Kategorie: Archiv

  • Über Musik schreiben

    Das theoretische Jahrzehnt der Popmusik hat bewirkt, daß man musikalische Elemente nicht mehr als natürlich einer bestimmten Bedeutung zugehörig empfindet. Das führt zu Freiheit und Beliebigkeit. Der Beliebigkeit entkommt man nur durch Arbeit an und Verankerung in der massivsten Verdichtung von Realitätsmasse, wie Abenteuer, Revolte, Verbrechen, Liebe. Die Rechte aller Menschen auf bedingungsloses Glück anzuerkennen ist Voraussetzung. Aber genauso muß man sich in ihren realen Dreck verstricken können, um Trash und Verbrechen, im richtigen wie im falschen, verstehen und anwenden zu können. Völlig überraschenderweise haben mir plötzlich konzeptlose Langhaarige von der Westküste gezeigt, daß man wieder spielen kann, wenn alle postmodernen Probleme musikalischer Semantik abgearbeitet sind. Die Freiheit wird immer entblößt dargestellt, wunderte sich heute morgen ein Revolutionsforscher im Fernsehen. Ist die Musik korrekt in der Realität verankert, klingt die wieder als Geräusch und Effekt. Wo Realität ins Geräusch gefahren ist, nicht als Abbildung ihrer Geräusche, sondern in Töne, die keine Noten sind, aber dennoch verbindlich codiert, da ist heute Bedeutung. Da wo sie schon war, als Jimi Hendrix, Lee Perry und Albert Ayler arbeiteten. Wo sie wieder ist, seit Public Enemy arbeiten und Flaming Lips und Jesus And Mary Chain und die vielen abstrakten Musiker wie Blind Idiot God. An der Westküste wird gute alter Jazz beschleunigt und vereinfacht, und gleichzeitig stürzen sich die, die ihn so behandeln, in die Erfahrung seiner Komplexität. Und Erfahrungen mit Komplexität in der Musik, mit Dynamik hat es in den theoretischen Jahren nicht gegeben, weil sie semantischen Komplexitäten gewichen waren. Wer interessiert sich denn noch für Musik, schrieb ich damals, Trash Coleman, sage ich heute. Aber hüte dich vor eitler Historistenscheiße, du mußt es schon mit ihm aufnehmen können (d. h. du mußt dich auch in semantischen Komplexitäten auskennen, sonst hast du ihm gegenüber keinen Pop-Vorteil. Das aber war eine Errungenschaft des Universal Congress Of: Coleman spielen, ohne ihn zu verpoppen – à la Lounge Lizards – andrerseits deutlich machen, daß man vom Pop, Sektion Punk-Rock, kommt und damit aus dichter Realitätsmasse.).

    Ein Millionenheer praktizierender, sich halbwegs durchschlagender oder einen zeitunaufwendigen Hauptberuf ausübender Musiker und recording artists ist so entstanden, das genauso wenig zu überschauen ist, wie ein Ende des Trends abzusehen ist. Großartige Künstler wie die Membranes, Yo La Tengo, Zoogz Rift oder Eugene Chadbourne spielen vor nie mehr als 75 Leuten in dieser Millionenstadt – das ist zwar ein Fortschritt von einigen Tausend Prozent, wenn man bedenkt, daß es im Jahre 80 in Köln, wie man mir erzählte, nur ein einziges nennenswertes Konzertereignis gegeben haben soll, Joy Division. Von diesen 75 sind also ein Drittel entweder selber Musiker oder Musikjournalisten oder Veranstalter, oder sie dealen mit Instrumenten, betreiben Clubs oder Fanzines. Alte Hierarchien und Qualitätsbegriffe, an denen man sich orientieren könnte, gibt es nur noch in den fest abgegrenzten, wenn auch immer wieder schnell zur Auflösung neigenden Spezialistenzirkeln. Dies hat nicht zur Entwertung der musikalischen Äußerungen geführt, sondern zu einer Blüte, einem Reichtum, wie er in der Geschichte seinesgleichen sucht. Nur die Funktion dieser Subkulturmusiken hat sich geändert: niemand kann mehr dabei zum Übermenschen werden, und niemand kann Exzesse vom Zaune brechen. Zwar gibt es immer wieder maßlose große Künstler, aber auch die mit ihren gleichzeitig richtigen guts und richtigen, uneinnehmbar feinen Ideen der Menschheit werden nicht mehr mit den feuchten Hosen aller Menschenteenager belohnt.

    Auch dieser Zustand der Unübersichtlichkeit gefällt uns gut, entspricht unseren Wünschen: wir vermissen nur die Verbindlichkeit des Einzelereignisses für den Rest der Welt, das uns doch eben gerade so unmittelbar angerührt hat, aber dafür haben eben immer mehr Einzelne ihr eigenes Erlebnis, das sie (besonders) stärkt und (besonders) schön macht. Die mangelnde Verständigung über gemeinsame Erlebnisse kompensiert die Stärkung des aus einem unglaublichen Reichtum seine Konsumgüter zusammenstellenden Einzelnen. Aber wird er je (wieder?) die Beschränktheit der Konsumhaltung durchbrechen können, wie sind politische Effekte möglich? Gar nicht, wenn es nach einem staatengründenden Konsens-Begriff von politischer Mobilisierung geht. Aus den Platten, die ich bespreche, spricht das gleiche ohne Grand Central Strategy zustande gekommene, Unterschiede affirmierende Bewußtsein, das mikropolitisch an einzelnen Punkten ansetzt, den kleinen Kampf in verschieden abgestufter Gewalttätigkeit befürwortet und sich ästhetisch moralisch im günstigsten Fall mit den Opfern des Zustandekommens seines eigenen relativ freien Bewußtseins kurzschließt, in einem weiteren Sinne, als es der Begriff der Solidarität beschreibt. Die von einem Lehrer für den Spiegel mit Entsetzen beschriebene Haltung der heutigen Jugend, die zwar alle Mißstände der Erde mit größter Schärfe wahrnehme und geißele, andrerseits nicht mehr bei sich selbst mit dem Abschaffen anfange, ist in Wahrheit der größte Triumph über den Voluntarismus, der noch die Hippies reihenweise in die Psycho-Krise trieb (Widersprüche bei sich selbst abschaffen, bevor die gesellschaftlich-materiellen Voraussetzungen geschaffen sind). Gleichzeitig gibt es eine Fülle von diskontinuierlichen, nicht miteinander vernetzten Aktivitäten von hoher moralischer Rigidität, wie z. B. bei fast allen Ami-Bands (Straight Edge). Und das alles trifft natürlich nur auf den, von 0,1 auf 1,5 % angewachsenen Anteil der Jugendlichen zu, die die Chance und die Ermutigung bekommen haben, keine Arschlöcher zu werden (diese Zahl, behaupte ich, und das wird das Hauptproblem sein, mit dem sich diese Generation philosophisch-ethisch herumschlagen müssen wird, steigt im gleichen Maße wie die Anzahl der chancenlos zu Tod, Hunger und Auszehrung Geborenen in anderen Gegenden der Welt und an den Rändern dieser). Keine Generation hat so viel und so detailreich geformte Kunst in Form von Popmusik über sich herstellen können, ist in so vielen Facetten des Weltjugendtums von Public Enemy bis Sylvia Juncosa in ungekannter Intensität und Reichtum zu Worte gekommen, hat ein größeres Maß an dezidierter Formung und Verbindlichkeit jeweils für sich zustande bringen können. Solange der Zugang zur Macht von Besitz an Produktionsmitteln abhängt, ist keine wirkliche Demokratie möglich, aber sollte es je eine geben, wird ihr wichtigstes Kennzeichen sein, daß sich auf nichts mehr als ein Prozent der Bevölkerung einigen können.

    Nie ist mehr Feinheit von mehr Menschen produziert worden als in der Ersten Welt von heute, aber diese Feinheiten werden sich verteilen wie die Menschen in den Massengräbern der Dritten, unbeachtet und tendenziell entropisch, wenn sich diese relative Massenverfeinerung nicht auflädt und kurzschließt mit der Massenvernichtung an den Rändern ihrer Welt (denn es gibt ja noch keine Demokratie, nur die Tendenz dazu in den zur Abspaltung neigenden Reservaten gelungener, kleinbürgerlicher Schöngeistigkeit). Daher kommen einerseits die harten Grooves der Hopper, aber da wird auch die Musik der Ersten Welt anders aufgenommen und weiterverarbeitet. Und die Ränder sind nicht nur die geographischen: sie sind die Ränder von extremer Zivilisation zu Nicht-Zivilisation, wo Bauern an den Kosmos stoßen und die Army an Cajun-Todeskulte. Das Dynamo für unseren Fortschritt sind die Gemeinsamkeiten der Dispositive Peripherie und Jugend: von außen anklopfen, mit dem Recht einzutreten und zu ändern, was dann erkämpft werden muß. Der ideale Zustand des Rock’n’Roll.

    Kulturpolitik muß multipler und vielgestaltiger werden, noch vorurteilsfreier und im gleichen Maße härter, als je nötig war, der Tatsache Rechnung tragen, daß es gleichzeitig in nicht allzu weiter Ferne gibt: 1.) Neue Chancen für mehr Menschen denn je zuvor. 2.) Dieselbe alte Scheiße. 3.) Ungekannte Verbrechen, Völkermorde, Kulturvernichtung, Umweltvernichtung in ungekanntem Ausmaß. 4.) Progressivität, die sich nicht nur, wie inzwischen schon breit reflektiert, in einer Sekunde mit einem Türken gegen einen rechtsradikalen Deutschen verbünden muß, um in der nächsten Sekunde die Tochter desselben Türken gegen seine patriarchale Scheiße zu schützen, sondern vor allem mit gegen Imperialismus und Kolonialismus kämpfenden Völkern der Dritten Welt, um im nächsten Moment die reaktionären unter den Eigenheiten ihrer Kultur gegen Frauen, Schwule und ethnische Minderheiten zu bekämpfen, die dann zum Tragen kommen, wenn das eben noch kämpfende Volk zum Staatsvolk wird. Man muß an komischen Stellen die sympathischsten Dinge kritisieren und mit den abwegigsten Dingen seinen Frieden machen: Tippa Irie von Kopf bis zur Kralle lieben, selbst noch den Sound, in dem er seine Verwünschungen des Lesbian Business oder des Homosexual Business ausspricht, um diese Verwünschungen im nächsten Moment als genau die Spießigkeit, die die naturgemäß immer erst kleinkriminelle Revolte als Spuren des eben überwundenen Kretinismus immer eben auch mitschleppt, zu bekämpfen.

    Als massenwirksame Methode, sich der Kulturflut zu stellen, ihre Dynamik auszunutzen, funktioniert ein nur mittelbar mit dem der Subkultur zusammenhängendes, heutzutage ganz selbstverständliches und weit verbreitetes Trashbewußtsein. Es hat jedermann erreicht und noch hat keiner ein Antidot entwickelt. Wer nimmt noch irgend etwas so wahr, genießt irgendein(e) vom Fernsehen oder anderen zentralen Sinnstiftungsorganen lancierte(s) Sendung/Mitteilung/Produkt, so wie sie/es gemeint waren? Wer läßt intentionale Inhaltlichkeit noch anderswo als in einem selbst mitbestimmten oder kontrollierten Feld zu? Die Leute sind für direkte Demokratie und dezentralisierten Anarchismus so überreif wie chinesische Studenten. In den USA, dem Mutterland des Trash, gehen seit Jahrzehnten nur noch Christen und Volltrottel wählen.

