenn auch kürzer als die nachfolgenden. Die Anzahl der gleichzeitig an einer Jugendkultur partizipierenden Dissidenten-Generationen wird vermutlich von Generation zu Generation steigen, ohne daß dieser immer absurder werdende Begriff fallen gelassen werden wird; denn er enthält die einzige materiell haltbare Definition der Basis von Dissidenz: Besitzlosigkeit in jedem Sinne, nicht-organisierte Kriminalität, und daher Jugend. (Die hat bekanntlich keine Tugend, und auch keinen Besitz und nichts zu verteidigen. Ihr Ändernwollen, Hineinwollen ist am Beginn einer jeden Tätigkeit in der Welt auch immer als revolutionär denkbar, bevor es karrieristisch, opportunistisch und individualistisch wird und egal, ob es sich über den Wunsch nach Autos, Mädchen, Drogen oder die letzten 120 Tage von Sodom mitteilt – und alles „Revolutionäre“ ist weniger als karrieristisch, wenn es nicht das individualistische Selbstvertrauen des auf sich gestellten Verbrechers mit einschließt. Zwar wird es am Ende immer darauf hinaus laufen, zu sagen: To live outside the law you must be honest. Vorher aber ist die Wahrheit viel gefährdeter, daß, um überhaupt Dissidenz weiter lebensfähig zu halten, die inneren und äußeren Kirchentage gesmasht werden müssen, in denen man heute junge Leute einpfercht.) Bedingungen untersuchen, die auch Nichtjugendlichen ermöglichen, eine solche Position einzunehmen (was z. B. Künstler und Neil Young schon immer taten), ist eine schwere, individuelle Aufgabe (nicht ihr Bewältigen allein entscheidet über das Gelingen eines künstlerischen Lebenswerks, aber jeder Künstler muß lernen, mit dem Stigma zu leben, das ihm von dem Stil / der Strategie / der Behauptung geblieben ist, den/die er benutzte, als er zum ersten Mal den Anspruch auf Gehörtwerden formulierte. Dieses Leben mit dem Stigma reicht von politischen Schicksalhaftigkeiten bis zum handwerklichen Verfeinern des ursprünglich nie als handwerklich bearbeitbar gedachten ersten Stils): an z. B. Neil Young, Guy Debord, Straub/Huillet, Thomas Pynchon kann man Erfolge und Fehler gelungenen, erwachsenen Draußenseins studieren (an David Bowie, Warhol, Beuys die größten bekannten und integren Erfolge und Probleme eines hingebungsvollen Drinnenseins). Aber hier hat der Amerikaner einen Vorteil, sein noch genetisch vorhandenes Wissen um das Leben außerhalb des Gesetzes.

    Das theoretische Jahrzehnt der Popmusik hat bewirkt, daß man musikalische Elemente nicht mehr als natürlich einer bestimmten Bedeutung zugehörig empfindet. Das führt zu Freiheit und Beliebigkeit. Der Beliebigkeit entkommt man nur durch Arbeit an und Verankerung in der massivsten Verdichtung von Realitätsmasse, wie Abenteuer, Revolte, Verbrechen, Liebe. Die Rechte und Wünsche aller anzuerkennen, ist genauso Bedingung, wie man sich in ihren realen Dreck verstricken können muß, um Trash und Verbrechen, im richtigen wie im falschen, verstehen und anwenden zu können. Völlig überraschenderweise haben mir plötzlich konzeptlose Langhaarige von der Westküste gezeigt, daß man wieder spielen kann, wenn alle technischen Probleme musikalischer Semantik genau einmal durchkalkuliert sind, auch ohne direkt daran beteiligt gewesen zu sein. Die Freiheit wird immer entblößt dargestellt, wunderte sich heute morgen ein Revolutionsforscher im Fernsehen. Ist die Musik korrekt in der Realität verankert, klingt die wieder als Geräusch und Effekt. Wo Realität ins Geräusch gefahren ist, nicht als Abbildung ihrer Geräusche, sondern in Töne, die keine Noten sind, aber dennoch verbindlich codiert, in einem Code, der die Anliegen des gesamten Körpers aufgenommen hat und vertreten kann, da ist heute Bedeutung. Da wo sie schon war, als Jimi Hendrix, Lee Perry und Albert Ayler arbeiteten. Wo sie wieder ist, seit Public Enemy arbeiten und Flaming Lips und Jesus And Mary Chain und die vielen abstrakten Musiker wie Blind Idiot God. An der Westküste wird alter Free- und Rock-Jazz beschleunigt und vereinfacht, und gleichzeitig stürzen sich die, die ihn so behandeln, in die Erfahrung seiner Komplexität. Und Erfahrungen mit Komplexität in der Musik, mit Dynamik, hat es in den theoretischen Jahren nicht gegeben, weil sie semantischen Komplexitäten gewichen waren. Wer interessiert sich denn noch für Musik, schrieb ich damals, Trash Coleman, sage ich heute. Aber hüte dich vor eitler Historistenscheiße, du mußt es schon mit ihm aufnehmen können (d. h. du mußt dich auch in semantischen Komplexitäten auskennen, sonst hast du ihm gegenüber keinen Pop-Vorteil. Das aber war eine Errungenschaft des UCO: Coleman spielen, ohne ihn zu verpoppen – à la Lounge Lizards –; andrerseits deutlich machen, daß man vom Pop, Sektion Punk-Rock, kommt, und damit aus dichter Realitätsmasse). Ziel: Semantik (Popmusik) und Intensität (Jazz, E-Musik) in einer Musik, die beides enthält, ohne hin- und herspringen zu müssen.

    Ein Millionenheer praktizierender, sich halbwegs durchschlagender oder einen zeitunaufwendigen Hauptberuf ausübender Musiker und recording artists ist so entstanden, das genauso wenig zu überschauen ist, wie ein Ende des Trends abzusehen ist. Großartige Bands wie die Membranes, Yo La Tengo, Zoogz Rift oder Eugene Chadbourne spielen vor nie mehr als 75 Leuten in dieser Millionenstadt – das ist zwar ein Fortschritt von einigen Tausend Prozent, wenn man bedenkt, daß es im Jahre 80 in Köln, wie man mir erzählte, nur ein einziges nennenswertes Konzertereignis gegeben haben soll, Joy Division. Von diesen 75 sind also ein Drittel entweder selber Musiker oder Musikjournalisten oder Veranstalter, oder sie dealen mit Instrumenten, betreiben Clubs oder Fanzines. Alte Hierarchien und Qualitätsbegriffe, an denen man sich orientieren könnte, gibt es nur noch in den fest abgegrenzten, wenn auch immer wieder schnell zur Auflösung neigenden, Spezialistenspezialistenzirkeln. Dies hat nicht zur Entwertung der musikalischen Äußerungen geführt, sondern zu einer Blüte, einem Reichtum, wie er in der Geschichte seinesgleichen sucht. Nur die Funktion dieser Subkulturmusiken hat sich geändert: niemand kann mehr dabei zum Übermenschen werden, und niemand kann Exzesse vom Zaune brechen. Zwar gibt es immer wieder maßlose große Künstler, aber auch die mit ihren gleichzeitig richtigen guts und richtigen, uneinnehmbar feinen Ideen der Menschheit werden nicht mehr mit den feuchten Hosen aller Menschenteenager belohnt.

    Auch dieser Zustand der Unübersichtlichkeit gefällt uns gut, entspricht unseren Wünschen: wir vermissen nur die Verbindlichkeit des Einzelereignisses für den Rest der Welt, das uns doch eben gerade so unmittelbar angerührt hat, aber dafür haben eben immer mehr Einzelne ihr eigenes Erlebnis, das sie (besonders) stärkt und (besonders) schön macht. Die mangelnde Verständigung über gemeinsame Erlebnisse wird durch die Stärkung des aus einem unglaublichen Reichtum seine Konsumgüter zusammenstellenden Einzelnen kompensiert. Aber wird er je (wieder?) die Beschränktheit der Konsumhaltung durchbrechen können, wie sind politische Effekte möglich? Gar nicht, wenn es nach einem staatengründenden Konsens-Begriff von politischer Mobilisierung geht. Aus den Platten, um die es hier geht, spricht das gleiche ohne Grand Central Strategy zustandegekommene, Unterschiede affirmierende Bewußtsein, das mikropolitisch an einzelnen Punkten ansetzt, den kleinen Kampf in verschieden abgestufter Gewalttätigkeit befürwortet und sich ästhetisch moralisch im günstigsten Fall mit den Opfern des Zustandekommens seines eigenen relativ freien Bewußtseins kurzschließt, in einem weiteren Sinne, als es der Begriff der Solidarität beschreibt. Die von einem Lehrer für den Spiegel mit Entsetzen beschriebene Haltung der heutigen Jugend, die zwar alle Mißstände der Erde mit größter Schärfe wahrnehme und geißele, andrerseits nicht mehr bei sich selbst mit dem Abschaffen anfange, ist in Wahrheit der größte Triumph über den Voluntarismus, der noch die Hippies reihenweise in die Psycho-Krise trieb (Widersprüche bei sich selbst abschaffen, bevor die gesellschaftlich-materiellen Voraussetzungen geschaffen sind). Gleichzeitig gibt es eine Fülle von diskontinuierlichen, nicht miteinander vernetzten Aktivitäten von hoher moralischer Rigidität, wie z. B. bei fast allen Ami-Bands (Straight Edge). Und das alles trifft natürlich nur auf den – von 0,1 auf 1,5 % angewachsenen – Anteil der Jugendlichen zu, die die Chance und die Ermutigung bekommen haben, keine Arschlöcher zu werden. (Diese Zahl, behaupte ich, und das wird das Hauptproblem sein, mit dem sich diese Generation philosophisch-ethisch herumschlagen müssen wird, steigt im gleichen Maße wie die Anzahl der chancenlos zu Tod, Hunger und Auszehrung Geborenen in anderen Gegenden der Welt und an den Rändern dieser.) Keine Generation hat so viel und so detailreich geformte Kunst in Form von Popmusik über sich herstellen können, ist in so vielen Facetten des Weltjugendtums von Public Enemy bis Sylvia Juncosa in ungekannter Intensität und Reichtum zu Wort gekommen, hat ein größeres Maß an dezidierter Formung und Verbindlichkeit jeweils für sich zustande bringen können. Solange der Zugang zur Macht von Besitz an Produktionsmitteln abhängt, ist keine wirkliche Demokratie möglich, aber sollte es je eine geben, wird ihr wichtigstes Kennzeichen sein, daß sich auf nichts mehr mehr als 1 % der Bevölkerung einigen können.

    Nie ist mehr Feinheit von mehr Menschen produziert worden als in der Ersten Welt von heute, aber diese Feinheiten werden sich verteilen wie die Menschen in den Massengräbern der Dritten, unbeachtet und tendenziell entropisch, wenn sich diese relative Massenverfeinerung nicht auflädt und kurzschließt mit der Massenvernichtung an den Rändern ihrer Welt (denn es gibt ja noch keine Demokratie, nur die Tendenz dazu in den zur Abspaltung neigenden Reservaten gelungener, kleinbürgerlicher Schöngeistigkeit). Daher kommen die harten Grooves der Hopper, aber da wird auch die Musik der Ersten Welt anders aufgenommen und weiterverarbeitet. Und die Ränder sind nicht nur die geographischen: sie sind die Ränder von extremer Zivilisation zu Nicht-Zivilisation, wo Bauern an den Kosmos stoßen und die Army an Cajun-Todeskulte. Das Dynamo für unseren Fortschritt sind die Gemeinsamkeiten der Dispositive Peripherie und Jugend: von außen anklopfen, mit dem Recht einzutreten und zu ändern, was dann erkämpft werden muß. Der ideale Zustand des Rock’n’Roll.

