Wie Kunst und Musik einander als Mangelwesen lieben
2005: Konnektivität. Kunst und Musik.
Vier für den Preis der Nationalgalerie nominierte Arbeiten werden im Hamburger Bahnhof ausgestellt. Jede füllt einen Raum des Museums. Drei der vier Arbeiten haben direkt, die vierte indirekt mit Musik zu tun. An zweien sind sogar prominente Musiker beteiligt. Bei John Bock gibt es einen Rock-Song, der von einem Musikvideo innerhalb der Installation präsentiert wird. Monica Bonvicini hat den Raum mit klingenden und rasselnden Ketten in Lederfassungen durchkreuzt, die nicht nur wegen ihres ständig durch die Besucher verursachten Sounds eine Klangdimension haben, sondern in ihrer konnotativen Bezugnahme auf subkulturelle Stile zwischen Glam-Rock und Gay Techno enge Verbindungen mit – unter anderem – popmusikalisch codierten Looks ansteuern. Angela Bulloch hat für ihre vielschichtige und subtile Rieseninstallation mit dem Musiker Florian Hecker zusammengearbeitet, dessen Soundstreifen nicht nur entsprechend zu den Licht- und Gestaltperioden eine weitere Ebene der Zeitgestaltung dieser Arbeit erschließen, sondern auch einen ganz bestimmten musikalisch-soundgestalterischen Ton anschlagen: Es ist die, Spitzes und Abruptes ebenso wie Flächen, Schraffuren und Gewalttätiges in ein digitales Sound-Vokabular integrierende Anmutung der Laptop-Musik der neunziger Jahre. Anri Sala schließlich hat mit Jemeel Moondoc einen veritablen Free-Jazz-Saxofonisten der jüngeren Generation für seine Filminstallation gewinnen können.
Während das Rock-Video bei Bock eine narrative Station seiner überbordenden Lach- und Sach-Installation darstellt, die Laptop-Musik bei Bulloch vollständig in die reiche Immanenz der intermedialen Arbeit integriert ist und bei Bonvicini Musik vor allem im Innuendo aufgehoben ist und also erst in der Rezeption ganz aufblüht, ist bei Sala der Musiker als Performer wichtig. Das wäre ein typisches Beispiel für das Mangelbewusstsein der bildenden Kunst gegenüber der Musik: Sie weiß, dass sie in ihren klassischen Genres nicht performativ ist. Um die Kompensation dieses Defizits nicht dem Habitus sogenannter Malerfürsten zu überlassen, entstehen eigene bildkünstlerische Sub-Gattungen, die am Modell der Musik die performativen Seiten der bildenden Kunst entwickeln.
Aber alle musikalischen Formen, die hier auftauchen – Free Jazz, Rock, digitale Electronica und Glam-Rock sowie Techno – sind auf eine spezifische Art je enger oder lockerer mit der bildkünstlerischen Arbeit verbunden, eine Art, die dem spezifischen Grad von Konnektivität der jeweiligen Sorte Musik auch sonst und außerhalb von Kunst entspricht: Individuell expressiver Free Jazz funktioniert nicht ohne die Präsenz des Performers, Rock-Videos tragen sich in Narrationen ein (Rock-Songs in Rock-Videos), digitale Soundmanipulationen sind am konnektivsten und verknüpfen sich bruchlos mit den Strategien elektronischer Intermedialität, und die berühmte zweite, aber zentrale Bedeutungsschicht des Innuendo und der subkulturellen Artikulation legt sich supplementär als mitgedachte Musik um die Kunstobjekte oder als Fetischstruktur um die Sounds.
Mit Musik lässt sich – heute – also fast jede (bild-)künstlerische Strategie optimieren. Sei es, dass die bildende Kunst eine neue Klarheit von sich selbst gewinnen will und die Nicht-Unterschiede oder erleichterten Übergänge zu Klang und Musik spiegelbildlich und zusätzlich oder ergänzend die Verfasstheit aller anderen Parameter eines intermedialen Werkes verdeutlichen. Sei es, dass Musik und Sound, als Popmusik verstanden, der bildenden Kunst helfen, ihr Performativitätsproblem, ihr Narrationsproblem und – in andere soziale Systeme vordringend – ihr Distributions- und Disseminationsproblem zu lösen. Mit anderen Worten: Musik steht für ein Update zur Verfügung, das die bildende Kunst an ein neues Publikum, aber auch an andere, neue Verwertungsmöglichkeiten jenseits der Galerie und der Originale anschließen könnte.
Musik tendiert von Haus aus zu Konnektivität. In vielen musikalischen Gattungen ist es das formulierte Ideal, mit etwas anderem sich zu verbinden. Bedeutung für viele, individuelle Lebenssubstanz der Rezipienten, öffentliche Vorgänge. Selbst die strengsten Autonomisten absoluter Musik bastelten in ihrer Freizeit an Opernhäusern und deren Spielplan und damit an einer funktionalen Rolle für Musik. Musik wird immer wieder gelobt für ihre eleganten Eingriffe in den Alltag, in die Gefühlshaushalte und die Umweltgestaltung. Dieser Tendenz steht die viel debattierte der bildenden Kunst gegenüber, sich als Metakunst zu gerieren, die theoretisch jede praktische künstlerische Produktion von einer begrifflichen Höhe verwalten will. Das Anderssein der Musik kann daher für die bildende Kunst zwei Modi einnehmen. Entweder besteht es darin, lebensweltlich vollgesogenen Stoff für metakünstlerische Großentwürfe zur Verfügung zu stellen oder aber eben gerade einen Widerstand zu leisten, der die bildende Kunst zwingt, sich anders, nämlich als konkret visuelle Praxis, gerade nicht als Metakunst zu verstehen. In beiden Fällen hat aber die bildende Kunst ein Interesse, sich den einen oder anderen Typus von Alterität der Musik als Ressource zu erhalten.
