Autor: admin

  • Der Mythos nervt

    Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich in dieser Zeitschrift, Rap, Electric Boogie und alles, was dazugehört, sei trotz aller Wiederholungen auf Platte und in den unzähligen wohlwollenden Berichten in Presse, Film, Funk und Fernsehen immer noch die einzige Neuartigkeit auf dem weltweiten Markt der Pop-Entwicklungen. Inzwischen kann ich’s auch nicht mehr hören, und das nicht nur, weil die Musik schlechter geworden ist. Nein, der Mythos nervt einfach zu sehr. Ist in die falschen Hände geraten. Die South Bronx ist spätestens seit dem Moment terra non grata in meinen Ohren, seit sie mit Berlin-Kreuzberg verglichen wird und sich der deutsche Alternativspießer mit seinem großen Herz für Minderheiten und keiner Ahnung von den sozialen, kulturellen und politischen Realitäten kurzerhand die Türken von Kreuzberg zu unseren Negern erklärt und deswegen so furchtbar viel Freude an elektrischen Pantomimen aus dem Ghetto entwickelt, weil sie plötzlich einen sozialen Sinn bekommen haben. Bestimmt wird Berlin die Stadt sein, die als erste ihren staatlich subventionierten Breaker-Contest hat.

    Rap war gut, weil er schwarze Smartness transportierte. T-Ski Valley und Melle Mel, Afrika Bambaataa und die Jonzun Crew waren und sind Stationen der Pop-Geschichte, die ich nicht missen möchte. Und das Geräusch von hin- und hergedrehten Schallplatten, das weltberühmte Scratchin’, hör ich so gerne, daß mir Herbie Hancocks „Rockit“ auch dann noch Spaß macht, wenn Norbert Schramm seine Kurzkür danach tanzt. Außerdem kommt meistens immer dann, wenn man denkt, keinen Rap, keinen Electric Boogie, keine Arthur-Baker-Produktionen mehr hören zu können, eine neue Platte, die es einem wieder möglich macht. Zuletzt „White Lines“ von Grandmaster Flash und Melle Mel und „U.S.A. Is The Best“ von T-Ski Valley. Aber die Medien bauen gerade die unattraktiveren und wiederholungsintensiveren Teile der Gesamtbewegung zu derart unerträglichen Sinnstiftungsruinen auf, daß man sich nur mit Grausen abwenden kann. Und das tue ich.

    Auch wenn mir kleine Möchtegernschwarze mit weißen Micky-Maus-Handschuhen in der U-Bahn an der Mönckebergstraße selbstverständlich lieber sind als die Gitarrenspieler, die dort noch bis vor einem Monat ironischerweise „The Times They Are A-Changin’“, wider das bessere Wissen des zwanzig Jahre alten Songs, Tag für Tag wie hungrige Kojoten heulend, deklamierten. Doch genau so, wie man sich, wenn die Langeweile am größten ist, auf rettende Platten-Neuerscheinungen verlassen konnte, konnte man sich bisher immer auf das Konzert verlassen, das einem dann die Freude an DJs und MCs zurückgab, wenn man sich eigentlich todsicher war, kein weiteres Mal ertragen zu wollen, wie sich New York seines Jugendarbeitslosigkeitsproblems entledigte, indem Gotham junge Männer nach Europa schickte, die sich dort darin gefielen, Wettkämpfe auszutragen, wer vor ahnungslosen Mitteleuropäern am schnellsten die Platte „Good Times“ von Chic kaputt scratchen konnte.

    Ein gutes Konzert war die Show von Whodini im Trinity. Nachdem vorher überall die DJs dieselben Kunststückchen vorführten, man der Glasabtaste-Pantomimen überdrüssig war und die mitfühlenden Fernsehfeatures über den in der Tat interessanten, aber nie auch nur ansatzweise bewältigten Zusammenhang zwischen Tanz, Elend und juveniler Delinquenz in gewissen Abbruchvierteln in …, na ihr wißt schon, als also das ganze Zeug schon schwer im Schwange war und zu nerven anfing, machten Whodini einfach gutes US-Entertainment, billig, aber von gutem schwarzen (im Sinne der Hautfarbe) Humor gesegnet ohne große Gesten; einfach Verkleidungen und Maskerade und Witz für die Kids. Der Humor, den außer T-Ski Valley alle im Rap-Geschäft verloren zu haben schienen, war wieder da. Daher könnte man das Konzert in der Markthalle, das außer von Whodini von unbekannten Leuten bestritten wird, ganz nett werden. Für die, die es schon gesehen haben, wohl eher nur eine Wiederholung.