    Kulturpolitik muß dabei multipler und vielgestaltiger werden, noch vorurteilsfreier und im gleichen Maße härter, als je nötig war, der Tatsache Rechnung tragen, daß es gleichzeitig in nicht allzu weiter Ferne gibt: 1.) Neue Chancen für mehr Menschen denn je zuvor, gegen die der Einwand, daß Chancen zu bürgerlichen Karrieren keine Chancen sind, weil sie zu keinem richtigen Leben führten, nicht zutrifft; denn wenn nicht eine zunehmende Zahl Menschen dies am eigenen Leibe zu erfahren und zu erkennen die Chance hätten, bleibt die Ablehnung eines solchen Lebens Esoterik. 2.) Dieselbe alte Scheiße: Verschärfung der Ausbeutung nicht nur im Weltmaßstab, sondern auch hier, weiterhin bei allen kulturellen Chancen Gültigkeit des Satzes: es gibt keine Freiheit, außer der erkämpften. 3.) Ungekannte Verbrechen, Völkermorde, Kulturvernichtung, Umweltvernichtung in ungekanntem Ausmaß, bei gleichzeitiger Einigung der weltbeherrschenden Staaten und Supermächte zum Zwecke der gemeinsamen Kriegsführung im Falle von Öko-Desastern, regionalistischen Absonderungen, Verwertungsverweigerung in Dritter und islamischer Welt: ein Grund mehr, warum Dissidenz heute anarchistischer und antistaatlicher orientiert ist als in den frühen 80ern, wo Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt noch auf die Unterstützung der einen gegen die andere (der SU gegen die USA) Supermacht rechnen konnten. 4.) Progressivität, die sich nicht nur, wie inzwischen von jedem zweiten deutschen Jungfilm versöhnlerisch dargestellt und allgemein schon breit reflektiert, in einer Sekunde mit einem Türken gegen einen rechtsradikalen Deutschen verbünden muß, um in der nächsten Sekunde die Tochter desselben Türken gegen seine patriarchale Scheiße zu schützen, sondern vor allem mit gegen Imperialismus und Kolonialismus kämpfenden Völkern der Dritten Welt, um im nächsten Moment die reaktionären unter den Eigenheiten ihrer Kultur gegen Frauen, Schwule und ethnische Minderheiten bekämpfen, die dann zum Tragen kommen, wenn das eben noch kämpfende Volk zum Staatsvolk wird. 5.) Ästhetik, die mit der Tatsache auskommen muß, daß gerade das krudeste Bewußtsein, die übelsten Koalitionen, die schönsten und wahrsten Ergebnisse im Leben eines Künstlers hervorbringen; Ergebnisse, die ihrerseits ganz objektiv die Freiheit, die Würde und das Selbstbewußtsein fördern, das eine devote Hymne an z. B. Gott auf der inhaltlichen Ebene mit Füßen zu treten scheint. Daraus darf man weder folgern, die inhaltliche Ebene als Option aufgeben zu müssen, noch daß im Falle der besten Reggae-Songs am Ende dennoch die Dürftigkeit der Lage inhaltlich über nur dekorative Rhythmen obsiege. Der Gott, von dem Burning Spear z. B. redet ist eine Befreiung, von zentrifugaler Gewalt, die Form, in der er von ihr nur sprechen kann, muß logischerweise das Bild der Freiheit ebenso enthalten wie die beschränkten Worte der Sprache, die ihm in der Unfreiheit gelehrt wurden und die Transzendenz der Musik, diese Beschränktheit konkret zu überwinden. Man muß an komischen Stellen die sympathischsten Dinge kritisieren und mit den abwegigsten seinen Frieden machen: Tippa Irie von Kopf bis zur Kralle lieben, selbst noch den Sound, in dem er seine Verwünschungen des „Lesbian Business“ oder des „Homosexual Business“ ausspricht, die Kraft und das frische, selbst erworbene, erkämpfte Selbstbewußtsein in seiner Stimme. Um diese Verwünschungen im nächsten Moment als genau die Spießigkeit, die kleinkrimineller Kretinismus immer eben auch mitschleppt, zu bekämpfen.

    Als massenwirksame Methode, sich der Kulturflut als der allerneuesten, fast schon umkippenden Form des „Spektakels“ zu stellen, ihre Dynamik auszunutzen, funktioniert ein nur mittelbar mit dem der Subkultur zusammenhängendes, heutzutage ganz selbstverständliches und weit verbreitetes Trashbewußtsein. Es hat jedermann erreicht und noch hat das tendenziell immer steriler werdende Spektakel kein Antidot entwickelt. Wer nimmt noch irgendetwas so wahr, genießt irgendeine vom Fernsehen oder anderen zentralen Sinnstiftungsorganen lancierte Sendung/Mitteilung/Produkt, so wie sie/es gemeint waren? Trotzdem sieht jeder gerne fern. Die Leute sind für direkte Demokratie und dezentralisierten Anarchismus so überreif wie chinesische Studenten. Dem entspricht jetzt schon ihre kulturelle Praxis. In den USA, dem Mutterland des Trash, gehen seit Jahrzehnten nur noch Christen und Volltrottel wählen.

    Uns interessiert z. B. in unserem Feld, wie und daß Trash die kleinbürgerliche Neigung zu ständiger Selbstreproduktion, Todesangst-Produktivität und der Neurose, Spuren hinterlassen zu müssen, die Welt mit Produkten und Gegenständen zuzuscheißen, kritisiert, ohne Verzicht und Schweigen in ihrem tödlich grauenhaften Gegenteil dagegen zu predigen. Daß Trash die Harmonisierungs- und Synchronisierungszwänge angreift, die das Schlimmste sind, was das kleinbürgerliche Bewußtsein über die Welt legt: daß alles zusammenpassen muß wie die Familie, und Muttitheorem und Papitheorie sich nicht scheiden lassen dürfen und sich nicht streiten dürfen; Trash ist Produktion im Fadenkreuz von Paradoxa und Widersprüchen. Trash kritisiert die Scheußlichkeit der Eitelkeit und lebt von der Berechtigung der Verstrickungen und Scheußlichkeiten, die in jedem Satz eingeschlossen sind, für den man Geld nimmt.

    Die wachsende Tendenz des Überbaus, Basis zu sein, bietet auch neue Möglichkeiten der Wirkung und Verbindlichkeit – man hat nur in allgemeiner Resignation über die Macht der Bedeutung die Möglichkeit der Wirkung aus den Augen verloren, nach dem sie das letzte Mal unter ganz anderen Bedingungen analysiert worden war, darauf bezogen nämlich, in wie weit Kunst und Kultur einer die Gesamtlage ohnehin falsch einschätzenden politischen Gesamt-Bewegung bei der Durchsetzung ihrer Ziele helfen könne: Beliebigkeit ist so gesehen vor allem das Problem einer totalitären Zentralperspektive, eine mikropolitische Theorie der Wirkung gibt es nicht, aber, wie ich meinen Fanzines so entnehme, keinen Grund zu allzugroßem Pessimismus in dieser Hinsicht. Was Restidealismen enthält, so zu reden, aber was kann man tun, als Kritiken der Produktionsweise des eigenen Idealismus zu produzieren: Ich warne davor zu glauben, daß dies alles irgendetwas ändern würde. Ich weise nur darauf hin, daß man ein paar Chancen vor dem Absturz in die völlige Barbarei nicht durch pessimistische Reflexe lahmlegen sollte. Hier sollen auch meine Versuche, nachvollziehbare Ordnung in solche kulturgeschichtliche Knäuel zu bringen – die ihre Kraft auch daraus beziehen, daß man sie nicht entwirren können soll – eine Grenze finden. Man kann sich mit einem kleinbürgerlichen Hirn immer nur in seiner eigenen Produktion und bei der Wahl von deren materiellen Grundlagen versuchen, in eine Verstricktheit zu begeben, die einen nicht mit unterschlagenden Harmonisierungen davonkommen läßt, sich vor Instituten ebenso in Acht nehmen wie vor Eremiten. Am Ende sollte gelten, daß Popmusik die einzige Welt ist, in der direkt oder über die Produktionsform gegen das Funktionieren der spätkapitalistischen Welt Einspruch immer noch wirklich wahrnehmbar erhoben werden kann, die letzte Bühne existiert, in der die Opfer des Weltausbeutungszusammenhangs einigermaßen authentisch zu Stimme/Sound kommen – was auch immer mit dem geschieht, was die Membrane zum Vibrieren bringt. Ayler sagt, daß Music, die selbstbewußt ihre antiimperialistischen Kurven durch das Weltall zieht, so daß man Gebet und Witz weder unterscheiden können kann, noch will, The Healing Force Of The Universe ist. Darauf Mudhoney: Touch Me, I’m Sick!

    (Dieser Text ist die lange, erzählte Fassung des theoretischen Vorwortes zu 1.500 Schallplatten, das gleichzeitig bei Kiepenheuer + Witsch, Köln, erscheint.)

    1. Die erste Version dieses Textes sollte ein begleitendes Vorwort für meine gesammelten Plattenkritiken aus zehn Jahren werden. Um dies zu schreiben, wollte ich an einem angenehmen, aber von meinem ständigen Arbeitsplatz bei der Musikzeitschrift Spex so entfernten, dennoch kulturell komplizierten und anregenden Ort arbeiten, das war im März 1989 in Madrid. ↩︎
    2. 1979 fing ich als Redakteur bei der Musikzeitschrift Sounds an. ↩︎
    3. Der „Zensor“ Burkhard Seiler war und ist ein Aktivist der unabhängig produzierten Platten. Er importierte unabhängige englische und amerikanische Punk- und New-Wave-Singles als erster nach Deutschland, hatte einen Laden und bis heute ein Label. ↩︎
    4. Am Steindamm in Hamburg war die Sounds-Redaktion, die Hauptstraße des Viertels St. Georg, dem Viertel mit der höchsten Kriminalitätsrate in der ganzen BRD. ↩︎
    5. Klaus Theweleit, Das Buch der Könige, Frankfurt 1988. Darin besonders der Versuch, eine materialistische Analyse der Produktion von Stimulanz zu schreiben, ein „Kapital“ der Kulturarbeit. ↩︎
    6. Udo Lindenberg. Prototyp des sozialdemokratischen, stets Jugendliche zu sogenannten „guten“ staatstragenden Sachen überredende Medienrockstar über 40. ↩︎
    7. Am Ende des 1984 geschriebenen Buches Sexbeat fordere ich von jedem kulturproduzierenden Einzelnen sich zu benehmen, als sei er Repräsentant eines typischen, „relevanten“ sozialen Problems, sich gegenüber dem Soziologen so zu benehmen wie gegenüber einem Touristen, der nur für das Repräsentative zahlt wie der normale Tourist für das Typische: ihn also ausnehmen. ↩︎
    8. In der zweiten Hälfte der 80er erschienen in der BRD nach dem Vorbild englischer Zeitschriften wie The Face kombinierte Modemusikzeitschriften, die sich ideologisch teilweise auf Glam- und Zitatpop beriefen und den Punkt markierten, wo dessen Probleme und Bankrott offensichtlich wurden. Auf der anderen Seite haben selbst diese Blätter als Träger einer allgemeinen Vernunft, die aber durch Alter und Herkunft ihrer Macher der Jugendkultur noch ziemlich nahe ist, keinen Zugriff mehr auf den Underground. ↩︎
    9. Indie bezieht sich auf Independent. Die Welt der independent produzierten Platten. ↩︎
    10. Die Adressen der beiden Spex-Büros in Köln, in denen ich seit 1985 arbeite. ↩︎
    11. Bezieht sich auf die Wähler der neuen rechtsradikalen Parteien in der BRD. ↩︎
  • Über Musik schreiben

    Das theoretische Jahrzehnt der Popmusik hat bewirkt, daß man musikalische Elemente nicht mehr als natürlich einer bestimmten Bedeutung zugehörig empfindet. Das führt zu Freiheit und Beliebigkeit. Der Beliebigkeit entkommt man nur durch Arbeit an und Verankerung in der massivsten Verdichtung von Realitätsmasse, wie Abenteuer, Revolte, Verbrechen, Liebe. Die Rechte aller Menschen auf bedingungsloses Glück anzuerkennen ist Voraussetzung. Aber genauso muß man sich in ihren realen Dreck verstricken können, um Trash und Verbrechen, im richtigen wie im falschen, verstehen und anwenden zu können. Völlig überraschenderweise haben mir plötzlich konzeptlose Langhaarige von der Westküste gezeigt, daß man wieder spielen kann, wenn alle postmodernen Probleme musikalischer Semantik abgearbeitet sind. Die Freiheit wird immer entblößt dargestellt, wunderte sich heute morgen ein Revolutionsforscher im Fernsehen. Ist die Musik korrekt in der Realität verankert, klingt die wieder als Geräusch und Effekt. Wo Realität ins Geräusch gefahren ist, nicht als Abbildung ihrer Geräusche, sondern in Töne, die keine Noten sind, aber dennoch verbindlich codiert, da ist heute Bedeutung. Da wo sie schon war, als Jimi Hendrix, Lee Perry und Albert Ayler arbeiteten. Wo sie wieder ist, seit Public Enemy arbeiten und Flaming Lips und Jesus And Mary Chain und die vielen abstrakten Musiker wie Blind Idiot God. An der Westküste wird gute alter Jazz beschleunigt und vereinfacht, und gleichzeitig stürzen sich die, die ihn so behandeln, in die Erfahrung seiner Komplexität. Und Erfahrungen mit Komplexität in der Musik, mit Dynamik hat es in den theoretischen Jahren nicht gegeben, weil sie semantischen Komplexitäten gewichen waren. Wer interessiert sich denn noch für Musik, schrieb ich damals, Trash Coleman, sage ich heute. Aber hüte dich vor eitler Historistenscheiße, du mußt es schon mit ihm aufnehmen können (d. h. du mußt dich auch in semantischen Komplexitäten auskennen, sonst hast du ihm gegenüber keinen Pop-Vorteil. Das aber war eine Errungenschaft des Universal Congress Of: Coleman spielen, ohne ihn zu verpoppen – à la Lounge Lizards – andrerseits deutlich machen, daß man vom Pop, Sektion Punk-Rock, kommt und damit aus dichter Realitätsmasse.).

    Ein Millionenheer praktizierender, sich halbwegs durchschlagender oder einen zeitunaufwendigen Hauptberuf ausübender Musiker und recording artists ist so entstanden, das genauso wenig zu überschauen ist, wie ein Ende des Trends abzusehen ist. Großartige Künstler wie die Membranes, Yo La Tengo, Zoogz Rift oder Eugene Chadbourne spielen vor nie mehr als 75 Leuten in dieser Millionenstadt – das ist zwar ein Fortschritt von einigen Tausend Prozent, wenn man bedenkt, daß es im Jahre 80 in Köln, wie man mir erzählte, nur ein einziges nennenswertes Konzertereignis gegeben haben soll, Joy Division. Von diesen 75 sind also ein Drittel entweder selber Musiker oder Musikjournalisten oder Veranstalter, oder sie dealen mit Instrumenten, betreiben Clubs oder Fanzines. Alte Hierarchien und Qualitätsbegriffe, an denen man sich orientieren könnte, gibt es nur noch in den fest abgegrenzten, wenn auch immer wieder schnell zur Auflösung neigenden Spezialistenzirkeln. Dies hat nicht zur Entwertung der musikalischen Äußerungen geführt, sondern zu einer Blüte, einem Reichtum, wie er in der Geschichte seinesgleichen sucht. Nur die Funktion dieser Subkulturmusiken hat sich geändert: niemand kann mehr dabei zum Übermenschen werden, und niemand kann Exzesse vom Zaune brechen. Zwar gibt es immer wieder maßlose große Künstler, aber auch die mit ihren gleichzeitig richtigen guts und richtigen, uneinnehmbar feinen Ideen der Menschheit werden nicht mehr mit den feuchten Hosen aller Menschenteenager belohnt.

