Autor: admin

  • Frankfurt, Frankfurt, Frank Sinatra

    Ditdit-dehdehdeh – Ditdit-dehdehdeh. Ich schiebe die Bahnhofstür beiseite, ditdehdeh, ich tauche in die B-Ebene ein, ich habe keine Bom-ber-ja-a-cke dabei, die sie mir klauen können, dit, ich tauche aus der B-E-bene auf, werfe einen Blick in die heimelige Hütchenspielerknei-pe, lasse mein Auge die Skyline der Verwaltungsge-bäu-de absuchen. Frankfurt am Main, hier kommt Frank, und hier komme ich. Hier treffen wir uns in der Mitte: „I’m glad to be here. I’ve never been in the area, and I enjoyed to watch how it works.“

    Thomas Mann war dabei, als man in Amerika die Popkultur erfand, zumindest las er die Zeitungen, die dabei waren:

    Pacific Palisades, Sonntag den 15 VII. 43

    /Organisation des Vortrags./Einleitung. Allein etwas gegangen. Häusliches Mahl, ohne Mädchen. Gelesen die Zeitung. Über die Ekstase des weiblichen Publikums gestern in der Bowl bei den Gesängen eines populären Baryton-Boys Frankie Sinatra. – Nachmittags allerlei Erledigungen mit Dr. Joseph. / Er beginnt, den Roman abzuschreiben. / Abends Kaffee. Gelesen im Schindler. – Abreise Churchills von Hydepark, wo er 3 Tage mit Roosevelt verbracht. Friedensdemonstrationen unter Bombardements in Italien. Rom überstürzt zur offenen Stadt erklärt.

    Frankfurt überstürzt zum Tabellenführer erklärt. Bayerns fünfte Heimniederlage (heute am Tag der Niederschrift, eine Woche nach dem Konzert). Welchem Konzert, dem in der Hollywood Bowl? Das war exakt 14 Jahre vor meiner Geburt und 48 Jahre vor dem Auftritt in Frankfurt, von dem ich hier singe, exklusiv vor American Express Members und Schwarzmarkthöchstpreiszahlern. Wer was auf sich hielt, verschwand schon auf den von der Buchmesse her bekannten endlos langen Gängen des Ffm-Messe-Anwesens nach links in die V.I.P. Lounge. Aber auch für den Rest war gesorgt. Sechs bis sieben Bars, die um 5,80 Tuborg und andere Getränke feilboten. Duftende Garküchen, wo man warme Snacks bekam. Schmucke Kellner und Kellnerinnen, die ungefragt die Aschenbecher der Stehtischchen leerten.

    „Tja, Leute was soll ich euch sagen: Man ist halt keine 15 mehr. Wozu auch? Ein gräßliches Alter, sage ich euch. Ich bin froh, daß ich’s hinter mir hab’. Da interessiert man sich ja noch nicht mal für Girls. Das heißt: That was a lie.“

    Und ich dachte auch immer, es sei ein sehr gutes Jahr gewesen, als er seventeen war. Aus irgendeinem Grund bestand ein Großteil der Conference von Sinatra aus Bemerkungen darüber, daß er die Musik der jungen Leute nicht verstehe und man von ihm nicht erwarten dürfe, daß er so’n Zeugs singen würde. Aber wer hatte das denn erwartet? Nun, vermutlich der Baryton-Boy selber, war er es doch gewohnt, Girls – oder in seiner Sprache: Broads – zu bezirzen, die natürlich ein gewisses Alter nicht überschreiten durften. Und in letzter Zeit hatte er sich ziemlich stark in die aktuelle Jugendkultur eingemischt. Pop ist sein Metier, und was da läuft, ist noch immer seine Konkurrenz. Nachdem Sinead O’Connor einen Festival-Auftritt abgesagt hatte, weil zu Beginn die amerikanische Nationalhymne gespielt werden sollte, hatte Sinatra – was ging ihn das an? hätte er sich rausgenommen, seinerzeit Hendrix zu maßregeln? – sich angeboten, der jungen Dame Manieren beizubringen, „mit einem anständigen Tritt in den Arsch“, wenn Sie verstehen, was ich meine. Amerika ist begeistert. Als es neulich ein junger Fanzine-Redakteur unter Vorspiegelung der falschen Tatsache, einer von Frankies Unterwelt-Freunden zu sein – er ist bekannt dafür, alle italienischen Akzente der Chicagoer Unterwelt imitieren zu können –, tatsächlich schaffte, sich von Sinatras Sekretärin zum Chef durchstellen zu lassen, sich dann zu erkennen gab und ein Interview erbat, bekam er nach einer angemessenen Schweigepause zu hören: „Du bist tot. (Pause.) Deine Mutter ist tot. (Pause.) Dein Vater ist tot. Dein Bruder ist tot. Deine Schwester ist tot.“ Klick. Es gibt ein Problem mit den jungen Leuten, obwohl die ihm in den 80er Jahren zumindest hierzulande zu einer, sagen wir: siebten Karriere verholfen haben, und nun, zu Geld oder einer American Express Karte gekommen, einen nicht unwesentlichen Teil des Publikums stellten.

    *

    In den mittleren 70ern erschien die bislang anschaulichste Geschichte der Pop-Kultur, Rock Dreams von Nik Cohn (Text, meist nur eine Zeile pro Bild) und Guy Pellaert (hysterische, gemalte Popstar-Porträts in Farbe und vor einem Hintergrund aus ein oder zwei markanten Details, die aus Songtexten und der Biographie entnommenen waren, so daß diese Details das wirkliche Image eines Popstars ergaben, nämlich die Summe aus dem biographischen und dem künstlerischen Image, aus Leben und Werk): auf der ersten Seite, sozusagen als Schmutztitel, das einzige Schwarzweiß-Bild: Frank Sinatra mit Glas und Ziese, darunter die unsterbliche (sic!) Zeile der Who: „Hope I die before I get old!“ Das war damals noch die Formel, mit der man sich für immer von ihm verabschieden konnte, auch wenn es die Anerkennung einschloß, daß mit ihm alles angefangen hatte – das Nichtmehraltwerdenwollen.

    Wenn mich einer gefragt hätte, was Sinatra seit The Man With The Golden Arm gemacht hat, hätte ich bis 1982 garantiert auch keine Antwort gewußt. Sich scheiden lassen? Ein paar Frauenbekanntschaften, Mia Farrow, Lauren Bacalls erster Boyfriend nach Bogart, sich von seiner Tochter porträtieren lassen, Schutzgelder waschen, Leute, die Ava Gardner beleidigen, zusammenschlagen?

    Junkie-Jazz-Drummer war vermutlich die letzte coole Rolle, die er gespielt hat. Als sich u. a. durch verstärkte Soul-Rezeption die panische Angst der Rock-Kultur vor Glanz, Streichern und Inszeniertheit von Gefühlen im Laufe der Postmoderne wie ein dummer Nebel langsam löste, wanderten alte Sinatra-Singles langsam in Jukeboxes von New-Wave-Kneipen. Man drückte sie noch bis circa Frühsommer 84 mit dem gleichen campy Vergnügen, mit den man vorher die Cramps und danach „Children Of The Revolution“ von T. Rex gewählt hatte. Das war die Zeit, als Konkret-Herausgeber Gremliza in dem legendären Spex-Interview „Härter als der Rest“ zu Gerald Hündgen sagte, er habe sich berichten lassen, in diesen New-Wave-Kreisen gäbe es eine neue Sinatra-Rezeption.

    Daß dafür vor allem ein Song verantwortlich war, konnte man auch in Frankfurt wieder bestätigt finden: Als nach einem wunderbar gedehnten und mit viel Altmänner-Soul zelebrierten „One For My Baby“ die in diesem Kontext brachialen Fanfaren von „New York, New York“ die Stille zerfetzten, reagierte das Davis-Cup-Publikum mit dem größten Enthusiasmus, zu dem es fähig war. Das liegt natürlich daran, daß man hier auch den Text ganz auf sich als zeitgenössischen Nachnewyorkgeher übertragen konnte. In den 80er Jahren ging ja jedermann und sein Schwager nach New York, um es da zu „machen“ (und wenn das „machen“ nur darin bestand, als Tourist einen Bummel durch die South Bronx stolz zu überleben und davon zu prahlen), oder um woanders hinzugehen und es da zu „machen“, als wär’s New York (nach Frankfurt zum Beispiel mit seinen rührend blöden, aber beeindruckenden multikulturellen Weißweinskylines). Ich mußte den ganzen Song über an Bret Easton Ellis denken. Wenn ich in New York killen, schlitzen und foltern kann, kann ich überall killen, schlitzen und foltern (man denkt immer an solche Sachen, wenn Songs einfach zu bekannt sind, um sie noch einfach anhören zu können).

    „The city is so nice, they had to name it twice“ (Jon Hendricks) Der Titel „New York, New York“ profitiert ja davon, daß er einfach nur die bekannteste Postanschrift der Welt postalisch korrekt wiederholt – nicht der Name der vergötterten Stadt wird wiederholt, nein, auf einen Brief nach New York schreibt man New York, New York, Stadt, Staat. Wann immer man die Adresse las, fing man an, diese Fanfare zu summen (guter Beat auch), seit der Zeit zumindest, als hier alle dahin aufbrechen wollten wie zehn Jahre vorher nach Indien. Grönemeyer versuchte diese Methode später erfolglos mit „4630 Bochum“ (freiwillig unfreiwillig) komisch zu kupfern.

    Aber das war harmlos gegen die heutigen New York-Triebe. Wenn in Tempo der bisher nur ungefährlich-tattrige Matthias Horx sich ein multikulturelles Deutschland wünscht, das so richtig geil lebensgefährlich, brutal, konfliktreich, drogensüchtig, rassistisch, kriminell etc. sein soll wie Vorbild „New York, New York“. Wenn sich den Ausländerfeinden solche Ausländerfreunde hinzugesellen, die sich schon darauf freuen, daß bald noch mehr Leute für nichts und eine Hundehütte nicht nur in Kneipen arbeiten, sondern bald auch die Crack-Versorgung für pittoresk am Straßenrand herumliegende, Metropolenflair verbreitende Obdachlose sicherstellen (Tempo 10/91, S. 36).

    Nach den Meldungen im Kölner Express, Sinatra habe Alzheimer, hatten wir uns noch vorgestellt, wie lustig es wäre, wenn er tatsächlich, wie dort behauptet, Textzeilen vergäße: „Start spreading the … äh … was mal noch? … disease?“ Die Idee, daß einer, der nur aus unsterblichen Textzeilen besteht, die jeder kennt, selber anfangen sollte, die unsterblichen Zeilen zu vergessen, hat etwas zuundzu Tröstliches. Sic-transit-gloria-Benneton-Soldatenfriedhof-mäßig. Stattdessen fast eineinhalb Stunden konzentrierte Show, fetter als die meisten der Peter-Weck-artigen, Rainer-Günzler-mäßigen und leicht ins Lou-van-Burg-hafte lappenden Herren, die ihre jüngeren Damen in den VIP-Bereich führten, wo sie Frank Sinatra nicht kennenlernen würden, weil der seine ganze Europa-Tour von einem Hauptquartier in Paris aus bestreitet, wohin es jeden Abend zurückgeht.

