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  • Larry Clark: Kids

    Kein Mensch auf der Pressevorführung – zu der ich nicht als Kritiker, sondern als „Lehrender, der auch mit Fotografie / Fotodesign / Fotokunst“ (Anschreiben) zu tun hat, eingeladen war – hat verstanden, was an Larry Clarks erstem Film nun so kontrovers gewesen sein soll, daß der US-Verleih, eine Disney-Tochter, extra noch eine Subfirma gründen mußte, weil die Disney-Zentrale diesen Film mitsamt seinen zu erwartenden Einstufungen der Selbstkontrollen nicht tragen wollte. Noch ließ sich ermitteln, was die New York Times ausrufen ließ: Eltern müßten diesen Film sehen, er würde ihnen die Augen über ihre Kinder öffnen. Als würde nicht Larry Clark jede einzelne Verworfenheit ihrer mißratenen Sprößlinge ästhetisch und transgressionsbegeistert genießen, mithin vermutlich auch billigen und weit über das aus realen Pubertäten gekannte Ausmaß von Verworfenheit hinaus ausmalen. Auch wenn er – unter US-Medien-Bedingungen ein verständlicher Opportunismus – neuerdings schon mal Erschrockenheit demonstriert und seine eigene Familienvaterexistenz ins Spiel bringt, wenn ihn die Interviewer in diese Richtung lenken. Dabei hatte er in seiner Öffentlichkeitsarbeit zunächst noch den unbestechlich authentischen Dokumentaristen raushängen lassen, der nichts getan habe, als kommentar- und emotionslos abzubilden – da war es noch um eine ästhetische Verteidigungslinie für einen von allen Beteiligten offensichtlich für immens skandalträchtig gehaltenen Film gegangen. Dann aber mußte auch die moralische Flanke gedeckt werden, und schließlich mußte aus der Orgie eine Warnung vor der Orgie werden: Diese Chuzpe gab es zuletzt bei Oliver Stones Doors-Film, dessen Darstellerin Meg Ryan ihn schließlich auch als „cautionary tale“ verstanden wissen wollte.

    Beide Strategien wurden bedingungslos gekauft. Begeistert kolportiert das Artforum die Story, wie Clark seinen authentischen Drehbuchautor authentisch am Washington Square aufgelesen hat, wo dieser mit anderen authentischen Kids authentisch abhing und zufälligerweise auch noch ein Drehbuch dabei hatte. Dabei ist Harmony Korine alles andere als ein Straßenkid, sondern wird trotz junger Jahre als förderungswürdiges Talent in der Szene herumgereicht. Seine Freundin und Hauptdarstellerin von Kids, Chloë Sevigny, steht bereits unter dem Schutz der Sonic-Youth-, X-Girl-Hip-Mode-Indie-Welt. Beide versichern einer unglaublich patronisierenden Ingrid Sischy in einem Interview-Interview, daß sie niemals ohne Kondom …, na dann ist ja alles gut. Aber nicht authentisch.

    Denn außer einem rüden Umgangston, Schwulenfeindlichkeit, Pubertätsjungs-Sexismus und Winzigstkriminalität (Melonendiebstahl!) ist das einzig Skandalöse, was diese Kids in dem Film tun bzw. ein besonders perfides männliches Kid ständig tut, Geschlechtsverkehr ohne Kondom. Nun denn. Darüber kann man doch sprechen. Sogar mit Frau Nolte. Clark nimmt sich den Komplementär-Mythos zum allerreaktionärsten AIDS-Mythos, demzufolge die Schuldigen und Schwulen und Ausschweifenden zu Recht erkranken. Bei ihm infiziert sich ein unschuldiges Mädchen beim allerersten Mal. So wird dann die nicht minder mythische Figur bedient, alle und jeden könne es überall und mit gleicher Wahrscheinlichkeit treffen. Schuld ist ein Handsome Devil von einem Jungen namens Telly, der es auf Jungfrauen abgesehen hat. Diese ziemlich fiese Idee wird von dem – und hier beginnt mein Genörgel zusehends abzuebben – böse-süßen Charme dieses Hauptdarstellers abgefedert, wenn er seinem Freund unter dreckigen Prahlworten die an seinen Fingern gespeicherten Gerüche seiner letzten Eroberung unter die Nase reibt. Das ist dann so souverän wie fiktiv wie manieristisch, sexistisch und unpubertär, daß einen dieses Heldenlied auf den Virgin-Killer zwar noch politisch ärgern könnte, nicht aber mehr die Vorstellung, hier solle tatsächlich ein relevanter und authentischer Fall vorgestellt werden. Ebensowenig hat die auf guter alter Last-Minute-Rescue-Dramaturgie aufgebaute „Story“ irgendeine andere als funktionelle Bedeutung: Die vom Test zurückkommende Chloë versucht den Jungfrauenkiller zu warnen, bevor er die nächste erwischt, und gurkt dabei durch alle coolen Kids-Plätze Manhattans. Dabei gelingt es nicht, irgend jemanden dafür zu interessieren, ob sie am Schluß Erfolg hat und die nächste Jungfer retten kann, sondern nur die Orte und Begegnungen, die zu zeigen die Verfolgung Anlässe bietet, scheinen interessant. Dort hängen dann die angeblichen Straßenkids in unrealistisch „integrierten“ Gangs in viel zu teuren Streetwear-Designer-Klamotten herum und arrangieren ihre süßen Kids-Körper mit viel sommerlich unbekleideten Stellen zu erotischen Ensembles, die jede nur denkbare homo- und heterosexuelle Phantasie bedienen.

    Schon die letzten Fotobücher Clarks – 1992, Die perfekte Kindheit – bevorzugten zusehends die Sequenz und die Collage gegenüber dem „für sich sprechenden“, „schockierenden“ Einzelbild – oft mit Schrift –, das die Ästhetik seiner früheren Fotobände prägte. Das ins Daumenkinohafte lappende Layout unterstützte den filmischen Charakter, und die als Element dazukommende recht eigenwillige Collagen-Ästhetik – Collage ohne Überlappungsrhetorik, ohne Konfrontation, sondern als Comic-artiges Narrativ – zeigte ein ähnliches Interesse an. Darüber hinaus geht Kids aber nicht: Alles, was Kino sonst noch zu bieten haben könnte, Charaktere, Dialoge, Musik, Zeit- und Raumideen, wird allenfalls abgehakt, aber nicht entwickelt. Geschichte und Gesichter fügen sich zu einem Clark’schen Bilderbogen, der sich wie ein abgefilmtes Clark-Buch genießen lassen könnte, wenn sich nicht Calvin Klein schon die ganze Zeit aus Clarks Teenage-Mythologie bedienen würde und daher ein unbefangener Umgang damit auch nicht mehr möglich ist.

