Die Ausstellung „Der globale Komplex“ hat, wie der Titel schon sagt, ungefähr das Thema, das der aktuellen Documenta nachgesagt wird. Da sie aber an einem ebenso überschaubaren wie konzentrierten Ort, dem Linzer O.K Centrum für Gegenwartskunst, in einer deutlich weniger beachteten kulturgeografischen Ecke stattfindet – der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz –, sind Stärken und Schwächen viel leichter zu benennen. Und womöglich übertragbar auf größere und kleinere Geschwisterveranstaltungen in aller Welt, deren Thema eben auch gerade die Welt ist.
Immer wieder begegnen einem ja folgende Schwächen bei themenbezogenen Ausstellungen und Arbeiten: Zum einen zeigt die Arbeit auf ein als massenmediales Issue, als Themenkomplex schon bekanntes, überdeterminiertes, projektionengesättigtes, womöglich phantasmatisches Gebilde, das samt seiner Kritik und Dekonstruktion schon so heftig zirkuliert, dass eine künstlerische Bearbeitung nur eine Chance hätte, wenn sie geradezu gewalttätig präzise ein Konkretum aus diesem Komplex herauszubrechen sich trauen würde. Und dann mit der Beute abhauen! Zum anderen haben aber themenbezogene Arbeiten oft auch ein besonders üppiges wie unbegründetes Vertrauen in antiautoritäre Kommunikationsstrukturen und überlassen mit Freude dem legendären Kopf des Betrachters und seinen viel gelobten Assoziationen die sinnvolle Vervollständigung eines derart interpassiven Kunsterlebnisses und füttern ihn mit von Künstlerseite nur äußerst locker verbundenem, aber desto reichhaltigerem Material, das durch seine Fülle seine mangelnde Struktur kompensieren soll. Um nicht Form zu sagen.
Ergebnis der ersten – inhaltlichen – Schwäche ist meist der Sieg des schon vorhandenen Allgemeinplatzes, Ergebnis der zweiten – formalen – Schwäche wäre das Fallen des formal unbearbeiteten, „antiautoritär“ spannungslos und parataktisch angeordneten, belassenen Materials in eine der erwartbaren Rezeptionsgewohnheiten. In der Regel arrangieren die berühmten Köpfe der berühmten Betrachter nämlich das unkoordinierte offene Zeug als Erzählung. Behilflich ist ihnen dabei der vom Inhalt schon soufflierte Gang der Ereignisse. Die Kuratoren Christa Schneebauer und Rainer Zendron wollen diesen Problemen abhelfen, indem sie auf den produktiven Durchschlag der ironischen Distanzierungseffekte im Ausstellungstitel vertrauen, der ja ziemlich ambig sei. Das O.K Centrum, das sich einen Namen gemacht hat für sehr ernsthafte und materialreiche, mit beleibten Katalogen ausgestattete Grundsatzausstellungen zu aktuellen Fragen einer ortsspezifischen, sozial und politisch orientierten Kunst als Praxis im öffentlichen, städtischen und diskursiven Raum, wollte dasselbe diesmal etwas lockerer angehen – ohne seinen Anspruch aufzugeben.
