Autor: admin

  • Ich habe gelesen

    Klar habe ich. Ich frage mich nur, was Sie hören wollen. Ich muß an die Schule denken, wo es die Gattung des Leseberichts gegeben hat. Ja, mein Abitur-Aufsatz in Deutsch diskutierte Fragen des Lesens, wie, wozu, was, wie setzt man das um. Das, was von z. B. meinem Lese-Input sich umsetzen läßt, kann aber hier nicht interessieren, dieser Motor läuft ja immer. Vielleicht: welchen Kraftstoff braucht er in einer gegebenen Zeit, den er nicht umsetzen kann, sondern restlos verbrennt?

    Es gibt drei Sorten der Lektüre. Die erste ist das Buch im Mantel, das wichtigste Buch einer Zeitspanne von zwischen zwei Wochen und zwei Monaten. Es kann noch so wichtig sein, wenn das Wetter wechselt, wird es oft im Mantel vergessen, der plötzlich dem Jackett weichen muß. Im Moment ist es Der Parasit von Michel Serres. Wirklich eines der besten Bücher, die je geschrieben wurden: letztes Frühjahr stand ich an der Sorbonne vor den Aushängen und sah nach, was er wohl gerade lehren würde. Da kannte ich den Parasiten nur aus bewunderter Leute Bibliothek, als das neue Ding aus Frankreich, das er kurz nach dem Anti-Ödipus mal gewesen sein muß. Wer aber bin ich, außer Parasit selbstverständlich (was ich inzwischen auch schriftlich habe, in einem Sendemanuskript des Bayerischen Rundfunks), daß ich mir erlauben würde, so einem Buch einen Aphorismus aufzudeckeln.

    Dann gibt es das Buch neben dem Bett, das ist seit November Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre. Im Moment bin ich in den Wanderjahren an dieser Stelle: „Diesen verständigen Worten Beifall gebend löste die Versammlung sich auf; der Astronom aber versprach, Wilhelm in dieser herrlichen, klaren Nacht an den Wundern des gestirnten Himmels vollkommen teilnehmen zu lassen.“ Womit das Buch auf den Punkt gebracht ist, nämlich das, was ich daraus zu lernen bereit bin, wie schön es ist, als Spezialist einen Neugierigen in klaren Nächten an Wundern teilnehmen zu lassen, und wieviel schöner noch, von Spezialisten in klaren Nächten in Wunderwelten eingeführt zu werden, was ja jede erklärbare, abgeschlossene Welt erstmal ist (denn das Wunder ist ja immer das Erklärbare, nicht das Unerklärliche), und daß gerade in dunklen, unklaren Tagen wie diesen, wo der postmoderne Agnostizismus vor lauter Verzweiflung objektiv wissen und lernen kann und muß, bevor man damit anfangen kann, sich von teilweise berechtigten theoretischen Hangovers heimgesucht, mal vorübergehend in den Grübel-Blues fallen zu lassen.

    Die dritte Lektüre nimmt die meiste Zeit ein, sie geschieht immer. Beim Fernsehen, beim Essen, in Straßenbahn und Flugzeug. Es ist das Lesen der Welt und dessen, was sie an Signifikanten so rumliegen läßt: Plakate, Aufschriften, Schrifttafeln, der Express auf dem Beifahrersitz des Taxifahrers, das Gespräch am Nebentisch (wo gestern immer vom „Literatur-Nobelpreisträger“ Elie Wiesel die Rede war, der angeblich Waldheim überführt hätte) bis hin zu den Büchern, die für Später oder Zwischendurch auf den unaufgeräumten Schreibtischen liegen bleiben. Ein peruanischer Diplomat erzählt der Zeitschrift Blitz, daß „compared to other Latin American countries, the poor Cuba is paradise“. Und Jean-Luc Godard fügt hinzu, daß er Lenin erst mit 35 entdeckt habe und daß sein politisches Engagement im Jahre 68 das eines Zehnjährigen gewesen sei, weil er erst zehn Jahre im Filmbusiness war. Was sich damit deckt, daß ich in letzter Zeit auch immer häufiger bei mir und bei anderen das professionelle und das Lebensalter in Beziehung setze. Dieses professionelle Alter gibt es wirklich und es muß mit den Jahren um einen je nach Beruf und Charakter verschiedenen Faktor x multipliziert werden, aber wenn man es nicht kennt, kann man schwere Fehler begehen. Dick Hebdige beschreibt in seinem neuen Buch, laut i-D Magazine, postmoderne Philosophie mit Gothic-Punk: „Alle tragen schwarz und laufen mit kleinen schwarzen Semiotexte-Büchern herum – scheint die letzte übrig gebliebene Subkultur zu sein.“ Und einer ihrer Angehörigen war gerade bei mir zu Besuch, ein New Yorker, der sich ganz ernsthaft um die Pop-Kultur dieselben Sorgen machte, die wir uns in Europa vor fünf Jahren gemacht haben, während im amerikanischen Hinterland die vielversprechendste Pop-Kultur seit fünf Jahren gedeiht, aber nur von London aus, nicht von New York aus wahrgenommen wird. Die Chuck-Berry-Autobiographie soll von hohem literarischen Rang sein („viele Wortspiele“, aber dieser Mann hatte doch schon immer einen hohen literarischen Rang). „Das post-industrielle Großbritannien macht aus sich ein einziges, großes Museum und plötzlich leben wir alle in der Vergangenheit.“ Immer mehr Leute denken plötzlich darüber nach, in welcher Zeit man an welchem Ort lebt, ein immer größer werdender kultureller Jetlag lähmt und beflügelt jeden Austausch, würde die Lücke nicht immer größer, könnte ich ja jeden verstehen. Wir sehen alle dieselben Fernsehprogramme, aber es kommt immer darauf an, der wievielte Durchlauf von Bezaubernde Jeannie gerade dein wievieltes Verhältnis zu dieser Serie bestimmt.

    Tom Wolfe erzählt im Interview zu seinem neuen 1000-Seiten-Hauptwerk The Bonfire of the Vanities von Pro-Khomeini-Studenten, die nach der iranischen Revolution das iranische Konsulat in New York stürmten und so beschäftigt waren, die 200 seriellen Farah-Diba-Porträts von Warhol zu zerschlitzen, daß sie vor dem Eingreifen der Polizei gar nicht dazu kamen, irgendwelche Wertsachen an sich zu nehmen. Was lernen wir daraus? Besser nichts derart, wie daß die Kunst von irgendwas ablenke oder daß Warhol ein Hofmaler der Herrscher gewesen sei, höchstens, daß die Bilder verdammt gut gewesen sein müssen, wenn sie den unmittelbaren Haß so korrekt auf sich ziehen konnten.