    Clarks Grundideen von Jugend, Delinquenz, Transgression und Dissidenz haben ja mehrere Durchläufe gehabt. Persönliche Anteilnahme an dramatisch gescheiterten Fällen hilflos-(selbst-)destruktiver Befreiungsversuche bildet die erste Phase (Tulsa, Teenage Lust). „Sozialkritisch“-dokumentarisch-authentische Beobachtungen bleiben von der zweiten Phase, die die zweite Hälfte von Teenage Lust bildet. Seit den 90ern ist er auf der Suche nach einer mythischen Teen-Substanz, die er nun weder erlebt noch vorfindet, sondern selbst inszeniert. Kids gehört in diese dritte Phase, macht das aber nicht klar, sondern verwechselt sich selbst ständig mit Vorgängermodellen und -versuchsanordnungen. Die Teen-Substanz, Verantwortungslosigkeit und Überschreitungsfähigkeit, ist natürlich immer nur als Co-Faktor mit anderen Geschichten, Verhältnissen, Politiken, Bewegungen und Sexualitäten interessant. Isoliert wird es dubios, besonders dann, wenn eine Verteidigung und Feier von Teen-Spirit so leicht in eine Warnung an die Eltern umschlagen kann; wenn die Überschreitung, die einem irgendwie süßen Boy-Subjekt zugeschrieben wird, darin besteht, Mädchen zu demütigen, zu erniedrigen und zu infizieren.

    Trotzdem zeigt auch dieser Film viele Bilder, die – wenig reflektiert, aber brillant inszeniert – vieles von dem zeigen, was als Clarks Methode und Obsession in der Vergangenheit interessant war. Die Obsession bleibt sozusagen das einzig Wahre in diesem Film, eigentlich auch das einzig Gerechtfertigte. Die Inszenierung von Kid-Körpern (männlich und weiblich) als souveräne, schöne Subjekte, als endlose Galerie von Alter Egos eigener, wegen Pubertät verpaßter Jugend ist als Ausdruck eines sich selbst unklaren politisch-sexuell-utopischen Begehrens so erstmal unantastbar. Alles andere kann und muß man kritisieren. Zum Beispiel, daß weder Jugend ohne Pubertät noch das Umgekehrte zu haben sind, sonst zerfallen sie undialektisch in Kids und Eis am Stiel VI. Zu Beginn des Films wird zweimal deutlich, wie prekär der Rahmen der hier verhandelten Bilder und Ideen ist, der sonst nicht weiter diskutiert wird. Eine sehr schöne realistisch-enervierende Szene beim Warten auf die AIDS-Testergebnisse sagt mehr über die gesellschaftliche Dimension von Krankheit als alle Spekulationen über „Tragik“; der Vergleich der Sex-Gespräche von je einer Jungs- und einer Mädchengruppe zeigt sehr schön, wie die Pubertäts-Jungs nur ficken, um anderen Jungs davon zu erzählen, die Mädchen aber über Sex reden, um echte, beim Sex entstandene Probleme in den Griff zu bekommen. Wenigstens das war nicht nur schön inszeniert, sondern auch schön beobachtet.

  • Larry Clark, Jock Sturges. Im Schatten junger Mädchenblüte – Utopie und Sexualität

    Das klassische Werk Larry Clarks1, das mit der Phase seiner ersten, durch die Fotobände Tulsa2 und Teenage Lust3 ausgelösten Berühmtheit zusammenfällt, unterscheidet sich nicht nur durch stilistische Momente, sondern durch Aspekte der Versuchsanordnung prinzipiell von anderen halb-dokumentarischen Darstellungen prekärer oder extremer sozialer Situationen (Sex, Drogen, Jugendliche). Bei Clarks Gruppen nackter und/oder Drogen nehmender oder mit Waffen spielender Jugendlicher handelt es sich um Kollaborateure, Freunde, zuweilen ist der Fotograf selbst im Bild. In Teenage Lust (Untertitel: „An Autobiography by Larry Clark“) erklärt ein langer Text gegen Ende, wer sie waren, und vollendet so den narrativen Charakter, den die Fotobücher ohnehin schon andeuten.

    Als ich vor ein paar Jahren auf die Arbeit von Jock Sturges traf4, interessierte mich zunächst, daß hier jemand offensichtlich ohne inhaltliche Bedenken und Peinlichkeitsgefühle ein utopisch-erotisches Hippie-Befreiungsszenario, durchaus auch mit hohem Unterhaltungswert für Pädophile, bebilderte – ganz offensichtlich so etwas wie eine eigene Vision, die Aussagen zu sozialen, sexuellen und ästhetischen Fragen enthalten könnte. Erkennbar steht der Künstler in der Tradition kalifornischer Heils- und Befreiungslehren wie in jener europäischer Künstler-Enklaven. Hier hatte einer die Körper anderer zur Illustration benutzt, sie arrangiert, komponiert, beleuchtet und verdunkelt. Eine Methode, unabhängig davon, ob man sie moralisch bewerten will, die der Clark’schen Arbeitsweise im Umgang mit dem utopischen Element in der Darstellung junger, nackter Körper in Gruppen entgegengesetzt ist. Dieser vermeintlich prinzipielle Unterschied – Clark als selbst verwickelter Kollaborateur, Sturges als externer Ausbeuter anderer Leute wehrloser junger Körper, die eitle Hippie-Utopien illustrieren – half mir, meinen, allerdings durchaus von Faszination benetzten, ästhetischen Widerwillen gegenüber Sturges zu erklären. Gleichzeitig unterfütterte er mein ästhetisches Einverständnis mit Larry Clarks Arbeit im nachhinein psychisch, indem er mir beruhigenderweise politische Legitimationen anbot.

    Doch schon der begleitende Text zu The Last Day of Summer5 von Jayne Anne Philips deutete darauf hin, daß nicht das Selbst-Verständnis als sozialer Dokumentarist Clark von Sturges trennte, sondern – wie dann spätestens seit dem neuen Sturges-Band Radiant Identities6 durch die begleitenden Texte und die darin enthaltenen Statements von den fotografierten Jugendlichen klar gemacht wird – Sturges sich wie der frühe Clark für einen eingeweihten Beobachter hält, immer kurz davor, in dem extrem seltenen, wertvollen und flüchtigen sozialen System aufzugehen, dessen Entstehen dokumentiert wird: eine vollständige, „ganzheitliche“ Form von Befreiung, eine utopische Gesellschaft. Der massive, für Jeden auffällige Gegensatz zwischen Clark und Sturges, der mich reizte, muß anderswo gesucht werden. Vielleicht liegt er zwischen den verschiedenen Utopien selbst. Diese stehen sich einerseits so antagonistisch gegenüber wie der Marquis de Sade und Rudolf Steiner oder Marxismus und Nudismus, Heroin und Health Food. Andererseits verbindet beide, daß sie Elemente des Hippie-Imaginären enthalten, die bis heute in der Rave-Kultur fortwirken. Dieser Umstand stellt mich genauso vor Schwierigkeiten wie ein schlechtes Hip-Hop-Stück, auf das formal alles zutrifft, was ich unmittelbar davor als die Kennzeichen von gutem Hip-Hop deduziert habe.