    Ich hatte wirklich erwartet, eine Mumie singt ihre fünf bekanntesten Lieder, aber der Alte tigerte unentwegt charismatisch die Bühne rauf und runter und beklagte sich über die Jugend. Dazwischen kamen diese Hits, ein paar mehr, als ich dachte, aber das Orchester, das die durchweg von Sinatra angegebenen historischen Arrangements reproduzierte, fiel nicht weiter auf. Für meine Ohren war es sowieso schon so leise, daß ich’s fast nicht hören konnte und so nur die soulig brüchig gewordene, aber noch als einst GROSS erkennbare Stimme blieb. Die einem in ihrem vormaligen GROSSEN Zustand wohl nur auf den Nerv gegangen wäre (wer kann schon große Stimmen ertragen?).

    Auf den Rängen war nicht viel los. Nur unten, im Service-Bereich, von wo aus auch die Gesichtszüge und das bekannte BLAUE in den blauen Augen auch für Leute, die weniger als 500,– bezahlt haben, zu sehen waren, ging es ab. Direkt an der Kordel, die verhindern sollte, daß man dem alten Charmeur zu nahe trat (in den Las-Vegas-Lounges der 50er mußten ihn im Schnitt zwölf Polizisten schützen), ballte sich die Hostessen- und Dienstleistungsaristokratie, die vorher so tapfer die Aschenbecher der Gestüts- und Saunabesitzer geleert hatte. Man sah: echte Kennerschaft. Ein Kellner, der seine Arbeit gut macht, war ja nicht erst für Thomas Mann der Inbegriff von würdigem Entertainment, kaum zufällig wird ja auch Hans Albers zur Zeit überall vor allem mit seinen Gastronomie-Klassikern geehrt. Servieren und nicht das Gesicht verlieren ist ganz nahe an Auftreten und Soul haben. Nicht umsonst heißt es: vom Tellerwäscher zum Hütchenspielerboß, nicht: vom Müllmann zum Midas. Hier also Menschen, die mit ihren Augen Sinatras ziemlich idiosynkratischen Wegen quer über die Bühne folgten, nach Zehntelsekunden die Arrangements erkannten und sogar selbstmitgebrachte Blumensträuße dabei hatten.

    Denn Sinatra ist tatsächlich noch Pop, so seltsam es klingt. Alles, was in dem Genre, das er repräsentiert – eingefrorene Big-Band-Musik, eingefrorener Swing –, nur noch für die hohlsten unter den nostalgischen Affekten Platz läßt, wird von ihm einem Lebensgefühl zurückgegeben, wo noch heute Leute die Chance spüren, sich wenigstens vorstellen zu können, wie es wäre, wenn sie ganzheitliche Subjekte wären und autonom und souverän handelten.

    Weil sie z. B. auch nichts anderes tun, als das, was man in Amerika schon vor fünfzig Jahren tat: Aschenbecher leeren und Kinder aufziehen. (Die vorübergehende Überholtheit Sinatras zwischen 68 und 82 hängt damit zusammen, daß in der Zeit die Aschenbecher voll blieben und die Kinder unerzogen.) Pop heißt ja nicht, Bedürfnisse durchzusetzen, auch nicht Bedürfnisse aufzuzwingen, umzuleiten etc., sondern sie für eine Zeit zu artikulieren. (An der sich manches schneller und anderes doch langsamer ändert.)

    *

    Zuletzt hörte ich sie (DIE GROSSE STIMME) schwül, dramatisch, überhitzt und ziemlich GROSS in Spike Lees Jungle Fever, als fiebrige Untermalung der aufgeheizten Rassismen in der kleinen Bar im italoamerikanischen Bensonhurst, wo sich die italienischen Männer treffen und über die „Rassenschande“ debattieren, daß sich eine italienische Frau mit einem Schwarzen eingelassen habe. „When I was seventeen it was a very good year“ läuft viel zu laut und überdreht, wenn sich die Jungs gegenseitig aufheizen, bis man aus dem Stimmengewirr nicht mehr heraushören kann, ob eigentlich schon offen von Sex die Rede ist oder Rassismus noch als Vorwand dient. Leitmotiv bei Spike Lee ist ja der Verlust diverser traditionell italienischer Domänen, die im Laufe der letzten Jahrzehnte von Schwarzen erobert wurden, mitsamt den daraus sich ergebenden Aggressionen: Baseball, Basketball, Football, vor allem Boxen. „You gold-teeth, gold-chain-wearing, friedchicken-and-biscuit-eatin’, monkey, ape, baboon, big thigh, fast running, three-hundred-sixty-degree-basketball-dunking spade, Moulan Yan, take ya slice a pizza an go the fuck back to Africa!“ – „You Dago, Wop, garlic-breath, guinea, pizza-slinging, spaghetti-bending, Vic Damone, Perry Como, Luciano Pavarotti, Sole Mio, nonsinging motherfucker!“

    Und das Showgeschäft. Früher war es selbstverständlich, daß all seine GROSSEN Rollen auch von Italoamerikanern besetzt wurden, heute verliert der letzte italoamerikanische Star, Sylvester Stallone, gerade sein Terrain an einen Mann aus der Steiermark (der besonders in der schwarzen Community sehr beliebt ist; und das nicht, wie neulich ein deutschkundiger Amerikaner meinte, weil sein Name „Black Negro“ bedeute). So brodelt dann in Jungle Fever die streicherüberladene, sich der gerade überwundenen pubertären Verklemmtheit noch erinnernde Sinatra-Sex-und-Souveränitäts-Nummer durch die kleine Bar in Brooklyn, die heute nur noch bittere Erinnerung an eine längst verlorene souveräne Sexualität (und Identität) unter den italian working class youths verbreitet, und an die Stelle dieser Souveränität ist eine Hoyerswerda-mäßige Raserei getreten. Noch diese Nacht machen wir Yusuf Hawkins platt. (Wahrscheinlicher ist, daß sogar die authentischen Mörder von Yusuf Hawkins schwarze Musik gehört haben, bevor oder als sie ihr schwarzes Opfer zu Tode prügelten.)

    Der Verlust eines italienisch dominierten Showgeschäfts ist auch heute abend in Frankfurt bei einem Publikum, das zu einem nicht unwesentlichen Teil seine Eintrittskarten mit Schutzgelderpressung im mehr oder weniger übertragenen Sinne verdient haben wird, ein Punkt. Wenn Sinatra davon redet, daß die jungen Leute unverständliche musikalische Vorlieben haben, dann meint er auch, daß sie „Negermusik“ hören; diesbezüglich hat er sich ja auch schon zu Zeiten des Rock’n’Roll eingelassen. Die enge Beziehung der Musik, die er pflegt, zu einer früheren Phase von „Negermusik“ ist da kein Widerspruch. Der Name Quincy Jones als Songwriter oder Arrangeur fällt an diesem Abend mehrere Male, während der echte Quincy Jones sich bei jeder Gelegenheit dafür feiern läßt, wie nahe er sich gerade auch den jüngsten und aggressivsten Entwicklungen schwarzer Musik fühlt (seine sogenannte Bilderbuchkarriere kann man zur Zeit in einem Kinofilm bestaunen). Der imaginäre Barkeeper, der in „One For My Baby“ noch einen einschenkt (bzw. zwei), ist schwarz, aber er bedient nur (in der nächsten Generation wechseln unzählige seiner Nachkommen ins Soul-Fach). So kann man mit ihm auskommen und sich von ihm sogar Songs und Sounds zeigen lassen. Amerikanische Souveränität, wie sie Sinatra verkörpert, als den eigenen Weg, den ich ganz allein zu gehen glaube, denkt sich immer von einer Kriegerposition aus. In Frankfurt schleckt man nur den Sound der Würde, die so ein Veteran halt immer ausstrahlt. Daß diese Würde ein Gefühl ist, das in engstirnigen, klein- und großkriminellen Kämpfen gewonnen wurde, verstehen nur diejenigen Kriminellen im Publikum, die ein gutes Gedächtnis haben oder die Souveränität, sich nichts vorzumachen.

    Miles Davis fällt einem ein, weil er aus den Entstehungsbedingungen seiner hohen, einsamen, allgemein als Eleganz-Chiffren gelesenen Trompetentöne nie einen Hehl gemacht hat. Gerade deshalb konnte er in das Reich romantischer Rassismen verweisen, was seine Kritiker immer so gerne behaupten: wie golden die Jahre waren, als Jazz noch von großen schwarzen Junkies mit der Hand gemacht wurde, nicht von Computern. Davis lobt die Zuverlässigkeit der Computer, er ziehe sie Saxophonisten vor, die schon wieder ihr Horn für Dope verpfändet hätten. Die Drogen-, Zuhälter- und Pfandleiherkunden-Epoche des Jazz sei keine goldene, kreative gewesen, sondern eine auszehrende, die sich nur ein romantischer Trottel oder Rassist zurückwünschen könne; die Trompetentöne als Negation der sie umgebenden erzwungenen Wildheit.

    Sinatra – ähnlich dem Südstaaten-Soul – kommt noch aus der Zeit, als trotz aller Rassenkriege eine gemeinsame Vorstellung alle Working-Class-Amerikaner einte: Man könne da rauskommen und mit der dabei gewonnenen – die Umstände politisch oder individuell – negierenden Eleganz nicht nur Handel treiben, sondern auch ein Lichtlein hochhalten, das den anderen den Weg zeigt (ohne das moralisch zu meinen). Diese Gemeinsamkeit ist spätestens seit den 50ern in einem großen Teil, seit den 70ern in allen Bereichen der Produktion von Pop-Musik verschwunden. Wenn man immer dieselben unsterblichen Zeilen singt, bis man identisch mit ihnen wird, kann man die Erinnerung daran, als Person, als sogenannte lebende Legende, noch eine Weile erhalten. Die Erinnerung an das, wofür Soul – zu dem Sinatra sogar das Bindeglied aus einer noch weiter zurückliegenden Vergangenheit bildet – einst stand, ist noch so mächtig, daß immer wieder versucht wird, Soul zu formulieren (auch wenn Soul als Negation es immer schwerer hat, weil kaum noch jemand lernt, eine solche Negation des Erzwungenen für möglich zu halten und man heute – im Hip-Hop-Universum – dazu neigt, auf brachialere, individuellere Methoden zu setzen).

