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  • Die Winterschlacht

    Am Schauspielhaus Bochum hat Frank-Patrick Steckel die „deutsche Tragödie“ inszeniert, die der frühere Expressionist und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher 1941/42 im Exil in Taschkent geschrieben hat – quasi live zur realen Winterschlacht um Moskau. Ein berechenbares Stück?

    Heiner Müller hat irgendwo gesagt, daß die Deutschen Moskau nicht einnehmen konnten, weil in der Sowjetunion eine andere Zeit herrschte. Den sieggewohnten Krad-Schützen, die am Anfang von Bechers Winterschlacht 100 km vor Moskau stehen, dämmert Ähnliches. Geschwindigkeit scheint plötzlich etwas anderes geworden zu sein als die Division von Raum durch Zeit. Es bedarf gar nicht der immer wieder ausgerechnet irgendwelchen Nazis in den Mund gelegten Berichte über unerschrocken heldenhaft, mit einem „Lang lebe Stalin“ auf den Lippen in den Tod gehende Partisanen, um uns diese politische Relativitätstheorie verständlich zu machen: Die Deutschen stießen auf die historische Raumkrümmung. Der eroberte und blutbesudelte geographisch meßbare Raum ließ sich nicht mehr dividieren durch die nicht mehr als Tage und Nächte und Stunden und Sekunden in Reih und Glied antretende Zeit.

    Ich war nicht dabei. Wie ich seit über zehn Jahren nicht im Theater war. In Bochum herrscht eine andere Zeit als in Düsseldorf, Köln oder Hamburg. Die wenigen Minuten zwischen Ankunft und Premiere bei McDonald’s: Diesen Jugendlichen mit Exciter-T-Shirt und trotz winterlicher Temperaturen nichts drüber außer der Matte gibt es nördlich von Dortmund und südlich von Duisburg nicht. Wo gibt es noch Theater? Wo gibt es Krieg?

    Eingeschlossen in die fünfzehnte Reihe, genau in der Mitte, Menschen vor, hinter, über und neben mir, deren gedrängte unbewegliche Präsenz von den Rändern nach innen, also auf mich hin, zunimmt, so daß ich eingeschlossen bin in der ganz und gar anderen Zeit des Theaters, und alle meine Sinne haben nur einen einzigen Fluchtweg: das Bühnenbild, das mit allereinfachsten Mitteln, mit Fluchtlinien und kameramäßiger Beleuchtung den Blick ansaugt, um ihn in die Eingeschlossenheit des Krieges zu sperren: ein panischer, fünfzehnminütiger klaustrophobischer Anfall. Dazu ist das Theater also gut. Panische, klaustrophobische Anfälle nützen eben nur der Diskussion des Krieges. Das Theater ist die geeignete Stätte der Diskussion des Krieges. Seinen Niedergang verdankt es vermutlich der Verdrängung des Krieges, der kalten Friedenszeit in Mitteleuropa and so on.

    So wie jedes Kunstwerk auch verherrlicht und verharmlost, was es nur darzustellen und zu diskutieren vorgibt, so verharmlost und verherrlicht zum Beispiel jeder Kriegsfilm den Krieg. Von dieser Selbstverständlichkeit schreiten wir zu der Behauptung, daß man zwischen guten und schlechten Kriegsfilmen unterscheiden kann. Die guten handeln von auswegloser Eingeschlossenheit, von der kleinen unlösbaren Aufgabe, von G.W. Pabsts Westfront 1918 bis zu Kubricks Full Metal Jacket, die schlechten blenden zurück zur Heimat, führen die Figuren plötzlich auf Vertrautes zurück, wie eine Psychologie der Soldaten. Aber der Soldat hat keine Psychologie, er ist ja ganz woanders, aus der Familiengeschichte gnadenlos in die Weltgeschichte katapultiert. Auch Becher blendet jeden zweiten Akt in die Heimat zurück, wo sein Stück und auch die gute Inszenierung – die sparsam und sachlich zu retten versucht, was zu retten ist – auf das Niveau eines stalinistischen Herbert Reineckers, und das ist noch ein Kompliment, abrutscht. Sicher hat jeder Soldat irgendwo eine Familie, aber sein vollkommen unvermittelbar von ihr Abgetrenntsein macht mindestens jeden modernen und ganz besonders diesen Krieg aus. Er kann nicht zu Weihnachten nach Hause gehen und den Faschismus als vulgärfreudianischen Familienroman zu Ende diskutieren.

    Wer von dem ehemaligen DDR-Kulturminister ein berechenbares stalinistisches Stück erwartet, sieht sich mehrfach getäuscht. Becher ist in jeder Beziehung nicht koscher, was diesem Stück Vor- und Nachteile beschert. Er ist seiner Zeit voraus und dann wieder hoffnungslos hinter ihr her, verliert sich in triefenden Monologen, die den alten Expressionisten verraten, und ist plötzlich jeder beschränkt vulgärmarxistischen 50er-Jahre-Lesart der Geschichte um gut zwei Jahrzehnte voraus, wie in dem eingangs geschilderten Problem der Zeitkrümmung. Aber dann liest er den Faschismus als Schande gegen Deutschland, trotz pflichtgemäß erwähnter sowjetischer Helden seien vor allem die Deutschen seine Opfer. Wir haben uns an Deutschland schuldig gemacht, die Russen zeigen uns den Weg zurück zum guten und zum neuen Deutschland. Danke! Aber kann es nicht sein, daß die Russen nicht lieber auf diese Funktion verzichtet und ihren Bevölkerungsbestand um 20 Millionen höher gehalten hätten? Negativ fixiert auf den Faschismus in seinem Exil in Taschkent, wo er das Stück 41/42 quasi live zur Schlacht um Moskau geschrieben hat, kehrt Becher dessen Prämisse einfach um. Nicht am deutschen Wesen soll die Welt genesen, sondern das deutsche Wesen soll an der Welt genesen. Daß diese dabei in Flammen aufgeht, ist ihm eigentlich ebenso scheißegal wie seinen Gegnern.

    Rührenderweise verteilt er dabei Zensuren an die deutschen Landsmannschaften. Der Schwabe ist ein Spießer, der sich an der Front an Fotos von selbst vorgenommenen Hinrichtungen aufgeilt, der Bayer – Becher stammt aus München – ist dagegen der eulenspiegelige Stabskoch, der ständig der gesamten Nazi-Brut subversive Zweideutigkeiten sagt; die einzige unangenehme Figur im Frontpersonal, der für seine ganz und gar unpassenden Clownereien vom Premierenpublikum natürlich den meisten Beifall erntet (der allerdings die schönste Rechtfertigung für die Diktatur des Proletariats, ja für Stalinismus und Bürokratie in der DDR ausspricht: Dieses Volk verdient keine Freiheit, seine einzige Fähigkeit ist der Gehorsam, also braucht es den Befehl zu Frieden und Menschlichkeit). Der preußische Nazigeneral läßt einen Funken vom „anderen Deutschland“ aufglimmen, wenn er die sowjetischen Partisanen mit den Befreiungskriegern vergleicht, an die Befehlsverweigerung des York von Wartenberg sich erinnert, nur monologisierend zwar und dann doch dem Führerbefehl sich beugend aber immerhin … Fast alle Nazis werden so im Laufe des Stückes nach und nach exkulpiert.