1963: Ich kann etwas nicht, was du nicht nicht kannst. Michael Snow und Albert Ayler
Den kanadischen Künstler, Pianisten und Filmemacher Michael Snow verschlägt es in dieser Zeit immer häufiger nach New York, wo sich gerade das sogenannte New Thing entwickelt, der expressive freie Jazz. Snow erinnert sich 2004 bei einem längeren Aufenthalt in Berlin, wie die Begegnung mit dieser Musik für ihn so erschütternd und beeindruckend war, dass er sich selbst daraufhin nur noch in einem eingeschränkten Sinne als (Jazz-)Musiker verstehen wollte. Er erkannte, dass er das, was die da machten, nicht konnte. Und man kann aus seiner Beschreibung heraushören, dass er damit vor allem die Verschränkung einer ästhetischen Ernsthaftigkeit mit einer politischen Idee und einer expressiven Sprache meinte, die in den Gesten der frühen Free Jazzer eine Einheit erreichen. Snow beginnt stattdessen, an seinem zweiten Film zu arbeiten: New York Eye and Ear Control. In diesem Film bewegt sich die auch aus anderen Snow-Arbeiten bekannte ausgeschnittene, zweidimensionale Frauenfigur durch eine kulissenhafte, real gefilmte, aber oft als Negativfilm gezeigte New Yorker Stadt-Architektur. Über weite Strecken hört man einen flächigen, dicht schraffierten Free-Jazz-Soundtrack, dessen bloße Oberfläche unwahrscheinlich nuanciert, gestaltreich und konkret wirkt. Die drei klassischen Elemente des Tonfilms und die ihnen zugehörigen Zeichenklassen bleiben erhalten, werden aber durch seltsame Verwandte der gewohnten Bewohner ersetzt. Die ikonische Ebene der gefilmten Wirklichkeit erscheint im Negativ oder gänzlich entvölkert, die symbolische Ebene der Sprache wird stattdessen von einer logoartigen weiblichen Figur vertreten (die auch in so etwas wie Narration eingebunden ist), und der indexikale Ton wird ganz von der Musik übernommen. Am Ende sehen wir Porträts der Musiker.
Zu den – im Hinblick auf das, was Snow nicht konnte – eindrücklichsten und unverständlichsten Figuren der New Yorker Jahre 1964 bis 1966 zählte Albert Ayler. Ayler war für Nichteingeweihte seiner Musik nur unter einer Prämisse verständlich: als Avantgardist. Das hieß, dass man seine Operationen am Jazz und seinen Beständen als Entscheidungen lesen musste, als Eingriffe an einzelnen Parametern der Musik. Eine solche Beschreibung künstlerischer Praxis erlaubte sowohl in der bildenden Kunst die Greenberg-Tradition als auch in der Neuen Musik die Redeweise der Darmstädter Tradition, von der sie ursprünglich stammte. Der Komponist fällt Entscheidungen über die verschiedenen quasi diskret gedachten Parameter der Musik und setzt diese Entscheidungen in ein Verhältnis – so wie früher nur die Entscheidungen über Tonhöhe und -dauer.
Doch Snow begriff, dass es mit Ayler so nicht ging. Die Tatsache, dass hier harmonisch simple, liedhaft euphorische Stellen mit spröder Verweigerung und überbordend aggressiver Lärmdichte koexistierten, verdankte sich nicht nüchternen Entscheidungen. Ayler zielte nicht unbedingt auf diese Konfrontation. Ebenso wenig konnte man aber Ayler über die entweder rein vitalistische oder musikalisch immanente Geschichtsschreibung in den Griff bekommen, die in der Jazz-Presse vorherrschte, und die nur hören konnte, dass er mit Gospel und mit Coltrane zu tun hatte. Das, was diesen Leuten entweder nur vital oder undurchdacht gestisch vorkam, war zu genau an einen bizarren musikalischen Sinn gelötet. Dieser Sinn aber wiederum bewegte sich, isoliert gesehen, zu nahe am totalen Unsinn. Kinderlieder, Überschwang, Gehupe.
Snow verstand im selben Moment, als er begriff, was er als Filmemacher und Konzeptualist nicht konnte, nämlich emotionale Geste und avantgardistisch-konzeptualistischen Eingriff aus einer Bewegung heraus hervorbringen, sozusagen aus der Hüfte, auch das, was diese Musik, insbesondere in ihrer Verkörperung durch Albert Ayler, nicht konnte: nämlich auf diese Eingebundenheit in einfachen, emotionalen und strukturschwachen musikalischen Motiven zu verzichten und so wirklich zu einer Form zu finden, die über diese konkrete und individuelle Gestalt des expressiven Free Jazz hinausgeht. Also gewann Snow Ayler und eine Gruppe mit Don Cherry, Roswell Rudd, John Tchicai, Gary Peacock und Sunny Murray für den Soundtrack zu New York Eye and Ear Control. Er machte der Gruppe nur eine kleine Vorgabe, die Ayler als Herausforderung gern akzeptierte: Sie sollen doch bitte genauso spielen wie immer, wenn sie Free Jazz spielen, nur ohne Soli und ohne Themen oder Heads.
Diesen Eingriff Snows in die Spielpraxis Aylers kann man zunächst als klassische Handlung eines konzeptuellen Künstlers beschreiben. Eine sich über Natürlichkeitsannahmen und andere unausgesprochene Voraussetzungen unbeobachtbar und unmarkierbar wähnende Praxis wird von der externen Position des Konzeptualisten aus markiert, so dass, was den Musikern wichtig war, unwichtig zu werden scheint (die Einzelheiten der expressiven Anstrengungen) und ein nicht zentral beabsichtigter oder allenfalls in Kauf genommener Gesamteindruck (die Abstraktion von einer Methode der freien Improvisation) zur Hauptsache. Man kann diesen Eingriff aber durchaus vergleichen mit dem Verhältnis der Neuen Musik zu musikalischen Tatsachen, nämlich im Begriff des Materials.1 Gemeint wäre ein bestimmtes Verständnis der Aufgabe des Komponisten, nämlich nicht sich selbst oder sein Können zu verwirklichen, sondern auf einen historischen Stand zu reagieren, der sich „objektiv“ aus ästhetischen, technischen und gesellschaftlichen Verhältnissen ergibt: aus der Geschichte des je zur Verfügung stehenden Materials im weitesten Sinne. Zum Material gehört aber ein Komponist, der frei und autonom genug ist, eben dieses ganz als Gegenüber zu denken, von dem er zwar selbst geprägt ist, das er aber dennoch als Objektivum erkennen können soll. Dabei hilft es, in der sich zwischen einzelnen jeweils avancierten Kulturen schon um 1960 differenzierenden Welt auf eine andere zu schauen, die einem doch nahe genug ist. Was Snow selbst macht und Ayler nahe legt.