    Nun kommt aber zu allem Überfluß noch das Kino hinzu. Der vom ZDF produzierte Rap/Graffiti-Film Wild Style präsentiert allerlei große Namen, hatte eine nette, leicht ironische Geschichte und ist zwei Jahre alt. Charlie Ahearn, Veteran des New Yorker No-Wave-Kinos und Bruder des berühmten South-Bronx-Bildhauers John Ahearn, hat mit leichter Hand Regie geführt. Wer Wild Style noch nicht kennt (lief natürlich vor langer Zeit schon im ZDF), soll sich das ruhig mal ansehen. Wirkt heute alles sehr historisch. Schlimmes muss man allerdings von Breakdance Sensation ’84 befürchten, einer in Rom und New York gedrehten Italo-Produktion, in der ein armes weißes Mädchen (eine Italienerin!) und ihre Freunde (weiß! Italiener!) von einer Breakdance-„Karriere“ (Was ist das?) träumen und an Breakdance-Meisterschaften in New York teilnehmen. Daß die Rocksteady Crew Musik beisteuert, mag ein Lichtblick sein. Er ist zu klein gegen einen völlig bescheuerten Plot, den ein Regisseur umsetzen muß, der bei Sergio Corbucci gelernt hat. Die Italiener hängen sich eben an alle Trends ein paar Jahre zu spät an und produzieren Billig-Versionen.

    So könnte dieser Film ein weiteres Indiz sein, daß das Ganze wirklich vorbei ist und die Show in der Markthalle das letzte Rap-Ereignis in Hamburg wäre. Dann künden nur noch die peinlichen Graffiti-Imitationen an der Bundesbahn-Unterführung auf dem Fußweg „Vienna“ – „Subito“ von Hamburgs Hip-Hop-Kultur und nur noch der Bild am Sonntag-Wahrnehmung fällt etwas Besonderes am Breakdance auf: „Man braucht dazu keine Frau“.

  • Die Krise des Publikums

    Der HSV hat keine Krise, allenfalls eine leichte Wintergrippe. Wie Hamburgs Fußballfans die Glanzzeit ihrer Kicker verschlafen, schildert Szene-Autor Diedrich Diederichsen

    Kann von einer Krise des HSV nach dem 1:1 n. V. gegen Stuttgart überhaupt noch gesprochen werden? Nur weil er, vom Ungemach des Verletzungspechs verfolgt, mal drei Punkte Rückstand auf den Spitzenreiter einfing? Weil er vollkommen unwichtige Super- und Übercups, deren Erwähnung nicht einmal lohnt, zu gewinnen sich nicht die Mühe machte? Weil er vor französischer Minimalkulisse nicht die rechte Lust hatte, sich gegen mediterrane Murksmannschaften allzusehr ins Zeug zu legen?

    Der einzige Vorwurf, den man dem HSV machen kann, ist das Ausscheiden aus dem Pokal der Meister, aber den hat das Hamburger Publikum zu verantworten. Beim Rückspiel gegen die namenlose rumänische Mannschaft hatte die machtvolle Kulisse bereits drei Bälle ins Tor gebrüllt und verlor dann plötzlich den Sinn für die Realitäten. Man glaubte, der HSV führe 3:0, sang „Oh wie ist das schön“ und versetzte die Spieler in einen debilen Glücksrausch. Dabei stand es erst 3:3.

    Oder soll man von Krise sprechen, weil Schatzschneider seinen katastrophalen Musikgeschmack unlängst im Club präsentierte („BAP“ und „Men Without Hats“)? Aber nicht doch! HSV-Spieler hatten noch nie Geschmack. Als das Abendblatt vor Jahren eine Umfrage veranstaltete, was die HSV-Spieler gerade läsen, gab nur Rudi Kargus eine vernünftige Antwort („Dylan Thomas“), und der spielt jetzt bei Nürnberg. Daß Schatzschneider nicht trifft, ist auch nicht so tragisch. Weiß denn keiner mehr, wie der HSV-Star Keegan eine geschlagene Saison (seine erste), schlimmer als Wolfram Weltke in seinen schlimmsten Zeiten, wie ein Brummkreisel ineffizient über den Platz torkelte. Und später wurde er so populär, daß die Hamburgerinnen ihre Söhne massenhaft „Kevin“ tauften und Keegan öffentlich darüber nachdachte, seinen Sohn zum Dank „Helmut“ zu nennen (nach dem damaligen Bundeskanzler).

    Stattdessen muß man anerkennen, sich klar machen, dass der HSV die einzige deutsche Mannschaft ist, deren Glanzzeit jetzt, hier und vor unserer aller Augen stattfindet. Hamburger sind die einzigen Fußballfans Deutschlands, die die mythologische Epoche ihres Vereins jetzt erleben können. Die nicht von den 30ern und Szeppan und Kuzzora träumen müssen, nicht von den 70ern und Beckenbauer und Maier, oder Weisweiler und Netzer, nicht von den 50ern und Fritz und Ottmar, nicht von den 60ern und Overath und Weber. Denn außer Spundflasche Posipal und Seeler (okay, nicht zu vergessen Knöpfle, Mahlmann, Gawliczek) ist Hamburgs Geschichte nicht reich an Mythen. Der HSV ist jetzt, und da fordere ich mehr Begeisterung als das vollnarkotisierte alljährliche Meisterfest (auch wenn das letzte mit seiner dumpf-norddeutschen, temperamentlosen, protestantisch-alkoholisierten Massenverbrüderung zu den Ereignissen des Jahres 1983 zählte) und mehr Solidarität und Durchhaltewillen bei Fans und Medien. Daß das Abendblatt in seinem ansonsten hervorragenden Sportteil von einer Krise des HSV spricht, kündet nur von beispiellos schlechtem Gedächtnis, das offensichtlich nicht einmal bis 1973 zurückreicht, als der HSV eine Saison lang Abstiegskandidat war, geschweige denn bis 1967, wo der HSV in der Rückrunde 8 von 34 möglichen Punkten machte. In den letzten fünf Jahren war der HSV dreimal Meister und zweimal Zweiter, also so erfolgreich wie nie in seiner Vereinsgeschichte.