    Im Mittelpunkt steht ein Muttersöhnchen, das erst im letzten Akt sein Mitläufertum aufgibt (und zum Mann wird, wie es paradoxerweise gerade seine Mutter von ihm verlangt, die ihn daran bislang hinderte), und sein Freund Nohl, eine ganz eigenartige und bestimmt nicht als Zugeständnis an pädagogisch-didaktische Absichten ins Stück gebrachte Figur: Nohl ist Architekt, als einst glühender Nazi hat er sich von seinem Vater losgesagt, seinen besten Freund verraten und vom Aufbau einer neuen, antiindividualistischen Welt geträumt, ein Strasserianer, ein linker Nazi als Kommunist auf Abwegen, der als mehrfach ausgezeichneter Soldat noch vor dem Einsetzen der Handlung alles begriffen hat und im dritten Akt desertiert. Mit ihm, der von Anfang an die Analysen des Autors vorträgt, dessen Monologe auch sprachlich die gelungensten sind, holt Becher auch noch den gefallenen Expressionisten, die ästhetizistische Künstlertype, den Doktor Benn heim in den Konsens des guten, andren, neuen Deutschland, ja stellt ihn an die Spitze der Bewegung, denn Avantgarde bleibt Avantgarde. 

    Diese optimistische Lesart der Avantgarde, wo Leninsche Avantgarde, militärische Avantgarde – Nohl steht ja als erster mit seinem Krad vor Moskau – und künstlerische Avantgarde zusammenfallen ist zu gleichen Teilen Wunschdenken des Expressionisten Becher wie eine in der Linken gerne vergessene richtige Einsicht. Der Avantgardist im weitesten Sinne ist wie Müllers „Lohndrücker“ derjenige, an dem sich die Richtigkeit eines Systems, die Gefahren einer historischen Lage zuerst und am krassesten entscheiden. Er wird der erste, fürchterlichste und glühendste Faschist, aber er versteht auch als erster diesen Irrtum. Er wirft als erster die Flugblätter, die zur Desertion aufrufen. Er wird später mit Sollüberfüllungen das Lohnniveau der Brigade drücken. Diese extreme Version des bürgerlichen Individuums ist zugleich Revolutionär und Decadent, die sich beide gegenseitig erst möglich machen, ist der beste Sozialist und darum auch sein schlimmster Feind.

    Becher reflektiert dieses Problem nicht, er liefert durch diese schwierige, in die konventionelle Lesart nicht passende Figur nur eine weitere Bruchstelle für sein hinten und vorne nicht stimmiges Stück. Diese Unstimmigkeit ist dessen großer Vorteil, der Grund, dieses Stück zu spielen: Es legt die Unfertigkeit, Unabgeschlossenheit jeder intelligenten linken Diskussion des deutschen Problems in der adäquaten Form nieder. Es weiß, wenn auch nicht zu genau, davon, wieviel „linke Energie“ (Brecht) im Faschismus steckte, und besteht darauf, daß die Zeit keine Wunden heilt. Denn Zeit vergeht hier schon mal gar nicht. Im zweiten Akt läuft der von einem Radiorecorder festgehaltene erste noch einmal am Volksempfänger in der Heimat ab. An der Front prosten sich die Offiziere eins ums andere Mal zu: „Auf den zweiten Akt der Schlacht um Moskau!“ Zu dem es nie kommt. Nachdem der letzte deutsche Soldat zusammengebrochen ist, tritt ein Offizier der Roten Armee vors Publikum und erklärt den Deutschen die Deutschen. Diesem köstlichen, panisch-kindlichen Kunstgriff Bechers wird in der Bochumer Inszenierung noch eins draufgesetzt. Der Offizier spricht russisch, das heißt: Die Deutschen können ihn nicht verstehen. Damit wird die Zeit endgültig 1942 angehalten, die Erlösung durch die sowjetische Besatzung, die wie jede Erlösung natürlich keine Lösung ist, hilft uns nicht, die Illusion bleibt unangetastet. Die komischen grünen Figuren irren weiter durch die ins Nichts führenden Fluchtlinien, sagen sich ihre mal hochtrabenden Kitschsentenzen, mal selbstquälerischen Analysen auf und verrecken. Da wo das Theater sich übernimmt, wo es die Illusion, die ihm keiner mehr abnimmt, noch auf die Abstraktion von der Illusion ausdehnen will, scheint es zu funktionieren, da wo es wildbunte Live-Unterhaltung bieten will, wird es sich einsargen lassen können.

    Wir werden mit zwei Behauptungen entlassen: Weil sie falsch gedacht haben, konnten die Deutschen auch den Krieg nicht gewinnen. Moralisch falsch und strategisch falsch ist ein und dasselbe. Das nenne ich, in einem wiederum anderen strategischen Sinne, heute, strategisch korrektes Wunschdenken, also eine richtige Maxime, unabhängig davon, ob sie sich an den echten und den metaphorisch sogenannten Kriegen beweisen läßt, nur so kann man die notwendigen Kämpfe führen. Die zweite ist ein auf das Schlußbild projiziertes Mao-Zitat: Ein unpolitischer Mensch ist ein Mensch ohne Seele. Und in der Gewißheit, daß „Seele“ hier wieder einer der notorischen Übersetzungsfehler bei Übertragungen aus dem Chinesischen ist, sehe ich einmal mehr im Mißverstandenen, im Übersetzungsfehler, in der unvollendet auf dem Höhepunkt der Ausweglosigkeit bei größtmöglicher Hitze abgebrochenen Auseinandersetzung, wie sie dieses Stück vorführt, die Chance des richtigen Gedankens.

  • Fünf Freunde und die Schleyer-Entführung

    Für den Rest seines Lebens haben sie den Peter-Jürgen Boock hinter Gitter gesperrt. Dort hat er einen Roman geschrieben, in dem steht, was sich zugetragen hat, der aber keinen denunzieren will. Es ist eine Geschichte der Katastrophe des Jahres 1977, auch eine Geschichte, die zwischen Hippies und Punk-Rockern spielt

    „Rock-music is breeding soldiers and killers“
    Henry Rollins

    Wie ungenau Pop-Musik sein kann (oder wie allgemeingültig)! Wie Millionen andere in aller Welt, die zwanzig Jahre später schlecht gelaunte Rundfunk-Moderatoren geworden sind oder einfach SPD-Mitglieder, wurde Peter-Jürgen Boock von Eric Burdon & The Animals und Country Joe & The Fish politisiert. Der Soundtrack zur romantischen, gefährlichen Ein- oder Zweisamkeit (in anonymen Interconti-Zimmern) war der gleiche wie bei vielen Millionen Drogen-Hippies, Individualanarchisten und 68ern mit künstlerischen Neigungen, die heute vor dem Musée d’Orsay für die Van-Gogh-Ausstellung Schlange stehen oder Bücher von Matthes & Seitz lesen: „Strange Days“ von den Doors.

