Autor: admin

  • Das Tier

    Was für ein Film. Joe Dante hat seine Wurzeln in Roger Cormans eiliger B-Film-Fabrik wahrhaftig auszunutzen gewußt! Sein Film Das Tier ist gespickt mit Verweisen auf die genaue Kennerschaft seines Regisseurs in allen Bereichen des B-Films und der ihn umgebenden Trash-Kultur. In hochkarätigen, ausgeklügelten Bildern streift er aber auch, stets leicht amüsiert, Genres wie moderne Social Fiction à la China Syndrom. Eine Fernsehansagerin ist einem geheimnisvollen Mörder auf der Spur, stellt ihn live in einer Video-Duo-Box, wo er von einem flinken Streifenpolizisten präventiv einstweilig erschossen wird.

    Aber Werwölfe sind nicht so schnell kleinzukriegen …

    Die Szene wechselt schnell. Eine skurril besetzte Psycho-Erholungssiedlung soll die junge Frau von dem Schock in der Duo-Box heilen. Doch im Wald hängen Nebelschwaden, und was kann der von Patrick Macnee (= John Steed) gespielte Trivial-Psychiater schon dagegen ausrichten. Am schönsten sind natürlich die Bilder von der ersten gemeinsamen Nacht eines frischgebackenen Werwolfs mit einer nymphomanen Artgenossin. Zeremoniell werden die Bademäntel abgelegt, im Vordergrund flackert ein Feuerchen, und durch die Wipfel schimmert der Vollmond. Zuerst sind sie ja Menschen und tuns auch wie Menschen und dann wird aus Lustgeschrei Wolfsgeheul, Zähne werden ausgefahren, Haare sprießen aus der jungen West-Coast-Amerikaner-Haut, und zwei Hundesilhouetten vereinigen sich schließlich brünstig jaulend im Lichte des magischen Mondes. Aber das ist nur einer der Höhepunkte. Denn das Gute am Tier ist, daß alle seine Relativierungen durch Zitate, Überzeichnungen und gute Witze in dramatischen Momenten (kurz bevor ein Werwolf mal wieder eins seiner Opfer verschlingt, wird kurz ein kleiner Farb-TV gezeigt, auf dem sich gerade Disneys Ede Wolf das Maul leckt) nicht zu verminderter Spannung führen. So entsteht keine studentische Lachorgie über einen absurden Film, sondern harter Horror, brillante Bilder und soziologische Satire: Auch unter den Werwölfen gibt es konservative Rednecks, die die liberale Linie, auf Menschenfleisch zu verzichten und nur noch Kühe zu reißen, ablehnen; dazu typisch kalifornische Wesen, die schon Gestalt-Therapie, EST und Scientology hinter sich haben und das Werwolf-Leben als „eine unheimlich gute Erfahrung“ betrachten, und sogar liberale Pseudo-Psychoanalytiker, die ihr Doppelleben tarnen und sich anpassen wollen.

    Mehr verraten, hieße die Überraschung zerstören.

  • Depeche Mode: … absolute here today (… aber vielleicht gone morgen mittag)

    Daß diese Geschichte von Depeche Mode handelt, ist ein Zufall. Sie könnte genauso gut von Duran Duran (schlechter), Classix Nouveaux (grauenvoll) oder Heaven 17 (besser) handeln. Sie handelt von einer dieser Bands, nach denen modebewußte junge Engländer (und Bewohner anderer europäischer Metropolen) zur Zeit gerne tanzen und deren Musik wesentlich auf Synthesizer aufbaut.

    Depeche Mode haben nur das Glück, in Deutschland massiver von ihrer hiesigen Plattenfirma/Musikverlag unterstützt zu werden. Seit Wochen halten sie Platz eins der Alternative Charts besetzt, so wie die großen Brüder von Spandau Ballet die „richtigen“ Hitlisten. Aber auch da haben sie einen Fuß reingeschoben, und irgendjemand scheint unwahrscheinlich auf ihr kommerzielles Potential zu setzen. Die Bewirtung der Journalisten war jedenfalls ziemlich gut und gewährte interessante Einblicke in die letzten Innovationen des Hotelgewerbes. Mein Zimmer lag am Ende eines dieser psychedelischen Gänge, die so fett mit Teppichboden ausgelegt sind, daß man ständig das Gefühl hat, sie seien uneben oder man würde in ihnen versinken, wie auf einem Flokati auf Acid. Dann mußte ich eine kleine Karte in einen Schlitz schieben, wo ein Laser-Abtastgerät den täglich wechselnden Code ablas, und, wenn er stimmte, mit einem kleinen gefühlvollen Surren sein Einverständnis kundtat und die Zimmertür aufspringen ließ.