    Auch dieser Zustand der Unübersichtlichkeit gefällt uns gut, entspricht unseren Wünschen: wir vermissen nur die Verbindlichkeit des Einzelereignisses für den Rest der Welt, das uns doch eben gerade so unmittelbar angerührt hat, aber dafür haben eben immer mehr Einzelne ihr eigenes Erlebnis, das sie (besonders) stärkt und (besonders) schön macht. Die mangelnde Verständigung über gemeinsame Erlebnisse kompensiert die Stärkung des aus einem unglaublichen Reichtum seine Konsumgüter zusammenstellenden Einzelnen. Aber wird er je (wieder?) die Beschränktheit der Konsumhaltung durchbrechen können, wie sind politische Effekte möglich? Gar nicht, wenn es nach einem staatengründenden Konsens-Begriff von politischer Mobilisierung geht. Aus den Platten, die ich bespreche, spricht das gleiche ohne Grand Central Strategy zustande gekommene, Unterschiede affirmierende Bewußtsein, das mikropolitisch an einzelnen Punkten ansetzt, den kleinen Kampf in verschieden abgestufter Gewalttätigkeit befürwortet und sich ästhetisch moralisch im günstigsten Fall mit den Opfern des Zustandekommens seines eigenen relativ freien Bewußtseins kurzschließt, in einem weiteren Sinne, als es der Begriff der Solidarität beschreibt. Die von einem Lehrer für den Spiegel mit Entsetzen beschriebene Haltung der heutigen Jugend, die zwar alle Mißstände der Erde mit größter Schärfe wahrnehme und geißele, andrerseits nicht mehr bei sich selbst mit dem Abschaffen anfange, ist in Wahrheit der größte Triumph über den Voluntarismus, der noch die Hippies reihenweise in die Psycho-Krise trieb (Widersprüche bei sich selbst abschaffen, bevor die gesellschaftlich-materiellen Voraussetzungen geschaffen sind). Gleichzeitig gibt es eine Fülle von diskontinuierlichen, nicht miteinander vernetzten Aktivitäten von hoher moralischer Rigidität, wie z. B. bei fast allen Ami-Bands (Straight Edge). Und das alles trifft natürlich nur auf den, von 0,1 auf 1,5 % angewachsenen Anteil der Jugendlichen zu, die die Chance und die Ermutigung bekommen haben, keine Arschlöcher zu werden (diese Zahl, behaupte ich, und das wird das Hauptproblem sein, mit dem sich diese Generation philosophisch-ethisch herumschlagen müssen wird, steigt im gleichen Maße wie die Anzahl der chancenlos zu Tod, Hunger und Auszehrung Geborenen in anderen Gegenden der Welt und an den Rändern dieser). Keine Generation hat so viel und so detailreich geformte Kunst in Form von Popmusik über sich herstellen können, ist in so vielen Facetten des Weltjugendtums von Public Enemy bis Sylvia Juncosa in ungekannter Intensität und Reichtum zu Worte gekommen, hat ein größeres Maß an dezidierter Formung und Verbindlichkeit jeweils für sich zustande bringen können. Solange der Zugang zur Macht von Besitz an Produktionsmitteln abhängt, ist keine wirkliche Demokratie möglich, aber sollte es je eine geben, wird ihr wichtigstes Kennzeichen sein, daß sich auf nichts mehr als ein Prozent der Bevölkerung einigen können.

    Nie ist mehr Feinheit von mehr Menschen produziert worden als in der Ersten Welt von heute, aber diese Feinheiten werden sich verteilen wie die Menschen in den Massengräbern der Dritten, unbeachtet und tendenziell entropisch, wenn sich diese relative Massenverfeinerung nicht auflädt und kurzschließt mit der Massenvernichtung an den Rändern ihrer Welt (denn es gibt ja noch keine Demokratie, nur die Tendenz dazu in den zur Abspaltung neigenden Reservaten gelungener, kleinbürgerlicher Schöngeistigkeit). Daher kommen einerseits die harten Grooves der Hopper, aber da wird auch die Musik der Ersten Welt anders aufgenommen und weiterverarbeitet. Und die Ränder sind nicht nur die geographischen: sie sind die Ränder von extremer Zivilisation zu Nicht-Zivilisation, wo Bauern an den Kosmos stoßen und die Army an Cajun-Todeskulte. Das Dynamo für unseren Fortschritt sind die Gemeinsamkeiten der Dispositive Peripherie und Jugend: von außen anklopfen, mit dem Recht einzutreten und zu ändern, was dann erkämpft werden muß. Der ideale Zustand des Rock’n’Roll.

    Kulturpolitik muß multipler und vielgestaltiger werden, noch vorurteilsfreier und im gleichen Maße härter, als je nötig war, der Tatsache Rechnung tragen, daß es gleichzeitig in nicht allzu weiter Ferne gibt: 1.) Neue Chancen für mehr Menschen denn je zuvor. 2.) Dieselbe alte Scheiße. 3.) Ungekannte Verbrechen, Völkermorde, Kulturvernichtung, Umweltvernichtung in ungekanntem Ausmaß. 4.) Progressivität, die sich nicht nur, wie inzwischen schon breit reflektiert, in einer Sekunde mit einem Türken gegen einen rechtsradikalen Deutschen verbünden muß, um in der nächsten Sekunde die Tochter desselben Türken gegen seine patriarchale Scheiße zu schützen, sondern vor allem mit gegen Imperialismus und Kolonialismus kämpfenden Völkern der Dritten Welt, um im nächsten Moment die reaktionären unter den Eigenheiten ihrer Kultur gegen Frauen, Schwule und ethnische Minderheiten zu bekämpfen, die dann zum Tragen kommen, wenn das eben noch kämpfende Volk zum Staatsvolk wird. Man muß an komischen Stellen die sympathischsten Dinge kritisieren und mit den abwegigsten Dingen seinen Frieden machen: Tippa Irie von Kopf bis zur Kralle lieben, selbst noch den Sound, in dem er seine Verwünschungen des Lesbian Business oder des Homosexual Business ausspricht, um diese Verwünschungen im nächsten Moment als genau die Spießigkeit, die die naturgemäß immer erst kleinkriminelle Revolte als Spuren des eben überwundenen Kretinismus immer eben auch mitschleppt, zu bekämpfen.

    Als massenwirksame Methode, sich der Kulturflut zu stellen, ihre Dynamik auszunutzen, funktioniert ein nur mittelbar mit dem der Subkultur zusammenhängendes, heutzutage ganz selbstverständliches und weit verbreitetes Trashbewußtsein. Es hat jedermann erreicht und noch hat keiner ein Antidot entwickelt. Wer nimmt noch irgend etwas so wahr, genießt irgendein(e) vom Fernsehen oder anderen zentralen Sinnstiftungsorganen lancierte(s) Sendung/Mitteilung/Produkt, so wie sie/es gemeint waren? Wer läßt intentionale Inhaltlichkeit noch anderswo als in einem selbst mitbestimmten oder kontrollierten Feld zu? Die Leute sind für direkte Demokratie und dezentralisierten Anarchismus so überreif wie chinesische Studenten. In den USA, dem Mutterland des Trash, gehen seit Jahrzehnten nur noch Christen und Volltrottel wählen.

    Uns interessiert z. B. in unserem kleinen Feld, wie und daß Trash die kleinbürgerliche Neigung zu ständiger Selbstreproduktion, Todesangst-Produktivität und der Neurose, Spuren hinterlassen zu müssen, die Welt mit Produkten und Gegenständen zuzuscheißen, kritisiert, ohne Verzicht und Schweigen in ihrem tödlich grauenhaften Gegenteil dagegen zu predigen. Daß Trash die Harmonisierungs- und Synchronisierungszwänge angreift, die das Schlimmste sind, was das kleinbürgerliche Bewußtsein über die Welt legt: daß alles zusammenpassen muß wie die Familie, und Muttitheorem und Pappitheorem sich nicht scheiden lassen dürfen und sich nicht streiten dürfen; Trash ist Produktion im Fadenkreuz von Paradoxa und Widersprüchen. Trash kritisiert die Scheußlichkeit der Eitelkeit und lebt von ihrer Berechtigung: und welche Verstrickungen und Scheußlichkeiten in jedem Satz eingeschlossen sind, für den man Geld nimmt.

    Die wachsende Tendenz des Überbaus, Basis zu sein, bietet auch neue Möglichkeiten der Wirkung und Verbindlichkeit – man hat nur in allgemeiner Resignation über die Macht der Bedeutung die Möglichkeit der Wirkung aus den Augen verloren, nachdem sie das letzte Mal unter ganz anderen Bedingungen analysiert worden war, darauf bezogen nämlich, inwieweit Kunst und Kultur einer die Gesamtlage ohnehin falsch einschätzenden politischen Gesamt-Bewegung bei der Durchsetzung ihrer Ziele helfen könne: Beliebigkeit ist so gesehen vor allem das Problem einer totalitären Zentralperspektive, eine mikropolitische Theorie der Wirkung gibt es nicht, aber wie ich meinen Fanzines so entnehme, kein Grund zu allzugroßem Pessimismus. Was Restidealismus enthält, so zu reden, aber was kann man tun, als Kritiken der Produktion des eigenen Idealismus zu produzieren: Ich warne davor, zu glauben, daß dies alles irgend etwas ändern würde. Ich weise nur darauf hin, daß man ein paar Chancen vor dem Absturz in die völlige Barbarei nicht durch pessimistische Reflexe lahmlegen sollte. Hier sollen auch meine Versuche, nachvollziehbare Ordnung in solche kulturgeschichtliche Knäuel zu bringen, die ihre Kraft auch daraus beziehen, daß man sie nicht entwirren können soll, eine Grenze finden. Man kann sich mit einem kleinbürgerlichen Hirn immer nur – in seiner eigenen Produktion und bei der Wahl von deren materiellen Grundlagen – versuchen, in eine Verstricktheit zu begeben, die einen nicht mit unterschlagenden Harmonisierungen davonkommen läßt, sich vor Instituten ebenso in Acht nehmen wie vor Eremiten. Am Ende sollte gelten, daß Popmusik die einzige Welt ist, in der direkt oder über die Produktionsform gegen das Funktionieren der spätkapitalistischen Welt Einspruch immer noch wirklich wahrnehmbar erhoben werden kann, die letzte Bühne existiert, in der die Opfer des Weltausbeutungszusammenhangs einigermaßen authentisch zu Stimme/Sound kommen – was auch immer mit dem geschieht, das die Membrane zum Vibrieren bringt. Ayler sagt, daß Music, die selbstbewußt ihre antiimperialistischen Kurven durch das Weltall so zieht, daß man Gebet und Anekdote weder unterscheiden können kann noch will, the Healing Force Of The Universe ist. Mudhoney: Touch me, I am sick!

  • Crime & The City Solution – Brüder zur … Ein Spätaussiedlerroman

    Simon Bonney, Leader, Sänger und Denker von Crime & The City Solution erklärt Diedrich Diederichsen nicht nur sein ambitiöses neues Album, sondern auch die Geschichte der australischen Kronkolonie Berlin, von den Filibuster- und Freibeuterjahren über die britische Besiedelung bis zur Neuzeit in Nordfriesland.

    SPEX: Dein am meisten benutztes Wort ist Licht …

    Simon Bonney: Hm, könnte sein. Nicht bewußt …

    SPEX: Oder seine Gegenteile und Verhinderer: Vorhang, Schatten …

    SB: … aber auch dunkel, eng; Licht bedeutet für mich Raum, Freiheit, Hoffnung.

    SPEX: In der Vergangenheit schien aber das Licht in Zellen, in denen Einzelne ihre Zeit absaßen oder kleine Gruppen von der allgemeinen Bewegung abgeschlossen waren. Auf The Bride Ship betrifft es plötzlich Völker, gesellschaftliche Gruppen, Emigranten, die die neue Welt suchen, den Menschen schlechthin, der aus dem Schatten tritt.

    SB: Ich denke, daß andere auf die Dauer zu sehr ausgeschlossen werden, sich auch zu ausgeschlossen fühlen, wenn man immer nur von sich redet. Ich habe vor einem Jahr Hundert Jahre Einsamkeit gelesen und mir hat gefallen, wie García Marquez große historische Vorgänge benutzt, um die Geschichte nur einer Familie zu erzählen; wie er große Dinge benutzt, um eine kleine Welt zu beschreiben. So wollte ich es auch machen, und das ist das Prinzip dieser neuen Platte.

    SPEX: Verstehe. Hat aber in der Vergangenheit Dein Publikum, besonders bei Deiner Art zu singen, sich nicht eher mit dem Sänger und dem, was dieser durchmacht, identifiziert, als sich ausgeschlossen zu fühlen?

    SB: Klar. Die Leute, die eh zu uns kamen, haben genau so gefühlt. Ich meine, ganz generell. Man erreicht mehr Menschen, wenn man das Persönliche durch ein Allgemeines, ein alle betreffendes Ereignis darstellt, als wenn man es als das Persönliche schildert, das es ursprünglich war. Wenn man abstrakter wird, ist es leichter, die grundsätzlichen Ähnlichkeiten zwischen den Charakteren in den Songs mit den eigenen Eigenschaften zu erkennen.