    Eine hochgewachsene Frau, nicht in der Uniform des Service-Personals, nimmt mir jetzt kurz die Sicht. Als sie sich einen anderen Platz sucht, erkenne ich sie: Vattagrafs Nacktmodell mit Begleitung. Von „Würde“ redet zwei Tage später auch die FAZ in Form ihres an der Realität von Pop und Jazz sonst mit besonderer Konsequenz vorbeischreibenden Kritikers Obst. Er hat nicht nur beobachtet, daß die „Frankfurter Festhalle zu fliegen beginnt“, wie sonst nur Klassenzimmer, sondern er kennt auch die „typisch amerikanischen Allianzen (…) zwischen Kunst und Kitsch etwa, zwischen Mafia und Mädchen, zwischen Politik und Show, zwischen Geld und Geltung“. Das lässige „etwa“ signalisiert, daß die Kraft der Alliteration – die nur für die Politik durchbrochen werden mußte, obwohl sich doch hier „Show und Shmiergeld“ angeboten hätte – noch endlos weiter verbinden könnte, ohne daß irgendeiner der Anteile einbringenden Partner Schaden nehmen würde. Würde. Würde aber, so sehr wir sie genießen als ein Zeichen für den Sonderfall, daß einer die Gefährdungen – symbolisch – hinter sich gelassen hat, solche Würde aber ist immer Widerschein gnadenloser Willkür, ob von der Allianz Vattagraf und FAZ (daß es bei denen nie würdig widerscheint, liegt nicht an ihrer vielleicht noch verkommeneren Moral, sondern an Deutschland, wo eben nicht mal Gangster cool aussehen) ausgeübt oder von der Mafia an Mädchen verübt. Soul ist noch mehr, ein Sichverlassenkönnen auf kollektive Vermittelbarkeit sehr spezifischer Gefühle von Würde und Gefährdung. Ich will Frank keine Vorwürfe machen, gäbe ich was auf ein moralisches Urteil über seine Vita, hätte ich gar nicht erst anzufangen brauchen. Musik und Gesang sind nicht die Summe ihrer Produktionsbedingungen, und der älteste Hut ist, daß böse Menschen die besten Lieder haben. Mit dem Genuß daran die Forderung nach unverzüglicher Verschärfung der Lebensbedingungen in der BRD zu verbinden (wie Horx) ist die widerlichste Spätfolge des Authentizismus der Rock-Kultur.

    Nein, das große Glück an einem Sinatra-Abend besteht gerade darin, daß diese (so natürlich eh nicht summenden) Allianzen sich auflösen. Wenn er „Come Fly With Me“ singt, sitzen immer noch dieselben Immobilienmakler im Publikum, und zwar fest auf ihrem irdischen Hosenboden, auf der Bühne eiert derselbe widersprüchliche, nette Kerl, aber sein Mikro überträgt etwas, das – um in der Sprache des FAZ-Kritikers zu bleiben – nur noch „Mädchen“ und nicht mehr Mafia ist. Es ist auf jeden Fall Würde, aber ich bin nicht ganz sicher, ob es Soul ist, ob er Soul hat. Aber daß Negation und Eskapismus, Abflug und Aufbruch auf Amerikanisch keine Gegensätze sind, wird man in Deutschland vielleicht nie ganz verstehen. Frankfurt übereilt zur offenen Stadt erklärt.

    Man könnte argumentieren, daß eine besondere Schönheit von den Glücksvorstellungen und Schwerelosigkeiten ausgeht, die sich gegen besonders schwere und besonders unglückliche Umstände durchsetzen mußten, egal welchen Anteil der Vortragende an diesen Umständen hatte (selber bei der Mafia war). Abgesehen davon, daß solche Überlegungen romantische Spekulation wären, spielt es eben auch keine Rolle, weil man weder Glück noch Unglück – weder in der Kunst noch im Leben – messen kann, wohl aber kann man historische und sonstwie spezifische „Glücke“ unterscheiden und benennen. Sinatra kommt bei mir schon fast nicht mehr an, gerade eben noch. Und heute abend muß er über sehr viel Umgebung hinwegsingen. Wenn ich von „Glück“ spreche, meine ich schon nur noch eines, dem ich Erfahrungen hinzudichte, die ich mit den großen Euphorikern und Melancholikern späterer Generation gemacht habe.

    „His entire life was a long, unending fight“, resümiert Sinatra-Biograph Gehman schon 1961 erstaunlich nekrologisch, weil er vermutlich ahnt, daß aus einer fightend verbrachten Vita gewonnene Gefühle bald keine Zuhörer mehr finden würden. Für eine gewisse Zeit waren die Leute ja schon mal so weit, daß sie auf diesen My-Way-Fight, egal wie dürftig ihre Lage war, zu Recht keine Lust mehr hatten; etwas Besseres als Karriere finden wir allemal. Diese Zeiten sind einstweilen oder für immer vorbei, Sinatra hat sie in Las Vegas ausgesessen.

    Rückweg durch das postmoderne Möchtegernnewyork, Möchtegernnewyork zum Hauptbahnhof. Aus der Kneipe hört man Jauch und Sportstudio und kehrt gern auf ein Bier ein. In mein Gesichtsfeld setzt sich diesmal ein kleiner Mann. Unglücklich unterliegt der Hamburger SV bei Borussia Mönchengladbach. Neben mir ein kleiner Tumult, aber ich schau nicht hin, weil: Vielleicht gleichen sie ja doch noch aus. Der kleine Mann dreht sich um: „Hast gesehen, die Frau ist mit dem Geld durchgebrannt?“ – „Nee, ich hab ferngesehen.“ – „Mensch Junge, hast doch zwei Augen, brauchst du vier Augen?“ Und da sah ich, daß er nur noch eines hatte.

  • Der Ideologe des Fremden und Seltsamen – David Lynch: Lost Highway

    Zweifellos hat David Lynch das Vermögen, die an eine zeitgenössisch-fragmentaristische Bilder-Kulinarik Gewöhnten so opulent zu bedienen, wie es ein immer noch auch ästhetisch weitgehend reglementiertes Mainstream-Kino zuläßt. Daß dabei erkennbare visuelle Stile, die auch Konsequenzen für das Weltbild des Zuschauers hätten – wie bei jedem zweiten Brian-De-Palma- und manchem Alan-Rudolph-Film etwa – besonders unwillkommen sind, treibt ihn naturgemäß weiter dahin, wo irre Bilder so aussehen, wie sie sich visuell-orientierte Rock-Fans halt schon immer vorgestellt haben. So wenig ich mich über die Leere solch billiger Opulenz einseitig Postmoderne-feindlich beklagen will, so deutlich muß darauf hingewiesen werden, daß gerade diese rein formale Hemmungslosigkeit des Diskontinuierlichen und Zaubrisch-Plötzlichen weder „Sehgewohnheiten aufzubrechen“ noch verstockte Inhaltisten mehr hinter dem Ofen hervorzulocken vermag. Im Gegenteil: Die lieben es gerade dann, wenn nicht alles ganz sonnenklar ist, ihre psychoanalytische Hermeneutik zu entsichern. Nein, diese im Vergleich mit den Ellipsen manches etwas kühneren TV-Spots geradezu schüchterne Hemmungslosigkeit zeigt gerade bei Lynch höchstens hemmungslos ihre totale Normalität – vielleicht wäre es eine Chance, sie als solche zu inszenieren. Aber macht das nicht seit Jahren jeder Lynch-inspirierte Tatort oder Eurocops, wo die Bullen in besten Bauhaus-Möbeln wohnen oder aus Architekturdenkmäler-Lofts auf die fremden und seltsamen Großstadtsilhouetten des ausgehenden Zwanzigsten schauen? Auch hier läuft oft Jazz, um der existentiell angefressenen Männerpsyche adäquat das Ihre zu geben.

    Lynch ist aber nicht nur aus selbstgestifteter Konvention „inhaltlos“ und opulent – er ist der offizielle Ideologe der „fremden und seltsamen Welt“ direkt vor unserer Nase und anderen Sinnesorganen, der Metropolit des Alltags- und Auto-Wunderglaubens und Häresiarch einer Vorgarten-Gnosis, die von Soundgarden-Videos bis zur Auto-Werbung (Peugeot, Daimler-Benz) reicht. Nichts Intelligibles, sondern Magie oder ein irres Id ziehen die Fäden. Auf dieser Route der – allerdings ziemlich berechenbar funktionierenden – Verschrägung der Welt hat er die klassische LSD-Botschaft zu einer neuen Generation hinübergerettet. Daß alles Normale eigentlich total irre ist, heißt nun aber nicht mehr, daß es falsch, schräg und nicht mehr in den Makrostrukturen von Politik und Ökonomie, sondern stattdessen in den Mikrowelten von Verhalten, Begehren und Design abzulehnen oder wenigstens diskutierbar wäre, sondern vielmehr, daß es für Politik und – tiefer – auch jede Erkenntnis schlicht ungreifbar sei. Daß am Ende, wo das Nichtgreifbare und Unsichtbare dann doch wieder sichtbar wird, also mitten im Irren und Seltsamen immer wieder zutiefst vertraute Bilder von Sex, Gewalt, Männern, Frauen und Erlösung zu sehen sind, daß gerade das Schräge, Diskontinuierliche und Halluzinogene mit Stereotypen von Blondinen, Clowns und Gangstern erkauft wird, ist aber nun auch für David Lynch selber seit einiger Zeit dann doch wieder auch ein Grund zum Lachen.

    Schon Wild At Heart hatte Momente der Selbstparodie. Und auch bei Lost Highway gibt es eine Dimension, die hilft, den Film weitgehend ohne Reue zu genießen: das Aneinanderreihen von Erkennungszeichen des Lynchigen, von Badalamenti-Ambient- und Barry-Adamson-Postmoderne-Soundtracks über die Mystifizierung des stets als gerade aufgeklärt und erklärbar Geltenden (Gangster, Jazz, L.A.-Architektur und -Design u.v.m.) bis zu den ambivalent-mythischen Frauen, deren Geheimnis so magisch wie eigentlich doch eher sexuell ist. Sie alle tauchen hier in ihrer Comic-Version auf, die einen nicht mehr überzeugen will, die Welt sei tatsächlich irgendwie so.

    Anders als bei Filmen wie Blue Velvet, der ideologisch wurde durch seinen Anspruch, uns zu zeigen, was wir über unsere Welt noch nicht wüßten, hat man hier den Eindruck, Lynch versuche – fast schon selbstironisch – gerade all die Erkennungs- und Markenzeichen zusammenzustellen, die so ein Hollywood-Produzent halt sehen will, um für das Markenprodukt Lynch-Film die entsprechenden Gelder zu bewilligen. Bekanntlich waren ja die meisten Genres irgendwann einmal zuerst gewagte Innovationen oder ungeschlachte Vierschrötigkeiten, vor denen jeder Geldgeber Angst hatte, bis sich dann in einer mittleren Phase die jeweiligen Erkennungszeichen eingespielt und etabliert hatten und die Filme bescheidener wurden, die dann die übernächste Generation wieder als Trash goutieren konnte. Lynch, auch bei dieser Story wieder ein Freund der kreisförmigen Zeit, durchläuft die ernstgemeinte, zu ihrem eigenen vermüllten Abziehbild verkommene und trashig wiederentdeckte Version seiner Ästhetik quasi gleichzeitig. Mir gefällt davon nur das mittlere Stadium als eine Art konkreter Negation des Lynchismus.

    Physisch unerträgliche Momente wie die Kinderschreck-Musik-Einlagen von Rammstein oder der clownige Mystery-Man machen einem auch das noch kaputt. Der wieder mal technisch brillante Ton und der Bauhaus-Horror beim grotesk-grusligen Absuchen seines angeblich eigenen kargen Apartments in der ersten halben Stunde, wo es ihm tatsächlich wie in Eraserhead nochmal gelingt, den Horror der Familienzelle in ihrer Hollywood-Hills-Version einzufangen, bilden zuweilen Momente, die man sogar auf der ersten Ebene genießen kann. Das wiederum recht gezwungen wirkende Offenlassen dieser Möglichkeiten zeigt, wie wenig ein kulturindustrieller Künstler-Akteur zu beneiden ist, der drei Publiken mindestens gleichzeitig befriedigen muß, möglichst ohne, daß sie voneinander erfahren. Dabei muß er all diesen Publiken, seinen Geldgebern, der Kritik und sich selbst noch die Integrität seiner Vision und die Kontinuität seiner Handschrift beweisen. Da kann man schon mal den einen oder anderen Highway aus den Augen verlieren.

