Kategorie: Archiv

  • Spätsommer der Subkultur

    Vor 30 Jahren platzten die Träume

    Im Sommer 1969 wurden die Karten neu gemischt. Das allgemein als legendär geltende Woodstock-Festival verbreitete das nicht ganz neue Konzept Gegenkultur bis in den letzten Winkel des Planeten. Das lag zwar auch daran, dass die Ereignisse zwischen dem 13. und dem 15. August von cleveren Hip-Kapitalisten zum ersten gleichzeitig vermarkteten Film-Schallplatte-Medienverbund im großen Stil zusammengeschweißt und von einem Weltkonzern vertrieben wurden, aber Ähnliches hatte man auch schon zuvor unternommen. Zwei Jahre vor Woodstock, auf dem Höhepunkt der weltweiten Hippie-Begeisterung und mit einer musikalisch wesentlich interessanteren Besetzung hatte man versucht, das Festival von Monterey zum definitiven Moment einer neuen Kultur zu erklären. Doch erst Joni Mitchells Kommentar zum Woodstock-Festival mit seinen regressiv-utopischen Verheißungen – zu deutsch: „Wir sind Sternenstaub, wir sind golden und wir müssen es schaffen, zurück in den Garten“ – erhielt den seitdem inflationär vergebenen Ehrentitel „Hymne einer Generation“.

    Ja, Generation, auf was sonst sollte man sich berufen? Na, ich denke, es geht schon etwas präziser. Das Konzept „Gegenkultur“, das in jenem August – kurz nach der Mondlandung und kurz vor dem ersten Regierungswechsel in Bonn, dem eigentlichen Ende der Nachkriegszeit also – als Massenprodukt in die Welt gesetzt wurde, war mehr als nur eine Generationenbestimmung. Um ihm näher zu kommen, werden uns zwei andere Prominente helfen, für die in diesem August das Schicksal seinen Lauf nahm, Theodor W. Adorno und Charles Manson.

    Der eine starb, viel zu früh und bis heute unersetzt, ausgezehrt und genervt von – genau – Subkultur und Studentenrevolte am 6. August 1969 im Urlaub in der Schweiz, wo er sich nämlich gegen ausdrücklichen ärztlichen Rat gleich am zweiten Urlaubstag wieder beim Wandern übernehmen musste. Der andere, der wesentlich im Gefängnis sozialisierte Dauer-Outlaw Manson stiftete seine Gang heruntergekommener, von den falschen Drogen (Stechapfel: bis zu 30 IQ-Punkte gehen pro Einnahme verloren) gezeichneter und von seiner Guru-Autorität geistig abhängiger Hippie-Jünger zu ihren spektakulärsten Untaten an, den sogenannten Tate-LaBianca-Morden.

    Maxima Amoralia

    Einen Tag vor Adornos Tod nahm die Polizei in Los Angeles den Musiker Bobby Beausoleil wegen des wahrscheinlich ebenfalls von Manson angestifteten Foltermordes an Gary Hinman fest. Beausoleil sollte später vom Gefängnis aus den Soundtrack für den letzten großen Film des schwarzen Magiers und verdienstvollen Underground-Film-Erfinders Kenneth Anger einspielen, Lucifer Rising. Ein in jeder Hinsicht bedrohliches und einschüchterndes Progressive-Rock-Georgel – eigentlich sollte Beausoleil auch den Luzifer darstellen. Dazu kam es nicht; er schloss sich stattdessen im Knast, wo er heute noch sitzt, der berüchtigten rassistischen Aryan Brotherhood an, deren zentrales Ziel es war, „weiße Gefangene vor schwarzen Vergewaltigern zu schützen“, die auf weißes Fleisch scharf seien – eine Phantasie, die Beausoleil mit seinen Freund Charles Manson und dem inzwischen verstorbenen Beach-Boys-Schlagzeuger Dennis Wilson teilte.

    Der 1983 als Venice-Beach-Bum ertrunkene Wilson träumte angeblich oft nachts von schwarzen Vergewaltigern und sprach mit Manson darüber, dessen spirituelle Präsenz er mit dem Maharishi verglich, den die Beach Boys kurz nach ihren Erzkonkurrenten, den Beatles, entdeckten. Dennis Wilson sorgte auch dafür, dass die Beach Boys im November 1968 zwei der düsteren Kompositionen des Folk-Rockers Manson aufnahmen: aus Mansons „Cease To Exist“ wurde unter den makellosen Vokalharmonien der Wilsons „Never Learn Not To Love“, als Komponist auf dem Album 20/20 wurde Dennis Wilson ausgegeben.

    Zwei Tage nach Adornos Tod, fünf Tage vor Woodstock, rückte ein Manson-Kommando aus, um in der von Roman Polanski gemieteten Villa, Nummer 10500 Cielo Drive fünf Menschen, darunter die hochschwangere Sharon Tate, Polanskis Ehefrau und gefeierte Darstellerin in dessen Tanz der Vampire, „bestialisch“ zu ermorden, wie es immer heißt. Zu diesem Anlass erfanden sie das seitdem von zahllosen Horror-Regisseuren übernommene Mit-dem-Blut-der-Opfer-Parolen-an-die-Wand-Schreiben: die schaurigen Graffiti bezogen sich wiederum auf Songs der Beatles, für deren Weißes Album der Fan Manson eine popfantypische hermeneutische Obsession entwickelt hatte.

    Wenn man vom Cielo Drive in die erste Straße rechts abbiegt, kommt man in den Benedict Canyon Drive, von dort aus geht es schnurgerade bergab, dann wieder rechts ein Stück den Sunset Boulevard herunter, zur Rechten lässt man die hyperreichen und schwerstbewachten Villen der Schönbergs und Manns liegen, um dann irgendwann links in die nicht mehr ganz so üppige South Kenter Ave einzubiegen, wo Adorno in einem Holzbau mit Doppelgarage die mittleren vierziger Jahre verbrachte, gelegentlich Thomas Mann oben auf dem Berg beim Doktor Faustus in Sachen Dodekaphonie beriet und die Dialektik der Aufklärung co-autorte. (Und nun raten Sie mal, wie die Kenter Ave nach dem nächsten Block heißt? Richtig, Bundy Drive! Und wer wohnte da, wohl? Nein, nicht Horkheimer, hier lebte O.J. Simpson, aber das ist eine andere Geschichte).

    Der Mann, dessen berühmtesten Diktum zufolge es kein richtiges Leben im Falschen gäbe, erst recht nicht in Brentwood, Los Angeles, nahm seinen Satz mit ins Grab und machte den Platz frei für ein Festival, das den ursprünglich nur ein paar eingeweihten Bohemiens und Hipstern bekannten Umstand massenhaft feierte und vermarktete, dass mit den richtigen Glückstechniken bewaffnet (Drogen, Musik, Arbeitsverweigerung, Spiritualität und Sexualität – und alles auch käuflich) dieses richtige Leben, und sei es für ein paar Tage, doch möglich sei, mitten in den Vereinigten Staaten des Falschen.