    Das ist die späte miese Rache der Legalen. Die großen, bösen, konsequenten Terroristen haben sich mit den gleichen schlappen sentimentalen Hippie-Lebenslügen getröstet wie die letzten Penner vom Campus. „Strange Days“ und dazu ein Joint, etwas Rotwein und mit der Genossin in die Badewanne gehen, sich gegenseitig Lebensgeschichten erzählen. Grusel, aber so war’s, so steht es geschrieben. Die Illegalen suchen in Kampfpausen Erbauung bei den allerlegalsten aller Subkulturvergnügungen, bei bekannten billigen Platten und bekannten billigen Gefühlen und bekannten billigen Drogen. Das Erstaunen darüber steht für den Mythos, daß einer, der zur Waffe greift, irgendwie mehr wissen, ein „höheres Bewußtsein“, eine „Erleuchtung“ erlebt haben muß.

    Der Unterschied, der in Boocks „Roman“ zwar nicht herausgearbeitet, aber ablesbar ist, besteht allerdings darin, daß die Legalen diese Mittel zur Steigerung ihres Lebens benutzten, die Illegalen aber zur Dämpfung, zur Beruhigung. Man trifft sich in der Mitte. So wie immer alle großen US-Revolutionäre oder einfach nur Outcasts immer irgendwann bei Gospel oder Country & Western und Mutters Apple Pie enden, durchzieht das ganze Buch die Gefahr, die die Sehnsucht nach dem ganz billigen Gefühl, der großen, schönen korrumpierenden Sentimentalität – als Absturz aus der als notwendig erkannten Isolierung von allen Darreichungsformen der verschiedenen, in der Welt da draußen existierenden Common Senses – bereithält.

    Wenn Du ein Schreiber bist, mußt Du hingehen und nachsehen, wie es ist. Aber da, wo Du hingehst, kannst Du auch umkommen, sagt William Burroughs. Und das geht natürlich auch umgekehrt, wie eine Vielzahl von Büchern zeigt, die Leute nur geschrieben haben, weil sie irgendwo waren (oder sind), wo sie auch hätten umkommen können. Fast schon professionell zaubert Boock die Toten aus dem Hut, wenn die Story langweilig werden könnte, in kunstvoll eingeschachtelten Rückblenden. Wie plötzlich das Gehirn eines libanesischen Freundes an seinem T-Shirt, ohnehin verschwitzt, klebt, wie dem Genossen Hans der tote Kopf seiner Freundin, der Genossin Lore, auf den Schoß sinkt, woraufhin dieser wild um sich zu schießen beginnt, was wiederum einem Polizeibeamten das Leben kostet, wie Christliche Milizionäre in Beirut eine Genossin zu Tode foltern, indem sie eine ausgehungerte Ratte sich durch die Vagina in das Körperinnere fressen lassen … Überhaupt Beirut, aus Beirut kommt er in der gleichen Verfassung zurück wie der all american GI aus Vietnam. Es war nicht so, wie sie es ihm gesagt haben. Die Fronten waren nicht klar, jeder schoß auf jeden. Das Konzept Stadtguerilla kam aus Südamerika und scheiterte in Beirut. Die Strategien des US-Imperialismus sind eben vielfältig, nicht immer nimmt er die leicht zu bekämpfende, geschenkt gehaßte Fratze des Militärdiktators mit altmodischer Sonnenbrille, des Latifundista oder der United Fruit an, da wo die Strategie der USA einfach nur noch Destabilisierung heißt, ist auch jede Guerilla nur ein Faktor der von den anderen gewollten Destabilisierung, spielt deren Spiel. Seit Beirut, so Boock immer wieder, war er nicht mehr der Alte.

    Die alte und zu einfache These, daß die RAF im Prinzip deren Spiel gespielt hätte, Vorwände geliefert für das, was damals auf Flugblättern „Faschisierung von Staat und Gesellschaft“ genannt wurde, für Repression und bis vor kurzem fälschungssicheren Personalausweis (wie wenig ein Staat dafür Vorwände braucht, sieht man heute), wird in diesem Buch schon mal einem legalen Unterstützer, dann wieder einem holländischen schwulen Hippie und Popjournalisten in den Mund gelegt, auch das eine oder andere Gruppenmitglied öffnet sich in sentimentalen oder kritischen Momenten Einwänden oder Vorwürfen, wie dem des verlorenen Kontaktes zur Basis/den legalen Unterstützern. Diskutiert/entschieden wird eigentlich nichts. Wo Aust sich in die Psychologie rettet, um nicht Stellung zu nehmen (und damit Stellung nimmt: Terrorismus oder Sozialdemokratie? – eine Sache der Temperamente), nimmt Boock die Literatur zu Hilfe. Action und Horror und Liebesszenen zerreißen dann die Analyse. Was aber schon in wesentlich ungefährlicheren, bescheideneren Entscheidungsprozessen in everybody’s autobiography den Tatsachen entspricht; denn es ist ja in jedem Leben der Trick der Welt, mit Action, Horror und Liebe die ungestörte, zu richtigen Entscheidungen führende Reflexion zu zerreißen.

    Und der, der hier „ich“ sagt, was ist das für einer? Boock ist sich überhaupt nie sicher. Selbst wenn er als harter Revolutionär auftritt, vergißt er nicht hinzuzufügen, was er „wirklich“ gedacht hatte, „in Wirklichkeit lieber“ gesagt hätte. In den entscheidenden Momenten der vielen Diskussionen mit seinen beiden Freundinnen in der Guerilla, Anna und Renate, zieht er sich auf seine „Ganovenehre“ zurück, die ihm auch unabhängig von allen politischen Erwägungen gebietet, „die Stammheimer“ zu befreien, weil sie ihm seinerzeit geholfen haben, als er im Heim saß. Damit ist er dann ganz alleine in der Gruppe, der „Strange Days“ hörende Ex-Dealer. Strange days have found us, strange days have tracked us down und die Verse des kleinbürgerlichen Rimbaud-Fans und Drogen-Existentialisten Jim Morrison, Sohn eines US-Offiziers, helfen den ganzen isolierten, selbstgewählten Kriegsstatus als einen seltsamen Trip auszupolstern, in den man vulgär-existentialistisch „geworfen wurde wie ein Hund ohne Knochen“ (Morrison, a.a.O.). Und das kann ich gut verstehen, auch wenn es doch zu seltsam ist, daß andere Leute dasselbe Lied benutzten, um mit schlechten Schulnoten, schlechtem Haschisch oder weggelaufenen Freundinnen fertig zu werden.

    Immer wenn die Dritte-Welt-Argumentation durch ist, verlangen die legalen Freunde und Unterstützer nach einer Einschätzung der Lage in der BRD. Und dann kann Boock seinem holländischen Pop-Kenner-Freund Willem auch nichts anderes erzählen als die Leier von den TV-Zombies und -Spießern, die dringend befreit gehören, dann mokiert er sich über McDonald’s „Plastik“-Essen wie der blödeste Juso-Studienrat, dann fragt man sich, wer hier eigentlich wirklich der Spießer ist.