    Uns interessiert z. B. in unserem kleinen Feld, wie und daß Trash die kleinbürgerliche Neigung zu ständiger Selbstreproduktion, Todesangst-Produktivität und der Neurose, Spuren hinterlassen zu müssen, die Welt mit Produkten und Gegenständen zuzuscheißen, kritisiert, ohne Verzicht und Schweigen in ihrem tödlich grauenhaften Gegenteil dagegen zu predigen. Daß Trash die Harmonisierungs- und Synchronisierungszwänge angreift, die das Schlimmste sind, was das kleinbürgerliche Bewußtsein über die Welt legt: daß alles zusammenpassen muß wie die Familie, und Muttitheorem und Pappitheorem sich nicht scheiden lassen dürfen und sich nicht streiten dürfen; Trash ist Produktion im Fadenkreuz von Paradoxa und Widersprüchen. Trash kritisiert die Scheußlichkeit der Eitelkeit und lebt von ihrer Berechtigung: und welche Verstrickungen und Scheußlichkeiten in jedem Satz eingeschlossen sind, für den man Geld nimmt.

    Die wachsende Tendenz des Überbaus, Basis zu sein, bietet auch neue Möglichkeiten der Wirkung und Verbindlichkeit – man hat nur in allgemeiner Resignation über die Macht der Bedeutung die Möglichkeit der Wirkung aus den Augen verloren, nachdem sie das letzte Mal unter ganz anderen Bedingungen analysiert worden war, darauf bezogen nämlich, inwieweit Kunst und Kultur einer die Gesamtlage ohnehin falsch einschätzenden politischen Gesamt-Bewegung bei der Durchsetzung ihrer Ziele helfen könne: Beliebigkeit ist so gesehen vor allem das Problem einer totalitären Zentralperspektive, eine mikropolitische Theorie der Wirkung gibt es nicht, aber wie ich meinen Fanzines so entnehme, kein Grund zu allzugroßem Pessimismus. Was Restidealismus enthält, so zu reden, aber was kann man tun, als Kritiken der Produktion des eigenen Idealismus zu produzieren: Ich warne davor, zu glauben, daß dies alles irgend etwas ändern würde. Ich weise nur darauf hin, daß man ein paar Chancen vor dem Absturz in die völlige Barbarei nicht durch pessimistische Reflexe lahmlegen sollte. Hier sollen auch meine Versuche, nachvollziehbare Ordnung in solche kulturgeschichtliche Knäuel zu bringen, die ihre Kraft auch daraus beziehen, daß man sie nicht entwirren können soll, eine Grenze finden. Man kann sich mit einem kleinbürgerlichen Hirn immer nur – in seiner eigenen Produktion und bei der Wahl von deren materiellen Grundlagen – versuchen, in eine Verstricktheit zu begeben, die einen nicht mit unterschlagenden Harmonisierungen davonkommen läßt, sich vor Instituten ebenso in Acht nehmen wie vor Eremiten. Am Ende sollte gelten, daß Popmusik die einzige Welt ist, in der direkt oder über die Produktionsform gegen das Funktionieren der spätkapitalistischen Welt Einspruch immer noch wirklich wahrnehmbar erhoben werden kann, die letzte Bühne existiert, in der die Opfer des Weltausbeutungszusammenhangs einigermaßen authentisch zu Stimme/Sound kommen – was auch immer mit dem geschieht, das die Membrane zum Vibrieren bringt. Ayler sagt, daß Music, die selbstbewußt ihre antiimperialistischen Kurven durch das Weltall so zieht, daß man Gebet und Anekdote weder unterscheiden können kann noch will, the Healing Force Of The Universe ist. Mudhoney: Touch me, I am sick!

  • Crime & The City Solution – Brüder zur … Ein Spätaussiedlerroman

    Simon Bonney, Leader, Sänger und Denker von Crime & The City Solution erklärt Diedrich Diederichsen nicht nur sein ambitiöses neues Album, sondern auch die Geschichte der australischen Kronkolonie Berlin, von den Filibuster- und Freibeuterjahren über die britische Besiedelung bis zur Neuzeit in Nordfriesland.

    SPEX: Dein am meisten benutztes Wort ist Licht …

    Simon Bonney: Hm, könnte sein. Nicht bewußt …

    SPEX: Oder seine Gegenteile und Verhinderer: Vorhang, Schatten …

    SB: … aber auch dunkel, eng; Licht bedeutet für mich Raum, Freiheit, Hoffnung.

    SPEX: In der Vergangenheit schien aber das Licht in Zellen, in denen Einzelne ihre Zeit absaßen oder kleine Gruppen von der allgemeinen Bewegung abgeschlossen waren. Auf The Bride Ship betrifft es plötzlich Völker, gesellschaftliche Gruppen, Emigranten, die die neue Welt suchen, den Menschen schlechthin, der aus dem Schatten tritt.

    SB: Ich denke, daß andere auf die Dauer zu sehr ausgeschlossen werden, sich auch zu ausgeschlossen fühlen, wenn man immer nur von sich redet. Ich habe vor einem Jahr Hundert Jahre Einsamkeit gelesen und mir hat gefallen, wie García Marquez große historische Vorgänge benutzt, um die Geschichte nur einer Familie zu erzählen; wie er große Dinge benutzt, um eine kleine Welt zu beschreiben. So wollte ich es auch machen, und das ist das Prinzip dieser neuen Platte.

    SPEX: Verstehe. Hat aber in der Vergangenheit Dein Publikum, besonders bei Deiner Art zu singen, sich nicht eher mit dem Sänger und dem, was dieser durchmacht, identifiziert, als sich ausgeschlossen zu fühlen?

    SB: Klar. Die Leute, die eh zu uns kamen, haben genau so gefühlt. Ich meine, ganz generell. Man erreicht mehr Menschen, wenn man das Persönliche durch ein Allgemeines, ein alle betreffendes Ereignis darstellt, als wenn man es als das Persönliche schildert, das es ursprünglich war. Wenn man abstrakter wird, ist es leichter, die grundsätzlichen Ähnlichkeiten zwischen den Charakteren in den Songs mit den eigenen Eigenschaften zu erkennen.

    SPEX: Und das Thema ist das Scheitern der Utopien …

    SB: Ja, das prinzipiell Falsche an der Utopie. Utopie existiert nicht …

    SPEX: … im Sinne der direkten Übersetzung aus dem Griechischen, der Nicht-Ort?

    SB: … der Ort ist im Kopf, in der Vorstellung, was man aber verwirklichen sollte, ist, daß jeder das Gefühl hat, ein Teil der Menschheit zu sein, sich darüber zu freuen, dabei wohlzufühlen, als Mensch zufrieden zu sein, nein besser bequem …, man wird das nicht erreichen, die Reise dahin ist das Ziel.

    SPEX: Auf der Platte scheitert diese Reise völlig, die neue Welt wird nicht erreicht.

    SB: Ja, weil es um eine neue Welt eben nicht geht. In den 60ern wollte man auf verschiedene Weise die Welt ändern. Du kannst das Konzept von Nirwana verstehen, aber Du bist nicht im Nirwana. Die politischen Theorien bestehen ebenfalls nicht den Lackmus-Test. Ich denke, daß die richtigen Aktionen entstehen, wenn das Individuum mit sich selbst eins ist, wenn es sich zu Hause fühlt bei sich und seiner Gemeinschaft. Das kann aber weder die westliche noch die östliche Gesellschaft leisten. Der Kapitalismus baut darauf auf, daß Menschen sich unsicher und fremd fühlen. Ich sehe niemanden, der die Antwort hätte; die Radikalen der 60er glaubten, sie könnten die bessere Welt durch Theorie und Ideen, durch Denken erreichen, und beachteten nicht, daß sie sich währenddessen vom Rest der Menschheit immer weiter abkapselten …

    SPEX: Das Leninismus-Problem.

    SB: Ja, ich glaube nicht, daß irgendjemand das Recht hat, irgendjemand anderem zu sagen, wie er leben soll. Ich habe immer sehr an den bewaffneten Kampf geglaubt, an die Notwendigkeit einer bewaffneten Revolution. Aber immer da, wo Unterdrückte sich dieses Mittels bedient haben, entstand anschließend eine militarisierte Gesellschaft. Wie zum Beispiel in Vietnam, wo durch den bewaffneten Kampf einfach Strukturen entstanden sind, die einen zivilen, sozialistischen Aufbau ungemein erschweren.

    SPEX: Aber wie hätten sie es sonst machen sollen, ist das die Schuld des Volkes, das zu den Waffen greift …

    SB: … nicht seine Schuld, aber vielleicht haben sie die Amis auf die falsche Art vertrieben. Die Palästinenser erreichen auch sehr viel mehr, seit sie vom Terrorismus zum zivilen Ungehorsam umgeschwenkt sind, sowohl direkt als auch in der öffentlichen Weltmeinung.

    SPEX: Aber hätte je irgendjemand der Intifada Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es nicht vorher den palästinensischen Terrorismus gegeben hätte?

    SB: Klar, aber ich habe eben noch nie vorher gesehen, wie und daß bürgerlicher Ungehorsam so gut funktioniert wie im Falle der Intifada. Das begeistert mich, und ich bewundere das Selbstbewußtsein, das diese Leute haben müssen, und den Mut.

    SPEX: Vielleicht haben sie keine andere Wahl.

    SB: Man könnte einfach sterben.

    SPEX: Oder sich verkaufen.

    SB: Eben.

    SPEX: Was denkst Du von dem Satz: es gibt nichts Lächerlicheres, als in den modernen Industriegesellschaften von heute von Revolution zu sprechen, aber von etwas anderem zu sprechen ist noch lächerlicher.

    SB: Sehr gut, das bringt es wahrlich auf den Punkt, ein deutscher Gedanke?

    SPEX: Nein, französisch, Guy Debord.

    SB: Ich bin in den 60ern von Eltern erzogen worden, die geglaubt haben, daß die Welt sich ändern würde, so daß ich mit dem starken Gefühl aufwuchs, ich würde die Welt erben, daß ich einer Generation von Modellmenschen angehören würde, die den Rest der Welt erziehen würde. 1970 merkte jeder, daß nichts daraus wurde, und ich sah die Leute enttäuscht und bitter werden …

    SPEX: Was sind Deine Eltern von Beruf?

    SB: Meine Mutter ist eine führende Forscherin auf dem Gebiet der Vergewaltigung, mein Vater war ein marxistischer Erziehungswissenschaftler, in erster Linie an Medien interessiert.

    SPEX: Mögen sie die neue Platte?

    SB: Meine Mutter sehr, mein Vater ist tot. Es hat sie beide eine Weile gekostet, zu akzeptieren, was aus mir wurde …

    SPEX: Hat Dein Vater Dich einen bürgerlichen Individualisten geschimpft?

    SB: Nein, im Gegenteil. Daß ich Musiker wurde, hat ihn gefreut. Nach der Überzeugung meiner Eltern war es das einzig Richtige, einen Beruf außerhalb der Bindungen der Gesellschaft zu ergreifen, der ehrenwerteste Beruf war in ihren Augen der des Spielers. Nein, aber sie brauchten eine Weile, um zu akzeptieren, daß ich, so wie ich heute bin, ein Ergebnis ihrer Erziehung bin, obwohl ich nicht so wurde, wie sie mich geplant haben, aber sie haben akzeptiert, daß man nicht alles planen kann. Es irritierte sie immer, daß ich mich mit bestimmten Dingen beschäftigen konnte, ohne eben durch alles hindurch zu müssen, wo sie durch mußten. Als Ex-Katholik hast Du immer noch die ganzen Probleme des Katholiken am Hals, während ich, der ich ohne Religion aufwuchs, mich viel unbeschwerter mit religiösen Dingen beschäftigen konnte und sagen, daß es einen Ort für das Spirituelle durchaus gibt. In den 60ern aber, ja sogar auch in den 80ern in Berlin, herrscht immer noch diese Vorstellung von dem Einzelnen, der gegen den Rest der Welt und alle Widrigkeiten kraft seines Willens antritt. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß nichts so wird, wie du es planst, daß der persönliche Wille immer überschätzt wird. Ich habe lieber Überraschungen und nicht mehr dieses Bedürfnis, alles zu kontrollieren. Ich möchte lieber darin aufgehen, ein Mitglied der Menschheit zu sein.