    Doch diese Feier war von Anfang an von der Tatsache kontaminiert, dass aus all diesen Befreiungen heraus eine „bestialische“ Raserei, Folter und Mord genauso hervorgehen konnten wie die berühmte Liebe und der sattsam bekannte Frieden. Man darf nicht vergessen, dass den Hippie-Utopien als erstes nämlich noch nicht ihre Vermarktbarkeit vorgehalten wurde. Das passierte erst so ab 1971, als überall die Levi’s-Anzeige (Motiv „Pop-Festival“) erschien und Konkret und Franz Josef Degenhardt den Konsumismus und Eskapismus der Pop-Kultur gnadenlos zu geißeln begannen („Die Wallfahrt zum Big Zeppelin“) – wofür das Pop-Festival immer öfter die zentrale Metapher abgab.

    Nein, zuvor wurde den Hippies vor allem ihr Manson vorgehalten, einer der ihren, klar zu erkennen an den langen Haaren, der genauso brutal und entfesselt in Blut baden würde wie die anderen nackt in den Flüssen und Seen der freien Natur Nordamerikas. Und in gewissem Sinne war das auch stichhaltiger. Nicht die Vermarktung hat das Konzept Gegenkultur zur Strecke gebracht. Es war von Anfang an ein innerkapitalistisches Konzept, das aber gelegentlich antikapitalistische Effekte zeitigte und tatsächlich dazu taugte, die Umwertung von Werten, sofern sie den Kapitalismus nicht in seinen Grundfesten bedrohten, auch erfolgreich massenhaft zu verbreiten.

    Ganz klar, dass dies nur in Komplizenschaft mit dem Markt geschehen konnte. Dennoch gelang es den sich notorisch und naiv „antikommerziell“ gerierenden Werten der Gegenkultur immer wieder, sich auch gegen den Markt zu erneuern, den Markt als Problem zu thematisieren und darüber hinaus ihre Attraktivität für neue Generationen aufrecht zu erhalten. Gegenkultur brach erst zusammen, als ihre politischen Rahmenbedingungen zusammenbrachen. Ein mehr oder weniger intaktes bürgerliches Wertemilieu, auf das man von außen Druck ausüben konnte, dem man die (wiederum Bürgertum-internen) Klassiker Doppelmoral und Unterdrückung individueller Entwicklung vorhalten konnte und das generell bereit war, Reformen zu dulden, die – ohne dass es das wissen konnte – auch seiner Ökonomie zugute kamen.

    Nein, die Dialektik aus antikonsumistischer Befreiung (mit ihrer Schattenseite: bürgerlicher Elitismus) und massenhafter, warenförmiger und effizienter Verbreitung revolutionären Gedankengutes (mit diversen Schattenseiten: Verflachung, Entschärfung, Konsumismus) war solange intakt, wie die westlichen Gesellschaften insgesamt reformierbar waren oder sich reformierbar gaben. Erst seit die „individuelle Entwicklung“ ganz in eine fitmachende Freizeit einerseits und gnadenlos individualisierte Konkurrenz von flexiblen Karrieristen andererseits aufgeteilt worden ist und das politisch-ökonomische Ganze von einer Politik der Kultur nicht mehr adressierbar ist, ist das Konzept Gegenkultur gebrochen.

    Der Markt alleine, solange er nicht totalitär war und andere Institutionen noch etwas zu melden hatten, konnte zumindest in Grenzen noch als Instrument verstanden werden. Das Böse war dagegen von Anfang an ein zentrales Element des Konzepts Gegenkultur. Dies war die eigentliche Rache von Adornos Diktum. Denn wer Überschreitung predigte, wer die individuelle Entwicklung und Verwirklichung als einen Weg aus den Entfremdungen predigte, durfte, solange er im Falschen lebte, nicht vergessen, dass diese Schritte sich immer auch gegen die Moral der Gemeinschaft, auch der neuen Gemeinschaft richten mussten, um nicht beim bloßen wirkungslosen und leblosen Predigen des Guten stehen zu bleiben. Die Tat um ihrer selbst willen, der Übertritt um seiner selbst Willen – ein entscheidendes Element des Konzepts Gegenkultur: jetzt hier anders zu leben und dies ohne Geduld zu realisieren – lappte immer auch ins Böse und Bestialische.

    Gleichwohl war dieses Risiko unabdingbar für die Idee der Gegenkultur: die Aktualisierung der Ideen, der Primat des Erlebens machte ihre Erotik aus, unterschied sie von der trockenen politischen Idee, um die herum sich brav überzeugte, protestantische Gewissenstiere sammeln dürfen. Riskant und politisch korrekt, lebendig und fortschrittlich zugleich waren Gegenkulturen immer nur dann, wenn sie intakte, die Paradoxe ausbalancierende communities bildeten, die aber an Gesellschaft als Ganzes noch angeschlossen waren – und sei es in pointierter, gerichteter Negation.

    Doch was für Gemeinschaften brachten die Vorläufer der Gegenkultur in diese neue massenhafte Gegenkultur des Spätsommers 69 ein? Der Journalist Ed Sanders reagierte im August 69, als die Dämonisierung der Hippies durch die Manson-Morde und die Festnahme Beausoleils die amerikanische Mainstream-Kultur zu dominieren begann, indem er eine aufwendige Recherche rund um die Manson-Familie aufnahm. Er wollte die Fakten aufdecken und die Ideologie derer, die Hippies und Manson in einen Topf warfen, attackieren. Was er fand, war ein weitverzweigtes Netz von Sekten, Satanisten und schwarzen Magiern, die die kalifornische Subkultur von L. Ron Hubbard bis zu dem Byrds-Produzenten und Doris-Day-Sohn Terry Melcher, von Obersatanist Anton LaVey bis zu Kenneth Anger, von Rassisten und Rechtsradikalen bis zu revolutionär gesonnenen Rockern durchzogen und seine Befürchtungen noch übertraf.

    Die neue Gegenkultur erbte diese südkalifornischen Strukturen ebenso wie die literarischen Zirkel, Proto-Ökologen und Anti-Rassisten der nordkalifornischen Beatniks – und vieles mehr. Seit das Konzept Gegenkultur verschwunden ist, sind seine Bestandteile wieder frei geworden und irren – oft geschichtslos und ungebunden – durch die unübersichtlichen kulturellen Konstellationen. Darunter auch der seit den Achtzigern so oft wiederbelebte Charlie Manson und seine arischen Brüder. Erst als gegen etablierte Hippies gerichtete Punk-Provokation, dann auf T-Shirts und in Songs von Mainstream-Bands wie Guns N’ Roses und heute nicht zuletzt als Nachname einer wenigstens noch zuweilen ganz hübsch ambivalenten Figur wie Marilyn Manson.