Material sind hier bestimmte Spielweisen der Improvisation, die als Generatoren eines bestimmten Soundtypus auch dann musikalisch auffällig sind, wenn man nichts von den Bedeutungen und Funktionen weiß, die sie in ihrem ursprünglichen Kontext einnehmen. Es geht allerdings weniger darum, dass Snow einen Einstellungswechsel vornahm, indem er die im Verständnis der expressiven Free Jazzer ja gerade nicht als Material verfügbare, sondern erst erzeugte Musik als solche verstanden hat, unter Ausblendung aller individuellen und kollektiven Ausdruckswerte, sondern eher darum, dass er Verschleifungen wahrgenommen hat, die vom Free Jazz ja durchaus beabsichtigt sind. In den Kollektivimprovisationen, die seit Ornette Colemans namensgebendem Stück für Doppel-Quartett (Free Jazz, 1961) entstanden sind, kam es immer zu Momenten der Dichte, die sich nicht nur als Addition individueller Expressions- und Emanzipationsexerzitien lesen ließen, sondern als Klangqualität ihren Kontext verließen und begannen, als Material einem nunmehr externen Eingriff zur Verfügung zu stehen – Komponisten der Neuen Musik mieteten ja auch mitunter Jazz-Ensembles für einen bestimmten, wünschenswerten Klangeindruck. Diesen Eindruck wollte Snow forcieren, sein Eingriff will der Musik und den Musikern zur Erkenntnis einer im Schatten der Expressivität und der Intensitätsideologie stehenden Möglichkeit verhelfen: Er wird nicht selbst zum Komponisten, sondern trägt dazu bei, dass die anderen, von ihrer Musik noch ganz übermannten, Musiker ihre eigenen Komponisten werden.
Snow handelte als Externer, aber als ein bewundernder Externer2, nicht als einer, der wie die erwähnten Komponisten der Zeit das Ayler-Ensemble als ein Found Object in eine Collage einbaut. Doch hätte dieses zugleich bewundernde und extern konzeptuelle Handeln Snows nicht funktioniert, wenn die Musiker nicht selbst, nun wegen einer weiteren in ihre Selbstbeschreibung eingebauten Maxime, ein Interesse an einer entsprechenden konzeptuellen Manipulation gehabt hätten. Dies ist die avantgardistische Fortschrittslogik, der sie sich eben auch verpflichtet fühlen. Also einer der formalen Rahmen der ihrer expressiven Musik zugrunde liegenden Intensitäts- und Emanzipationsideale: Es musste immer weitergehen, und das Aufgeben der Konventionen Solo und Thema schien daher verlockend. So konnte also eine Kollaboration zustande kommen, die schließlich einen bemerkenswerten Erfolg hatte: Sie universalisierte Free Jazz. Die Musik, die Ayler, Cherry und andere dank Snows Eingriff spielten, war die Blaupause einer freien improvisierten Musik jenseits von Jazz, wie sie seit den Siebzigern und mit wachsendem Einfluss in der Gegenwart in Europa, Ostasien und später auch in den USA praktiziert werden sollte. Snows Eingriff war zustande gekommen, weil er sah, was er nicht spielen konnte. So verstand er, was die Musiker bis dahin nicht spielen konnten. Das Ergebnis hatte eine allgemeinere Wahrheit: Expressives, auf die momentane Befindlichkeit rekurrierendes Spiel hat potenziell mehr als eine Temperatur und mehr als einen ganz bestimmten politisch-kulturellen Rahmen, der sich aus dem Jazz ergibt.3 Bildende Kunst ist aber unter den Künsten spätestens seit der konzeptuellen Phase zuständig nicht mehr für eine bestimmte Praktik, sondern für die Veränderbarkeit jeder Praktik durch Rahmen. Dies gelingt gut vor allem da, wo ihre metakünstlerischen Kenntnisse auf besonders dichte, in sich bereits stimmige und funktionierende Praktiken treffen. Es gelingt nie im Modus der Ironie und der Parodie.
1960: Etwas in etwas übersetzen. Einer fremden Methode folgen. Material
„If you really change something into something, it can only be done in a simpleminded way, like painters try from time to time to interpret a Bach fugue: there’s a row of blue dots, there’s a row of spots, but that’s really so simpleminded. Whereas Intermedia comes from I think, an awareness that the boundaries aren’t any longer there, that you can move anywhere along a continuous line, in a continuous field.“4
Ob man das Verhältnis zwischen ästhetischen und künstlerischen Praktiken – Genres, Gattungen – als eines der offenen Grenzen oder eines der Übersetzung konzipiert, scheint einem heutzutage fast selbst überlassen. Beide Diskurse erfreuen sich bester Gesundheit, und das „Crossover“ ist als Dekor von Antragsprosa und Kuratorenrhetorik ebenso beliebt wie die „Konvergenz“. Es gibt scheinbar keine harte mediale und formatbezogene Realität mehr, die nach Intermedia noch zwingend die Praktiken der Kunst und der Musik so scheidet, dass man zwischen ihnen übersetzen müsste. Will man bei der Metapher „Sprache“ für die Künste und Medienformate bleiben, muss man also konzedieren, dass Babylon heute kein Problem mehr ist. Wer übersetzen will, kann das gerne tun, aber er muss es dann aus der Tätigkeit der Übersetzung heraus legitimieren, es gibt keinen zwingenden äußeren Grund des Verständnisproblems mehr, höchstens hübschere Sprachen. Und das gilt offensichtlich nicht nur für die Immanenzebene des Codes, sondern auch für Assoziationsflächen und kulturelle Umgebungen. Auch Milieus werden mischbar wie Tonspuren und Idiolekte.