    SPEX: Lieber in der Gemeinde als der Prediger?

    SB: In gewissem Sinne, zumindest was die Musik betrifft. Ich bin ja mit all diesen Mythen aufgewachsen und von ihnen beeinflußt worden, Little Richard, Jim Morrison. Ich habe da dieses Buch gelesen, No One Here Gets Out Alive, über Jim Morrison, das, hätte ich es mit zehn gelesen, mich von Jim Morrisons hervorragendem Leben überzeugt hätte; heute denke ich, was für eine arme paranoide Sau er doch war, wie unglücklich. Und ich glaube, viele seiner Probleme hatten damit zu tun, daß er seine Vision jedem an den Hals hängen wollte, jeder sollte sich seinen Ideen fügen, mindestens die ganze Welt ihm zuhören, in dem Sinne waren er und viele andere 60er-Musiker ziemlich so wie die Politiker, die sie bekämpfen wollten.

    SPEX: Aber Morrisons Ideen waren doch persönlich-poetisch und unpolitisch.

    SB: Vom Inhalt her schon, aber er wollte, daß jeder davon weiß. Er wollte die Behörden davon informieren, was los ist. Die Kids, was Jim dachte. Und das würde ich heute nicht mehr idolisieren. Was ich an Crime mittlerweile mag, ist, daß die Leute hinter die Bühne kommen und sich als sie selbst besser fühlen. Weil sie eben ein sehr wichtiger Teil unserer Show sind. Sind wir in einer Trümmerstimmung und sie helfen uns, dann überwinden wir unsere Mörderlaune, und dann sind wir richtig gut. Wenn sie ebenso übellaunig reagieren, wie wir anfangen, gibt es einen Trümmerhaufen. Was ich auch mag. Für jeden Song gibt es circa 15 verschiedene Arten, in der ich ihn singen kann.

    SPEX: Sind die Leute so verschieden?

    SB: Nein eigentlich nicht. In England kriegen wir Gothic-Leute, die verwirrtesten Menschen, die ich je kennengelernt hab. Und die sind genauso enttäuscht von uns, wie die Punk-Publiken oder die Birthday-Party-Fans, und wir müssen die alle enttäuschen. In England haben die Leute immer sehr genaue Vorstellungen davon, wie eine Band zu klingen hat. Und wenn sie Pogo wollen, dann tanzen sie Pogo auf „The Dangling Man“. Das hat auch viel mit der Presse zu tun.

    SPEX: Ja, die hat in England auch eine sehr administrative Funktion, sie leitet die Leute durch den Verkehr des Überangebots wie Ampeln und Umleitungshinweise, sie agiert nicht von alleine, will nicht irgendwas durchsetzen, was sie in ihrer Lage wohl gar nicht mehr können.

    SB: Ich will jetzt gar nicht auf die schimpfen, weil diese Klage über Journalisten immer so blöd ist und wir in England zuletzt auch eine sehr gute Presse hatten, ich bin auch kein Gegner des geschriebenen Wortes, aber ich finde es besser, wie es in Amerika organisiert ist, wo die Leute durch dieses College-Radio-System die Sachen zunächst hören, bevor sie irgendwas darüber lesen.

    SPEX: Heute morgen beim Aufwachen fiel mir ein, daß ich Crime & The City Solution interviewen würde. Ich dachte, wenn die anderen Australier Bluessänger sind, ist Bonney der Gospel-Sänger, sein Gesang scheint immer etwas Höherem dienen zu wollen.

    SB: Also mit Gospel-Musik habe ich nichts zu tun, aber in dem Sinne, daß alles, was man kann, schal wird, wenn man es ausschließlich einsetzt, um sich persönliche Befriedigung zu verschaffen, aus egoistischen Gründen, dann ja. Musik ist für mich nichts, was man macht. Musik ist da, und du hängst dich an, du klinkst dich ein, wenn du dafür empfänglich bist. Andere sind empfänglich für Murmelspiele, ich bin empfänglich für Musik und für Worte. Meine Frau, Bronwyn, erzählte mir, daß sie als Kind Talent zeigte, Violine zu spielen, und dafür immens gelobt und bestätigt wurde. Das beschämte sie, weil es ihr ja nicht schwer fiel, weil sie ja keine Hindernisse überwinden mußte. So sehe ich die Musik auch. Für mich ist Musik ein Mittel, mich als ein Teil der Welt zu fühlen.

    SPEX: Wohnst Du noch in Berlin?

    SB: Teilweise, außerdem in London, in Niebüll. In Norddeutschland, wo ich eine Menge interessante Leute gefunden habe, aus diversen deutschen Städten, die da in Kommunen leben. Man kriegt da oben im Norden, auf dem Lande, eine ganz andere Perspektive, in Berlin sieht man ja nichts, nicht wegen der Mauer, die mich nie gestört hat, aber das Gesichtsfeld ist extrem klein, und man sieht nirgendwo den Horizont, was psychisch schädlich ist. Australier und Berliner sind sich ziemlich ähnlich, beide sind ziemlich skrupellos, und beide haben ein merkwürdiges Verhältnis zu Geschichte. Ich war neulich im Reichstag, und als ich sah, wie sie so viel über Bismarck und so viel über Kaiser Wilhelm und so viel (zeigt extrem kleinen Umfang) über Hitler hatten, dachte ich, wie schwer es für junge Deutsche sein muß, mit so einer widersprüchlichen Geschichte aufzuwachsen, denn schließlich will jeder zu irgendeiner Tradition gehören. So ist es auch mit Australiern. Deswegen gehen sie nach England, oder sie suchen nach ihren irischen Vorfahren. Ich meine, da muß man durch, aber als Pariser hat man es sicher leichter. Und es ist nicht sehr befriedigend, diese Suche, denn man findet diese Antworten nicht. Also zieht man weiter, unsere Gruppe zog nach Berlin, wo Menschen aus aller Welt hinkamen, die so wurzellos sind wie wir. Dort entstand aber mit der Zeit sowas wie unsere eigene kleine Welt, eine Isolation, zu der uns die Stadt natürlich ermutigte, wo wir schließlich umgeben waren von unseresgleichen.

    SPEX: Dann ist also die Geschichte der Emigrantenfamilie auf dieser Platte die Geschichte der australischen Künstlerkolonie?

    SB: Also ich mag die Leute in meiner Band und meine Freunde in Berlin. Aber Künstlerkolonien sind suspekt und führen zu obskuren Ergebnissen. Ich habe in Australien die Hippies aufs Land fliehen sehen, weil sie sich fremd fühlten, um nur noch mit Menschen zusammen zu sein, die ihnen ähnlich sind. Aber sie wurden noch einsamer, statt etwas aufzubauen, wo sie hingehören …, denn das findet man nicht durch Isolationismus …, ich hatte diese schreckliche Flugangst, als ich in Griechenland wohnte. Dann überwand ich diesen Schmerz, und plötzlich war der Tod nicht mehr so wichtig. Dadurch fühlte ich mich sehr klein, während ich zuvor sehr groß war, und war nur noch dankbar, zur Menschheit zu gehören. Und darum geht es in der Musik, für mich, den Leuten das Gefühl zu geben, daß das, was sie sind, schon sehr gut ist. Dann wären sie glücklicher und besser befähigt, das durchzusetzen, was sie tun wollen, es würde ihnen natürlicher von der Hand gehen. Denn wenn Du einen guten Song schreiben mußt, um ein guter Mensch zu sein, wirst Du Dein Talent dazu verlieren; wenn Du ohnehin schon selbstsicher bist, schreibst Du Deine Songs völlig natürlich hin.

    SPEX: Kommt die Begabung des Australiers für die amerikanische Musik, speziell den Country-Song, das Country-Sentiment, daher, daß der Australier in einer Weise ähnliche Erfahrungen macht, bezogen auf seine Kultur, wie der Amerikaner zu der Zeit, als diese Formen entstanden?

    SB: Australien ist ein eigenartiges Land, vollkommen rätselhaft und unverstanden. Wir sind verzweifelt hinter einer Geschichte her. Erst versuchten wir, Engländer zu werden, aber das funktionierte nicht. Dann wurden wir Yobbos, was bedeutete, überhaupt keine Kultur zu haben und stolz darauf zu sein. Wir sind ein sehr gewalttätiges Volk. Verzweifelt auf der Suche nach einer Vergangenheit, die längst im Übermaße da ist, weil es ja alles da gibt: Griechen, Italiener, Asiaten, Araber, darüber die dünne Schicht angelsächsischer Kultur und die Hackordnung unter den verschiedenen Volksgruppen der Einwanderer. Jetzt sind die Boatpeople da, die nicht unbedingt alle hätten kommen müssen, wie ich finde. Ein großer Teil waren ja nun wirklich Kriminelle, Schwarzmarkthändler, trübes Gesindel, das dann in Australien prompt neue Unterweltfraktionen bildete, jetzt haben wir eine vietnamesische Mafia; aber die bis dahin unten auf der Skala stehenden Italiener und Griechen, die diskriminiert, verachtet und verprügelt wurden, werden jetzt akzeptiert, weil man meint, sie hätten genug gedient und schlechtbezahlte Jobs gemacht, weil sie jetzt alle gemeinsam auf die Vietnamesen einprügeln können und vor der asiatischen Invasion warnen. Ich meine, da ist dieser tolle multikulturelle Ort, aber es funktioniert einfach nicht. Es ist alles noch zu neu und zu weit weg, niemand in der Welt nimmt zur Kenntnis, was da passiert, es wird nicht als Geschichte aufgeschrieben, also empfindet es auch niemand als Geschichte. Daher kommen, glaube ich, auch die Gemeinsamkeiten mit Sachen wie dem Blues: in einer unschuldigen Zivilisation neigt Musik zu besonderer Stärke und Verbindlichkeit. Sophisticatede Kulturen sind sich einfach zu sehr ihrer selbst bewußt, um irgendwas machen zu können. Wie man als ein belesener Mensch ein Buch schreiben kann, ist mir ein Rätsel, unmöglich. Man vergleicht mich immer mit irgendwelchen Autoren, und ich kann nur von Glück sagen, daß ich diese Autoren nicht gelesen habe. Sophistication ist fast immer der Ruin der Künste: In Australien kannst Du Dich als Band noch entwickeln, weil man vier Jahre lang vor sich hin mucken kann, ohne irgendeine Chance, einen von der Presse zu treffen. In Australien waren wir alle Punkrocker, ohne so recht zu wissen, was das eigentlich heißt und konnten den Begriff so mit eigenem Leben füllen, in London brauchst Du nur auf der Kings Road akustische Gitarre zu spielen und schon macht der NME einen Bericht und bringt so einen Haufen Bands um, weil die alle noch nicht stark und sicher genug sind, zu wissen, was gut für sie ist. Southern Death Cult existierte drei Wochen und hatte vier Songs und war schon auf dem Cover vom NME: die neue Kraft der Rockmusik.

