Der Wert einmaliger Orte und Gegenden, könnte man sagen, steigt in dem Maße, in dem Kapitalismus und Kolonialismus, Tourismus und Ausbeutung einerseits Orte in ihrer (vermeintlichen) Ursprünglichkeit zerstören und das leer gewordene Territorium in ein System globaler, funktionalistischer Gleichartigkeit einsortieren. Dem entsprechen all die Kommunikationsutopien („Das Netz“, „Der Rave“ etc.), die Ortsanbindung gar nicht mehr brauchen, sondern tendentiell ortlos und endlos mobil überall und nirgends stattfinden können und ebenso tendenziell endlos zugänglich sind – jenseits der Behinderungen, die gerade die Macht rund um das Problem Aufenthaltsort organisiert.
Und dann gibt es Versuche, inmitten des relativ Gleichförmigen Orte zu behaupten: ohne inhaltliche, kulturelle und andere gar folkloristische Zuschreibungen. Als einfach nur den Ort, der dadurch definiert wird, daß ich/wir hier lebe(n), und der allein schon deshalb ein besonderer ist. Weitere Gründe sind nicht nötig oder austauschbar (es ist hier so rough, so sonnig, so hart, so kalt, so warm etc.). Gesagt werden soll, so berechtigt wie tautologisch, dieser Ort ist besonders, weil seine Bewohner eine Würde haben, und sie haben diese Würde, weil sie an diesem Ort wohnen, der dadurch auch eine Würde hat.
So ungefähr geht die Strategie von Hip-Hop, und Busta Rhymes hat speziell zu dieser Politik eine Menge zu sagen – aber auch zu ihren Grenzen. Seine Karriere beginnt mit einer merkwürdigen Bezugnahme zu einer Tradition Öffentlichen Sprechens: Die heute als Chicago bekannte Band hieß noch Chicago Transit Authority, als sie für ihr erstes Doppelalbum einen Song („Someday“) mit den Parolen beginnen ließ, die die Demonstranten beim berühmten 68er-Parteikonvent der Demokraten skandierten: „The whole world’s watching“. Als Bustas Band, die Leaders Of The New School 1991 ihr erstes Album herausbringen, eröffnen sie es mit einem Sample aus diesem Demo-Mitschnitt, der exakt bis zu dem ersten Chicago-Klavierakkord dauert. Eine schwer bepackte symbolische Aktion für eine Band von Neunzehnjährigen: Neunzehnhundertachtundsechzig! Chicago! Und der medienpolitisch siebenfach deutbare, alle Verhältnisse nussig verpackende Satz: „The whole world’s watching!“ Wer? Nam June Paik? Michel Foucault? Der CIA? McLuhan?
Busta Rhymes: „Ja, das ist schon wahr, uns war schon klar, daß da viel dranhing. Es ging uns aber darum, unsere ungeheure Euphorie zu beschreiben, wir hatten jetzt Zugang zu allen Medien, und wir dachten, wir können die ganze Welt erreichen, die ganze Welt sieht uns zu. Schallplatte, Fernsehen, Video, Film. Daran haben wir gedacht.“
Gute Pop-Kunst erkennt eben ein attraktiv bedeutungsschweres Element, setzt es nach einer Überprüfung der überprüfbaren Bedeutungen für sich ein und stellt dann fest, daß die restlichen Bedeutungen auch prima passen. Das geschieht nicht ganz zufällig, da spielt ein Wissen von Zeichenkarrieren unter Medienbedingungen eine Rolle, das – ohne sich seiner Analytik bewußt zu sein – das richtige Sample ergreift, so wie ein Klarinettist vom Schlage Dolphys seine komische Klappe bedient. In derselben Gattung ein Fehler wäre der Einsatz des blöden Carmina-Burana-Pomp-Samples auf der ansonsten makellosen neuen Busta-Rhymes-Solo-Platte The Coming.