    Wenn junge Ratten nicht mit ihrer Mutter aufwachsen, die sie mit ihrer feuchten haarigen Zunge unentwegt ableckt, scheiden sie ein gewisses körpereigenes Opiat nicht mehr aus, das für das Wachstum unerläßlich ist. FAZ-Behaviourismus, von der genialen „Natur und Wissenschaft“-Beilage. Sie weiß auch einen Rat (Rat, engl. = Ratte): Liebes-Simulation gegen Milieuschädigung, wenn man die jungen Ratten mit einem feuchten Pinsel mehrfach täglich streichelt, wachsen sie normal. Sowjetische Wissenschaftler wollen Gewächshäuser im All bauen, um das Problem der langfristigen Sauerstoffversorgung zu lösen, sie folgen damit einer Idee des russischen Wissenschaftlers Konstantin Ziolkowski (1857-1935), der dergleichen schon früher vorgeschlagen hat. Ob er wohl 1935 eines natürlichen Todes gestorben ist? Pawlow starb im selben Jahr und C.F. v. Weizsäcker fand heraus, „daß Energieerzeugung in den Sternen durch Kernreaktionen bei hohen Temperaturen erfolge“ (Steins Kulturfahrplan). Geldfälscher machen München zum Blütenmeer, bestätigt die Süddeutsche Zeitung die alte Ahnung, daß es da unten nicht immer nur um echtes Geld gegangen sein kann. Im Magazine for frequent travellers – Airport lese ich, daß Japan das zivilisierteste Land der Erde sei. Nirgendwo sonst könnten Frauen nachts so gefahrlos dunkle Seitenstraßen erkunden, nur eines könnten die Japaner nicht ab, wenn man sich öffentlich die Nase schnäuzt. Das aber wollte ich in diesem Flugzeug gerade tun, als ich des Japaners neben mir gewahr werde, der tatsächlich so zivilisiert ist, als einziger in diesem Flugzeug beim Start weder vor schamhaft versteckter Flugangst zu zittern (wie ich), noch unsensibel gelangweilt zu schlafen (wie alle anderen). Er liest ein Taschenbuch. Ich frage mich: Was ist Layout in Japan? Bedeutet die unterschiedliche Länge der vertikalen Schriftzeichen-Reihen, daß es sich um Gedichte handelt? Oder sind die Schriftzeichen so dicht, daß es sich um Absätze handelt? „Wahrnehmen und Entschlüsseln von Sprache ist nach den Gesichtspunkten der Informationsverarbeitung eine schwierige Aufgabe, die vom Gehirn bravourös erledigt wird. Wenn man einen Text verstehen will, müssen Informationen von geringer Abstraktionsstufe – die gedruckten Buchstaben – vom Gehirn aufgenommen und in abstrakte Informationen umgesetzt werden: die geschriebene Sprache wird decodiert. So ergeben sich schließlich die Gedanken des Autors.“ Wie kann der naturwissenschaftliche Teil so hinter dem Erkenntnisstand der Seite „Geisteswissenschaft“ hinterherhinken, wo in einem gut gemachten Resümé einiger Grundgedanken Jacques Derridas zu lesen steht: „Es sei verfehlt, den Übergang von Aussageabsicht zur Verschriftlichung als bruchlose Kontinuität anzusehen. Die im Innenraum des Subjekts vermutete Intention könne im Akt der Versprachlichung (in der Äußerung) dem Zwang von „Schrift“ (der Eigengesetzlichkeit von Zeichensystemen) nicht entgehen.“ Es gibt also keine „Gedanken des Autors“, zu denen man lesenderweise hinaufklettern kann. Es gibt nur uns, gebeugt über die Schrift. Die FAZ ist da genauso heilig wie die taz, wo ich von zwei Leuten lese, die wegen Abnahme einer größeren Menge von Exemplaren der verbotenen Druckschrift radikal schuldig gesprochen wurden, diese Zeitschrift verteilt haben zu wollen. Der eine Angeklagte wurde als „eher künstlerischer Typ“ eingeschätzt und daher zu nur vier Monaten verurteilt, die andere, wegen politischer Äußerungen vor Gericht, zu sieben Monaten. Was mich daran erinnert, wie bei den Punk-Unruhen im Hamburger Karolinenviertel, anno 80, die Polizei wieder wahllos einen Verdächtigen aufgriff und abführte und als sie um die Ecke Glashüttenstraße biegen wollte, um den Armen, der ein in der Gegend bekannter Künstler war, auf die wegen Folterungen berüchtigte „Punkerwache“ zu bringen, einem anderen stadtbekannten Pennerkünstler begegnete: „Was wollt ihr denn mit dem, der ist doch harmlos, der ist doch Maler“. Worauf die Beamten den Maler sofort frei ließen und an den Ort der Unruhen zurückkehrten, um sich einen anderen zu greifen.

    Landeanflug in Düsseldorf, dieser Scheißtag nähert sich seinem Ende, permanente Lektüre bewahrt die Welt vor dem sofortigen Zerfall vor meinen Augen. In der Schrift wird alles kompatibel. Im Lufthansa-Bordbuch schreibt der bekannte Schriftsteller Hubert Winkels über die Stadt: „Und wenn traditionell jede Stadt einer Frau gleicht, dann ist Düsseldorf eher eine attraktive Mittzwanzigerin, verführerisch und klug; doch ins Herz sieht ihr keiner so schnell (und die 700 Jahre sieht man sowieso nicht).“

    Zuhause beim Fernsehen: endlich Entspannung bei Steins Kulturfahrplan, die 50er Jahre: Ich wußte nie, daß Bayern einst von einer SPD/FDP/Bayernpartei regiert wurde, daß nicht die Jungs aus The Right Stuff, sondern ein Brite in den 50ern den Höhenrekord für Düsenflugzeuge hielt, daß der späte Ortega y Gasset ausgerechnet noch einmal Meditationen über die Jagd vorlegen mußte, war das bei ihm Jüngersches Insektenforscherdelirium? Man weiß es nicht, und warum ist das wichtig für mich oder Herrn Stein, der in der 87er Ausgabe noch immer von dem „Negersänger“ Nat King Cole spricht und in den 50er Jahren ein dermaßen ungeheuerliches Gewitter von kommunistischen Greueltaten über die Welt niedergehen läßt, den Senator McCarthy aber nur mit eineinhalb Eintragungen erwähnt, die von seinen Popularitätsverlusten handeln. Dafür sind in den letzten Jahren Jacques Lacan, Anselm Kiefer und Ivan Lendl neu dazugekommen. Erst 1955 wurde die Bertelsmann GmbH gegründet und 45 Prozent der Menschen mit Abitur lehnen die moderne Malerei „im Stile Picassos“ ab, bei denen mit Hauptschulabschluß sind es nur 32 Prozent. Am 6. November 1956 soll es zu einer krisenhaften Verschärfung der Beziehungen zwischen USA und UdSSR gekommen sein, die sogar die Schweiz veranlaßte, nach einer Friedenskonferenz zu rufen, und die Amerikaner, Eisenhower mit großer Mehrheit wiederzuwählen. Und Don Campbell, dessen zweiten „Bluebird“ ich noch heute als Corgi-Modell auf einem Altar stehen habe (der Arme verunglückte ’67 tödlich bei einem Rekordversuch zu Wasser), stellte seinen ersten Landgeschwindigkeitsrekord auf: 648 km/h. Mann ist das interessant. Alles läßt sich hinschreiben, Zahlen zuordnen, die von Jahr zu Jahr einen höheren Beitrag ausweisen (In roten oder in schwarzen Zahlen? Ist Geschichte Verschuldung oder Kapitalakkumulation?). Alles läßt sich aufeinander beziehen und vergleichen, wenn es mit den Buchstaben zu paktieren bereit ist. Jacques Rigaut war dazu nicht bereit, er vollendete fast nichts. Hinterließ „Dokument über das Unvermögen zu schreiben“. Schrieb: „Lebendig bin ich nur, insofern es sich um die Herztätigkeit handelt und um die äußeren Höflichkeitsformen.“ Wer Rigaut kennt, ist entweder in sein absolut sauberes Scheitern verliebt oder verachtet ihn dafür. Dabei ist es am hilfreichsten zu prüfen, was sein aussichtsloser Kampf abgeworfen hat, bevor er das Handtuch warf, um herauszufinden: wie geht und was bringt absolute Sauberkeit? In der 83 von der Edition Tiamat herausgebrachten Sammlung Suizid zu lesen, reinigt uns von den Verheerungen des planlosen Wissensdurstes. Eine Stunde mit ihm mußte noch hinein in diesen Tag. Die letzten Worte aber hat Serres, in der Kneipe vorgelesen:

    Wir sind in uns selbst vergraben; unablässig und nutzlos senden wir Gebärden, Zeichen und Töne aus. Niemand hört zu. Jeder spricht, niemand versteht; die direkte oder wechselseitige Vorlesung, ihn kümmert nicht, ob man ihm zuhört, ein anderer ist jovial und gibt sich überlegen; damit die Aufmerksamkeit nicht erlahmt, würzt er das Zuhören mit seinem Humor; ein dritter, Choleriker, reckt seine ganze kleine Gestalt empor und terrorisiert seine Umgebung; sie alle spielen auf ihren vorbereiteten Instrumenten, die nach ihrem Eigennamen heißen. All das müßte eine Kakophonie ergeben, und ich gebe zu, es macht Lärm. Und Leibniz hat recht, die Monaden sind abgeschlossen, sie verstehen und hören einander nicht. Und dennoch kommt manchmal ein Gleichklang zustande. Die erstaunlichste Sache von der Welt ist, daß es zuweilen ein Zusammenspiel gibt, Verständnis, Harmonie.

    Und davon handeln die Schallplatten, die ich jetzt noch hören werde.

  • Screaming Blue Messiahs – Spiegelbild im silbernen Auge

    Bill Carter und seine hinreißenden Jungs (sie sind schon über dreißig, deswegen können sie noch Baß und Schlagzeug spielen) haben zum ersten Mal in ihrem Leben Erfolg mit „I Wanna Be A Flintstone“, fielen aber in einem Smash Hits-Flintstone-Quiz grausam durch, Carter nennt denn auch Wilmas Schwangerschaft in einer frühen Folge den einzigen Grund für Song und Video: „Das war das einzige Mal, daß ich in einem Zeichentrickfilm eine schwangere Frau gesehen habe“. Worum es ihm wirklich geht, raunzt Carter Diedrich Diederichsen in seiner netten, wortkargen Art zu.

    Wie kürzt man Screaming Blue Messiahs ab? Screaming Blue Mess. Schreiendes blaues Durcheinander. Eure Musik dient wohl nicht dem Transport irgendwelcher Emotionen, sage ich zu Bill Carter – nichts anderes als gedehntes, gelangweiltes Einverständnis erwartend –, sie ist wohl eher eine Art schnelles Verkehrsmittel, in das man sich hineinsetzt und aufs Gas drückt?

    „Na, ja, stimmt schon. Aber … warte … da gibt es schon ein paar Gefühle. ‚Waltz‘, das ist doch ein sehr gefühlvolles Lied …“

    Ich meine natürlich, daß jeder von sich redet und zunächst mal ist einer nur so gut in seiner Kunst wie er als Mensch gut ist, aber er kann ja was verstehen und an sich arbeiten. Das neue Kultur-Dogma, auf das sich zur Zeit alle – vom Theaterkritiker bis zum E-Musik-Rezensenten, von der Zeit bis zum Zeitgeist – geeinigt haben, lautet ja: Gut gemachte Unterhaltung ist ja so viel schwieriger und wertvoller, als wenn einer von sich redet (dabei ungemein beweiskräftig auf dem toten Toten Botho Strauß rumtrampelnd). Weil: das können die zynischen Arschgeigen nicht ab. Sie könnten ja darauf kommen, sich nur in Gedanken vielleicht anhören zu müssen, was sie von sich sagen müßten. Übel, übel. Dann lieber der gutgemachte Krimi, Alan Ayckbourn oder Ute Lemper.

    Dabei gibt es eine Welt, in der tatsächlich und korrekt Kunst ohne Innenleben auskommt. Aber nicht, weil die Beteiligten nicht von sich selbst sprächen, sondern weil sie keines haben: weganalysiert. Die Welt des erweiterten Blues-Begriffs, die Welt der Screaming Blue Messiahs. Ich drehe mich also wieder um und spreche zu Carter: Jahrzehntelang war der Blues, gerade auch bei den ihm immer wieder zugewandten weißen Amerikanern, ein Tummelplatz der Sentimentalität, des hysterischen, ausgedachten Weltschmerzes.

    „Stimmt. Dabei gibt es da Sachen … Also, ich glaube, sie haben den Kontakt zu John Lee Hooker verloren, ich glaube, das ist es.“

    John Lee Hooker hat auch von sich selbst gesprochen, aber sein Innen verzeichnet nur zwei Begriffe. Whiskey. Denkpause. Ahja, wie hieß gleich das andere noch? Genau: Women. Whiskey … and Women. Denkpause. Siebzehn Riffs. Was war jetzt gleich mit Frauen und Whiskey? Genau. Ruined my life. So war es. Bis sieben Minuten um sind. Jetzt aber wieder ein fröhliches Lied. Let’s make it, pretty Baby. Let’s make it right now. Not tomorrow night. Not the next day, Babe. I mean right now. How-How-How.

    Das hat nichts mit Primitivität oder gar Reduzierung zu tun. Das ist korrekte Analyse der Lebensumstände des Menschen als Künstler, in dem Sinne wie das jeder ist, der was weiß. Und wer weiß schon nichts. Keiner weiß mehr. Funktioniert vielleicht erst ab einem bestimmten Alter.

    „Wir machen keinen Baby-Kram, Alter!“

    Das mußte mal gesagt werden. Carter bricht mit seiner Band auf der Autobahn der Tour-Bus auseinander. Draußen schneit es. Andere hätten jetzt angefangen zu heulen. Das schneetreibende blaue Durcheinander lädt die Instrumente in einen neuen, irgendwo eilig gemieteten Van um. (Wie macht man das? Wie findet man als Engländer mitten im westfälischen Schnee die Nummer der nächsten InterRent? Bringt einem InterRent das Fahrzeug zur Unfallstelle?) Besorgt sich dann einen zweiten Pkw, weil das Ding zu klein ist. Kommt erst nach dem Set der Vorgruppe im Laden an. Spielt mit fremder PA und ohne Soundcheck ein Programm runter, das alle folgenden Bands, die das Pech haben an den nächsten Abenden hier aufzutreten, wie weinende grüne Anmaßungen aussehen läßt. Nach ihnen ist jede Gitarre in einer anderen Hand eine Anmaßung. Und erst dieser Drummer, der beste, den ich seit dem Burenkrieg gesehen habe. Wenn man so eine Live-Band ist, muß es eine verdammte Strafe sein, Platten zu machen, die auch selten so gut sind wie das Zeug auf der Bühne, wenn Carter rappt und die Stücke kein Ende nehmen.