    Zum Teil können nachwachsende Generationen mit dem Material wohl immer noch ganz effektvoll irgendwelche resistent bigotten Blödmänner schrecken, zum anderen Teil machen sie aus den freien, radikalen Manson-Molekülen munter ein nunmehr rechtes Konzept Gegenkultur. Dies muss dann nicht mehr mit der Dialektik oder Dissonanz leben, an einem richtigen Leben im falschen wider alle Weisheit zu arbeiten, sondern kann ganz gemütlich und ohne Reibungsverlust mit einem widerspruchsfrei falschen Leben im falschen anfangen. Man kann das überall beobachten. Helter Skelter, ihr Deppen!

  • Hass- oder Spaßgesellschaft?

    Im Osten hat sich eine rechte, gewalttätige Subkultur etabliert. Nur mit Sozialarbeit kann man diesen Rassismus nicht bekämpfen

    Man hatte es schon geahnt, als sich der polnische Widerstand gegen die Jaruzelski-Diktatur auf die katholische Kirche berief: Wenn der Realsozialismus verschwindet, treten Atavismen und Regressionen an seine Stelle. Doch es kam noch dialektischer: Die neue Rechte des Ostens bemächtigte sich nicht etwa alter Nazisymbole, sondern wurde zuerst als neue Jugendkultur sichtbar. Und diese hatte sich teilweise der Zeichen und Symbole bemächtigt, die vorher politisch neutral oder gar als links codiert waren.

    Man muss sich daran erinnern, dass es zwar immer auch rechte Skins in England gab, aber die Bewegung durchaus komplex war, trotzkistische Gruppen umfasste und sich in ihren Anfangsjahren die schwarzen Rude Boys zum Vorbild nahm. Und als nach 1990 immer häufiger gewalttätige neue Rechte in der Ex-DDR zu sehen waren, sahen sie nicht einmal immer wie Skinheads aus, sondern oft auch wie der typische von US-Beach-Kultur beeinflusste Surfer und Skater. Wer Jugendkulturen für per se progressiv gehalten hatte, musste umdenken.

    So präsentierte dann auch das deutsche Fernsehen am anhaltischen Wahlabend 1998 mit seinem DVU-Rekordergebnis einen rundum mit US-Jugendkultur-Codes übersäten jungen Mann, der verkündete, er finde die DVU toll, die tue was gegen die Ausländer. Da feixt dann gerne der gebildete Kleinbürger über die Dummheit des jungen Mannes, der doch selber ganz offensichtlich an ausländischen kulturellen Zeichen orientiert ist und sich daher doch soeben in schwere Widersprüche manövriert hat. Mitnichten. Der Mann hat nichts gegen Ausländer, er ist ein Rassist.

    Die viel beschworene Orientierungslosigkeit rechter ostdeutscher Jugendlicher ist nämlich keine. Die wäre vergleichsweise ungefährlich. Stattdessen kann man eher von einer zugespitzten und engen Orientierung reden: gegen Ausländer, gegen Schwule, gegen Behinderte, gegen den linken und liberalen Wertekanon. Die verbindende Klammer dieser negativen Orientierungen ist ein offener, expliziter Rassismus, der sich vor allem gegen afrikanisch- und asiatischstämmige Menschen richtet.

    Schon der Blick auf die Marktplätze von Kleinstädten, die Bahnhofsvorplätze von Mittelstädten reicht: Die eh geringe Zahl nicht nordisch wirkender Menschen huscht nur noch verängstigt von „sicheren Orten“ wie Banken und Supermärkten zu den Verkehrsmitteln, um möglichst schnell wieder aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Nicht rechte Jugendliche organisieren mittlerweile ein System von Orten (Geschäften, Kneipen etc.), die ihnen bei den alltäglichen Verfolgungen Schutz gewähren. Unterhalb (tödlicher) rassistischer Überfälle gibt es einen Alltag, der mittlerweile nahezu jedem Nichtnazi in ostdeutschen Kleinstädten das Leben zur Hölle macht. Die Mehrheit scheint dies nicht zu stören.

    Der rechtsradikale Mainstream innerhalb der Jugendkultur in der Ex-DDR ist mittlerweile so breit, dass er durchaus Unterschiede innerhalb der Groborientierung zulassen kann. Rechte Skater können offenbar neben rechten Gothic-Fans existieren. Die einen sind eher locker und an einer Frischluftfreizeit interessiert, die anderen introvertierter und stubenhockerischer. Bei den einen herrscht in der Gruppe eine straffe Hierarchie, bei den anderen geht es zeitgemäß ironisch zu und die Hierarchien sind eher subtil vermittelt.

    Es gibt auch nicht mehr nur das eine neonazitypische Sozialverhalten, den rechten Umgangston, den bei proletarischen Rechten noch intakten Zusammenhang aus Saufen, Fußball und Ausländerhatz, sondern rechtsextreme und völkische Positionen bei allen möglichen Jugendkulturen. Den Zusammenhang aller Unterorientierungen liefert aber eine ausgesprochen unsubtile, an plumpen Evidenzen wie Hautfarben orientierte Form von Rassismus.

    Diese Orientierung ist nicht nur gegen die möglicherweise als vom Westen auferlegt empfundenen liberalen Toleranzvorstellungen gerichtet. Sie ist auch nicht allein als Effekt des kapitalistischen Konkurrenzkampfes in Gegenden, die nicht auf dessen kulturelle Abfederung vorbereitet sind, zu erklären. Die jugendkulturelle Rechtsorientierung im Osten enthält vier neue Merkmale, die eine besondere Betrachtung verdienen:

    Sie ist kompatibel mit anderen, traditionell „links“ codierten jugendkulturellen Moden.

    Sie unterscheidet sich von allen möglichen anderen jugendkulturellen Orientierungen vor allem durch ihre geringe Komplexität.

    Sie ist weniger generell rechts als vor allem präzis rassistisch.

    Sie ist nicht gegen die Wertvorstellungen der Eltern gerichtet, sondern versteht sich eher als Radikalisierung und tätliche Umsetzung dieser Wertvorstellungen. Ihr unverrückbarer Grundsatz ist, dass die Deutschen ein ethnisch homogenes Volk sind und dass alle, die nicht deutsch aussehen, auch nicht deutsch sein können. Ob man sie dann nur schneidet, nur verprügelt oder doch lieber umbringen will, sind durchaus umstrittene Nuancen.