Jun Yang empfängt das Publikum mit einer großformatigen Installation piktografischer Darstellungen auf Plexiglastafeln, die kulturspezifische Sitten und Gebräuche (Verbeugen, Händeschütteln etc.) in Analogie „zu den Sicherheitshinweisen in der Rückentasche des Sitzes vor Ihnen“ setzen. Jeder Besucher erhält dazu ein Kärtchen mit einem weiteren Piktogramm nebst einem Dialog, den der Künstler und eine Reisebegegnung rund um den Versuch führen, sich gegenseitig ethnisch zu identifizieren. Dem chinesischstämmigen Österreicher Yang gelingt es, einem Deutsch-Polen seine polnische Herkunft anzusehen, während dieser ihn für einen Japaner hält. Der Luftraum als exterritorial-neutrale Zone, das Transportmittel Flugzeug als ebenso unmarkierter Beschleuniger von Begegnungen, denen unmarkierte Machtverhältnisse zugrunde liegen – diese nicht unbekannten, nicht unbehandelten Zusammenhänge schnurren doch im Zusammenhang mit der institutionellen Begrüßungs- und Eintrittserhebungsschranke, über der die Arbeit angebracht ist, in den Bildern eines Gestaltungsuniversalismus zu einer präzisen Formulierung zusammen. Dass nicht mehr gemeint ist und das, was gemeint ist, eine kleine, unbombastische Wahrheit, ist fast schon die größte Stärke dieser Arbeit, die natürlich zart an der Banalität vorbeischrammt – in ihrer präzisen Bescheidenheit ist dennoch ein möglicher Weg zu erkennen, die oben beschriebenen Fallen zu umgehen.
Monika Pichler hat Teppiche aus Krisengebieten mit Teppichtradition (Afghanistan, Tschetschenien etc.) zusammengestellt und in die regional spezifische Ikonografie metonymisch Kriegs-Motive (als Siebdrucke) eingefügt. Das sieht aus wie Perser, die als eine Art vorbehandeltes Papier durch den Farbkopierer gezogen wurden. So weit, so lustig. Da liegen sie nun. An den Wänden hängen endlos lange Stoffbahnen, die mit kaum erfassbar organisierten Texten bedruckt sind. Man erfährt informell, dass es sich um Reiseberichte von Frauen aus dem 19. Jahrhundert handeln soll, aber das erschließt sich weder aus dem Katalog noch durch andere Hinweise. Lesen kann man sie ebenfalls nicht, und in Augenhöhe gibt es nur atmosphärische Fetzen und orientalische Namen. Neben den Teppichen liegen Mappen mit fotokopierten Pressetexten, Tagebüchern und anderem Material zu den Kriegen in Tschetschenien und Afghanistan, aus so unterschiedlichen, also wohl gleichgültigen Quellen wie Websites des MDR oder der Gesellschaft für bedrohte Völker. Eine Form ergibt das nicht und daher auch keinen Inhalt. Texte, Teppiche und sonstiges Material akkumulieren lediglich Suggestivität. Sie überlassen den anderen ebenso wenig zwingend danebenliegenden Inhalten (aus anderen Quellen, irgendwelchen) und Formen (Narrative, auslandsjournal, Kitsch) im Kopf des B. die Vervollständigung.
Vertraut Pichlers Arbeit also darauf, dass das schon gewusste (und einigermaßen unpolitische) Schreckliche der referierten Kriege schon für die Intensität der Arbeit sorgen wird, setzen Anne und Patrick Poirier ganz auf die Einbeziehung des Publikums, das mit Kugeln Billard spielen darf, auf denen Namen von kriselnden Ländern stehen, mit Queues, auf denen die Namen einschlägiger Ideologien stehen (Kommunismus, Faschismus und Katholizismus sind da äquivalent). Dabei steht man auf zerschreddertem Geld, das vor kurzem noch als Zahlungsmittel in Österreich akzeptiert worden wäre. Abgesehen von der weltbürgerkriegerisch antiquierten, hier von der allegorischen Apparatur der Spiel-Installation suggerierten Vorstellung, dass Ideologien die World rundgehen lassen, ist mir die betrachtereinbeziehungskitschige Katharsis-optimistische Hoffnung der Katalogtexterin von Drathen völlig rätselhaft, „kaum jemand [werde] den Spieltisch ohne das unheimliche Gefühl verlassen, aktiv zu einem Verbrechen beigetragen zu haben.“ Das habe ich ganz gut geschafft. Die Absichten der Ausstellung, deren zahlreiche andere Arbeiten unterschiedlichster Qualität (u. a. von Cildo Meireles, Danica Dakic und Renée Green) hier zu diskutieren nicht der Platz ist, werden hingegen von einer umfangreichen, das ganze Haus einbeziehenden Installation von Matthew Ngui aufgefangen und ihre kuratorischen Impulse produktiv gemacht.