    „Ich mag unsere Platten nicht. Die zweite mochte ich überhaupt nicht, was daran lag, daß wir unter entsetzlichem Zeitdruck standen und plötzlich gesagt bekamen, das Ding muß in der nächsten Woche fertig werden, dabei hätte sie gut werden können. Bei der neuen ist es besser, aber der Sound ist nicht das, was ich will. Kleine Details an der Abmischung stimmen nicht. Und das reicht. Nicht, daß wir so wären wie sie, aber ZZ Top haben jahrelang Platten gemacht, die immer ganz gut waren, aber mich nie sonderlich berührten, bis Eliminator, wo sie plötzlich auch die winzigen kleinen Details im Griff hatten. Das war der Treffer. Seitdem macht ihnen keiner mehr was vor. Wir sind noch nicht so weit, aber wir arbeiten dran.“

    Statt Whiskey, Frauen und Es-Machen hat Carter, der ein Mensch der Neuzeit ist, sich andere allgemeinverständliche internationale Kurzworte ausgesucht, die jeder versteht und sein immer knappes lakonisches Staunen über diese Welt zum Ausdruck bringen: Jesus, Chrysler, Fred Feuerstein, Bikini, Lügendetektor. Was man von der Welt sieht, wenn man, nicht aus Eitelkeit, sondern wegen roter Augen (Bikini Red), die Sonnenbrille nicht abnimmt. Nicht gerade das, was man einen persönlichen Text nennen würde.

    „So ist das wohl. Produktnamen finde ich sehr gut, um was zu sagen. (Pause). Außerdem: Ich mag Andy Warhol. Wenn Du verstehst, was ich meine …“

    In „I Can Speak American“ heißt es: „What they did to the Kong was wrong“. Ist das King Kong oder der Vietcong?

    „Eigentlich King Kong. Aber die andere Möglichkeit ist natürlich genauso attraktiv.“

    Ein weiteres Argument dafür, als Deutscher englische Rocktexte nicht zu verstehen und interessant überzuinterpretieren.

    „Ein weiteres Argument dafür, niemals einen Songtext zu analysieren.“

    Jo! Carter. Er schreibt jetzt Songs. Nicht, daß er sich irgendwo hinsetzt und sie schreibt, aber er macht jetzt Platten als etwas anderes als geglättete Wiederholungen von Live-Konzerten. Was der Platte gut bekommen ist. Die SBM sind eine der letzten „Underground“-Bands, an die sich noch ein Major herantraut. Pierce („Gun Club, ja, die mag ich immer noch sehr gerne, sonst fällt mir keine Band ein, die ich zur Zeit gut finde.“) meinte neulich in diesem Blatt, daß man in so einer Lage Gefahr läuft, sowohl die Underground-Klientel zu verlieren, ohne andererseits beim Mainstream-Publikum Blumentöpfe zu gewinnen.

    Da kann er sich nur wundern

    „Ich glaub nicht, daß es so laufen muß. Obwohl wir auch im Moment große Schwierigkeiten mit unserer Plattenfirma haben. Man wollte uns vorschreiben, uns bei Fernsehauftritten nicht zu bewegen, die Sonnenbrille abzunehmen und so ein Zeugs. Im Moment hockt einer in einem Studio, verschandelt irgendein Band und sie nennen das die neue Screaming-Blue-Messiahs-Single. Aber wir sind eine Band, die Zeit braucht, ich glaube, wir werden auch das Problem überwinden. Ich meine: der Gun Club. Ich sage Dir was, Mann: Hast Du jemals in einen Gun-Club-Tour-Bus reingeguckt? Hast Du jemals, wenn die irgendwo angekommen sind, die Türen geöffnet und in den Bus reingeguckt? So etwas Fertiges hast Du noch nicht gesehen. Die waren dann nämlich gerade drei Stunden um den Auftrittsort im Kreis herumgefahren. Schuld hat übrigens dieser Typ da, er war damals ihr Manager, heute ist er bei uns.“

    Aber ihr findet die Venues besser? Oder hat er inzwischen Stadtpläne besorgt?

    „Stadtpläne sind nicht der Punkt. Wir haben die richtigen Kanäle. Verstehst Du: Kanäle.“

    Nicht ganz, äh, hast Du schon die neue Wilko Johnson gehört?

    „Nein, Mann, wie heißt sie?“

    Sie heißt „Messin’ With The Kid“, nein, sie heißt nach einer Zeile aus dem Song, sie heißt: Call It What You Want.

    „Aha. Gut?“

    Naja. Carter hebt die Stimme: „Ich kann es bis heute nicht verwinden, daß sie sich getrennt haben. Das war so sinnlos. Keiner von ihnen war je wieder so gut wie beide zusammen. Lee Brilleaux nicht und Wilko Johnson nicht. Es ist so grauenhaft. Sie hatten einfach nicht bedacht, was sie da tun.“

    Aber das ist ja nun schon eine Weile her?

    „Für mich ist es immer noch so als wäre es gestern gewesen. Ich komme darüber nicht hinweg. Dr. Feelgood war die beste Band für mich. Sie waren menschlich und unkonventionell. Sonst ist die Musik immer unmenschlich oder konventionell, aber diese Wärme und diese Art zu spielen.“

    War es kein Fehler, daß Du die Motor Boys Motor aufgelöst hast?

    „Nein, die Band kam irgendwie nicht zurecht. Der Sänger konnte sich zum Beispiel nicht an die ständigen Auftritte gewöhnen, und auch von der Musik her klappte es nicht.“

    Der Sänger hat an ein paar Titeln der neuen Platte mitgewirkt, dieser Tony Moon.

    „Ja, er rief an und meinte, ich habe einen Titel für Euer Album, ‚Bikini Red‘. Tja, da mir das nicht eingefallen war, mußte ich es leider nehmen.“

    Dir machen aber die vielen Auftritte nichts aus? Gehörst zu der Rasse, die am liebsten 23 Stunden schlafen und eine Stunde auftreten würde?

    „Überhaupt nicht. Ich spiele nur, um Geld zu verdienen, sonst würde ich viel seltener auftreten. Letztes Jahr haben wir ja auch ein Jahr Pause gemacht, weil wir jede Lust verloren hatten. Zwei, drei Auftritte im Jahr, das wäre ideal. Am besten einmal einen ganz großen.“

    In einem Stadion?

    „Nee. Das müßte schon ein ganzes Land sein.“

    Die USA vielleicht?

    „Ja, da läuft es sehr gut. Es ist ein ziemlich hartes Land, und die Kinder wollen da keinen Kinderkram wie in England. Da sind sie bei uns natürlich richtig.“

    Einfache Wahrheiten sind besonders schöne Wahrheiten, nicht wie so mancher denken mag, Rockism: das wären einfache, faule Lügen. Innen leben ist okay, aber manche Leute haben es sich abgewöhnt, abgearbeitet oder sind ohne geboren. Die wundern sich nur. Und wissen einem glaubhaft und überzeugend Sachen wie diese zu vermitteln:

    „Weißt Du, was ich glaube?“

    Nein.

    „Music (Pause) should be (Pause) fucking exciting!!!“

    Mmmmh.

    „And that’s easier said than done.“

    Well, …

    „Aber wir arbeiten dran.“

  • Die Winterschlacht

    Am Schauspielhaus Bochum hat Frank-Patrick Steckel die „deutsche Tragödie“ inszeniert, die der frühere Expressionist und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher 1941/42 im Exil in Taschkent geschrieben hat – quasi live zur realen Winterschlacht um Moskau. Ein berechenbares Stück?