    Doch bin ich mir nie sicher, ob die Unterscheidung gut/schlecht mit ihrer angenehm beruhigenden Ermöglichung entweder einer kompletten Distanzierung persönlicher Verwicklung in einen Genuß – wenn überhaupt bleibt das Objekt schlecht, aber ich finde es vielleicht interessant – oder einem beruhigenden Abschluß der kritischen Tätigkeit entspricht – es ist klar, daß das Objekt gut ist, bei weiterer Beschäftigung braucht mich diese Frage nicht mehr zu belasten. Ich bleibe also unsicher, ob diese Unterscheidung von mir nicht nur gewählt worden ist, um in diesem auch mich betreffenden, ungeklärten, unklaren und immer noch wirkmächtigen Hippie-Erbe Ambivalenzen zu eliminieren und Klarheiten zu schaffen, die so nicht zu haben sind. Sturges wäre dann der Hinweis, der auf musikalischem Gebiet vielleicht schon nicht mehr nötig wäre: daß die „unpeinliche“ Traditionslinie Stooges/Punk/Nirvana nicht ohne die andere Seite, etwa von Grateful Dead repräsentiert, zu haben ist.

    Kritiker erleben ihre professionelle Aufgabe, anderer Leute Freizeitvergnügen über nachvollziehbare Kriterien zu beschreiben und zu bewerten, oft als neurotischen Zwang, auch ihre persönlichen Genußerlebnisse über nachvollziehbare Kriterien einem (imaginären) Publikum verständlich zu machen. Die Produktion von Kriterien kommt nie zur Ruhe. Ihr größter professioneller Genuß ist das Gefühl, ein wahrhaft komplexes Erlebnis mit einem Artefakt im nachhinein lückenlos rationalisiert zu haben: Phantastisch, ich hatte also genau das Richtige gefühlt, das beweist mir die Tatsache der Rationalisierbarkeit meines Erlebnisses. Das hierzu alternative Erfolgserlebnis ist schon darüber aufgeklärt, daß Rationalisierungen ihrerseits phantasmatischen Charakter haben können, es ist aber nicht minder befriedigend: Brillant, ich habe ein komplexes, weitgehend kontingentes, ephemeres Kunsterlebnis komplett und lückenlos rationalisiert! Entsetzlich dagegen der Moment, wenn man vor einem Werk steht, das man verabscheut, obwohl es doch all den Kriterien Genüge tut, anhand derer man soeben normativ, der Rationalisierung eines eigenen Erlebnisses folgend, die Gattung beschrieben hat, der auch das verabscheute Werk eindeutig zugehört.

    In den zwei vorliegenden Fotobänden von Sturges sehen wir auf so technisch sorgfältig wie kulinarisch bearbeiteten Blättern nackte oder wenig bekleidete, „selbstvergessene“, sich sonnende oder schlafende, „spielende“, meist eindeutig „posierende“ einzelne und kunstvoll zu Gruppen arrangierte Jugendliche, einige Kinder, einige Eltern, in („spät“-)sommerlichem Ambiente mit metaphysischen Horizonten: Wattenmeer, breite Strände, Teiche, Dünenlandschaften, rustikale Ferienhütten – Planet Sturges. Wie man aus den Begleittexten erfährt, sind die Betreffenden Mitglieder von Familien, die Freunde des Fotografen sind, mit denen er seine Sommer entweder in Nord-Kalifornien, an der französischen Atlantik-Küste oder in den Niederlanden teilt. Wir erfahren ferner, daß er teilweise schon die Eltern der jetzigen Kinder als befreite, transzendental-erotische Teenagergruppen porträtiert und immer dazugehört hat, immer ein Teil dieser Familien gewesen war, deren artsy Hintergrund durch Details angedeutet wird: selbstgemachte Kleidungsstücke, künstlerische Aktivitäten am Strand, Interieurs mit Gitarren und sogar Stücken von recording technology. Sturges ist diesen „befreiten“, aber offensichtlich stabil-befreiten, von der Mutter auf die Tochter den Dokumentaristen der Freiheit vererbenden Familien so nahe wie Clark den teilweise desparaten, teilweise pubertären, teilweise lebensgefährlichen Befreiungsaktionen seiner Teenager aus Teenage Lust.7

    Doch wo Larry Clark schon im Nachwort Tote zu beklagen hat, gibt es bei Sturges die Kontinuität über Generationen hinweg.8 Wo Clarks Teenager die Lust durch Drogen und Inszenierungen steigern, Waffen und Spritzen prominent im Bild zu sehen sind und sexuelle Akte ausgeführt werden, liegen sich die schönen Teenager von Jock Sturges nur in den Armen oder führen Märchenspiele auf, während im Hintergrund ihre Eltern milde billigen, wie ihre superschönen, befreiten Kinder riesige, endlose Wattenmeerhorizonte bevölkern. Dennoch gleichen sich die Szenarien dieser zwei scheinbar so unterschiedlichen und willkürlich nebeneinandergestellten Fotografen wieder auf ganz verblüffende Art: Eine gegebene Anzahl Jugendlicher wird mit bestimmten amerikanischen Strand- oder Sumpflandschaften kombiniert. Und wer sich dann so mit Lehm beschmiert hat und auf naheliegende Weise in die Kamera blinzelt, braucht nur noch denselben Schatten zu werfen, und die Bilder sehen nahezu identisch aus.