    Dort saß ein Mann im Fernseher und erzählte viel von Lords und Sirs, die einander empfingen und abholten und andere adlige Botschafter einluden oder irgendwohin reisten. Später fand ich heraus, daß es die Nachrichten waren. Ein Farmer in Schottland hatte seine Schafe in der Farbe des Union Jack bemalt, um das königliche Brautpaar zu ehren, erzählte der lustige Onkel. Ich mußte an das Tagebuch des Samuel Pepys denken (1660-68). In England hatte sich nicht so viel verändert.

    Oder doch? Je schlechter die Zeiten, desto exotischer die Moden, desto perverser der Lebenswandel derer, die es sich leisten können. So lautet ein Gemeinplatz, mit dem man sich gegenwärtig dem Blitz-Kids-Phänomen nähert. Man vermutet, zumal in Deutschland, verantwortungslose, überzüchtete Sprößlinge reicher Familien, dekadenten Abschaum einer nicht mehr funktionstüchtigen Gesellschaft, elitäre Arroganz und Menschenfeindlichkeit. Ein Radio-Moderator ging unlängst soweit, bei der Rhythmusmaschine in einem Spandau-Ballet-Titel faschistische Exekutionskommandos zu assoziieren. Naja, wenn es darum geht, Jugendlichen, die man nicht versteht, einen Faschismusverdacht anzuhängen, ist die ältere öffentlich-rechtliche Generation immer von einer Phantasie gesegnet, die sie sonst vermissen läßt. Anschließend legte der Mann Chuck Berry auf und pries den guten alten Rock’n’Roll: „Hail, Hail undsoweiter deliver me from the days of old“. Erschüttert mußte jene verlogen-linksliberale Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, daß es sich bei fast allen Vertretern der New-Romantics/Blitz-Kids-Bewegung um Figuren aus der Arbeiterklasse oder der verarmten Mittelschicht handelte. Das durfte nicht wahr sein. Sollte sich das Proletariat etwa weigern, weiterhin dreckig zu sein, zu schwitzen und nach Bier zu stinken, wie es sich gehört? Äußerst verwirrend für unsere aufgeschlossenen Meinungsfabrikanten.

    Auch Depeche Mode sind – man rechnet sie zur New-Romantics-Bewegung – simple Vorstadt-Kids, die sich in Pop versuchen. Mit einem Talent für leichte, nette Melodien und einem nicht übertrieben ambitionierten, aber gut durchdachten Design/Outfit-Konzept erwarben sie die Gunst von Daniel Miller, der mit ihnen zwei nicht sonderlich aufregende, aber unterhaltsame Singles für ein Mute-Label aufnahm. Geliebt werden sie von denen, die genauso sind wie sie: von den Tänzern im „Venue“, die sich mindestens eine Stunde auf das Ausgehen vorbereitet haben und nun nichts weiter wollen als gut aussehen und sich hübsch bewegen, das andere Geschlecht anlocken oder auch das gleiche. Man will was für den Körper tun. Die da oben, die Band, macht dasselbe: Kleine elegante Vor-Zurück-Bewegungen über den drei elektronischen Gerätschaften, und der vierte Mann am Mikro versucht ein wenig zu posieren. Die ganze Band ist noch sehr jung. Wie bei allen neuen kurzlebigen Bewegungen sind Band und Publikum vom selben Menschenschlag. Als der Set vorbei ist, wird einfach zu ähnlicher Musik weitergetanzt, ohne Unterbrechung bis zwei Uhr. Darunter von Heaven 17: „(We Don’t Need This) Fascist Groove Thang“. Und dazu wird genauso getanzt wie vorher zu DAFs „Mussolini“.

