Autor: admin

  • Talking Heads mit David Byrne

    David Byrne ist ein nervöser Mensch. Er klebt an seinem Stuhl wie ein Schüler, den der Direktor zu sich gerufen hat. Dabei dreht er seinen markanten Kopf in fahrigen Bewegungen und vermeidet es um jeden Preis, seinem Gegenüber ins Gesicht zu sehen.

    Er hält sich derzeit in London auf, um ein einstündiges Video für das neue vierte Programm im britischen Fernsehen zu drehen. „Es ist im wesentlichen ein Mitschnitt unseres letzten Wembley-Auftritts, Herbst letzten Jahres. Dazwischen habe ich aber anderes, fremdes Material geschnitten, Bilder, Landschaften, Industrie-Anlagen.“

    Die Talking Heads haben ihr neues Album wieder im Quartett eingespielt. Keine Big-Band-Formation mehr, sondern wieder die verwundbare Band aus New York mit dem hypersensiblen Sänger. Wird diese Band auch die nächsten Touren bestreiten? „Ich bin noch nicht sicher. Einerseits war ich sehr zufrieden mit der letzten Tour, mit dieser Euphorie auf der Bühne, andererseits muß sich jetzt etwas ändern.“

    Speaking In Tongues, die in Kürze erscheinende neue LP, erinnert stellenweise weniger an die Talking Heads, die dem großen Publikum bekannt sind, als an die zerbrechlichen Songs der ersten LP, das nunmehr sechs Jahre alte Album Talking Heads 77, eine der klassischen New-Wave-Platten.

    „Ich sehe das auch so. Nachdem wir unser Live-Doppel-Album zusammengestellt hatten, wurde uns klar, wie gut einiges von dem war, was wir damals machten. Wir hatten uns einfach immer geradeaus weiterentwickelt und völlig vergessen, womit wir angefangen haben. Wir hatten etwas verloren, während wir etwas anderes hinzugewonnen haben. Wir hatten an Frische und Simplizität verloren, an Schnelligkeit. Deswegen haben wir bewußt die Entscheidung getroffen, diesen Geist wiederzuerwecken, ohne das aufzugeben, was wir in der Zwischenzeit gelernt und entwickelt hatten.“

    Speaking In Tongues erscheint zunächst in limitierter Auflage in einem Cover, das der amerikanische Pop-Künstler Robert Rauschenberg, zeitweilig der kommerziell erfolgreichste Künstler der Welt, entworfen hat und das – sehr teuer und aufwendig wie es ist – die Platte zu einer kostspieligen Angelegenheit für Sammler machen wird. Einige Wochen später kommt dann die normale Auflage mit einem David-Byrne-Gemälde in den Handel und wird auch zum normalen LP-Preis zu haben sein.

    „Vor einem Jahr habe ich Robert Rauschenberg kennengelernt. Wir hatten die Idee, ein Plattencover zu entwickeln, das den Charakter der Platte verändert, sie anders erscheinen läßt.

    Rauschenberg hat jetzt eine reine Plastik-Verpackung entworfen, verschiedene Plastikscheiben, eine davon ist die LP, mit bestimmten kleinen Eindrucken, die beim Drehen der Scheiben Farbveränderungen ergeben. Sehr hübsch, aber Jerry und ich haben uns die Hacken abgelaufen, bis wir jemanden fanden, der das industriell herstellen konnte.“

    Wie bist du auf Rauschenberg gekommen?

    „Ich mag die Art, wie er Bilder und andere Materialien kombiniert, auch wie er mit Fotografien arbeitet. Er ist ein guter Monteur, er beherrscht die Kunst, scheinbar gegensätzliche Dinge zusammenzubringen.“

    Was durchaus an das erinnert, was David Byrne als Solist, aber auch die Talking Heads immer als stilistisches Prinzip verfolgt haben. Speaking In Tongues gefällt, weil einfachste Liedchen mit trickreicher Produktion verbunden werden, die neuesten Produktions-Novitäten ein Mandolinen-Solo begleiten.

    „Ich hoffe, es klingt nicht allzu durcheinander“, sagt Byrne und sieht ein paar Sekunden auf den Fußboden. „Was ist eigentlich aus der Fun-Boy-Three-LP geworden, die ich produziert habe? Ist sie schon raus?“

    Nun, das ist sie wohl – und Waiting, deren Produktion überhaupt nicht an das erinnert, was David Byrne als Producer der B-52’s zustande gebracht hat, erfreut sich zumindest bei Kritikern allgemein großer Beliebtheit.