    Heiner Müller hat irgendwo gesagt, daß die Deutschen Moskau nicht einnehmen konnten, weil in der Sowjetunion eine andere Zeit herrschte. Den sieggewohnten Krad-Schützen, die am Anfang von Bechers Winterschlacht 100 km vor Moskau stehen, dämmert Ähnliches. Geschwindigkeit scheint plötzlich etwas anderes geworden zu sein als die Division von Raum durch Zeit. Es bedarf gar nicht der immer wieder ausgerechnet irgendwelchen Nazis in den Mund gelegten Berichte über unerschrocken heldenhaft, mit einem „Lang lebe Stalin“ auf den Lippen in den Tod gehende Partisanen, um uns diese politische Relativitätstheorie verständlich zu machen: Die Deutschen stießen auf die historische Raumkrümmung. Der eroberte und blutbesudelte geographisch meßbare Raum ließ sich nicht mehr dividieren durch die nicht mehr als Tage und Nächte und Stunden und Sekunden in Reih und Glied antretende Zeit.

    Ich war nicht dabei. Wie ich seit über zehn Jahren nicht im Theater war. In Bochum herrscht eine andere Zeit als in Düsseldorf, Köln oder Hamburg. Die wenigen Minuten zwischen Ankunft und Premiere bei McDonald’s: Diesen Jugendlichen mit Exciter-T-Shirt und trotz winterlicher Temperaturen nichts drüber außer der Matte gibt es nördlich von Dortmund und südlich von Duisburg nicht. Wo gibt es noch Theater? Wo gibt es Krieg?

    Eingeschlossen in die fünfzehnte Reihe, genau in der Mitte, Menschen vor, hinter, über und neben mir, deren gedrängte unbewegliche Präsenz von den Rändern nach innen, also auf mich hin, zunimmt, so daß ich eingeschlossen bin in der ganz und gar anderen Zeit des Theaters, und alle meine Sinne haben nur einen einzigen Fluchtweg: das Bühnenbild, das mit allereinfachsten Mitteln, mit Fluchtlinien und kameramäßiger Beleuchtung den Blick ansaugt, um ihn in die Eingeschlossenheit des Krieges zu sperren: ein panischer, fünfzehnminütiger klaustrophobischer Anfall. Dazu ist das Theater also gut. Panische, klaustrophobische Anfälle nützen eben nur der Diskussion des Krieges. Das Theater ist die geeignete Stätte der Diskussion des Krieges. Seinen Niedergang verdankt es vermutlich der Verdrängung des Krieges, der kalten Friedenszeit in Mitteleuropa and so on.

    So wie jedes Kunstwerk auch verherrlicht und verharmlost, was es nur darzustellen und zu diskutieren vorgibt, so verharmlost und verherrlicht zum Beispiel jeder Kriegsfilm den Krieg. Von dieser Selbstverständlichkeit schreiten wir zu der Behauptung, daß man zwischen guten und schlechten Kriegsfilmen unterscheiden kann. Die guten handeln von auswegloser Eingeschlossenheit, von der kleinen unlösbaren Aufgabe, von G.W. Pabsts Westfront 1918 bis zu Kubricks Full Metal Jacket, die schlechten blenden zurück zur Heimat, führen die Figuren plötzlich auf Vertrautes zurück, wie eine Psychologie der Soldaten. Aber der Soldat hat keine Psychologie, er ist ja ganz woanders, aus der Familiengeschichte gnadenlos in die Weltgeschichte katapultiert. Auch Becher blendet jeden zweiten Akt in die Heimat zurück, wo sein Stück und auch die gute Inszenierung – die sparsam und sachlich zu retten versucht, was zu retten ist – auf das Niveau eines stalinistischen Herbert Reineckers, und das ist noch ein Kompliment, abrutscht. Sicher hat jeder Soldat irgendwo eine Familie, aber sein vollkommen unvermittelbar von ihr Abgetrenntsein macht mindestens jeden modernen und ganz besonders diesen Krieg aus. Er kann nicht zu Weihnachten nach Hause gehen und den Faschismus als vulgärfreudianischen Familienroman zu Ende diskutieren.

    Wer von dem ehemaligen DDR-Kulturminister ein berechenbares stalinistisches Stück erwartet, sieht sich mehrfach getäuscht. Becher ist in jeder Beziehung nicht koscher, was diesem Stück Vor- und Nachteile beschert. Er ist seiner Zeit voraus und dann wieder hoffnungslos hinter ihr her, verliert sich in triefenden Monologen, die den alten Expressionisten verraten, und ist plötzlich jeder beschränkt vulgärmarxistischen 50er-Jahre-Lesart der Geschichte um gut zwei Jahrzehnte voraus, wie in dem eingangs geschilderten Problem der Zeitkrümmung. Aber dann liest er den Faschismus als Schande gegen Deutschland, trotz pflichtgemäß erwähnter sowjetischer Helden seien vor allem die Deutschen seine Opfer. Wir haben uns an Deutschland schuldig gemacht, die Russen zeigen uns den Weg zurück zum guten und zum neuen Deutschland. Danke! Aber kann es nicht sein, daß die Russen nicht lieber auf diese Funktion verzichtet und ihren Bevölkerungsbestand um 20 Millionen höher gehalten hätten? Negativ fixiert auf den Faschismus in seinem Exil in Taschkent, wo er das Stück 41/42 quasi live zur Schlacht um Moskau geschrieben hat, kehrt Becher dessen Prämisse einfach um. Nicht am deutschen Wesen soll die Welt genesen, sondern das deutsche Wesen soll an der Welt genesen. Daß diese dabei in Flammen aufgeht, ist ihm eigentlich ebenso scheißegal wie seinen Gegnern.

    Rührenderweise verteilt er dabei Zensuren an die deutschen Landsmannschaften. Der Schwabe ist ein Spießer, der sich an der Front an Fotos von selbst vorgenommenen Hinrichtungen aufgeilt, der Bayer – Becher stammt aus München – ist dagegen der eulenspiegelige Stabskoch, der ständig der gesamten Nazi-Brut subversive Zweideutigkeiten sagt; die einzige unangenehme Figur im Frontpersonal, der für seine ganz und gar unpassenden Clownereien vom Premierenpublikum natürlich den meisten Beifall erntet (der allerdings die schönste Rechtfertigung für die Diktatur des Proletariats, ja für Stalinismus und Bürokratie in der DDR ausspricht: Dieses Volk verdient keine Freiheit, seine einzige Fähigkeit ist der Gehorsam, also braucht es den Befehl zu Frieden und Menschlichkeit). Der preußische Nazigeneral läßt einen Funken vom „anderen Deutschland“ aufglimmen, wenn er die sowjetischen Partisanen mit den Befreiungskriegern vergleicht, an die Befehlsverweigerung des York von Wartenberg sich erinnert, nur monologisierend zwar und dann doch dem Führerbefehl sich beugend aber immerhin … Fast alle Nazis werden so im Laufe des Stückes nach und nach exkulpiert.