Seine Gruppe, die Leaders Of The New School, existiert heute noch. Busta Rhymes betont, daß sie weiterhin seine Unit seien – und die Flipmode Squad, die ihn hier begleitet, nur eine andere weitere Unit. Er mußte jetzt einfach mal „repräsentieren“, also sich repräsentieren, eine Solo-Platte machen, weil man nach diversen Gastauftritten schon das Gerücht verbreitete, Busta Rhymes würde nicht „repräsentieren“, wie das Schlüsselwort heutiger Hip-Hop-Debatten nunmal heißt. Auch wieder erstaunlich, wie nach „Signifyin(g)“ auch wieder ein Schlüsselbegriff (post)strukturalistischer, vor allem aber Foucaultscher, ja auch Marxscher Begrifflichkeit Karriere im Rap gemacht hat. Auch hier wieder die instinktiv richtige Wahl eines Begriffs mit dem großen und umkämpften Bedeutungshof. Die restlichen, nicht intendierten Bedeutungen liefern nicht nur mir Stoff und Amusement, sie passen auch. Mit ihrer ersten, erst recht mit ihrer zweiten und bis heute letzten Platte erwarben sich die Leaders Of The New School den Ruf früh vollendeter Virtuosität, inhaltlichen Reichtums und schlechter Verkäuflichkeit. Ihre verspielte, ausladende Rede voller Schönheit und Überschwang brachten sie mitten in die East-Coast-Baisse, mit so vielversprechenden Albumtiteln wie T.I.M.E. – The Inner Mind’s Eye – The Endless Dispute With Reality kamen sie nicht gegen die einfachen coolen G-Dinger an. Die Mischung aus Five-Percenter-Mystik und selbstgemachter Linguistik hatte längst eine vollständig entwickelte, aufgeregte, selbstreflexive Blüte erreicht, die sich nicht mit dem smoothen Neo-Primitivismus jener Zeit vertrug:
Peace to all it’s the plural oral B the / Urban rural publicity Afrocentricity / Satellites coincide unifying it’s time / To climb avidly apparently reality / Below zero it makes you pale no color / For the bleach for seasons many reasons / Equinox equator now who’s the raider / And who’s the soul who stole the surface? / Sacrifice slice commanding / I’m demanding official awareness we / Share this common understanding
Heute hat Busta eine bessere Konjunktur auf seiner Seite. Durch die Wu-Tang-Hegemonie ist ja nicht nur gut abgedrechselte Five-Percenter-Geheimlehren-Spraak wieder mit „harten“ Attitüden kompatibel geworden (daß es sich bei der Hälfte der Wu-Tang-Sprache nur um die aktuelle Version dieser sich stets erneuernden Geheimspraak handelt, erklären wir an anderer Stelle) – auch der individuelle, der exzentrische, der exaltierte und theatralische Rapper ist so zurückgekommen. Darauf aufbauend verbindet Busta alt und neu. Er sammelt um sich die Leute wie Q-Tip, denen er immer mit Gast-Raps geholfen hatte, und schart andererseits neues Talent um sich (das er produzieren und verlegen will: Rampage, The Last Boyscout, Lord Have Mercy und andere). Dem entspricht eine Berücksichtigung der Lage an der Reimfront nach Ol’ Dirty Bastard bei gleichzeitiger Bezugnahme auf eine Traditionslinie, die zur ersten A Tribe Called Quest zurückreicht.
Ohne Übertreibung kann man The Coming als den endgültigen Durchbruch eines dritten (oder vierten) Rap-Stils beschreiben: Nach dem lauten Stil der Old School (meine Waffe ist das Wort ), der durch die meisten Polit-Rapper, von KRS-One bis Chuck D, zwar weiterentwickelt, aber im Prinzip fortgesetzt wurde; nach dem erst von Rakim, später von Q-Tip und anderen vertretenen leiseren, introvertierteren und verspielteren Stil – die West Coast lassen wir mal außen vor –, kommen jetzt, klar durch die diversen Wu-Tangs vorbereitet, Lautstärke und Wort-auf-der-Spitze-der-Zunge zurück: aber nun um Verspieltheit und Virtuosität erweitert, zum theatralisch-muskulösen-überdrehten Spät- und Hauptstil geworden, dem Bebop unter den Hip-Hops, dem Barock unter den Body-Rocks.
