Kann man eigentlich heutzutage die Einheit „Song“ denken, ohne sofort auf die schlechte Alternative zwischen Personalperformance und Retroreferenz verwiesen zu werden? Mit anderen Worten: Kann man mit dem Song machen, was mit anderen Komponenten und Stilen von Popmusik ständig gemacht wird, sie so kompliziert unkenntlich und fließend zwischen „zeitgenössisch“ und „historisch“, Kollektiv, Person, Zitat und Gegenwartsobjekt platzieren, wie das bei Krautrock, Electronica, New Wave oder den verschiedensten Hip-Hop-Stadien jederzeit möglich ist? Oder schnappt immer die Falle zu, dass der Song festlegt, wem er gehört: dem jetzt performenden Sänger oder doch einem Typus davon, der sich entweder ausdrückt oder zitiert und covert und sich den Song als Bartschmuck umlegt? Und ist das vielleicht gerade gut?
Verschiedene Leute haben daran herumprobiert: Kurz vor seinem Tod zweimal Derek Bailey mit seinen Standards und Ballads, kürzlich Neil Young mit seinen Americana: Versuche, den Song zurückzugeben an einen Gebrauchswert, den er unabhängig von Interpreten hat: so wie das Great American Songbook bei Bailey oder die amerikanischen Protestlieder bei Young. Der Song ist etwas Tragbares, er gehört nicht einem bestimmten Menschen, sondern ist eine mnemotechnische Krücke für Dinge, die sich erst in der Situation entfalten. Ich erwähne die beiden nicht zufällig: Bill Orcutt, ein alter Bekannter dieser Kolumne, hat die genaue Mitte zwischen beiden gefunden: wie die teilweise abgedroschenen Lieder zwischen „Black Betty“ und „Onward Christian Soldiers“, zwischen Arbeitersolidarität und Disney von einem hochindividuellen Gitarrenspiel lustigerweise besonders effizient ans Allgemeingut zurückgegeben werden, erinnert an Bailey, die Auswahl selbst an Young. Wie Orcutt zwischen waghalsiger Virtuosität und rammdösigem Wiederholungszwang auf den Songs mit seiner Gitarre als Leiter ins Nirvana klettert, das löscht jede persönliche Mitteilung und verweist nur noch auf die Gemeinsamkeit aller im naheliegend Einzigartigen, eben nicht im Mitsingen, sondern im persönlichen Abspinnen. Gesungen wird auch, aber immer nur die improvisierten Läufe, wie sie der Stimme von Orcutt erscheinen, man weiß nie, ob antizipierend oder nachvollziehend, Befehle gebend oder empfangend: A History Of Every One (Editions Mego).
Ein ganz anderer Versuch ist Dear Mister Singing Club (Distillery) von Krohn Jestram Lippok. Hier wird das Wissen, das die drei im Umgang mit Theatermusik entwickelt haben, für Songwriting und Song-Inszenierungen eingesetzt, die sich Kontexte so weit vom Hals halten, wie eine Theaterbühne das Publikum ans Gestühl verweist. Natürlich ist die kammerspielhafte Atmosphäre, die Begegnung von lesebühnenmäßig artikulierter Kollektivität mit einer zarten, manchmal vom Cowboylied träumenden Künstlichkeit ihrerseits ein Kontext, der nicht ganz fremd ist. Aber er gerät nicht in die üblichen Automatismen, die gesungene Texte immer zu Bekenntnissen, Bezugnahmen oder anderen Ausstülpungen von Selbstformaten machen – was wir lange gebrauchen konnten, aber jetzt nicht mehr. Samuel Beckett war schon immer eine gute Inspiration für Lovesongs.
Was ist die dritte Möglichkeit, den Song zu retten oder zu erneuern, jenseits von wilden amerikanischen John-Fahey-ismen (Orcutt) und zarter Berliner Theaterschläue (Krohn Jestram Lippok)? Natürlich die klassische Kölner Verknüpfung von Techno-Eleganz mit psychedelischer Schlager-Sound-Art, wie sie im Laufe der Jahrzehnte schon manches Mal das Haus Kompakt hervorgebracht hat. In diesem Fall sind es eine Handvoll meist nur sehr kurze Stimmfetzen (auf einem ansonsten instrumentalen Album), die hier in darke Stadtlandschaften gejagt werden: weder Songs im historischen Sinne, noch nur Stimme als Musique concrète. Zwischen found object und Erzähler nehmen sich diese von den Brüdern Voigt & Voigt vermutlich in den Straßen und Straßenbahnen der so genannten Domstadt (Songtitel legen das nahe) gefundenen Menschenspuren inmitten ihrer eher somnambulen und suggestiven Beats und Schleifen als sehr konstruktiver Vorschlag dafür aus, was wir in Zukunft von Menschen und ihren Körpern in Musik erwarten. Ganz verzichten wollen wir ja auch nicht auf sie: Die zauberhafte Welt der Anderen (Kompakt).
Im Gegenteil: Man müsste stundenlang von ihnen erzählen. Zum Beispiel von dem Menschen R. Frank Pozar, auch bekannt als Robert F. Pozar oder seit den 1970er-Jahren als Cleve Pozar. Der wahrscheinlich originellste Drummer aller Zeiten gehörte in den Aufbaujahren zum Kreis um die Komponisten, die das ONCE-Festival für Neue Musik und freien Jazz ausrichteten und bespielten (Robert Ashley, Gordon Mumma, aber eben auch Bob James und Eric Dolphy); er spielte immer wieder auch Platte bei Bill Dixon; begleitete den flamboyanten Peter Ivers (den späteren Gründer des New Wave Theatre) in seiner psychedelischen Phase; machte eine der abwechslungsreichsten Free-Jazz-Solo-Platten (Good Golly Miss Nancy, 1967) und widmet sich seit nun auch schon mindestens zwei Jahrzehnten der afrokubanischen Percussion. Er gehört eigentlich seitenweise hier abgefeiert, denn es gibt keinen Anlass, außer dass er im Schnittpunkt meiner Interessen für Ivers, Buell Neidlinger, Dixon und anderen zwischen Glam-Pop und Free Jazz steht – aber nun gibt es doch einen: Der Dokumentarfilm über ihn, I Did The Number, steht vor der Fertigstellung. Über ihn, Ivers, Yolande Bavan und Tim Mayer demnächst mehr.