Ngui dokumentiert nicht nur in großformatigen Fotos Begegnungen mit österreichischen Firmen, für die er gearbeitet hat, sammelt Spuren von Tischordnungen und anderen Begegnungen und scheint so zunächst in die übliche Kiste ambientös-prozessualer Neunziger-Dokumentaristen eines engagierten Künstlerlebens zu fallen. Doch gleichzeitig überzieht er die Institution mit einem Röhrensystem, installiert Überwachungskameras, die nicht einfach nur das Überwachte, sondern einen bestimmten, einkalkulierten visuellen Effekt übertragen, und sorgt auch sonst dafür, den Übergang von selbsterfahrenen experimentellen, sozialen Prozessen und Inszenierungen in globalen Komplexen und deren akkumulierten Spuren im Ausstellungsraum zum setzenden installativen Eingriff seinerseits zu gestalten und zum Thema zu machen. So erscheint etwa das Logo einer der Firmen, für die Ngui in Österreich sozusagen subaltern recherchierend gearbeitet hat, in anamorphotischer Verzerrung auf Hundeaugenhöhe an einer Wand des O.K Centrums. Eine unauffällige Kamera filmt es aus der „richtigen“, nämlich die Anamorphose entzerrenden Perspektive und überträgt das so reparierte Logo in einen anderen Raum. Die Vorarbeit verlängert sich in eine komische visuelle Intervention, die dem routiniert suggestiven Offenlassen der Verbindung ausgestellter Dokumente eine Präzision der Geste entgegensetzt, die natürlich auch weiß, dass sie auf relativ kontingentem Grund gebaut ist. So wird Nguis Spiel mit der ästhetisch notwendigen Schließung eines enorm anspielungs- und themenreichen Unterfangens auch so etwas wie der ideale implizite Bauplan der ganzen Ausstellung, ihres Versuches, extrem heterogene Projekte als Erzählung von der „Unvereinbarkeit von Standpunkten“ (Untertitel) miteinander zu vereinbaren. Dass jede unbearbeitet ausgestellte Unvereintheit, jede Auflösung immer von dem jeweils nächstkonventionellen und eingeübten, bekannten Zusammenhang droht geschluckt zu werden, verlangt aber auch, die negative Verknüpfung und das offene Kunstwerk bis ins Paradox und bis in die altkünstlerische Willkür hin zu gestalten und so zu schließen: zu entscheiden, was zu entscheiden ist. Zumal die schwächeren Arbeiten der Ausstellung ohnehin den Klischees zuarbeiten, die die stärkeren durch das Herstellen von Zusammenhängen, nicht durch deren Auflösung, zu unterlaufen versuchen.
Das Problem des „globalen Komplexes“ scheint mir weniger, als die Kuratoren meinen, darin zu bestehen, dass er von den anderen verlange, „bereit zu sein, nicht mehr anders zu sein“. Gerade mit der Diagnose des differenzialistischen Rassismus von Étienne Balibar, der hierfür als Zeuge aufgerufen wird, kann man meines Erachtens zeigen, dass die Anderen zum Anderssein gerade ermutigt werden, dieses aber fetischisiert und so verabsolutiert, dekontextualisiert, essenzialisiert wird, zu Ware und Stigma, statt Perspektiven und Interessen in ihre Zusammenhänge, Genealogien und Geschichten einzutragen. Der Beitrag künstlerischer Arbeit zu Letzteren wäre, wie Ngui und andere es hier gezeigt haben, das Denkbarmachen noch ungedachter Verbindungen. Formen bilden.
„Der globale Komplex – die Unvereinbarkeit von Standpunkten“, O.K Centrum für Gegenwartskunst, Linz, 29. Mai bis 14. Juli 2002