Busta Rhymes ist 23 Jahre alt und wirkt eher wie 30. Er hat an der einen Seite des Konferenztisches im Building der Firma Elektra Platz genommen, seine Flipmode-Squad, teilweise schlafend, teilweise äußerst kooperativ das Interview mitgestaltend, auf der anderen. Noch telefoniert Rhymes und behandelt dabei eine frische Tätowierung auf den muskulösen Oberarmen mit einem Desinfektionsmittel. Ein freundliches, aber bestimmtes „Peace!“ wird ausgetauscht. Es kann losgehen.
Yusuf Nuruddin ist ein sunnitischer Moslem aus Bedford-Stuyvesant, einem der berüchtigteren Teile Brooklyns, Herausgeber von Timbuktu – A Journal Of Contemporary African American Muslim Thought und Soziologie-Professor am New Yorker City College. Unter anderem der häufige Ärger zwischen den sunnitischen Moslems in seiner Gegend und jungen Five-Percentern bewog ihn dazu, sich per Feldforschung und Lektüre von verstaubten Sakro-Zines mit der Bewegung auseinanderzusetzen, die durch Father Clarence 13X begründet wurde. Nuruddins Schrift „A Teenage Nation Of Gods And Earths“ (in: Yvonne Yazbeck Haddad und Jane Idleman Smith: Muslim Communities In North America, State University Of New York Press: Albany, NY 1994), geschrieben in einer bestens abgeschmeckten Mischung aus Erstaunen, Deskription, Interesse und Befremden, ist eine der interessantesten Studien zu dieser „Sekte“, der auch Busta Rhymes auf den Credits der letzten L.O.N.S.-Platte noch alle Ehren erweist.
Nuruddin legt das Gewicht weniger auf die Glaubensgrundsätze der Five-Percenter (die mehr oder weniger aus den groteskesten Nation-of-Islam-Texten übernommen sind) als auf die Techniken des „Breaking Down“, der „True Mathematics“ und auf die assoziativen (Nuruddin nennt sie „laterale“) Gedankenverknüpfungen in der Rede der Five-Percenter, besonders in Straßendebatten und Zusammenkünften. Rhymes, der sich mittlerweile als „jenseits aller Gruppen“ stehendes Individuum bezeichnet, hat von dieser spielerisch-assoziativen, aber geregelten Technik, mit Worten und Ziffern zu jonglieren, nicht nur viel in seinen mit angespannter Nacken- und Rückenmuskulatur vorgepreßten Reim-Eruptionen aufbewahrt – er liebt es auch, Issues, Fragen, Themen nun zwar nicht mehr, jedenfalls nicht erkennbar nach Five-Percenter-Regeln, aber doch nach einer Art innerer Checkliste geregelt ungeregelt durchzusprechen.
„Zu Hause hab’ ich ein Pre-Production-Studio“, sagt Busta Rhymes. „Da entstehen einige meiner Ideen. Da muß es friedvoll zugehen, denn da wohnen schließlich meine Verlobte (auf der letzten L.O.N.S.-Platte noch seine „Earth“) und mein Sohn. Da kann ich nicht die Straße hineinlassen. Dann gibt es meine Crew. Ich gehe nie ohne meine Crew ins Studio, denn sie gibt mir den Vibe zurück, wenn mein Shit richtig liegt. Meine Crew kennt meine Stärke und weiß, wie ich mein Talent repräsentieren muß. Außerdem kennt sie meine Arbeit, sie kann mein Erinnerungsvermögen aufbessern, mich daran erinnern, wie ich bestimmte Ideen in einer bestimmten Situation schon mal weiterentwickelt hatte. Sie erkennt eine Idee als solche. Ich gehe nie alleine ins Studio. Nun besteht meine Crew aber zum größten Teil aus Künstlern, und die Kritik („Critique“, nicht „Criticism“ – DD) von Künstlern ist wichtig, aber sie ist nicht das einzige. Deswegen gibt es in meinem Team auch Repräsentanten der Straße, der Fan-Basis, denn ich kann mich da nicht mehr ständig selber aufhalten. Es ist aber wichtig, was diese Leute denken, denn sie haben einen anderen Zugang als Künstler, die selber aktiv sind.“
So muß der Flow durch Ringe von Zonen, die um das häuslich lokalisierte Selbst des Künstlers und Familienvaters, der den Lärm der Straße von Frau und Kind fernhalten will, und sein Pre-Production-Studio herum angelegt sind. Zonen von nur situativen Wahrheiten und spezifischem Gelingen; Zwischenstadien, die durch wieder andere Tests, Kontexte und Reaktionsweisen hindurch müssen, um … nicht universell, aber doch vielfach einsetzbar „wahr“ zu werden, an Horizont zu gewinnen: optimaler, nach vorne drängender, weltneuer Hip-Hop, aber eben doch ganz klar … Hip-Hop.