    Die New Romantics haben keine besonderen Werte, die sie verteidigen, sie wollen sich nur auf eine naive Weise etwas Würde zulegen, unverwechselbar werden. Lest in der Spandau-Ballet-Geschichte nach, was es bedeutet, gut auszusehen. Die New-Romantic-Kultur hat sehr viel Hohles hervorgebracht (Visage, Ultravox, Classix Nouveaux), aber ich sehe, daß wir gemeinsame Feinde haben: Die Bewahrer des Status Quo, der Meinungsscheiße, der Klischeestandpunkte. Depeche Mode haben sich unvoreingenommen von dem z. Z. grassierenden Traditionsfieber bestimmter neuer Pop-Technologien bedient, mit einer Direktheit, die an Punk erinnert. Nur mit einer anderen Zielsetzung, mit einer anderen Geste. Ihr Approach, ihre Art für Tanz und Melodie zu arbeiten und sich dabei nicht an ihren extrem flachen Texten wundzuscheuern, ist ein weiterer Schritt zur Abkoppelung jugendlicher Gefühls- und Begriffswelt von den Kategorien unserer Kultur. Wahrscheinlich werden von der ganzen Musik, die nach ihnen an diesem Abend zum Tanz gespielt wurde, nur Heaven 17 und Spandau Ballet die Substanz haben, um es längere Zeit zu machen, aber Depeche Mode sind absolut here today und sehr wahrscheinlich gone tomorrow, somit aber wahrscheinlich die beste Momentaufnahme der aktuellen Stimmungslage.

    Einen Tag später im Kensington-Center: Hier, wo in diversen Winzboutiquen auf drei Stockwerken in den Siebzigern Fashion verhökert wurde, wird jetzt Fashion gelebt. In jeder dieser extrem schmalen Nischen ist irgendeine Sekte beheimatet. Drei Teds lehnen an einer Musikbox als wollten sie für Guy Pellaert Modell stehen, die Kleidungsstücke auf den Stangen an der Wand wirken nur wie Alibi, nicht zum Verkauf bestimmt. Ein Junge mit mehreren grün-gefärbten Reinigungs-Mopps auf dem Kopf grunzt mich an: „Loik mai Hairstail?“ Neben dem Ted-Laden treten sich zehn Skins auf die Stiefel, während sie in einem Zehn-Quadratmeter-Raum zur Musik von Four Skins Jacken begutachten. Ken Lockie sitzt im nächsten Raum, trinkt Tee mit anderen schwarz-gekleideten ernsten jungen Männern, sie wirken wie Aristoteles mit Schülern und debattieren würdig irgendein philosophisches Thema. Von nebenan dröhnen durcheinander: Duran Duran (aus der Blitz-Boutique), B-52’s (vom Futuristic-Shop) und Clash aus der Ecke, wo Star-T-Shirts verkauft werden. Eine Sozialarbeiterin macht Anschläge an ein schwarzes Brett: billige Wohnungen, Halbtagsjobs. Und aus dem Plattenladen: Die intellektuellen Del-Byzanteens aus New York.

    Niemand bekämpft sich hier. Die einzelnen Gruppen gehen ihren Ritualen nach und lassen einander leben. Man läuft hier keinen Klischees von sich selbst hinterher. Alles ist in Bewegung, auch wenn vieles darunter so dumm ist, daß einem übel wird (Welcher 16-Jährige ist schon klug?). Die Leute tun aber alles für ihre Autonomie: „I got a right to live and be in love with music so fancy free“, singt Debbie Harry auf Koo Koo. „Music belongs to the people“, Kid Creole und seine Coconuts. Wem das zu unpolitisch ist, der sollte seinen Begriff von „Dem Politischen“ überprüfen. We need a marxist Groove Thang!

