Autor: admin

  • Das Tier

    Was für ein Film. Joe Dante hat seine Wurzeln in Roger Cormans eiliger B-Film-Fabrik wahrhaftig auszunutzen gewußt! Sein Film Das Tier ist gespickt mit Verweisen auf die genaue Kennerschaft seines Regisseurs in allen Bereichen des B-Films und der ihn umgebenden Trash-Kultur. In hochkarätigen, ausgeklügelten Bildern streift er aber auch, stets leicht amüsiert, Genres wie moderne Social Fiction à la China Syndrom. Eine Fernsehansagerin ist einem geheimnisvollen Mörder auf der Spur, stellt ihn live in einer Video-Duo-Box, wo er von einem flinken Streifenpolizisten präventiv einstweilig erschossen wird.

    Aber Werwölfe sind nicht so schnell kleinzukriegen …

    Die Szene wechselt schnell. Eine skurril besetzte Psycho-Erholungssiedlung soll die junge Frau von dem Schock in der Duo-Box heilen. Doch im Wald hängen Nebelschwaden, und was kann der von Patrick Macnee (= John Steed) gespielte Trivial-Psychiater schon dagegen ausrichten. Am schönsten sind natürlich die Bilder von der ersten gemeinsamen Nacht eines frischgebackenen Werwolfs mit einer nymphomanen Artgenossin. Zeremoniell werden die Bademäntel abgelegt, im Vordergrund flackert ein Feuerchen, und durch die Wipfel schimmert der Vollmond. Zuerst sind sie ja Menschen und tuns auch wie Menschen und dann wird aus Lustgeschrei Wolfsgeheul, Zähne werden ausgefahren, Haare sprießen aus der jungen West-Coast-Amerikaner-Haut, und zwei Hundesilhouetten vereinigen sich schließlich brünstig jaulend im Lichte des magischen Mondes. Aber das ist nur einer der Höhepunkte. Denn das Gute am Tier ist, daß alle seine Relativierungen durch Zitate, Überzeichnungen und gute Witze in dramatischen Momenten (kurz bevor ein Werwolf mal wieder eins seiner Opfer verschlingt, wird kurz ein kleiner Farb-TV gezeigt, auf dem sich gerade Disneys Ede Wolf das Maul leckt) nicht zu verminderter Spannung führen. So entsteht keine studentische Lachorgie über einen absurden Film, sondern harter Horror, brillante Bilder und soziologische Satire: Auch unter den Werwölfen gibt es konservative Rednecks, die die liberale Linie, auf Menschenfleisch zu verzichten und nur noch Kühe zu reißen, ablehnen; dazu typisch kalifornische Wesen, die schon Gestalt-Therapie, EST und Scientology hinter sich haben und das Werwolf-Leben als „eine unheimlich gute Erfahrung“ betrachten, und sogar liberale Pseudo-Psychoanalytiker, die ihr Doppelleben tarnen und sich anpassen wollen.

    Mehr verraten, hieße die Überraschung zerstören.

  • Flying Lizard: David Cunningham. Mit Anton Webern in die Disco

    David Cunningham wird sein Mutanten-Pop-Ensemble Flying Lizards wohl leise sterben lassen. Dennoch wird in der Zukunft einiges von ihm zu erwarten sein, wie schon seine kaum bekannte, reichhaltige Vergangenheit andeutet.

    Für Aufregung sorgte ja seine Produzentenarbeit bei Palais Schaumburg, der großen Hoffnung in Deutschlands zeitweilig etwas farbloser neuer Musik. Wie kam es dazu?