    Im Mittelpunkt steht ein Muttersöhnchen, das erst im letzten Akt sein Mitläufertum aufgibt (und zum Mann wird, wie es paradoxerweise gerade seine Mutter von ihm verlangt, die ihn daran bislang hinderte), und sein Freund Nohl, eine ganz eigenartige und bestimmt nicht als Zugeständnis an pädagogisch-didaktische Absichten ins Stück gebrachte Figur: Nohl ist Architekt, als einst glühender Nazi hat er sich von seinem Vater losgesagt, seinen besten Freund verraten und vom Aufbau einer neuen, antiindividualistischen Welt geträumt, ein Strasserianer, ein linker Nazi als Kommunist auf Abwegen, der als mehrfach ausgezeichneter Soldat noch vor dem Einsetzen der Handlung alles begriffen hat und im dritten Akt desertiert. Mit ihm, der von Anfang an die Analysen des Autors vorträgt, dessen Monologe auch sprachlich die gelungensten sind, holt Becher auch noch den gefallenen Expressionisten, die ästhetizistische Künstlertype, den Doktor Benn heim in den Konsens des guten, andren, neuen Deutschland, ja stellt ihn an die Spitze der Bewegung, denn Avantgarde bleibt Avantgarde. 

    Diese optimistische Lesart der Avantgarde, wo Leninsche Avantgarde, militärische Avantgarde – Nohl steht ja als erster mit seinem Krad vor Moskau – und künstlerische Avantgarde zusammenfallen ist zu gleichen Teilen Wunschdenken des Expressionisten Becher wie eine in der Linken gerne vergessene richtige Einsicht. Der Avantgardist im weitesten Sinne ist wie Müllers „Lohndrücker“ derjenige, an dem sich die Richtigkeit eines Systems, die Gefahren einer historischen Lage zuerst und am krassesten entscheiden. Er wird der erste, fürchterlichste und glühendste Faschist, aber er versteht auch als erster diesen Irrtum. Er wirft als erster die Flugblätter, die zur Desertion aufrufen. Er wird später mit Sollüberfüllungen das Lohnniveau der Brigade drücken. Diese extreme Version des bürgerlichen Individuums ist zugleich Revolutionär und Decadent, die sich beide gegenseitig erst möglich machen, ist der beste Sozialist und darum auch sein schlimmster Feind.

    Becher reflektiert dieses Problem nicht, er liefert durch diese schwierige, in die konventionelle Lesart nicht passende Figur nur eine weitere Bruchstelle für sein hinten und vorne nicht stimmiges Stück. Diese Unstimmigkeit ist dessen großer Vorteil, der Grund, dieses Stück zu spielen: Es legt die Unfertigkeit, Unabgeschlossenheit jeder intelligenten linken Diskussion des deutschen Problems in der adäquaten Form nieder. Es weiß, wenn auch nicht zu genau, davon, wieviel „linke Energie“ (Brecht) im Faschismus steckte, und besteht darauf, daß die Zeit keine Wunden heilt. Denn Zeit vergeht hier schon mal gar nicht. Im zweiten Akt läuft der von einem Radiorecorder festgehaltene erste noch einmal am Volksempfänger in der Heimat ab. An der Front prosten sich die Offiziere eins ums andere Mal zu: „Auf den zweiten Akt der Schlacht um Moskau!“ Zu dem es nie kommt. Nachdem der letzte deutsche Soldat zusammengebrochen ist, tritt ein Offizier der Roten Armee vors Publikum und erklärt den Deutschen die Deutschen. Diesem köstlichen, panisch-kindlichen Kunstgriff Bechers wird in der Bochumer Inszenierung noch eins draufgesetzt. Der Offizier spricht russisch, das heißt: Die Deutschen können ihn nicht verstehen. Damit wird die Zeit endgültig 1942 angehalten, die Erlösung durch die sowjetische Besatzung, die wie jede Erlösung natürlich keine Lösung ist, hilft uns nicht, die Illusion bleibt unangetastet. Die komischen grünen Figuren irren weiter durch die ins Nichts führenden Fluchtlinien, sagen sich ihre mal hochtrabenden Kitschsentenzen, mal selbstquälerischen Analysen auf und verrecken. Da wo das Theater sich übernimmt, wo es die Illusion, die ihm keiner mehr abnimmt, noch auf die Abstraktion von der Illusion ausdehnen will, scheint es zu funktionieren, da wo es wildbunte Live-Unterhaltung bieten will, wird es sich einsargen lassen können.

    Wir werden mit zwei Behauptungen entlassen: Weil sie falsch gedacht haben, konnten die Deutschen auch den Krieg nicht gewinnen. Moralisch falsch und strategisch falsch ist ein und dasselbe. Das nenne ich, in einem wiederum anderen strategischen Sinne, heute, strategisch korrektes Wunschdenken, also eine richtige Maxime, unabhängig davon, ob sie sich an den echten und den metaphorisch sogenannten Kriegen beweisen läßt, nur so kann man die notwendigen Kämpfe führen. Die zweite ist ein auf das Schlußbild projiziertes Mao-Zitat: Ein unpolitischer Mensch ist ein Mensch ohne Seele. Und in der Gewißheit, daß „Seele“ hier wieder einer der notorischen Übersetzungsfehler bei Übertragungen aus dem Chinesischen ist, sehe ich einmal mehr im Mißverstandenen, im Übersetzungsfehler, in der unvollendet auf dem Höhepunkt der Ausweglosigkeit bei größtmöglicher Hitze abgebrochenen Auseinandersetzung, wie sie dieses Stück vorführt, die Chance des richtigen Gedankens.

  • Fünf Freunde und die Schleyer-Entführung

    Für den Rest seines Lebens haben sie den Peter-Jürgen Boock hinter Gitter gesperrt. Dort hat er einen Roman geschrieben, in dem steht, was sich zugetragen hat, der aber keinen denunzieren will. Es ist eine Geschichte der Katastrophe des Jahres 1977, auch eine Geschichte, die zwischen Hippies und Punk-Rockern spielt

    „Rock-music is breeding soldiers and killers“
    Henry Rollins

    Wie ungenau Pop-Musik sein kann (oder wie allgemeingültig)! Wie Millionen andere in aller Welt, die zwanzig Jahre später schlecht gelaunte Rundfunk-Moderatoren geworden sind oder einfach SPD-Mitglieder, wurde Peter-Jürgen Boock von Eric Burdon & The Animals und Country Joe & The Fish politisiert. Der Soundtrack zur romantischen, gefährlichen Ein- oder Zweisamkeit (in anonymen Interconti-Zimmern) war der gleiche wie bei vielen Millionen Drogen-Hippies, Individualanarchisten und 68ern mit künstlerischen Neigungen, die heute vor dem Musée d’Orsay für die Van-Gogh-Ausstellung Schlange stehen oder Bücher von Matthes & Seitz lesen: „Strange Days“ von den Doors.

    Das ist die späte miese Rache der Legalen. Die großen, bösen, konsequenten Terroristen haben sich mit den gleichen schlappen sentimentalen Hippie-Lebenslügen getröstet wie die letzten Penner vom Campus. „Strange Days“ und dazu ein Joint, etwas Rotwein und mit der Genossin in die Badewanne gehen, sich gegenseitig Lebensgeschichten erzählen. Grusel, aber so war’s, so steht es geschrieben. Die Illegalen suchen in Kampfpausen Erbauung bei den allerlegalsten aller Subkulturvergnügungen, bei bekannten billigen Platten und bekannten billigen Gefühlen und bekannten billigen Drogen. Das Erstaunen darüber steht für den Mythos, daß einer, der zur Waffe greift, irgendwie mehr wissen, ein „höheres Bewußtsein“, eine „Erleuchtung“ erlebt haben muß.