    Ein RAF-Kommando bezieht mit acht Personen eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem dieser berühmten anonymen Appartementhäuser. Sie achten auf Anpassung. Am ersten Abend gestatten sie sich Lärm und Fröhlichkeit und Rotwein und den gemütlichen Joint, weil sie das den Spießern gegenüber als Einweihungsparty deklarieren können. Von da an müssen die zwei, die sich als das junge Mieterpaar ausgeben, jeden Morgen zu der Zeit, wenn die Spießer das Haus verlassen, weil sie nämlich arbeiten, ebenfalls jeden Morgen das Haus verlassen, die anderen dürfen sich nicht mehr bemerkbar machen, allenfalls nachts sich davonschleichen, sogar die Toilettenbenutzung wird rationiert.

    Dabei weiß jeder, der jemals in so einem Haus gewohnt hat, daß sich da in der Regel weit schlimmere Dinge zutragen als ein wenig Guerilla. Man schmeißt Kinder aus dem Fenster, verprügelt abgeschleppte Stricher, killt Callgirls und geht in den seltensten Fällen einer geregelten Arbeit nach. Mit so erzspießigen Dingen wie einer Housewarming Party halten sich höchstens die paar Studenten auf, die gerade keinen WG-Platz in einem schönen Altbau mit Stuck abgekriegt haben. Selten so deutlich wie in diesen Szenen wird einem, wie für die deutsche Guerilla die Maxime ihrer Vorbilder sich dramatisch ins Gegenteil verkehrt hatte: Nicht von einer sympathisierenden Unterstützerszene freundlich umgeben sind sie, sondern spießigen Arbeitsrobotern – die schon lange vor der großen Terrorhysterie offensichtlich nichts anderes im Kopf haben, als zur Rettung von McDonald’s und TV-Zombietum abweichende Verhaltensweisen aufzuspüren – ausgesetzt. Das ewige 68er-Problem: Über dem Kampf gegen die Spießer wird man zwangsläufig selber zum Spießer.

    Eine der sympathischsten und am anschaulichsten geschilderten Figuren ist „der Lange“, Boocks großer Freund aus dem Heim, mit dem er, bevor er in den politischen Untergrund einsteigt, eine Dealerkarriere macht. Der Lange ist von Anfang an gegen die Bürgerkinder und „Studententussis“ mißtrauisch. Es macht ihm Spaß, die Kiffer vom Campus abzuziehen, es macht beiden Spaß, das Geld mit beiden Händen auszugeben, erster Klasse zu reisen und die Minibars im Interconti zu plündern (eine Neigung, die Boock sympathischerweise auch bei der RAF nicht los wird und den puritanischen Genossinnen auf rührende Weise als strategische Notwendigkeit – nicht auffallen etc. – zu verkaufen versucht). Der Lange setzt sich später, von Drogen ruiniert und vom abtrünnigen Freund enttäuscht, live vor Boock und seiner Freundin den goldenen Schuß. Jeder kannte damals so einen, so einen schlacksigen Dealer, der vor nichts Angst hatte, von dem man sich gerne linken ließ, dessen cooler wortkarger Humor Vorbild für die Jungen und Erbauung für die Gleichaltrigen war. Und von dem man dann irgendwann hören mußte, daß er sich den goldenen Schuß gesetzt hatte. Dieses Leben wäre für Boock die einzig denkbare Alternative zur RAF gewesen.

    68 wurde die Alternative geboren, Drogenhippie zu werden oder Linksradikaler, 77 Punk oder Yuppie. So steht es in den Geschichtsbüchern geschrieben. Lange hat man 68 mit friedlichen Demonstrationen vieler friedlicher oder nur begrenzt gewalttätiger Langhaariger assoziiert und 77 mit Beendigung kläglicher und korrupter Existenzen und nihilistischen Punkrocks. Folgt man diesem Buch, war die RAF nichts anderes als extremes Hippietum, politisch extremer und drogenerfahrungsmäßig extremer, nicht aber das andere, Anti-Hippie-Bewußtsein, das im Punk populär wurde. Die Alltagsansichten, die Alltagskultur, die Lieblingsfilme (Casablanca), die Diskussionen, bei denen am Ende der Recht erhält, der mit „dem Bauch“ oder aus der Betroffenheit argumentiert, alles pur Hippie, wie es der Punk-Rocker haßte. Die Stammheim-Begeisterung der Punk-Rocker wäre demnach nichts als Kult, weltfremde Heroisierung irregeleiteter Jugendlicher auf der Suche nach einem Leitbild. 

    Ich glaube das nicht, ich neige eher dazu, daß die Katastrophe der RAF, die das Jahr 77 darstellte, im Punk-Rock ihr angemessenes Spiegelbild gefunden hat, der ja nichts anderes zum Ausdruck brachte als die Enttäuschung, daß man seine Aggressionen nicht mehr politisch sinnvoll in Terror umsetzen könne. Der, der für diese Einsicht sein Leben gegeben hat, ist natürlich ein Held. Mogadischu ist das Golgatha jeder weißen, kleinbürgerlichen, europäischen Jugendrebellion. Der Haß, das Aufbegehren hat seitdem die Form eines rituellen Dennoch angenommen, ohne die Chance, in seinem Sinne die Welt zu gestalten. Viele verzichten heute von vornherein auf ihre Jugend. Haß darf keinen Sinn mehr haben, heute, das ist die große Niederlage. Denn es gibt natürlich immer noch und immer wieder genauso viel gerechten Haß wie ehedem. Dem Hippie aber, den die Punk-Rocker dann in Form von sozialdemokratischen Lehrern bekämpft und gehaßt haben, wurde eigentlich nur vorgeworfen, nicht wie seine Gesinnungsgenossen beizeiten sein Leben gegeben zu haben.

    Was ist ein Roman? Wenn man aufschreibt, was sich zugetragen hat, aber niemanden denunzieren will. Solche einfachen Wahrheiten werden einem noch einmal klar, wenn man Romane von Terroristen liest.

    Sehr lange habe ich darüber nachgedacht, woher ich die extrem unangenehme, unangemessene Sprache kenne, die Boock wählt, wenn er die Terroristen sich unterhalten läßt. Der sonst normal geschriebene Roman wird fast unlesbar, wenn es zu Gesprächen oder Diskussionen kommt. Egal ob im Angesicht des Todes oder beim konspirativen Treff in Amsterdam, die Figuren reden in einem umständlichen, blumigen, mit müden Witzen und Formulierungen wie „Spaß beiseite“ gewürzten Deutsch, das mir von irgendwoher bekannt vorkommt. Ist es die „eh, Du“-Sprache der 70er Jahre? Teilweise. Ist es das bemüht Verbindliche von Rockerpfarrern? Nicht ganz. Nach 150 Seiten etwa wußte ich, was es ist: Enid Blyton, 5 Freunde und die Schleyer-Entführung. Nachdem das klar war, konnte ich es wieder gut aushalten. Schließlich ist das nur ein weiterer Aspekt des tiefgreifend-rührend-sympathischen Charakters des Peter-Jürgen Boock, der dieses Buch durchzieht und nur Haß zuläßt auf einen Staat, der es für nötig befunden hat, diesen netten, leicht ältlich-vergrübelten, unglaublich bemühten und verantwortungsbewußten Bürger Boock in erster Instanz für dreimal lebenslänglich plus fünfzehn Jahre hinter Gitter zu sperren.