    Das liegt nicht nur an zwei Männern, das wird von diesen zwei Männern auch hervorragend repräsentiert. Happel und Netzer sind die glamourösesten Stars der ganzen Bundesliga und als Charaktere den heutigen Kickerstars – meistens gänzlich unspektakuläre Schnauzbart-Charaktere, die man als Türsteher nicht ins Lokal ließe – schwer überlegen. Da Happel und Netzer die Geschicke dieser Mannschaft bestimmen, kann diese auch keine guten Spieler gebrauchen, die es ja sowieso nicht mehr gibt, sondern formbare. In Hamburg wird Autorenfußball gespielt. Regisseur und Produzent sind wichtig, nicht die Schauspieler („Schauspieler sind Vieh“, Alfred Hitchcock), und das ist die aussichtsreichste Methode, dem Fußball über die Krise der abwesenden Stars hinwegzuhelfen.

    Q.e.d.: Nicht der HSV ist in einer Krise, allenfalls von einer leichten Wintergrippe angekränkelt, sondern das Hamburger Publikum, ihm geht das Gespür für eine historische Epoche ab, die es sehenden Auges verpennt. Und Günter Netzer, dieser klassische 60er-Jahre-Star, sollte sich etwas häufiger mit Blondinen und italienischen Sportwagen fotografieren lassen.

  • Big Nachbar is watching you!

    Diedrich Diederichsen über den Einbruch des „neuen Medienzeitalters“ in Ludwigshafen

    Diederichsen, 26, Journalist in Hamburg, ist Mitautor des TV-Magazins Schön ist die Welt, dessen erste Folge am 7. Januar in Ludwigshafen gesendet wurde.

    Ich hatte es mir immer so vorgestellt: Wenn ich einmal alt wäre, käme es mit der Regelmäßigkeit und Häufigkeit, die für Greise typisch ist, zu folgender Szene: Die Schar der Enkel besucht den Opa, und der erzählt von früher. Von der schlimmen Zeit, 83-95, damals unter Kohl, und was sie im Atomkrieg alles durchmachen mußten, und wie froh sie waren, als es vorbei war, und wie es dann erstmal nichts zu essen gegeben hätte und so weiter.

    Aber abschließend würde ich resümieren: „Eines, Kinder, eines muß man dem Kohl ja lassen. Er hat ja die Kabel gelegt, nicht wahr, er hat ja die Kabel gelegt.“ Und die Kinder würden es nicht mehr hören können.

    Aber ich fürchte, nach drei Tagen Kabelfernsehen beim Kabelpilotprojekt in Ludwigshafen: Kohl wird nicht einmal diesen Kredit von der Geschichte bekommen. Die Autobahnen waren irgendwie doch besser.

    Zunächst muß man erst mal alle Illusionen fallenlassen, die man als kunstsinnig-kosmopolitischer Mensch hegen könnte, wenn man an Cable-TV denkt. Cable ist nicht Kabel. (Kabel sind schwer und kupfern und werden mühsam eingebuddelt, Cable sind flink und schnell und werden einfach verlegt.) Ludwigshafen ist nicht Manhattan.

    Kein Ugly George schleicht durch die Straßen mit einem kompletten TV-Studio auf dem Rücken und hält nach Mädchen Ausschau, die sich spontan vor seiner Kamera ausziehen; kein Glenn O’Brien setzt sich mit George Clinton, dem Funk-Heiligen, und Debbie Harry vor eine Sowjet-Flagge und liest aus sozialistischen Klassikern vor; kein Andy Warhol gibt smarte Sentenzen von sich, kein John Sex zeigt seine East-Village-notorischen Performances.

    Nein, das Jazz-Orchester des Otto-Hahn-Gymnasiums Landau spielt Swing, ein Low-Budget-Moderator schnippt die Wurstfinger (Das macht man so beim Jazz. Wo? Beim Jazz, wissen Sie denn nicht, diese neue Negermusik aus New Orleans?), und zwei Buslinien führen vom „Haupt“ (ein Euphemismus, der auch in Kempten und Hagen Großstädtisches suggerieren soll)-Bahnhof nach Oggersheim.

    Was in Ludwigshafen begonnen hat, hat so wenig mit neuen Medien, Innovationen und 80er Jahren zu tun wie Robert Lembkes Beruferaten oder eine Wiederholung der ersten Drehscheibe, es reflektiert eine Wirklichkeit, die aus Weltkrisen, Weltwährungszusammenbrüchen (bevorstehenden) und Walid Dschumblats gewoben ist, so wenig wie das Altenmagazin Mosaik. Es leitet vielmehr das von Helmut Kohl geplante mittelfristige kultur-, jugend-, medien- und familienpolitische Projekt der totalen Provinzialisierung der Bundesrepublik ein. Je provinzieller ein Staat, desto leichter regierbar.