    „Sie wollten mich nicht als Produzenten im alten Sinne, der Stücke verbessert oder Ideen hinzufügt, wie das bei den B-52’s der Fall war. Sie wollten mich als offenes Ohr, und diese Rolle habe ich ebenso gerne gespielt. Ich bewundere Terry Halls Talent, Stories erzählen zu können, ganz klare simple Stories. Ich könnte das nicht.“

    Davids Texte entwickeln sich immer weiter fort von den persönlichen Bildern und Geschichten, die er auf den ersten Talking-Heads-LPs erzählte, hin zu einer sehr konstruierten, poetischen Arbeitsweise: „Da ist auch der Zusammenhang zwischen dem Cover von Rauschenberg und dieser Platte. Ich liebe die Idee, ganz normale Bilder zu nehmen, klassische Situationen, Images, Stereotypen und sie zu vermischen, so daß sie ein klein wenig verfremdet werden.

    Meine Art zu schreiben, Texte zu schreiben, ändert sich permanent. Am Anfang entnahm ich alle Ideen persönlichen Erfahrungen und auch persönlichen Gefühlen, die ich dann übertrieben habe. Und im Laufe der Zeit wurden die Texte immer abstrakter. Auf der letzten Platte hatten die Texte nur noch mit anderen Menschen zu tun. Ich war nur noch ein Interpret, lieh meine Stimme. Ich betrachtete eben nur die Welt und nicht mehr mich selbst.

    Jetzt, bei Speaking In Tongues, kommen mir die Texte wie Träume vor, deren Bedeutung ich selber noch nicht ganz entschlüsselt habe. Es hat wahnsinnig lange gedauert, diese Texte zu organisieren und aufzubauen, aber ich weiß noch nicht ganz, was sie eigentlich sollen.“

    Früher war David Byrne die Talking Heads. Er war Komponist und Texter aller Songs, er sang sie, er stand in der Mitte. Nachdem heute die anderen Mitglieder Erfolge als Solo-Künstler verbuchen konnten (Jerry Harrison mit seinem Solo-Album The Red And The Black, Tina und Chris mit diversen Hits des Tom Tom Club), liest man plötzlich auch nicht mehr „All songs written by David Byrne“ auf dem Cover, sondern erfährt, daß alle Talking Heads die Musik geschrieben hätten, und David lediglich die Lyrics alleine verantwortet.

    „Im Prinzip schreibe ich auch heute noch die Musik, aber auf eine andere Art und Weise. Früher schrieb ich einen Song und die Gruppe spielte ihn. Heute haben alle irgendwelche Ideen, die ich dann koordiniere und zu einem Song zusammenschweiße. Jeder macht seine Tapes, und die müssen dann organisiert werden. Jeder ist also auf seine Art ein Komponist, aber ich bin der Songwriter.“

    Speaking In Tongues ist die erste Platte der Talking Heads seit fünf Jahren, die einzige außer der ersten, die nicht von Brian Eno produziert wurde („Wir mußten es einfach mal alleine versuchen. Einfach sehen, ob wir es auch selber können.“), was sicher auch mit der Emanzipation der anderen Gruppenmitglieder zu tun hatte, denn Eno war vor allem Davids Mann.

    „Wir wollten, daß es wie eine Band klingt, nicht wie die Arbeit eines einzelnen Künstlers, das war sehr wichtig.“

    Hat euch die Big-Band-Besetzung Angst gemacht, hattet ihr Angst aufgefressen zu werden?

    „Wir sind zunächst mit acht Mann ins Studio gegangen, und das Ergebnis war grauenvoll, das reine Chaos. Bei einer Big Band ist es einfach für den einzelnen zu schwierig zu wissen, was gerade passiert. Bei einer Tour ist das was anderes: Die Songs sind vorher festgelegt, jeder hat sein Arrangement und seine Freiräume, aber für die Studio-Arbeit ist es unmöglich. Bei der ersten Tour mit der großen Besetzung hatte es auch Spaß gemacht, einige Dinge nicht festzulegen und der Improvisation zu überlassen. Aber das hörte sich für das Publikum nicht so toll an wie für den Musiker. Bei der zweiten Big-Band-Tour haben wir alles festgelegt und das kam beim Publikum viel besser an. Wir fühlten uns sicherer und konnten uns mit mehr Enthusiasmus in die Musik stürzen.“

    War dann die Periode eurer diversen Solo-Projekte eine menschliche Notwendigkeit?