    Es gibt nach wie vor keinen Grund, sich auf die Schulter zu klopfen, weil man damals nicht dabei war: Man dachte ja nicht anders, war nicht schlauer als die, die in diesem Buch zu Wort kommen, man war ja nur zu klein, zu alt oder zu feige. Ebenso unzulässig, wie aus diesem Buch Rückschlüsse über die RAF oder gar die deutsche illegale Linke im allgemeinen zu ziehen, wäre es, die in irgendeiner Weise „typische“ Autobiographie eines Heimkindes herauslesen zu wollen, dem nur die eine oder andere Sorte von Illegalität blieb. Eher kann man von der Gefangennahme durch eine Zeit sprechen, die bis heute für Boock andauert und unauslöschlich Grundsätze festgelegt hat. Daß viele andere, die diese Grundsätze teilten, mit sehr viel heilerer Haut davongekommen sind als Boock und der Lange, verdankt sich der Gestapo-Logik, nach der diese Welt organisiert ist: Muckt ein Dorf (Generation, Klasse, Religion) auf, wird halt willkürlich jeder Zehnte herausgegriffen und erschossen.

    Peter-Jürgen Boock: Abgang. Lamuv Verlag 1988, 327 S., 38 DM

  • „Kinder, wie die Zeit vergeht …“. Die geistig moralische Wende hat tatsächlich stattgefunden: vor ein paar Wochen, im Fernsehen

    Der Spiegel, das deutsche Nachrichtenmagazin, hat unlängst wieder etwas Interessantes herausgefunden, um nicht zu sagen, aufgedeckt: Der bekannte und inzwischen verstorbene deutsche Politiker Adolf Hitler soll ein Faschist gewesen sein. Die über diese Enthüllung empörte deutsche Öffentlichkeit zog nach, und forderte den Rücktritt des beliebten Redners. Dieser erklärte zwar noch ein paar Mal, daß ihn zu Lebzeiten begangene Sünden nicht mehr interessierten und er nur ein Mitläufer gewesen sei, mußte sich aber dann doch dem Druck der Öffentlichkeit beugen und seinen Hut nehmen.

    Einen der psychedelischsten Momente der Fernsehgeschichte konnte man genießen, als Hanns Joachim Friedrichs seinen ehemaligen Chef, „Lehrer“ etc. Werner Höfer, nach dessen Demission in den Tagesthemen interviewte. Nachdem Höfer, altersweise oder senil (die einschlägigen, für diesen Unterschied zuständigen asiatischen Religionen machen da keinen Unterschied), ein paar entrückte Antworten auf Fragen nach eventuellen Gefühlen der Bitterkeit gegeben hatte, hielt er sein die ganze Zeit schon reklamemäßig demonstrativ hin und hergedrehtes Weinglas vor sein reifes, herbes Spätlesegesicht, ganz nahe vor die Kamera, daß man dies Gesicht nur noch durch die Brechungen des Glases und des edlen Tropfens darin sehen konnte, und verschwand in einem kosmischen Strudel verzerrter Wahrnehmung auf Nimmerwiedersehen aus dem Fernsehen. Er hatte so noch einmal triumphiert über die Schnödheit eines Mediums, in dem so viele, die über Jahrzehnte sein Gesicht prägten – wie Kriegsteilnehmer das des deutschen Lehrers – , so plötzlich sterben oder pensioniert werden, daß fast keiner mehr übrig geblieben ist, indem er den altenglischen Spruch „Old soldiers never die, they only fade away“ in unvergeßlichen Bildern inszenierte.

    Daß sein gespreizter Mitläuferjournalismus formal (und damit logischerweise auch inhaltlich) nichts anderes war als die zu größtmöglicher Finesse entwickelte Kunst der Überleitung, die er im „Internationalen Frühschoppen“ praktizierte, daß ein einziger Satz von Dieter Kronzucker (etwa sein Wort vom „Versagen der amerikanischen Außenpolitik“ angesichts der Vertreibung des Somoza-Regimes) schlimmer sein und das Einverständnis mit mehr Verbrechen aussprechen kann als die gesamte Tätigkeit Höfers beim „12 Uhr Blatt“, soll hier nur am Rande als Selbstverständlichkeit vermerkt werden, wo es doch um die Frage gehen soll, wohin das deutsche Fernsehen steuert, das offensichtlich glaubt, sich in kürzester Zeit den Verlust Höfers, Kulenkampffs und Löwenthals leisten zu können, also von drei der vier Leute, wegen denen meine Großeltern sich seinerzeit ihren Loewe-Opta angeschafft hatten.

    Die drei über Jahrzehnte dominierenden Grundrepräsentanten deutscher Gesinnung sind damit verschwunden, der verrückte, gallige Kommunistenfresser und Afghanistan-Freiwillige, der bigott-weinselig-kultivierte Leber und Lebenlasser mit Mitläufer-Vergangenheit und der charismatische, sozialdemokratische Frauenheld mit Segelschiff. Das, wofür die wirkliche Politik mehrere Jahrzehnte brauchte (und noch einige Jahre brauchen wird), Brandt, Scheel und Strauß zu pensionieren, das will das Fernsehen während weniger Monate durchziehen? Weil Thomas Gottschalks Alleinvertretungsanspruch einer noch zu nivellierenden Mittelstandsgesellschaft nicht warten kann?

    Die sogenannte Vergangenheitsbewältigung soll eben soweit getrieben werden, daß keine Zeugen mehr an sie erinnern, egal in welcher Form: das den-Krieg-mitgemacht-Haben macht immer häßlich, auch wenn diese Häßlichkeit als die Schönheit eines Clint Eastwood erscheinen kann und im Volksmund „Charakter“ heißt. Niemand wird mehr Todenhöfer, den alten Volksmujaheddin interviewen, die Promotion für den von den links unterwanderten Fernsehanstalten totgeschwiegenen rechten Liedermacher Gerd Knesel („Lieder gegen Links“) übernehmen, das Wort „Drüben“ wird aus dem Sprachgebrauch verschwinden, kein Mensch wird mehr Dritte-Welt-Journalisten wie artige Kinder auf den Kopf tätscheln oder sich der Vergebung seiner Sexismen und Schlüpfrigkeiten wegen seiner großen Verdienste um die Sozialdemokratie und Lebenskunst so sicher wissen wie Hans-Joachim Kulenkampff, an dessen intelligente Bemerkung über die Ähnlichkeiten zwischen der bundesdeutschen und der sowjetischen Informationspolitik sogar ich mich noch wohlwollend erinnere. Denn eigentlich sind das ja gar nicht die schlechtesten Aussichten, schließlich sind die dazugehörigen Realitäten ebenso verschwunden. Der vom Spiegel enttarnte Politiker Hitler ist ja ebenso tatsächlich tot (gestorben 1969, Asunción) wie der SPD-Vorsitzende Brandt pensioniert und die Verlegerpersönlichkeit Axel Springer in uneinige Witwen, Prinzen und Kronprinzen und Filmhändler atomisiert, und junge Leute kommen heute zu mir und fragen: wie war das eigentlich damals, 77, 79 mit Stammheim und Punk?