  • Triumphe, Niederlagen, Hinterausgänge und Waffenstillstände

    I

    Wenige „Kunstwerke“ haben mir so viel Spaß gemacht wie die Moschee von Córdoba, Downtown Los Angeles, John Fords Film Cheyenne Autumn, Archie Shepps Aufnahme „A Portrait Of Robert Thompson (As A Young Man)“ von der LP Mama Too Tight und die CD Lysol1 von den Melvins. Noch einen Schritt weiter geht Don Covays Song „I Was Checking Out, She Was Checking In“ (ohne das „weiter“ unmittelbar mit einem Werturteil verbinden zu wollen). Wenn ich die ziemlich offensichtlichen Gemeinsamkeiten im Aufbau dieser Werke aus dieser Liste im folgenden beschreiben werde, dann weil in allen Beispielen zwei Teile sich nicht wie zwei Teile benehmen und weder ein gemeinsames Ganzes additiv ergeben, noch ganz in Oppositionen oder Machtverhältnissen aufgehen. So daß beide Teile eine autonome Ausgeprägtheit erhalten, die aber gerade noch in der Lage ist, Verhältnisse zu anderen Teile zuzulassen und durch diese Verhältnisse auch noch an Ausgeprägtheit gewinnt. Wobei „Ausgeprägtheit“ eben die ziemlich unbestimmte und schwer bestimmbare Größe ist, die ich durch die folgenden Beispiele anschaulich machen will.

    Ein Kunstwerk oder Bauwerk läßt in sich sein Gegenteil zu. Es gibt ein zweites Zentrum oder eine zweite Leitidee, das oder die dem oder der ersten entgegensteht und trotzdem „ausgeprägt“, also ungestört und nicht zur bloßen Antithese instrumentalisiert bestehen darf. Im Idealfall bleibt tatsächlich offen, was von beiden recht hat.2

    II

    Als die Katholiken im 15. Jahrhundert das islamische Kulturzentrum Córdoba eroberten, fanden sie dort über 300 Moscheen vor. Die meisten wurden sofort zerstört und geschliffen, der Rest verschwand im Laufe der Zeit. Die Vertreibung der Juden und der nicht konvertierungswilligen Moslems wurde erst mit sanften, bald brutalem Nachdruck organisiert, später auch die Vertreibung der „Krypto-Moslems“. Alle großen Ereignisse des Jahres 1492 – Reise des Kolumbus, Vertreibung der Araber und Juden und die Eroberung Granadas – haben nicht nur das Territorium der katholischen Könige erweitert, sie haben territoriales Denken an sich verändert, neue Bestimmungen von Innen und Außen, von fremd und zugehörig ermöglicht, alles rund um die bestimmenden Kräfte Katholizismus und frühester Kapitalismus herum organisiert.3 Im Mittelpunkt der Stadt am Guadalquivir stand und steht die damals zweitgrößte (heute drittgrößte) Moschee der Welt, die Mezquita.

    Seit 756 war Córdoba arabische Residenzstadt und Hauptstadt eines von der syrischen Kalifendynastie der Omaiyaden begründeten Reiches. Gleich der erste Omaiyaden-Kalif Abd ar-Rahman I. begann mit dem Bau.4 Nach dem Sieg der Katholiken wurde die Moschee noch eine Weile als christliches Gebetshaus genutzt, bevor das Domkapitel von Córdoba beschloß, ins Zentrum der Moschee eine Renaissance-Kathedrale hineinzubauen. Karl V. (wie wir ihn in Deutschland nennen) oder Carlos Primero (wie er in Spanien heißt), der Herrscher also, in dessen Reich die Sonne nie unterging, besuchte diese neue Mezquita drei Jahre nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1526. Dabei soll er gesagt haben, die Domherren hätten ein Bauwerk, das man überall auf der Welt errichten könne, so erbaut, daß ein einzigartiges, unwiederholbares Bauwerk verschandelt worden sei.5

    Offen bleibt, warum die Bauherren es überhaupt stehen und nicht niederreißen ließen, wie all die anderen Moscheen. Respekt vor seiner Größe? Oder alte Rechnungen: Schließlich hatte vor der maurischen Eroberung an dieser Stelle schon einmal eine christliche Kirche gestanden. Diese hatten die Omaiyaden niederreißen lassen, allerdings erst, nachdem sie, die Eroberer, sie den Christen abgekauft hatten. Die große Moschee bezeugte ja immerhin, so könnte man argumentieren, die Größe des niedergerungenen Feindes, zum anderen schmeichelte seine für vertikalistisch aufschauende Christen undenkbare flache, horizontale Monumentalität der neuen Verbindung aus globalem Handel und Imperialität. Sie ähnelt in mancher Hinsicht der Architektur von Basaren, aber vor allem auch späteren europäischen Markthallen. Über weitere Gründe, dem Gebäude Gnade zu erweisen, wird spekuliert: Doch weder der angeblich „weltoffene“ Karl (der dann mit dem Alcázar von Sevilla und der Alhambra genauso verfuhr wie das von ihm als barbarisch gescholtene Domkapitel von Córdoba, er „verschandelte“ sie durch Erweiterungsbauten) noch seine depressiven Nachfolger änderten etwas an dieser architektonisch einmaligen Konstellation. Vielleicht hat ja gerade das Insert einer Kathedrale die nächsten knapp fünfhundert Jahre dazu beigetragen, daß Inquisition und Gegenreformation, katholischer Fundamentalismus und schließlich Faschismus eine Moschee in einer erzkatholischen Stadt duldeten.

    Wenn man durch den endlos wirkenden Säulendschungel streift, hat man nie das Gefühl, irgendwohin geleitet zu werden. Die nicht hierarchische Architektur erlaubt ein ungerichtetes Streifen und Schlendern, das Touristen ohnehin nur zu gern betreiben, in Kirchen und Domen aber meist automatisch ablegen. Andererseits benehmen sich die Leute nicht völlig ungezwungen. Sie dämpfen ihre Stimmen wie in Kirchen. Nach einer Weile führen einen die Schritte dennoch zum Portal der Kathedrale, die man auch umrunden kann: sie steht genau im Zentrum und ist auf allen Seiten von der Moschee umgeben. In der Regel betritt man das pompöse, prunkvolle, platereske Bauwerk aber durch den Vordereingang und befindet sich dann in einem Raum, dem in jedem Detail seine aktuelle Nutzung anzusehen ist. Aus unbestimmter historischer Meditation gerät man so in eindeutige Verhältnisse, historisch gewachsene, aber andauernde, religiöse Eindeutigkeit, die nichts offen läßt und dem (religiös) unbeteiligten Touristen keine andere Reaktion als die üblichen nach oben gerichteten, bewundernden Blicke erlaubt.

    Wenn man sich jetzt aber an die Gerichtetheit des Kirchenschiffs hält und auf den Altar zuhält, bekommt man die in der Welt einmalige Möglichkeit, eine Kathedrale zu passieren: Man verläßt sie durch den Hinterausgang und ist wieder in der Moschee, in der man sich nun noch einmal genauso lange aufhalten kann wie in der ersten Etappe der Besichtigung. Obwohl es in der Moschee keine benennbaren einzelnen Attraktionen gibt, überhaupt keine Einzelheiten, nur den Wald der Säulen, verbringt man bei dieser Etappe die meiste Zeit. Viele Besucher sind nun auf den Geschmack des Schweifens und Kreisens gekommen und wollen gar nicht mehr zur Rückseite hinaus, sondern versuchen an der Kirche vorbei zurück zum Haupteingang der Moschee zu kommen. Im Winter oder im Hochsommer hat man endlos Platz und will endlos bleiben.

    Es ist nicht klar, wessen Sieg oder Triumph dieses monströse Bauwerk dokumentiert. Der erste Gedanke Karls kann schnell als unsinnig abgetan werden: Die Moschee wird durch die Kirche nicht verschandelt oder gedemütigt. Sie behält eher das letzte Wort in ihrer Entspanntheit, die locker um die christlichen Verkrampfungen baumelt. Zweifellos könnte aber auch die Kirche das Zu-ihr-Kommen dramaturgisch für sich nutzen. Der Konvertierungsdruck, der auf Juden und Arabern lastete, wird zweifellos stark symbolisiert, wenn diese und andere immer wieder durch das heidnische Bauwerk hindurch zu ihr vordringen mußten. Auch die Vorstellung, daß jeder Gläubige immer wieder aus einer sündigen oder ungläubigen, an Versuchungen reichen Welt in die Insel Kirche vordringen muß, die er dann wieder ins weltliche Elend verläßt, kann durch diese Architektur illustriert werden. Wahrscheinlich trügt aber der Eindruck, den man heute hat, auch für vergangene Zeiten nicht: daß die Symbolwelt der Kirche, die sich mit einem zweiten Symbolgürtel umgibt, deswegen so attraktiv ist, weil sie genau in der Schwebe läßt, wer recht behält.

    III

    In den 60er Jahren beginnt eine Phase im Werk John Fords, die mich schon immer sehr fasziniert hat, seine „Dekadenzperiode“. Ein Regisseur leistet sich den Luxus, die mythologischen Grundlagen seiner „Großen Werke“ zu demontieren. The Man Who Shot Liberty Valance stellt die Authentizität der Überlieferung in Frage, Donovan’s Reef demontiert die zentralen Darsteller, John Wayne und Lee Marvin, indem er sie als sinnlos raufende Radaubrüder und Alkoholiker durch einen Plot stolpern läßt, der mit ihnen (ihren Rollen) fast nichts zu tun hat – und Cheyenne Autumn entschuldigt sich bei den Ureinwohnern Nordamerikas für deren Dämonisierung durch Westernfilme.6

    Mir geht es aber nicht so sehr um diese von heute aus gesehen vielleicht nicht mal besonders radikale Form von Selbstreflexivität oder -demontage, sondern eher um die mit der Mezquita zu Córdoba korrespondierende Form: Die Cheyenne ziehen in diesem überlangen Film Stunden und Stunden, durchnäßt, hungrig und niedergeschlagen durch die winterliche Version von John Fords Lieblingslandschaften. Außer einigen Schnitten nach Washington, die uns Edward G. Robinson als Carl Schurz zeigen, passiert die ganze Zeit nichts. Der Film illustriert das Leid seiner Protagonisten besonders nachdrücklich, indem er ihnen keine „Action“ gönnt. „Elend“ kann bekanntlich nicht als hereinbrechende Katastrophe dargestellt werden, schon gar nicht im Kino, sondern nur als Dauer. Die sprichwörtliche Fordsche Kamera sucht den sprichwörtlichen Horizont bereits in einer Weise ab, als hätte sie ihre eigenen europäischen Kritiken schon gelesen.7

    Mitten in diese Ford-Landschaft hinein, der aber alles fehlt, was eine Ford-Geschichte ausmacht, nachdem über die Hälfte des Films vergangen ist, hat der Meister ein Zwischenspiel eingebaut, das alle Westerngeschichten auf einmal und in dreißig Minuten erzählen zu wollen scheint. Plötzlich liegt Dodge City am Wegesrand, und plötzlich purzeln alle konventionellen Western-Elemente im Zeitraffertempo durch den Film: die Barsängerin, das Piano im Saloon, die Keilerei, die Hollywood-Stars, Pferde und Cowboys im Saloon samt Wyatt Earp und Doc Holiday.