    „Thomas (Fehlmann) trat an mich heran. Er hatte meine Sachen gehört und hielt mich für die geeignete Person. Der Rest der Band kannte auch einiges von mir, aber längst nicht alles. Z. B. würde meine Platte Grey Scale sicher all diejenigen, die die Flying Lizards mögen, ziemlich verschrecken. Sehr schlecht gespielte experimentelle Piano-Musik. Ich hörte dann Schaumburg und fand sie sehr gut, viel besser als zum Beispiel DAF und hab dann zugesagt.“

    Einen Abend vorher hatte ich die Musiker Schaumburgs getroffen. Mitten unter den biergeschwängerten jungen Kerls in einem verrufenen Lokal der Hafengegend standen die eher bürgerlich wirkenden jungen Musiker, doch in ihrer Mitte bot sich ein sehr erstaunlicher Anblick. Hat doch Thomas seinen Vater aus der Schweiz geholt und wollte ihm mal das Hamburger Nachtleben zeigen, dachte ich, als ich des distinguierten Filialleiters mit den schüchternen Gesten gewahr wurde, der mir dann als David Cunningham vorgestellt wurde und nach kurzer Zeit in seinem irischen Akzent ein Gespräch über Jazz in der BRD begann. Daß alle immer „Schlippenbach“ sagen, wenn es darum geht, Deutschlands größten Jazzer zu nennen. In England gebe es aber mittlerweile eine Jazz-Avantgarde, die niemanden mehr kennt und kennen will, die bei Namen wie Eric Dolphy mit den Achseln zuckt und auch sonst die Jazz-Geschichte heute beginnen läßt.

    Zurück zu unserem Interview im Studio, während der Schaumburg-Produktion. Wird das nicht problematisch, in so vielen Bereichen zu arbeiten, von Disco bis Free Jazz, von Pop bis Tonbandschlaufen?

    „Nein, denn erstens arbeite ich unter verschiedenen Namen. Zweitens ist die Aufnahmebereitschaft heute höher. Wenn ich ein Wayne-County-Album produziere, steht da ja nicht David Cunningham oder Flying Lizards drüber. Jetzt habe ich eine LP mit Steve Beresford gemacht. Du kennst ihn ja, ihr hattet ja den Artikel über ihn. Das wird improvisierte Musik sein mit viel Kinderinstrumenten, Spielzeugklavier und so. Das kommt aber unter seinem Namen raus. Die Musik wird eine Mischung aus der Musik der Alterations (Beresfords Gruppe) und Rock und Reggae. Mein Beitrag besteht in etwas Klavierspiel und in einigen unkonventionellen Aufnahmetechniken. Ein Stück haben wir z. B. in der Badewanne aufgenommen. Steve saß in der Wanne, ‚spielte Schiffchen‘ und machte ab und zu etwas Musik.

    Du hast noch eine andere neue Band?

    Ja, mit Anton Fier (der gegenwärtig gefragteste Drummer der Erde, er spielt bei Pere Ubu, den Lounge Lizards, den Feelies, den Raincoats, David Thomas’ Gruppe den Pedestrians und eben hier), John Greaves (ex-Henry Cow) und Peter Gordon. Peter kam nach England und spielte bei einem Stück des zweiten Lizards-Albums und dann wollte er mit mir zusammenarbeiten. Ich weiß nicht, warum. Denn er ist sehr musikalisch und technisch sehr gut, und ich komm mit meiner Spieltechnik überhaupt nicht mit.“

    Wird es Live-Auftritte geben?

    „Wohl kaum. Ich mag nicht live auftreten. Ich sehe den Sinn nicht. Der einzige Sinn eines Konzertes ist doch, auf der Bühne genauso kreativ zu sein wie im Studio, und das kann ich nun mal nicht. Ich bin kein so guter Musiker.“

    Ist dir je nahegelegt worden, dich auf die Lizards und dein Pop-Werk zu konzentrieren?