    SPEX: Und das Thema ist das Scheitern der Utopien …

    SB: Ja, das prinzipiell Falsche an der Utopie. Utopie existiert nicht …

    SPEX: … im Sinne der direkten Übersetzung aus dem Griechischen, der Nicht-Ort?

    SB: … der Ort ist im Kopf, in der Vorstellung, was man aber verwirklichen sollte, ist, daß jeder das Gefühl hat, ein Teil der Menschheit zu sein, sich darüber zu freuen, dabei wohlzufühlen, als Mensch zufrieden zu sein, nein besser bequem …, man wird das nicht erreichen, die Reise dahin ist das Ziel.

    SPEX: Auf der Platte scheitert diese Reise völlig, die neue Welt wird nicht erreicht.

    SB: Ja, weil es um eine neue Welt eben nicht geht. In den 60ern wollte man auf verschiedene Weise die Welt ändern. Du kannst das Konzept von Nirwana verstehen, aber Du bist nicht im Nirwana. Die politischen Theorien bestehen ebenfalls nicht den Lackmus-Test. Ich denke, daß die richtigen Aktionen entstehen, wenn das Individuum mit sich selbst eins ist, wenn es sich zu Hause fühlt bei sich und seiner Gemeinschaft. Das kann aber weder die westliche noch die östliche Gesellschaft leisten. Der Kapitalismus baut darauf auf, daß Menschen sich unsicher und fremd fühlen. Ich sehe niemanden, der die Antwort hätte; die Radikalen der 60er glaubten, sie könnten die bessere Welt durch Theorie und Ideen, durch Denken erreichen, und beachteten nicht, daß sie sich währenddessen vom Rest der Menschheit immer weiter abkapselten …

    SPEX: Das Leninismus-Problem.

    SB: Ja, ich glaube nicht, daß irgendjemand das Recht hat, irgendjemand anderem zu sagen, wie er leben soll. Ich habe immer sehr an den bewaffneten Kampf geglaubt, an die Notwendigkeit einer bewaffneten Revolution. Aber immer da, wo Unterdrückte sich dieses Mittels bedient haben, entstand anschließend eine militarisierte Gesellschaft. Wie zum Beispiel in Vietnam, wo durch den bewaffneten Kampf einfach Strukturen entstanden sind, die einen zivilen, sozialistischen Aufbau ungemein erschweren.

    SPEX: Aber wie hätten sie es sonst machen sollen, ist das die Schuld des Volkes, das zu den Waffen greift …

    SB: … nicht seine Schuld, aber vielleicht haben sie die Amis auf die falsche Art vertrieben. Die Palästinenser erreichen auch sehr viel mehr, seit sie vom Terrorismus zum zivilen Ungehorsam umgeschwenkt sind, sowohl direkt als auch in der öffentlichen Weltmeinung.

    SPEX: Aber hätte je irgendjemand der Intifada Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es nicht vorher den palästinensischen Terrorismus gegeben hätte?

    SB: Klar, aber ich habe eben noch nie vorher gesehen, wie und daß bürgerlicher Ungehorsam so gut funktioniert wie im Falle der Intifada. Das begeistert mich, und ich bewundere das Selbstbewußtsein, das diese Leute haben müssen, und den Mut.

    SPEX: Vielleicht haben sie keine andere Wahl.

    SB: Man könnte einfach sterben.

    SPEX: Oder sich verkaufen.

    SB: Eben.

    SPEX: Was denkst Du von dem Satz: es gibt nichts Lächerlicheres, als in den modernen Industriegesellschaften von heute von Revolution zu sprechen, aber von etwas anderem zu sprechen ist noch lächerlicher.

    SB: Sehr gut, das bringt es wahrlich auf den Punkt, ein deutscher Gedanke?

    SPEX: Nein, französisch, Guy Debord.

    SB: Ich bin in den 60ern von Eltern erzogen worden, die geglaubt haben, daß die Welt sich ändern würde, so daß ich mit dem starken Gefühl aufwuchs, ich würde die Welt erben, daß ich einer Generation von Modellmenschen angehören würde, die den Rest der Welt erziehen würde. 1970 merkte jeder, daß nichts daraus wurde, und ich sah die Leute enttäuscht und bitter werden …

    SPEX: Was sind Deine Eltern von Beruf?

    SB: Meine Mutter ist eine führende Forscherin auf dem Gebiet der Vergewaltigung, mein Vater war ein marxistischer Erziehungswissenschaftler, in erster Linie an Medien interessiert.

    SPEX: Mögen sie die neue Platte?

    SB: Meine Mutter sehr, mein Vater ist tot. Es hat sie beide eine Weile gekostet, zu akzeptieren, was aus mir wurde …

    SPEX: Hat Dein Vater Dich einen bürgerlichen Individualisten geschimpft?

    SB: Nein, im Gegenteil. Daß ich Musiker wurde, hat ihn gefreut. Nach der Überzeugung meiner Eltern war es das einzig Richtige, einen Beruf außerhalb der Bindungen der Gesellschaft zu ergreifen, der ehrenwerteste Beruf war in ihren Augen der des Spielers. Nein, aber sie brauchten eine Weile, um zu akzeptieren, daß ich, so wie ich heute bin, ein Ergebnis ihrer Erziehung bin, obwohl ich nicht so wurde, wie sie mich geplant haben, aber sie haben akzeptiert, daß man nicht alles planen kann. Es irritierte sie immer, daß ich mich mit bestimmten Dingen beschäftigen konnte, ohne eben durch alles hindurch zu müssen, wo sie durch mußten. Als Ex-Katholik hast Du immer noch die ganzen Probleme des Katholiken am Hals, während ich, der ich ohne Religion aufwuchs, mich viel unbeschwerter mit religiösen Dingen beschäftigen konnte und sagen, daß es einen Ort für das Spirituelle durchaus gibt. In den 60ern aber, ja sogar auch in den 80ern in Berlin, herrscht immer noch diese Vorstellung von dem Einzelnen, der gegen den Rest der Welt und alle Widrigkeiten kraft seines Willens antritt. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß nichts so wird, wie du es planst, daß der persönliche Wille immer überschätzt wird. Ich habe lieber Überraschungen und nicht mehr dieses Bedürfnis, alles zu kontrollieren. Ich möchte lieber darin aufgehen, ein Mitglied der Menschheit zu sein.

    SPEX: Lieber in der Gemeinde als der Prediger?

    SB: In gewissem Sinne, zumindest was die Musik betrifft. Ich bin ja mit all diesen Mythen aufgewachsen und von ihnen beeinflußt worden, Little Richard, Jim Morrison. Ich habe da dieses Buch gelesen, No One Here Gets Out Alive, über Jim Morrison, das, hätte ich es mit zehn gelesen, mich von Jim Morrisons hervorragendem Leben überzeugt hätte; heute denke ich, was für eine arme paranoide Sau er doch war, wie unglücklich. Und ich glaube, viele seiner Probleme hatten damit zu tun, daß er seine Vision jedem an den Hals hängen wollte, jeder sollte sich seinen Ideen fügen, mindestens die ganze Welt ihm zuhören, in dem Sinne waren er und viele andere 60er-Musiker ziemlich so wie die Politiker, die sie bekämpfen wollten.

    SPEX: Aber Morrisons Ideen waren doch persönlich-poetisch und unpolitisch.

    SB: Vom Inhalt her schon, aber er wollte, daß jeder davon weiß. Er wollte die Behörden davon informieren, was los ist. Die Kids, was Jim dachte. Und das würde ich heute nicht mehr idolisieren. Was ich an Crime mittlerweile mag, ist, daß die Leute hinter die Bühne kommen und sich als sie selbst besser fühlen. Weil sie eben ein sehr wichtiger Teil unserer Show sind. Sind wir in einer Trümmerstimmung und sie helfen uns, dann überwinden wir unsere Mörderlaune, und dann sind wir richtig gut. Wenn sie ebenso übellaunig reagieren, wie wir anfangen, gibt es einen Trümmerhaufen. Was ich auch mag. Für jeden Song gibt es circa 15 verschiedene Arten, in der ich ihn singen kann.

    SPEX: Sind die Leute so verschieden?

    SB: Nein eigentlich nicht. In England kriegen wir Gothic-Leute, die verwirrtesten Menschen, die ich je kennengelernt hab. Und die sind genauso enttäuscht von uns, wie die Punk-Publiken oder die Birthday-Party-Fans, und wir müssen die alle enttäuschen. In England haben die Leute immer sehr genaue Vorstellungen davon, wie eine Band zu klingen hat. Und wenn sie Pogo wollen, dann tanzen sie Pogo auf „The Dangling Man“. Das hat auch viel mit der Presse zu tun.

    SPEX: Ja, die hat in England auch eine sehr administrative Funktion, sie leitet die Leute durch den Verkehr des Überangebots wie Ampeln und Umleitungshinweise, sie agiert nicht von alleine, will nicht irgendwas durchsetzen, was sie in ihrer Lage wohl gar nicht mehr können.

    SB: Ich will jetzt gar nicht auf die schimpfen, weil diese Klage über Journalisten immer so blöd ist und wir in England zuletzt auch eine sehr gute Presse hatten, ich bin auch kein Gegner des geschriebenen Wortes, aber ich finde es besser, wie es in Amerika organisiert ist, wo die Leute durch dieses College-Radio-System die Sachen zunächst hören, bevor sie irgendwas darüber lesen.

    SPEX: Heute morgen beim Aufwachen fiel mir ein, daß ich Crime & The City Solution interviewen würde. Ich dachte, wenn die anderen Australier Bluessänger sind, ist Bonney der Gospel-Sänger, sein Gesang scheint immer etwas Höherem dienen zu wollen.

    SB: Also mit Gospel-Musik habe ich nichts zu tun, aber in dem Sinne, daß alles, was man kann, schal wird, wenn man es ausschließlich einsetzt, um sich persönliche Befriedigung zu verschaffen, aus egoistischen Gründen, dann ja. Musik ist für mich nichts, was man macht. Musik ist da, und du hängst dich an, du klinkst dich ein, wenn du dafür empfänglich bist. Andere sind empfänglich für Murmelspiele, ich bin empfänglich für Musik und für Worte. Meine Frau, Bronwyn, erzählte mir, daß sie als Kind Talent zeigte, Violine zu spielen, und dafür immens gelobt und bestätigt wurde. Das beschämte sie, weil es ihr ja nicht schwer fiel, weil sie ja keine Hindernisse überwinden mußte. So sehe ich die Musik auch. Für mich ist Musik ein Mittel, mich als ein Teil der Welt zu fühlen.

    SPEX: Wohnst Du noch in Berlin?

    SB: Teilweise, außerdem in London, in Niebüll. In Norddeutschland, wo ich eine Menge interessante Leute gefunden habe, aus diversen deutschen Städten, die da in Kommunen leben. Man kriegt da oben im Norden, auf dem Lande, eine ganz andere Perspektive, in Berlin sieht man ja nichts, nicht wegen der Mauer, die mich nie gestört hat, aber das Gesichtsfeld ist extrem klein, und man sieht nirgendwo den Horizont, was psychisch schädlich ist. Australier und Berliner sind sich ziemlich ähnlich, beide sind ziemlich skrupellos, und beide haben ein merkwürdiges Verhältnis zu Geschichte. Ich war neulich im Reichstag, und als ich sah, wie sie so viel über Bismarck und so viel über Kaiser Wilhelm und so viel (zeigt extrem kleinen Umfang) über Hitler hatten, dachte ich, wie schwer es für junge Deutsche sein muß, mit so einer widersprüchlichen Geschichte aufzuwachsen, denn schließlich will jeder zu irgendeiner Tradition gehören. So ist es auch mit Australiern. Deswegen gehen sie nach England, oder sie suchen nach ihren irischen Vorfahren. Ich meine, da muß man durch, aber als Pariser hat man es sicher leichter. Und es ist nicht sehr befriedigend, diese Suche, denn man findet diese Antworten nicht. Also zieht man weiter, unsere Gruppe zog nach Berlin, wo Menschen aus aller Welt hinkamen, die so wurzellos sind wie wir. Dort entstand aber mit der Zeit sowas wie unsere eigene kleine Welt, eine Isolation, zu der uns die Stadt natürlich ermutigte, wo wir schließlich umgeben waren von unseresgleichen.

    SPEX: Dann ist also die Geschichte der Emigrantenfamilie auf dieser Platte die Geschichte der australischen Künstlerkolonie?

    SB: Also ich mag die Leute in meiner Band und meine Freunde in Berlin. Aber Künstlerkolonien sind suspekt und führen zu obskuren Ergebnissen. Ich habe in Australien die Hippies aufs Land fliehen sehen, weil sie sich fremd fühlten, um nur noch mit Menschen zusammen zu sein, die ihnen ähnlich sind. Aber sie wurden noch einsamer, statt etwas aufzubauen, wo sie hingehören …, denn das findet man nicht durch Isolationismus …, ich hatte diese schreckliche Flugangst, als ich in Griechenland wohnte. Dann überwand ich diesen Schmerz, und plötzlich war der Tod nicht mehr so wichtig. Dadurch fühlte ich mich sehr klein, während ich zuvor sehr groß war, und war nur noch dankbar, zur Menschheit zu gehören. Und darum geht es in der Musik, für mich, den Leuten das Gefühl zu geben, daß das, was sie sind, schon sehr gut ist. Dann wären sie glücklicher und besser befähigt, das durchzusetzen, was sie tun wollen, es würde ihnen natürlicher von der Hand gehen. Denn wenn Du einen guten Song schreiben mußt, um ein guter Mensch zu sein, wirst Du Dein Talent dazu verlieren; wenn Du ohnehin schon selbstsicher bist, schreibst Du Deine Songs völlig natürlich hin.