    „Ich glaube schon. Wir brauchten eine Pause. Und es war eine gut genutzte Zeit, wir werden das wieder machen. Ich habe Projekte laufen, die mit den Talking Heads und dieser Art Musik nichts zu tun haben, keine Songs.

    Diese Phase half uns auch herauszufinden, was eine Talking-Heads-Platte ist und welche Art von Ideen nicht zum Konzept paßt. Daß die Talking-Heads-LPs Song-Platten bleiben sollen, und daß ich der Sänger bleiben werde. Vorher gab es immer die Möglichkeit zu sagen: ‚Warum soll Tina nicht einen Talking-Heads-Song singen?‘. Heute ist klar, daß wenn Tina einen Song singt, der Platz dafür der Tom Tom Club ist und daß ich meine Instrumental-Kompositionen alleine realisiere.“

    Der Einfluß schwarzer Musik war früher deutlicher bei den Talking Heads. Man könnte die Abwesenheit dieser Einflüsse und Elemente auf Speaking In Tongues für eine Reaktion gegen die gegenwärtige schwarze Mode bei weißen Bands deuten, doch David Byrne ist kein Stratege, der für oder gegen etwas Musik macht:

    „Ich glaube, das hat eher mit unserer Rückbesinnung auf das erste Album zu tun. Trotzdem soll die Platte sehr rhythmisch klingen. Sie soll auf jeden Fall als Tanzplatte verstanden werden. Das ist außerdem notwendig in Amerika. Wir werden dort nicht im Radio gespielt, weil wir für die schwarzen Stationen zu weiß und für die weißen Stationen zu schwarz klingen. Wir verkaufen alle unsere Platten über Diskotheken.“

    Was auch für Deutschland gilt. Trotzdem sind die Talking Heads in Europa weitaus erfolgreicher als in Amerika, jedenfalls so lange sich an der dortigen Radio-Situation nichts ändert.

    „Die Amerikaner wollen nicht mehr nur noch Springsteen und Styx hören. Deswegen fangen jetzt auch die weißen Stationen an, mehr Tanzmusik zu spielen, allgemein neueren Sachen zugänglicher zu sein. Was bedeutet, daß englische Bands und auch Gruppen wie wir eine Chance bekommen. Es ist verrückt, jedes Jahr aufs neue über solche Sachen nachdenken zu müssen.“

    Ist es nicht überhaupt verrückt, jedes Jahr ein Album zu konzipieren, Touren zu organisieren und Verträge zu erfüllen?

    „Ja, sehr verrückt, aber irgendwie ist es eine angenehme Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, oder?“

    David Byrne lacht: „Früher war der Druck nicht so groß, weil wir nicht so viel zu verlieren hatten, weil wir niemand waren. Heute wäre es schon schlimm, wenn wir einen Flop landen würden.“

    Chris Stein, der mit Blondie ungefähr zur selben Zeit angefangen hat wie die Talking Heads, aber noch schneller Erfolg hatte, dann allerdings im letzten Jahr einige massive kommerzielle Niederlagen hinnehmen mußte, hat diese Sache eigentlich recht gefaßt aufgenommen und sich anderen Projekten gewidmet. Wie würde David Byrne reagieren, wenn eine großangelegte Tour plötzlich nicht mehr zu realisieren wäre, weil nicht genügend Tickets verkauft werden?

    „Ich wäre bestimmt nicht gefaßt. Ich würde irgendetwas Radikales unternehmen, wenn es dazu kommen sollte.“

  • Cop-Killer

    Achtung! Zwar ist richtig, daß es um eine Serie von seltsamen Morden an Beamten des Drogen-Dezernats geht und, ja, der Film spielt in Manhattan und, doch, Harvey Keitel spielt eine Hauptrolle, aber der typische, schnelle amerikanische Polizei-Film, das Genre, das mit Nur 48 Stunden gerade so einen entzückenden Höhepunkt hatte, hat mit Cop-Killer wenig zu tun.