Wann begann dieser unaufhaltsame Triumphzug des Gedankens, dass es nur an uns liege, ob wir bestimmte Kategorien als Grenzen akzeptieren? Meine These: Er geht von einem bestimmten Punkt aus. Dieser Punkt ist die Geburt der Fluxus-Kultur aus dem Geist der Komposition. Nicht eine Konvergenz von Kunst und Musik, keine Verschmelzung, kein Fluss, sondern die Übertragung „befreiter“ Kompositionsmethoden auf alle Aspekte der Organisation von Visualität und ihrem Verhältnis zu dem von ihr Abgebildeten oder funktional Unterstützten. John Cage, der einflussreichste Komponist und Musikdenker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, unterrichtete 1958 und 1959 eine Komponistenklasse, die nahezu ausschließlich von späteren bildenden Künstlern der Fluxus-Generation besucht wurde. Und die Fluxus-Bewegung hat nicht nur bei vielen ihrer Beteiligten im Paradigma der Partitur (George Brecht, Allen Kaprow, George Maciunas etc.) bildende Kunst – Assemblagen, Vitrinen, Aktionen etc. – auf den Weg gebracht, sondern viele Künstler hervorgebracht, die auf so entgegengesetzte Weise die Musik des verbleibenden 20. Jahrhunderts geprägt haben wie Peter Brötzmann und La Monte Young.5
Die musikalische Vorgeschichte dieser Entwicklung soll uns nicht in Cage-Philologie führen. Aber bevor sich Künstler und Musiker Cage anschlossen und, wie auch immer weltanschaulich motiviert, die Idee eines um jeden Klang und auch Nichtklangliches erweiterten totalen Musikbegriffs umarmten und produktiv umsetzten, musste es eine Konstante geben, die es den Fluxus-Künstlern so leicht machte, immer wieder auf Begriffe (und seien es Metaphern) wie „Partitur“, „Sonate“, „Komposition“ zurückzugreifen. Diese Konstante war, so würde ich behaupten, oft unausgesprochen der Materialbegriff, wie ihn Adorno in der Philosophie der neuen Musik geprägt hat: ein Begriff der Mittel jenseits der Physik der Klänge oder der Psychologie des Hörens, der einen je historischen Stand der musikalischen Mittel als Aufgabe des Komponisten ansteuert. In diesem Materialbegriff findet mehr Platz als in den hochmodernistischen Verpflichtungen der bildenden Kunst und den mit ihr verbundenen Gedanken der Medienangemessenheit. Zum Material der Musik kann so werden – auch wenn Adorno daran noch nicht denkt und es später ablehnen wird –, was nicht mehr zur Musik als rein akustischem Ereignis gehört: Eierschalen, Pferdemist und Schokolade. Die radikale Offenheit des Begriffes auf so etwas wie einen geschichtlichen Stand macht dies möglich. Material ist alles, was in einem bestimmten historischen Moment verfügbar wird, Modell für Verfügung an sich ist in diesem Zusammenhang aber eine Art von Verfügen, die es ausgeprägt nur in der Musik gibt: jenes des ganz allografischen, ideell arbeitenden, Anweisungen produzierenden Künstlers.
Dass ich den Material-Begriff und sein Potenzial für die Konzeption einer neuen bildenden Kunst aus dem Geist der Musikphilosophie als Konstante eingeführt habe, die es schließlich ermöglichte, auch Spielkarten, Bälle und Zeitungsausschnitte als Elemente einer Sonate zu verstehen, liegt eben an dieser Prägung durch die westlichen musikalischen Traditionen, die er nicht losgeworden ist. Er ist, eben auch bei Adorno, immer vom Komponisten aus gedacht, als Beschreibung der Aufgabe des Komponisten. Der Komponist ist aber von der handwerklich einheitlichen Praxis immer schon weiter entrückt als der bildende Künstler, dessen Autorschaft ja bis in die jüngste Vergangenheit davon bestimmt ist, dass er seiner Hände Arbeit verkauft. Der Komponist hingegen ist der König einer auf Hierarchien und Arbeitsteilung aufgebauten Welt, in der es alle Formen von Unterwerfung, Spezialisierung und Unterhierarchien gibt. Er ist die Spitze und die Ausnahme von dieser Welt und daher auch die einzige Perspektive, von der aus der Materialbegriff, vor allem im entgrenzten Sinne, denkbar ist. Zugleich ist er aber viel stärker von Technik, Institution, Organisation etc. heteronom determiniert. „Er ist kein Schöpfer“6, dem Manager näher als andere Künstler. Er organisiert auf den verschiedensten Ebenen äußere, ferne und sehr nahe Dinge und Zeichen. Er gleicht dem zeitgenössischen, von Assistenten unterstützten und von Praktikanten umlagerten Projektkünstler noch eher als dem Fluxus-Veteranen.
Über die Rezeption der Darmstädter Tradition und der europäischen Cage-Rezeption und über Cage selbst, der ihn unbeabsichtigt bestätigt, indem er ihn erweitert, landet der Materialbegriff – meist unausgesprochen – als Dispositiv, als Methodik, als Aufgabenstellung bei Fluxus, aber sein eigentlicher Clou ist, dass er – ebenfalls implizit – den Komponisten als Künstlermodell, ohne den das Material nicht denkbar ist, in die bildende Kunst einführt. Zur selben Zeit entstehen andere Modelle, den handwerklichen Künstler zu überwinden, etwa ganz buchstäblich die Factory.7 Doch einstweilen bleibt das Komponistenmodell für die europäische und amerikanische Kunst und die um sie herum entstehende Gegenkultur ein zentrales, produktives, aber in seiner theoretischen Genese völlig verschüttetes Modell künstlerischer Praxis.