    SPEX: Kommt die Begabung des Australiers für die amerikanische Musik, speziell den Country-Song, das Country-Sentiment, daher, daß der Australier in einer Weise ähnliche Erfahrungen macht, bezogen auf seine Kultur, wie der Amerikaner zu der Zeit, als diese Formen entstanden?

    SB: Australien ist ein eigenartiges Land, vollkommen rätselhaft und unverstanden. Wir sind verzweifelt hinter einer Geschichte her. Erst versuchten wir, Engländer zu werden, aber das funktionierte nicht. Dann wurden wir Yobbos, was bedeutete, überhaupt keine Kultur zu haben und stolz darauf zu sein. Wir sind ein sehr gewalttätiges Volk. Verzweifelt auf der Suche nach einer Vergangenheit, die längst im Übermaße da ist, weil es ja alles da gibt: Griechen, Italiener, Asiaten, Araber, darüber die dünne Schicht angelsächsischer Kultur und die Hackordnung unter den verschiedenen Volksgruppen der Einwanderer. Jetzt sind die Boatpeople da, die nicht unbedingt alle hätten kommen müssen, wie ich finde. Ein großer Teil waren ja nun wirklich Kriminelle, Schwarzmarkthändler, trübes Gesindel, das dann in Australien prompt neue Unterweltfraktionen bildete, jetzt haben wir eine vietnamesische Mafia; aber die bis dahin unten auf der Skala stehenden Italiener und Griechen, die diskriminiert, verachtet und verprügelt wurden, werden jetzt akzeptiert, weil man meint, sie hätten genug gedient und schlechtbezahlte Jobs gemacht, weil sie jetzt alle gemeinsam auf die Vietnamesen einprügeln können und vor der asiatischen Invasion warnen. Ich meine, da ist dieser tolle multikulturelle Ort, aber es funktioniert einfach nicht. Es ist alles noch zu neu und zu weit weg, niemand in der Welt nimmt zur Kenntnis, was da passiert, es wird nicht als Geschichte aufgeschrieben, also empfindet es auch niemand als Geschichte. Daher kommen, glaube ich, auch die Gemeinsamkeiten mit Sachen wie dem Blues: in einer unschuldigen Zivilisation neigt Musik zu besonderer Stärke und Verbindlichkeit. Sophisticatede Kulturen sind sich einfach zu sehr ihrer selbst bewußt, um irgendwas machen zu können. Wie man als ein belesener Mensch ein Buch schreiben kann, ist mir ein Rätsel, unmöglich. Man vergleicht mich immer mit irgendwelchen Autoren, und ich kann nur von Glück sagen, daß ich diese Autoren nicht gelesen habe. Sophistication ist fast immer der Ruin der Künste: In Australien kannst Du Dich als Band noch entwickeln, weil man vier Jahre lang vor sich hin mucken kann, ohne irgendeine Chance, einen von der Presse zu treffen. In Australien waren wir alle Punkrocker, ohne so recht zu wissen, was das eigentlich heißt und konnten den Begriff so mit eigenem Leben füllen, in London brauchst Du nur auf der Kings Road akustische Gitarre zu spielen und schon macht der NME einen Bericht und bringt so einen Haufen Bands um, weil die alle noch nicht stark und sicher genug sind, zu wissen, was gut für sie ist. Southern Death Cult existierte drei Wochen und hatte vier Songs und war schon auf dem Cover vom NME: die neue Kraft der Rockmusik.

    SPEX: In australischen Bands trifft man auf Leute, die in einer Person einerseits wortkarg und rockistisch sind, aber andrerseits dann doch plötzlich Sermone erzählen und Finnegans Wake auswendig können …

    SB: Ja, wir sind eben ’ne Trinkkultur …

    SPEX: … und das bringt Cretins und Schriftsteller naturgemäß einander nahe …

    SB: … und wenn einer Band eine ausgiebige Australien-Tour angeboten wird, würde ich sie inständig warnen. Es gibt zwei Läden in Sydney, zwei in Melbourne und zwei in Adelaide, wo man spielen kann, der Rest sind riesige Saufhallen, wo Leute hingehen, um sich einen exzessiven Abend zu bereiten und laute Musik allenfalls störend wirkt. Es hat eine Umfrage gegeben, welches Volk der Welt das zufriedenste ist, und die Australier wurden erste. Sie sind sehr konservativ, wollen keine Änderungen. Man kann ganz gut von Arbeitslosengeld leben, und die Leute, die dageblieben sind, sind eigentlich alle spurlos verschwunden, weil man da unten sehr gut einfach nur rumsitzen kann und gar nichts machen, es wird nicht kalt, und man muß nicht selbständig aktiv werden, um zu überleben … Deswegen haben wir alle so eine relaxte Art. Außerdem sind wir alle etwas roh. Was nicht nur schlimm ist. Vulgarität ist nicht notwendig schlecht …

    SPEX: … keineswegs …

    SB: … und in Australien ist das die eingeführte Norm, vulgär zu sein. Wer sich zu ernst nimmt, sich für was besseres hält, hat es schwer dort.

    SPEX: Wie bei immer mehr Bands (Fall, Sonic Youth, Cramps etc.), steht auch bei Crime ein Ehepaar auf der Bühne?

    SB: Ja, es gibt diesen Trend, obwohl es für mich rein persönliche Gründe gibt: Bronwyn hilft mir sehr bei meinen Texten, ich mag ihre Texte und ihr Geigenspiel. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, daß die Instrumente, die Mädchen traditionell lernen, wie Geige oder Klavier, inzwischen mehr akzeptiert werden …

    SPEX: Kammerinstrumente. Ich wußte es: Frauen entstehen in der Kammer, Männer werden mit einer Gitarre auf dem Feld geboren. Die anderen Australier arbeiten ja auch mit ihren Frauen zusammen (Cave, Howard), jetzt hast Du auch einen Neubauten als Gitarristen (Alex Hacke), der aber für meine Ohren doch eine andere Funktion hat als Blixa bei den Bad Seeds?

    SB: Ich glaube, er hat genügend Charakter, um solche Vergleiche hinter sich zu lassen, er ist einfach ein sehr guter Gitarrist.

    SPEX: Haben Crime & The City Solution Humor?

    SB: Ich hoffe, nicht im Sinne eines guten Witzes, aber indem wir uns nicht so ernst nehmen, wie man sich als humorloser Mensch nimmt.

    SPEX: Wer ist Edward Low?

    SB: Ein Pirat aus der Zeit von Captain Kidd, der großen Zeit der Piraten. Er schnitt den Leuten, die anderer Meinung waren, die Lippen ab. Ich habe ihn ausgesucht, weil er sich eine Ehefrau gekauft hat, und das bringt einerseits Kapitalismus auf den Punkt, ist andrerseits so grotesk und lustig. Das ist vielleicht unser Humor: „Keepsake“ hätte eigentlich auch ein sehr grandioser, eingebildeter Song werden können, ist es in einem gewissen Sinne auch, andrerseits wissen wir, wie lächerlich solche Grandiosität ist, und das hört man wohl hoffentlich auch.

    SPEX: Ja, das gefällt mir. Die Absurdität eines Vorhabens einsehen, aber nicht aufzugeben und sich in den reinen Witz flüchten, sondern es trotzdem, etwas gequält grinsend versuchen …

    SB: Ja, Witze sind ziemlich langweilig.

    SPEX: Nie so witzig wie freiwillig unfreiwillige Komik jedenfalls. Danke für das Gespräch.

  • UCOBI: Universal Congress of Big Irrsinn

    „Nicht jeder kann ein großes Licht sein, aber er will trotzdem nicht der Kerzenhalter der anderen sein.“

    „Wenn der oberste Knopf nicht richtig geknöpft ist, sitzt der ganze Mantel schief.“

    Hans Joachim Rauschenbach

    Die Popmusik hat heute, 1988, eine absolute Blüte erreicht, was Breite, Niveau, Vielfalt, Vorwegnahme und Bündelung der Aufgaben anderer Künste und vieles mehr betrifft. Das hängt auf komische Weise mit dem wirklichen Leben zusammen, wenn man an so einem verkaufsoffenen Sonnabend durch die Straßen geht. Es gibt in Deutschland einen popligen Reichtum, einen stillosen Überfluß, der von nichts anderem berichtet, als daß es hier eben keine funktionierenden Souveränitätssymbole gibt und damit auch kein normal symbolisch geregeltes ästhetisches Verhältnis zur Macht, das ist neu und schön und erspart vieles alte Leid, aber es ist eben auch gefährlich, denn die Macht hat so alle Chancen, sich zu verstecken, alte Macht und alte Gegenwehr hingen immer mit Stil zusammen, jetzt sind richtig und falsch, ehrlich und verlogen an so einem Samstag vollkommen miteinander verschlungen, in Eigenschaften wie Bequemlichkeit, Feigheit, Privatismus und Opportunismus, die alle so einen schlechten Ruf haben, weil sie alle auch absolut unkriegerisch sind. Denn die Hoffnung Vlado Kristls, die Theweleit als Motto dem Buch der Könige voranstellt, hat sich in Deutschland eigentlich längst erfüllt: niemand hat hier mehr Lust an Macht, höchstens noch in einem überlebensnotwendigen Sinne, die kleine Macht, die immer entsteht, wenn man etwas gut macht, so wie ich mich freue, daß Spex recht hat (z. B.), aber die Tendenz ist deutlich zu erkennen, die Lust (wie sie immer von der Eiskrem-Zeitgeist-Werbung angerufen wird) an der Macht ist am Verschwinden. In einem höheren Sinne hat sich das Gute am Hippietum als allgemeiner Wert durchgesetzt, hier mehr als in England oder Frankreich, die Deutschen sind ein durch und durch friedliches, tolerantes, weltoffenes, unfanatisches Volk geworden. Neu für mich ist, daß ich daran etwas Gutes sehen kann, denn so wie die Verhältnisse und ihre Ungerechtigkeit das Gegenteil all dieser Eigenschaften fordern, so sind umgekehrt all diese Eigenschaften Voraussetzungen für ein ungestörtes, unbedrohtes Alltagsleben, in dem man nicht mehr von alten Scheißproblemen behelligt wird. Die Deutschen sind in ihrer belgisch-dänisch-holländischen Vernünftigkeit und desinteressierten Lahmarschigkeit das modernste alte Volk der Welt. Man braucht nicht darauf zu hoffen, daß sie je die Verbrechen – an denen sich ihre Wirtschaft heute beteiligt und auf die sich ihr Reichtum und ihre Lebensweise gründen – erkennen oder bekämpfen werden, einem deutschen Arbeitnehmer ist es nicht mehr beizubringen, daß er ein Klassenbruder einer Näherin in Kuala Lumpur sein soll, stattdessen ist das ganze deutsche Volk mittlerweile so etwas wie eine herrschende Klasse – jedenfalls sieht es so aus – und entwickelt als ganzes Volk die Dekadenzen, die man früher immer nur an einzelnen Subjekten der herrschenden Klasse beobachten konnte, die bessere, zukünftige Lebensformen zu antizipieren vermögen, in denen nicht Barbarei und materielle Not, nicht Todesdrohung, noch tägliche Arbeitsauszehrung das Leben bestimmen, sondern interesselose Zerstreutheit und die besondere Schönheit rigider Moral um ihrer selbst willen (nicht um zu herrschen), wie heute bei Rollins oder Madonna.

    Die einzelnen Subdisziplinen der Popmusik sind mittlerweile in einem Maße entwickelt und kunstvoll, daß man ihre Verschiedenheit nur noch wie verschiedene Kunstrichtungen beschreiben kann. Es ist mittlerweile nur noch unsinnig, eine Platte von Bevis Frond mit einer von Public Enemy zu vergleichen; Algebra Suicide an einer House-12″ zu messen ist so unsinnig, wie zu sagen, Rilke sei besser als Mies van der Rohe oder Schönberg besser als Klee (solche Aussagen kann man übrigens machen, und sie sind sehr hilfreich, um sich Hierarchien zu basteln, die für das Innenleben eines funktionierenden Kopfes dennoch wichtig sind; gerade wenn Autorität und Autor und Auto abgeschafft werden, muß ja etwas an ihre Stelle treten, das Widerstandskraft sichert gegen weltweite Klitorisbeschneidung, Massenverdummung und Näherinnenschicksale in Kuala Lumpur: in einer nur noch kulturell definierten Welt wie der ersten, insbesondere unseren, sind das die inneren Charts: wer ist besser, Marlon Brando oder Franz Jung? Franz Jung, der übrigens dieses Jahr Hundert wurde. Man muß nur wissen, daß es sich um so eine Art Vergleich handelt und nicht um einen Vergleich gleichartiger Dinge.), dies alles findet darüberhinaus in einer Sphäre statt, den Independents, wo der Grad des Zugangs möglichst vieler zu möglichst hochleistungsfähigen Produktionsmitteln für eine künstlerische Selbstverwirklichung auf möglichst hohem Niveau mittlerweile eine vor zehn Jahren kaum vorstellbare Größe erreicht hat (zur Indie-Welt rechne ich jetzt alles, von Disco bis Metal über Folk, Psychedelic, neue Instrumentalmusik, Wimp-Sound – was du willst). Nie konnten so viele so gute Musik so unkontrolliert von Institutionen machen wie 1988, nie war die Vielfalt der möglichen, musikalischen Lebensäußerungen größer, nie war Popmusik so sehr die führende Kraft kultureller Entwicklung. Denn eines ist doch wohl klar: ein dermaßen hochentwickelter Kapitalismus produziert in Zeiten seines Erfolges auch alle erwünschten immateriellen Güter, solange er damit handeln kann, also auch billige Selbstverwirklichungstechnologie. Nur weil man gegen die Ungerechtigkeiten kämpft, die für das Zustandekommen dieses Age Of Chance verantwortlich sind, kann man nicht gegen das Age Of Chance sein, ein Hungriger ist nicht Gegner der Nahrungsmittel, sondern ihrer Verteilung.