    Darüber hinaus ist es aber vor allem ein narratives, hier stets wiederkehrendes Kompositionsprinzip, das die beiden zueinander ins Verhältnis setzt:

    So war es bei mir mit dem Zustand einer Verliebtheit, die gleichermaßen auf diese jungen Mädchen verteilt war. Verteilt, oder vielmehr eigentlich ungeteilt, denn meistens war gerade, was so köstlich, von allem übrigen verschieden und im Begriff war, mir so teuer zu werden, daß die Hoffnung es am nächsten Morgen wiederzufinden die schönste Freude meines Lebens bildete, eben jene Gruppe der jungen Mädchen in ihrer Gesamtheit, so wie sie sich mir an den Nachmittagen auf der Düne zeigte, während jener winddurchwehten Stunden, da auf der Grasfläche nebeneinander vor mir die meine Phantasie so erregenden Gesichter von Albertine, Rosemonde, Andrée erschienen, und zwar ohne daß ich hätte sagen können, welches davon mir diese Stätte so einzig kostbar machte und welches von den Mädchen ich am meisten hätte lieben mögen.9

    Die miteinander verschworenen Gruppen, in denen Teenager ja tatsächlich auftreten, bilden in beiden Fällen das zentrale Motiv und gleichzeitig die Grenze der Komplizenschaft des Fotografen. Denn er kann noch so sehr Mitglied einer generellen Gruppe sein (am Ende durch eine spezielle Funktion innerhalb der Gruppe oder durch Freundschaft mit den Eltern), er kann aber wohl kaum in das Innere der kleinen Schar eindringen, die er wie Proust in Im Schatten junger Mädchenblüte so beharrlich auszuspionieren versucht. Die Scharen sind bei Sturges zwar fast immer von einem Geschlecht (meistens weiblich, wie bei Proust, der sie aber mit androgynen Körpereigenschaften ausstattet: sportliche Mädchen), während sie bei Larry Clark gemischt sind und intern sexuelle Beziehungen haben. Bei beiden fällt jedoch auf, daß wiederholte Darstellungen von Schar-Konfigurationen einzelne Figuren als Rollenträger etablierten, die dann wiederholt zu sehen sind, bis ihnen der Betrachter einen Charakter zuweist – ganz wie bei einem normalen Narrativ, aber mit einer bestimmten Grenze: Er erhält kaum zusätzliche Informationen. Bei Clark gibt es manchmal eine handschriftliche Notierung mit einem Namen, in Teenage Lust am Ende eine Geschichte, die aber kaum die Personen auf den Bildern individuell erklärt, bei Sturges erfahren wir alle Vornamen – sonst nichts. Auch der kleinen Schar konnte nicht selbst eine Information entlockt werden, der Chronist/Dokumentarist ist auf die reine Beobachtung angewiesen.

    Interessant ist, vor allem bei Sturges, die Komposition des Verhältnisses von Gruppen-zu Einzelporträts. Der Beobachter versucht, wie schon Marcel auf der Promenade von Balbec/Cabourg, die einzelnen Mädchen aus der Schar herauszulösen und ihnen Individualität zuzuschreiben oder sie gar kennenzulernen. Die Schar verliert so ihre Macht, und die schönsten Exemplare werden zu Models, aber nur um gleich darauf wieder in eine modifizierte Gruppe in einer modifizierten Landschaft integriert zu werden. Von Calvin Kleins Kampagnen und vielen anderen, „Jugend“ verkaufenden Produkten kennt man Varianten dieser Strategie. Die Gruppe aktiviert die Imagination des Betrachters und erhöht erotische und andere (eben auch utopische) verheißungsvolle Attribute.

    Dabei verwenden die zwei Fotografen zwar grundsätzlich entgegengesetzte ästhetische Strategien – extreme Stilisierung und Komposition bei Sturges, eher zufällig wirkende Kompositionen, offene Stellen, Doku-Ästhetik bei Clark – aber sie scheinen sich einig, daß ihre zwischen Komplizenschaft und ethnographischem Blick schwankende, begrenzte Teilnahme an dem vorgefundenen, wertvollen Sozialen der kleinen Schar so weit wie möglich ausgespielt werden muß. Ihre Theorie der kleinen Schar und der sie konstituierenden Jugendlichen, die ein Blueprint vieler von Erwachsenen entwickelten moderner Jugendtheorien ist, läuft auf den Gedanken hinaus, daß Jugend erotische Versprechungen als politische enthalte, ein Bündel ungeklärter, ungetrennter Möglichkeiten, die für eine imaginäre, erotisch codierte Kollektivität stehen. Das unterscheidet sich von konventionellen Hoffnungen an die Jugend auf zweierlei Art: Zum einen sind die Jugendlichen nicht nur die Subjekte der Zukunft, also die Menschheit, die noch eine Chance hat, sondern sie sind die schöneren Menschen. Politischer Fortschritt erscheint nicht als ein Zuwachs an Gerechtigkeit, sondern als ein Zuwachs an Schönheit. Zweitens ist diese Schönheit nicht eine ideale formale Schönheit, sondern eine, die mit erotischen und sexuellen Möglichkeiten und Versprechungen verbunden ist und somit wieder die Qualität von Beziehungen, also ein politisches Element, in die Utopie einführt. Die Nymphe steht für einen ordnungsfeindlichen, bürgerlich-libertären Zustand. Sie ist weder Kind noch Frau (die seltener auftauchenden Jungs dagegen eindeutig Knaben: ein Extraproblem) und daher, wenigstens bei Clark, der ideale Outlaw (bei Sturges eher Keimzelle neuer Ordnung): Autonom werden Jugendliche bei Clark allerdings in genau dem Maße stärker als bei Sturges, indem seine Utopie in die Dystopie kippt und aus Drogenexperiment Drogenmißbrauch und aus sexueller Emanzipation Vergewaltigung wird. Sturges kann sich seine utopische Sauberkeit, seine resultativen und nicht prozessualen, bereits erreichten und nicht angedeuteten, komponierten, statischen und nicht improvisierten Konfigurationen kleiner Scharen also nur in dem Maße leisten, indem er realisierten Sex zugunsten versprochener, angedeuteter Erotik ausschließt. Nur in solche zarten Andeutungen können Identities für ihn radiant sein. Clark zeigt dagegen eine radiante Praxis, das Ausagieren adoleszenter Nichtfestgelegtheit desjenigen Potentials, das für z. B. Sarah Kofman das Utopische an Pubertät darstellt. Daß ein zartes Schimmern nicht nur im Traum, sondern in der Realisierung der Träume (die auch nicht von Elfen, sondern von Dreck, Sex und Motorrädern handeln) das Radiante zu sehen ist, ist seine Leistung.