    „Nein, ich hatte nie Probleme in dieser Hinsicht. Es ist ja nicht so, daß ich die Lizards als meinen Lebensunterhalt und die freie Musik als wahre Kunst betrachte. Ich habe 18 Monate am zweiten Album gearbeitet. So viel Zeit würde ich nicht für Schrott opfern. Mein Vertrag mit Virgin ist nach meinen Bedingungen ausgehandelt. Erst hatte ich die Hits gemacht („Money“, „Summertime Blues“), dann wollten die ein Album, aber mein Vertrag war ausgelaufen. So hatte ich eine günstige Verhandlungsbasis. Ich krieg auch nicht viel Geld, aber meine Platten werden finanziert, und ich habe genügend Studio-Zeit, die ich natürlich auch für andere Sachen nutze.“

    Hörst du dir die Charts an?

    „Nicht mehr so oft wie früher. Die Pop-Musik in London reizt mich nicht mehr so. In letzter Zeit war ich mehr mit improvisierter Musik beschäftigt. Ich habe außerdem noch ein Album mit Michael Nyman gemacht. Du kennst vielleicht die Single auf Crepuscule, die ich mit ihm aufgenommen habe: ‚Webern‘ / ‚Mozart‘. Die Webern-Seite basierte auf einigen Orchester-Kompositionen von Webern, die Mozart-Seite auf der Don-Giovanni-Ouvertüre, die dann variiert wird. Michael hat auch ein Stück für die neue Flying-Lizards-Platte beigetragen, das wirklich eher seins als meines ist.“

    Patti Palladin, die ehemalige Snatch-Musikerin, hat alle Texte geschrieben und gesungen.

    „Ja, das ist wie mit Palais Schaumburg. Texte interessieren mich nicht, deswegen ist es mir auch egal, daß Holger deutsch singt. Von mir aus hätte auch Patti deutsch singen können. Ich hab’ die Texte auch längst vergessen.“

    Bei der zweiten Platte gab’s ja ausführliche Credits, bei der ersten weiß man überhaupt nicht, wer alles mitgemacht hat.

    „Beim ersten Stück (‚Manderley Song‘, Brecht/Weill – Anm. d. Verf.) waren es ich und die Marshall/Hain-Band. Die waren damals noch bei EMI, deswegen konnte man das nicht erwähnen. Außerdem haben die Slits und die Pop Group mitgemacht, die ebenfalls Verträge hatten. Dann waren noch David Toop und Vivien Goldman dabei.“

    Und was habt ihr mit der Stimme auf dem „Manderley-Song“ gemacht? Kit Hain klingt wie eine bulgarische Diva auf der falschen Geschwindigkeit?

    „Nein, sie hat es so gesungen. Ich habe erst ihren Partner Julian Marshall gefragt, wer das singen könnte, und er meinte, ich soll es mit Kate Bush versuchen, aber dann hatte die keine Lust, und schließlich hat Kit Hain das einfach so heruntergesungen. In einem Take. Sie ist eine sehr begabte Sängerin. Du erinnerst dich doch sicher noch an ihren Disco-Hit ‚Dancing In The City‘. Der erste Disco-Hit mit Syndrums-Effekten.“

    Man hat ja bei all den Musikern, mit denen du zusammenarbeitest, den Eindruck von einer inzestuösen Clique, die sich immer wieder über Kreuz zu neuen Projekten zusammenfinden. Hängen diese Leute auch privat zusammen rum?

    „Die Improvisierer sind eine Gang. Und die Slits, die Pop Group und überhaupt alles um Y-Records bildet auch eine Szene. Von daher ist wieder eine Beziehung zu Steve Beresford, der mit den Slits spielt und eine Platte mit Tristan Honsinger gemacht hat. Tristan hat auch einmal bei der Pop Group gespielt. Er ist übrigens toll. Ich hab sein Konzert mit Derek Bailey noch gut in Erinnerung. (Bailey ist der härteste freie Gitarrist auf Erden, er läßt Sonny Sharrock und Arto Lindsay wie Donovan wirken. – Anm. d. Verf.). Wußtest du, daß Derek Bailey bei Hot Gossip mitgespielt hat?“

    Unglaublich.