    In der Sendeanstalt arbeiten nette, skeptische Süddeutsche. Man fragt mich: „Was, Sie wollen sich das Zeug wirklich ansehen? Kriegen Sie denn Schmerzensgeld dafür?“ Auf dem Papier habe ich die Wahl zwischen acht Kanälen, als ich mich vor einem der Journalistenmonitoren niederlasse, aber die meisten sind erst schwach gebucht. Nur zur Hauptfernsehzeit um 20.15 Uhr feuern alle.

    Der erste Tag ist geprägt von Selbstrechtfertigungen, von Features und Talk-Shows des Inhalts „Kabelfernsehen – Fluch oder Segen?“ Das Tempo ist gemächlich.

    Macher stellen sich vor. In ihrer ganzen Merkwürdigkeit. Eine Managertype, die Videoclips zeigen will, möchte „Sehgewohnheiten ändern“. Ja, das gute, alte „Sehgewohnheitenändern“ ist inzwischen in der Chefetage angekommen.

    Ein Mann vom „Katholischen Rundfunkdienst“ verweist auf das ausgezeichnete seelsorgerische Mittel der Kirchenmusik. Das „Erste Private Fernsehen“ bietet die Möglichkeit, Glückwünsche an die Lieben über das Kabel zu jagen. Die FAZ erklärt, warum sie für den Kanal des Serien- und Spielfilmanbieters PKS Nachrichtensendungen produziert, und im Hintergrund surrt und piept allerlei Gerät, das augenfällig machen soll, wie modern die FAZ ist.

    Tatsächlich begründet sie ihren Entschluß, die Kabeltechnologie zu nützen, damit, daß auch bei einer modernen Tageszeitung viel Elektronik im Einsatz sei. Ich fahre Auto, weil mein Fahrrad auch Räder hat.

    Der „Bürgerservice“ stellt in der ersten Ausgabe seines Sub-„Tele-Illustrierten“-Magazins TelePfalz seine vielen Dienstleistungen vor. Vor allem Banken und Sparkassen begründen ein ums andere Mal, wie wichtig für sie das Kabelfernsehen sei und vice versa. Was haben sie den Bürgern nicht alles mitzuteilen! Wie viele Abende wollen sie doch füllen mit Sendungen über das Bausparen, äh das Bausparen eben, dann ja das, wie gesagt, das Bausparen und – ach, ja – die Möglichkeit per Scheckkarte Geld auch nach Schalterschluß aus dem Automaten zu ziehen.

    Krankenhäuser, Pädagogische Hochschulen und Kinderverkehrsschutzklubs sind zu Diensten, und Folklore-Gruppen begleiten den prickelnden Start in die Medienzukunft mit Blockflötengefiepe, Gitarrengezirpe und glockenhellen Mädchenstimmen.

    Die Bild-Zeitung kommentierte am nächsten Tag: „Der Bürger sieht, was ihm gefällt.“ Ja, so ist es wohl. Der Bürger. Der Bürger. Der Bürger ist das Subjekt der verkabelten Provinz, „der Bürger“, im Kohl-Slang, der klassenlose, gesichts- und geschichtslose Bürger. Der Bürger und seine Familie.

    Sendealltag am 2. Januar: die gleichen Provinzsendungen von EPF und „Bürgerservice“; die grinsenden Moderatoren des ZDF-Musikkanals; die in der Regel mediokren, immer veralteten Videoclips; ein guter alter Lateinlehrer, der, auf dem „schlauen Kanal“ des SWF, uns die Sätze „Rusticus arat“ und „Ancillae in horto sunt“ beibringt.

    PKS bescheren mir den einzigen Genuß, der länger als ein Pop-Song dauert: Ufo gehört zum schillerndsten, was in der goldenen Ära britischer Trash-Pop-Serien in den Spät-60ern und Früh-70ern entstanden ist. Ein Mann mit Cäsarenfrisur und superschickem Pininfarina-Sportwagen leitet eine Organisation, in der schwarze Mädchen mit violetten Perücken und Sci-fi-Miniröcken arbeiten und die Außerirdischen bekämpft, die Bomben auf britische Außenminister werfen.

    Wie schön hat man sich damals die Zukunft vorgestellt, wie schlimm ist sie geworden. Denn außer den Klassikern Paper Moon und Minimax hat auch PKS konzeptlos eingekauft, was an Serien billig zu haben war. Die Spielfilme sind zweite Wahl.

    Wer hofft, gute, neuartige Werbung würde vielleicht ein wenig über den wirklichen Zustand unserer Welt Auskunft geben, sieht sich ebenfalls getäuscht. Die Werbeblocks sind nicht voll, und die dafür eingeplanten Sendezeiten müssen mangels Beteiligung der werbetreibenden Wirtschaft nach einem aus ARD und ZDF hinreichend bekannten „Sanostol“-Spot mit Pausenbildern vom schönen Ludwigshafen gefüllt werden.