    Cop-Killer ist näher an Nicholas Roeg (wenn auch weniger verquast und besser) als an Don Siegel. Harvey Keitel ist nicht hard-boiled wie es erst den Anschein hat, sondern Gegenstand einer psychologischen Studie über rigide, faschistoide Charaktere und deren Lebenslügen. Sein Gegenspieler ist kein anderer als John Lydon a.k.a. Johnny Rotten, der Sex-Pistols-Mann, der ebenfalls einer sorgfältig ausgetüftelten psychologischen Konstruktion gehorcht: Der reiche, verzärtelte Masochist, der, fasziniert von dessen Härte, sich in das Leben des korrupten Law-and-Order-Bullen einschleicht und schließlich in seiner freakigen Unschuld, seiner verrückten Reinheit, Macht über ihn gewinnt und ihn in die Tragödie seines Lebens stürzt bzw. die Widersprüche des Doppellebens auf die Spitze treibt. Zugegeben: ein etwas bemühter, trivial-tiefsinniger Plot.

    Aber zum Glück erstickt Cop-Killer nicht an seiner Psychologie und seiner Moral. Dank seiner beiden hervorragenden Hauptdarsteller ist er vor allem ein Anlaß für beide, ihre Fähigkeiten auszuspielen: Keitel sein hartes, unbewegtes Gesicht, der Charakterpanzer, der brüchig wird, die Ausweglosigkeit einer Männlichkeit, die nur noch Nick Nolte retten könnte, der aber gerade in einem anderen Film steckt und Lydon pale-faced, schleichend und mit der Zeit immer schneidender, bösartiger und zynischer. Ein besonderer Reiz seiner Darstellung wird dem deutschen Zuschauer entgehen: das krächzende, beißende Punk-Englisch, mit dem er Sätze sagt wie: „You weren’t so fucking brilliant when you were trying to kill me in the park, weren’t you, Fred!“ (zu Keitel, der versucht hatte, Lydon umzubringen und später, als er von Lydon zu einem Mord angestiftet wird, auf dessen genaue Instruktionen mit dem Satz „Ich bin doch kein Amateur“ reagiert).

    Nach etwas zähen ersten dreißig Minuten, die dafür draufgehen, die ganzen komplizierten psychischen Dispositionen der handelnden Figuren darzustellen (Lydons Großmutter übrigens spielt die grandiose alte Dame Sylvia Sydney), wird Cop-Killer gegen Ende sogar schnell und spannend, werden Verstrickungen zu Handlungen und umgekehrt, und der Zuschauer muß nicht länger die vermeintliche Poesie des Unausgesprochenen ausforschen. Die Musik stammt übrigens von Ennio Morricone, der, seit er bei The Thing für Carpenter gearbeitet hat, sich offensichtlich immer mehr von dessen eigener Filmmusik inspirieren läßt. Was diesem Film gut steht.

  • Streife gehen

    Es tut mir leid, und ich bitte den Leser um Nachsicht, aber ich komme nicht darum herum, auch an dieser Stelle noch einmal das bekannte Massenblatt aus dem Verlag Gruner + Jahr zu erwähnen. Es gibt nämlich eine Rubrik im Stern, die nicht nur garantiert echt, also nicht gefälscht, sondern darüber hinaus auch richtig und zutreffend ist, die Horoskope nämlich, besonders meines. Da las ich nun diese Woche: „Es wird Zeit, daß Sie sich auf die neue Saison vorbereiten.“ Das mir! Habe nicht ich diesen Begriff nachweislich erfunden? Und wie kommt er jetzt via Astrologie und Gruner + Jahr zurück? Somebody up there likes me? Und dieser Unterton („es wird Zeit“), als hätte ich mir irgendwelche Versäumnisse zuschulden kommen lassen, ich, der ich doch jeden Scheiß mitmache …

    … wie z. B. zu einem Tears-For-Fears-Konzert zu gehen. Wo mich dann nicht die musikalische, aber immerhin die soziologische Überraschung des Monats erwartet. Der Hamburger Popper hat als genetisches Muster irgendwo und irgendwie all die wilden Jahre überwintert und präsentiert sich jetzt in neuem Glanz. Wie früher sind die Mädchen appetitlich und meistens blond und die Jungs etwas blöd (nur Motorfahrzeuge im Kopf, viel Pubertät und Schulstreß auf der Haut), und man hört offensichtlich Tears For Fears, die schmerzfrei-belanglos von ihren Schmerzen und ihrem Mittelmaß säuseln. Der Kenner verläßt den Saal nach drei Stücken, fand sich aber lange vor Show-Beginn ein, um eingehend seinen soziologischen Studien zu frönen, die dann auch einige genetische Rätsel aufwarfen: Wie kommt es z. B., daß das erwiesenermaßen blondes Haar in letzter Zeit wieder so üppig und überschüssig produziert wird? Doch nicht allein wegen einer perfektionierten keralogischen Chemie?