    „Kinder, wie die Zeit vergeht“, hätte Kulenkampff gesagt und die nachfolgenden Sendungen hätten sich um zwanzig Minuten verschoben, die letzten als deutsch identifizierbaren Elemente sind aus dem Fernsehen getilgt. In dritten Programmen und Satellitensendern wird eine harmlose Nostalgie nach dieser großen alten Kulturnation, den Deutschen, derzeit mit einer Flut von Wiederaufführungen alter Serien und Spielfilme befriedigt, die nicht mehr, wie noch vor zwanzig Jahren und auch heute noch bei ARD und ZDF, nach scheinkünstlerischen Kriterien ausgewählt, sondern nur noch unter dem Trash-Aspekt, was für junge Zuschauer, die garantiert noch nicht mal gezeugt worden waren, als „Liane“ gedreht wurde, schrill genug ist, in ihrem völlig richtigen Bedürfnis nach einer Jung-Kultur, die ihre Junkness nicht unter hehrem Gefasel versteckt.

    So auch Thomas Gottschalk, dieser, von einer gewissen Restthomasfritschigkeit abgesehen, neue Typ, der uns ein klassenloses, generationskonfliktfreies, überparteiliches neues Jetzt verspricht, ein Fernsehen, das sich endgültig nicht mehr dem Vorspielen einer „demokratischen Kultur“ verpflichtet fühlt: Thomas Gottschalk „mit meinem Freund, dem Big Mac“, bei McDonalds, „wo man gern ist, weil man gut ißt“, ist eben mit einem Antifaschismus, der immer wieder nur herausfindet, daß „Hitler was / Hitler was / Hitler was / Hitler was a fuckin’ Nazi“, wie die Beastie Boys so richtig dichteten, nicht mehr beizukommen. Seinesgleichen Sympathen (und das heißt auch, daß auch ich bei einem Gottschalk-Auftritt wesentlich weniger Peinlich-Schocks pro Stunde kriege als bei irgendeinem Old-School-Demokraten) stellen auch die Scheinoppositionspresse, den Dauernörgelsound aus Borniertheit gegenüber Pop-Kultur und sozialdemokratischen Verbesserungsvorschlägen vor neue Aufgaben, an denen sie exemplarisch scheitern werden.

    Fernsehen ist auch in Deutschland endgültig und endlich etwas ganz Anderes geworden, dessen Gut und Böse sich völlig neu gruppieren, das keine Hierarchien zwischen bürgerlicher „Kultur“ und populärem „Schwachsinn“ mehr kennt, weil Gottschalk und Alexander Kluge inzwischen bruchlos ineinander übergehen, weil das Fernsehen des „Vier gegen Willy“-Zeitalters, des „Waldhaus“-Age (Hauptschlagzeile im Kölner Express: „Waldhaus-Schauspieler: Wir schämen uns!“) nicht mal mehr Hilfestellungen für irgendwelche Sinnstiftungen offeriert, nur noch taumelt und kreist und schaukelt und von der Fernbedienung über in- und ausländische Kanäle gejagt wird – das Wort „remote control“ für Fernbedienung sagt alles – , bis es von dem herbgelben schwarzen Loch im Zentrum von Werner Höfers Weinglas ausgesogen verschwindet. An diesem Punkt eröffnet dann ein neuer Kabelkanal wie „Tele 5“, wo nur noch vollkommen Bekloppte mit anderen Bekloppten über wirklich nichts reden und sich dafür auch nicht mehr schämen. Da kann man dann auch schmecken, daß auch die Fernsehkritik endlich ein ganz anderes Vokabular braucht, ganz andere Forderungen aufstellen muß.

  • Zoogz Rift – Eine runde Sache

    Verzagt nicht, ihr Sterblichen! Es wird ein weiteres Mal von Zappa, Spike Jones, dessen Collagen Zappa in die Musik blitzschnell einwiesen, und den Beatles die Rede sein müssen, denn Diedrich Diederichsen, ein Mann, den diese Einflüsse prägten, trifft Zoogz Rift, einen Mann, den diese Einflüsse prägten, um sich hemmungslosem Namedropping hinzugeben. Dabei kommen auch Tim Buckleys Spätphase und Details des SST-Lebens nicht zu kurz. Doch selbst begeisterte Zappa-Hasserinnen in der Redaktion müssen Zoogz Rift ein Händchen für zuckersüße Rare-Groove-Stücke, rührende Plattentitel und andere Talente zugestehen. Alle: „Ob Denken, ob Musik, they don’t care, sie sind einfach dick und brauchen mehr …“ (mit unsterblichen Worten des Propheten gesprochen)

    Neulich sprach mich jemand im Rose Club an und fragte mich, ob wir nicht mal was über Algebra Suicide bringen könnten. Wer sind Algebra Suicide? Nun, ein Duo aus Chicago, auf diesem und jenem Sampler vertreten, allerdings jeweils nur in 500er Auflage und sowieso vergriffen … ach, ja und dann auf einer der Obscure Independent Classics-Compilations. Als ich dann pflichtgemäß Algebra Suicide auscheckte, stieß ich auf diesen wunderbaren Obscure Independent-Samplern, die Alan Jenkins von Deep Freeze Mice auf dem Mice-Label Cordelia Records (a.k.a. Hamster Records) in recht regelmäßiger Folge herausgibt, wieder mal auf die Mitwirkung von John Trubee. Dieser Trubee war einmal mit einem psychedelischen Marsch und zweimal mit Telephon-Attacken auf wehrlose Bürger („Haben Sie evtl. noch ein Zimmer für eine Orgie mit nackten Mädchen frei?“) vertreten, damit eine Kunstform – wenn auch nicht genauso niveauvoll und begabt – fortsetzend, die der große Kim Fowley Ende der 60er Jahre mit seinem „The Great Telephone Robbery“ erfunden hatte. In den stets vergnüglichen und informativen Liner Notes hieß es, Trubee hätte zwei LPs für Enigma gemacht, die ich indes nie gesehen habe. Auch Richy Häss, von Richy Häss and the Beatniks, treffe ich hier wieder und natürlich auch Zoogz Rift, den wundersamen Scheißkopf, der auf der CD-Version seiner demnächst erscheinenden neuen LP, Nonentity, eine lange Improvisation im Stile der gelegentlich ganze LP-Seiten füllenden Klangdichtungen der Band seines Freundes, Gönners und Europa-Vertreters Alan Jenkins, The Deep Freeze Mice, aufgenommen hat.