  • Gedanken zu Rock Session 5 (Sounds-Diskurs)

    Mit Kritik an Sounds ist unsereins ständig konfrontiert. Hilfreich ist da vor allem die von Bekannten mündlich ausgesprochene Kritik, das Feedback im Alltag. Hilfreich können auch Leserbriefe sein, auch wenn sie meistens eher demoskopisches Material abgeben. Anlaß dieses Artikels aber ist professionelle Kritik, wie sie sich durch Zufall gerade jetzt häuft. Als Beispiel soll ein Artikel des ansonsten verdienstvollen „Rock Session“-Herausgebers Klaus Humann dienen, den zum Anlaß nehmend äußert sich unser Mitarbeiter Klaus Frederking über Sounds. Gemeinsam ist all diesen Kritiken, daß sie (Ausnahme: Frederking) nicht nur nicht hilfreich sind, sondern auch an einem Mythos stricken, ein Klischee verfestigen, mit dem zu leben unangenehm ist. Zunächst zu einer typischen Äußerung.

    Kurt Martin Dahlke, der Pyrolator: „Mir wird dieser Handlungsablauf immer deutlicher bewußt. Die landläufige Musikpresse ist von der Industrie bezahlt. Ob das nun Sounds ist oder wer auch immer. Die sind von der Industrie bezahlt. Ob das nun die Verlagsgesellschaft ist oder der Chefredakteur selbst, das spielt im Prinzip keine Rolle. Bestimmte Produkte sollen gefördert werden, um mehr Geld reinzukriegen. Und die sagen natürlich an ’nem bestimmten Punkt, nee Leute, jetzt bremst euch mal mit eurem Alternativkram und schreibt mal über Sachen, die wir auch verkaufen wollen.“ Ein Statement, das sich in seiner unbefangenen, unreflektierten Naivität kaum unterscheidet von dem Satz: „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, wie ihn Klischee-Rentner angeblich nach der Tagesschau ausstoßen. Aber warum soll sich der Pyrolator, den ich sonst sehr schätze, auch genaue Kenntnisse aneignen über Dinge, die ihn nur am Rande betreffen, er ist ja auf anderes spezialisiert. Blöd ist nur, daß der „Rock Session“-Autor, der dieses Statement zitiert, darin „die Geri-Reig-Philosophie des Plan“ findet: „Etwas Eigenes machen. Sich absetzen. Sich bewußt querstellen zu vorgegebenen Verfahrensweisen (…) ein unabhängiges Label zu betreiben ist ein politische Entscheidung“. Du meine Güte!

    Sounds ist abhängig von Anzeigen. Diese werden zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Schallplattenindustrie akquiriert. Sounds hat erwiesenermaßen, zu meiner Zeit jedenfalls, nie sein redaktionelles Konzept von dieser Abhängigkeit beeinflussen lassen. Weil man Sachen wie den Plan wichtig findet, macht man sich Ärger, halst sich sinnlose Diskussionen auf, und hört dann sowas. Soweit die menschliche Seite.

    Die andere Seite ist die mangelnde Aussagekraft solcher Sätze. Im Kapitalismus wird alles von irgendwelchen Industrien bezahlt. Das Geflecht der Abhängigkeiten ist ein Dickicht. Dies festzustellen, ist eine Binsenweisheit. Wichtiger wäre, sich Gedanken zu machen, wie jemand mit den vorgegebenen Voraussetzungen eines Gesellschaftssystems umgeht. Ich wage die Behauptung, daß Sounds die von allen an Kiosken im normalen Vertrieb erhältlichen Musikzeitschriften der BRD und GB die freieste ist, diejenige, die inhaltlich so wenig Beschränkungen unterliegt, daß wir zeitweilig einen Anteil von über 50 % von unabhängigen oder Importplatten in unseren LP-Kritiken hatten, an denen die heimische Industrie nicht einen Pfennig verdient. Daß es Kraft kostet, so etwas durchzusetzen und zu verteidigen, dürfte eigentlich nicht zu schwer vorstellbar sein. Sich darüber Gedanken zu machen, müßte für einen Kritiker der Kritik mit lohnenswerteren Erkenntnissen und Beobachtungen belohnt werden, als das ewige nörgelnde Herumreiten auf den äußerlichen ökonomischen Bedingungen oder Zwängen. Interessant ist, wie ihre Wirksamkeit eingedämmt bis vermieden wird, nicht, daß es sie in einem, ohnehin nur nebulös verstandenen, ökonomischen Zusammenhang irgendwie doch geben müßte.