    Der Staat muss zeigen, dass der rechte Terror nicht hingenommen wird

    Diese rechtsradikale Jugendkultur ist nicht so widersprüchlich, wie Beobachter gerne behaupten. Während die heutigen Versionen von Jugendkulturen in den westlichen Industrieländern ein hohes Maß an Komplexitätsbewältigung leisten, ist der jugendkulturelle Rechtsradikalismus über eine Mischung aus traditionellen Werten, Konsumorientierung und einem Freund-Feind-Schema erstaunlich simpel strukturiert. Und er kennt keine zweiten Ebenen für seine internen Widersprüche wie die ironiegesättigten Jugendkulturen anderswo. Der Hass richtet sich mitnichten gegen Internationalität an sich und steht damit also auch nicht im Widerspruch zu den häufig artikulierten Träumen von Fernreisen und Marlboro-Abenteuern, sondern richtet sich ausschließlich gegen rassistisch als „anders“ Identifizierte.

    So ist eine Nazi-Guerilla entstanden, die sich vielerorts ganz im Sinne Maos und Ches in der Bevölkerung wie Fische im Wasser bewegt. Eltern und Erzieher teilen die rassistischen Werte, und – wie das Beispiel Gollwitz gezeigt hat – auch die nominell antifaschistische PDS ist nicht gegen antisemitische Orientierungen gefeit. Die Erwachsenen heißen allenfalls die Methoden nicht gut. Genau dies ist auch das Besorgniserregende: Der rechte Untergrund erfüllt eine strukturelle Aufgabe von Jugendkultur – und gleichzeitig wird er auch von der Erwachsenenkultur gebilligt. Seine Opfer werden vom Rest der Bevölkerung genauso eingeschätzt, nur nicht genauso „entschlossen“ bekämpft.

    Was kann man dagegen tun? Ausgehend davon, dass das Hauptübel der neuen Jungnazis ihr gewalttätiger Rassismus ist, stellt sich die Aufgabe, rassistisches Handeln speziell zu verbieten. Vorbild könnten die Gesetze gegen so genannte Hate-Crimes in den USA sein – also durch Vorurteile motivierte Verbrechen. Man müsste nur von den amerikanischen Fehlern lernen, das Kriterium – also „Hass“ – psychologisch in der Subjektivität des Täters finden zu wollen. Vielmehr müsste es darum gehen, Tätlichkeiten, Beleidigungen, Überfälle, Vergewaltigungen bis zum Mord daraufhin zu untersuchen, wie das Opfer ausgesucht wurde und ob – sozusagen „behavioristisch“ von außen gesehen – die Tat die typischen Merkmale eines rassistischen Angriffes aufweist. Angesichts der Tatsache, dass für afrikanisch- und asiatischstämmige Menschen große Teile des Ostens zur No-go-Area geworden sind, sollte man nicht so große Angst vor dem Missbrauch eines solchen Gesetzes haben, sondern davor, dass der jetzige rassistische Status quo irreversibel wird.

    Angesichts der kasachischen Frau in Cottbus, die, wie der Spiegel berichtet, froh ist, wenigstens nicht durch ihre Hautfarbe identifizierbar zu sein, und nur in der Öffentlichkeit den Mund halten muss – angesichts tausender solcher Fälle stellt sich die Aufgabe, diesen „ethnischen Säuberungen“ im eigenen Lande drastischer entgegenzutreten als mit akzeptierender Sozialarbeit. Mit einem solchen Gesetz trifft man auch den geheimen Rassismus großer Teile der Eltern, die selbst latent rassistisch sind, aber eben auch staatsfromm, und für die etwas eben erst verboten sein muss, um als falsch erkannt zu werden. Den Vater, der die Folterungen, die sein Sohn an einem afrikanischstämmigen Klassenkameraden routinemäßig verübt, damit rechtfertigte, „auch der Schily sagt ja, dass das Boot voll ist“, also die Brutalitäten seines Sohnes als verlängerten Arm des Innenministers versteht, könnte man eben nur noch erschüttern, wenn man ihm seinen Rassismus verbietet.

  • Die verschwiemelte Seite der Macht

    Star Wars – Episode I

    Daß man Filme wie Star Wars nicht ideologiekritisch lesen kann oder sollte, ist ein häufiger Einwand gegen Texte, wie den jetzt folgenden. Es gehe um reine Action, reine Bewegung, Unmittelbarkeit von rasanter Bewegung im Raum. Mag sein. Sicher auch. Doch immer, wenn das nicht der Fall ist, immer wenn sich das Aussehen dieser Episode I Entscheidungen verdankt, die nicht um der Unterstützung der reinen Action wegen getroffen wurden, und die nehmen eben doch einen ganz beträchtlichen Raum ein, kann man diesen Film einen stinkend reaktionären Dreck nennen. Ganz unabhängig davon, was man von Formalismen der reinen Action sonst so hält. Und das kann man sagen, obwohl natürlich viele Produkte populärer und nichtpopulärer Kultur vielfältig durchdrungen sind von Mist aller Art. Doch selten sind sie so beherrscht von Ideologie. Fast immer – mehr oder weniger sogar bei den früheren Teilen der Star Wars-Serie – gibt es auch andere Schichten, ablenkende Effekte, unfreiwillige Größe, relativierende Nebenbedingungen, nicht so bei Episode I.

    Die schöne kindliche Königin regiert einen Planeten voller edler kultivierter Menschen, die in asiatisch-Renaissance-oiden Palast-Hybriden wohnen. Man könnte sagen wie im Märchen, ich sage wie in Tibet oder Shangri-La – den Märchenorten nämlich, die eine spezifisch ideologische Vision von legitimer, dynastischer Machtausübung illustrieren, die immer von einem kultur- und wurzellosen, meist stattdessen handeltreibenden Außen bedroht wird. „We tried to develope a culture that had roots“, sagt einer von Lucas’ Chef-Designern. Dort lebt allerdings noch eine andere Rasse, die weniger edel als angeberisch, prunksüchtig und ein bißchen primitiv ist und zufällig afroamerikanischen Slang redet. Diese Rasse lebt eher formlos und buchstäblich unten, nämlich unter Wasser.

    Bedroht wird dieser zweiteilige Planet aber nicht von chinesischen Kommunisten, sondern von einer Art intergalaktischer Händlerrasse, die eine Zoll- und Handelsblockade gegen das Königreich verhängt, das seltsamerweise doch eine Demokratie ist, weil es seine kindliche Königin nämlich gewählt hat. (Warum wählt man jemanden, der in allen anderen Demokratien der Galaxis vermutlich zu jung wäre, um das passive Wahlrecht zu erhalten? Indiziert nicht gerade der zu junge Herrscher nicht eine demokratische, sondern eine dynastische Legitimität?) Schließlich steht hinter den Händlern aber mehr als nur das ökonomische Interesse, nämlich das Böse schlechthin und entfesselt einen Angriffskrieg gegen Planet Tibet.