    „Schreib bitte was über Trubee und Häss. Trubee ist ein großer Künstler und Musiker, ein Komponist, für den Bartók und Zappa hätten zusammenlegen müssen, aber alle wollen von ihm immer nur Telephon-Witze, als er sich weigerte, hat Enigma ihn rausgeschmissen. Häss ist auch ein alter Freund von mir, ein Genie, das es nicht nötig haben sollte, in meiner Backing Band zu spielen, aber außer Cordelia will ihn niemand haben“, sagt Zoogz Rift. Sein Akkordeonspieler, der auf so nie gehörte Art die Rolle eines Keyboarders übernimmt und dessen Töne sowohl als fiese Früh-Siebziger Jazz-Funk-Moog-Spritzer verkleidet sind wie sie auch zu großen symphonischen Gemälden verdichtet werden, und der sich auch immer wieder gerne an „Toccata und Fuge in d-moll“ versucht, ist mir unbekannt; Baß und Posaune haben bei Scott Colbys Slide Of Hand mitgespielt, hinterm Schlagzeug sitzt Häss, an Rhythmus-Gitarre und vollkommen bekloppten Grimassen, John Trubee: „Warum interviewst Du nicht mich? Ich bin intelligenter, habe mehr zu sagen und mache bessere Musik als er.“

    Intelligenz, eine wichtige Sache für Zoogz Rift und seine Band, die nicht mehr The Amazing Shitheads heißt.

    „Seit ’72 habe ich diese Band, in wechselnden Besetzungen natürlich. Und Comedy war darin immer gleichberechtigt mit Musik, aber ich habe davon die Schnauze voll, wenn man Humor hat, wird man als Clown mißverstanden. Ich aber bin ein Intellektueller und Philosoph und möchte auch so wahrgenommen werden. Also: keine Witze mehr auf der Bühne, Schluß mit den Amazing Shitheads. Und da mich eh keiner beachtet, heißt die Band jetzt wie die neue Platte: Nonentity.“

    Blieb ihm überhaupt etwas anderes übrig, als Komiker zu werden, so wie er aussieht? Ein kugelrunder Torso mit dem Durchmesser eines Lastwagenreifens, aber normal dünnen Ärmchen und Beinchen? Nein, er ist ein großer Musiker und Künstler, und wenn man das ist, fällt Humor ganz von alleine ab, und da ein Witz leichter zu verstehen/zu verarbeiten/zu zitieren ist, entwickelt der Witz ein Eigenleben. Wenn Du Pech hast, frißt er Dich am Ende auf, siehe Frank Zappa, der früher nichts anderes war als einer der besten Musiker des Planeten.

    „Als ich ganz klein war, hörte ich Spike Jones“. Ohne dessen Collagen wohl auch Zappa nie so schnell das über Musik gelernt hat, was er schon ’66 wußte. „Dann kamen die Beatles.“ Wie hast Du reagiert, als Du „Revolution No. 9“ das erste Mal hörtest? „Nun, da, ’68, war ich mit Weirdness schon vertraut, denn 1966 kaufte ich mir Freak Out, ich hatte also schon ‚The Return Of The Son Of The Monster Magnet‘ gehört als das Weiße Album rauskam, das ich aber nach wie vor für ein Meisterwerk halte. Das einzige, was in der Mainstream-verwandten Musik der 80er sich noch mit solchen Meisterwerken messen kann, sind ein paar frühe Elvis-Costello-Sachen. Als Jugendlicher habe ich mir dann alles angehört, was auf Zappas Label rauskam, auf Straight und Bizarre, so bin ich dann auch auf Tim Buckley gekommen, von dem ich auf der neuen LP zwei Coverversionen mache.“

    Genau und zwar auch noch Stücke von Look At The Fool, der vorletzten Buckley-LP aus seiner von seinen Hardcore-Fans vielgeschmähten Kommerz-Phase.

    „So sieht es John Trubee auch. Bis vor Greetings from L.A. nur Meisterwerke, danach Ausverkauf. Ich denke dagegen, daß Greetings From L.A. ein absolutes Meisterwerk war, und Buckley erst in Sachen wie Look At The Fool seine wahre Stärke entwickelt hat, als diese zerfleddernde Tiefe in Songs umzuarbeiten, einzubauen.“

    Erst recht bei Sefronia, seiner allerletzten Platte.

    „Die hab ich nicht. Gibt’s in den Staaten nicht.“

    Zoogz Rift, der zu den verachtenswertesten Vorgängen der Kulturgeschichte Captain Beefhearts Rückzug aus der Musik rechnet, war selbst einst Maler, bevor er in einer dadaistischen – so nennt er es – Aktion alle Bilder/Objekte zerstörte.

    Ja, ich fühlte mich als Dadaist oder Surrealist und habe diese Begriffe auch auf meine Musik bezogen, aber in letzter Zeit bin ich etwas vorsichtig geworden. Ich ziehe Dalís Autobiographie jeder Zeile André Bretons vor, und ich meine jede der vier Autobiographien, aber ich hasse den ganzen Irrationalismus. Ich bin nämlich für Vernunft. Ich bin für Denken. Das ist nämlich das ganze Problem: die Leute denken nicht, sie sind bequem, bescheuert, enteignet wie die Idioten im Nahen Osten, die größten Knallköpfe der Welt, die einfach blöd wurden, weil man ihnen alles weggenommen hat. Die Leute in den USA wollen tanzen und Partys feiern oder sonst irgendeinen nutzlosen Unsinn treiben. Ich bin für den Gedanken. Meine Message lautet: Think more! Party less! Alle Probleme der Welt wären zu lösen, wenn man den Kindern zwei Dinge beibringt: 1) Es macht Spaß zu denken. 2) Wie man denkt. Das Dada-Ding ist für mich heute eigentlich nur noch eine Methode, weniger ein Inhalt.

    Eine Methode im übrigen, auf die man als Musiker heute nicht mehr gesondert hinweisen muß, sie ist sozusagen allgegenwärtiger Mainstream, das Allernaheliegendste. Für Leute wie Rift oder Deep Freeze Mice gilt denn ja auch eher, daß ihr großes Verdienst darin liegt, zu demonstrieren wie auch aus guten Songs/Motiven/Kompositionen unter den Händen von guten/intelligenten/einfallsreichen Musikern ganz von alleine ein wucherndes monströses Gebilde aus Reichtum, Vielfalt und Reziprozität sich entwickelt, das dann von Leuten, die sowas nicht gewöhnt sind zu hören, als Collage empfunden wird, ohne daß es solche Konzepte nötig hätte.

    Rift – zu dessen Gefolgsleuten Kapazitäten wie der neue Universal-Congress-Of-Bassist Gorodetsky ebenso gehörten wie Joaquin „Jack“ Brewer – war von ’72 bis ’79 nur eine obskure Randerscheinung der California-Sounds im Wandel der Zeiten, ist seit ’79 in Insider-Kreisen ein Markenname, aber erst seit SST seinen umfangreichen Backkatalog mit LPs wieder veröffentlichte, die auf deutsch Insel der lebenden Kotze, Idioten auf dem Minigolf-Kurs oder Schwerbehinderte in der Vorhölle heißen, ist die internationale Musikkritik in der Lage, ihn zur Kenntnis zu nehmen.