    Die Programme sind wie ihre Moderatoren unsicher. Andauernd betteln sie ums Einschalten, geben sich devot, biedern sich an, sind auf eine noch unerträglichere Weise um Verständigung, um es dem Dümmsten recht machen, bemüht als die schlimmsten Exzesse in dieser Richtung bei ARD und ZDF.

    In einem Videoclip der famosen britischen Politbeatband The Jam wird eine Tafel gezeigt, die programmatisch sagt, wie Populärkultur auftreten muß, selbstbewußt nämlich, wenn sie ernst genommen werden will: „If we’re not getting thru’ to you, you’re obviously not listening!“

    Zwei mögliche Ausnahmen bleiben. Der „Sky Channel“, der via Satellit jeden Abend aus London sendet, könnte die eine sein. Auch hier veraltete Videos der 2. Liga, aber immerhin eine englischsprachige Präsentation mit einem Punkmädchen im Studio, die etwas näher am Gegenstand ist, auch wenn der Hauptmoderator wieder ein unsäglicher Sympath aus der bewährten Bubi-Schule ist. Danach immerhin gute englische Werbung, in der die Welt aussieht, wie sie aussieht, und mittelprächtige Serien wie Charlie’s Angels, aber im Original.

    Die andere Ausnahme wäre der „Offene Kanal“. Hier kann jeder, der will, der Bürger natürlich, seine eigene Sendung machen. Jugendliche zeigen Sketche gegen Ausländerfeindlichkeit. Zwei Schülerzeitungsschreiber meinen: „Bei uns fließt der Rhein, und der ist ja sehr verschmutzt, und darüber könnte man doch mal berichten.“ In der Tat. Wow! Ein weiterer Beweis für meine These, daß die Einübung in das Denken in Fernsehfeatures eine weit größere Gefahr für die Jugend darstellt als der Film Man-Eater.

    Ein Videogalerist, der sich um den Sieg im Bazon-Brock-Doppelgänger-Wettbewerb bemüht, daß ich zuerst dachte: „Et tu, Bazon?“, möchte dem Volk Videokunst nahebringen. Die Programmvorschau verweist auf Sendungen, die sehr nach dem klingen, was jugendliche Bürger auch bei der ZDF-Sendung Direkt schon mal zum Gegenstand von Handkamera-Bemühungen machen dürfen: Mannheimer Friedenswoche und ähnliches, das im offensichtlich weitverbreiteten journalistischen Normalbewußtsein als „Thema“ gilt.

    Trotzdem darf jeder, wirklich jeder sein Tape vorbeibringen. Die AKK nimmt keinen Einfluß, sondern berät, stellt Zubehör zur Verfügung und übernimmt Produktionskosten. Das Band wird vor der Ausstrahlung nicht einmal angesehen. Vielleicht also eine Chance, etwas mehr Sex, Gewalt und Agitation ins Programm zu bekommen. Das einzige, was weder öffentlich-rechtliches, noch Privatfernsehen zeigt.

    Aber es wird schon nicht so weit kommen. Kommen wird etwas anderes: Das Fernsehen wird seine Autorität verlieren. Fernsehen ist nicht mehr DIE STIMME des Staates, der man widersprechen kann, die als Gegner erkennbar ist. Fernsehen wird zum Forum freundlicher, dilettierender Biedermänner, Leutchen von nebenan, denen man nicht widerspricht, weil sie so harmlos aussehen wie eben auch Kohl und Blüm.

    Wenn Köpcke verkündet: „US-Präsident Reagan erklärte, die Invasion der USA in Syrien sei nicht als kriegerischer Akt zu verstehen. Die Luftlandetruppen würden nur schießen, wenn sie angegriffen würden“, sagt der Zuschauer: „Das nenne ich Zynismus, dieses Schwein!“ Wenn dieselbe Nachricht von einem Oggersheimer Nachbarn mitgeteilt wird, nickt man und schlürft pfälzischen Wein.

    Ähnlich verhält es sich mit der durchs Kabelfernsehen vollzogenen Institutionalisierung der Panne. War die Panne früher der große subversive Moment im Fernsehen, der Moment, wo etwas sichtbar wird, die Wahrheit z. B., verlieren Panne und Versprecher jetzt jede Kraft, weil die Grenzen zwischen Amateurvideo und ZDF fließend geworden sind.

    Der Effekt nach drei Tagen Kabelfernsehen ist nämlich nicht der, daß man sich wieder nach den alten Anstalten sehnt, sondern daß auch das ZDF plötzlich aussieht wie „Bürgerservice“. Das Mühevolle, Verquälte und Normalmenschliche wird in einer Weise sichtbar, daß jede Fernsehautorität zu spießiger Nachbarschaftlichkeit verkommt. Helmut Kohl wird zum Big Nachbar.