Mit der topologischen Checkliste in der Hand setzt Busta Rhymes nicht zur Veränderung dieser Orte an, er verflüssigt nicht ihre Grenzen, wie die Theoretiker und Praktiker von Hybridität ein wenig von oben herab fordern (denn wer das kann, hat es eigentlich nicht mehr nötig). Aber weder ignoriert noch totalisiert er die Spezifika dieser Orte, dieser Arbeits-, Rezeptions- und Produktivitätszonen. Er nennt sie besonders, nicht um daraus höhere „ghettopolitische“, straßeneckenzentristische Wahrheiten abzuleiten, sondern weil ihnen das zusteht, wie jeder Ecke, über die man sprechen will.
Wenn man von einer Verschwörungstheorie geprägt ist und nun, älter und nüchterner geworden, daraus eine ganz normale Skepsis wird, die sich nicht von Evidenzen narren läßt, dann war die Teenager-Nation von Göttern und Erden vielleicht nicht das Schlechteste: „Der ganze Scheiß, der von den Medien so breitgetreten wird, daß es nämlich einen Streit zwischen East und West Coast gibt, ist doch vor allem blöd. Immer dieser Quatsch, daß man seine Hood repräsentieren müsse. Du lieber Gott. Was ist denn das bitte? Ein paar Backsteinhäuser, die dir noch nicht einmal gehören. Was sollst du denn da repräsentieren? Natürlich mußt du deine Herkunft reflektieren, denn das, was du gesehen hast, die Erfahrungen, die du gemacht hast, prägen dich schließlich. Aber abgesehen davon, abgesehen von deiner sicher sehr wichtigen Geschichte und deinen Freunden, was sollst du da repräsentieren? Ich repräsentiere lieber etwas Intergalaktisches, das Universum oder mich selbst.“
Aber wer repräsentiert oder vertritt eigentlich wen, in den imaginären Parlamenten des Hip-Hop? Sich selbst repräsentieren bekanntlich Millionen von Talk-Show-Gästen, gerade im US-TV, die ganze Zeit. Hip-Hopper repräsentieren sich aber nicht nur als sich selbst, sondern immer auch als etwas, zunächst meistens als den „schwarzen Mann in den USA“ (auch wenn viele tatsächlich der ganz normalen Medienlogik zum Opfer fallen und nur sich „repräsentieren“; aber auch das ist schon ein Gewinn, „The whole world’s watching“, wenn man nicht von seinem Umfeld – Plattenfirma, TV-Kamera – plattgemacht wird).