    Oder ich gehe zu Shriekback und erwarte ein Konzert, wo alle verbitterten enttäuschten Elemente der letzten Jahre zusammenkommen, die wie Barry Andrews (Ex-XTC-Fripp-Pop) und Dave Allen (Ex-Gang-Of-Four) zurück zu experimentellen New-Wave-Zeiten wollen, und erlebe zu meiner Überraschung ein gar nicht mal unflottes Donner-Bang-Bang-Donner-Grummel-Percussion(viel!)-Quintett, dem man seine publizistische Unterstützung durchaus nicht versagen sollte. Wohin einen die Borniertheit so führt: Fast wäre ich gar nicht hingegangen. Tatsächlich fanden sich die erwarteten düsteren musikbegeisterten New Waver ein, aber es entwickelte sich doch eine sehr eigenartige Hitze und Atmosphäre, wie man es kaum noch gewohnt ist.

    Das Beste, was konservativer Pop zu bieten hat, sind und bleiben die Undertones, auch wenn ihre letzte LP an die hervorragende Positive Touch vom Vorjahr nicht heranreicht, weil Feargal Sharkey diesmal nicht nur nostalgische Rockkritiker durch seinen Gesang Roger Chapman assoziieren läßt, sondern diesmal wirklich wie Chapman singt. Und den mögen wir nicht. Live war dieser unangenehme Eindruck nicht zu spüren: Fast noch kraftvoller als im Vorjahr illustrierten die fünf mißgestalteten Iren ihre beinahe (vgl. auch das Cover der letzten LP) religiöse Idee von Beat. Kaum eine Band der Welt gibt sich soviel Mühe (Arrangements, Komposition, Körpereinsatz, Rhythmus), um dann ausschließlich und sehr amüsant von Girls zu singen. Aber es war unglücklicherweise niemand gekommen. Die Koalition aus Alt-Rock-, Neo-Pop- und Punk-Anhängern, die letztes Jahr für ein volles Haus sorgte, scheint, wie so vieles, zerbrochen. 150 Versprengte verloren sich im Dunkel der Markthalle.

    Was sonst noch lief? Nicht viel. Überprüft wurde alles gewissenhaft. Wie oft waren wir auf Streife! Der schwitzige schwarze New-Wave-durchsetzte „Bendula Club“ (in der Feldstraße) berechtigt zu der Hoffnung, daß er sich eines Tages zur Kulisse für leidenschaftliche Szenen entwickelt. Wenn es erst heiß wird. Weiterhin und wie im letzten Jahr nett und empfehlenswert ist das rentnerhafte Zeittotschlagen im „Schöne Aussichten“ (funktioniert aber nur, wenn man dabei nicht oder nur sehr mäßig trinkt): garantiert ruhig und erholsam, von leichten Sinnesreizen garniert, Kurzurlaub in the city.

  • Die Wahrheit ist immer dröge

    Die Hitler-Tagebücher sind also definitiv falsch. Aber: Ist der Stern echt? War er’s je? Zu welchem Ergebnis käme das BKA (das das angebliche Diktatoren-Diarium zuerst für gefälscht erkannte) bei genauer Prüfung der bunten Illustrierten-Welt? Ist die weltweit mit Gelächter aufgenommene Provinz-Presse-Posse um das Hamburger Parade-Blatt beispielhaft für die bundesdeutsche Presselandschaft?

    Hitlers Tagebücher sind also nicht von Hitler. Sie sind von jemand anders. Man spricht von Fälschungen, aber sind es welche? Wenn im Stern Hitlers Tagebücher erscheinen, sind das „Hitlers Tagebücher im Stern“, egal ob Hitler, Peter Koch, Fischer-Kujau, der Osten, John Le Carré, Ernst Stavro Blofeld oder Martin Bormann sie geschrieben haben. Sie fügen sich nahtlos in den Stern-Kosmos ein, wie die Kinder vom Bullenhuser Damm, die Feststellung Eric Claptons, Blues lasse alles vergessen, was an neuen Wellen die Gehirne überschwemme, die sanfte Aufmüpfigkeit gegen klerikalkonservative Exzesse in Bayern, BRD und anderswo, die Feststellung, die Elbe sei verschmutzt und nicht verschmutzt, und was sonst das pluralistische Potpourri des Wochenblatts ausmacht. Adolf H. oder Andi Z. – wo ist der Unterschied?