    „Ja, es ist eine dieser New-Disco-Platten, vom Spandau-Ballett-Produzenten Richard Burgess gemixt! Das ist dasselbe wie vor ein paar Jahren der Munich Sound. London macht jetzt seinen Disco Sound“.

    Aber der Munich Sound stand für nichts. War das Bekenntnis zur totalen Leere, der reinen Technik. Während Spandau Ballett und andere sich schon eine Menge Beiwerk ausgedacht haben.

    „Das ist wahrscheinlich der prinzipielle Unterschied zwischen diesen beiden Städten, München und London.“

    Gestern hast du über die Moral von Musik gesprochen, bezogen auf die Lounge Lizards. Hast du solche Gedanken nicht auch zu deiner eigenen Musik?

    „Nein, nicht während ich sie mache. Die Verbindung zwischen Musik und Moral oder Politik ist immer vorhanden. Meine letzten Aufnahmen habe ich in meinem Studio in Brixton gemacht, während draußen Straßenschlachten stattfanden. Diese Verbindung erscheint nicht explizit in meiner Musik, aber sie ist ihr inhärent. Aussagen kannst du aber erst durch spätere Rationalisierungen darüber machen.“

    Ich finde auch, daß Musik in der Lage ist, Dinge sofort zu sagen, zu verarbeiten, während Theorie fünf bis zehn Jahre braucht, um etwas zu erklären. Und wenn die Philosophie bei 76 angekommen sein wird, wird sie z. B. Punk für ihre äquivalente Musik erklären. Gegenwärtig ist die Philosophie aber noch eher bei Jimi Hendrix.

    „Ja, du findest das bei der Semiotik, die sich jetzt mit Sachen beschäftigt, die einige Zeit her sind, die jetzt dessen gewahr wird, was z. B. 75 passierte, als zur gleichen Zeit Godard Numéro 2 rausbrachte, Steve Reich sein erstes komponiertes Werk vorlegte und Philip Glass seine Oper mit Robert Wilson gemacht hat. Ebenso fingen ein paar ehemals strukturalistische Filmemacher zu der Zeit unabhängig voneinander an auf eine neue Weise mit Erzählformen umzugehen. Sie benutzten plötzlich alle das gleiche Vokabular.“

    Und du meinst, heutzutage gäbe es Theorien über diese Kunstwerke?

    „Das ist ziemlich schwer zu sagen. Ich weiß nichts über Italiener und Deutsche, aber die Franzosen sind den Engländern immer um einiges voraus. Das ganze poststrukturalistische Ding kommt jetzt langsam an die britischen Universitäten. Aber wenn die Philosophen schneller mit ihren Theorien wären, wenn sie gar der Zeit vorausdenken würden, dann könnten sie ihre Theorien gleich als Diagnosen an multinationale Konzerne verkaufen. Die würden auch besser zahlen als Universitäten.“

    Anderes Thema: Erzähl doch noch mal, was du in der Vergangenheit alles so gemacht hast!

    „Ich habe This Heat produziert, die übrigens ein fantastisches neues Album fertig haben, ich habe Wayne County produziert, Anthony Moores Flying Doesn’t Help, vorher hab ich nur mit Bändern gearbeitet, das hatte wenig mit Musik zu tun. Ich war Kunststudent, obwohl ich nichts konnte, aber ich hatte einige graphische Techniken entwickelt. Mit den Bändern hab ich ähnlich gearbeitet. Teilweise habe ich einfach Arbeitsweisen des Kopierens vom Fotokopieren aufs Überspielen übertragen. Aber zur Musik kam ich eigentlich erst durch die Mittsiebziger Londoner Jazz-Szene.“

    Dein Produktionsstil weist auch einige Parallelen mit Reggae-Produktionen auf.