    SPEX: In australischen Bands trifft man auf Leute, die in einer Person einerseits wortkarg und rockistisch sind, aber andrerseits dann doch plötzlich Sermone erzählen und Finnegans Wake auswendig können …

    SB: Ja, wir sind eben ’ne Trinkkultur …

    SPEX: … und das bringt Cretins und Schriftsteller naturgemäß einander nahe …

    SB: … und wenn einer Band eine ausgiebige Australien-Tour angeboten wird, würde ich sie inständig warnen. Es gibt zwei Läden in Sydney, zwei in Melbourne und zwei in Adelaide, wo man spielen kann, der Rest sind riesige Saufhallen, wo Leute hingehen, um sich einen exzessiven Abend zu bereiten und laute Musik allenfalls störend wirkt. Es hat eine Umfrage gegeben, welches Volk der Welt das zufriedenste ist, und die Australier wurden erste. Sie sind sehr konservativ, wollen keine Änderungen. Man kann ganz gut von Arbeitslosengeld leben, und die Leute, die dageblieben sind, sind eigentlich alle spurlos verschwunden, weil man da unten sehr gut einfach nur rumsitzen kann und gar nichts machen, es wird nicht kalt, und man muß nicht selbständig aktiv werden, um zu überleben … Deswegen haben wir alle so eine relaxte Art. Außerdem sind wir alle etwas roh. Was nicht nur schlimm ist. Vulgarität ist nicht notwendig schlecht …

    SPEX: … keineswegs …

    SB: … und in Australien ist das die eingeführte Norm, vulgär zu sein. Wer sich zu ernst nimmt, sich für was besseres hält, hat es schwer dort.

    SPEX: Wie bei immer mehr Bands (Fall, Sonic Youth, Cramps etc.), steht auch bei Crime ein Ehepaar auf der Bühne?

    SB: Ja, es gibt diesen Trend, obwohl es für mich rein persönliche Gründe gibt: Bronwyn hilft mir sehr bei meinen Texten, ich mag ihre Texte und ihr Geigenspiel. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, daß die Instrumente, die Mädchen traditionell lernen, wie Geige oder Klavier, inzwischen mehr akzeptiert werden …

    SPEX: Kammerinstrumente. Ich wußte es: Frauen entstehen in der Kammer, Männer werden mit einer Gitarre auf dem Feld geboren. Die anderen Australier arbeiten ja auch mit ihren Frauen zusammen (Cave, Howard), jetzt hast Du auch einen Neubauten als Gitarristen (Alex Hacke), der aber für meine Ohren doch eine andere Funktion hat als Blixa bei den Bad Seeds?

    SB: Ich glaube, er hat genügend Charakter, um solche Vergleiche hinter sich zu lassen, er ist einfach ein sehr guter Gitarrist.

    SPEX: Haben Crime & The City Solution Humor?

    SB: Ich hoffe, nicht im Sinne eines guten Witzes, aber indem wir uns nicht so ernst nehmen, wie man sich als humorloser Mensch nimmt.

    SPEX: Wer ist Edward Low?

    SB: Ein Pirat aus der Zeit von Captain Kidd, der großen Zeit der Piraten. Er schnitt den Leuten, die anderer Meinung waren, die Lippen ab. Ich habe ihn ausgesucht, weil er sich eine Ehefrau gekauft hat, und das bringt einerseits Kapitalismus auf den Punkt, ist andrerseits so grotesk und lustig. Das ist vielleicht unser Humor: „Keepsake“ hätte eigentlich auch ein sehr grandioser, eingebildeter Song werden können, ist es in einem gewissen Sinne auch, andrerseits wissen wir, wie lächerlich solche Grandiosität ist, und das hört man wohl hoffentlich auch.

    SPEX: Ja, das gefällt mir. Die Absurdität eines Vorhabens einsehen, aber nicht aufzugeben und sich in den reinen Witz flüchten, sondern es trotzdem, etwas gequält grinsend versuchen …

    SB: Ja, Witze sind ziemlich langweilig.

    SPEX: Nie so witzig wie freiwillig unfreiwillige Komik jedenfalls. Danke für das Gespräch.

  • UCOBI: Universal Congress of Big Irrsinn

    „Nicht jeder kann ein großes Licht sein, aber er will trotzdem nicht der Kerzenhalter der anderen sein.“

    „Wenn der oberste Knopf nicht richtig geknöpft ist, sitzt der ganze Mantel schief.“

    Hans Joachim Rauschenbach

    Die Popmusik hat heute, 1988, eine absolute Blüte erreicht, was Breite, Niveau, Vielfalt, Vorwegnahme und Bündelung der Aufgaben anderer Künste und vieles mehr betrifft. Das hängt auf komische Weise mit dem wirklichen Leben zusammen, wenn man an so einem verkaufsoffenen Sonnabend durch die Straßen geht. Es gibt in Deutschland einen popligen Reichtum, einen stillosen Überfluß, der von nichts anderem berichtet, als daß es hier eben keine funktionierenden Souveränitätssymbole gibt und damit auch kein normal symbolisch geregeltes ästhetisches Verhältnis zur Macht, das ist neu und schön und erspart vieles alte Leid, aber es ist eben auch gefährlich, denn die Macht hat so alle Chancen, sich zu verstecken, alte Macht und alte Gegenwehr hingen immer mit Stil zusammen, jetzt sind richtig und falsch, ehrlich und verlogen an so einem Samstag vollkommen miteinander verschlungen, in Eigenschaften wie Bequemlichkeit, Feigheit, Privatismus und Opportunismus, die alle so einen schlechten Ruf haben, weil sie alle auch absolut unkriegerisch sind. Denn die Hoffnung Vlado Kristls, die Theweleit als Motto dem Buch der Könige voranstellt, hat sich in Deutschland eigentlich längst erfüllt: niemand hat hier mehr Lust an Macht, höchstens noch in einem überlebensnotwendigen Sinne, die kleine Macht, die immer entsteht, wenn man etwas gut macht, so wie ich mich freue, daß Spex recht hat (z. B.), aber die Tendenz ist deutlich zu erkennen, die Lust (wie sie immer von der Eiskrem-Zeitgeist-Werbung angerufen wird) an der Macht ist am Verschwinden. In einem höheren Sinne hat sich das Gute am Hippietum als allgemeiner Wert durchgesetzt, hier mehr als in England oder Frankreich, die Deutschen sind ein durch und durch friedliches, tolerantes, weltoffenes, unfanatisches Volk geworden. Neu für mich ist, daß ich daran etwas Gutes sehen kann, denn so wie die Verhältnisse und ihre Ungerechtigkeit das Gegenteil all dieser Eigenschaften fordern, so sind umgekehrt all diese Eigenschaften Voraussetzungen für ein ungestörtes, unbedrohtes Alltagsleben, in dem man nicht mehr von alten Scheißproblemen behelligt wird. Die Deutschen sind in ihrer belgisch-dänisch-holländischen Vernünftigkeit und desinteressierten Lahmarschigkeit das modernste alte Volk der Welt. Man braucht nicht darauf zu hoffen, daß sie je die Verbrechen – an denen sich ihre Wirtschaft heute beteiligt und auf die sich ihr Reichtum und ihre Lebensweise gründen – erkennen oder bekämpfen werden, einem deutschen Arbeitnehmer ist es nicht mehr beizubringen, daß er ein Klassenbruder einer Näherin in Kuala Lumpur sein soll, stattdessen ist das ganze deutsche Volk mittlerweile so etwas wie eine herrschende Klasse – jedenfalls sieht es so aus – und entwickelt als ganzes Volk die Dekadenzen, die man früher immer nur an einzelnen Subjekten der herrschenden Klasse beobachten konnte, die bessere, zukünftige Lebensformen zu antizipieren vermögen, in denen nicht Barbarei und materielle Not, nicht Todesdrohung, noch tägliche Arbeitsauszehrung das Leben bestimmen, sondern interesselose Zerstreutheit und die besondere Schönheit rigider Moral um ihrer selbst willen (nicht um zu herrschen), wie heute bei Rollins oder Madonna.

    Die einzelnen Subdisziplinen der Popmusik sind mittlerweile in einem Maße entwickelt und kunstvoll, daß man ihre Verschiedenheit nur noch wie verschiedene Kunstrichtungen beschreiben kann. Es ist mittlerweile nur noch unsinnig, eine Platte von Bevis Frond mit einer von Public Enemy zu vergleichen; Algebra Suicide an einer House-12″ zu messen ist so unsinnig, wie zu sagen, Rilke sei besser als Mies van der Rohe oder Schönberg besser als Klee (solche Aussagen kann man übrigens machen, und sie sind sehr hilfreich, um sich Hierarchien zu basteln, die für das Innenleben eines funktionierenden Kopfes dennoch wichtig sind; gerade wenn Autorität und Autor und Auto abgeschafft werden, muß ja etwas an ihre Stelle treten, das Widerstandskraft sichert gegen weltweite Klitorisbeschneidung, Massenverdummung und Näherinnenschicksale in Kuala Lumpur: in einer nur noch kulturell definierten Welt wie der ersten, insbesondere unseren, sind das die inneren Charts: wer ist besser, Marlon Brando oder Franz Jung? Franz Jung, der übrigens dieses Jahr Hundert wurde. Man muß nur wissen, daß es sich um so eine Art Vergleich handelt und nicht um einen Vergleich gleichartiger Dinge.), dies alles findet darüberhinaus in einer Sphäre statt, den Independents, wo der Grad des Zugangs möglichst vieler zu möglichst hochleistungsfähigen Produktionsmitteln für eine künstlerische Selbstverwirklichung auf möglichst hohem Niveau mittlerweile eine vor zehn Jahren kaum vorstellbare Größe erreicht hat (zur Indie-Welt rechne ich jetzt alles, von Disco bis Metal über Folk, Psychedelic, neue Instrumentalmusik, Wimp-Sound – was du willst). Nie konnten so viele so gute Musik so unkontrolliert von Institutionen machen wie 1988, nie war die Vielfalt der möglichen, musikalischen Lebensäußerungen größer, nie war Popmusik so sehr die führende Kraft kultureller Entwicklung. Denn eines ist doch wohl klar: ein dermaßen hochentwickelter Kapitalismus produziert in Zeiten seines Erfolges auch alle erwünschten immateriellen Güter, solange er damit handeln kann, also auch billige Selbstverwirklichungstechnologie. Nur weil man gegen die Ungerechtigkeiten kämpft, die für das Zustandekommen dieses Age Of Chance verantwortlich sind, kann man nicht gegen das Age Of Chance sein, ein Hungriger ist nicht Gegner der Nahrungsmittel, sondern ihrer Verteilung.