    Sollten einmal andere, richtige Großstädte ein solches Programm bekommen, wird Entsprechendes passieren: Ohnsorg-Missingsch in Hamburg (nicht die liebenswerte Donald-Duck-Welt des Hamburger Abendblatt), 365 Tage Karneval und Tünnes un Schäl in Köln, neueste Ekligkeiten mit Schnauze in Balin. Nachbarn auf allen Kanälen und Big Nachbar is watching you.

  • Solidarität mit dem Großen Bruder

    Wie vorherzusehen war, schwappt eine Welle von Neuerscheinungen zum Thema 1984 in die Buchhandlungen

    Das Friedensjahr 1983 endet mit Hochrüstung; aber mit der ominösen Jahreszahl Neunzehnhundertvierundachtzig wird sich eine neue „Bewegung“ einmal mehr bereit erklären, eine allgemeinverständliche Minimalforderung zu stellen: den Nichtabbau der bürgerlichen Freiheiten. Die Rettung des Individuums.

    Der Überwachungsstaat schaffe sich immer neue Methoden der Bespitzelung und Auskundschaftung; das Sicherheitsbedürfnis der Nuklearindustrie erfordere unmäßige Kontrolle; neue Medien, Kabel und Dateien knüpfen ein lückenloses Netz, um den Untertanen, citoyen, citizen, civis, einzelnen, DAS INDIVIDUUM, in jeder Nuance zu erfassen; fälschungssichere Personalausweise und elektronisch aufgezeichnete Sünden vermiesen den Individuen ihren Individualismus, und unsere schöne „Demokratie“ (deren Erhaltung bekanntlich wichtiger ist als der Fortbestand der Welt) wird zum „totalitären“ Staat. So und ähnlich sehen es die Verfasser von Anthologien, Broschüren, Agenden, Kalendern und Postkarteneditionen, die zur Zeit zum Thema publizieren. Woher kommt so ein Denken?

    1948 war die Geburtsstunde des Romans 1984 und gleichzeitig die eines neuen Welt- und Feindbildes. An die Stelle der alten Gegensätze Sozialismus/Kapitalismus, Kapital/Arbeit, Unternehmer/Arbeiter, Freiheit/Faschismus traten neue Polaritäten und die soziale Frage wurde kurzerhand suspendiert. Das weltpolitische Böse, das Nazireich und seine Ideologie waren zerstört und lagen vernichtet danieder. Eine Weltsicht mußte her, die das Gemeinsame des alten bad guy (Adolf) und des neuen (Iwan) hervorheben sollte. Churchill erhielt in den Kriegsgefangenenlagern die alte Struktur der Wehrmacht aufrecht und war bereit, Millionen deutscher Kriegsgefangener gegen die Rote Armee ins Feld zu jagen. Die Chance, das störende Sowjetreich zu besiegen, war für den Westen nie größer als zur Stunde Null. Die dazu und darumherum betriebene moralische Aufrüstung erfand den Totalitarismus, der eine Kontinuität der Kämpfe gegen den Faschismus mit den bevorstehenden Kämpfen gegen den, wie auch immer entstellten, Kommunismus vorspiegeln sollte.

    Links und rechts war nun nicht mehr das Problem. Sowohl links als auch rechts waren abzulehnen, eine ominöse Mitte, die den Standort eines ideologielosen Kapitalismus markierte, war die gute Seite. Meine Generation wurde nach der Maxime erzogen, daß es prinzipiell zwei Staaten gäbe, solche mit Pressefreiheit und solche ohne; letztere spielten meistens auch schlechter Fußball. Der neue Gegensatz hieß Demokratie/Totalitarismus und bildet bis heute die gültige Rechtfertigung für sämtliche noch so sinistren imperialistischen Reflexe des westlichen Bündnisses. Ein Manifest dieser Gesinnung war der Roman 1984, geschrieben von einem Labour-Party-Member, das sich von Stalin persönlich enttäuscht fühlte und dem im spanischen Bürgerkrieg die Begriffe abhanden gekommen waren, als sich plötzlich Linke untereinander bekriegten. Moskaus brutales Vorgehen gegen Anarchisten und Trotzkisten rächte Orwell, der an der Seite der trotzkistischen Miliz P.O.U.M. gegen den Faschismus gekämpft hatte, indem er Stalin als diesen legendären Big Brother porträtierte, der mit seinen Televisoren in alle Winkel der Welt blicken konnte.

    Das Interessanteste an Orwells SF-Vision ist die Darstellung der Propaganda im totalen Staat, in die manches Zeitgenössische wie der gerade erfundene neue Gegensatz (Demokratie/Totalitarismus) bewußt oder unbewußt eingegangen zu sein scheint. Die Technik, Politik mittels willkürlicher Benennungen zu rechtfertigen, durch Begriffe Realitäten umzuschreiben, beherrscht Orwells Ministerium der Wahrheit bereits zu einer Zeit, als man sich Begriffspaare wie „Arbeitgeber/Arbeitnehmer“, die Formel von der „Sozialen Marktwirtschaft“ oder das mythische „Wachstum“ erst noch ausdenken mußte. Werner Meyer-Larsen geht in seinem Beitrag zu dem von ihm herausgegebenen Spiegel-Buch Der Orwell-Staat recht ausführlich auf derartige Sprachregelungen ein und bringt diverse Beispiele aus Ost und West. Die westlichen sind dabei meistens die raffinierteren, schwerer durchschaubaren.