Bekanntlich waren vor kurzem eine Million schwarzer Männer in Washington, D.C. Dort repräsentierten sie, wie vor allem die linke Kritik vorbringt, nicht viel mehr als sich selbst als schwarze Männer. Und hörten teilweise endlosen Sermonen von Leuten wie Jesse Jackson und natürlich Louis B. Farrakhan zu, der zu dieser Demonstration aufgerufen hatte. Frauen waren nicht eingeladen, nur aufs Podium, und die Organisationen von mehrfach stigmatisierten Schwarzen diskutierten lange, ob sie sich erwünscht fühlen sollen, und wenn nicht, ob sie trotzdem oder sichtbar nicht hingehen sollen. Die offizielle Begründung für die Nicht-Anwesenheit schwarzer Frauen lautete ja, daß die Männer auch zusammenkommen, um sich für Fehlverhalten zu entschuldigen, um zu bereuen. Dies, Familienwerte und anderer religiöser Quatsch haben dem Marsch gerade von linken und feministischen Schwarzen viel berechtigte Kritik eingebracht, andererseits ist aber auch der Einwand nicht zu unterschätzen, daß der Marsch besser als gar nichts war:
Klar, Farrakhan werde von einem „Trio von Schuften geführt, deren Namen Prophetischer Mystizismus, Politischer Konservatismus und Gemeindehaft Beschränkter Blick lauten. Daß der Million Men March Frauen hätte einschließen müssen, braucht man nicht zu erwähnen, daß er konkrete soziale Themen hätte benennen müssen, ist eine Binsenwahrheit, aber diese Beschränktheiten haben auch keinen irreparablen Schaden angerichtet. Laßt uns also Minister Farrakhan für seinen großartigen Beitrag zur Repolitisierung des afrikanischen Amerika danken und ganz schnell seine beschränkte Vorstellung vom Universum hinter uns lassen und die Energien dieses Marsches auf eine perfektere Einheit schwarzer Männer und Frauen im Interesse voller politischer und ökonomischer Gleichberechtigung in dieser (…) Wildnis namens Nordamerika konzentrieren“ (deutsch vom Verf.)
schreibt zum Beispiel Ernest Allen Jr., der Herausgeber von Contributions In Black Studies in der Million-Men-March-Nummer der Standard-Zeitschrift The Black Scholar (Vol. 25, No. 4, Oakland, CA 1995)
Dennoch beklagte sich Greg Tate – Ralph Christoph berichtete in der letzten Nummer –, daß keine Rapper auf dem Marsch gewesen seien. Busta Rhymes war da: „Mein Mann muß von der Menge Menschen geblendet gewesen sein, daß er mich nicht gesehen hat. Ich war da, meine Flipmode Squad war da, ich habe Speech von Arrested Development gesehen, Ice-T, sogar MC Hammer, Charlie Brown, D-Knowledge, mit dem ich in Higher Learning gespielt habe und so weiter.“
Er meinte wohl eher, daß keine Rapper auf dem Podium waren.
„Das war doch gar nicht nötig. Warum sollen Rapper immerzu Verantwortung übernehmen, warum sollen wir immer so tun, als ständen wir in der Schuld von allen. Außerdem übernehmen wir schon die ganze Zeit Verantwortung. Niemand berichtet schließlich so ausführlich, was es heißt, jung und schwarz zu sein, wie wir. Wir sind schwarz, und also erzählen wir davon, nicht weil wir uns das ausgesucht hätten, sondern weil deine Erfahrungen nunmal so geprägt sind. Ich kann nicht sagen, wie es ist als Chinese oder als Weißer aufzuwachsen. Du kommst durch diese ganzen kulturellen Differenzen nicht hindurch. Also bleibt alles, was wir tun können, unsere Zustände und Lebensbedingungen zu reflektieren, mehr können wir nicht tun, schließlich kontrollieren wir unsere Lebensbedingungen nicht. Ich stamme nicht aus einer Welt, die zur westlichen Zivilisation gehört, trotzdem muß ich Englisch sprechen. Ich kann mir das nicht einmal aussuchen. Man hat mir mein Geburtsrecht aberkannt, und ich weiß nicht einmal warum. Das ist eine alte Geschichte, aber das prägt die Lage, die Bedingungen, das System. Das System kontrolliert alles, es prägt die Leute, entscheidet darüber, wer arm und wer reich ist und so weiter.“
Was meinst du mit dem „System“? Kapitalismus?
„Mhm. Was meinst du nochmal mit Kapitalismus?“
Nun ja, Privateigentum an Produktionsmitteln, deren Eigner lassen die anderen für sich arbeiten. Alles wird zur Ware vor dem universellen Äquivalent des Geldes …
„Das ist exakt, was ich meine, Mann!“
Und da kann man nichts anderes machen, als sich und seine Lage zu repräsentieren? Als organischer Intellektueller die Klassenschranken der bürgerlichen Demokratie durchbrechen und Zeugnis ablegen? Repräsentieren?