    In der gleichen Ausgabe macht sich Klaus Humann, seines Zeichens Herausgeber der „Rock Session“, ausführliche Gedanken über Sounds. In zwölf Mini-Kapiteln rechnet er mit uns ab, auch wenn ihm dabei so oft die Beispiele des „Beispiel Sounds“ ausgehen, daß er allgemeine Auslassungen über Rockjournalismus einflicht, die der unschuldige Leser ebenfalls auf Sounds beziehen müßte. Schon im Vorspann wird da ein horribles Bild vom Rock-Kritiker gezeichnet („Talking-Heads-Halstuch, Bob-Seger-Mütze, Eagles-T-Shirt, Greg-Kihn-Sweat-Shirt …“). Eine Zunft, die sogar das Hemd am Leibe der Gefügigkeit für Korruption verdankt. Es gibt Leute, die so rumlaufen und auch vorwiegend in Promo-Geschenkchen denken. Nur haben sie mit Sounds nichts zu tun, auch wenn Humann den Eindruck erwecken will, nur er in der Rock-Session-Einsiedelei sei von derlei weltlichen Anfechtungen frei. Die ersten beiden Kapitelchen beziehen sich auf den Rest der Musikpresse. (Fehler: Sounds verkaufte im ersten Quartal 1981 laut NW-Statistik (die sich jeder besorgen kann), 39 Tausend, 9 Hundert und ein paar zerquetschte pro Heft). In Kapitel drei steht, daß Humann Sounds früher charmanter fand. Nun gut. Kapitel vier ist infam: „Seit dem Wechsel ist Sounds in meinen Augen effizienter, cooler, angepaßter geworden.“ Effizient heißt wirksam. Ist eigentlich gut, oder? Nicht für Humann, der mit der Wahl dieses Wortes nicht die Bedeutung anpeilt, die man normalerweise unter „effizient“ versteht, sondern Assoziationen wecken will, die sich aus der Verwendung des Begriffs in Kalkulationen und Rechenschaftsberichten multinationaler Konzerne herleiten. Er will sagen: Wir nützen der Industrie. Hoho! Da soll er mal einen Vertreter der Industrie fragen.

    Angepaßt? Ein hohles, abgenutztes Wort. Erfunden von einer Generation von liberalen Fusselhippies, die glauben, mit individuellem Habitus die Welt zu verändern. Ab nach Poona mit dem Wort! Aber da es nun mal hier steht, müssen wir es auch diskutieren. An wen oder was angepaßt? An die Belange der Industrie („Der Firmenwunsch ist da Befehl“, Humann)? Als Beispiel für diese Vorstellung zeichnet er ein Bild vom eiligen, unsorgfältigen Sounds-Journalisten, der mit dem Taxi auf Firmengeheiß die Vorab-Kassette von der Plattenfirma abholt, in die Maschine bespricht nach einmal Hören, damit die Plattenfirma den Rezensionstext in einer Anzeige für die gleiche Platte verwenden kann. Ein Gespinst, diese Vorstellung! Wir rezensieren schon mal Vorab-Kassetten.

    Der Leser muß schließlich wissen, wie die neue Sowieso ist, wenn er sie als Import drei Wochen vor dem bundesrepublikanischen Erscheinungstermin im Laden stehen sieht. Diese Vorab-Kassetten müssen wir der Industrie (falls sie von der Industrie kommen und nicht vom Musiker selber) aus dem Kreuz leiern. Denen ist Sounds nämlich längst zu renitent und die Gefahr eines Verrisses viel zu groß, um sich dermaßen ins Zeug zu legen. Humann hat was gegen Schnelligkeit. Dann sollte er die „Zeit“ lesen, die lassen Abbey Road ein Jahrzehnt reifen, bevor sie das Werk als Direct-Master-Speed-Half-Cut wie einen alten Wein rezensieren. Rock-Musik ist schnell. Das tägliche Leben, nicht das epochale. Und auch wir haben reichlich Artikel, die Tradition und Geschichte Tribut zollen. Aber Humann weiß selber: „Die Pflicht einer Zeitschrift wie Sounds (anders als ‚Rock Session‘) ist Nachricht, damit Aktualität und Analyse, das Spontane und das Abgeklärte (Ein heillos konfuser Zustand, ein psychologisches Paradox!), die Nähe und die Distanz (nun bricht vollends die dialektische Schulung durch. Diese Forderung ist so wahr wie falsch, sie ist gleichsam die Antizipation des Wahren im Falschen, oder besser die im Irrtum eingebettete Erkenntnis)“.