    „Ich hab’ sogar mal eine Reggae-LP gemacht, die ist nur noch nicht erschienen. Virgin hatte Bänder aus Jamaica gekauft, die sie aber etwas zu dumpf fanden. Sie baten mich dann, ein Dub-Album daraus zu machen. Ich hab da einiges gelernt. Aber Virgin kann das Werk nicht herausgeben, weil sie an den Sänger nicht herankamen. Sie mußten ihn um seine Zustimmung über meinen Mix fragen, aber er hat keine Postadresse mehr und hängt in Jamaica in den Bergen. Und die Mitarbeiter von Virgin sind zum großen Teil Südafrikaner und werden nach Jamaica nicht reingelassen, und so können sie ihn nicht fragen.“

    Was wirst du als nächstes machen?

    „Die Platte mit Peter Gordon. Und dann wollte ich mal für eine Weile keine Platten machen. Ich hab eine Musik für ein Ballett geschrieben und ich möchte Filmsoundtracks produzieren. Ich hab die Musik für einen Dokumentarfilm über Beuys geschrieben. Ich habe ja Beuys für England entdeckt. Haha. Ich sah in Edinburgh eine kleine Ausstellung und war begeistert. Die Professoren an der Kunstschule kannten ihn damals gar nicht, ein paar Monate später war er bei allen der Größte. Ich habe auch Musik für einen Regierungs-Dokumentarfilm über Prinz Charles gemacht, einen vergleichsweise realistischen Propaganda-Film, den irgendein armer Kerl in der BBC drehen mußte. Aber diese Filme haben inzwischen nicht mehr eine so aufdringliche ‚British is best‘-Haltung, sie werden bescheidener. England ist ein sehr seltsames Land in dieser Thatcher-Epoche. Die Konservativen haben mittlerweile keine Unterstützung mehr. Bei den nächsten Wahlen werden wir drei gleichstarke Parteien haben. Das könnte die englische Politik ändern, aber wahrscheinlich wird es das nicht. Labour und Sozialdemokraten haben dann zwar zusammen eine Mehrheit, aber Labour will Abrüstung und EG-Austritt, die Sozialdemokraten wollen beides nicht, also wird nichts passieren. Was ich sehr schade finde, denn ich bin für den Abbau britischer Atomwaffen, aber gegen einen EG-Austritt. (…) Ich komme aus Nordirland und habe mich der Situation dort entzogen, jetzt hat sie mich wieder eingeholt. 69 begann die Gewalt in Irland, die IRA trat in den Kampf ein und 72 war ich weg. Jetzt fängt …“ Palais Schaumburg tritt ein, im Nebenraum hatten sie noch ein wenig gemischt: „Wir haben gerade über die IRA gesprochen“, sagt David: „Es war eines von der Sorte Interviews.“

  • Super 8 Welle

    Daß Punk vergleichbare Phänomene in anderen Medien hervorgebracht hat, dürfte sich ’rumgesprochen haben. Die Rückkehr zum direkten, expressiven Ausdruck, zum Tafelgemälde in der bildenden Kunst ist oft entsprechend interpretiert worden. Daß inzwischen auch in der Arbeit der Filmavantgarde ähnliche Tendenzen abzusehen sind, wurde schon in einem Artikel im Sounds 11/79 abgehandelt. Inzwischen sind auch hier die Folgen zu beobachten, die Rückkehr zu narrativen Filmen nicht nur bei jungen Super-8-lern, sondern auch die Nestoren der Bewegung kehren zu Spielhandlungen zurück.

    Die Bs, Scott und Beth B, waren die ersten konsequenten und ausdauernden Arbeiter der New Yorker Super-8-Szene. Rechnet man Vorläufer wie The Legend Of Nick Detroit nicht mit, so waren sie es, die dem Super-8-Film einen festen Platz in der New Yorker Rock-Szene sicherten. Nicht nur die vielen Schauspieler aus Musiker-Kreisen sorgten für die Aufmerksamkeit des Rock-Publikums. Scott und Beth B zeigten ihre Filme vorzugsweise in Rock-Clubs, während der Umbaupause oder vor Beginn des Konzerts. Die beiden kamen aus der Kunst-Szene, hatten als Bildhauer und Maler gearbeitet und entschieden sich für die Kamera, um ein direkteres und vielseitigeres Arbeiten zu gewährleisten. Beth: „Wir wollten Bilder herstellen, aber gleichzeitig intensiv mit Klängen arbeiten. Wir wollten Bildkompositionen, aber auch Charaktere, wir wollten aktuelle Dokumente, aber auch Fiktion. G-Man, unser erster Film, sollte eine Kombination aus dokumentarischen und experimentell-narrativen Filmtypen sein.“