2005: Kunst und Sprache – eine Ausstellung in der Lisson Gallery
Die heute zum Duo geschrumpfte Gruppe, die bereits im Namen das Verhältnis von Kunst und Sprache einerseits als zweiteiliges Paar vorzustellen vorschlägt, andererseits aber in ihrer Arbeit sich auch immer um die Übersetzung und Übersetzbarkeit des einen in das andere gekümmert hat, hat eine Ausstellung in beiden Räumen der Lisson Gallery und blickt dabei auch auf einiges zurück. Unter anderem ihr musikalisches Werk, dem der ganze Keller gewidmet ist. Natürlich hätte Art & Language nie von Übersetzung gesprochen, denn einer ihrer zentralen Einsätze ist ja, dass es Aufgabe der Künstler sei, die vor jeder Übersetzung liegende Funktion der Zeichen und Zeichensystem selbst zu markieren und womöglich zu bestimmen. Die Grundidee des Konzeptualismus, dass, unabhängig von den Genres der Realisierung, sprachlich-begriffliche Vorannahmen, ein in institutionellen Praktiken enthaltenes nicht markiertes, aber bestimmtes Wissen Gegenstand, aber auch Quelle künstlerischer Produktion seien, ist auch nicht so weit entfernt von der im Materialbegriff der Neuen Musik angelegten Idee der Benennbarkeit einer Totalität legitimer künstlerischer Möglichkeiten zu einem gegebenen Zeitpunkt. Die Formulierung dieser Idee in konkreten Werken aber ist entschieden jünger. Doch seine Verspätung kompensiert der Konzeptualismus durch Radikalität: Sein Nutzen besteht nicht darin, wie beim Materialbegriff, nur einen historischen Stand von zur Verfügung stehenden Mitteln zu bestimmen und daraus Verpflichtungen abzuleiten, sondern das Künstlersubjekt in die Lage zu versetzen, die diese Mittel bestimmenden und verteilenden materiellen, ökonomischen, politischen und semiotischen Instanzen zu adressieren – jenseits der Sinnesgenres Bild und Ton.
Der Zusammenhang zwischen Materialbegriff und der spezifischen Macht über Heterogenes im (nicht bewusst aktivierten) Bild des Komponisten wird in der Concept Art nun für eine spezifische Reflexion gewonnen. Das durch die Übertragung der aus der Musik gewonnenen Kategorien entstandene neue Künstlermodell wurde für die eigenen Zwecke neu beschrieben und in praktische und theoretische Kategorien gegossen. Die in diesem Sinne zu Komponisten gewordenen Künstler sahen sich im Spiegel an und sahen dort – wie im Falle Joseph Kosuths – einen Philosophen. Andere thematisierten das neue, naturgemäß größere Gegenüber einer so ermächtigten Kunst: die Institution. Wieder andere sahen auf die internen Produktionsverhältnisse und beschäftigten sich mit den neu entstandenen Hierarchien und ihrer Vermeidbarkeit. Auch in der Musik entstand ja in den sechziger Jahren eine Gruppe wie Nuova Consonanza, die frei improvisierte, aber auf der Grundlage, dass alle Beteiligten sich als Komponisten verstanden, nicht als Musikanten.
Das musikalische Werk von Art & Language besteht in zwischen 1976 und 1983 erschienenen Schallplatten, deren Urheber als The Red Crayola with Art & Language (oder umgekehrt) ausgewiesen ist. Laut A&L-Spokesman Charles Harrison stammten die Texte von Art & Language und die Musik von Mayo Thompson bzw. The Red Crayola.8 Eine solche hundertprozentige Arbeitsteilung hat es wohl nicht gegeben, aber sehr wahrscheinlich ist, dass Art & Language die musikalische Seite der Zusammenarbeit zumindest später ganz Thompson überlassen haben. Thompson arbeitete seit 1973 mit Art & Language zusammen und zwar nicht ausschließlich als Musiker. 1976 erschien die erste gemeinsame LP Corrected Slogans und wurde in der Galerie Eric Fabre in Paris gemeinsam mit einem Video präsentiert, das sich Nine Gross and Conspicuous Errors nannte. Dieses Video ist auch im Keller der Lisson Galerie zu sehen und zeigt eine größere Gruppe, darunter Thompson und die beiden einzigen konstanten A&L-Mitglieder der letzten rund dreißig Jahre, Mel Ramsden und Michael Baldwin, aber eben auch andere Mitwirkende aus der früheren größeren Gruppe. Alle scheinen in gleicher Weise für die Präsentation der musikalisch simplen, folkigen und kinderliedartigen Songs zuständig. Die spätere Zweier-Gruppe aus Ramsden und Baldwin ist dagegen für Musik nicht mehr zuständig, versteht aber die Produktion von Songtexten als ein Schreiben neben dem anderen Schreiben. Die frühere größere Gruppe, die Corrected Slogans gemacht hat, auf der auch andere Mitglieder neben Thompson singen, sieht offensichtlich auch in einer musikalischen Produktion einen legitimen Bestandteil der Arbeit von Art & Language. Für die Pariser Produktion wird sogar ein Label gegründet, das analog zur Zeitschrift der Gruppe Art – Language „Music – Language“ genannt wird. Die Bestellnummer seiner einzigen Veröffentlichung ist die einer bürgerlichen Revolution: 1848.
Es wäre naheliegend, dass der Pop-Song als Genre für Art & Language eine ebenso vorgegebene Einheit darstellt, eine Sprache, wie in anderen Fällen russische Propaganda-Gemälde, deutscher Neo-Expressionismus, monochromer Modernismus oder das Grafikdesign von globalen karitativen Organisationen. Dem widerspricht die relativ undurchdachte und heterogene Methodenvielfalt, mit der auf Corrected Slogans gesungen und geklampft wird. Das Selbstgemachte, die Spur der authentischen Künstler und – mit Ausnahme Thompsons – ihrer Unprofessionalität scheint wichtig, und sie ist nicht eine geplante, verursachte Unfähigkeit wie bei den mundgemalten Bildern, die das Duo dann in den nächsten Jahren herstellen sollte. Der Pop-Song oder auch Folk-Song, der auf Corrected Slogans gepflegt und mit Texten im Stile von A&L-Pamphleten versehen wird, scheint ein Objekt zu sein, dem sich mit Naivität zu nähern, Art & Language nicht naiv vorkommt. Es geht ihnen, anders als Fluxus, ganz offensichtlich nicht darum, etwas wie Musik, im Sinne von: nach dem Modell von Musik, zu machen. Es geht ihnen darum, Musik zu machen. Es geht ihnen auch nicht um