    Was will der Mann also? Seine Anschuldigungen sind aus der Luft gegriffen, seine Forderungen erreichen einen Abstraktionsgrad, wo sie in totale Beliebigkeit umschlagen. Seine Informationen sind falsch (Auflagenzahlen, Industriekontakte). Im nächsten Kapitel wirft er uns vor, Platten zu verreißen, ohne unsere Erwartungshaltungen und Kategorien offen zu legen. Dabei fällt folgender Satz: „Wichtig ist das feeling, geil oder nicht geil, das interessiert.“ Abgesehen davon, daß die Worte „geil“, „Feeling“ oder auch „Die Stimme“, „Das Wahnsinnigste“ oder „Der Trend“, die er uns später in den Mund legt, in den letzten zwei Jahren zumindest, nicht zum Vokabular von Sounds-Kritiken gehörten, bleiben seine Vorwürfe in diesem Kapitel so klischeehaft und vage (unqualifizierte Verrisse) wie ein paar Kapitel weiter der Vorwurf, andere Platten zu gut zu besprechen (Hype). Das läßt sich auf einen abweichenden Geschmack reduzieren, der hier durch einen nachdenklichen Gestus verbrämt wird, aber nichts anderes sagt als: Ihr sagt Pink Floyd ist schlecht, das ist gemein, oder ihr sagt die Slits sind gut, da hat euch wohl die Industrie einen Schein zugeschoben. Unterstellungen, die normalerweise nur in den Leserbriefen vorkommen, die man gar nicht erst abdruckt, weil sie zu substanzlos sind.

    Nach der Aufdeckung eines vermeintlichen Gefälligkeitsjournalismus im Falle Lake, der sich vor meiner Zeit bei Sounds zugetragen haben soll, kommt die Geschichte mit dem Hype-Verdacht. Sounds ließe sich, wenn auch nicht ganz so offensichtlich, aber eben doch, von der Industrie zur Behandlung bestimmter Themen, die der Industrie nützen, verführen. Ohje! Es läßt sich leider nicht vermeiden, daß die eine oder andere gute Gruppe eben bei der Industrie unter Vertrag ist. Aber die Themen haben wir noch immer selbst ausgesucht und zwar nach unseren Vorlieben und oft hatten wir jemanden entdeckt, bevor die Industrie wußte, wer das überhaupt ist: DAF, James White, das gesamte Rough-Trade-Programm, ZE u. v. a. m. Daß die Leute hinterher Verträge abschließen, ist nicht unsere Schuld. Sounds begünstigt möglicherweise die Voraussetzungen für eine Unterschrift bei der Industrie, aber sollen wir gute Musik verschweigen, nur damit der Dämon Industrie nicht auf die Idee kommt, armes hilfloses Musiker mit große böse Vertrag zu linken?

    Darum kann es nicht gehen und darum geht es auch nicht. Humanns Hype-Unterstellung gipfelt in dem Satz: „Eine Gruppe aus New York oder London schafft es immer viel schneller als eine Gruppe aus Hannover, Herford oder Schwetzingen.“ Ach nee! Wenn sich das ein bißchen geändert haben sollte (abgesehen davon, daß auch heute noch ein deutliches Qualitätsgefälle, nicht nur zwischen New York und Schwetzingen, sondern eben auch zwischen Sheffield und Hannover klafft), dann doch wohl durch die angepaßten, effizienten (eben!) und coolen Sounds-Schreiber, die seinerzeit von Oldwavern wie Humann viel Kritik für ihr Engagement ernteten. Der nächste Streich: Ein Zitat aus Chapple/Garofulos „Wem gehört die Rockmusik?“, in dem eloquent beschrieben wird, wie 1975(!) in den USA(!) Rockkritiker durch subtile Strategien zu willfährigen Sklaven des Industrieinteresses werden. Der Text stand April 1980 in Sounds. Wir hatten derlei Dinge durchaus also auch reflektiert. Aber in diesem Zusammenhang soll der Text natürlich den Eindruck erwecken, er treffe auf die Verhältnisse bei Sounds zu. Was wiederum infam genannt zu werden verdient.