    Der Unterschied, der in Boocks „Roman“ zwar nicht herausgearbeitet, aber ablesbar ist, besteht allerdings darin, daß die Legalen diese Mittel zur Steigerung ihres Lebens benutzten, die Illegalen aber zur Dämpfung, zur Beruhigung. Man trifft sich in der Mitte. So wie immer alle großen US-Revolutionäre oder einfach nur Outcasts immer irgendwann bei Gospel oder Country & Western und Mutters Apple Pie enden, durchzieht das ganze Buch die Gefahr, die die Sehnsucht nach dem ganz billigen Gefühl, der großen, schönen korrumpierenden Sentimentalität – als Absturz aus der als notwendig erkannten Isolierung von allen Darreichungsformen der verschiedenen, in der Welt da draußen existierenden Common Senses – bereithält.

    Wenn Du ein Schreiber bist, mußt Du hingehen und nachsehen, wie es ist. Aber da, wo Du hingehst, kannst Du auch umkommen, sagt William Burroughs. Und das geht natürlich auch umgekehrt, wie eine Vielzahl von Büchern zeigt, die Leute nur geschrieben haben, weil sie irgendwo waren (oder sind), wo sie auch hätten umkommen können. Fast schon professionell zaubert Boock die Toten aus dem Hut, wenn die Story langweilig werden könnte, in kunstvoll eingeschachtelten Rückblenden. Wie plötzlich das Gehirn eines libanesischen Freundes an seinem T-Shirt, ohnehin verschwitzt, klebt, wie dem Genossen Hans der tote Kopf seiner Freundin, der Genossin Lore, auf den Schoß sinkt, woraufhin dieser wild um sich zu schießen beginnt, was wiederum einem Polizeibeamten das Leben kostet, wie Christliche Milizionäre in Beirut eine Genossin zu Tode foltern, indem sie eine ausgehungerte Ratte sich durch die Vagina in das Körperinnere fressen lassen … Überhaupt Beirut, aus Beirut kommt er in der gleichen Verfassung zurück wie der all american GI aus Vietnam. Es war nicht so, wie sie es ihm gesagt haben. Die Fronten waren nicht klar, jeder schoß auf jeden. Das Konzept Stadtguerilla kam aus Südamerika und scheiterte in Beirut. Die Strategien des US-Imperialismus sind eben vielfältig, nicht immer nimmt er die leicht zu bekämpfende, geschenkt gehaßte Fratze des Militärdiktators mit altmodischer Sonnenbrille, des Latifundista oder der United Fruit an, da wo die Strategie der USA einfach nur noch Destabilisierung heißt, ist auch jede Guerilla nur ein Faktor der von den anderen gewollten Destabilisierung, spielt deren Spiel. Seit Beirut, so Boock immer wieder, war er nicht mehr der Alte.

    Die alte und zu einfache These, daß die RAF im Prinzip deren Spiel gespielt hätte, Vorwände geliefert für das, was damals auf Flugblättern „Faschisierung von Staat und Gesellschaft“ genannt wurde, für Repression und bis vor kurzem fälschungssicheren Personalausweis (wie wenig ein Staat dafür Vorwände braucht, sieht man heute), wird in diesem Buch schon mal einem legalen Unterstützer, dann wieder einem holländischen schwulen Hippie und Popjournalisten in den Mund gelegt, auch das eine oder andere Gruppenmitglied öffnet sich in sentimentalen oder kritischen Momenten Einwänden oder Vorwürfen, wie dem des verlorenen Kontaktes zur Basis/den legalen Unterstützern. Diskutiert/entschieden wird eigentlich nichts. Wo Aust sich in die Psychologie rettet, um nicht Stellung zu nehmen (und damit Stellung nimmt: Terrorismus oder Sozialdemokratie? – eine Sache der Temperamente), nimmt Boock die Literatur zu Hilfe. Action und Horror und Liebesszenen zerreißen dann die Analyse. Was aber schon in wesentlich ungefährlicheren, bescheideneren Entscheidungsprozessen in everybody’s autobiography den Tatsachen entspricht; denn es ist ja in jedem Leben der Trick der Welt, mit Action, Horror und Liebe die ungestörte, zu richtigen Entscheidungen führende Reflexion zu zerreißen.

    Und der, der hier „ich“ sagt, was ist das für einer? Boock ist sich überhaupt nie sicher. Selbst wenn er als harter Revolutionär auftritt, vergißt er nicht hinzuzufügen, was er „wirklich“ gedacht hatte, „in Wirklichkeit lieber“ gesagt hätte. In den entscheidenden Momenten der vielen Diskussionen mit seinen beiden Freundinnen in der Guerilla, Anna und Renate, zieht er sich auf seine „Ganovenehre“ zurück, die ihm auch unabhängig von allen politischen Erwägungen gebietet, „die Stammheimer“ zu befreien, weil sie ihm seinerzeit geholfen haben, als er im Heim saß. Damit ist er dann ganz alleine in der Gruppe, der „Strange Days“ hörende Ex-Dealer. Strange days have found us, strange days have tracked us down und die Verse des kleinbürgerlichen Rimbaud-Fans und Drogen-Existentialisten Jim Morrison, Sohn eines US-Offiziers, helfen den ganzen isolierten, selbstgewählten Kriegsstatus als einen seltsamen Trip auszupolstern, in den man vulgär-existentialistisch „geworfen wurde wie ein Hund ohne Knochen“ (Morrison, a.a.O.). Und das kann ich gut verstehen, auch wenn es doch zu seltsam ist, daß andere Leute dasselbe Lied benutzten, um mit schlechten Schulnoten, schlechtem Haschisch oder weggelaufenen Freundinnen fertig zu werden.

    Immer wenn die Dritte-Welt-Argumentation durch ist, verlangen die legalen Freunde und Unterstützer nach einer Einschätzung der Lage in der BRD. Und dann kann Boock seinem holländischen Pop-Kenner-Freund Willem auch nichts anderes erzählen als die Leier von den TV-Zombies und -Spießern, die dringend befreit gehören, dann mokiert er sich über McDonald’s „Plastik“-Essen wie der blödeste Juso-Studienrat, dann fragt man sich, wer hier eigentlich wirklich der Spießer ist.

    Ein RAF-Kommando bezieht mit acht Personen eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem dieser berühmten anonymen Appartementhäuser. Sie achten auf Anpassung. Am ersten Abend gestatten sie sich Lärm und Fröhlichkeit und Rotwein und den gemütlichen Joint, weil sie das den Spießern gegenüber als Einweihungsparty deklarieren können. Von da an müssen die zwei, die sich als das junge Mieterpaar ausgeben, jeden Morgen zu der Zeit, wenn die Spießer das Haus verlassen, weil sie nämlich arbeiten, ebenfalls jeden Morgen das Haus verlassen, die anderen dürfen sich nicht mehr bemerkbar machen, allenfalls nachts sich davonschleichen, sogar die Toilettenbenutzung wird rationiert.