„Man kann was machen. Man muß die Wahrheit dechiffrieren.“
Typische Numerologen-Spraak.
„Die Leute laufen rum und wissen nicht, wer sie wirklich sind, sie müssen nur herausfinden, wer sie wirklich sind, dann wird sich etwas ändern.“
Elijah Muhammad, ick hör dir trapsen.
Dieses „wahre“ Wesen der Leute benennt Busta Rhymes nicht näher. Es gehört wahrscheinlich zu jenen „wahren“ Eigenschaften, die man sich notwendig und logischerweise zuschreibt, wenn man nur eines mit Sicherheit weiß, nämlich betrogen, belogen und beraubt worden zu sein. Daß er dem, was ihm geraubt wurde, keinen konkreten Namen gibt, spricht auch für die Einsicht, daß eben das die heutige Lage nicht nur Schwarzer in den USA ist: Eine primäre Beraubung und Unterwerfung ist im Zuge der Permanenz rassistischer Alltagsverhältnisse wie übergeordneter kultureller und ökonomischer Verhältnisse zu einer Entfremdung geworden, die nichts mehr mit ursprünglicher Verschleppung zu tun hat und dem dadurch Verlorengegangenen, das sich aber immer noch bestens als Metapher eignet (etwa in der biblisch inspirierten Rede von der Wildnis, die sich auf die babylonische Gefangenschaft bezieht) für die zeitgenössischen besonderen Entfremdungsverhältnisse, unter denen zum Beispiel die meisten US-Schwarzen leben. Die Beraubung, soviel steht fest, hat stattgefunden, denn ich habe ja keinen Einfluß und keinen Besitz, aber sie hat vor meiner Geburt stattgefunden, also wird sie als irgendwie primär erinnert, als kolonialistische Urszene.
Sie fühlt sich aber mittlerweile truthful und treffend auch für all die anderen an, die die Wildnis im Urlaub suchen, doch die erzwungene Verwilderung ihrer Existenz auch immer schlechter ertragen, aber noch weniger geübt darin sind, das zu repräsentieren, nämlich die restlichen Opfer des Kapitalismus. Jeder Schritt von der Konkretheit irgendwelcher Abstammungsmystik zur Abstraktheit einer politischen Erkenntnis ist da ein Schritt in die richtige Richtung. Und die Tatsache, daß diese Schritte von Rappern im Kontext ihrer Kunst vorgenommen werden, weist auch die Kritik am Beginn solcher Reflexion durch Abstammungsmythen in ihre Grenzen. Niemand will ja wirklich reden wie – der auch sonst völlig unvergleichbare – Herbert Hupka. Wenn es aber Berührungspunkte gibt, auf die eine europäische, altlinke Hip-Hop-Kritik immer wieder zurückkommt, muß sie klar unterscheiden, ob solche Berührungspunkte als Ausgangspunkte oder als Fixierungen auftreten.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, einer derart obergeilen und sowohl als auch Royal-Albert-Hall-, Metro- und Straßen-Platte wie The Coming nicht mit der nur aktualisierten Auffächerung der üblichen Themen im Hip-Hop-Feld zu begegnen. Doch dann wurde mir klar, was dieses „Represent“ im guten Sinne heißt, zum Beispiel im Sinne von Busta Rhymes: zu repräsentieren, daß man ein Schwarzer in den USA ist, und dabei weder eine Essenz, noch immer dasselbe, sondern immer etwas Anderes, etwas Persönliches, etwas Galaktisches repräsentiert – aber dies alles auch immer im Zusammenhang mit dem Schwarzsein in den USA.
Am Ende steigert sich Busta Rhymes in dräuende Andeutungen des nahen Endes. Gut verschwörungstheoretisch-millenaristisch liest er die Zeichen an der Wand, die Jahreszahlen, die Prophezeiungen, das Ende des Jahrtausends. Schließlich frage ich, was es denn nun sei, das da kommen werde, was er da die ganze Zeit andeutet?
„Busta Rhymes’ Solo-Platte natürlich, was denn sonst!“
Spex 5/96, S. 26–29