    Zwei Jedi, also Angehörige einer über allen lokalen und intergalaktischen Staatsformen stehende elitäre männliche Kriegerkaste, irgendwas zwischen KFOR und Sieben Samurai, retten die kindliche Königin – obwohl die natürlich unbedingt bei „ihrem Volk“ bleiben will – und wollen sie zur großen parlamentarisch verfaßten Weltraumregierung bringen, um ihr Anliegen vorzutragen, einen fürderhin tolpatschig Unsinn verzapfenden Unterwasser-Rasta nehmen sie zu ihrem Vergnügen mit, um wiederholt darauf hinzuweisen, daß seine Intelligenz noch unter der der beiden liebenswürdigen Dienstleistungsrobotern einzustufen ist. Seine Afroamerikanismen werden in der deutschen Fassung mit einer Phantasie-Kindersprache übersetzt – er ist dennoch als lustig-unzuverlässiger, „eingeborener“ Bruder Leichtfuß einer uralten kolonialen Tradition zu erkennen.

    Bei einem Gefecht geht aber das Raumschiff kaputt und man landet auf einem anderen Planeten auf Ersatzteilsuche. Dieser Planet gleicht nun eher einer Mischung aus Mad Max III, Iron Man und Marokko. Wieder dominieren gesetzlose und sinistre Händler das Leben und halten sogar Sklaven. Einer von ihnen verfügt nicht nur über das gesuchte Ersatzteil, sondern auch über einen blonden blauäugigen Sklavenjungen, der erstaunliche Fähigkeiten besitzt und einer Jungfrauengeburt entstammt. Für Langsammerker murmelt der eine Jedi auch etwas von einem „Auserwählten“. Mithilfe eines Bluttests(!!) wird der Koeffizient eines Jedi-spezifischen Bakteriums gemessen und siehe da, er ist höher als bei jedem anderen Jedi, eine ganz besondere Rasse, Jesus-Gene.

    Doch leider ist der junge Jesus ja versklavt und zwar von einer Stürmer-Karikatur. Der geflügelte Trödler-Alien, der gerne handelt und feilscht, sieht nicht nur aus wie irgendeine antisemitische Karikatur, er sieht aus wie eine ganz bestimmte, die bekannteste Stürmer-Zeichnung. Diese Figur ist nun so dermaßen dummfrech antisemitisch, daß man sich fragt, wie sie passieren konnte. Man kann ja nicht glauben, daß jemand das absichtlich gemacht hat. Das offensichtlich unbemerkte Entstehen der Figur läßt aber Rückschlüsse auf die spezielle Mechanik der Suspension aller normalen Warnsignale und Antennen im großen Lucas-Team zu.

    Ein großes Rennen mit High-Tech-Schrott-Bricolage-Gefährten, das er gewinnt, bringt dem kindlichen Messias seine Freiheit, man kriegt das Ersatzteil und fliegt zur Weltregierung, die auf einem New-York-Planeten tagt. Doch Demokratie ist ein schmutziges Geschäft. Leider erweist sich das Parlament als typische Quasselbude, die nicht zu Potte kommt und die von schlauen Anträgen zur Geschäftsordnung – die die Bösen natürlich aus dem FF genauso beherrschen wie das Feilschen – lahmgelegt wird. Die edle Königin hält das nicht aus und will zu „ihrem Volk“. Ihr Blut kneift. Den Jedis geht’s genauso. Das „Volk“ wird dann mit Mut und Tapferkeit und Jedi-Kniffen befreit und sogar das primitive Unterwasservolk hilft mit, nachdem man ihm erklärt hat, daß die kultivierten Nepalesen sie gar nicht für unterentwickelt halten würden. Zwinker, zwinker. Man muß sie nur zu nehmen wissen, die Wilden.

    Es ist lange her, daß ein Mainstream-Produkt hergestellt wurde, das soviel Rassismus, Antisemitismus, Biologismus und reaktionäre Ideologie in großen Schöpflöffeln verteilt hat wie diese Star Wars – Episode I, Die dunkle Bedrohung. Abgesehen davon ist auch die Action weitgehend schlapp und langweilig, aber die Frage bleibt doch: wie ist das möglich? Haben zehn Jahre Spott über Political Correctness dazu geführt, daß schließlich jedes Gespür für ideologische Monstrositäten verloren gegangen ist? Sind antipolitischer Backlash und Kritiklosigkeit schon so weit gediehen, daß niemand im Umfeld von Lucas’ nicht gerade verhutzelt kleiner Klitsche gemerkt hat, was er da auf die Welt losläßt?

    Nein, ich glaube, der Grund ist ein anderer. Der liegt eher in den Immunisierungseffekten gegen eine solche Kritik, die eine Rahmenideologie dieses Projekts und verwandter Produkte der Phantasy-Industrie gestiftet hat. Ich meine die Rede vom „modernen Märchen“. Unter dem Deckmantel des Märchens und seines eigentlich kindlichen Publikums (aus großen und kleinen Kindern) dürfen sich rassistische Regressionen regen, die in Hollywood sonst niemand so offen zugelassen hätte. Die Ideologie, daß Kindheit ohne Ideologie ist, produziert selbst weit größere ideologische Monster. Sie legitmiert ein Zurückgreifen auf „alte Geschichten“ und diese sind schon allein durch ihr Altsein nobilitiert – auch wenn es die vom lustigen Bimbo, vom verschlagenen Juden und der parlamentarischen Quasselbude ist. Ja gerade durch den Mix dieser Geschichten mit der von der unbefleckten Empfängnis und der Königin, die ihrem Volk bis in den Tod treu ist, entsteht ein pestilenzartiger Strudel von sich gegenseitig verstärkendem legitimem Kitsch (Bibel) und illegitimem Dreck, dessen Aussagen, wenn sie isolierter dastünden, nicht so leicht davonkommen würden.

    In der US-amerikanischen Rezeption sind der Rassismus und Antisemitismus von Star Wars – Episode I durchaus aufgefallen. Um so erstaunlicher ist, daß die an Fan-Rezeption orientierte Vorfreude sich überall in Europa ungebremst entfalten darf. Eine Special Edition von The Face etwa erwähnt auf Seiten und Aberseiten nicht mit einer Zeile die dunkle Seite von George Lucas’ Epos, sondern wartet stattdessen mit Sekundärliteraturtips auf, mit denen sich auch die älteren und intellektuelleren Fans langsam an die vielfältigen Hintergründe dieses Werks heranarbeiten könne (Macchiavelli, Der Prinz, Frazer Der goldene Zweig etc.).