die Poesie eines Scheiterns an anspruchsvollen Aufgaben in einer fremden Kunstfertigkeit, sondern um die adäquate Musik für das Anheften und Anbringen dieser Texte an einem auf der einen Seite verstärkenden, betonenden künstlerischen Format – von Propaganda ist in zeitgenössischen Beschreibungen gern die Rede –, auf der anderen Seite aber um das mit diesem Format verbundene persönliche Einstehen für das so Verbreitete. Der Gedanke des formalen Kompromisses, der viele politisierte Künstler in jener Zeit leitete, demzufolge politische Inhalte im Dienste der Verständlichkeit vereinfacht werden müssten, spielt hier keine Rolle. Die Texte halten das übliche sprachphilosophisch-marxistische, abstrakte Niveau, aber die im Nachhinein oft als ironisch empfundene direkte Vortragsweise verlässt eindeutig das Modell des distanzierten Komponisten. Der Folk-Sänger an der Grenze zum Pop- oder Punk-Performer erscheint hier nicht nur als eine der üblichen auf Sprachen und Sprechsysteme verweisenden Rahmungen, mit denen Art & Language arbeiten, sondern als ein Modell, das einer Concept Art etwas entgegensetzt, die, wie Art & Language formulieren, „ihres transgressiven Potenzials entleert wurde und dieses den Managern von Interdisziplinarität zur Verfügung stelle“.9
In den achtziger Jahren treten Art & Language bei ihren Musikproduktionen wieder hinter die Autorität von Thompson zurück. Dessen Stil und Tradition kann nicht mehr als ein Äquivalent frohen Musizierens und so als alternatives Modell eines konzeptualistischen Künstlertums gelesen werden, das den Verlust des „transgressiven Potenzials“, das einst in der Adaption des Komponistenmodells auf bildkünstlerische Praxis mobilisiert werden konnte, durch ein anderes aus der Musik entlehntes Ideal unmittelbarer Praxis kritisiert. Mittlerweile hat Punk in vieler Hinsicht und für viele bildende Künstler genau das geleistet, was sich Art & Language von diesem direkten Gesang womöglich erhofft haben, und es gibt allenthalben wieder ein für Künstler produktives Ideal aus der Musik. Dies ist nicht mehr der Komponist, sondern der Punk-Rocker, der aber unbekümmert und nicht kompositorisch kalkuliert auch jedes Material ergreifen kann. Es ist logisch, dass die Entwicklung eines kunstspezifischen Begriffs von Produktion im Konzeptualismus nach und gegen Fluxus – nachdem deren neuer Universalismus an seine Grenze gestoßen war (Vereinnahmung als Strategie der Indifferenz von Kulturbeamten z. B.) – wieder ein anderes Modell aus der Musik helfen sollte: der individuell sich einsetzende Punk-Rocker. Auch diese Entwicklung hatte Spezialisten hervorgebracht und als solcher erscheint Thompson, an den die musikalische Seite folgerichtig delegiert wird. Denn diese Entwicklung war die dialektische Reaktion auf die falsche Institutionalisierung der Distanz im Komponistenmodell des Künstlers. Keine Frage, dass nun auf der anderen Seite falsche Unmittelbarkeit drohte. Nur ein Spezialist wie Thompson, der im Inneren von Art & Language diesen Prozess mitverfolgt und -initiiert hatte, konnte garantieren, dass bei den nun folgenden Musikprodukten von Art & Language diese Gefahr ausgeschlossen werden könnte.
1992: Helter Skelter und Beat of the Traps
Spätestens mit der Ausstellung „Helter Skelter“, die Anfang 1992 im MOCA in Los Angeles eröffnet, wird auch im Rest der Welt die besondere Beziehung der damals neuen Generation von Künstlern aus Los Angeles und Umgebung zu Musik, insbesondere zu Popmusik deutlich. Mit Raymond Pettibon wird der Gestalter der Cover von Black Flag und Minutemen zum Künstler erklärt, Mike Kelley spielte jahrelang in diversen Rockbands, ebenso Stephen Prina und viele andere. Doch arbeiten diese Künstler erkennbar nicht mehr am Modell des Stars (Wilde Malerei) oder des Komponisten, noch ist es das des Punk-Rockers und seiner ungewaschenen Verfügung über eine Welt aus Material, der er – diese Grenze hat sich inzwischen gezeigt – im Gegensatz zum Komponisten kaum gerecht zu werden versucht. All diese Modelle hatten spezifische Grenzen ihrer Produktivität gezeigt. Die Grenze des Modells vom Punk-Rocker war seine in letzter Konsequenz spießige, aggressive Aneignung unterschiedslos allen Materials. Die Grenze des Komponisten war die des Managers, des Chefs, der noch oberhalb des unmittelbar autoritären Dirigenten kreativ Unterwerfung organisierte. Das Punk-Rocker-Modell, das seinen ursprünglich produktiven, universell gewaltsamen Zugriff aus der Negation jedes überkommenen Materials dialektisch ableitete, hatte im Laufe seiner Professionalisierung eine banale Legitimität des Gewaltsamen und Indifferenten entwickelt, die seine Vertreter bis heute platt narzisstisch genießen.
Bei vielen L.A.-Künstlern stand der Bezug zur Popmusik aber nicht für ein Modell des Künstlertums wie in den meisten bis hier beschriebenen Modellen, sondern für zwei andere Dinge: zum einen, und da sei Mike Kelley genannt, für ein anderes soziales Umfeld, eine anderen gegenwärtigen Resonanzraum, aber auch für eine andere Tradition; zum anderen aber für ein anderes Material. Nachdem es nämlich der Materialbegriff zunächst – Komposition der Fünfziger – erlaubte, die Gesamtheit des musikalisch zur Verfügung Stehenden und damit als Aufgabe Gestellten zu erweitern und dennoch als historisch zwingend zu begreifen, im zweiten Schritt – Fluxus – über das Klangliche hinausging, erreichte er nun die fertigen, verbreiteten Werke der Popmusik – und zwar nicht wie in der Collage seit dem frühen 20. Jahrhundert bekannt, als Objekte, die man aus dem alltäglichen Zusammenhang reißen und in Kunst rekontextualisieren musste, sondern indem man ihnen mit demselben demütigen Formalismus gegenübertrat, mit dem Marcel Broodthaers Eier und Miesmuscheln behandelte. Für diese Position will ich – wie bei allen hier genannten Beispielen stark vereinfachend – Stephen Prina einsetzen.