    Bezeichnend auch, daß das im 1984-Staat proklamierte „Zwiedenken“, von Orwell hilflos als eine Entlarvung vermeintlich verlogen-totalitärer Züge des dialektischen Materialismus gedacht, sich in diesen meistens dichotomen Sprachregelungen wiederfindet. Doch wer nur in Gegensatzpaaren denkt, denkt nicht dialektisch. Wer die Welt in Gut und Böse aufteilt, ist kein Hegelianer. Ronald Reagans sogenannte „Jedi-Rede“ („Die Sowjetunion ist das Imperium des Bösen“) verdankt sich nicht der Dialektik, sondern, wie von der US-Publizistik richtig erkannt, Star War Teil III und dem Zwiedenken im „Wahrheitsministerium“.

    Dennoch gilt für den Westen prinzipiell, daß nicht die Propaganda-Lüge, sondern subtilere, eben liberale Täuschungen die Regel sind. Die Lüge ist eine stumpfe Waffe und entspricht in der Geschichte der Propaganda dem Bajonett. Der Westen ist aber im 20. Jahrhundert auch auf diesem Sektor, im Gegensatz zum propagandistisch rückständigen Osten, längst bei atomaren Mehrfachsprengköpfen angelangt. Die meisten Autoren der neuen Bücher zur Orwell-Bewegung wie Der große Bruder ist da (herausgegeben von Alfred Pfaffenholz) und Orwells Jahr (herausgegeben von Dieter Hasselblatt), um nur die interessanteren zu nennen, orten die Gefahren, die das Ministerium der Wahrheit symbolisiert, vor allem im Osten, wo unsere segensreiche Pressefreiheit fehlt und Meinungen der staatlichen, nicht der Kontrolle eines freien Marktes unterliegen. Nein, für den freien Westen fürchten sie Bespitzelung, Überwachung, Volkszählung, Dateien, BKA etc. und deren Folgen auf theoretisch-philosophischer Ebene: das Verschwinden der freien Entfaltung des bürgerlichen Individuums.

    Ja, ja, das Individuum. Erfunden wurde es im ausgehenden 18. Jahrhundert. Während um sie herum das Bürgertum aufstieg, der Kapitalismus sich durchsetzte, die Industrialisierung begann, entdeckten nahezu zeitgleich Literatur, Medizin, Kriminologie, Pädagogik etc. den einzelnen. Und sie gingen ihm nach. Verfolgten seinen Weg, bespitzelten ihn. Die Mediziner schrieben Krankengeschichten, die Kriminologen individualisierten das Beweismittel, die Schriftsteller schrieben Bildungsromane. Die Überwachung des Individuums machte das Individuum sichtbar, erst möglich.

    … gut 200 Jahre später. In der Zwischenzeit war alles weitergegangen, vorwärts und voran. Individualismus ist die Doktrin der westlichen Industriegesellschaften geblieben. Das Oberindividuum ist dort der Star. Wie Steckbriefe eines gesuchten Verbrechers hängt sein Bild an allen Ecken des Öffentlichen. Sein „individuelles“, intimes und privates Leben wird bis ins Detail ausgeforscht. Das Superindividuum der Zukunft, der Bürger des gefürchteten Orwell-Staates, lebt bereits als Vorbild im Star. Er ist das perfektionierte Individuum.

    Das perfektionierte Individuum führt zwangsläufig zum perfekten Überwachungsstaat. Denn darin besteht die große Lüge der bürgerlichen Freiheit, daß das Individuum, gottgegeben, jenseits des Blickes, der auf es gerichtet ist, existiere. Ohne Überwachung kein Individuum, erst der fälschungssichere Personalausweis gibt ihm seine letzte Weihe, vollendet seine Existenz, bescheinigt ihm garantierte Einzelhaftigkeit. Der Scheinwiderspruch Individualismus / Big Brother ist nur dazu da, um von den realen Widersprüchen abzulenken.

    Als wir Schüler in den frühen Siebzigern Orwell lasen, wollten wir eh keine Individuen sein, und wir waren trotzdem fasziniert. Mit welcher Lust eine Welt beschrieben wurde, die nur mies, falsch schlecht und verregnet war. Dieser Wille zum Drittklassigen, zum Dreck. Der eklige Victory Gin, die Einheitskleidung, die Formelsprache (ENGSOZ), der Unrat und die Armut. Wir kauften uns gleichförmige, schrabbelige Trainingsanzüge und hörten David Bowies „1984“ und „Big Brother“: „Someone to blame us / someone to follow / someone to shame us / … / someone to fool us / someone like you / We want you, Big Brother!“

    Andy Warhol erklärte zur gleichen Zeit, er wünsche sich den Overall als Einheitskleidung. Wir liebten die Zeitschrift China im Bild. Andy Warhol sagte, jeder werde in der Zukunft für fünfzehn Minuten berühmt sein. Jeder ein Star, jeder im Show Business, jeder im Computer, jeder in der beobachtenden Fahndung. Es war logisch und simpel. Bis zum Überdruß waren wir vollgepfropft von liberaler Verschleierung aber wir reflektierten oder verbalisierten unser Unbehagen nicht, sondern wir verliebten uns in das, was im liberalen Weltbild der Feind ist. Totalitarismus ist geil.