    Gekrönt wird Humanns „Kritik an der Rock-Kritik“ von einer Gegenüberstellung einer positiven Sounds-Kritik (M.O.R.K. über Fleetwood Mac, Tusk) mit einem WEA-Pressetext. Beide haben sprachlich, gedanklich nichts gemeinsam, außer dem Produkt positiv gegenüberzustehen. Daraus schließt Humann: „Die Plattenfirma und ihr journalistischer Partner …“. Nur weil Werbekampagne mit positiver Beurteilung zusammenfällt, soll da was faul sein. Warum zählt er dann nicht die Dutzende von verrissenen Platten auf, denen ebenso große Werbekampagnen vorausgingen? Hinzu kommt, daß uns Kröhers brillantes, aber opulentes Werk damals nicht reichte als Auseinandersetzung mit Tusk und daher in der gleichen Ausgabe eine Zusatzkritik von Thomas Buttler abgedruckt war, die die WEA-Kampagne explizit angriff. Die ignoriert Humann, man muß wohl sagen, böswillig. Daher kann auch diese Antwort um den Ton des Auge um Auge, Zahn um Zahn nicht herumkommen. So willkommen Kritik normalerweise ist, wenn sie auf vorhandene Widersprüche hinweist, zu unterscheiden weiß. Mit Dämonisierung ist niemandem geholfen. Dafür sind die Zusammenhänge inzwischen ohnehin zu kompliziert. Und auch bei der Industrie gibt es Idealisten, die gegen den Strich schwimmen, die wissen, wessen Interessen sie vertreten und dieses Bewußtsein in ihre Arbeit einfließen lassen, und Leute, denen künstlerische und politische Werte über Wohlverhalten gehen. Aber das wäre wirklich zu kompliziert, gell?

    Kritik stelle ich mir so vor, wie Klaus Frederking das in dem vorstehenden Artikel gemacht hat. En Detail. Auch ich halte Spex für eine Alternative zu Sounds, die eine andere Methode von Rockjournalismus entwickelt hat. Nur, daß ich, im Gegensatz zu ihm, die Methode des unredigierten Erlebnisberichtes für vollkommen unsinnig halte. Der Wert eines solchen Berichts ist mit einem erschöpft, da seine immer gleichen Formeln und wiederkehrenden Erfahrungen von den Bedingungen des Tour-Betriebs abhängig sind, nicht von dem spezifischen Charakter der einzelnen Gruppe. Somit halte ich Ruffs keineswegs dilettantischen, sondern neuartigen Gedanken zu Jazz im Falle Comsat Angels dem nervtötenden Frage/Antwort-Spiel in Spex für um einiges überlegen. Mein Stray-Cats-Artikel ist, zugegeben, etwas dünn, aber er enthält doch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Ein Rockjournalist sollte meiner Meinung nach nicht Mythen zerstören, sondern sie als solche kenntlich machen und herausarbeiten, ob sie ein Teil von Selbstdarstellung, selbstgewählter Stil, kokette Relativierung eigener Aussagen darstellen oder ob sie ein kommerzielles Wiedererkennungszeichen der Industrie sind (Ob Mythen oder Nicht-Mythen, ich glaube, wir meinen das Gleiche – K.F.).

    Spex entwickelt seine Stärken meiner Meinung nach eher da, wo es Sounds ergänzt (das ist nicht arrogant gemeint), wo wenige längere Plattenkritiken stehen, statt vieler kurzen, wie bei uns. Beides ist sinnvoll und beides sollte es geben. In diesem Sinne kann man sich über Spex freuen, aber unterlegen sind wir bestimmt nicht.

  • Die Taxifahrerin

    Vor einiger Zeit warf man dem deutschen Film vor, sich keine Themen mehr einfallen zu lassen, und, statt etwas zu riskieren, sich in der Eingefahrenheit von Literaturverfilmungen zu akkommodieren. Dem sogenannten neuen französischen Film kann man mit Fug und Recht einen ähnlichen Vorwurf machen.