    Nur hat das alles keiner gemerkt, da es der inneren Logik dieser Entwicklung entspricht, daß sie sinnvoll nur stattfinden kann, wenn nicht im größeren, von Massenmedien als Bewegung ausmachbaren Ausmaße über den eigenen Tellerrand gesehen wird. Die Blüte der Architektur kann nur stattfinden, weil die Architekten keine Gedichte lesen? Ja? Begrenzt richtig, denn alle kommen, wie wir gesehen haben, sowieso von den gleichen Grundwerten her, die sie dann in ihrem Artotop weiterentwickelt und unangreifbar gemacht haben, eigentlich ist, wie gesehen, alles, was heute im Underground passiert, und ich meine den gesamten Underground, ganz grundsätzlich der Hippie-Kultur verpflichtet, ihren Grundwerten; was man sich gegenseitig vorwarf, war ja selten etwas anderes als der Verrat an diesen Werten (nicht deren grundsätzliche Falschheit), die heißen: Gegenkultur, Autonomie, Selbstverwirklichung, Anarchismus, Anti-Kapitalismus, denen sich dann im Punk oder mit dieser Generation nur Werte hinzugesellten, die als Steuerbegriffe und Sekundärtugenden die Pervertierung der ersten aufhalten oder verhindern sollten: Aggressivität, Entschiedenheit, Intoleranz, Stalinismus. Den Zusammenhang zwischen beiden ästhetisch auf den Stand der Zeit gebracht zu haben, ist der Verdienst des SST-Labels und der Produktion und des Denkens von Leuten wie Greg Ginn, Chuck Dukowski, Mike Watt oder Joe Baiza und Sylvia Juncosa, die nicht Hippie-Revival betrieben haben, sondern auf dem gemeinsamen, moralischen und intellektuellen Nenner von 20 Jahren Underground-Kultur etwas Neues, daraus Hervorgegangenes begonnen und gefördert haben. In Deutschland entspricht dem (nennen wir es den wehrhaften Hippie, der den alten Hippie-Fehler der Verklärung der Niederlage neu so begründet, daß auch ich mich nur als mitten in einem Neubedenkprozeß bezeichnen kann) Klaus Theweleit, obwohl in dessen Buch gerade die letzten zehn Jahre fehlen, in denen man andere Erfahrungen mit Klein und Groß gemacht hat, als er sie schildert, für den diese Sekundärtugenden noch als verwerfliche Primärtugenden in Leben auftauchen, die eigentlich als künstlerische (also schöpferische und nicht tötende, ausschließende) und Hippie-Leben gedacht waren, andere auch mit dem Problem der Macht und der Gegenwehr. Er sieht noch jeden als Verlust, der in eine K-Gruppe eingetreten ist. Aus den K-Gruppen aber und ihren Entsprechungen kamen die entscheidenden Erfahrungen der Punk-Generation, die sich weder mit der Macht verbündete, mit dem Überleben, und dennoch nicht wie die Hippies der 70er und die Friedensbewegung sich in die Kleinheit und Ohnmacht der sauberen Hände zurückzog, sondern großspurig und unbescheiden und eben auch unartig Platz, Raum und Gehör beanspruchte, denn sie waren keine mißhandelten Kinder und hatten keinen Tag je Krieg gesehen, für sie galten schon andere Gesetze, und dennoch laß ich mir als etwas älterer Vertreter dieser Generation von Theweleits Buch eine Grundüberzeugung ausreden, die Tage der Entschiedenheit um der Entschiedenheit willen sind vorbei, zumindest für mich, der ich mir ein Auditorium, anders als Rösner, ja nicht mehr erkämpfen muß. Theweleit kämpft halt noch gegen den Faschismus und wird das sein ganzes Leben auch noch tun, so wie ich mein Leben lang noch gegen sozialdemokratische Herrschaft kämpfen werden muß, obwohl beides längst vorüber ist.

    In Theweleits Buch geht es um die Bedingungen von künstlerischer Produktivität, um Frauenleichen, die die Wege der Meisterwerke pflastern und warum die Könige immer etwas addieren, ohne je die 2 zu erreichen, immer bei 1 + f (Frau) stehen bleiben, und um die anderen, die wie Kafka sich selbst opferten. In der Pop-Musik muß heute niemand mehr sterben, früher schon, weswegen auch Hendrix und Morrison Theweleits Lieblingszeugen sind. Aber in der Pop-Musik gibt es jetzt die Paare, die 2 geworden sind und nicht immer nur 1+ Funktion, wie in den Geschichten im Buch der Könige, es gibt Thurston und Kim, Lux und Ivy, Mark und Brix, und es gibt den Kafka der Pop-Musik, Neil Young, der nicht nur nicht gestorben ist, noch, als er Überlebender der Crazy-Horse-Heroin-Epidemie wurde, reagiert hat wie die Literaten bei Theweleit, mit Produktivität, sondern in Schweigsamkeit verfiel. Mit „Down By The River“ hat er den Theme-Song für das Buch der Könige geschrieben, und damit will ich es auch bewenden lassen, damit, daß in diesem Jahr in meinen All-Time-Greatest-Charts Neil Young John Cale … nein, nicht verdrängt, aber sich an seiner Seite als Gefühlschef niedergelassen hat.

    Zurück zu den Architekten, die keine Gedichte lesen und umgekehrt. Revolutionär wäre es schon, sich zu verbünden, das wäre dann das Patchwork der Minderheiten, die noch in den 70ern von führenden Franzosendenkern aufgestellte Forderung der minoritären Subversion. Sie hat an vielen Punkten längst stattgefunden, dieses Blatt ist zumindest in seiner 88er Version ein Beispiel dafür, nur glaubt immer noch jeder nur, er lebe allein in seiner persönlichen Krise seines Egos oder seines Kleinstkults und dessen Ups and Downs, wenn sich dagegen zusammenfassende Institutionen des Underground bilden, dieses Paradox, wie z. B. Spex, ist immer die Gefahr der Unverbindlichkeit gegeben. Wir versuchen dem zu begegnen, indem wir uns sowohl dieser paradoxen Struktur und auch der Notwendigkeit zum Zusammenschluß bewußt sind, uns aus vielen Vertretern der verschiedenen, minoritären Sekten zusammensetzen. Aber man muß sich auch klarmachen, daß die beiden Grundforderungen der Generation, die in den 80er Jahren angefangen hat, die erste eigene Scheiße zu machen, sich widersprechen: Patchwork der Minderheiten und Verbindlichkeit vs. Pluralismus. Natürlich ist Wahrheit das Ziel, wie für jeden Kulturarbeiter, das ist der einzige Beitrag, den er zur Gerechtigkeit leisten kann, und daß Kunst ein Beitrag zur Gerechtigkeit sein muß und kann, ist auch eine der Forderungen, an die mich das Buch der Könige ebenso erinnert hat. Wir wollten verbindlich sein, damit das in den Minderheiten Erarbeitete gerecht wiedergegeben wird, nicht vereinnahmbar für Massenmedien und ihre semiotische Vergiftungsmaschine, wir wollten Minderheiten sein, um für und über etwas zu sprechen, dessen Wahrheit uns sicher war, nur damit einmal Wahrheit gesagt werden konnte. Heute werden die beiden Ziele, die trotz ihres begriffslogischen Widerspruchs also durchaus etwas miteinander zu tun hatten, gegeneinander ausgespielt: das Patchwork der Minderheiten sei ein Indiz für Unverbindlichkeit, die Verbindlichkeit und Apodiktik sei eine intolerante Attacke gegen das Patchwork, dessen Mittel ja gerade Diversifizierung, Unübersichtlichkeit und Spezialistentum seien. Nach der Logik der Bewegung ist Spex immer der größte denkbare Ort, wo das alles noch ausgesprochen und zusammenfassend als kulturelles Projekt definiert werden kann, aber Spex ist weder das Organ irgendwelcher Sektierer, noch ein Trendmagazin des Underground, Spex ist immer in einer dialektischen Bewegung und die einzelnen Glieder der Zeitschrift befinden sich fast schon rhythmisch immer an verschiedenen Orten, die sie auch wechseln, innerhalb dieser Bewegung; was man lernen muß, ist das Verwerfen und das Rehabilitieren. Mittlerweile werden ja täglich neue kleine Zeitschriften gegründet, auch diese Technologie ist mittlerweile ziemlich risikolos verfügbar und bietet wie in England z. B. vom Hochglanz-Sixties-Fanzine Strange Things Are Happening bzw. von den bekannten, immer wieder von Schiegl vorgestellten Ami- und Aussi-Fanzines wahrgenommen, die Gelegenheit zu weiterer Spezifizierung und tiefer, faktenreicher, geiler Unübersichtlichkeit, bei uns leisten dies Trust (für Hardcore und Verwandtes und dazugehörige Politik), TNT und Howl, fast alle anderen kann man vergessen, weil sie fast alle für ein noch kleineres Publikum und mit geringeren Mitteln versuchen, eine noch größere Bandbreite abzudecken als das Musikfeuilleton einer deutschen Tageszeitung und dabei mit ihrem Journalismus-Spielen faktenarme Unverbindlichkeiten ohne Geistesblitze produzieren und dabei auf eine mittlerweile nicht mehr mit Entschiedenheit und Pop und große Worte zu rechtfertigenden Unverschämtheit große Töne spucken (andrerseits: was entsteht nicht alles aus einer Imitation?).

    Ein Charakteristikum der Lage ist ja, daß alles, was neu hinzu kommt, nicht erst etwas Altes killen muß, um leben zu können, Punk war das Letzte, das etwas killen mußte, um seine Mission zu erfüllen, und das auch nur, weil das zu Killende, der Hippie, nur sein eigener Schatten war (und umgekehrt): Und selbst die größten Hippie-Hasser, die versuchten, einen vor allem Anti-Hippie-Standpunkt auch dann noch aus den Knochen von Punk und Teenkultur zu bauen, wenn er objektiv auch im Sinne von Punk reaktionär wurde, wie Julie Burchill, die jetzt endlich über einen Schatten gesprungen ist und Maggie Thatcher für okay erklärt, in sogar längst überwundene Hippie-Klischees verfällt, wenn sie echte, leidenschaftliche Liebe, bei der auch mal die Fetzen fliegen, gegen Designer-Beziehungen verteidigt (wo ironischerweise genau das das zentrale Klischee aller Designer-Sex-Filme von 9½ Wochen bis Fatal Attraction ist). Und da alles nebeneinander existieren kann und Gegensätze nicht mehr ausgetragen werden müssen, weil nicht mehr der Gegensatz wahrgenommen wird, sondern in endloser Beiordnung immer nur ein „und das gibt es auch noch“, wimmelt auch dieser Text von widersprüchlichen, gleichwohl richtigen Diagnosen (auch wenn seine Forderungen eine Hierarchie kennen, in der Schönheit gleich Gerechtigkeit alles andere regeln). Unterschiede entstehen immer nur dann, wenn ein reales Individuum seine Beziehungen zu den Institutionen, die auf dieser Welt das Sagen haben, regelt, insbesondere zu Vater Staat. Da tun sich plötzlich die verschiedensten Möglichkeiten zu reagieren auf, und derselbe Grundkanon an anarchistischen, humanistischen Grundwerten ermöglicht so ziemlich alles vom Nachwuchschristdemokraten bis zum Stadtguerillero. Seltsam?

    Ich meine ja, daß man sich von der Kultur nur zu wünschen braucht, was man will, man kriegt es, bzw., ich glaube, daß man mittels eines merkwürdigen Mechanismus immer erst dann in der Lage ist, eine Forderung an die Kultur zu formulieren, wenn das Geforderte sich tendenziell längst durchgesetzt hat. Jedenfalls sind alle unsere Forderungen von 1979 heute erfüllt, wie beschrieben. Je mehr sich diese These bestätigt, desto unwahrscheinlicher wird die Vorstellung, auf der Ebene der Kultur wären Kämpfe zu kämpfen, die irgendetwas mit den Kämpfen der wirklichen Welt zu tun haben. Wir werden sehen, daß alles, worüber wir reden müssen, darauf hinausläuft, daß immer größerem Glück, immer mehr Möglichkeiten immer größere Brutalitäten und Schlächtereien und Hungersnöte und immer kriminellere Ausbeutungsverhältnisse gegenüberstehen (und es hilft nichts, dagegen aufs Glück zu verzichten, im Gegenteil, das wäre dann vollends reaktionär).