    Doch Sturges wie Clark beharren ja durch ästhetische Gesten wie in Zusatzinformationen auf der Authentizität des Gesehenen und Fotografierten. Ihre Legitimation beruht nicht nur auf Beobachtung und Komposition, Stilisierung und (erstrebter) Komplizenschaft, sondern in erster Linie auf der Uridee journalistischer Fotografie, dem heute im Zeitalter digitaler Fotobearbeitung so heftig diskutierten Begriff der Augenzeugenschaft. Clarks Aussage ist in etwa die: Ich habe einer Utopie beim Entstehen zugesehen, sie ist gescheitert, hat aber für ein paar Momente gelebt. Diese Bilder verbürgen ihre Existenz. Die in den Bildern bereits sichtbare Grenze dieses unfaßbaren sozialen Prozesses, der angedeutete bzw. dokumentierte Verfall, das immer miterkennbare Elend, sind der realistische Garant dafür, daß die anderen, emanzipativen Bestandteile echt sind. Sturges scheint dagegen zu sagen: Gerade dadurch, daß sich die von mir gestellten und beobachteten Szenarien über Generationen in ganz bestimmten Familien, an ganz bestimmten Stränden wieder und wieder beobachten lassen, daß sie von keiner äußeren Welt bedroht scheinen, garantiert, daß es sich um Möglichkeiten eines besseren Lebens handelt, das durch die Aufzucht einer immer wieder schönen Jugend garantiert wird, die aber in einer Kontinuität steht. Die Körper und Gesichter der Eltern werden immer wieder gerne vergleichend mit ins Bild gesetzt, es soll sichtbar werden, daß es sich nicht um zufällige Schönheit handelt. Hier ist vielmehr eine Hippie-Aristokratie, eine traumverlorene Rasse von Beautiful Aliens porträtiert, die naturgemäß nur in Exilen, Asylen, Reservaten oder in den gated neighbourhoods der Superreichen vorstellbar ist. Doch wird ihre nähere Umgebung nie kenntlich. Wie in den letzten Prä-Rave-Hippie-Phantasien der späten 80er, die von dem Paradox der andauernden, ewigen Ferien genährt waren, ist der einzige Bezugspunkt in der Ordnung der wirklichen Welt die Institution der Großen Ferien, der Badeurlaub. Aber wir wissen bis heute nicht, ob die zu den Tagen gehörenden Nächte in teuren Hotels, den gelegentlich zu sehenden Strandhütten, allein mit der Familie oder innerhalb der kleinen Schar verbracht werden.

    Die Bourgeoisie hat schon lange keine sozialen, kollektiven Phantasien mehr im eigenen Namen hervorgebracht. Zum einen lebt sie ihre sozialen Phantasien seit geraumer Zeit als „Realität“, zum anderen produziert sie ungebrochen neue soziale Phantasien im Namen eines Widerstands, der sich gegen ihre Realität richtet, aber beizeiten noch immer als Bereicherung ihrer Lebensformen reappropriert werden konnte. Umgekehrt haben Proletariat und Lumpenproletariat seit einiger Zeit mit viel Erfolg nur noch individualistische Phantasien hervorgebracht oder sind in solchen repräsentiert worden (Rapper, Gangster, Terminator etc.).

    Larry Clark wird in den frühen 70ern Zeuge, wie sich White Trash und weißes Kleinbürgertum begriffslos und verzweifelt um Befreiungserlebnisse bemühen, deren Konsequenzen sie nicht kennen – Voraussetzung der Utopie à la Clark und Sturges: die Erotik der Behauptung, alles sei prinzipiell noch drin – und für die die Akteure fürchterlich bestraft werden. Bei Sturges gibt sich als entferntes utopisches Szenario reicher Möglichkeiten qua sexueller und sozialer Unbestimmtheit aus, was ebensogut die begriffslose, weil ungefährdete utopische Realität einer Fraktion der Bourgeoisie sein könnte, die schon die Qualitäten der ursprünglichen kleinen Schar ausmachte, die der kleine Marcel bei seinen Sommerurlauben auf der Promenade von Cabourg sehnsüchtig aus der Ferne beobachtete und die irgendwann die Unterscheidung zwischen idealer, utopisch-erotischer Bande und dünkelhafter, nouveau-riche-bourgeoiser Clique unmöglich machte.

    Vielleicht war es nicht nur eine zufällige Fügung des Lebens, daß alle diese Freundinnen, die sich da zueinandergesellt hatten, schön waren; vielleicht hatten sich die Mädchen (deren Haltung schon ihre kühne, oberflächliche, harte Natur enthüllte), übermäßig empfindlich gegen alles Häßliche und Lächerliche, unfähig, einer Anziehung geistiger oder seelischer Art nachzugeben, in der Schar gleichaltriger Kameradinnen auf Grund eines gemeinsamen Widerwillens gegen alle die zusammengefunden, bei denen sich eine nachdenkliche und gefühlsbetonte Veranlagung in Schüchternheit, Befangenheit und Ungeschick, kurz durch etwas verriet, was sie wahrscheinlich ein „unsympathisches“ Wesen nannten, und diese Geschöpfe von sich ferngehalten, während sie sich im Gegenteil mit anderen anfreundeten, zu denen sie sich durch eine gewisse Mischung aus Anmut, Geschicklichkeit und körperlicher Eleganz hingezogen fühlten, in deren Gestalt allein sie sich den natürlichen Freimut einer anziehenden Wesensart und die Aussicht auf sehr fröhlich verbrachte gemeinsame Stunden vorstellen konnten. Vielleicht befand sich auch die Klasse, der sie angehörten und die ich nicht genau hätte bestimmen können, an jenem Punkte des Aufstiegs, wo, sei es auf Grund zunehmenden Reichtums oder größerer Muße, sei es dank der neuen Sportgewohnheiten, die selbst in gewisse bescheidenere Kreise eingedrungen waren, und einer Körperkultur, zu der sich noch nicht die des Geistes hinzugesellt hatte, eine soziale Schicht gleich jenen Schulen der Bildhauerkunst, die, harmonisch und fruchtbar, noch nicht nach einem Ausdruck komplizierter Seelenzustände suchen, ganz von sich aus eine Fülle schöner Leiber, schöner Beine, schöner Hüften, gesunder, ausgeruhter Gesichter mit einem Einschlag von Beweglichkeit und Verschlagenheit erschafft. Und waren diese hier nicht edel in sich ruhende Muster menschlicher Schönheit, die ich vor dem Hintergrund des Meeres wie besonnte Bildwerke an den Gestaden Griechenlands auftauchen sah?10