    Doch wie die Kathedrale in der Moschee verläßt man auch diese Episode durch den Hinterausgang.

    Dann zieht man eine Weile weiter mit den Cheyenne durch ihr Vertriebenenschicksal. Interessanterweise hat Studio und Verleih diese Architektur des Films mehr irritiert als die Handlungsarmut, die Überlänge oder das vermeintlich kontroverse Thema. Auf verschiedene Weise wurde versucht, ihre künstlerischen Konsequenzen zu untergraben. Erst wurde der Film mit einer Pause unmittelbar vor der Dodge-City-Episode gezeigt, was den Leuten dann das immer noch weniger irritierende Gefühl gab, in einen anderen Film geraten zu sein; dann wurde die Episode ganz rausgeschnitten. Fords Idee, man könne sich nicht für Tausende von Western entschuldigen, indem man nur einmal die andere Seite zeigt, sondern müsse dann auch noch alle Western prinzipiell als burleskenhafte Farce ad absurdum führen, ein für alle Mal, zeigte natürlich besondere Wirkung, weil er wie kein anderer Regisseur für die künstlerische Integrität des Genres stand und seine Virtuosität nicht verrät, wenn er sie gegen sich selbst richtet.

    Doch die inhaltlich-moralische Dimension kann auch hier nicht allein diese muntere Action-Insel inmitten der bewegungslosen See von Schmerzen erklären. Die Idee, aus einem Film in einen ganz anderen geraten zu können, hatten zum selben Zeitpunkt einige europäische Kritiker/Regisseure zwar schon thematisiert, dann aber bei eigenen Produktionen ihre Genre-Kritik von Genre-Verliebtheit kaum noch trennen können und schließlich aus dem Dilemma ein neues Genre geschaffen, den Nouvelle-Vague-Film, der sich ja u. a. dadurch auszeichnet, daß er Hollywood-Kritik von Europa aus und Europa-Kritik von Hollywood aus zumindest mit der gleichen Emphase betrieb und dessen Reiz darin bestand, keine der beiden als einfache Position obsiegen zu lassen.

    Ford konnte aber viel brutaler sein: daß ein Kino wie eine Kirche ein Ort ist, aus dem man nicht zu früh und nicht auf unvorhergesehenen Wegen entkommen darf, ein Ort, der das Einverstandensein mit dem Eingeschlossensein und Abgeschlossensein voraussetzt, ist oft betont worden (etwa von Roland Barthes, der das Gefangensein in den vorderen Reihen des Kinos ausdrücklich als Genuß beschrieb). Das setzt auch voraus, daß das Gezeigte, der Film, von allem handeln und alles zeigen darf, vor allem jede Art von imaginärer Flucht, nur nicht die aus einem Film in einen anderen.8 Diese wirklich radikale Geste gegen das architektonische Grundprinzip seiner Filme konnte aber der Patriarch Ford wirksamer werden lassen als der Rebell Godard, wie auch nur das Domkapitel zu Córdoba – aber jahrhundertelang kein weltlicher Herrscher oder Künstler – sich eine solche Geste leisten konnte: Womöglich taten sie durch diese Bearbeitung beide jeweils mehr für die Stabilisierung ihrer jeweiligen Religionen, indem sie an dem prekären Punkt der Frage nach dem endgültigen Sieg oder der endgültigen Niederlage über den entscheidenden Gegner keine klare Antwort gaben und keinen Sieg feierten, sondern das gesamte vorher gültige Szenario entkräfteten. Und zeigten, daß Kino und Kirche trotzdem stehen bleiben.

    IV

    Zeitgenössische Stadtphilosophien orientieren sich kritisch wie euphorisch immer häufiger an Los Angeles. Die einflußreichsten Urbanisten der Gegenwart sind denn auch die L.A.-Spezialisten Edward Soja und Mike Davis; ihre Namen haben Sennet und Lefebvre auch in den Literaturlisten von Architektur- und Urbanismus-bezogenen Texten aus dem Kunst-Bereich abgelöst. Stadtplaner und Lokalpolitiker von Frankfurt am Main bis Marseille argumentieren zunehmend mit Szenarien, die von Los Angeles abgeschaut sind. Einerseits erscheint Los Angeles als reine Erfindung eines fortschrittsgläubigen Kapitalismus und insofern als Gegenbegriff zu den Utopien des alten Europa, andererseits gilt die Stadt als Versuchsfeld für neue und mehr oder weniger subtile Segregationsmaßnahmen in den sich angeblich anbahnenden überbordenden multikulturellen Zentren des 21. Jahrhunderts. Stadtverwalter pflegen da zu vermeidende Probleme, aber auch Lösungen zu entdecken – und noch ein drittes: nette Namen für böse Lösungen. Was Gilles Deleuze in seinem Aufsatz „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ als den Übergang von der von Foucault beschriebenen Disziplinargesellschaft in eine zukünftige Kontrollgesellschaft darstellt, wo Menschen nicht mehr als auszubeutende oder zu militarisierende Produktionsfaktoren eine Rolle spielen, sondern nur noch kontrolliert und überwacht werden müssen, scheint L.A. sich exemplarisch und avantgardistisch schon für die Gegenwart vorgenommen zu haben (Gang-free Parks, Gated Neighbourhoods, Bürgerpolizei etc.).

    Mike Davis hat gerade am Beispiel der Errichtung eines pseudo-urbanen „Downtown“ an einem beliebigen Ort inmitten der Stadt die Beweglichkeit und Zügellosigkeit des kalifornischen Kapitalismus beschrieben und mit dem Einsatz digitaler, intelligenter und sensorisch begabter Überwachungstechnologien, die eine besondere Rolle in den mit den verschiedensten Waffen (Bürgerwehren, Helikoptern, Anti-Gang-Gesetzen etc.) geführten Segregationskämpfen spielen, in Verbindung gebracht.9 Doch auch Downtown, L.A., hat die besondere Qualität der Kathedrale-in-der-Mezquita oder der Dodge-City-Episode-inmitten-des-Hungerzugs-der-Cheyenne: Wenn man Downtown passiert hat, befindet man sich dort, wo man war, bevor man es betreten hat, in der endlos dahingestreckten, zersiedelten Vorgarten-Vorstadtlandschaft von Los Angeles. Der Unterschied besteht in der Auflösung der Gegenüberstellung. Was in Córdoba offenblieb (wer triumphiert?), bekommt in Cheyenne Autumn auf der filmhistorischen Meta-Ebene eine zweite Dimension: Die Art, wie im Westernfilm von Triumphen erzählt wird, wird angezweifelt. Hier dagegen scheint alles eindeutig zu sein: Man fährt durch ein endlos dahingestrecktes, flaches L.A., gerät in das prächtige, konzentrierte Downtown mit seinen Machtzentren und verläßt es wieder, meist in die Richtung besonderen Elends (besonders, wenn man es Richtung Süden und Osten verläßt).

    Die Botschaft scheint klar: Das Vertikale inmitten der Horizontalität triumphiert symbolisch über diese Horizontalität. Auf der anderen Seite scheint die konzentrierte Vertikalität auch wieder jede Menge genau der zu segregierenden sozialen Problemgruppen einzuladen, die genau um die Wolkenkratzer von Downtown einen Kriminalitäts- und Elendsgürtel gebildet haben. Sie scheinen auch als Unterwelt im buchstäblichen Sinne – Bewohner von Parkhäusern, Unterführungen, Straßenschluchten – für den zu inszenierenden Triumph erforderlich zu sein. Oder sie gehören zu einer Hypostasierung des sonst in L.A. abwesenden traditionell Urbanen, das neben den Elementen aufstrebende ökonomische Machtentfaltung (symbolisiert in Wolkenkratzern), buntes multikulturelles Straßenleben und geschäftiger Straßenhandel auch die Elemente Drogenelend, Obdachlosigkeit etc. in übertriebenem Maße für seine Inszenierung von Urbanität auf kleinstem Raum braucht. Echte Not dementiert die Inszenierung nicht: Sie paßt ins Bild.

    Daß man Downtown L.A. passieren kann, sieht man im Gegensatz zu Córdoba und Dodge City bereits lange, bevor man es erreicht hat. Die Überraschung ist bei diesem passierbaren Mittelstück eher sein konkreter Inhalt: die Aufführung von New Yorker Straßenszenen, von Kulissen-Modernismus ohne Totalitätsanspruch, die Präsenz kühner Realisierungen architektonischer Phantasien des reinen Kapitals neben einerseits echter sozialer Not und andererseits echt pittoresken Aufführungen von Geschichte (die Rekonstruktion des alten spanischen Dorfes, das hier mal stand). Die echten Machtzentren des kalifornischen Kapitalismus umgeben sich mit einem karnevalistischen Urbanismus-Themepark, während außerhalb und unterhalb, auf der B-Ebene von Downtown, noch die echten und chronischen Effekte dieses Kapitalismus zu besichtigen sind. Ein horizontal hingeworfener Gürtel von architektonischer Egalität und omnipräsenter Palmen bei sehr unterschiedlichen Graden von Elend und Verwahrlosung umgibt diese kühnen Türme der Macht. Dabei täuschen natürlich diese Eindrücke: Der kalifornische Kapitalismus ist kohärenter und monolithischer als der Eindruck, den seine Macht-Architektur macht, und die architektonische Schein-Egalität der Downtown umgebenden Viertel täuscht über die größten sozialen Gegensätze hinweg.

    Diesem Verhältnis ist nicht mit der Geste der Enthüllung, der Fotographie, der Aufdeckung von Wahrheit beizukommen: Es verbirgt seine Gegensätze bei gleich hohen Palmen. Daß auch Elend in L.A. immer so entspannt und Arbeitslosigkeit wie Ferien aussieht, irritiert ja auswärtige Beobachter regelmäßig. Die Signifikanten urbanen Verfalls muß der Sozial-Tourist, anders als in der South Bronx, in South Central ein bißchen suchen. Dieser Schein von gleichen Rechten und gleichen Chancen, von Ähnlichkeiten in bürgerlichen und Elends-Vierteln täuscht aber nicht über etwas, das hinter einer Wand verborgen ist, sondern durch das, was dem schweifenden Blick zugänglich ist. Es handelt sich nicht um eine Potemkinsche Fassade, sondern um eine durch Horizontalität und endlose Fläche erzeugte symbolische Gleichartigkeit. Doch allein durch symbolische Egalität und verschärfte Kontrolle läßt sich keine extrem hierarchische und segregierte Gesellschaft stabilisieren. Die Abschaffung öffentlicher Räume und Verdichtungen durch Horizontalität bedurfte um der symbolischen Balance willen eines hineingebauten, exzessiv-vertikalen Stadtsimulakrums, das gleichzeitig in der Tradition anderer „Festungen“ in L.A. – von dem „Times“-Gebäude bis zu den bewachten Villen – stand und aber auch völlig neu aussehen mußte, um dauerhaft werden zu können. Der totalen Dominanz des egalitären Scheins mußte eine phallische Negation in seine Mitte gebaut werden: als präventives Dementi allzu ernst nehmender, utopischer Interpretationen der langen, gleichförmigen Straßen. Was nämlich passiert, wenn jemand diese Straßen doch für auch sozial passierbar hält, stellt, seitdem bei den Riots 1992 die Massen langsam von South Central nach Norden in Richtung Beverly Hills vorzudringen versuchten, den absoluten Alptraum der Bourgeoisie dar.