Es war auch im Jahre 1992, dass die beiden Künstler, die für die beiden hier genannten Perspektiven stehen, gemeinsam ein Projekt ausführten, das sich einerseits auf eine sehr formale ortsspezifische Weise auf Popmusik bezog, indem es an jedem Aufführungsort die lokale Hitparade zum Ausgangsmaterial bestimmte, dies andererseits aber auch in einer sehr direkten, „wilden“ Form von inszenierter Unmittelbarkeit aufführte. „Beat Of The Trap“ ist eine Kollaboration von Mike Kelley und Stephen Prina mit Anita Pace, die für die Choreografie verantwortlich war, und zwei Live-Schlagzeugern. Stephen Prina performt – ortsspezifisch! – Hits aus den in der Woche der Performance aktuellen Charts des Landes, in dem die Arbeit aufgeführt wird, die Drummer spielen das Solo aus „When The Levee Breaks“ von Led Zeppelin. In dieser Arbeit begegnen sich die beiden eben unterschiedenen Bezugnahmen auf Musik und Popmusik, die sich sonst, auf den ersten Blick stark unterscheiden: Mike Kelley hat im größten Teil seines Werkes auf sehr unterschiedliche Weise nach Gegenmodellen zum europäisch-ostküstenamerikanischen Modernismus gesucht. Seien dies drastisch provinzielle Hinterwäldlerkulturen, jugendliche und vor allem politisierte Sub- und Gegenkulturen, afroamerikanische und andere nicht-weiße US-Kulturen, religiöse Sekten, Abergläubige, alle Arten von um sexuelle Obsessionen gruppierten Subkulturen, anarchistische und kriminalisierte Gruppen, proletarische Subkulturen wie Heavy Metal, verachtete Gegenkulturen wie Gothic, vergessene Avantgarden wie Surrealismus — kurz: die Produktivität der Leute jenseits der von Intellektuellen-Kirchen und offizieller Kunstgeschichte kanonisierten Linie.
Stephen Prina hat hingegen fast die gegenteilige Strategie. Bei ihm zeigen sich Werke aller Art im hohen Maße anschlussfähig an formale Verfahren: Musik von Arnold Schönberg, Glenn Gould, Steely Dan, Sonic Youth, The Smiths und Anton Webern, im Übrigen ausschließlich Künstler, die Prina schätzt, erweist sich auf die gleiche Weise als formalismuskompatibel. Ihre fertigen Werke lassen sich in Zeitmaße und Proportionen zergliedern und in die Welt autonomer Kunst überführen, deren entscheidendes Charakteristikum bei Prina aber gerade ist, dass sie gegenüber sozialen und kulturellen Nachbarschaften blind ist. Nicht entlang von historisch gewachsenen und von Machtverhältnissen verursachten Gewohnheiten soll sich entscheiden, was formalismusfähig ist und was nicht. Vielmehr sind es die immanenten Eigenschaften, die Prina entweder in den Werken vorfindet, noch häufiger aber selber durch externe Versuchsanordnungen verschärft10, die an all die impliziten Strukturen von Partituren, Diskografien, Hitparaden und anderen externen Systemen anknüpfen, die versuchen, Musik zu objektivieren und zu kommodifizieren, um die es hier geht. Gerade diese Agenten der Institutionalisierung und Verdinglichung stellt er als Komplizen der Schönheit aus, als schillernde Supplements einer gern als begriffslos und unförmig gedachten (populären) Musik. Während Prina also als Strukturalist die gemeinsamen Heiratsregeln und Inzesttabus verschiedener kultureller Systeme aufeinander abbildet und schließlich die Schönheit der Tatsache zelebriert, dass, was immer und wie auch immer geordnet und notiert, quantifiziert und strukturiert wurde, als autonomes Kunstwerk auf dem Kissen der Abstraktion zum Glänzen gebracht werden kann, sucht Kelley die Wahrheit gerade im vorstrukturellen, abjekten Dreck und landet dabei auch immer wieder bei der Musik: bei afroamerikanischem Free Jazz, japanischem Lärm, amerikanischem Proletenrock und deutschen Krautrock-Orgien.
Es scheint, dass der bildende Künstler, der nicht nach dem anderen Künstler- und damit Produktionsmodell sucht, sondern nach dem anderen Modell von Rezeption und sozialer Organisation von Rezeption auf zwei Wegen zur Musik kommt:
Zum einen steht Musik für eine soziale Unmittelbarkeit und Flüchtigkeit, die den Zugang zur Alltagskultur jenseits von Folklore-Begeisterung und Exotismus eröffnet. Sie steht für eine grundsätzlich andere Bedeutung kultureller Artefakte jenseits von Waren und klar definierten Objekten von Gelehrsamkeit, mit anderen Worten: für das, was in der Romantik die verschütteten Traditionen der Völker waren. Bei Kelley ist diese Dimension aber gerade keine vertikal auf eine Tradition zeigende, sondern eine, die horizontal sich unterhalb der von Markt und Staat organisierten Kultur im wahrsten Sinne als Untergrund ausbreitet. Er kommt allerdings nicht darum herum, diese regionale Kultur im Antagonismus zu einem falschen Internationalismus, der von New York und Europa ausgeht, zu lesen. Musik ist mit diesem Untergrund nicht identisch, aber sie stellt die Verbindung her.
Der andere Weg, den Prina beschreitet, teilt die Voraussetzung mit dem Kelleys: an der Musik – als einem Anderen der bildenden Kunst, strukturell oder sozial anders – erweist sich die Wahrheit einer bildenden Kunst. Kann die Kunst auch dieser, seit dem Siegeszug der Popmusik längst nicht mehr als rein musikalisch-klangliches Objekt eingrenzbaren, Produktion Struktur und Gestalt zuteil werden lassen, die sich ausstellen und – visuell – erfassen lassen? Oder: Kann die Kunst der abjekten form- und strukturlosen Welt unterhalb des strukturierten, form- und autonomiefähigen Teils der Welt Gerechtigkeit widerfahren lassen? Beide Programme sehen davon ab, andere Künstlermodelle zu suchen, beide erkennen die Herausforderung der Musik in einer Differenz der Formbildung, aus der sie nur unterschiedlich schlussfolgern, die Kunst müsse sich an der großen Formlosigkeit (anderer Künste und anderer Welten) schulen oder die Kunst müsse Formbildung an besonders formresistenten Gegenständen (aus anderen Künsten) üben. Für beides eignet sich Musik.