    Trotz dieser Verteidigung von „frischer“, „kalifornischer“ Pop-Hippie-Oberflächlichkeit und Unbeschwertheit liegt es nahe, mein „gut“ und „schlecht“ nach kurzer genereller Infragestellung erneut zu bestätigen. Clark ist der sympathisierend beteiligte Augenzeuge einer gescheiterten sozialen Revolte, Sturges re-inszeniert in feinster bourgeoiser Distanz-Ästhetik den Traum perfekter Kinder einer perfekten, schönen, ewigen (herrschenden) Klasse in einer von allen sozialen Spuren gereinigten Landschaft unbegrenzter Imagination; der Eindruck einer aufsteigenden, mithin historischen Klasse ist eher unfreiwillig vorhanden und wird von ihm weginszeniert. Wenn mir bei diesem Urteil dennoch nicht wohl ist, dann weil mich ein solches Urteil zu sehr an andere, mittlerweile als abscheulich erkannte Affekte gegen vermeintlich zu glatte, zu perfekte Oberflächen und ihre Korrespondenz mit Sex erinnert (etwa anti-Disco). Es ist eine gutsy, downhomige hetero-männliche Konvention, politisch-korrekte Ehrlichkeit mit nicht völlig gestalteter, authentizistischer Zufälligkeit zu verknüpfen. Ich würde nie behaupten, daß bei Clark je eine solche Position eine besondere Rolle gespielt hat, noch daß er für den Geschmack eines solchen Publikums gearbeitet hat: Dafür sind seine Arbeiten zu komplex, zu ambig und zu narzißtisch; aber es ist möglich, ihn mit dieser Haltung zu verwechseln, wenn man ihn gegen Sturges ausspielen will. Die möglicherweise berechtigte Einsortierung von Sturges’ Vision als die eines über endlose Möglichkeiten verfügenden (bzw. sich diese herbeihalluzinierenden) Bourgeois, der diese Möglichkeiten als junge, miteinander verschlungene Körper imaginiert, verträgt sich etwas zu gut mit einem kritischen Affekt gegen seine allzu geleckte Fotografie allzu schöner und natürlich allzu junger Körper. Noch leichter ist es, über die älteren Nudisten zu lachen, die auf seinen neueren Bildern manchmal Familien komplettieren oder – und natürlich auch völlig berechtigt – über die allzu anthroposophisch anmutenden Verkleidungsspielchen, die die Kinder in The Last Day of Summer aufführen. Was unterscheidet ihn denn eigentlich noch von Hamiltons Weichzeichner, zumal Indizien vorliegen, daß er bald dessen Nachfolge als Lieferant pädophiler Soft-Erotik für Kinderfreunde (allerdings aller sexuellen Orientierungen) übernehmen wird?11

    Nun, wenn man seinen Liner Notes (von Jayne Ann Philips und Elisabeth Beverly) glauben kann, ist Sturges ein echter Freak, eher ein obsessiver Beachbum als der distanzierte bourgeoise Träumer, als den ihn seine Ästhetik ausweisen könnte. Sein Erfolg ist relativ neu. Aber der Mann zieht seit mehr als zwanzig Jahren von Strand zu Strand, immer dem verschwindenden Sommer hinterher, und trifft dort seit Ewigkeiten die gleichen Familien, denen er nicht nur ein liebevoller Onkel ist, der die Kinder beim Spielen fotografiert, also nicht nur auch beteiligt, sondern auch in einem bizarren Sinne institutionalisiert unbeteiligt: ewiger Fotograf, ewiger Nurzeuge, ewiger Nieganzbeteiligter. Und das jedes Jahr. Sie mögen ihn alle.

    In Sturges’ Ästhetik ist als gefrorener Stil zu irritierender Ruhe gekommen, was Clark erst in letzter Zeit zum Gegenstand seiner Arbeit macht: die Unerreichbarkeit des jeweils für utopisch gehaltenen Milieus und die Voraussetzung dieses Umstands für die Porträtierbarkeit des Milieus als utopisch. Clark hat später in Interviews12 erklärt, daß bereits seine Beteiligung an den Teenager-Exzessen in den späten 60ern und 70ern nostalgische, sentimentale Versuche waren, die mißglückte, gestohlene eigene Jugend nachzuholen oder zu re-inszenieren. Diese Nostalgie, die Clark dann später, in den 80ern, zu einem Spezialistentum entwickelte, indem er zum fast unbeteiligten, aber hochqualifizierten Beobachter wurde, was ihm heute erlaubt, einen Film über New Yorker Teenager zu drehen13, ist bei Clark im Gegensatz zu Sturges, jedenfalls nach allem, was man weiß und den Bildern entnehmen kann, an eine persönliche Geschichte gebunden, an den Verlust seiner spezifischen Jugend wegen seiner sehr spezifischen Familienverhältnisse, sie hat einen Gebrauchswert, während sie bei Sturges eine abstrakte Grundvoraussetzung der Fotografie schlechthin zu sein scheint.

    Dieses Einverständnis mit den Grenzen der Ästhetik und Technik, die einem Künstler zur Verfügung stehen, sagt mehr über den Typus von Künstler aus, dem Sturges entspricht und Clark nicht, als die jeweilige Wahl des Milieus. Im Gegensatz zu Proust, der als Erzähler wie als sein eigener Akteur die Grenze der Verwicklung zu überschreiten wagt, und Clark, der erst mitmacht und später seine private Obsession zu einem Gegenstand erklärt, dem man auf unterschiedliche Weise beikommen kann, genießt Sturges seine Grenze als Künstler.

    Wer mehr als ein Onkel sein will, schließt seinen Pakt mit den dubiosen Mächten des Expressiven.14 Diese erlauben, ja setzen voraus, daß man seine Kompetenzen als Künstler (Fachkraft fürs Ästhetische) überschreitet. Wo die Fallen von Heroismus und anderem lauern. Ich bin einige Male gefragt worden, warum ich ein nacktes Mädchen (ein Clark-Foto, das eine nackte Frau im Zentrum und einen nackten Mann jeweils neben und hinter ihr zeigt, rechts im Bild den nackten Fuß des Fotografen) für das Cover eines Buches von mir ausgesucht habe.15 Das Buch hieß Freiheit macht arm, und im Zentrum stand der dubiose, aber mächtige Freiheitsbegriff des Rock’n’Roll, des Westens und dessen Bankrott. In Clarks Fotos sah ich genau diese Zweideutigkeit dieses Freiheitsbegriffs dargestellt. Um diese Darstellung so zu erreichen, mußte Clark, wie jeder, der sich auf Expressivität einläßt, eine gewisse Komplizenschaft mit dem Dargestellten zulassen: Es geht ja darum, etwas schon mal eine Form zu geben, bevor man es eigentlich formulieren kann. Dabei kann man nie genau wissen, was man formuliert und damit zur Diskussion freigibt, und auch nicht, was man möglicherweise – ob nun in voller ästhetischer Absicht oder nur aufgrund der Logik des Ästhetischen – glorifiziert oder verharmlost. Das hat den Effekt, daß heute wer will und womöglich mit Grund isolierte Bilder und Sequenzen bei Clark sexistisch finden kann. Das hat aber auch eine andere Seite: Clarks nackte Teenager in Gruppen stellen nicht ein Versprechen dar, sondern ein Potential. Eines, das diesseits und jenseits des Repräsentationstrennungsstrichs (Betrachter/Betrachtete/r/s) unmittelbar einsatzfähig war und ist. Sturges stellt nur ein Versprechen dar, das als solches fixiert bleiben muß, als ewiger Aufschub. Nur das ermöglicht ihm so skandalös „unschuldig“ mit nackten Jugendlichen umgehen zu können. Der Preis für diesen Verzicht ist eine perverse Aufgeschobenheit und Unwirklichkeit seiner Bilder. Der Preis, den Clark zahlt, ist, daß seine Kunst sexuelle Gewaltverhältnisse immer wieder mitbestätigen wird, solange seine alten Bilder reproduziert werden, was aber auch für alle Arten kanonisierter europäischer Kunst gilt. Doch er stellt auch Daten für die Überwindung solcher Verhältnisse zur Verfügung, indem er seine Szenen autobiographistisch als Bestandteil eines Weges ausweist, in dessen Verlauf ihm deren – parasitäre wie nichtparasitär verwickelte – Bearbeitung biographischen Nutzen bringt. Er überlebt nicht nur: Er trauert, schont sich nicht und muß sich schließlich im Knast neu erfinden.