    V

    Dieses Hineinbauen ist ja nun das Gegenteil des aktiven Kriegführens. Der Eroberer findet Festungen vor, die er belagert, schleift oder erobert. Der Ring wird neu und von außen um das Bestehende gelegt. Die Zitadelle, das Vertikale, das Zentrum, die Kathedrale, ist immer schon da, das Neue siedelt sich drumherum an. In den aktuellen amerikanischen Urbanismen liegen allerdings Gürtel „lebenswerter“, verkehrsberuhigter oder Gang- und drogenfreier Zonen, in denen die politischen Entscheidungsträger und herrschenden Klassen wohnen, um verwahrloste Inner Cities herum, die die afro-amerikanische Dichterin Wanda Coleman mit Konzentrationslagern verglichen hat.10

    Das Alte im Zentrum ist nicht mehr das ehemals Herrschende, sondern das immer schon Marginalisierte, das aber im Gegensatz zu entmachteten und eroberten Zentren auch kein kulturelles Kapital (etwa „Tradition“, „Anciennität“ etc.) zu bieten hat, zumindest keines, das konvertierbar ist. In diesem Zusammenhang ist die Geste, etwas ins Zentrum zu pflanzen (ob als Triumphator, Mächtiger oder Machtkritiker auf der Ebene der Kunst ist erstmal egal), besonders seltsam: der Versuch inmitten der Egalitäts-Täuschungen kalifornischer Einzelgrundstück-Eigenheim-Architektur ein sich symbolisch selbst nicht ganz ernst nehmendes – fast mittelalterliches, an Burgen und Festungen erinnerndes – phallogozentrisches Bild der Macht zu rekonstruieren und auf eine kapitalistische Macht zu übertragen, die sich sonst eher fluid gibt, dessen Sicherheits- und Überwachungs-Architektur sich allerdings sehr ernst nimmt.

    Wir können sehen, daß die Matrix Zentrum – Peripherie in allen möglichen Kombinationen unterschiedlich gepolt sein kann.

    MachtÜberlieferung / Identität / Kulturelles Kapital
    1
    Konventioneller Eroberungsvorgang
    Peripherie+
    Zentrum+
    2
    US-Cities, heute
    Peripherie++
    Zentrum
    3
    Córdoba, Moschee
    Peripherie+
    Zentrum+
    4
    Dodge City
    Peripherie+
    Zentrum+
    5
    Los Angeles / Downtown
    Peripherie
    Zentrum++

    Bemerkung: Um die ganze Matrix 5 liegt aber ein Gürtel aus der Matrix 2. Die unmittelbare Peripherie von Downtown ist ein Zirkel der Machtlosigkeit. Um den herum wieder ein suburbaner, überwiegend mächtiger Gürtel aus reichen oder bessergestellten Gegenden liegt.

    VI

    Die unterschiedlichen Machtverhältnisse und sehr unterschiedlichen historischen Konstellationen, die unseren Beispielen zugrunde liegen, scheinen aber die ästhetische Besonderheit der Passierbarkeit des Unpassierbaren zu erklären. Das In-die-Mitte-Pflanzen kommt immer nur dann zustande, wenn die geregelten Verschiebungen und Abläufe von Machtkämpfen durcheinanderkommen oder gestoppt werden oder an eine Grenze geraten sind. Die Downtown von Los Angeles steht natürlich auch für die nur schwer gelingende Ablösung des alten Kapitalismus, der Städte hervorgebracht hat, durch den neuen globalen. Interessanterweise verläuft das negativ, indem das Neue (aufkommender Turbokapitalismus) sich in den Symbolen des Alten (Urbanität) von seinen eigenen Aporien (den in L.A., wenn man hinsieht, ja mehr als anderswo offensichtlichen Widersprüchen des globalen Turbokapitalismus) distanziert. Ein L.A. ohne Downtown entspräche ja den neuen Verhältnissen durchaus.

    In den beschriebenen Beispielen werden Machtverhältnisse quasi eingefroren, als könnte man den Geschichtsfilm anhalten, überhaupt Filme anhalten: entweder als unentschieden (und ambivalent) gewertet oder als Waffenstillstand von einem bearbeitenden Künstler verhängt.

    Nirgendwo werden Machtkämpfe so stark symbolisch und so undeutlich/unklar im Resultat ausgefochten wie in der Musik. Die alte Opposition Musik/Architektur weist der Musik immer eher die Rolle der Freiheit, der Architektur die des Zwangs zu – ihre Gemeinsamkeit ist ihr offensichtlicher Organisationsbedarf und die Anschaulichkeit abstrakter Organisationsprinzipien. Daß Musik der Architektur eher deswegen entspricht, weil sie so intern-psychologisch codiert und Bedeutungen an Formen (Klänge) zu knüpfen versucht, wie das extern im Öffentlichen Raum die Architektur erledigt, ist die weitaus seltenere, durchaus ebenso plausible Schlußfolgerung dieser Gegenüberstellung. Auch ist das architektonische Grundproblem, von dem hier die Rede war, der Musik nur zu bekannt: Das Durchschreiten, um dahin zu kommen, wo man ursprünglich herkam, ist ein allgemein verbreitetes Bauprinzip, vom Lied über die Sonate zum Jazz. Der Unterschied besteht allerdings darin, daß Ausgangspunkt (Thema) und Wegstrecke (Variation) sich auseinander ergeben, nicht einander als radikal Fremdes oder Gegensätzliches gegenüberstehen. Die Gegenüberstellung von heterogenem Material kennt auch die Musik, wie die meisten anderen Künste erst, seit sie durch das Stadium der Collage hindurchgegangen ist (der ja meist auch noch ein Harmonisierungs-, Gleichgewichts- oder Kompositionsgedanke zugrundeliegt). In den Kompositionen von Pere Ubu spielt auf dem einen Kanal eine Rockgitarre ein komplettes Chuck-Berry-Intro, auf dem anderen hört man hohe Pfeiftöne aus einem Analog-Synthesizer, bei The Jesus And Mary Chain stehen sich Feedbackgeräusche und akustische, Folk-orientierte Gitarrenmelodien simultan und unvermittelt gegenüber.11

    Ich versuche aber noch extremere Gegensätze als die bislang beschriebenen zu finden – oder besser: nicht unbedingt Gegensätze, aber Elemente, die so erratisch und „ausgeprägt“ auftreten, wie das normalerweise nur in der Umgebung von Gegensätzen möglich ist.

    Archie Shepp nahm im Jahre 1967 für Impulse die LP Mama Too Tight auf. Sie erscheint kurz vor Coltranes Tod im selben Jahr und bewegt sich zumindest auf der ersten Seite ganz in der Tradition der freien Kollektivimprovisationen, die Coltrane in den letzten Jahren immer weiter vorangetrieben hat, sowohl was die Radikalität der musikalischen „Freiheit“ als auch was die Anzahl der beteiligten Musiker betrifft. Shepp geht noch einen Schritt weiter, indem er ganz auf die gliedernde und in gewisser Weise auch begrenzende und definierende Funktion des Pianisten verzichtet und stattdessen mit Baß, Schlagzeug und sechs Bläsern arbeitet: Tenorsaxophon, Klarinette, Trompete, zwei Posaunen und Tuba. Dieses Bläserensemble läßt sich weder in die klassischen Funktionen von Blech- oder Rohrblatt-Bläsern zerlegen noch zu einer Einheit addieren. Der Bläsersatz, das klassische Ensemble, das unter Harmonisierungs- und Absprache- oder Befehlszwängen stand, zerfällt in lauter Einzelmusiker, die aber wiederum keine Solisten sind, sondern in ihren nebeneinander stattfindenden Improvisationen das Kollektiv definieren: als eine Gruppe, in der jeder alle Funktionen erfüllen kann und gleichviel zu sagen hat. Das war von den vorangegangenen freien Kollektivimprovisationen so weitgehend nicht formuliert worden. Dort wurde durch klassische Vordergrund/Hintergrund-Hierarchien oder eine klare Funktionsaufteilung mittels möglichst heterogener Instrumentierung eher noch das kommunistische „Jeder nach seinen Möglichkeiten / jeder nach seinen Bedürfnissen“ illustriert. Bei Shepp sprechen alle gleich laut (und dadurch, daß sie alle Bläser sind, quasi auch zum gleichen Thema und mit der gleichen Autorität).

    Dieses denkbar extreme Klangbild (das bei jedem Anflug von Statik sofort zerbrechen würde und daher nur durch ständige, atemlose Aktivität erhalten werden kann) bleibt über die ersten beiden Teile des dreigliedrigen „A Portrait Of Robert Thompson (As A Young Man)“ bestehen (in unterschiedlicher Intensität, Motivik und Lautstärke: Auch Blues-Themen und Ellingtons „Prelude To A Kiss“ tauchen auf). Erst nach einer guten Viertelstunde endet das anarchistische Geflecht von Stimmen in einem Marsch. „Dem Basses“ ist sicherlich ein gebrochener Marsch, der aber dennoch das zunächst größtmögliche Gegenteil zu den vorangegangenen utopischen musikalischen Explorationen darstellt. Der Unterschied ist enorm und kraß (es gibt auch keinen Weg zurück, keine Passierbarkeit im Sinne der Reihenfolge). Trotzdem existiert eine zweite Ebene, die durch Intonation, Spielweise etc. konstituiert wird und auf der deutlich weiterhin dieselben Stimmen zu hören sind. Das größtmögliche Gegenteil wird von der Identität der Stimmen in beiden Phasen aufgefangen.

    Der Hörer wird in kurzer Zeit durch die musikalischen Kostümierungen des Marsches (rigide Rhythmik, extreme Organisiertheit von Tutti und Unisoni) hindurchgeführt und erkennt die vertrauten anarchistischen Stimmen wieder, die entweder „nur gescherzt“, parodiert haben, oder der ersten Lebensform ihr Problem ergänzend vorgespielt haben, etwa in dem Sinne, daß wo alles erlaubt ist, die extreme Entfaltung irgendwann einen Tyrannen hervorbringt. Oder daß die Freiheit ohne die Möglichkeit ihrer Negation nicht vollständig ist. (Auch wenn das hier vorgeführte Konzept von Freiheit über einen solchen abstrakten Freiheitsbegriff insofern hinausgeht, als es sich schon in the first place über parodistische und karnevalistische Ausdrucksformen äußert und von der ganzen afroamerikanischen Tradition des „Signifyin(g)“ rhetorisch mitbestimmt ist: Die Negation ist trotzdem ernst und vollständig, gerade weil dieser Marsch so fröhlich klingt.12 Er ist extrem ausgeprägt.).