    Nun, der Unterschied ist, daß der Stern vergessen oder zu sehr damit gewuchert hat, daß Hitler immer noch ein irrationaler Bereich der pluralen Mediendiktatur ist, und daher wird, wenn es um ihn geht, die Notbremse gezogen und die Frage nach der Echtheit gestellt. Hitler ist heavy, und daher entziehen die Medienorgane sich gegenseitig das stillschweigend vereinbarte Einverständnis, daß sie nämlich der Simulation des einen wie des anderen Organes nur auf dieser Ebene, der der Simulation eben, begegnen. Plötzlich rufen sie Mediennotstand aus und suchen nach einem Tieferen, einem Referenten, nach der Echtheit. Täten Sie’s auch bei anderen Stern-Feldzügen, dann wüßten sie längst, was sie natürlich längst wissen, aber nicht wissen wollen: Nichts ist echt, weder im Stern, noch in der Tagesschau noch sonstwo. Aber wer prüft schon die Stern-Modeseiten, die in streng festgelegten Zyklen ein ums andere Mal verkünden: „Man kann wieder …“ (z. B. in Omas Kleiderkiste wühlen. Auch Frauen tragen Hüte, auch Männer Make-Up)? oder die anderen Wahrheiten: Die Sexualität ist nicht/doch befreit, die Jugend schlimmer/besser als ihr Ruf, Arbeitslosigkeit ist bei Jugendlichen besonders schlimm, Fußball wird immer brutaler. Man kann wieder Strapse tragen.

    Ist das echt? Kann man das wirklich? Wessen Stimme spricht da? Und zu wem? Und warum tut sie das? Vielleicht darf das jetzt alles als echt gelten, weil Hitler sich als James-Bond-Figur entpuppt?

    Das klassische System von Autoren und verantwortlichen Redakteuren hat schon Anfang des Jahrhunderts nicht mehr ausgereicht, Urheberschaft und Dynamik in der Welt der Phrase ausreichend zu erklären. Irre wird es aber, wenn dieser gut funktionierende, sich selbst erhaltende Phrasenkosmos mit etwas in Beziehung gebracht werden soll, dessen Existenz er ständig behauptet und für seine Legitimation heranzieht: die sogenannte Wirklichkeit. Die zu referieren die Phrase vorgibt und die es natürlich genausowenig gibt wie die Wirklichkeit der Wissenschaft oder anderer, dem Journalismus vergleichbarer, auf permanente Selbstlegitimation angelegter, geschlossener Systeme.

    Durch diese Umstände brachte der Stern etwas zustande, wofür wir ihm dankbar sein können: eine Sternstunde bundesdeutscher Medien, aus der eine Menge zu lernen war. Da gab es zum Beispiel den Clash Wissenschaft versus Journalismus. Stern Chefredakteur Peter Koch hatte sich im TV diversen Hitler-Forschern zu stellen. Hitler-Forscher der Sonderklasse, 1a-limitierte Auflage mit Goldrand, durch akademischen Werdegang hundertfach geehrt und veredelt. Und siehe da: Der schräge Koch, von dem ich weder einen gebrauchten Kühlschrank kaufen, noch mir eine Altbau-Wohnung ohne Bad vermitteln lassen würde, hatte keine Mühe, die Wissenschaftler mit ihrem öden, tonnenschweren, dickflüssigen Skeptizismus alt aussehen zu lassen.

    Was diese Herren vortrugen, folgte dem folgenden Prinzip. Entweder finden wir in den Tagebüchern etwas, was wir noch nicht von Hitler wissen, dann sind sie, da wir ja schon alles von Hitler wissen, schließlich sind wir limitierte 1a-Hitler-Forscher, eine Fälschung, oder wir finden nur das, was wir ohnehin schon von Hitler wissen, dann sind sie vielleicht echt, aber banal.