    Dabei weiß jeder, der jemals in so einem Haus gewohnt hat, daß sich da in der Regel weit schlimmere Dinge zutragen als ein wenig Guerilla. Man schmeißt Kinder aus dem Fenster, verprügelt abgeschleppte Stricher, killt Callgirls und geht in den seltensten Fällen einer geregelten Arbeit nach. Mit so erzspießigen Dingen wie einer Housewarming Party halten sich höchstens die paar Studenten auf, die gerade keinen WG-Platz in einem schönen Altbau mit Stuck abgekriegt haben. Selten so deutlich wie in diesen Szenen wird einem, wie für die deutsche Guerilla die Maxime ihrer Vorbilder sich dramatisch ins Gegenteil verkehrt hatte: Nicht von einer sympathisierenden Unterstützerszene freundlich umgeben sind sie, sondern spießigen Arbeitsrobotern – die schon lange vor der großen Terrorhysterie offensichtlich nichts anderes im Kopf haben, als zur Rettung von McDonald’s und TV-Zombietum abweichende Verhaltensweisen aufzuspüren – ausgesetzt. Das ewige 68er-Problem: Über dem Kampf gegen die Spießer wird man zwangsläufig selber zum Spießer.

    Eine der sympathischsten und am anschaulichsten geschilderten Figuren ist „der Lange“, Boocks großer Freund aus dem Heim, mit dem er, bevor er in den politischen Untergrund einsteigt, eine Dealerkarriere macht. Der Lange ist von Anfang an gegen die Bürgerkinder und „Studententussis“ mißtrauisch. Es macht ihm Spaß, die Kiffer vom Campus abzuziehen, es macht beiden Spaß, das Geld mit beiden Händen auszugeben, erster Klasse zu reisen und die Minibars im Interconti zu plündern (eine Neigung, die Boock sympathischerweise auch bei der RAF nicht los wird und den puritanischen Genossinnen auf rührende Weise als strategische Notwendigkeit – nicht auffallen etc. – zu verkaufen versucht). Der Lange setzt sich später, von Drogen ruiniert und vom abtrünnigen Freund enttäuscht, live vor Boock und seiner Freundin den goldenen Schuß. Jeder kannte damals so einen, so einen schlacksigen Dealer, der vor nichts Angst hatte, von dem man sich gerne linken ließ, dessen cooler wortkarger Humor Vorbild für die Jungen und Erbauung für die Gleichaltrigen war. Und von dem man dann irgendwann hören mußte, daß er sich den goldenen Schuß gesetzt hatte. Dieses Leben wäre für Boock die einzig denkbare Alternative zur RAF gewesen.

    68 wurde die Alternative geboren, Drogenhippie zu werden oder Linksradikaler, 77 Punk oder Yuppie. So steht es in den Geschichtsbüchern geschrieben. Lange hat man 68 mit friedlichen Demonstrationen vieler friedlicher oder nur begrenzt gewalttätiger Langhaariger assoziiert und 77 mit Beendigung kläglicher und korrupter Existenzen und nihilistischen Punkrocks. Folgt man diesem Buch, war die RAF nichts anderes als extremes Hippietum, politisch extremer und drogenerfahrungsmäßig extremer, nicht aber das andere, Anti-Hippie-Bewußtsein, das im Punk populär wurde. Die Alltagsansichten, die Alltagskultur, die Lieblingsfilme (Casablanca), die Diskussionen, bei denen am Ende der Recht erhält, der mit „dem Bauch“ oder aus der Betroffenheit argumentiert, alles pur Hippie, wie es der Punk-Rocker haßte. Die Stammheim-Begeisterung der Punk-Rocker wäre demnach nichts als Kult, weltfremde Heroisierung irregeleiteter Jugendlicher auf der Suche nach einem Leitbild. 

    Ich glaube das nicht, ich neige eher dazu, daß die Katastrophe der RAF, die das Jahr 77 darstellte, im Punk-Rock ihr angemessenes Spiegelbild gefunden hat, der ja nichts anderes zum Ausdruck brachte als die Enttäuschung, daß man seine Aggressionen nicht mehr politisch sinnvoll in Terror umsetzen könne. Der, der für diese Einsicht sein Leben gegeben hat, ist natürlich ein Held. Mogadischu ist das Golgatha jeder weißen, kleinbürgerlichen, europäischen Jugendrebellion. Der Haß, das Aufbegehren hat seitdem die Form eines rituellen Dennoch angenommen, ohne die Chance, in seinem Sinne die Welt zu gestalten. Viele verzichten heute von vornherein auf ihre Jugend. Haß darf keinen Sinn mehr haben, heute, das ist die große Niederlage. Denn es gibt natürlich immer noch und immer wieder genauso viel gerechten Haß wie ehedem. Dem Hippie aber, den die Punk-Rocker dann in Form von sozialdemokratischen Lehrern bekämpft und gehaßt haben, wurde eigentlich nur vorgeworfen, nicht wie seine Gesinnungsgenossen beizeiten sein Leben gegeben zu haben.

    Was ist ein Roman? Wenn man aufschreibt, was sich zugetragen hat, aber niemanden denunzieren will. Solche einfachen Wahrheiten werden einem noch einmal klar, wenn man Romane von Terroristen liest.

    Sehr lange habe ich darüber nachgedacht, woher ich die extrem unangenehme, unangemessene Sprache kenne, die Boock wählt, wenn er die Terroristen sich unterhalten läßt. Der sonst normal geschriebene Roman wird fast unlesbar, wenn es zu Gesprächen oder Diskussionen kommt. Egal ob im Angesicht des Todes oder beim konspirativen Treff in Amsterdam, die Figuren reden in einem umständlichen, blumigen, mit müden Witzen und Formulierungen wie „Spaß beiseite“ gewürzten Deutsch, das mir von irgendwoher bekannt vorkommt. Ist es die „eh, Du“-Sprache der 70er Jahre? Teilweise. Ist es das bemüht Verbindliche von Rockerpfarrern? Nicht ganz. Nach 150 Seiten etwa wußte ich, was es ist: Enid Blyton, 5 Freunde und die Schleyer-Entführung. Nachdem das klar war, konnte ich es wieder gut aushalten. Schließlich ist das nur ein weiterer Aspekt des tiefgreifend-rührend-sympathischen Charakters des Peter-Jürgen Boock, der dieses Buch durchzieht und nur Haß zuläßt auf einen Staat, der es für nötig befunden hat, diesen netten, leicht ältlich-vergrübelten, unglaublich bemühten und verantwortungsbewußten Bürger Boock in erster Instanz für dreimal lebenslänglich plus fünfzehn Jahre hinter Gitter zu sperren.

    Es gibt nach wie vor keinen Grund, sich auf die Schulter zu klopfen, weil man damals nicht dabei war: Man dachte ja nicht anders, war nicht schlauer als die, die in diesem Buch zu Wort kommen, man war ja nur zu klein, zu alt oder zu feige. Ebenso unzulässig, wie aus diesem Buch Rückschlüsse über die RAF oder gar die deutsche illegale Linke im allgemeinen zu ziehen, wäre es, die in irgendeiner Weise „typische“ Autobiographie eines Heimkindes herauslesen zu wollen, dem nur die eine oder andere Sorte von Illegalität blieb. Eher kann man von der Gefangennahme durch eine Zeit sprechen, die bis heute für Boock andauert und unauslöschlich Grundsätze festgelegt hat. Daß viele andere, die diese Grundsätze teilten, mit sehr viel heilerer Haut davongekommen sind als Boock und der Lange, verdankt sich der Gestapo-Logik, nach der diese Welt organisiert ist: Muckt ein Dorf (Generation, Klasse, Religion) auf, wird halt willkürlich jeder Zehnte herausgegriffen und erschossen.

    Peter-Jürgen Boock: Abgang. Lamuv Verlag 1988, 327 S., 38 DM