    Nichts muß mehr verschwinden, denn es ist noch Platz genug im Europa der Herrschenden, in den glücklichen Beziehungen unseres immer abgerüsteteren Binnenmarktes, wo wir eben alle nur noch herrschende Klasse des Weltklassenverhältnisses sind. Und wie alle herrschenden Klassen bringen wir das hervor, was die Epoche ausmacht, ihre enormsten Fortschritte und ihre enormsten Verbrechen, tippt Diedrich Diederichsen in seinen Computer Marke „Immanuel Kant“ mit den beiden Laufwerken „a priori“, wo die Programmdiskette drinsteckt und dem Laufwerk „a posteriori“, wo dieser Text gespeichert wird, nach den Regeln des Programms auf der Programmdiskette. Alle Innovationen haben mit technischen Innovationen zu tun, aber manchmal auf eine Art und Weise, wie wir uns das nie vorgestellt haben. Nicht die Fotografie ist der Erfolg der Fotografie, sondern die abstrakte Kunst, nicht das Gesampelte ist die eigentliche Innovation des Samplings, sondern eine neue Benutzung der Gitarre, eine neue Blüte eines Instruments, das eben zwei Dimensionen kennt (den Griff und den Einzelton, die Waagerechte und die Senkrechte), während die Sampling-Technik, solange sie das eindimensionale Keyboard verwendet, immer in der linearen Kette der zwölf Töne hängen bleibt, bei den musikalisch ungeschulten Bastlern, die unsere aktuelle Charts-Musik zusammensampeln, ist das dann immer die Hölle der Pentatonik (immer die schwarzen Tasten rauf und runter, klingt irgendwie gut und man braucht auf absolut keine Gesetze zu achten, alles paßt zu allem in der Armut dieses beschränkten Beziehungsgeflechts. Zwar ist Komplexität kein Pop-Kriterium, aber drei Akkorde sind immer noch mehr als fünf Töne, fünf Töne sind Folter wie Volksmusik mit ihrem Dur-Terror oder Gothic mit seinem Moll-Stumpfsinn, lieber als fünf Töne sind mir keine Töne, weswegen mir von allen Disco-Sounds Acid der liebste war, melodiöser House-Sound, Charts-House, Cold Cut und EBM [da ist es dann immer a-moll oder e-phrygisch] der unliebste).

    Das Neue am heute Neuen ist aber nicht nur, daß es nichts Altes mehr verdrängen will und muß, sondern auch, daß es theoretisch uralt sein kann, alles, was wir heutzutage an neuen Musiken haben, ist alles theoretisch längst gedacht oder gefordert worden. Kein Ton von Baiza oder Ginn, den nicht die intellektuelle, progressive Kritik in den Jahren 70-74 schon gefordert hätte, kein Element von Punk, das nicht in der ersten eigentlichen Punk-Blüte zwischen Stooges, MC5, Peoples Bands in England (im letzten Jahr erinnerten sich gleich zwei HC-Vertreter des Pink-Fairies-Klassikers „Do It“, Henry Rollins und Death Of Samantha, während sich uns unbekannte Herren als Reunion der Pink Fairies ausgaben) und Roxy Music und Dolls und Uhrwerk Orange schon angedeutet oder gedacht worden wäre, kein Element von heutigem Hip-Hop, das nicht während der ersten Hip-Hop-Welle um 81/82 nicht schon gedacht worden wäre, nur wurde es damals nicht durchgeführt, die Leute, die Kellers ersten Hip-Hop-Artikel in Sounds gelesen haben, fragten damals verzweifelt nach Platten, wo man das theoretisch von Keller Beschriebene hören konnte (fast ist es, als wäre wegen des anläßlich der ersten Hip-Hop-Andeutungen Gedachten die Sampling-Technologie erfunden worden): es gab zwar ein paar, aber eigentlich konnte man erst seit 86 hören, was er da beschrieben hat. Nur heute wissen wir, daß es ein Fehler ist, wenn wir die Augen abwenden, nachdem etwas musikalisch denkbar und einmal, mehr schlecht als recht, realisiert worden ist, das war ein typischer Fehler der theoretischen Periode der Pop-Musik: nachdem man begonnen hatte, die Musik theoretisch zu untersuchen, ersetzte bei manchem diese Erforschung und Analyse irgendwann die Praxis des Hörens, dieser Vorgang ist in den letzten zwei, drei Jahren von der Kraft der Musik umgedreht worden; eine Theorie, die Musik verhindert, kann auf lange Sicht nicht sinnvoll sein, auch wenn sie in bestimmten Momenten das Schönste und Wahrste sein kann, die Bildende Kunst kennt dieses Problem nur zu genau. Fast alle große Theorie aus Musik ist dazu da oder war dazu da, die Kraft und die Herrlichkeit der Musik als eine Macht, die, im Gegensatz zur Literatur, die, weil sie im günstigen Fall Klartext redet, immer echtes Leben auffrißt, nicht nach Menschenopfern verlangt, sondern nach Stimulantien und Drogen, in andere Lebensbereiche hineinzutragen. Was die Drogen an Gutem und Bösen anrichten ist nicht Problem der Musik, die Musik braucht Stimulantien, um Stimulanz zu sein und fordert so zum Gebrauch von Stimulantien auf, denn wer erleben und fühlen will, wovon die Musik handelt, braucht schon irgendeine Art von Drogen (völlig klar, daß der völlige Verzicht auf Drogen, Straight Edge oder Tanz-Ekstase auch dazuzurechnen sind). Alles andere ist das Problem der Welt, in der wir leben. In diesem Sinne kein Zufall, daß Stern und Spiegel die große Drogenbekämpfung begonnen haben und wieder die verbrecherischen Bewußtseinsindustriellen als Beweis für die Widerlichkeit der Droge ausgeben, wieder fast so, als wäre Hungersnot ein Argument gegen das Prinzip des Essens. Und die Boulevard-Presse wirft in absolut hilariousen Acid-House-Artikeln den vermeintlich unter LSD stehenden Drogentänzern vor, daß sie nicht mehr die Welt verändern wollen oder protestieren oder Forderungen aufstellen. Genau, wer nämlich Drogen nimmt oder sich anderweitig in Ekstase versetzt, fordert keine Weltveränderung, er verändert die Welt.

    Daß die Kämpfe, und im Rückblick auf die letzten Jahre der Musikentwicklung: Siege, mehr mit den Kämpfen wirklicher Menschen zu tun haben, als diese davon abzulenken oder ihre Widersprüche mit Kultur auszupolstern – das Irre ist ja, diese Funktionen hat Kultur immer auch, sie sind nicht von Gelungenheit oder Mißlungenheit, richtiger oder falscher Haltung abhängig, aber es sind nicht die einzigen Funktionen –, sieht man daran, daß die Organisationsformen, die in der Musik entstanden sind (und damit meine ich nicht nur, wie organisiere ich einen independent Vertrieb, sondern auch, wie organisiere ich einen wirksamen, gebündelten kleinen Kult, oder wie organisiere ich ein dandyistisches Ego so, daß es mich nicht nur erbaut, sondern auch in meine kulturpolitischen Vorstellungen paßt) später von anderen kulturellen und politischen Bewegungen übernommen worden sind. Bei den organisierten Kommunisten interessiert man sich heute für Acid House, die Hafenstraße war in Hamburg legendär für ihren Hardcore-Sender, das traditionell Politische holte sich bei der Musik etwas, was ihm verlorengegangen war, die echten Gefühle in den Körpern der Leute, die den Diskursen nicht mehr zur Verfügung standen. Dabei tut die Musik nur auf den ersten Blick immer nur das, was der jeweils letzte Marketing-Trend im Kapitalismus sie an unbeaufsichtigtem, unangepaßtem Musizieren noch tun läßt, womit ich sagen will, daß wir zwar die heutige Diversifizierung durchaus auch der Tatsache zu verdanken haben, daß eben die Industrie schon vor Jahren den Kampf um die vielen Subszenen aufgegeben hat, sich auf den guten alten kaufmännischen Grundsatz verlassend, daß man so wenig verschiedene Produkte wie möglich in so hohen Stückzahlen wie möglich absetzen sollte, andrerseits aber in einer ganz anderen Zeit – als jeder Irre einen Major-Vertrag kriegte, in den frühen 70ern, und Platten wie die der Hampton Grease Band, die heute an einem günstigen Tag gerade noch als potentielle Vorgruppe von Always August einen Vertrag bei SST bekämen, auf CBS erschienen – diese Entwicklung schon mal begonnen wurde, dann aber daran scheiterte, daß für einen Verzicht auf gemeinsames, zusammengeschlossenes Handeln noch nicht die Zeit war und noch einmal BIG SINN gefragt war (Punk als letzter BIG [Anti] SINN) und die Diversifizierung am Ende war, noch bevor die Industrie sich gegen die Diversifizierung entschieden hatte. Diese Entscheidung der Plattenindustrie, fast weltweit, vor allem aber in den USA, hatte durchaus etwas zu tun mit einer Kapitulation vor den 77-82er-Ideen von Stilwechsel, Modewechsel so schnell es geht und ist tatsächlich teilweise das Ergebnis dieser Strategie. Heute macht die Industrie Anstalten, das verlorene Terrain zurückzugewinnen, aber heute ist die Indie-Szene zu eingespielt und zu streng mit ihren ständigen und rigiden Credibility-Kontrollen fast schon hysterischen Ausmaßes. Heute hat man nämlich schon so lange keine Chance mehr, mit seiner Musik im öffentlich-rechtlichen Radio gespielt zu werden, weswegen man in einem besetzten Haus Sender errichten muß, man hat keine Chance auf einen Plattenvertrag oder irgendein anderes Entgegenkommen der Institutionen und baut daher ein Netzwerk von Indies auf, das irgendwann leistungsfähig genug ist. (So erfreulich diese Entwicklung ist, eines ist dabei verloren gegangen: Pop-Musik, wie wir sie im engeren Sinne kennen und lieben. Kein Major würde heute keinen Kim Fowley keine Runaways produzieren lassen, keine Runaways hätte heute Erfolg mit ihrer Aufrichtigkeit und ihrem süßen Dreck, keine Intellektuellen würden mehr unter dem Charts-Kram die Runaways und Kim Fowleys von heute rauserkennen/raushören. Und Indie-Runaways ergeben keinen Sinn. Vielleicht übernimmt diese Rolle die Metal-Szene.)