    Nur hat das alles keiner gemerkt, da es der inneren Logik dieser Entwicklung entspricht, daß sie sinnvoll nur stattfinden kann, wenn nicht im größeren, von Massenmedien als Bewegung ausmachbaren Ausmaße über den eigenen Tellerrand gesehen wird. Die Blüte der Architektur kann nur stattfinden, weil die Architekten keine Gedichte lesen? Ja? Begrenzt richtig, denn alle kommen, wie wir gesehen haben, sowieso von den gleichen Grundwerten her, die sie dann in ihrem Artotop weiterentwickelt und unangreifbar gemacht haben, eigentlich ist, wie gesehen, alles, was heute im Underground passiert, und ich meine den gesamten Underground, ganz grundsätzlich der Hippie-Kultur verpflichtet, ihren Grundwerten; was man sich gegenseitig vorwarf, war ja selten etwas anderes als der Verrat an diesen Werten (nicht deren grundsätzliche Falschheit), die heißen: Gegenkultur, Autonomie, Selbstverwirklichung, Anarchismus, Anti-Kapitalismus, denen sich dann im Punk oder mit dieser Generation nur Werte hinzugesellten, die als Steuerbegriffe und Sekundärtugenden die Pervertierung der ersten aufhalten oder verhindern sollten: Aggressivität, Entschiedenheit, Intoleranz, Stalinismus. Den Zusammenhang zwischen beiden ästhetisch auf den Stand der Zeit gebracht zu haben, ist der Verdienst des SST-Labels und der Produktion und des Denkens von Leuten wie Greg Ginn, Chuck Dukowski, Mike Watt oder Joe Baiza und Sylvia Juncosa, die nicht Hippie-Revival betrieben haben, sondern auf dem gemeinsamen, moralischen und intellektuellen Nenner von 20 Jahren Underground-Kultur etwas Neues, daraus Hervorgegangenes begonnen und gefördert haben. In Deutschland entspricht dem (nennen wir es den wehrhaften Hippie, der den alten Hippie-Fehler der Verklärung der Niederlage neu so begründet, daß auch ich mich nur als mitten in einem Neubedenkprozeß bezeichnen kann) Klaus Theweleit, obwohl in dessen Buch gerade die letzten zehn Jahre fehlen, in denen man andere Erfahrungen mit Klein und Groß gemacht hat, als er sie schildert, für den diese Sekundärtugenden noch als verwerfliche Primärtugenden in Leben auftauchen, die eigentlich als künstlerische (also schöpferische und nicht tötende, ausschließende) und Hippie-Leben gedacht waren, andere auch mit dem Problem der Macht und der Gegenwehr. Er sieht noch jeden als Verlust, der in eine K-Gruppe eingetreten ist. Aus den K-Gruppen aber und ihren Entsprechungen kamen die entscheidenden Erfahrungen der Punk-Generation, die sich weder mit der Macht verbündete, mit dem Überleben, und dennoch nicht wie die Hippies der 70er und die Friedensbewegung sich in die Kleinheit und Ohnmacht der sauberen Hände zurückzog, sondern großspurig und unbescheiden und eben auch unartig Platz, Raum und Gehör beanspruchte, denn sie waren keine mißhandelten Kinder und hatten keinen Tag je Krieg gesehen, für sie galten schon andere Gesetze, und dennoch laß ich mir als etwas älterer Vertreter dieser Generation von Theweleits Buch eine Grundüberzeugung ausreden, die Tage der Entschiedenheit um der Entschiedenheit willen sind vorbei, zumindest für mich, der ich mir ein Auditorium, anders als Rösner, ja nicht mehr erkämpfen muß. Theweleit kämpft halt noch gegen den Faschismus und wird das sein ganzes Leben auch noch tun, so wie ich mein Leben lang noch gegen sozialdemokratische Herrschaft kämpfen werden muß, obwohl beides längst vorüber ist.

    In Theweleits Buch geht es um die Bedingungen von künstlerischer Produktivität, um Frauenleichen, die die Wege der Meisterwerke pflastern und warum die Könige immer etwas addieren, ohne je die 2 zu erreichen, immer bei 1 + f (Frau) stehen bleiben, und um die anderen, die wie Kafka sich selbst opferten. In der Pop-Musik muß heute niemand mehr sterben, früher schon, weswegen auch Hendrix und Morrison Theweleits Lieblingszeugen sind. Aber in der Pop-Musik gibt es jetzt die Paare, die 2 geworden sind und nicht immer nur 1+ Funktion, wie in den Geschichten im Buch der Könige, es gibt Thurston und Kim, Lux und Ivy, Mark und Brix, und es gibt den Kafka der Pop-Musik, Neil Young, der nicht nur nicht gestorben ist, noch, als er Überlebender der Crazy-Horse-Heroin-Epidemie wurde, reagiert hat wie die Literaten bei Theweleit, mit Produktivität, sondern in Schweigsamkeit verfiel. Mit „Down By The River“ hat er den Theme-Song für das Buch der Könige geschrieben, und damit will ich es auch bewenden lassen, damit, daß in diesem Jahr in meinen All-Time-Greatest-Charts Neil Young John Cale … nein, nicht verdrängt, aber sich an seiner Seite als Gefühlschef niedergelassen hat.

    Zurück zu den Architekten, die keine Gedichte lesen und umgekehrt. Revolutionär wäre es schon, sich zu verbünden, das wäre dann das Patchwork der Minderheiten, die noch in den 70ern von führenden Franzosendenkern aufgestellte Forderung der minoritären Subversion. Sie hat an vielen Punkten längst stattgefunden, dieses Blatt ist zumindest in seiner 88er Version ein Beispiel dafür, nur glaubt immer noch jeder nur, er lebe allein in seiner persönlichen Krise seines Egos oder seines Kleinstkults und dessen Ups and Downs, wenn sich dagegen zusammenfassende Institutionen des Underground bilden, dieses Paradox, wie z. B. Spex, ist immer die Gefahr der Unverbindlichkeit gegeben. Wir versuchen dem zu begegnen, indem wir uns sowohl dieser paradoxen Struktur und auch der Notwendigkeit zum Zusammenschluß bewußt sind, uns aus vielen Vertretern der verschiedenen, minoritären Sekten zusammensetzen. Aber man muß sich auch klarmachen, daß die beiden Grundforderungen der Generation, die in den 80er Jahren angefangen hat, die erste eigene Scheiße zu machen, sich widersprechen: Patchwork der Minderheiten und Verbindlichkeit vs. Pluralismus. Natürlich ist Wahrheit das Ziel, wie für jeden Kulturarbeiter, das ist der einzige Beitrag, den er zur Gerechtigkeit leisten kann, und daß Kunst ein Beitrag zur Gerechtigkeit sein muß und kann, ist auch eine der Forderungen, an die mich das Buch der Könige ebenso erinnert hat. Wir wollten verbindlich sein, damit das in den Minderheiten Erarbeitete gerecht wiedergegeben wird, nicht vereinnahmbar für Massenmedien und ihre semiotische Vergiftungsmaschine, wir wollten Minderheiten sein, um für und über etwas zu sprechen, dessen Wahrheit uns sicher war, nur damit einmal Wahrheit gesagt werden konnte. Heute werden die beiden Ziele, die trotz ihres begriffslogischen Widerspruchs also durchaus etwas miteinander zu tun hatten, gegeneinander ausgespielt: das Patchwork der Minderheiten sei ein Indiz für Unverbindlichkeit, die Verbindlichkeit und Apodiktik sei eine intolerante Attacke gegen das Patchwork, dessen Mittel ja gerade Diversifizierung, Unübersichtlichkeit und Spezialistentum seien. Nach der Logik der Bewegung ist Spex immer der größte denkbare Ort, wo das alles noch ausgesprochen und zusammenfassend als kulturelles Projekt definiert werden kann, aber Spex ist weder das Organ irgendwelcher Sektierer, noch ein Trendmagazin des Underground, Spex ist immer in einer dialektischen Bewegung und die einzelnen Glieder der Zeitschrift befinden sich fast schon rhythmisch immer an verschiedenen Orten, die sie auch wechseln, innerhalb dieser Bewegung; was man lernen muß, ist das Verwerfen und das Rehabilitieren. Mittlerweile werden ja täglich neue kleine Zeitschriften gegründet, auch diese Technologie ist mittlerweile ziemlich risikolos verfügbar und bietet wie in England z. B. vom Hochglanz-Sixties-Fanzine Strange Things Are Happening bzw. von den bekannten, immer wieder von Schiegl vorgestellten Ami- und Aussi-Fanzines wahrgenommen, die Gelegenheit zu weiterer Spezifizierung und tiefer, faktenreicher, geiler Unübersichtlichkeit, bei uns leisten dies Trust (für Hardcore und Verwandtes und dazugehörige Politik), TNT und Howl, fast alle anderen kann man vergessen, weil sie fast alle für ein noch kleineres Publikum und mit geringeren Mitteln versuchen, eine noch größere Bandbreite abzudecken als das Musikfeuilleton einer deutschen Tageszeitung und dabei mit ihrem Journalismus-Spielen faktenarme Unverbindlichkeiten ohne Geistesblitze produzieren und dabei auf eine mittlerweile nicht mehr mit Entschiedenheit und Pop und große Worte zu rechtfertigenden Unverschämtheit große Töne spucken (andrerseits: was entsteht nicht alles aus einer Imitation?).

    Ein Charakteristikum der Lage ist ja, daß alles, was neu hinzu kommt, nicht erst etwas Altes killen muß, um leben zu können, Punk war das Letzte, das etwas killen mußte, um seine Mission zu erfüllen, und das auch nur, weil das zu Killende, der Hippie, nur sein eigener Schatten war (und umgekehrt): Und selbst die größten Hippie-Hasser, die versuchten, einen vor allem Anti-Hippie-Standpunkt auch dann noch aus den Knochen von Punk und Teenkultur zu bauen, wenn er objektiv auch im Sinne von Punk reaktionär wurde, wie Julie Burchill, die jetzt endlich über einen Schatten gesprungen ist und Maggie Thatcher für okay erklärt, in sogar längst überwundene Hippie-Klischees verfällt, wenn sie echte, leidenschaftliche Liebe, bei der auch mal die Fetzen fliegen, gegen Designer-Beziehungen verteidigt (wo ironischerweise genau das das zentrale Klischee aller Designer-Sex-Filme von 9½ Wochen bis Fatal Attraction ist). Und da alles nebeneinander existieren kann und Gegensätze nicht mehr ausgetragen werden müssen, weil nicht mehr der Gegensatz wahrgenommen wird, sondern in endloser Beiordnung immer nur ein „und das gibt es auch noch“, wimmelt auch dieser Text von widersprüchlichen, gleichwohl richtigen Diagnosen (auch wenn seine Forderungen eine Hierarchie kennen, in der Schönheit gleich Gerechtigkeit alles andere regeln). Unterschiede entstehen immer nur dann, wenn ein reales Individuum seine Beziehungen zu den Institutionen, die auf dieser Welt das Sagen haben, regelt, insbesondere zu Vater Staat. Da tun sich plötzlich die verschiedensten Möglichkeiten zu reagieren auf, und derselbe Grundkanon an anarchistischen, humanistischen Grundwerten ermöglicht so ziemlich alles vom Nachwuchschristdemokraten bis zum Stadtguerillero. Seltsam?

    Ich meine ja, daß man sich von der Kultur nur zu wünschen braucht, was man will, man kriegt es, bzw., ich glaube, daß man mittels eines merkwürdigen Mechanismus immer erst dann in der Lage ist, eine Forderung an die Kultur zu formulieren, wenn das Geforderte sich tendenziell längst durchgesetzt hat. Jedenfalls sind alle unsere Forderungen von 1979 heute erfüllt, wie beschrieben. Je mehr sich diese These bestätigt, desto unwahrscheinlicher wird die Vorstellung, auf der Ebene der Kultur wären Kämpfe zu kämpfen, die irgendetwas mit den Kämpfen der wirklichen Welt zu tun haben. Wir werden sehen, daß alles, worüber wir reden müssen, darauf hinausläuft, daß immer größerem Glück, immer mehr Möglichkeiten immer größere Brutalitäten und Schlächtereien und Hungersnöte und immer kriminellere Ausbeutungsverhältnisse gegenüberstehen (und es hilft nichts, dagegen aufs Glück zu verzichten, im Gegenteil, das wäre dann vollends reaktionär).