    Danach richtete sich auch der Fälscher. Er propfte die Tagebücher dermaßen mit Indizien für ihre Authentizität voll, daß das klügere BKA sofort begriff: Die Dinger müssen falsch sein. So ein authentischer Hitler kann Hitler gar nicht gewesen sein. Der Stern propft seine Artikel ja auch sonst immer mit dermaßen vielen Authentizitäts-Indizien voll, daß das BKA, legte man ihm das Hamburger Wochenblatt zur regelmäßigen Begutachtung vor, sich sicher auch schon gewundert hätte, wie brüllend authentisch diese Welt wäre, wenn sie so wäre, wie sie im Stern erscheint.

    Aber auch Theo Sommer sagte unfreiwillig etwas Richtiges zur Fälschungsarie: „Journalismus ist in jedem Falle ein schwieriges Gewerbe. Die Reize extravaganter Formulierungen sind oft verführerischer als die kargen Pointen, die sich der Wahrheit abringen lassen.“ Übersetzen läßt sich dieses umgekehrte Credo, nach dem Sommer sein Blatt Die Zeit zu führen pflegt, deren Co-Herausgeber der bis dato doch immer ganz flott formulierende Ex-Bundeskanzler gerade aus unerfindlichen Gründen geworden ist, so: „Wer dröge schreibt, sagt die Wahrheit, wer schreiben kann, ist ein gewissenloser Revolverjournalist, Fälscher, Hochstapler oder noch was Schlimmeres und heißt Thomas Mann.“ Der Fälscher richtete sich auch in diesem Punkt nach den Credos der liberalen Presse: Er schrieb so dröge, daß den BKA-Beamten der Text aus den Ohren herauskam. Ein schriller Hitler- und Schriften-Experte aus den USA meinte gar, wenn der Führer wüßte was der Stern ihm da in den Mund legt, wäre die gesamte Redaktion ins KZ gewandert.

    Dabei war die zentrale Figur der Geschichte, der angeblich Nazi-Besessene Heidemann, gar nicht unbrillant, eine Geschichte seiner bizarren Recherchen und den damit verbundenen gelockerten Schrauben scheint nach Andeutungen von Spiegel und Tagesthemen weitaus mehr Konturen und literarischen Genuß zu versprechen als die im Theo-Sommer-Verfahren gefälschten Tagebücher.

    Wie dem auch sei: Die Hitler-Forscher aus dem Fernsehen gingen eh noch einer Schritt weiter: Egal ob echt oder unecht, Hitler dürfe man sowieso nicht publizieren, schließlich müsse man an die Opfer vom Bullenhuser Damm und die anderen Greueltaten des Faschismus denken. Und meinten damit, daß Hitler im Stern für Wissenschaft eh nur zwei Dinge bedeuten kann: entweder einen Job als Gutachter oder Berater, was hier nicht in Frage zu kommen schien, oder aber, daß die Leute Hitler für Dreimarkfünfzig am Kiosk bekommen, statt die drögen Schwarten der 1a-Goldrand-Forscher kaufen zu müssen.

    Denn so sind sie seit über 30 Jahren, unsere liberalen Antifaschisten: Unter Krokodilstränen auf ein unbeschreibliches Grauen am Horizont der Geschichte deuten. Vielleicht ein wenig auf die Notwendigkeit der Bewältigung (= dauernde Vernebelung) verweisen, die sie in Lohn und Brot setzt. Die den Klassiker „Rot gleich Braun“ bemühen oder das alte Lied vom unbeschreiblichen Grauen singen. Nur keine Analyse; zeigt DDR-Dokumentarfilme!