    Ein entsprechendes Handeln auf allen Lebensbereichen ist aber die Zukunft der Menschheit, Separatismus, das Gründen kleiner Nationen, ist paradoxerweise gerade wegen des Abbaus aller klassischer Grenzen das nächste, was zu tun ist, und gerade weil die sogenannten Probleme global sind. Es ist die Zukunft der Menschheit, wie sich immer mehr abzeichnet, die überall dort, wo sie kann, versucht, durch Regional- und Nationalerhebungen (die Nation ist dabei paradoxerweise nur die allgemein akzeptierte und daher nützliche Idee, derer man sich bedient) den jeweiligen Zentral-Staat zurückzudrängen. Der Pluralismus wurde von uns ja zu einer Zeit als die verabscheuungswürdige kulturelle Nivellierungs- und Relativierungs-Strategie des Establishments ausgemacht und zur Bekämpfung freigegeben, als dieser Staat von Sozialdemokraten regiert wurde und sozialdemokratische Doppelzüngigkeit einerseits demokratische Freiheiten einschränkte und andrerseits einen relativistischen Pluralismus als allgemeine Verkehrsform der Ideen eingeführt hatte, darauf ist Punk zurückzuführen, was, wie auch Simon Frith jetzt gerade wieder recht eindrucksvoll bewiesen hat, eben keine Reaktion auf Thatcher war, sondern noch eine Reaktion auf Labour, ebenso waren neue Wilde eine Reaktion auf die Epoche der Technokraten im Marner- und Wahner-Pelz der Sozialdemokratie und nicht auf die nackte Technokratie der Maggie Thatcher oder auf die große Staatsschauspielkunst von Weizsäcker und Süssmuth. Seitdem ist dieser falsche Pluralismus als Herrschaftstechnik (gegen einen echten wäre ja nichts einzuwenden) zwar nicht verschwunden – wie auch sozialdemokratische Machtausübung nicht verschwunden ist, wie wir ewig klassisch zum Beispiel an der Hansestadt Hamburg in der Ära Dohnanyi sehen konnten, mit klassisch-rechtem Polizeiminister und moderat-liberalem Regierungschef, Freund der Künste und Staatsnachdenklichkeitsdarsteller, denn auch in der wirklichen Welt verschwindet heutzutage nichts mehr, wir leben in Friedenszeiten –, aber überlagert worden von der in England schon massiv und hier noch etwas moderater auf alte autoritäre Formen zurückgreifenden, immer noch weltweit fest im Sattel sitzenden Rechten, die Evergreens wie Zensur rereleaset, denn überall auf der Welt regeln zur Zeit rechte Regierungen das Geschäft des Geldverdienens, ohne Skrupel, und brutaler als kapitalistische Staaten je in diesem Jahrhundert vorgegangen sind (von Faschisten abgesehen, aber die sind gegen ihre eigenen Völker und Nachbarn vorgegangen, die heutigen Opfer sind weit weg und haben keine Interessensvertretungen mehr, nicht die bescheidenste), aber auch ohne die angestammten Reservate anderer, sozialdemokratischer Herrschaft und der dazugehörigen Kultur verdrängt zu haben, beides existiert nebeneinander, und neue Formen wie Grüne Herrschaft kommen in ersten Ansätzen dazu, wiederum ohne irgendetwas anderes zu verdrängen. Das meint das Wort vom Zeitalter der Chancen: es gibt kein Zurück, und das ist wirklich eine erkämpfte Situation, ein Erfolg, hinter das, was schon mal möglich war, und das, obwohl es für die heute Herrschenden eigentlich besser wäre (für ihre Sorte Kapitalismus, dem Kapitalismus insgesamt schadet diese Chancenvielfalt zunächst mal nicht). Rechte trauen sich wieder jede Schweinerei, was zum Beispiel der hemmungslose Nationalismus während der olympischen Spiele in einem so noch nicht erlebten Ausmaß zeigte (das war ja mal was in diesem Land: es gab hier nicht mehr den überall in der Welt in seiner ganzen alten Dumpfheit immer noch unangefochten existierenden Impuls des Nationalismus), das zeigte sich darin, wie dieses Land sich an einem Fall Jenninger aufgeilt, um sich in der einen Wahrheit zu suhlen, die es auf der moralischen Habenseite anzubieten hat: es ist kein faschistisches Land, nein, das ist unsere BRD nicht, weiß Gott nicht. Unappetitlich, wie sich jeder Spinner, dessen eigene Wichtigkeit ihm unter dem Arsch wegschmilzt, nicht mehr anders zu helfen weiß, als sich in irgendeinem Scheinkonflikt zum Antifaschisten aufzuschwingen, wie unser Freund Barry Graves, der, weil er nun endgültig keine neue Musik mehr begreift, Public Enemy zu Rassisten erklärt und mit ihnen alle, wie wir, die sich nicht darauf einlassen, Schwarze unter allen Umständen nach der Formel Höflichkeiten überwinden häßliche Wirklichkeiten als Schwarze zu bezeichnen, sondern eine Formulierung wie „Negerabteilung bei WOM“ zulassen, die sich ja auf reale Kulturpolitik bezieht, die Schwarzer Musik im Kategoriesystem in der Regel weniger Unterabteilungen zubilligt als weißer, was ein Begriff wie Negermusik gut auf den Punkt bringt, und so eine irre Allianz von schwarzen und weißen Rassisten herbeiphantasiert, deren halluzinierte gemeinsame Interessen im Dunkeln bleiben, uns mit dem alten Idiotenschnack von dem Faschisten, der in uns allen steckt (was für eine Begriffsversuppung und Verharmlosung des Faschismus, unsere menschlich allzumenschlichen Defekte, die Trunksucht und den Jähzorn vielleicht – soll Göring ja auch beides gehabt haben – faschistisch zu nennen), belästigt, was ihn von dem Problem entbinden soll, sich weder mit Public Enemy noch mit deren Anhängern beschäftigen zu müssen. Was als private Problemnotlösung noch angehen mag. Daß sowas aber immer auf den Grabstätten von Millionen ermordeten Juden und Schwarzen und anderen Opfern ausgetragen werden muß, daß jeder Knallkopf für jeden Falschparkzettel immer wieder und unwidersprochen Sklaverei und Faschismus anrufen darf, ist ebenso obszön wie Weizsäckers antifaschistische Integritätsscheiße und die Allianz der Demokraten, die sich an dem schlechten Staatsschauspieler Jenninger abreagieren, sich gegenseitig hochleben lassend dafür, daß sie immer noch den Minimalkonsens dieses Staates einhalten: kein Faschismus vor 22 Uhr.

    Dies ist die Perspektive eines neuen Kampfes: der Alibi-Hausbesetzer, der einer sozialdemokratischen Regierung nie sonderlich gefährlich werden konnte, kann heute real einer konservativen Regierung gefährlich werden und ist für sie ganz altmodisch ein Rebell, und es ist nichts gegen eine Kultur zu sagen, die ihn in diesem alten Zustand verherrlicht, denn er ist ja wieder real. Andrerseits muß er gegenüber einer sozialdemokratischen Regierung Taktiken kennen, die während der frühen 80er gegen eine sozialdemokratische Herrschaft entwickelt wurden, und auch die dazu gehörige Kultur hat ihre Berechtigung. Dies sind nur zwei klar ersichtliche Beispiele für die Verschiedenheit der Kämpfe und läßt sich beliebig in kleinere Konfrontationen verlängern. Was weltweit gilt, daß überall verschiedene Zeiten herrschen und daher völlig verschiedene Solidarisierungen und Auflösung der alten, auf der Einheit und Unteilbarkeit der Empörung basierende Haltungen und Gefühle verlangen (ich muß in der Lage sein, in einer Sekunde die avanciertesten feministischen Forderungen zu teilen und zu unterstützen, um mich, wenn ich global denke, im nächsten Moment mit einem Mullah gegen die USA zu solidarisieren, der möglicherweise eine so unfaßbar widerliche Praxis wie die Klitorisbeschneidung noch nicht abzuschaffen bereit gewesen war, geschweige denn deren Widerlichkeit überhaupt verstehen kann, in der einzigen mir bleibenden Hoffnung, daß, wenn ich ihm heute helfe, die Klitorisbeschneidung vielleicht zwei Jahrhunderte eher abgeschafft wird, als wenn seine Kultur und sein Land untergebuttert werden, hier auch gebe ich Claras Reformismus aus dem Living-Colour-Artikel recht: man kommt nicht weiter, wenn man nicht erst mal jedem die Gelegenheit gibt, denselben Scheiß zu machen, der einem privilegierten Individuum [Volk, Rasse, Geschlecht] geholfen hat, den Scheiß als Scheiß zu erkennen; in diesem Sinne kann man sogar erzsozialdemokratische Projekte wie die Quotenregelung unterstützen), gilt schließlich auch in dieser Republik. Ich brauche nur drei Stationen mit der Straßenbahn zu fahren in einen Vorort, wo ich in eine Disco gehen kann, wo völlig ungebrochen an den Ästhetiken und sie reflektierenden Problemen herumlaboriert wird, die schon drei Straßenbahnstationen weiter gerade in sechsfacher Brechung ihren dritten Durchlauf erleben. Und das ist okay. Wir erleben für jeden nachvollziehbar live vor unseren Augen und in unserem Leben die Abschaffung von linearer Geschichte, etwas was – anders als Begriffe wie Post-Histoire nahelegen – eben nicht ein Nach ist, dem Irrtum entsprechend, daß nach der Geschichte, ganz linear, etwas anderes käme, und nicht die Abschaffung der alten Widersprüche und Probleme bedeutet, sondern nur eine totale Veruneinheitlichung, eine Desynchronisation, die schon in einer normalen Großstadt Mitteleuropas drei Jahrzehnte (mit all ihren Unterepochen) ungestört nebeneinander existieren läßt, und das bezieht sich nicht nur auf Ästhetik, sondern auf alle Lebens- und Umgangsformen, Versuche, dazwischen noch Generationskonflikte zu finden, geben sich sehr schnell der Lächerlichkeit preis. Tendenziell addieren sich eher alle Probleme und Widersprüche zu einer ewigen historischen Sekunde auf, alles geschieht gleichzeitig, was ja auch damit zu tun hat, daß wir ständig schon unsere eigene Geschichte schreiben wollen, lange bevor das nach den alten Regeln überhaupt sinnvoll sein kann (aus panischer Angst vor ihrem endgültigen Verlust, natürlich). Die Optik des Steinschen Kulturfahrplans, daß die Daten der Jahrhunderte sich auf unsere Zeit hin tendenziell verdoppeln, ist unsere WeItwahrnehmung geworden, wir sammeln unausgesetzt Daten über die Gegenwart, um nur ja mindestens doppelt so viel über dieses Jahr zu wissen wie über 87. Jetzt blicken sie schon überall auf die 80er Jahre zurück. Alles, was diese Situation forciert, antreibt, verschärft, alles, was auf der Höhe dieser Entwicklung agiert, hilft uns und nicht denen, alles, was das Patchwork zu einem noch komplizierteren Patchwork werden läßt, hilft, durch Überschneidungen, komische Verbindungen und neue Unübersichtlichkeiten, hilft uns und nicht denen, denn das Patchwork ist von ihnen nicht mehr zu beherrschen, nur in der Ungestörtheit seiner Einheiten entstehen die Vorstellungen und Bilder, aus denen man Weltverbesserungen macht. Voraussetzung aber bleibt, daß wir ehrlich sind und nicht über Jahre reden, die wir noch nicht erlebt haben, nicht mehr geil sind auf eine Romantik des Geschichtlichen, die sich Zeiten verdankt, als es auch bei uns noch Tote und Kriege gab; denn da soll es ja hingehen, zu einer Art und Weise, alle Wahrheiten aller Menschen möglichst korrekt und gerecht auszusprechen. Ja, Gefühle dürfen und sollen komplizierter werden, aber da wo die Erfahrung und die Empfindung immer komplexer wird, ist der Selbstbetrug und die Lüge auch viel näher, und man muß besonders achtsam sein.