    Nichts muß mehr verschwinden, denn es ist noch Platz genug im Europa der Herrschenden, in den glücklichen Beziehungen unseres immer abgerüsteteren Binnenmarktes, wo wir eben alle nur noch herrschende Klasse des Weltklassenverhältnisses sind. Und wie alle herrschenden Klassen bringen wir das hervor, was die Epoche ausmacht, ihre enormsten Fortschritte und ihre enormsten Verbrechen, tippt Diedrich Diederichsen in seinen Computer Marke „Immanuel Kant“ mit den beiden Laufwerken „a priori“, wo die Programmdiskette drinsteckt und dem Laufwerk „a posteriori“, wo dieser Text gespeichert wird, nach den Regeln des Programms auf der Programmdiskette. Alle Innovationen haben mit technischen Innovationen zu tun, aber manchmal auf eine Art und Weise, wie wir uns das nie vorgestellt haben. Nicht die Fotografie ist der Erfolg der Fotografie, sondern die abstrakte Kunst, nicht das Gesampelte ist die eigentliche Innovation des Samplings, sondern eine neue Benutzung der Gitarre, eine neue Blüte eines Instruments, das eben zwei Dimensionen kennt (den Griff und den Einzelton, die Waagerechte und die Senkrechte), während die Sampling-Technik, solange sie das eindimensionale Keyboard verwendet, immer in der linearen Kette der zwölf Töne hängen bleibt, bei den musikalisch ungeschulten Bastlern, die unsere aktuelle Charts-Musik zusammensampeln, ist das dann immer die Hölle der Pentatonik (immer die schwarzen Tasten rauf und runter, klingt irgendwie gut und man braucht auf absolut keine Gesetze zu achten, alles paßt zu allem in der Armut dieses beschränkten Beziehungsgeflechts. Zwar ist Komplexität kein Pop-Kriterium, aber drei Akkorde sind immer noch mehr als fünf Töne, fünf Töne sind Folter wie Volksmusik mit ihrem Dur-Terror oder Gothic mit seinem Moll-Stumpfsinn, lieber als fünf Töne sind mir keine Töne, weswegen mir von allen Disco-Sounds Acid der liebste war, melodiöser House-Sound, Charts-House, Cold Cut und EBM [da ist es dann immer a-moll oder e-phrygisch] der unliebste).

    Das Neue am heute Neuen ist aber nicht nur, daß es nichts Altes mehr verdrängen will und muß, sondern auch, daß es theoretisch uralt sein kann, alles, was wir heutzutage an neuen Musiken haben, ist alles theoretisch längst gedacht oder gefordert worden. Kein Ton von Baiza oder Ginn, den nicht die intellektuelle, progressive Kritik in den Jahren 70-74 schon gefordert hätte, kein Element von Punk, das nicht in der ersten eigentlichen Punk-Blüte zwischen Stooges, MC5, Peoples Bands in England (im letzten Jahr erinnerten sich gleich zwei HC-Vertreter des Pink-Fairies-Klassikers „Do It“, Henry Rollins und Death Of Samantha, während sich uns unbekannte Herren als Reunion der Pink Fairies ausgaben) und Roxy Music und Dolls und Uhrwerk Orange schon angedeutet oder gedacht worden wäre, kein Element von heutigem Hip-Hop, das nicht während der ersten Hip-Hop-Welle um 81/82 nicht schon gedacht worden wäre, nur wurde es damals nicht durchgeführt, die Leute, die Kellers ersten Hip-Hop-Artikel in Sounds gelesen haben, fragten damals verzweifelt nach Platten, wo man das theoretisch von Keller Beschriebene hören konnte (fast ist es, als wäre wegen des anläßlich der ersten Hip-Hop-Andeutungen Gedachten die Sampling-Technologie erfunden worden): es gab zwar ein paar, aber eigentlich konnte man erst seit 86 hören, was er da beschrieben hat. Nur heute wissen wir, daß es ein Fehler ist, wenn wir die Augen abwenden, nachdem etwas musikalisch denkbar und einmal, mehr schlecht als recht, realisiert worden ist, das war ein typischer Fehler der theoretischen Periode der Pop-Musik: nachdem man begonnen hatte, die Musik theoretisch zu untersuchen, ersetzte bei manchem diese Erforschung und Analyse irgendwann die Praxis des Hörens, dieser Vorgang ist in den letzten zwei, drei Jahren von der Kraft der Musik umgedreht worden; eine Theorie, die Musik verhindert, kann auf lange Sicht nicht sinnvoll sein, auch wenn sie in bestimmten Momenten das Schönste und Wahrste sein kann, die Bildende Kunst kennt dieses Problem nur zu genau. Fast alle große Theorie aus Musik ist dazu da oder war dazu da, die Kraft und die Herrlichkeit der Musik als eine Macht, die, im Gegensatz zur Literatur, die, weil sie im günstigen Fall Klartext redet, immer echtes Leben auffrißt, nicht nach Menschenopfern verlangt, sondern nach Stimulantien und Drogen, in andere Lebensbereiche hineinzutragen. Was die Drogen an Gutem und Bösen anrichten ist nicht Problem der Musik, die Musik braucht Stimulantien, um Stimulanz zu sein und fordert so zum Gebrauch von Stimulantien auf, denn wer erleben und fühlen will, wovon die Musik handelt, braucht schon irgendeine Art von Drogen (völlig klar, daß der völlige Verzicht auf Drogen, Straight Edge oder Tanz-Ekstase auch dazuzurechnen sind). Alles andere ist das Problem der Welt, in der wir leben. In diesem Sinne kein Zufall, daß Stern und Spiegel die große Drogenbekämpfung begonnen haben und wieder die verbrecherischen Bewußtseinsindustriellen als Beweis für die Widerlichkeit der Droge ausgeben, wieder fast so, als wäre Hungersnot ein Argument gegen das Prinzip des Essens. Und die Boulevard-Presse wirft in absolut hilariousen Acid-House-Artikeln den vermeintlich unter LSD stehenden Drogentänzern vor, daß sie nicht mehr die Welt verändern wollen oder protestieren oder Forderungen aufstellen. Genau, wer nämlich Drogen nimmt oder sich anderweitig in Ekstase versetzt, fordert keine Weltveränderung, er verändert die Welt.

    Daß die Kämpfe, und im Rückblick auf die letzten Jahre der Musikentwicklung: Siege, mehr mit den Kämpfen wirklicher Menschen zu tun haben, als diese davon abzulenken oder ihre Widersprüche mit Kultur auszupolstern – das Irre ist ja, diese Funktionen hat Kultur immer auch, sie sind nicht von Gelungenheit oder Mißlungenheit, richtiger oder falscher Haltung abhängig, aber es sind nicht die einzigen Funktionen –, sieht man daran, daß die Organisationsformen, die in der Musik entstanden sind (und damit meine ich nicht nur, wie organisiere ich einen independent Vertrieb, sondern auch, wie organisiere ich einen wirksamen, gebündelten kleinen Kult, oder wie organisiere ich ein dandyistisches Ego so, daß es mich nicht nur erbaut, sondern auch in meine kulturpolitischen Vorstellungen paßt) später von anderen kulturellen und politischen Bewegungen übernommen worden sind. Bei den organisierten Kommunisten interessiert man sich heute für Acid House, die Hafenstraße war in Hamburg legendär für ihren Hardcore-Sender, das traditionell Politische holte sich bei der Musik etwas, was ihm verlorengegangen war, die echten Gefühle in den Körpern der Leute, die den Diskursen nicht mehr zur Verfügung standen. Dabei tut die Musik nur auf den ersten Blick immer nur das, was der jeweils letzte Marketing-Trend im Kapitalismus sie an unbeaufsichtigtem, unangepaßtem Musizieren noch tun läßt, womit ich sagen will, daß wir zwar die heutige Diversifizierung durchaus auch der Tatsache zu verdanken haben, daß eben die Industrie schon vor Jahren den Kampf um die vielen Subszenen aufgegeben hat, sich auf den guten alten kaufmännischen Grundsatz verlassend, daß man so wenig verschiedene Produkte wie möglich in so hohen Stückzahlen wie möglich absetzen sollte, andrerseits aber in einer ganz anderen Zeit – als jeder Irre einen Major-Vertrag kriegte, in den frühen 70ern, und Platten wie die der Hampton Grease Band, die heute an einem günstigen Tag gerade noch als potentielle Vorgruppe von Always August einen Vertrag bei SST bekämen, auf CBS erschienen – diese Entwicklung schon mal begonnen wurde, dann aber daran scheiterte, daß für einen Verzicht auf gemeinsames, zusammengeschlossenes Handeln noch nicht die Zeit war und noch einmal BIG SINN gefragt war (Punk als letzter BIG [Anti] SINN) und die Diversifizierung am Ende war, noch bevor die Industrie sich gegen die Diversifizierung entschieden hatte. Diese Entscheidung der Plattenindustrie, fast weltweit, vor allem aber in den USA, hatte durchaus etwas zu tun mit einer Kapitulation vor den 77-82er-Ideen von Stilwechsel, Modewechsel so schnell es geht und ist tatsächlich teilweise das Ergebnis dieser Strategie. Heute macht die Industrie Anstalten, das verlorene Terrain zurückzugewinnen, aber heute ist die Indie-Szene zu eingespielt und zu streng mit ihren ständigen und rigiden Credibility-Kontrollen fast schon hysterischen Ausmaßes. Heute hat man nämlich schon so lange keine Chance mehr, mit seiner Musik im öffentlich-rechtlichen Radio gespielt zu werden, weswegen man in einem besetzten Haus Sender errichten muß, man hat keine Chance auf einen Plattenvertrag oder irgendein anderes Entgegenkommen der Institutionen und baut daher ein Netzwerk von Indies auf, das irgendwann leistungsfähig genug ist. (So erfreulich diese Entwicklung ist, eines ist dabei verloren gegangen: Pop-Musik, wie wir sie im engeren Sinne kennen und lieben. Kein Major würde heute keinen Kim Fowley keine Runaways produzieren lassen, keine Runaways hätte heute Erfolg mit ihrer Aufrichtigkeit und ihrem süßen Dreck, keine Intellektuellen würden mehr unter dem Charts-Kram die Runaways und Kim Fowleys von heute rauserkennen/raushören. Und Indie-Runaways ergeben keinen Sinn. Vielleicht übernimmt diese Rolle die Metal-Szene.)

    Ein entsprechendes Handeln auf allen Lebensbereichen ist aber die Zukunft der Menschheit, Separatismus, das Gründen kleiner Nationen, ist paradoxerweise gerade wegen des Abbaus aller klassischer Grenzen das nächste, was zu tun ist, und gerade weil die sogenannten Probleme global sind. Es ist die Zukunft der Menschheit, wie sich immer mehr abzeichnet, die überall dort, wo sie kann, versucht, durch Regional- und Nationalerhebungen (die Nation ist dabei paradoxerweise nur die allgemein akzeptierte und daher nützliche Idee, derer man sich bedient) den jeweiligen Zentral-Staat zurückzudrängen. Der Pluralismus wurde von uns ja zu einer Zeit als die verabscheuungswürdige kulturelle Nivellierungs- und Relativierungs-Strategie des Establishments ausgemacht und zur Bekämpfung freigegeben, als dieser Staat von Sozialdemokraten regiert wurde und sozialdemokratische Doppelzüngigkeit einerseits demokratische Freiheiten einschränkte und andrerseits einen relativistischen Pluralismus als allgemeine Verkehrsform der Ideen eingeführt hatte, darauf ist Punk zurückzuführen, was, wie auch Simon Frith jetzt gerade wieder recht eindrucksvoll bewiesen hat, eben keine Reaktion auf Thatcher war, sondern noch eine Reaktion auf Labour, ebenso waren neue Wilde eine Reaktion auf die Epoche der Technokraten im Marner- und Wahner-Pelz der Sozialdemokratie und nicht auf die nackte Technokratie der Maggie Thatcher oder auf die große Staatsschauspielkunst von Weizsäcker und Süssmuth. Seitdem ist dieser falsche Pluralismus als Herrschaftstechnik (gegen einen echten wäre ja nichts einzuwenden) zwar nicht verschwunden – wie auch sozialdemokratische Machtausübung nicht verschwunden ist, wie wir ewig klassisch zum Beispiel an der Hansestadt Hamburg in der Ära Dohnanyi sehen konnten, mit klassisch-rechtem Polizeiminister und moderat-liberalem Regierungschef, Freund der Künste und Staatsnachdenklichkeitsdarsteller, denn auch in der wirklichen Welt verschwindet heutzutage nichts mehr, wir leben in Friedenszeiten –, aber überlagert worden von der in England schon massiv und hier noch etwas moderater auf alte autoritäre Formen zurückgreifenden, immer noch weltweit fest im Sattel sitzenden Rechten, die Evergreens wie Zensur rereleaset, denn überall auf der Welt regeln zur Zeit rechte Regierungen das Geschäft des Geldverdienens, ohne Skrupel, und brutaler als kapitalistische Staaten je in diesem Jahrhundert vorgegangen sind (von Faschisten abgesehen, aber die sind gegen ihre eigenen Völker und Nachbarn vorgegangen, die heutigen Opfer sind weit weg und haben keine Interessensvertretungen mehr, nicht die bescheidenste), aber auch ohne die angestammten Reservate anderer, sozialdemokratischer Herrschaft und der dazugehörigen Kultur verdrängt zu haben, beides existiert nebeneinander, und neue Formen wie Grüne Herrschaft kommen in ersten Ansätzen dazu, wiederum ohne irgendetwas anderes zu verdrängen. Das meint das Wort vom Zeitalter der Chancen: es gibt kein Zurück, und das ist wirklich eine erkämpfte Situation, ein Erfolg, hinter das, was schon mal möglich war, und das, obwohl es für die heute Herrschenden eigentlich besser wäre (für ihre Sorte Kapitalismus, dem Kapitalismus insgesamt schadet diese Chancenvielfalt zunächst mal nicht). Rechte trauen sich wieder jede Schweinerei, was zum Beispiel der hemmungslose Nationalismus während der olympischen Spiele in einem so noch nicht erlebten Ausmaß zeigte (das war ja mal was in diesem Land: es gab hier nicht mehr den überall in der Welt in seiner ganzen alten Dumpfheit immer noch unangefochten existierenden Impuls des Nationalismus), das zeigte sich darin, wie dieses Land sich an einem Fall Jenninger aufgeilt, um sich in der einen Wahrheit zu suhlen, die es auf der moralischen Habenseite anzubieten hat: es ist kein faschistisches Land, nein, das ist unsere BRD nicht, weiß Gott nicht. Unappetitlich, wie sich jeder Spinner, dessen eigene Wichtigkeit ihm unter dem Arsch wegschmilzt, nicht mehr anders zu helfen weiß, als sich in irgendeinem Scheinkonflikt zum Antifaschisten aufzuschwingen, wie unser Freund Barry Graves, der, weil er nun endgültig keine neue Musik mehr begreift, Public Enemy zu Rassisten erklärt und mit ihnen alle, wie wir, die sich nicht darauf einlassen, Schwarze unter allen Umständen nach der Formel Höflichkeiten überwinden häßliche Wirklichkeiten als Schwarze zu bezeichnen, sondern eine Formulierung wie „Negerabteilung bei WOM“ zulassen, die sich ja auf reale Kulturpolitik bezieht, die Schwarzer Musik im Kategoriesystem in der Regel weniger Unterabteilungen zubilligt als weißer, was ein Begriff wie Negermusik gut auf den Punkt bringt, und so eine irre Allianz von schwarzen und weißen Rassisten herbeiphantasiert, deren halluzinierte gemeinsame Interessen im Dunkeln bleiben, uns mit dem alten Idiotenschnack von dem Faschisten, der in uns allen steckt (was für eine Begriffsversuppung und Verharmlosung des Faschismus, unsere menschlich allzumenschlichen Defekte, die Trunksucht und den Jähzorn vielleicht – soll Göring ja auch beides gehabt haben – faschistisch zu nennen), belästigt, was ihn von dem Problem entbinden soll, sich weder mit Public Enemy noch mit deren Anhängern beschäftigen zu müssen. Was als private Problemnotlösung noch angehen mag. Daß sowas aber immer auf den Grabstätten von Millionen ermordeten Juden und Schwarzen und anderen Opfern ausgetragen werden muß, daß jeder Knallkopf für jeden Falschparkzettel immer wieder und unwidersprochen Sklaverei und Faschismus anrufen darf, ist ebenso obszön wie Weizsäckers antifaschistische Integritätsscheiße und die Allianz der Demokraten, die sich an dem schlechten Staatsschauspieler Jenninger abreagieren, sich gegenseitig hochleben lassend dafür, daß sie immer noch den Minimalkonsens dieses Staates einhalten: kein Faschismus vor 22 Uhr.