    Entscheidend ist natürlich, daß Machtfragen in diesem Stück, das nach der Ermordung von Malcolm X und zur Zeit der ersten Auftritte der Black Panther Party aufgenommen wurde, gerade für einen explizit politischen Künstler wie Shepp auf verschiedenen Ebenen eine Rolle spielen: wer codiert Jazz in welcher Weise (er spricht in den Liner Notes darüber, wie Jazz durch „ Aufwertung“ zur bürgerlichen Kultur dem Ghetto entrissen werde)? Was ist Kollektivität? Wem gehören welche Zeichen? Und vor allem: Wie verhalten sich die jeweils unterschiedlich beanspruchten musikalischen Marksteine „Funktionsharmonik“, „Atonalität“, „Komposition“ und „Improvisation“ zueinander?

    Die Indikatoren für die Semantik eines Machtkampfes, der innerhalb der Musik für ein Außerhalb ausgetragen wird (nicht als Abbildung oder Kritik, sondern eher als Durchspielen), beschränken sich aber nicht auf ein paar sehr allgemeine historische und einige auf Shepp bezogene biographische Fakten, sie finden sich in den ästhetischen Relationen der Elemente, deren „Ausgeprägtheit“ sich einer Zwangslage in gleichem Maße zu verdanken scheint wie der inneren Entschlossenheit zu irgendeiner Art von Kampf.

    Natürlich kann man auch sagen, daß genau die ausgeprägten Elemente – Marschmusik und denkbar „freie“ Kollektivität – im Jazz genealogisch und auch nebeneinander immer schon miteinander zu tun hatten, seit New-Orleans-Tagen aufeinander bezogen waren. Dann würde Shepp nichts anderes tun, als durch Zuspitzung „Jazz zu dekonstruieren“, einen virulenten, aber selten thematisierten Zusammenhang, ein immanentes Konzept des Jazz qua Gegenüberstellung deutlich herausarbeiten, das eine Menge zu Freiheit, Kollektivität und Selbstbestimmung zu sagen hat – und das nicht aus Spaß an der Dekonstruktion, sondern weil genau das notwendig ist, um Jazz 1967 zu aktualisieren, um den benötigten Wahrheitswert zu gewinnen, der ja zu dem Zeitpunkt auch viel mit einem für die US-Politik entscheidenden Unentschieden im Kampf der Schwarzen um u. a. Anerkennung zu tun hat.

    VII

    The Melvins gelten nicht erst seit ihren neueren Platten, die nun auch von Szenen innerhalb der Bildenden Kunst rezipiert werden, als Rockmusiker eines neuen Typus. Seit 1986 zählen sie zu jenen, an Metal und Hard Rock orientierten Bands, die die bis dato für Höhepunkte und Entladungen oder bestimmte dramatische Einschnitte stehende Elemente dieser Musiken aus dem Kontext isolieren und zusammenhanglos zelebrieren. Auf ihrer 1992er-Platte Lysol haben sie dies, kurz bevor sie einen Vertrag mit einem Major unterschrieben, auf die Spitze getrieben. Der CD-Player empfindet die gesamte Lysol als nur ein Stück. Dabei gibt es auf der Platte sogar zwei – nicht ausgewiesene – Cover-Versionen (Stücke von Alice Cooper und Flipper). Von dem stimmigen Baß-Krach zu Beginn über die minutenlang gedehnten Schlagzeug-„Intros“ in der Mitte bis zum Ende in einem noch relativ konventionellen Song, eine gute halbe Stunde später, ist die ganze Platte um nichts anderes bemüht, als all die geliebten, aber zu schnell vergehenden Höhepunkte von Metal-Musik so lange wie möglich zu halten, in die Länge zu zerren, aber auch aus der Abhängigkeit von fixen Funktionen in vorbereitenden Dramaturgien zu lösen. „Ausgeprägtheit“ wird hier zur fast puren, nahezu kontextunabhängigen Qualität, der einzige Kontext wäre die Kenntnis der Metal-Geschichte und damit das Wissen um die Herkunft der herausgezögerten Höhepunkte und um ihre Codierung.

    Vielleicht ist mit diesem Prinzip das Programm der Ausgeprägtheit ans Ende gekommen. Wir wissen jetzt, was es bedeutet: die Benutzung eines Codes in der Kommunikation mit Personen, die sowohl noch seine emotionale Codierung durch immanente Notwendigkeiten eines Genres – hier: Heavy Metal – kennen, aber auch schon wissen, daß die Notwendigkeiten keine Autorität mehr haben. Die Leistung würde dann jeweils darin bestehen, für eine Epoche zum ersten Mal auszuprobieren, welcher Code gerade neuerdings so behandelbar wäre. Und darin, ihn zu genießen, auch wenn und gerade weil sein Regime überwunden wurde. Heavy Metal hat ja an sich keine Bedeutung mehr.

    VIII

    Das vollkommene Gleichgewicht, das ich annäherungsweise in der Darstellung von symbolischen und echten Machtkämpfen zu finden versucht habe, ist meines Wissens nur ein einziges Mal dargestellt worden, und zwar vollkommen adäquat auf der formalen wie auf der inhaltlichen Ebene durch Don Covay in seinem Song „I Was Checking Out, She Was Checking In“: Auf der Textebene dieses durch allerlei dramatische Überhöhungen und Übercodierungen als „hochemotional“ inszenierten Songs im getragenen Balladentempo geschieht fünf Minuten lang nichts anderes, als daß der Ich-Erzähler eines ums andere Mal wiederholt, was ihm auf dem Parkplatz vor einem Motel passiert ist, in dem er gerade seine Frau betrogen hat. Sie trifft auf demselben Parkplatz, den er im Begriff ist, mit seiner Geliebten zu verlassen, mit ihrem Geliebten ein.

    Lauter Zwischenzustände, Kommen und Gehen, gerade noch mit einem Bein im Motel, mit dem anderen im Auto, noch Ehebrecher, schon wieder Ehemann, noch Ehefrau, gleich Ehebrecherin. Der Erzähler zelebriert, deklamiert, psalmodiert in den Lagen höchster Ergriffenheit, läßt aber völlig offen, ob er froh ist, nicht allein die moralische Last des Ehebruchs zu tragen, oder entsetzt, daß seine Frau ihn betrügt. Oder begeistert von der Absurdität der Situation. Trotz Mittelteil und Bridge und aller Ingredienzien einer normalerweise Emotionalität eindeutig organisierenden Soul-Ballade ändert sich an der extrem auf die Spitze getriebenen Mehrdeutigkeit der derart aufgeladenen Stimmung bis zum Ende nichts. Was wir erleben, ist keine mysteriöse Mehrdeutigkeit, kein Vexierbild, kein Lächeln der Mona Lisa, keine Ambiguität oder Ambivalenz, sondern die vollkommen klare und ausgeprägte Artikulation von zwei bis drei normalerweise entgegengesetzten Gefühlen. Um Gottes willen, alles ist offen.


    In einer ursprünglichen Fassung stellte dieser Text die beschriebenen ästhetischen Eigenschaften in Bezug zu einigen neueren Arbeiten Albert Oehlens. Die daran anknüpfenden ästhetischen Überlegungen sind aber mittlerweile in einen anderen Zusammenhang gewandert und werden womöglich bald in einer anderen Sammlung erscheinen. Vgl. den Katalog Oehlen Williams, Columbus/Ohio 1995 und meinen Text „Für eine Medientheorie der Malerei“ in Albert Oehlen, Deichtorhalle Hamburg, 1994

    1. Kurz nach dem Erscheinen von Lysol protestierte die Herstellerfirma des gleichnamigen Lösungsmittel gegen den Schallplattentitel. Das Wort „Lysol“ ist auf späteren Auflagen geschwärzt oder überklebt, die Platte hat jetzt keinen Titel mehr. Sie ist 1992 auf Boner Records erschienen, PO Box 2081, Berkeley, Ca. 94702-0081. ↩︎
    2. Es geht nicht um „Passagen“, obwohl das eine benachbarte Problematik ist und auch Passagen hier vorkommen: Aber nicht der Weg durch etwas hindurch, sondern die unmittelbare Nachbarschaft zweier Räume oder „Ausgeprägtheiten“, die durch eine Tür verbunden sind, ist entscheidend. Man kann zwar durch die Kirche in Córdoba hindurch in die Moschee zurückkommen, aber die Kirche ist nicht nur eine Passage, sondern vor allem ein eigener, wenn nicht der dominierende Machtraum. Daher passen auch berühmte, ebenfalls „ausgeprägte“ Passagen aus der Kinogeschichte nicht ganz hier rein, etwa die farbige Modeschau in George Cukors schwarzweißen Die Frauen oder Dalís Traumsequenz in Hitchcocks Spellbound, die beide als Passagen wichtig sind, nicht als für sich stehende Ausgeprägtheiten. ↩︎
    3. Vgl. Bernard Vincent, L’Année admirable, Paris 1991 ↩︎
    4. Burchard Brentjes, Die Kunst der Mauren, Köln 1992 ↩︎
    5. Rudolf Lothar, Die Seele Spaniens, München 1916. In neueren Texten wird diese Geschichte angezweifelt oder übergangen. ↩︎
    6. John Ford sagt: „I had wanted to make it for a longtime. I’ve killed more Indians than Custer, Beecher and Chivington put together, and people in Europe always want to know about the Indians. There are two sides to every story, but I wanted to show their point of view for a change. Let’s face it, we’ve treated them very badly – it’s a blot on our shield; we’ve cheated and robbed, killed, murdered, massacred and everything else, but they kill one white man and, God, out come the troops.“ in: Peter Bogdanovich, John Ford, Berkeley and Los Angeles, 1978 ↩︎
    7. Zum Beispiel: Frieda Grafe/Enno Patalas, „Es war einmal ein Ford“, in: dieselben, Im Off – Filmartikel, München 1974 ↩︎
    8. Und wenn das einmal passieren können sollte, dann nur in eine Richtung. Selbst in der Postmoderne alltäglich und harmlos gewordene Spielchen wie Woody Allens Purple Rose Of Cairo spielten das alte Spiel mit Realität und Imaginärem in einer Richtung; Dead Men Don’t Wear Plaids setzte ein distanziertes Publikum voraus, das die verwendeten Zitate nach Jahrzehnten Retro-Kultur als solche erkennen konnte; Cheyenne Autumn enthielt zwei ganze Filme und den Weg aus dem einen in den anderen, zu einer Zeit, als die Leute noch ins Kino wie in einen Gottesdienst gingen. ↩︎
    9. Mike Davis, „The Ecology of Fear“, in Open Magazine Pamphlet Series, Westlake, NJ/Amsterdam 1992; derselbe, City Of Quartz, London/New York, 1990, S. 221ff. ↩︎
    10. Wanda Coleman, „Berserk On Hollywood Blvd.“, CD; New Alliance Records, 1992 ↩︎
    11. Z. B.: Pere Ubu, „Non Alignment Pact“ auf The Modern Dance, LP, Phonogram 1977; The Jesus And Mary Chain, Psychocandy, LP, WEA 1985 vgl. auch die Abschnitte „Hauptsache Nebengeräusche“ und „Für ein Selbst, das kein privates Selbst ist“ im 2. Kapitel dieses Buches. ↩︎
    12. Man denkt natürlich auch automatisch an den genialen Albert Ayler, der die musikalische „Befreiung“ nach einem individualistischen Beginn seit 1967 immer mit dem Aufgehen in konventionelle Kollektivismen verbunden hatte, vor allem Märsche und Spirituals. Doch der von Ayler einmal als „Entertainment“-Musiker kritisierte Shepp stellt nun im selben Jahr gerade beide – bei Ayler verbundenen – Elemente als ausgeprägte – wenn auch auf einander beziehbare – Gegensätze gegenüber, die für andere Free-Jazz-Musiker, etwa auch Sun Ra, in einer Einheit schwarzer Musik von New-Orleans-Märschen über Ellington bis zu atonaler Kollektivimprovisation aufgehen. ↩︎
  • Der ewige Ausländer: Peter Lorre