    Die Weigerung, einen kritischen Blick auf den Krieg der Sterne zu werfen, wird aber auch begründet. Und zwar meistens mit dem ähnlich der Moderne-Märchen-Ideologie Immunität beanspruchenden Argument, „wir sind von Star Wars geprägt – wir können nicht anders.“ Die Generation, die 1977 zehn war (oder jünger), nimmt für sich den Beginn der Hexalogie als eine Art Gründungsmythos in Anspruch – „The myth defining our generation“ wie es in The Face heißt.

    Dieser Mythos hat wohl eine Menge mit dem Beginn des Computerspiel-Zeitalters zu tun. Die zentrale Space-Phantasie verschiebt sich von den Abenteuern eines bemannten Raumschiffs mit dessen sozialen Konstellationen als Folie für die zu bestehenden Abenteuer mit Fremden (die koloniale Abenteuer-Roman-Struktur) zu der individuellen, nunmehr physisch und psychisch nicht mehr sozial erlebten Einzelkämpferperspektive des Space-Invaders-Bekämpfers. Nicht mehr Mannschaften und Raumschiffe waren für die solche Erlebnisse einrahmenden Narrative zu gebrauchen, sondern auf individuelle Stärke zugeschnittene Erzählmodelle, ideal natürlich der Samurai, dessen mühseliger Weg zur Vollkommenheit als Kämpfer wunderbar dem mühseligen Weg zu den verschiedenen Schwierigkeitsstufen der Spiele entsprach.

    Nun ist die Verbindung zwischen westlichen Adaptionen der Samurai-Figur und einer Idee der reinen Aktion auch im Kino nicht neu. Melvilles Le Samouraï (der bei uns Der eiskalte Engel heißt) mit Alain Delon entwickelt einen amoralischen und asozialen einsamen Gangster-Typus, der sich durch Paris und die Gefahren seines Berufes bewegt wie heute der junge Anakin Skywalker durch die endlosen Canyons seines Wüstenplaneten während besagter Rennsequenz in Episode I, die man schon vor dem Start des Films in einer Game-Version kaufen konnte. Doch erst die technischen Revolutionen der letzten 20 Jahre machten diese individuellen, auf psychedelische Effekte und hohe Reaktionsgeschwindigkeit aufgebauten individuellen Speed-Trips einzelner Helden zu der maßgeblichen Form zeitgenössischer Weltraumerlebnisse. Der Einsamkeit dieses neuen Space-Samurai entspricht dabei der des PC-Benutzers – er ist nicht mehr provokativ und dissident asozial inmitten einer Sozialität einfordernden Gesellschaft (wie Delon), sondern konform einsam in einer Gesellschaft, für deren neuere Produktionsmodelle eine gewisse kriegerische Einsamkeit nicht nur aus technisch-ergonomischen Gründen konstitutiv ist.

    Einsamkeit und prinzipielle Asozialität des Samurai (auch wenn er sich immer wieder nach bestimmten elitären Ehrencodices in den Dienst sozialer Zwecke stellt) sind indes nicht allein für die Computerspieldimension der Space Opera entscheidend. Zur Kino-Version des Samurai gehörte schon in den meisten japanischen Darstellungen ein Verstoßensein aus einem früheren, gerechteren, dynastisch legitimeren Königreich oder historischen Zusammenhang. Der Kino-Samurai hat immer seinen Staat verloren. Diesen sucht er entweder wiederherzustellen oder er bewahrt wenigstens die moralischen Prinzipien seiner Kaste. Die Jedi-Ritter sind zwar nominell organisiert wie ein britischer Herrenclub, aber im Prinzip treten sie als solch einsame Bewahrer einer Vergangenheit, eines verlorenen glücklich-legitimen Reiches auf, das natürlich immer mal wieder in bestimmten Inkarnationen in den endlosen Storyverlauf eingeblendet wird, wie hier durch den Tibetplaneten.

    Ein solches verlorenes Reich ist nun nämlich auch die Kindheit des Publikums, von der in der Gründungsmythos-Rede gesprochen wird, auch wenn zunächt ihre identifikatorische Seite als Argument dafür dienen soll, den Film in einem anderen Modus zu sehen und bei der Beurteilung seiner Ideologie mildernde Umstände walten zu lassen. Diese Kindheit ist aber nicht nur die wirklich erlebte des Publikums, die als Kind erlebte kulturhistorische Prägung durch Star Wars, seine Figuren und seine Ästhetik – und damit die Grundlage des Arguments, man könne Star Wars und sein Publikum sozusagen nicht wie einen erwachsenen Film voll verantwortlich machen. Kindheit ist darüber hinaus auch ein Inhalt, nämlich die zu Star Wars gehörende Restauration einer rückwärtsgerichteten Utopie von alter, ungebrochener Legitimität, die an die konkrete eigene und eine universell-mythische Kindheit geknüpft wird, die die Star Wars– und Indiana Jones-Welt hervorgebracht hat.

    Dies ist nicht mehr die aggressive und sexualisierte Infantilität, die viele Avantgarde-Bewegungen der 60er und 70er prägte und noch Punk einige Elemente lieferte, und die eben dadurch gekennzeichnet war, (politische) Ansprüche gegen die aktuelle Erwachsenenwelt zu benennen. Diese Kindheit ist vielmehr immer schon inaktuell, vergangen, dafür legitim: eine legitime Vergangenheit, von dem man auch Kindern schon als vergangen erzählt und von dem aus es sich immer reaktionär in eine verderbte Gegenwart schauen läßt – das ist die ideologische Konstruktion von Star Wars. Legitimität erwächst aus einem unerreichbaren Früher: von diesem kann man eskapistisch träumen und dabei legitim sein. Man kann aber kein unmittelbar gegenwartsbezogenes Handeln daraus ableiten, nur einsamen Gewinn von Überzeugungen und Vervollkommnung – um dann im Recht zu sein, wenn die Stunde schlägt.

    Die relative Unbeachtetheit dieser Konstruktion – Legitimität entsteht durch Kindheit, Kindheit ist immer schon vorbei, aktuelle Legitimität wächst nur einzelkämpferischen Verteidigern vergangener (kindlicher) Werte zu – läßt es zu, daß da, wo dann doch mit Mitteln aus der wirklichen, heutigen Welt gearbeitet werden soll – um die alte und legitime abzusetzen – und ein spießiger Humor an den Aliens „zeitgenössiche“, menschliche Eigenschaften augenzwinkernd ausstellen will, diesem deren Darstellung antisemitisch und rassistisch geraten läßt. Die Absolutierung kindlicher Unschuld, des Ursprungs als Basis von Legimität schafft sich den klassisch ewig bösen Widerpart aus der rassistischen Ideologie. Sicherlich – das sollte man vorschießen – sind das Entgleisungen, es sind nicht die Überzeugungen eines der Beteiligten.