    Vielen modernistischen Vertretern von High-Brow-Kultur ist die Idee eines solchen Gebrauchswertes von Kunst suspekt. Je mehr erkennbaren Gebrauchswert sie für den Künstler hat, desto mehr spricht sie von der Möglichkeit eines solchen für den Betrachter (was nicht immer heißt, daß sie ihn zur Verfügung stellt). Nur weil für die auf distanzierte Abgeschlossenheit der ästhetischen Sphäre ausgerichtete Kunst Sturges’ einen solchen Gebrauchswert nicht auf der Rechnung hat, kann sie so unschuldig ignorieren, was für Gebrauchswerte sie womöglich hervorbringt, und sei es der der Wichsvorlage, an den die Männer vom FBI natürlich gleich als erstes gedacht haben.

    1. Wenn im folgenden von „Clark“ die Rede ist, ist, wenn nicht anders angegeben, immer der Autor von Tulsa und des ersten Teils von Teenage Lust gemeint, also der Larry Clark, der mit seinen Freunden arbeitete und ihr Leben dokumentierte. Auch später waren Sexualität und Krisen, Utopie und Dystopie von Pubertät und Adoleszenz seine Themen; nun aber weder formal noch inhaltlich mit den Arbeiten von Sturges vergleichbar. ↩︎
    2. Larry Clark, Tulsa, New York 1971. ↩︎
    3. Larry Clark, Teenage Lust, New York 1983/1987. ↩︎
    4. Zunächst durch einen damals noch interessanten, heute todlangweiligen Skandal: Das FBI hatte sein Studio unter dem Verdacht auf Kinderpornographien gefilzt. Diese lächerliche und stumpfsinnige Intervention konnte damals – 1990 – noch im Rahmen der Anti-Porno-Debatte mit Gewinn diskutiert werden. Wie kann man anhand eines Photos auf sein Zustandekommen schließen? Lauert in dieser Frage möglicherweise eine für Ethik-Ästhetik-Debatten instruktive Definition von Kunst? Heute taugt dieser Vorgang, der Sturges nach eigenen Angaben (vgl. New York Times vom 19.2.1995) fast in den Selbstmord getrieben hätte, nur noch zu den sattsam bekannten Unterstellungen, eine links-feministische Mafia Politischer Correctness versuche in Zusammenarbeit mit auch dem FBI, kreative Männer an der Freiheit ihrer Selbstentfaltung zu hindern. Instruktiv dazu höchstens Ellen Willis’ Kritik an Catharine MacKinnons und Andrea Dworkins Anti-Porno-Feldzügen und Plädoyer für ein neues linkes Verständnis von Redefreiheit („Re: Porn Free“, in: Transition 63.1, New York 1994). Oder allgemeiner der Versuch, Pornographie über Produktionsbedingungen und nicht über fast immer ambivalente Inhalte zu definieren, und daran anschließend die Frage, inwieweit Produktionsbedingungen von fotografischen Bildinhalten ablesbar oder erschließbar sind, die die Gerichte ebenso beschäftigen wie Teile dieses Essays. Sturges’ Arbeiten tauchten erst später in Europa in Zeitschriften auf, dann vor allem durch den zusammenhängenden Band The Last Day of Summer ab 1991. ↩︎
    5. Jock Sturges, The Last Day Of Summer, Essay by Jayne Anne Phillips, New York 1991. ↩︎
    6. Jock Sturges, Radiant Identities, mit Texten von Elizabeth Beverly und A.D. Coleman, New York 1994. ↩︎
    7. Die von Clark vor allem in Tulsa gezeigten Szenen werden wahrscheinlich heute auch einfach nur als elend gelesen. Doch gerade diese Junkie-Morbidität gehörte in den frühen 70ern noch zum utopischen Hippie-Imaginären, das trotz allen Elends verklärt wurde (Velvet Underground: „Heroin“, Rolling Stones: „Dead Flowers“, „Sister Morphine“), besonders von Außenstehenden, und dank Clark auch in Tulsa ambivalent bleibt. ↩︎
    8. In The Last Day of Summer sind allein Fotos aus zehn Jahren gesammelt. ↩︎
    9. Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Zweiter Teil, Im Schatten junger Mädchenblüte, deutsch von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt/Main 1954, S. 642. ↩︎
    10. Marcel Proust, a.a.O, S. 479f. ↩︎
    11. Sein neues Buch Radiant Identities liegt in zwei von vier Buchhandlungen Santa Monicas schon stapelweise neben der Kasse. Wann Taschen oder Schirmer/Mosel nachfolgen, scheint mir eine reine Frage der Zeit. ↩︎
    12. In: Spex, 7/91, mit Jutta Koether z. B. ↩︎
    13. Kids wird von Zuschauern der wenigen Previews vor allem als extrem realistisch beschrieben. ↩︎
    14. Ein Ausdruck, den ich hier mal verstanden wissen will als die in Kunstpraxis involvierten Elemente von unreflektierter Emotionalität – bei der Herstellung, nicht als Gegenstand –, die alle asozialen, aggressiven und sexuellen Dispositionen mit einschließen, die bei jedem cultural producer vorliegen, auch wenn sie in letzter Zeit immer wieder ausgeschlossen werden sollen, entweder per moralischer Exklusion oder per diskursiver Distanzierung. ↩︎
    15. Diedrich Diederichsen, Freiheit macht arm, Köln 1993. ↩︎
  • Oostende 1994