    Die erste bewußte Begegnung mit Peter Lorre ist nicht nur für Filmgebildete immer noch seine Darstellung des Kindermörders in M (1930), seine erste Film-Rolle und eine der ersten deutschsprachigen Tonfilm-Hauptrollen überhaupt. Die von einer ihre Kreise störenden Polizei genervten, organisierten Gangster Berlins greifen zur Selbsthilfe und machen dem gefaßten Kindermörder einen Prozeß, eine faschistoide Farce, in deren Verlauf der Täter zum Opfer wird, das „nicht will“, sondern „muß“. Die in dieser legendären Schlußszene gipfelnde Glanzleistung gestattet gleichzeitig einen der wenigen noch möglichen Blicke in eine versunkene Schauspieltradition. Lorre – der hier unter anderem gegen Stars wie Gründgens antritt – vertritt diese Tradition mit seinem endlos charmanten k.u.k.-Schauspieler-Hochwienerisch nicht nur unter dem Schatten der drohenden neuen Verhältnisse – er bringt deren Voraussetzungen selbst schon mit zum Ausdruck. Seine Darstellung des bieder-blöden Mörders zeigt nämlich, wie im „Fahrwasser der Regression schreckliche, sadistische Ausbrüche unvermeidlich sind“, wie der neuerdings wieder so beliebte Kracauer schreibt, der den M-Mörder in seine Reihe expressionistischer deutscher Figuren auf dem Wege von Caligari zu Hitler einordnet. Diese sehr plausible, wenn auch etwas reduktionistische Lesart bestätigte aber nicht nur der Lorre-Fan Randy Newman in seinem Song „In Germany Before The War“, sondern auch Lorre selber. Darum geht es in einem ungewöhnlichen neuen Buch.1

    Der Brecht-Schauspieler, Linke und Hedonist fand bald seinen Weg nach Hollywood, wo er zwar ein paar Ups and Downs hatte, aber genügend Arbeit und auch Geld, um so in Saus und Braus zu leben, daß es anstrengend wurde. Lorre verbot seiner Frau zu arbeiten, nicht aus Machismo, sondern weil er die vielen Feste und Orgien nicht mehr alleine schaffte. Feiernderweise hatte er auch Geld verloren und einen üppigen Leib gewonnen. In den späten 40ern stand er schließlich als berühmter Nebendarsteller ohne Rollen und mit einer bankrotten Produktionsfirma vor dem Nichts. Zu diesem Zeitpunkt verschlug es ihn zurück nach Deutschland, West – Brecht hatte ihn vergeblich in einem Gedicht an den „Schauspieler P. L.“ um seine Rückkehr nach Berlin, Ost gebeten – und zu einer bizarr-monströsen Filmarbeit.

    Der Verlorene sollte erneut den Faschismus über ein zum Täter gewordenes Opfer in den Griff kriegen. Lorre führte nicht nur Regie und spielte die Hauptrolle, er hatte darüber hinaus unter dem gleichen Titel einen flott expressionistelnden Roman geschrieben, der zur Premiere des Films als Fortsetzungsgeschichte in der Süddeutschen Zeitung erschien. Tatsächlich war der Verlorene, wie der Name schon sagt, ein Fremdkörper in jeder Hinsicht. Ästhetisch war der Schwarz-Weiß-Film eine Mischung aus „deutschem Expressionismus“, Noir und teilweise sogar Doku-Ästhetik, die bei aller Erstaunlichkeit in sich nicht stimmte. Aber selbst wenn sie nach ihren selbstgesetzten Maßverhältnissen gestimmt hätte, hätte sie dem deutschen Nachkriegsmenschen, nicht gerade ein Experte für Code-Mischungen, nie und nimmer einleuchten können. Dem, was man am Verlorenen genießen kann – das Unvollständige und Angedeutete der Codes, ihre punktuellen und unvollständigen Dramatisierungen, die Ambivalenz der Lorre-Rolle, bei der nie ganz klar ist, ob der Darsteller Tragik, Regressionen, Indolenzen und Kontrollverluste nur vorstellt oder sie selbst genießt –, dem steht das Anliegen gegenüber, Deutschland etwas erklären zu wollen, das dieses bis heute nicht so gerne verstehen, lieber „bewältigen“ will. Erst recht aber nicht in einer derart abgedrehten Form.

    Zu diesem erfolglosen Projekt von 1951 ist nun ein Buch erschienen, das auch nicht recht sagen kann, warum diese Singularität innerhalb des Nachkriegskinos und im Leben des größten Hollywood-Darstellers deutscher Zunge nun so extensiv der Rede wert ist. Zum Originalromantext gibt es zehn Texte verschiedensten Niveaus und diversester Bauart, vom fiktiven Lorre-Tagebuch bis zu bemerkenswerten Bausteinen einer Geschichte des deutschen Noir, deren Autoren aber eigentlich fast alle den Film für mißlungen halten oder eh von was ganz anderem reden. Dazu wäre wohl auch eine höhere Form der Trash-Theorie und des interessant Mißlungenen als ästhetische Kategorie vonnöten gewesen. Eine Theorie, die sich der Frage nach dem spezifischen Wahrheitswert des unter industriellen Bedingungen produzierten, aber gleichzeitig unterkapitalisierten und an prekären Problemen – Faschismus, abweichende Sexualität, Sensationen – sich abarbeitenden Kunstwerks widmen müßte: eine Art Psychoanalyse der Kulturindustrie, die um das B-Picture herum dessen Unbewußtes beschreibbar machen könnte. Dabei könnte ja auch etwas über die ganz besondere Unversöhntheit des antifaschistischen B-Pictures herauskommen, dem eben nicht die Sicherheit einer in sich stimmigen, frühzeitig erworbenen intellektuellen oder künstlerischen Position zur Verfügung steht. Und etwas darüber, daß prekäre Themen in billigen Produktionen genau so eine Art von Kompensation des niedrigen Budgets darstellen wie Sex, Drogen und Splatter in anderen Formen von Trash-Kultur. Und wie gerade die B-Film-Darstellung dieses politisch Prekären besondere Wahrheiten vielleicht formulieren kann. Egal.

    Eine Hommage an Lorre ist selbstverständlich überfällig, und im deutschen Sprachraum ist dies immerhin ein Anfang.2 In Lorres Arbeit treffen drei Jahrhundertmotive zusammen, die er so großartig verkörperte, daß er sie auch nicht immer unter Kontrolle bekam. Zum einen hat er mehr als einmal dargestellt, wie Befreiung und Grenzübertretung in Regression und Faschismus umschlagen – als Opfer wie als Täter oder beides in einer Person. Damit hat er die Attraktion des Psychokillers in einer Weise formuliert, daß der ihm lebenslang als Casting-Stereotyp nachhing. Dann hat er unter den Hollywood-Exilierten mehr als Lang, Brecht, Adorno und die verschiedenen Manns, ein Konzept der Arbeit unter den damals neuen „kulturindustriellen“ Bedingungen entwickelt: Läßt man all die japanischen Detektive, sinistren Levantiner, kommunistischen Agenten, russischen Spione, undurchsichtigen Südamerikaner, Exil-Ungarn und gar den Kaiser Nero Revue passieren, die er alle in seinen Up-and-Down-Jahren darstellte, bekommt man ein – nur von seiner Person und seiner Herkunft aus „einem exakt umrissenen Schauspielermilieu“ (Kracauer) zusammengehaltenes – Kaleidoskop von oft grotesken Stereotypen, denen bei aller Reduktion immer auch die Möglichkeit anhaftet, sie durch Genuß und Affirmation zu überwinden. Lorre war nicht nur ewiges, meistens B-Picture-Stereotyp. Er ließ, ausgerechnet mit altösterreichischen Schauspielertugenden bewaffnet, ahnen, wie man sein Stereotyp gerade da dekonstruieren kann, wo es besonders maskenhaft wird. Auf halbem Weg zwischen Cartoon-Charakter und neben sich stehender Verkörperung nicht vorgesehener V-Effekte nahm er die spätere europäische Deutung von B-Pictures – als immanente Kritik an Hollywood und als Selbstreflexion – in seiner Arbeit um einige Jahrzehnte vorweg.

    Interessant ist da schließlich und drittens das, was all diese Rollen noch zusammenhält: Lorre war ein ewiger Ausländer. Er spielt, soweit ich weiß, in nicht einem einzigen seiner US-amerikanischen Filme einen US-Amerikaner. Er spielt Ausländer aus aller Herren Länder und Epochen, selbst solche, denen Hollywood sonst gerne fixe „rassische“ Körperlichkeiten zuschreibt. Lorre konnte auch als Mr. Moto durchgehen. Dieses Abonnement auf Fremdheit war aber nicht nur Hollywoods Reaktion auf einen alteuropäischen Großmimen mit linken und antipuritanischen Neigungen, also ein Ausschluß. Es war auch ein Weg, den Lorre bei allem Widerwillen, den er manchmal für ihn empfand, wie selbst gewählt und als erkennbar eigene Idee durchhält. Und seine Fremdheit in Hollywood sagt mehr über dessen System, als reine Affirmation oder Negation je vermochten. Denn sie artikuliert sich da, wo es am hübschesten klingt und am würzigsten wahr wird: im Herzen der Bestie, in den kleinsten und gemeinsten, aber auch den größten und monumentalsten Filmen, den blödesten Musicals und großen schwarzen Filmen mit dem gleichen melancholischen Mehr-Wissen in der Mimik. Ganz klar, daß es interessanter war, dort „verloren“ zu sein als hier. Zumal er von dort eben auch mehr verstand: ein kritischer Künstler, der dafür nicht einen einzigen kritischen Inhalt formulieren mußte – nur das, was er machte, so machen, wie er es machte.

    1. Peter Lorre, Der Verlorene, Roman, mit Fotos und Essays, München 1996 ↩︎
    2. Nach der Niederschrift dieses Textes ist noch eine zweite, recht empfehlenswerte Hommage erschienen, von Felix Hofmann und dem amerikanischen Lorre-Biographen Stephen D. Youngkin, Peter Lorre – Portrait des Schauspielers auf der Flucht, München 1998 ↩︎