    Aber es sind Entgleisungen, die nicht zufällig passiert sind. Sie folgen zum einen den allgemeineren Gesetzen einer Ideologie apolitischer, durch Blut, Ethnie, Vorgeschichte und Mythen getragenen ahistorischen Legitimität. Es gibt aber auch konkretere kulturgeschichtliche Beziehungen zwischen den Szenarien rassistischer Narrative in diesem Star Wars und einer bestimmten kalifornischen Ideologie. Die Stereotypen „Wüstenplanet“, „Tibet“, „verderbtes New York“ und „Samurai“ bilden die keineswegs neuen Eckpfeiler dessen, was schon mal „Hippie-Faschismus“ hieß und nicht immer tatsächlich faschistisch, aber rechts und religiös gewendet, auf spiritualistische Hippie-Werte aufbaut und die technisch nun weit fortgeschrittene psychedelische Ästhetik einer unmittelbaren und offenbarenden Sinnlichkeit feiert.

    Das dabei entstandene, von bizarren, subkulturellen Traditionen bis zu Lucasfilm reichende kulturelle Reservoir ist natürlich hochgradig inkonsistent und nicht ideologisch festlegbar. Es ist in allen möglichen Konstellationen aufgetaucht – gerade übrigens auch in einer radikalen, sich als „libertär“ verstehenden, fatalen und in Internet-Ideologenkreisen sehr erfolgreichen, antistaatlichen Marktwirtschaftsideologie, die Linie Ayn-Rand-John-Barlowe: es allein auf faschistische Ideologie zu verkürzen, wäre vor allem unverzeihlich grob. Doch gibt es zweifellos auch diese Seite, diesen faschistischen Punkt, wo sich New Age und Neue Männer im Zeichen alter legitimer Reiche und herausfordernder physischer und spiritueller Rituale treffen – er ist einer der Eckpunkte von Star Wars. Besonders ärgerlich und deutlich wird dieser Bezug aber auch, weil außer ein paar Make-Up-Leistungen dieser Film gerade auch auf dem Gebiet einer neuen digital manipulierbaren Visualität nur Konventionelles (und damit visuell Ideologisches) zu bieten hat – im Gegensatz etwa zu dem ideologisch ebenfalls supersinistrem Matrix.

    Das läßt sich sicher nicht damit relativieren, daß der „Comic-Book-Character“ der Star Wars-Welt es dem Zuschauer ständig offen lasse, das Erzählte ernst zu nehmen oder nicht ernst zu nehmen, wie Michael Benson schreibt. Im Kontext der bitter ernsten Erhabenheitsästhetik der Deep-Space-Opera und der psychedelischen Tauchfahrten und Canyondurchquerungen wird klar, daß die Witzeleien nur dazu da sind pubertär unsicher auf andere ernste Wahrheiten zu verweisen, die man sich nicht auszusprechen traut. Der flapsige Rassismus erscheint dann als eine Wahrheit, die allzu explizit auszusprechen noch nicht opportun ist – aber insgeheim legitim. Weil sie vertrieben wurde aus dem legitimen Reich der alten Wahrheiten lebt sie einstweilen als Stammtischwitz weiter, der klandestin auf einen impliziten Common Sense verweist. Damit erscheinen diese Witze aber als noch ernster gemeint, weil als ein Bestandteil des ominösen Geheimwissens, von dem eh die ganze Zeit die Rede ist und für dessen verschwörungstheoretische Deutungsmöglichkeiten nicht nur Kinder heutzutage immer empfänglicher werden. Ich schicke meine Kinder jedenfalls weiterhin lieber in Splatterfilme.

  • Der letzte Bündnispartner?

    Ignatz Bubis hat viel erlebt mit der Linken. Von zum Miethai dämonisierten Feind in den 70ern zum letzten verbliebenen Freund außerhalb der eigenen Kreise, als zentraler (und vielleicht letzter einflussreicher) Vertreter der einzigen legitimen verbliebenen politischen Grundsatz-Position der deutschen Linken in den 90ern, Antirassismus. Neulich habe ich wieder Spex der frühen 90er gelesen. Unübersehbar drängten sich realer Rassismus und abscheulicher Antisemitismus als Post-89er-Symptome nicht nur dieser neuen Nation in den Vordergrund (und in den vor Realpolitik bis dato sicheren Untergrund). Man schwankte zwischen unbedingter Solidarität mit den Opfern, um oft nicht nur deren Verfolgung verstehen, sondern auch deren Weltanschauung übernehmen zu wollen, und einer eher distanzierten Analyse, die auch diesen neuen Rassismus in erster Linie ableiten wollte aus den bekannten Verhältnissen und auf die bekannte Art. Spätestens mit dem Golfkrieg änderte sich auch diese Arbeitsteilung zwischen einer schwärmerischen Begeisterung für einige Opfer und dem daraus folgenden rigorosen Primat des Antirassismus auf der einen (Hip-Hop-Fans, Gesellschaften für bedrohte Völker, Multikulturalisten) und kaltem linken Ableitungsmarxismus auf der anderen Seite. Verschiedene Organe gerade der linksradikalen Tradition, allen voran konkret und darin vor allem Wolfgang Pohrt bestanden darauf, das Primat des Anti-Imperialismus von Autonomen und emotionalisierten Kriegsgegner-Oberschülern durch das des Anti-Antisemitismus zu ersetzen. Wenn Israel konkret bedroht war, durfte eine deutsche Linke nicht wegen eines faulen, in Wahrheit verkappt antisemitischen Anti-Imperialismus auf Seiten dieser Bedrohung (Irak) stehen. Auf dieser zunächst nur mit viel Mut gegen viel Empörung von Stammlesern durchzuhaltenden Position basiert noch heute im wesentlichen der nunmehr im linksradikalen Milieu verbreitete, zuweilen hegemoniale, sich mittlerweile „antideutsch“ nennende Diskurs.