    Kein Film, der etwas anderes im Sinn hätte, als das gute alte Mann-Frau- oder Mann-Mann-Frau- oder Frau-Frau-Mann-Ding, ohne einen Bezug zu einer als solcher erkennbaren Realität, zu behandeln. Aber schlimmer als das Was ist meistens das Wie.

    Eine Taxifahrerin kurvt durch Paris und lebt davon, ihre reichen Kunden nach der Bezahlung mit ein paar gezielten Tritten umzulegen und anschließend auszurauben. Zwei alte Freunde aus – natürlich Mai-68er-Barrikaden-Tagen – lernen dieses Mädchen kennen. Den einen verführt sie im Taxi, den anderen in dessen Wohnung, nachdem sie ihm vorher gewalttätig klar gemacht hatte, sie bestimme, „wann sie mit wem bumse“.

    Was die Darstellung dieser Beziehung so ärgerlich macht, sind ein paar vorzugsweise in französischen Filmen anzutreffene Klischees über die Frau und die Liebe, die so falsch wie dumm sind. Die Frau ist ein Mysterium, ihre Handlungen sind irrational und widersprüchlich. Man scheint in Frankreich nicht akzeptieren zu wollen, daß eine Frau ein Mensch wie Du und ich ist (eher wie Du); eine Haltung, die man durchaus sexistisch nennen muß. Sie ist eine wilde Katze, sie sagt: „Ich liebe dich“ und schlägt zu und umgekehrt. „Sie ist eine Frau, du mußt mit ihr in die Berge gehen“, raunte mir mal ein französischer Freund zu, als er in meiner Nähe lange schwarze Haare sah. In diesem Fall sind es nicht die Berge, sondern Afrika, aber sie geht alleine hin und läßt die beiden Freunde in ihrer sprachlosen, muffligen, soziologisch nur durch Schreibmaschine, Saxophon, Jazz-Kneipe und 68er-Vergangenheit vage umrissenen Tristesse zurück.

    Ein weiteres Stilmittel, das mir auf den Wecker geht: Es wird unter Liebenden nicht gesprochen. Man glotzt sich in die Augen und sagt Sätze wie: „Du hast schöne Zähne. Schmatz.“ oder: „Es ist mir egal.“ – „Was ist dir egal?“ – „Ich weiß nicht. Alles!“ Das Unsagbare, Unaussprechliche soll eingeführt werden, dabei haben sich Verliebte, wie jeder weiß, eine Menge zu erzählen. Gemeinsam wollen sie die Welt und sich neu entwerfen. In Euphorien reden sie Nächte durch. Nicht so in Frankreich: „Was hast du vor drei Jahren gemacht?“ ist eine der substanzvollsten Fragen, die der eine der beiden verliebten Freunde der wilden Katze von Taxifahrerin stellt. „Ich weiß es nicht“, ist die unglaublich ernüchternde Antwort.

    Entweder will sie nicht darüber sprechen, was traurig wäre, oder sie weiß es wirklich nicht, was erschütternd wäre. Dabei wüßte man es gerne, denn sie ist wirklich toll. Eine kraftvolle Schauspielerin, mit einer beeindruckenden Mimik, guten präzisen Gesten und einem Gesicht, das auf vieles neugierig macht. Deswegen folgt man dem Film, der durchweg schön fotografiert und mit einer klugen, zuweilen an das männliche Pendant aus Amerika erinnernden Musik unterlegt ist und auch bei Kamera- und Schnitttechnik nicht mit Überraschungen geizt, durchweg mit großer Spannung. Stil und Stimmung, die hier verarbeitet werden, erinnern an große Vorbilder aus der Nouvelle Vague (Paris aus der Autoperspektive, vergl. Außer Atem) und New Hollywood (die Neonreklame als Orientierungszeichen in der Großstadt). Die Taxifahrerin hätte ein sehr guter Film werden können, wenn nicht das Drehbuch (bzw. die ihm zugrunde liegende Geisteshaltung) zu bescheuert wären.