    Man konnte ihn jetzt in diversen europäischen Großstädten bei der Europa-Tour der Bs sehen, einer Tour, die geprägt war von den gleichen Regeln und Gesetzmäßigkeiten wie die Tour einer Rock-Band. Nach ihrer ersten Show in Hamburgs semi-kommunalem „Metropolis“-Kino nahmen wir die Bs zu einer Calypso-Party mit, die Musiker von Schaumburg und den Zimmermännern organisiert hatten. Vor dem Hintergrund sommerlich-entfesselter Leidenschaften zeichneten sie in ihren Erzählungen virtuos Bilder von der amerikanischen Degeneration, von religiösen Wahnsinn, einer mit debil nicht mehr ausreichend umschriebenen Medienwelt und von Moden in New Yorks intellektueller Schickeria: „In sind zur Zeit Filme aus Deutschland, Philosophen aus Frankreich, Musik aus England und Politik aus Italien, also Autonomisten und solche Sachen.“ Als es den beiden zuviel wurde, sah man sie dann auch zu den Klängen von The Mighty Sparrow, Lord Kitchener und Van Dyke Parks tanzen.

    In einigen der B-Filme taucht übrigens Lydia Lunch in tragenden Rollen auf, und man macht ja mit New Yorkern immer dieselbe Erfahrung. Sie präsentieren sich als bösartige, unberechenbare, unzugängliche Wesen, und wenn man sie kennenlernt, sind sie gütig, einfach und nett. Wir haben nur noch die Hoffnung, daß Lydia ist wie ihr Image: „Da können wir dich enttäuschen. Sie ist vor ein paar Tagen aus Kalifornien zurückgekommen und redet viel von ‚Love and Peace‘. Der einzige, der wirklich unberechenbar und dabei genial ist, ist Jack Smith.“ Jack Smith hatte 1962 einen der wichtigsten Underground-Filme aller Zeiten gemacht, Flaming Creatures.

    G-Man von 1979 handelt in seiner jetzigen, gekürzten Fassung von einem Spezialisten zur Terroristenbekämpfung, gespielt von dem wunderbaren Bill Rice und seinen Erlebnissen bei einer Domina. „Dieser Mann lebt von dem, was er bekämpft. Seine Aufgabe ist es, den Terrorismus zu verhindern, gleichzeitig muß er, wenn er seinen Job behalten will, dafür sorgen, daß Terrorismus weiterbesteht.“ Eindrucksvolle Bilder, vom Fernsehen abgefilmt, zeigen diverse Momente amerikanischer Terrorismus-Fernsehsendungen. „Es war die Zeit der RAF in der BRD und anderer europäischer Aktivitäten. Gleichzeitig dachten wir über Repräsentanten der Autorität nach, wie hier Bill Rice einen verkörpert. Der Film hat mit der Widersprüchlichkeit der von den offiziellen Medien zu diesem Thema ausgestreuten Informationen zu tun, auch mit der Paranoia, die erzeugt wurde in diesem Zusammenhang. Und die notwendig ist für die Terroristenfahnder, um nach Terroristen fahnden zu können. Das Interview mit Bill Rice in dem Film basiert auf einem Interview, das wir mit einem wirklichen Fahnder gemacht haben.“ Wir erzählen den Bs von den genialischen Systemen des Horst Herold und daß perfekte Fahndung keineswegs eine Errungenschaft sogenannter konservativer Politiker ist, sondern daß bei uns ein Sozialdemokrat alle anderen übertroffen hat, aber daß Herold so durchgeknallt ist, daß seine Theorien auf eine schon subversive Weise die Wahrheit sagen. Ähnlich wie in den Teilen von G-Man, die vom Fernsehen stammen. Da wird gezeigt, wo man Bomben auf Flughäfen suchen soll, aber damit gleichzeitig, wie man sie verstecken kann.