    Dies ist die Perspektive eines neuen Kampfes: der Alibi-Hausbesetzer, der einer sozialdemokratischen Regierung nie sonderlich gefährlich werden konnte, kann heute real einer konservativen Regierung gefährlich werden und ist für sie ganz altmodisch ein Rebell, und es ist nichts gegen eine Kultur zu sagen, die ihn in diesem alten Zustand verherrlicht, denn er ist ja wieder real. Andrerseits muß er gegenüber einer sozialdemokratischen Regierung Taktiken kennen, die während der frühen 80er gegen eine sozialdemokratische Herrschaft entwickelt wurden, und auch die dazu gehörige Kultur hat ihre Berechtigung. Dies sind nur zwei klar ersichtliche Beispiele für die Verschiedenheit der Kämpfe und läßt sich beliebig in kleinere Konfrontationen verlängern. Was weltweit gilt, daß überall verschiedene Zeiten herrschen und daher völlig verschiedene Solidarisierungen und Auflösung der alten, auf der Einheit und Unteilbarkeit der Empörung basierende Haltungen und Gefühle verlangen (ich muß in der Lage sein, in einer Sekunde die avanciertesten feministischen Forderungen zu teilen und zu unterstützen, um mich, wenn ich global denke, im nächsten Moment mit einem Mullah gegen die USA zu solidarisieren, der möglicherweise eine so unfaßbar widerliche Praxis wie die Klitorisbeschneidung noch nicht abzuschaffen bereit gewesen war, geschweige denn deren Widerlichkeit überhaupt verstehen kann, in der einzigen mir bleibenden Hoffnung, daß, wenn ich ihm heute helfe, die Klitorisbeschneidung vielleicht zwei Jahrhunderte eher abgeschafft wird, als wenn seine Kultur und sein Land untergebuttert werden, hier auch gebe ich Claras Reformismus aus dem Living-Colour-Artikel recht: man kommt nicht weiter, wenn man nicht erst mal jedem die Gelegenheit gibt, denselben Scheiß zu machen, der einem privilegierten Individuum [Volk, Rasse, Geschlecht] geholfen hat, den Scheiß als Scheiß zu erkennen; in diesem Sinne kann man sogar erzsozialdemokratische Projekte wie die Quotenregelung unterstützen), gilt schließlich auch in dieser Republik. Ich brauche nur drei Stationen mit der Straßenbahn zu fahren in einen Vorort, wo ich in eine Disco gehen kann, wo völlig ungebrochen an den Ästhetiken und sie reflektierenden Problemen herumlaboriert wird, die schon drei Straßenbahnstationen weiter gerade in sechsfacher Brechung ihren dritten Durchlauf erleben. Und das ist okay. Wir erleben für jeden nachvollziehbar live vor unseren Augen und in unserem Leben die Abschaffung von linearer Geschichte, etwas was – anders als Begriffe wie Post-Histoire nahelegen – eben nicht ein Nach ist, dem Irrtum entsprechend, daß nach der Geschichte, ganz linear, etwas anderes käme, und nicht die Abschaffung der alten Widersprüche und Probleme bedeutet, sondern nur eine totale Veruneinheitlichung, eine Desynchronisation, die schon in einer normalen Großstadt Mitteleuropas drei Jahrzehnte (mit all ihren Unterepochen) ungestört nebeneinander existieren läßt, und das bezieht sich nicht nur auf Ästhetik, sondern auf alle Lebens- und Umgangsformen, Versuche, dazwischen noch Generationskonflikte zu finden, geben sich sehr schnell der Lächerlichkeit preis. Tendenziell addieren sich eher alle Probleme und Widersprüche zu einer ewigen historischen Sekunde auf, alles geschieht gleichzeitig, was ja auch damit zu tun hat, daß wir ständig schon unsere eigene Geschichte schreiben wollen, lange bevor das nach den alten Regeln überhaupt sinnvoll sein kann (aus panischer Angst vor ihrem endgültigen Verlust, natürlich). Die Optik des Steinschen Kulturfahrplans, daß die Daten der Jahrhunderte sich auf unsere Zeit hin tendenziell verdoppeln, ist unsere WeItwahrnehmung geworden, wir sammeln unausgesetzt Daten über die Gegenwart, um nur ja mindestens doppelt so viel über dieses Jahr zu wissen wie über 87. Jetzt blicken sie schon überall auf die 80er Jahre zurück. Alles, was diese Situation forciert, antreibt, verschärft, alles, was auf der Höhe dieser Entwicklung agiert, hilft uns und nicht denen, alles, was das Patchwork zu einem noch komplizierteren Patchwork werden läßt, hilft, durch Überschneidungen, komische Verbindungen und neue Unübersichtlichkeiten, hilft uns und nicht denen, denn das Patchwork ist von ihnen nicht mehr zu beherrschen, nur in der Ungestörtheit seiner Einheiten entstehen die Vorstellungen und Bilder, aus denen man Weltverbesserungen macht. Voraussetzung aber bleibt, daß wir ehrlich sind und nicht über Jahre reden, die wir noch nicht erlebt haben, nicht mehr geil sind auf eine Romantik des Geschichtlichen, die sich Zeiten verdankt, als es auch bei uns noch Tote und Kriege gab; denn da soll es ja hingehen, zu einer Art und Weise, alle Wahrheiten aller Menschen möglichst korrekt und gerecht auszusprechen. Ja, Gefühle dürfen und sollen komplizierter werden, aber da wo die Erfahrung und die Empfindung immer komplexer wird, ist der Selbstbetrug und die Lüge auch viel näher, und man muß besonders achtsam sein.

    Daß unsere Chancen auch damit erkauft worden sind, daß überall sonst auf der Welt immer brutaler geschlachtet und gemordet wird, haben wir gesehen. Aber auf der anderen Seite ist eine erste Welt der Patchworke ein besseres Verbündetenreservoir denn eine monolithisch als Subjekt geschlossen am einen Ende des Ausbeutungsprozeß agierende; je mehr wir den Austausch Peripherie-Zentrum intensivieren, und sei es über blöde Bewunderungsausbeutungen, desto größer ist die Chance, die Klitorisbeschneidung und den US-Imperialismus abzuschaffen, denn da die Dritte Welt keine Armee mehr hat, die ihr gelegentlich hilft oder Imperialisten wenigstens Ärger verspricht, eine rote, versteht sich, braucht sie jetzt eine Lobby oder eine Gewerkschaft, die sie nur durch Überpräsenz in nicht karitativen Zusammenhängen erreichen kann. Richtiger und falscher Gebrauch dieser Strategie spiegelt sich besonders dramatisch in der Musikentwicklung wieder, in der Herausforderung, die einerseits weiße Kultur durch schwarze Kultur erlebt und sich in Form noch so hilfloser und noch so peinlicher weißer B-Boys in Belgien austrägt und des andrerseits rein touristischen, direkt aus dem Boom des Busenbetatsch-in-Kenia-Ferntourismus entstandenen, sogenannten Weltmusik-Booms (auch wenn das der einen oder anderen verdienten Kraft zum verdienten Erfolg verholfen haben mag), ganz allgemein in den vielen verschiedenen und stattfindenden Formen von Inspiration, Ausbeutung und Herausforderung zwischen dekadenter Erster Welt und Dritter Welt an der Peripherie.

    Die Aussichten, die ein EG-Binnenmarkt mit sich bringt, verstärken diese Entwicklung naturgemäß, denn die Peripherie Europas ist noch aufregender als die Peripherie Deutschlands, grundsätzlich wird sich das Problem stellen, daß eine ideologische, religiöse, sinnstiftende Beherrschbarkeit tendenziell abnehmen wird, die Herrschenden werden früher oder später zu härteren Maßnahmen greifen müssen, aber die Chancen, daß sie dabei gemeinsam als ein Staat vorgehen werden, sind gering, eher werden wir es mit einem Patchwork der Mafias zu tun haben, das in den 90ern einem Patchwork der Subszenen begegnen wird. Üble Aussichten, meine Brüder, war wieder alles falsch? Gar nicht so falsch und bei aller Albernheit wie alles, was sich in der Popmusik ergibt also: das Gangsterimage.

    Und der Gangster des Jahres war natürlich Rösner, nicht Detlef Meyer, ein skrupelloser Mörder alter Niedere-Beweggründe-Schule. Rösner dagegen kämpfte nur um seine von Warhol garantierten Minuten, auf die nun wirklich jeder ein Recht hat, der was zu sagen hat. Ein oberster Grundsatz aller im guten Sinne und im eigentlichen Sinne demokratischen Politik ist: der oft abgewandelte und falsch zitierte Warhol-Satz, den jeder schon fünfzehn Mal gehört hat, lautet in Zukunft: Jeder hat das Recht in der Zukunft mindestens für fünfzehn Minuten berühmt zu sein, bzw., daß ihm jemand da draußen zuhört, seine Äußerungen, interessiert korrigierend, begleitet, jeder hat lebenslänglich Recht auf Publikum, und das ist nicht nur der cause against loneliness, das ist Menschenwürde, wie sie im Moment hierzulande verstanden wird, dazu hat man ein Recht: in die Glotze kommen und sich beschweren. Sendezeit gibt es zur Not gegen Bankraub mit Geiselnahme und brandgefährlichem Kumpel. Rösner war ganz der Weizsäcker-Schüler, als er sich die Bremer Reporter schnappte und sich seine 15 Minuten holte, der Mann hatte Spaß und nahm gleich die staatsmännische Grundpose ein: „Was ich euch zu sagen habe, Leute, ist nicht ganz angenehm, übel, übel wahrlich, aber ich bin honest genug, auch unangenehme Wahrheiten klar auszusprechen, und bin ansonsten bemüht, die Dinge im Sinne aller zu entscheiden, im Rahmen freilich der Bedingungen, unter denen ich handle“, so den alten Politikersatz klar machend: ich werde in dem Maße mich nicht wie ein Schwein benehmen, wie es mir als Schwein möglich ist. Nur was bei Weizsäcker echt ist, war bei Rösner nur von ihm selbst genossene Schauspielkunst, bis hin in die milieutheoretischen Verästelungen seiner und Degowskis Biographie. Ein Reaktionär im WDR erkannte schon am nächsten Morgen, was die anderen Medienschweine noch monatelang mit beispielloser Zynismus und Rügen des deutschen Presserats verdrängten: der Mann hat ja gesprochen wie ein Politiker, man darf einen Gangster nicht öffentlich wie einen Staatsmann sprechen und auftreten lassen. Wie ein Staatsmann spricht heute aber jeder, der genug ferngesehen hat, das ist das Ende der Macht. Und das ahnte die Macht, und nur deswegen, nur deswegen mußte Silke Bischoff sterben.