    „Ich hatte mal wieder keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Ein Freund von mir war mit Dukowski befreundet und sagte: geh doch zu SST! Ah so, die die Platten von Black Flag und Hüsker Dü machen, tja … wenn Du meinst. Ich traf mich mit Dukowski und Greg Ginn zum Essen, ich hatte nur ein halbfertiges Band dabei, und sie hörten sich das an, sagten nicht viel. Schließlich hieß es: wir melden uns. Ich weiß, was das normalerweise heißt: Hau ab, wir wollen Dich nie wiedersehen. Am nächsten Morgen, ich schlief noch, war Greg Ginn am Apparat und bot mir den Vertrag an, den ich heute habe. Wiederveröffentlichung aller meiner Platten und Carte Blanche für die Zukunft. Ich kann so oft ich will so viele Platten wie ich will machen, SST wird sie immer veröffentlichen. Erst danach habe ich rausgefunden, daß sie ein sehr gutes Label sind, die gute Sachen gemacht haben wie Crazy Backwards Alphabet, Saccharine Trust und vieles mehr. Am besten allerdings ist Dukowskis Band, SWA. Wenn Du sie von Platten kennst, wirst Du schon ahnen, daß sie sehr gut sind, aber live sind sie das Beste, ich habe seit hundert Jahren nicht so viel Energie gesehen. Nur, wenn Du nicht nach Kalifornien kommst, wirst Du sie nie sehen, sie können nämlich nicht weg, weil Dukowski im SST-Office unabkömmlich ist.“

    SST verfolgt ja auch zur Zeit eine Europäisierung ihrer Politik, so viele Künstler wie möglich zu so geringen Kosten wie möglich auf Tournee zu schicken. Da man das in den USA aufgebaute Wohnzimmercouch-Fan-Netzwerk hier nicht gebrauchen kann, heißt das Prinzip: SST zahlt den Flug für jede Band, die nach Europa will, um den Rest muß sie sich selbst und der lokale Promoter kümmern. Also spielt Zoogz Rift vor 50 Leuten die schönsten Songs und Coverversionen seiner neuen LP, aber die langen Instrumentalimprovisationen bleiben doch bei so geringem Zuspruch hinter der einmaligen Schönheit einiger auf Platte festgehaltenen Improvisationen dieses Ensembles zurück. Diese Werke, die oft über zehn Minuten lang klingen wie die letzten, entscheidenden, resultativen Momente großer Ensemble-Musik wie „Facelift“ (Soft Machine), „Dark Star“ (Grateful Dead) oder „Sister Ray“ (Velvet Underground), ohne sich mit Steigerungen, Dramaturgie und Hinführung aufzuhalten, eine gewisse Sorte Augenblicke, die man sich schon immer länger gewünscht hat, auswalzen, in filigraner Spielerei, wobei dem Akkordeon als Steigerung der besonders menschlich-fossil klingenden, elektronischen Orgeln in den genannten Beispielen (Mike Ratledge, Ron McKernan, John Cale) besondere Bedeutung zukommt.

    Der Rest der Musik von Zoogz Rift, die ich von Platte kenne (leider nur knapp die Hälfte seines umfangreichen Schaffens), läßt sich in zwei Gattungen unterteilen: gute, weiche Soul/Rock-Songs, die er auch von langjährigen Mitmusikern oder verehrten Fremdautoren schreiben läßt und die ihm Gelegenheit geben, seine überraschend schmusige und, wie bei allen unförmigen, verwachsenen und dicken Männern helle und friedliche Stimme zu entfalten. Das Ergebnis seiner Liebe zu den Beatles.

    Die andere Gattung betrifft die Folgen der Comedy, und später ihrer Überwindung. Gleich nach Zappa und den Beatles, mit der frühkindlichen Spike-Jones-Prägung belastet, entdeckte der junge Zoogz das Wirken der Fugs und der Bonzo Dog Doo-Dah Band, von denen man heute, wenn überhaupt, nur noch weiß, daß sie politische Wirrköpfe und Witzereißer gewesen sein sollen, aber nicht, was für großartige Musiker und Komponisten. Im gleichen Maße wie ihr Umgang mit allen sie umgebenden kleinen und großen musikalischen Entwürfen (die sie zerhackten und sortierten und kombinierten, wie es eine musikalische Haltung verlangte, die man mit Humor nur unzureichend und mit Parodie oder Ironie ganz falsch beschreibt) Rift beeinflußte, lernte er auch aus ihrer Rezeptionsgeschichte. Eine Kühnheit wie das schlaffverdaddelte und dennoch uhrwerkmäßig abspulende Soft-Funk-Instrumental „M’Bugulu“ (= großer Schwanz auf hawaiianisch) wird niemand als vordergründigen Witz verstehen können, niemand wird sich seiner musikalischen Wirkung entziehen können und niemand abstreiten, daß es das lustigste Stück auf der Welt ist. Direkt danach kommt „Ah Peeked In Duh Devil’s Secret Hell Files“, eine Collage, wo Rift aus Kritiken zitiert, die ihn mit entweder Beefheart oder Zappa vergleichen, um dann echte Zappa- und Beefheart-Stellen zum Vergleich einzublenden, so daß jeder den Unterschied hören kann.

    Gut argumentiert, Rift! So stellen sich Rock-Kritiker ihre Musiker vor.

    „Ja, ha! Stimmt ja, was die Leute sagen, über Beefheart und Zappa, nur ist es so gräßlich naheliegend. Sie sollen sich etwas mehr Mühe geben. Kennst Du noch die Contortions mit James White? Die waren genauso wichtig für mich. Oder King Crimson.“

    Zoogz Rift, der Philosoph und Intellektuelle, ist Anhänger einer Schriftstellerin und Philosophin namens Ayn Rand, in den USA sehr bekannte Erfinderin einer sich „Objectivism“ nennenden Philosophie, die laut Rift „Hegel and Kant and all those people“ widerlege und einen neuen Rationalismus begründe. Außerdem wurde sie durch den Roman „The Fountainhead“ bekannt, in dessen Verfilmung man Gary Cooper als monomanischen, postmodernen Architekten genießen kann, lange bevor es sowas wirklich gab. Amerikanische Gewährsleute aus texanischen Marxistenkreisen nennen sie eine typisch kalifornische rechte Philosophin des freien Unternehmertums, Rift leitet einen eher typisch kalifornischen Anarchismus aus ihrem Denken ab, mit der Forderung nach dezentralisierter Verwaltung, kleinen Wirtschaftseinheiten, Genossenschaftswesen etc. Außerdem ist er ein großer Toleranzprediger: „Ich bin zum Beispiel Atheist. Die Bibel ist ein Haufen Scheiße für mich. Ich bin auch kein Agnostiker, der sagt, Gee whiz!, wer weiß, vielleicht gibt es doch einen Gott, man kann nie wissen, das ist totale Scheiße, warum sollte es einen Gott geben. Aber ich würde nie hingehen und einem verdammten Bibelleser sein Buch auf den Kopf hauen.“

    Stört es Dich, wenn ich rauche?

    „Es ist schlecht für Dich.“

    Ich weiß.

    „Okay. Wenn Dich meine Völlerei nicht stört, stört mich Deine Raucherei auch nicht.“