    Ein anderer Film der Bs läßt Prominente aus der New Yorker Underground-Szene Briefe an Jim Jones, den Mann, der in Jonestown 900 Leute einen Massenselbstmord begehen ließ, vorlesen. Jeder durfte sich seinen liebsten Brief auswählen, den, mit dem er sich am meisten identifizieren konnte. Arto Lindsay, Pat Place, Laura Kennedy (auch Bush Tetras) und Beth B selber geben die eindrucksvollsten Vorstellungen. Ein weiterer Film zum B-Lieblingsthema: Gehirnwäsche, Manipulation. Das wohl drängendste Thema in den USA. Das, was in dem dann folgenden Film Black Box Lydia Lunch an Folterungen an dem harmlosen Blonden Jim Mason durchführt, kommt zwar (hoffentlich) noch nicht in den USA vor, aber die Gerätschaften werden dort hergestellt, wie die Bs, die für jeden Film eine Menge recherchieren, herausgefunden haben: Eine kleine Metallkammer, in der man weder stehen noch liegen kann und nach Stunden vollkommenen Reizentzugs mit Licht- und Geräuschkaskaden gefoltert wird. Während The Offenders, der als achtteilige Serie gedreht wurde und nach und nach im Max’s gezeigt wurde, auf eher lustige Weise kleine absurde Bandenkriege und die Geschichte einer Ausreißerin porträtiert (wieder spielen jede Menge Musiker mit: Evan Lurie, John Lurie, Adele Bertei, Lydia Lunch und Diego Cortez), arbeiten die Bs zur Zeit mit einem 16-mm-Film über Evangelisten wieder in ihrem Gebiet. Evangelisten, religiöser Wahn, eine massive religiös begründete Anti-Schwulen-, Anti-Abtreibungs-, Anti-etc.-Bewegung durchflutet die USA und hat nicht zuletzt Reagan zur Macht verholfen. Radikale Sekten kontrollieren Fernsehsender mit Dauerprogrammen in allen Staaten, setzen Werbefirmen unter Druck, die liberale Sender unterstützen, und verbreiten schwarze Listen mit gottlosen Fernsehsendungen. Von den Vinylverbrennungen ganz zu schweigen. Im NME wurde ja kürzlich auch Lennon-Mörder Marc David Chapman mit der Anti-Rock-Kampagne dieser Christen in Verbindung gebracht. Die Bs können da eine Menge Horror-Stories über unseren mächtigen Verbündeten erzählen. „Alle unsere Filme handeln von Kontrolle, wie in den verschiedenen Aspekten des Lebens Kontrolle über andere ausgeübt wird. (…) Aber wir sind, obwohl wir stets experimentelle Teile in unsere Filme integrieren und z. B. auch sehr extreme Filmmusik produzieren, dem narrativen Kino verpflichtet. Das Narrative, die Erzählung, die Handlung hilft der Kommunizierbarkeit, so wie der durchgehende Beat beim Rock’n’Roll.“

    Für dieses Statement hatte Scott noch einmal das Band zurückgespult: „Unsere Filme illustrieren Philosophien. Trap Door z. B. illustriert die Nietzschesche Idee, daß es zwei Moral-Strukturen gibt, eine bestimmt für die Massen, ‚sei ein netter Junge‘, ‚sei ein guter Christ‘ und die zweite heißt ‚Nimm alles, was du kriegen kannst‘.“