    Nichts von alledem in den neuen Büchern zum Thema. Hier läßt man sich ganz auf den alten Mythos ein, wie in den Fernsehdiskussionen, wie überall, mal mehr, mal weniger intelligent. Es interessiert nur am Rande, wie das Buch geschrieben ist, welcher Tatsache es seine ungeheure Wirkung verdankt (nämlich der, daß es so gut geschrieben ist, mit dem Herzblut des Enttäuschten). Auch nicht, wie es heute anmutet: seltsam, sich mit der schrabbeligen, schon zur Entstehungszeit veralteten Televisor-Technologie ernsthaft auseinanderzusetzen. Es interessiert meistens ausschließlich die konkrete Anti-Utopie und die Wahrscheinlichkeit ihrer Durchsetzung. In Hasselblatts Buch gibt es ein paar hübsche Spinnereien aus dem Science-Fiction-Genre, aber auch Leszek Kołakowski und einen Jörg Fauser, der darauf verweist, Sorgen müsse man sich eher um die „barbarische Wirklichkeit“ im Osten als um etwaige Gefahren eines totalen Kapitalismus (der Faschismus heißt) im Westen machen. Bei Alfred Pfaffenholz überwiegt die konkrete Angst vor konkreten Maßnahmen von Innenministerium und BKA. Nicht zu Unrecht, natürlich. Dennoch begegnet man zu oft dem Denkfehler, nicht nur in diesen Büchern, die neuen Medien und Technologien seien der Motor einer neuen Repression. Sie sind lediglich ein Mittel, über dessen Einsatz nach wie vor politische und ökonomische Faktoren entscheiden. Es geht um die Software, um die Programme im Hirn des Zimmermanns, und das ist die uralte klerikalkonservative, faschistoide Scheiße des vorvorigen Jahrhunderts. Oder So.

    Gleichzeitig wird immer wieder vergessen, daß die dergestalt verteufelten neuen Medien ein ebenso großes neues Feld für Unterwanderungen und andere subversive Betätigungen eröffnen. Früher wurden aus Einwohnermeldeämtern Blankopässe entwendet, morgen können es Codewörter sein. Die archaisch-stalinistische Gedankenpolizei von George Orwell hatte keine Gegner zu fürchten; der Computerstaat wird sich dagegen mit Heerscharen von Computer-Kids herumzuschlagen haben. Es ist also nur eine sentimentale Fehleinschätzung, massenweise das Beibehalten einer Schimäre (bürgerliche Freiheiten) einzuklagen. Es kommt jetzt darauf an, die neue Lage zu erkennen, sich neuer Medien und Techniken zu bemächtigen und dabei schneller zu sein als der derzeit herrschende katholisch-konservative Klüngel.

    „Liebe ist verboten im neuen Staat“, greinte schon Peter Maffay vor Jahren, Orwell-inspiriert. Und dieses Leitmotiv durchzieht denn auch zu viele der „1984“-Texte, die man uns jetzt vorlegt. Die Liebe setzen neue und alte Staaten nur zu gerne für ihre Zwecke ein, das sollte bekannt sein, und wir fanden die Affäre von Orwells Winston Smith schon immer sehr weinerlich und doof, die große literarische Schwäche des Romans.

    Komisch, daß dieser kleinbürgerliche Unsinn jahrzehntelang mehr Menschen fasziniert hat als die negativ-perfekte Welt des großen Bruders, die jenseits aller literarischen Faszination inzwischen auch aus politischen Gründen nach unserer Solidarisierung verlangt. Die „semiotische Vergiftung“ (Guattari) hat einen Grad erreicht, wo die politische Sprache ökologisch umkippt. „Alle Deutschen wollen den Frieden“, sagt Helmut Kohl. Und ihre demokratisch gewählten Repräsentanten entschieden für den Krieg. Da muß man doch dem Ministerium der Wahrheit folgen, dessen Maxime lautet Krieg ist Frieden, und fordern: „Solidarität mit Big Brother!“

    George Orwell: 1984 – Ein utopischer Roman, neu übersetzt von Michael Walter, Ullstein-Verlag, ca. 320 Seiten, 20 Mark, erscheint Anfang Februar 1984
    Werner Meyer-Larsen (Hrsg.): Der Orwell-Staat, Rowohlt Verlag, 189 Seiten, 14 Mark
    Alfred Pfaffenholz (Hrsg.): Der Große Bruder ist da, Postskriptum Verlag, 283 Seiten, 25 Mark
    Dieter Hasselblatt (Hrsg.): Neunzehnhundertvierundachtzig, Ullstein-Verlag, 220 Seiten, 24 Mark
    David Bowie: „1984“ und „Big Brother“ auf der LP Diamond Dogs