    Epilog I

    Dieser Kommentar wurde geschrieben in Würdigung dessen, was den Stern und andere sozialliberale Presseerzeugnisse in den letzten dreizehn bis sechzehn Jahren ausgemacht hat. Inzwischen hat es einen hausinternen Rutsch gegeben, und Henry Nannen scheint geahnt zu haben, daß die „Ich habe abgetrieben – bin gegen die Todesstrafe – boykottiere die Volkszählung – und heiße Inge Meysel“-Mentalität nicht mehr gefragt ist, daß der Stern seine Rolle als Zentralorgan des Sozialliberalismus nicht weiter spielen konnte, und hat sich zu der außergewöhnlichen Maßnahme entschlossen, statt auf Hardcore-Opposition auf Anpassung zu schalten. Mit Ernst Stavro Blofeld (gerüchteweise) Peter Scholl-Latour (das wandelnde Schreckbild des Gaullismus) und Johannes Gross (bekannter, apfelförmiger Schlaumeier) soll die Chefredaktion von amtlich bekannten Rechten übernommen werden. Leute wie Gross, der die sozialliberalen Zeiten in der selbstgeschaffenen ökologischen Nische überwintert hat, die sich konservativer Intellektualismus nennt, dessen einziger Vertreter er war, der originelle Mensch, und der französische Kolonial-General Scholl-Latour sind nicht etwa nur Journalisten-Profis, die ihre technischen Fähigkeiten in den Dienst eines jeden Konzeptes von Zeitschrift stellen könnten. Sie sind Gesinnungstäter, Überzeugungsreaktionäre, unter deren Ägide der Stern, wie wir ihn kannten, als klassische pluralistische Vernebelungsmaschine, umschlagen dürfte in ein noch schlimmeres, eine historische Epoche früher einzuordnendes Rechtsblatt.

    Epilog II

    Gestern war dann Demonstration und Kundgebung mit Gewerkschaft und solidarischen Medienfiguren (praktisch ist das jeder Journalist, außer Springer-Journalisten. Und die sind es auch.) im Stern-Streit. Ein Hauch von Revolte wehte, durch einige heftige Böen von der nahegelegenen, stark besegelten Alster unterstützt, über die kleine Versammlung vorm Stern-Building. Natürlich nicht wirklich, aber für dermaßen gesetzte und staatstragende Menschen wie es Stern-Redakteure in der Regel sind, müssen Vorgänge wie Redaktionsbesetzung und das Aushängen von Solidaritätsadressen in klassischer Wandzeitungsmanier ganz schön abenteuerlich wirken, sie werden noch ihren Enkeln davon erzählen, wie sie an den Grundfesten des Kapitalismus gesägt hätten. Natürlich wurde Henri Nannen von keiner aufgebrachten Meute und von keinem Sondergericht füsiliert, und niemand wollte Punk Kujau teeren und federn, und auch sonst sorgten die Veranstalter IG Druck & Papier und die im Durchschnitt eher phlegmatische Mentalität der Redakteure dafür, daß alles gesittet und dröge zuging. Keine Brandreden, alle waren sich einig und nannten sich „Kollege“ und alle von Peter Härtling bis zu einer DKP-Frauenvereinigung hatten eine herzliche Solidarität gewünscht. (Die DKP ekelt sich vor gar nichts.)

    Ein „Kollege“ (also ein anderer freier Journalist) versuchte mich von der Notwendigkeit der Solidarität mit der Stern-Redaktion zu überzeugen, indem er irgendwas von großen und nicht ganz so großen Haufen Scheiße redete, zwischen denen man angeblich die Wahl hätte. Ich erwiderte, daß der ganze Vorgang, wie auch immer er ausgehen mag, nur der Glorifizierung des Stern dienen könnte: Wie sind sie doch nun immer engagiert gewesen! Dann schlägt man das Blatt auf und liest, Rock’n’Roll sei der reine Sex. Ob das nun Scholl-Latour oder Henri Nannen verantwortet, ist doch völlig gleichgültig, große Scheiße ist es allemal. Auf die gleiche Weise könnte man übrigens Springers Welt zum Ami du Peuple stilisieren: Der Alte bräuchte nur in einem Anfall von Senilität irgendeinen amtlich bekannten Neo- oder Alt-Nazi zum Chefredakteur zu küren, und alle Welt würde jammern, wir wollen unsere alte rechtskonservative Welt zurück. Unverschämter Rechtsputsch, Pressefreiheit bedroht, Solidarität mit Walden, Kremp und Löwenstern! Alle Giftspritzer wären plötzlich die Honorität in Person, jeder Geiferer ein engagierter Volksheld.

    Jetzt haben sie sich einen Kompromiß „erkämpft“ (großer Erfolg der Gewerkschaftsbewegung): Gross kommt nicht (nur in den Vorstand), Scholl-Latour, der „Sohn der französischen Revolution“ (S-L über sich selbst) kommt. Au Backe, am Ende Egalité auf dem Affenfelsen? Alle Affen werden Brüder? In Freiheit?

    O.K. Natürlich war der Stern-Putsch ein Angriff auf die „Pressefreiheit“. Aber sich auf diese Formulierung einzulassen, heißt, auf den Betrug hereinzufallen, vorher hätte sie bestanden.