    Dieser hat trotz vieler Verengungen, Verblödungen und Fanatismen, die aber vielleicht eher den Lebensbedingungen seines Milieus geschuldet sind als grundsätzlich fehlerhaften Diagnosen, die erste neue linke Orientierung im neuen Deutschland gesetzt. Interessant war nun in den o. a. Spex-Nummern der frühen 90er das Verhältnis der Deutschland-Debatten zu den Hip-Hop-Debatten. Letztere spielten im Spannungsfeld zwischen einer „zu weit gehenden“ überidentifikatorischen Solidarität mit dem zwar antirassistischen und aus Opferperspektive agierenden, aber „essentialistischen“ und so sich selbst ethnifizierenden Afroamerikanern und einem wiederum „nüchternen“ Versuch, den Opfern ebenfalls zu misstrauen. Später liefen diese beiden Positionen auf die Diskussion um Identitätspolitik hinaus, die nun weit über die ursprünglich die Diskussion führenden Kreise hinausging. Nachdem im Zuge von Identitätspolitik deren generelle Berechtigung, strategischer Essentialismus und rigoroser Anti-Essentialismus in den mittleren 90ern zu Debattenthemen wurden, lautete die Frage in Spex und anderswo: muss nicht jede menschenrechtlich-bürgerrechtliche Erhebung gegen Rassismus durch ein identitätspolitisches Stadium hindurch? Kann nicht das Einklagen der Gleichheit, so wie es die Dialektik formaler Gleichheit nunmal will, nur über die Erfahrung und die Gestaltung der Differenz formuliert werden? Dieser Position stand die gegenüber, die eine menschenrechtlich-bürgerrechtliche Position tendenziell verwarf („Doppelte Staatsbürgerschaft doktert nur an den Symptomen und schafft neue Ungleichheiten“) und auch weiterhin auf der Ableitung auch des Rassismus aus dem Kapitalismus als primäre Wahrheit bestand. Meist gingen diese Positionen auch durcheinander durch ein und denselben Kopf.

    Auf Ignatz Bubis konnte sich nun aber die ganze verbliebene Linke während der 90er einigen – nicht nur die Antideutschen. Er war der einzige Politiker des Mainstream, der ihr noch ein Gesprächs-, oft auch ein Bündnispartner war. Schließlich sah sich ja diese Linke – soweit sie noch realpolitische Positionen ins Visier nahm – weltweit auf bürgerrechtliche und identitätspolitische Positionen zurückgespült. Was lag da für die deutsche Linke näher als Kontakt zum letzten, und zwar aus mittelbar „antideutschen“ vergleichbaren Gründen, bürgerrechtlich engagierten Politiker, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden aufzunehmen? Doch hieß das natürlich auch, ihn zu instrumentalisieren, sein überparteiliches Renommee, seine „Credibility“, ja sein Judentum und sein weitreichendes antirassistisches Engagement einzusetzen, um vielleicht auch ein paar Dinge zu klären, die man mit sich, Eltern und Großeltern ausmachen wollte, um sein eigenes Antideutschentum identitätspolitisch abzurunden. Bubis’ Verhältnis zum Deutschen war eben auch komplexer als einfach nur anti.

    Aber auch Bubis reagierte vor allem auf die Entwicklung der frühen 90er, indem er z. B. in allen Auseinandersetzungen um die Quasi-Streichung des Asylrechts jederzeit das Primat menschenrechtlicher Positionen verteidigte und sich vehement gegen das neue Asylrecht aussprach. Anders als sein eher „partikularistischer“ Vorläufer Galinski leitete Bubis aus seinem Auftrag, den Deutschen zur Stunde ihres wiedererwachten Antisemitismus entgegenzutreten, die Aufgabe ab, ihnen auch wegen ihres anderweitigen Rassismus auf die Finger zu sehen. Damit politisierte er die Rolle des Mahners und übertrat „seine Kompetenzen“ hin zur Politik. Nicht nur dadurch passte Bubis’ Arbeit gegen Rassismus und Antisemitismus und insbesondere gegen deren spezifisch deutsche Spielarten also auch tatsächlich zu einer linken Position, die sich – ob nun in Abgrenzung von Identitätspolitik oder bewusst analog zu den identitätspolitischen Aufbrüchen des Feminismus, der Schwulen und Lesben und schwarzer und Latino-Gruppen in den USA, GB und anderswo – zuallererst als antideutsch beschrieb. Leider haben die Antideutschen das dialektische Verhältnis zwischen identitätspolitischem Partikularismus und seinem notwendigen Übergang in einen neuen, nicht verkappt eurozentrischen Universalismus nie wirklich ausgetragen.

    Während der Walser-Debatte, insbesondere in der Konfrontation mit Dohnanyi, der einige Tage stündlich seine beleidigten Empörungsepisteln in die FAZ gefaxt haben muss – hinten stand der letzte Dohnanyi, auf den Bubis nun reagieren sollte, vorne noch ein neuerer, der schon wieder auf den nächsten Bubis-Text reagieren wollte – fiel mir vor allem auf, wie neben den vielen längst beschriebenen Wahnsinnssätzen des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters die beiden Kontrahenten sich noch auf einer anderen Ebene gar nicht verstehen konnten.

    Dohnanyi sprach immer als volles, sich selbst jederzeit für satisfaktionsfähig haltendes Subjekt, ein kompletter Herrenmensch, der ständig alle Effekte seiner Rede unter Kontrolle hat und dessen Sätze stets in einem repräsentativen Verhältnis zu einem unangreifbaren Ganzen aus Biographie, Intention, Geschichte und Ehre standen – den deutschen Tugenden, die Dohnanyi ja in letzter Zeit öfter einmal neu bewertet sehen will („Weiß denn dieser Bubis nicht, dass ich …“). So einer kann den Vorwurf, antisemitischen Diskursen zuzuarbeiten, immer nur als die Beleidigung, Antisemit zu sein, verstehen und da schreit der Herr nach seinen Sekundanten als alter Verehrer aristokratischer Rituale. Ein deutscher Dohnanyi glaubt immer, ganz und komplett Dohnanyi zu sein, Herr seiner Sache, seiner Sippe und seines Sinns: ein Deutscher hat kein Unbewusstes.

    Bubis wies ihm stattdessen nach, wie er und Walser antisemitische Diskurse bedienen, längst in Gang befindlichen Mechanismen neues Material, neues Futter, Benzin lieferten. Mechanismen, die sie nicht nur aus politischen Gründen, also aus Gründen ihrer falschen neonationalen Position nicht verstehen können, sondern weil ihre Subjektposition gar nicht zulässt, sich vorzustellen, dass ihre Sätze sich mit anderen zu unvorhersehbaren Resultaten und Dynamiken verketten könnten. Okay, ich bin kurz davor, Bubis zu einem organischen Diskursanalytiker zu verklären und diese Position mit Grundvoraussetzungen minoritärer Politik am Ende normativ oder prinzipiell in Verbindung zu bringen. Das wäre, zum Modell zugespitzt, natürlich ein Kitsch, ein Spex-typischer allerdings, der anderen Instrumentalisierungen nicht so fern ist. Es ist aber etwas dran. Bubis verfügte über eine sehr tiefe Analytik der Macht, der deutschen Macht. Aber muss man darauf überhaupt so erstaunt hinweisen? Alles andere wäre doch schließlich eine Überraschung.