2003: Lucy McKenzies Brian Eno – Unsere Tradition
Lucy McKenzies im Jahre 2003 im Aachener Kunstverein eröffnete Ausstellung „Brian Eno“ handelt von sehr vielen Dingen. Unter anderem spricht sie von einer Spezialgeschichte der Innenarchitektur in London, von Klassenverhältnissen, von mehreren Niedergangsgeschichten einer britischen Avantgarde und deren Rettung oder endgültigem Untergang durch Opportunismus und Vorformulierung neuer Modelle ökonomischer Effizienz. Doch erzählt sie dies alles in einer Präsentation von Zeichnungen und anderen Bildern, die sich auf Gesichter und Posen der Popmusik beziehen. Hauptsächlich auf Eno selbst, daneben auf das konservative Gegenmodell Bryan Ferry und seinen „reactionary chic“, aber auch auf vergessene Helden der New-Wave-Kultur wie Lora Logic. Von den konkreten kritischen Intentionen, die der Katalogtext teilweise referiert, abgesehen, ist der vorherrschende Eindruck dieser Reihe von Arbeiten, dass der Name und die Legende aus der Popmusik und die Art von schwärmerisch-projizierender, offener und zugleich kontaminierter, vorbestimmter und nach Stil und Stilsicherheit verlangender Bezugnahme, die sie einfordert, in McKenzies Ausstellung durchaus eine ganz eigene Sprache entwickelt hat. Diese Sprache ist in den letzten Jahren in sehr unterschiedlicher Gestalt bei vielen neuen Künstlern zu beobachten gewesen, und ich wähle McKenzie hier nur deswegen als Beispiel, weil sie bei ihr einen Grad von Kohärenz und Dichte erreicht hat, den viele Vorläufer und noch mehr Zeitgenossen noch nicht entwickelt haben und nicht entwickeln wollten.
Diese Sprache aus viel nachgeschaffenem, nacherlebtem Zitat, aus viel Fan-Kultur und Bewunderung und zugleich Mitteln der Distanzierung und Kritik scheint mir neben den je spezifischen individuellen Intentionen und Strategien einzelner Künstler eine Gemeinsamkeit herzustellen, die in der Tat von Sam Durant bis Matthew Barney, um zwei Extreme zu nennen, reicht, auf die aber auch die Anlage der Beete in Lucy McKenzies Dandy-Garten zurückgeht. Diese Gemeinsamkeit besteht in der Deklaration der Einsichten und Eindrücke, die man entlang von Popmusik und ihrer halb geträumten, halb erlebten Praxis gehabt hat, zu unserer Tradition. Die Summe dieser Rezeptions- und Bewunderungsvorgänge ist der einzige gemeinsame Bestand, auf den, nun nicht mehr nur in Werbung und Massenkultur, sondern in einer sophistizierten Weise auch in der High Art, wir uns verlassen können. Diesen Bestand und seine Verständigungsformen zu benennen und zwar jenseits von Selbstoffenbarung und Distanzierung, wäre eine nicht hoch genug einzuschätzende Beschleunigung der heutzutage so schwer und träge gewordenen Verständigungsvorgänge zeitgenössischer Narzissten.
Die gemeinsame Vergangenheit, die politisch und philosophisch fragmentiert, in Opportunismus und Tragödie zerstieben und vom kulturindustriellen Zuschnitt großer Teile der heutigen bildenden Kunst und der oft selbstgenügsamen Bedeutungslosigkeit der meisten Musik zerrüttet wurde, überlebt in all diesen Anstrengungen in Gestalt einer einstweilen nur vage skizzierten und doch unübersehbar substanziellen Tradition. Sie besteht aus einem (vor allem) popmusikalischen Personal und visuellen Gesten aus massenkulturellen, subkulturellen und künstlerischen Beständen, die recht präzise sein können und vor allem massiv den Verlust anderer Situierungen kompensieren. Bei dem „Wir“ dieser „unserer Tradition“ handelt es sich nicht einmal um eine Generation, fast alle Nach-„68er“-Generationen sind an diesem Projekt beteiligt, sondern eher um die unverbundene Gemeinschaft künstlerischer Bemühungen zwischen politischer Deutlichkeit und einem narzisstischen Wunsch nach einer ebenso schönen wie richtigen Position, der sich in einem Vokabular stilistischer und fetischistischer Loyalität zu einer bestimmten Pop-Formensprache ebenso zeigt wie in den Verfahren der Bezugnahme, die jenseits des Zitats in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind.
Dieses Projekt hat den Vorteil, dass diese Verständigungsvorgänge überhaupt initiiert werden können, und den Nachteil, dass das nur dank der rückwärtsgewandten Bestimmung eines Traditionsgenusses möglich ist, statt sie auf die Gegenwart bezogen als Materialstand und somit Aufgabe zu konfigurieren. Es gibt einen eigentümlichen Widerspruch zwischen der Notwendigkeit und dem Erfolg, eine solche Tradition zu bestimmen und als Ausgangspunkt der Verständigung festzulegen, und der Unfähigkeit, einen zeitgenössischen Materialstand zu erreichen, der eben nicht nur die symbolischen und stilistischen Bestände wie Verfahren, auf sie Bezug zu nehmen, virtuos beherrscht, sondern auch den medialen, medientechnischen und kulturökonomischen Stand der Dinge. Diese Stände werden heute aber zum einen von einer immer noch weitgehend von der Sorte Sophistication, wie sie McKenzie zu bieten hat, abgeschnittenen Medienkunst definiert oder von Projekten ganz ohne Anspruch auf den Status und die Kommunikationsformate der Kunst. Für eine Konvergenz, die ein anderes Produzieren und andere Resonanzräume, heute neue Modell liefern können, wäre wahrscheinlich ein Update des Komponistenmodells fruchtbarer – vielleicht mal wieder in einem kollektiven Format, das die mittlerweile entstandenen Spezialisierungen, die es zu bewältigen gäbe, nicht als voll entwickelte Subjektivitäten verkennt, sondern als das, was sie sind, an ein Projekt anschließt – als das Modell der Künstlers als Pop-Konsumenten. Im Kollektiv ist dessen Expertise indes unverzichtbar.
Texte zur Kunst, Heft Nr. 60 („Sounds“), Dezember 2005, S. 42–61
(auch in Kritik des Auges. Texte zur Kunst. Hamburg: Philo Fine Arts, 2008. S. 274–304)