    Daß unsere Chancen auch damit erkauft worden sind, daß überall sonst auf der Welt immer brutaler geschlachtet und gemordet wird, haben wir gesehen. Aber auf der anderen Seite ist eine erste Welt der Patchworke ein besseres Verbündetenreservoir denn eine monolithisch als Subjekt geschlossen am einen Ende des Ausbeutungsprozeß agierende; je mehr wir den Austausch Peripherie-Zentrum intensivieren, und sei es über blöde Bewunderungsausbeutungen, desto größer ist die Chance, die Klitorisbeschneidung und den US-Imperialismus abzuschaffen, denn da die Dritte Welt keine Armee mehr hat, die ihr gelegentlich hilft oder Imperialisten wenigstens Ärger verspricht, eine rote, versteht sich, braucht sie jetzt eine Lobby oder eine Gewerkschaft, die sie nur durch Überpräsenz in nicht karitativen Zusammenhängen erreichen kann. Richtiger und falscher Gebrauch dieser Strategie spiegelt sich besonders dramatisch in der Musikentwicklung wieder, in der Herausforderung, die einerseits weiße Kultur durch schwarze Kultur erlebt und sich in Form noch so hilfloser und noch so peinlicher weißer B-Boys in Belgien austrägt und des andrerseits rein touristischen, direkt aus dem Boom des Busenbetatsch-in-Kenia-Ferntourismus entstandenen, sogenannten Weltmusik-Booms (auch wenn das der einen oder anderen verdienten Kraft zum verdienten Erfolg verholfen haben mag), ganz allgemein in den vielen verschiedenen und stattfindenden Formen von Inspiration, Ausbeutung und Herausforderung zwischen dekadenter Erster Welt und Dritter Welt an der Peripherie.

    Die Aussichten, die ein EG-Binnenmarkt mit sich bringt, verstärken diese Entwicklung naturgemäß, denn die Peripherie Europas ist noch aufregender als die Peripherie Deutschlands, grundsätzlich wird sich das Problem stellen, daß eine ideologische, religiöse, sinnstiftende Beherrschbarkeit tendenziell abnehmen wird, die Herrschenden werden früher oder später zu härteren Maßnahmen greifen müssen, aber die Chancen, daß sie dabei gemeinsam als ein Staat vorgehen werden, sind gering, eher werden wir es mit einem Patchwork der Mafias zu tun haben, das in den 90ern einem Patchwork der Subszenen begegnen wird. Üble Aussichten, meine Brüder, war wieder alles falsch? Gar nicht so falsch und bei aller Albernheit wie alles, was sich in der Popmusik ergibt also: das Gangsterimage.

    Und der Gangster des Jahres war natürlich Rösner, nicht Detlef Meyer, ein skrupelloser Mörder alter Niedere-Beweggründe-Schule. Rösner dagegen kämpfte nur um seine von Warhol garantierten Minuten, auf die nun wirklich jeder ein Recht hat, der was zu sagen hat. Ein oberster Grundsatz aller im guten Sinne und im eigentlichen Sinne demokratischen Politik ist: der oft abgewandelte und falsch zitierte Warhol-Satz, den jeder schon fünfzehn Mal gehört hat, lautet in Zukunft: Jeder hat das Recht in der Zukunft mindestens für fünfzehn Minuten berühmt zu sein, bzw., daß ihm jemand da draußen zuhört, seine Äußerungen, interessiert korrigierend, begleitet, jeder hat lebenslänglich Recht auf Publikum, und das ist nicht nur der cause against loneliness, das ist Menschenwürde, wie sie im Moment hierzulande verstanden wird, dazu hat man ein Recht: in die Glotze kommen und sich beschweren. Sendezeit gibt es zur Not gegen Bankraub mit Geiselnahme und brandgefährlichem Kumpel. Rösner war ganz der Weizsäcker-Schüler, als er sich die Bremer Reporter schnappte und sich seine 15 Minuten holte, der Mann hatte Spaß und nahm gleich die staatsmännische Grundpose ein: „Was ich euch zu sagen habe, Leute, ist nicht ganz angenehm, übel, übel wahrlich, aber ich bin honest genug, auch unangenehme Wahrheiten klar auszusprechen, und bin ansonsten bemüht, die Dinge im Sinne aller zu entscheiden, im Rahmen freilich der Bedingungen, unter denen ich handle“, so den alten Politikersatz klar machend: ich werde in dem Maße mich nicht wie ein Schwein benehmen, wie es mir als Schwein möglich ist. Nur was bei Weizsäcker echt ist, war bei Rösner nur von ihm selbst genossene Schauspielkunst, bis hin in die milieutheoretischen Verästelungen seiner und Degowskis Biographie. Ein Reaktionär im WDR erkannte schon am nächsten Morgen, was die anderen Medienschweine noch monatelang mit beispielloser Zynismus und Rügen des deutschen Presserats verdrängten: der Mann hat ja gesprochen wie ein Politiker, man darf einen Gangster nicht öffentlich wie einen Staatsmann sprechen und auftreten lassen. Wie ein Staatsmann spricht heute aber jeder, der genug ferngesehen hat, das ist das Ende der Macht. Und das ahnte die Macht, und nur deswegen, nur deswegen mußte Silke Bischoff sterben.

  • On Greil Marcus’ European Dream

    Lipstick Traces: A Secret History of the Twentieth Century, by Greil Marcus. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1989, 496 pp., illustrated, $29.95.

    Greil Marcus’ Lipstick Traces is a story of radical European dissent, and a story of the possibilities of negation as a cultural force. The book sometimes reads inspirationally – as an American mirror image of the European enthusiasm for and, often, overvaluation of dissidence in the United States, especially that of the tight-lipped, insane variety. Marcus’ approach to such European dissident groups as the Anabaptists and the Sex Pistols is lovingly analytic, but the book’s overall impression is of a romantic image formed at a distance – rather as European film critics writing about Hollywood, reversing the direction of Marcus’ gaze, romanticized the trends and subtrends of auteurship in the cinema of the 50s and 60s.

    Marcus has his story to tell because he was so moved by a Sex Pistols number that he had to explain to himself everything concealed in the song. In his explication of text and context, he voluntarily narrows his horizon to the partisanship of the fan. He trekked to Europe, to Zurich, Paris, and London, for research and interviews. Thus Gil Wolman, Michèle Bernstein, and Alexander Trocchi, veterans of the revolutionary/philosophical Lettrist and Situationist groups of the 50s and 60s, make their appearances, tell their stories, to complement narratives about popular songs and about the heretics of the German Reformation. Parallels are liberally drawn, for instance, between the 14th-century mystic Heinrich Suso, who had conversations with God, and the Sex Pistols’ 1978 farewell concert at the Winterland Ballroom in San Francisco. But these tales and parallels do not function in Marcus’ book as the elements of a scholarly argument, for Marcus makes texts speak not by interpretation but by cutting from one to the other.

    If Karl Marx could write, in 1843, “Our motto therefore must be: Reform of consciousness, not through dogmas but through analysis of the mystical consciousness which is unclear to itself, regardless whether it is religious or political. It will then be shown that the world has long possessed the dream of a thing,” Marcus puts Marx on his feet (or on his head, depending on the reader’s perspective) by taking a consciousness that is clear to itself – the consciousness of the most radical dissidence, of the most peremptory negation, and hence, logically, of the most acute clarity conceivable – and helping that consciousness give birth to a dream: the dream of negativity. In its mysticism, its radicality or hermeticism, its offensive aggressiveness, its simultaneous eloquence and unintelligibility, this “European dream” has always been concealed even when obvious, unarticulated even when outspoken. A more comprehensive account of it than Lipstick Traces has never been written. (The discussion of Situationism, for example, has never gotten beyond name-dropping, the phony feather on Malcolm McLaren’s hat, and the inflation of old treatises and randomly floating theories.) There is another, unabsorbed history: a series of more or less heroic, more or less criminal attempts to get outside the fatality of the social, outside the system, whose protagonists are occasionally allowed to become known as individuals but never to gain power. Despite changes of venue, despite totally different frames of reference, we are presented with ideas and problems of dissidence so strangely similar as to assume an almost mathematical symmetry, from medieval Christianity to rock ’n’ roll, from Dada to the negation of youth rebellion (the permitted and thus incapacitated kind) in such punk utterances as “I am a cliché”.

    That this history has not yet been told is due partly to the fact that the focus on dissidence in Western historiography has always turned into a narrative of failure and of the victories of power and the system. In Marcus’ citations of the documents of dissidence, however, and despite the pessimism in the tone of his book (which was written during the Reagan and Thatcher years, the period of the great restoration of the material world), an optimistic positivity of negativity ultimately comes into its own. “Don’t Talk to Sociologists,” sang Red Crayola with Art & Language on their 1976 album Corrected Slogans. And Marcus heeds this essential of a variant historiography of subculture and dissidence. He resists becoming an informer to the out-of-uniform police sciences, compelled willy-nilly by a conventional methodology to describe negation or dissidence as a symptom of disease in the social body. He is not interested in a teleology of linear progression (discourse on liberation, revolution, the setting up and pulling down of barricades and borders implicitly suggests a linear progress toward a goal). Hence the dreamlike quality of the book: the leaps in time, the analogies among radically different places and eras.

    Just what goes on in a Sex Pistols song? When Europeans ask, Just what is there in a song by the Band, the Grateful Dead, or the Gun Club, we often have been supplied the answer, All of America. A Sex Pistols song does not contain all of Europe, just as a Band song does not really contain all of America – does not contain, for example, what is expressed in a Public Enemy album, which itself does not contain all of America, but black American culture (and only part of that). Marcus’ ultimate motivation is always the “unbelievable din” that he encountered in the final third of “Holiday in the Sun.” Some of its content partakes of the European radicalism and dissidence that he sees extending in a kind of continuity from Suso to the Lettrists, and on from them to British punk bands, and he sets up the documents of this culture in such a way that a clear profile of it emerges. Most important to note, it does not come into being merely as a countervailing, self-protective reaction to oppression; such a reaction would ultimately dissolve, like sugar in tea, into some form of proposal for improving the organization of capitalist democracy without fundamentally changing it. Instead, negation is a primary device of uncommodified, self-sufficient human conditions like being different from others, being black among whites, being young, being criminal, and so on. To demonstrate this is one of the main achievements of Lipstick Traces.

    Using arguments from Marx, Theodor Adorno, and Guy Debord, Marcus follows the borderlines of different subcultures as they are revealed by such artifacts as rock ’n’ roll records – in other words, by commodities. He does so without slipping into the usual pessimistic attitude that this boundary of consumer goods is undialectically both absolute and absolutely deadly for the “correct ideas of humanity, which bleed to death along its fences.” It’s true that the commodity, and the market system in which it exists, set the limits of an idea’s availability, definition, and freedom of movement, but also, it can carry unforeseen meanings, unperceived by the power that Public Enemy invites us to struggle against on its latest single. Similarly, Marcus liberates words, or at least names, from their police function. Thus he moves from Sex Pistols singer Johnny Rotten’s real name, John Lydon, to the Dutch heretic John of Leyden, who, for about a year in the early 16th century, ruled the German city of Münster as king of the “New Jerusalem”, and enacted such laws as the abolition of private property. Likewise, the author feels free to jump from Norman Cohn, the historian of heresy, to his son Nik, the historian of rock ’n’ roll, who, according to Marcus, put a heretical curse on anyone who hears something more complex than “I want” or “I don’t want” in rock ’n’ roll. Marcus simply pays homage to those musicians whose “I want” and “I don’t want” (especially the latter) is strong enough to be placed in a series with corresponding symbolic configurations in history.

    In the terms of Marcus’ narrative, the “European” “I don’t want” and the “American” “I want” seem crucially different. Ultimately, however, they prove to be two forms of the same subversive self-confidence, unforeseen by authority and alienated by the system. In America, this self-confidence is conceived as affirmation (of individual happiness, community, nature, solitude, whatever), whereas in Europe it seems to pass through a relationship with church and state, whether by imitating them or by struggling against them. These problematics materialize on album jackets, in images, in music, in speech. Marcus’ tale does not pretend to bring them to any summary end; to understand them, we must always start from scratch.