  • Hamburger Kinotage

    Die Hamburger Kinotage informierten mal wieder über die Entdeckungen von der Programmkinofront, was wir sahen, werdet ihr in den knapp 100 Programmkinos der BRD in den nächsten Monaten angeboten bekommen (oder auch nicht). Kein Filmfestival(-Bericht), nur ein Preview:

    Permanent Vacation von Jim Jarmusch, das Porträt des vagabundierenden Aloysius Parker, der zu Earl Bostic tanzt und seinen Sohn Charlie nennen will, konnte nicht ganz die Hoffnungen erfüllen, die wir in ihn gesetzt haben. Kein Film „wie Lounge-Lizards-Musik“, nur ein kurzer Auftritt von John Lurie (aber fantastisch: Aloysius trifft ihn nachts auf der Straße. Er packt das glänzende goldene Tenorsaxophon aus und grunzt: „What do you wanna hear kid?“. Er improvisiert dann über „Somewhere Over The Rainbow“, was wiederum mit einer Anekdote, die ein lustiger Free-Jazz-Neger in einem Kinovorraum erzählt, korrespondiert), und neben vielen wunderbaren Szenen muß man ein ums andere Mal hören, wie der kleine Aloysius sein heimatloses Leben erklärt und dabei erstens immer wieder dasselbe sagt und zweitens immer nur das sagt, was einem der Film sowieso vorführt. Trotzdem war Permanent Vacation neben dem Brechtianisch-humorvollen Valie-Export-Werk „Menschenfrauen“ der beste Film des Angebots.

    Vielversprechend, aber keineswegs ausgereift: Mirrors von Noel Black! Ein unsicher zwischen vielen grandiosen filmischen Ideen taumelnder Horror-Film um New-Orleans-Mythen. Eher enttäuschend dagegen Das Casanova-Projekt von Arnold Hau, letzteres ein Pseudonym für eine Gruppe mehrerer Titanic-Autoren. Trotz eines hervorragenden Alfred Edel als unmöglicher Casanova und lebenslustiger Selbstdarsteller bleibt der Film doch zu sehr in Konventionen des Kino-Humors hängen und erreicht nie die geniale Dimension, die Waechter, Gernhardt und Konsorten mit ihrem geschriebenen und gezeichneten Opus vorgelegt haben. Schön hätte ein Wiedersehen mit Fritz Langs Blue Gardenia von 1952 werden können, wenn man nicht eine typische Fünfziger-Jahre-Synchronisation benutzt hätte, die den Film in Loss Antscheless spielen läßt und amerikanische Staatsbürger-Namen wie Tschack Tschon und Tschodsch tragen läßt. Daß das „Auf Wiedersehen“ nach einem Telephongespräch erst fällt, als der Hörer schon ungefähr fünf Sekunden auf der Gabel liegt, ist auch nicht sehr angenehm. Monte Hellmans schon recht altes, aber angenehmes „Road Movie“ Two Lane Black-Top versorgte noch mal alle Wenders-Fans mit der süßen Melancholie der Landstraße. So sah die Vorstellung eines permanenten Unterwegs-Sein vor zehn Jahren aus. Dokumentarfilme wie das polnische Werk Arbeiter 80 und den Harrisburg-Report We Are The Guinea Pigs haben wir verpaßt, man hörte eine Menge Gutes über diesen Programmteil. Todlangweilig soll dagegen das Anna-Magnani-Porträt Io Sono Anna Magnani gewesen sein. Erwähnenswert noch der Beitrag des legendären Squat Theatre aus New York, das einen Teil eines Doppelprogramms aus zwei halblangen Filmen zeigte. Mr. Dead & Mr. Free soll zusammen mit dem Squat-Standard Andy Warhols Last Love in die Kinos kommen.

    Fazit: Das Niveau der Kinotage war diesmal um einiges höher als bei den beiden letzten Veranstaltungen, aber ein neuer Durchbruch wie Eraserhead wurde auch diesmal nicht gefunden.