    Eine Doppel-CD mit Musik, die „bildende“ Künstler aus dem Großraum Los Angeles aufgenommen haben, erinnert uns an drei bedeutsame Entwicklungen. 1. Los Angeles stand seit drei bis fünf Jahren für eine Kunst, die im Gegensatz zu New York und Europa emotionaler und psychologischer orientiert, visuell drastischer, mit Pop-Kultur und -Musik verbunden und schließlich auch objekthafter und leichter verkäuflich war als ihr New-York-Gegenstück („Helter Skelter“ gegen Political Correctness). Diese CD stellt sich diesem Ruf und setzt ihm etwas entgegen, was dieses verkaufsfördernde Gerücht nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert. 2. Soziale wie technologische Entwicklungen zwingen und ermuntern Künstler seit einiger Zeit dazu, ihr technisches, soziales und mediales Repertoire zu erweitern. Die beiden denkbaren Richtungen waren entweder Musik oder Diskurs, L.A. steht eher für Musik. Diese CD erklärt aber auch, daß diese Orientierung diskursive Voraussetzungen hat, sie kennt und mitreflektiert. Das Verhältnis zur technologischen Konvergenz der Medien via Digitalisierung ist ein weiterer Aspekt, der in einigen Beiträgen ausdrücklich herausgestellt wird. 3. Los Angeles steht in dem Ruf, bedingt durch seine Zentrumslosigkeit, die Car-Culture und die Zersiedeltheit, keine Communities im Sinne SoHos hervorbringen zu können. Erstaunlicherweise präsentiert diese CD aber nicht nur eine intakte (verglichen mit Köln und SoHo) „Art-Community“, die miteinander vernetzt und aufeinander angewiesen ist, sie ist auch nahezu vollständig: Die hier präsenten Künstler stellen mit Sicherheit mehr als 50% der in den letzten drei Jahren von Los Angeles aus international aktiven Künstler: eine Zusammenarbeitsrate, die in der von Konkurrenz und Individualismus zur Zeit vergifteten Atmosphäre von Köln oder New York kaum denkbar wäre.

    Im Mittelpunkt stehen die beiden bekanntesten und auch lokal einflußreichsten L.A.-Künstler, Mike Kelley und Stephen Prina, die – neben ihren eigenen Beiträgen – noch bei verschiedenen anderen mitspielen: Prina als slicker E-Pianist bei den beiden Laid-back- und Campy-Versionen von West-Coast-Rock der Tiny Bottoms, feat. Jamey Bair als Gitarrist, auf Jim Shaws „A Good Looking Corpse“ und Kelley ebenfalls bei Jim Shaw. Außerdem sind an verschiedenen Arbeiten beteiligt: Sarah Seager (deren Schwester Gretchen, Profi-Musikerin mit Major-Vertrag, die gesamte Zusammenstellung produziert hat), T. Kelly Mason, Marnie Weber sowie Celeste Moreno und Craig Levitz von der „Hausband“ des Art Center (wo die meisten beteiligten Künstler lehren oder studieren), Lotion (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen New Yorker Band).

    Prina und Kelly sind in der Lage, durch ihre einerseits enge Zusammenarbeit, andererseits denkbar unterschiedliche Praxis (als Lehrer – wie in ihrem Materialverständnis), in gleicher Weise einflußreich das Gravitationszentrum der CD zu bilden und gleich wieder aufzulösen, wenn man es sich näher ansicht: Prina, der sich neuerdings auch in eigenen Performances, als kompetenter Rock-Musiker und Vokalist darstellt, trägt als eigene Beiträge zwei „Etude(s) for Percussion“ vor, die auf Quadratwurzelfunktionen beruhen und von zwei professionellen Percussionisten gespielt werden. Kelley spielt bei Jim Shaws scheinbar konventioneller Rock-Nummer mit, bei deren Aufnahme aber jeder der vier Solo-Gitarristen nur den Orgeltrack hören konnte, und gibt unter eigenem Namen ein Solo für Schlagzeug1 und Quietschetierchen, das bei der Präsentation der Doppel-CD im Santa Monica Museum of Art live aufgeführt und Höhepunkt wie Publikumsliebling wurde. Beide Künstler demonstrieren also, wie ein sekundäres und ein primäres Verhältnis zum Material immer enger aufeinander angewiesen sind, als eben nicht nur die klassischen Künstlermythen (besessenes Genie), sondern auch deren Gegenmythen (allseits informierter, souveräner Intellektueller) wahrhaben wollen. Pop Culture ist in diesem Kontext keine besondere Spezialität mehr, sondern eine selbstverständliche Voraussetzung, die aber nicht mehr großäugig bestaunt wird, sondern bereits mehrere sekundarisierende Diskurse durchlaufen hat.

    Daneben gibt es auch einfach straighte, gute Musik wie Sarah Seagers unheimliches Surf-Instrumental, das ihrem Freund Thad Strode gewidmet ist, der seinerseits mit der Band Sloper (gemeinsam mit dem hierzulande leider unbekannten Künstler John Souza) Musik von hohem Gebrauchswert liefert. T. Kelly Masons Version von Chuck Berrys „No Particular Place To Go“ war dann doch konzeptueller gemeint, als es auf der Platte klingt: Beim Konzert las er aus Greil Marcus’ existentialistischer Rock-Philosophie, die diesen Song in den Mittelpunkt der Rock’n’Roll-Geschichte stellt; anschließend spielte eine All-Star-Jam-Band aller beteiligten Künstler den Chuck-Berry-Song und sollte nach Plan des Bandleaders und Drummers Mike Kelley langsam zu einer Sun-Ra-Komposition überleiten, was wegen der selbstverliebten Spielfreude einiger Musiker nicht ganz klappte. Auch Mythter (Steve Hanson, Antonio Ortiz und Mickey Petralia) spielen West-Coast-HC-Crossover, wie man ihn seit Jahren kennt, kompetent und ohne konzeptuellen Überbau.

    Drei Beiträge basieren auf Texten: Benjamin Weissmans amüsante „Hitler Ski Story“, die in einer zehnminütig durchgehaltenen Leier-Akzentuierung, zu gelegentlich eingeblendeten symphonischen Einsprengseln, erklärt, warum Hitler ein schlechter Skiläufer und darum impotent war (oder umgekehrt). Weissman ist ein begeisterter Skiläufer. Diana Thaters synchrone Lesung von zwei Breton-Texten und einer Liste aller Blumen in Claude Monets Garten, ein Annex zu einem visuellen Projekt Thaters. Schließlich Sharon Lockharts Country-&-Western-Song „I Got A Crush On You“, eine Liebeserklärung an einen deutschen Maler, die in Verzicht mündet, denn „you got a woman and I got a man“. Die Künstlerin tritt in ihrem Song nur kurz bei der gesprochenen Passage auf, die die Unmöglichkeit der Liebe erklärt, ganz in der Tradition klassischer Country- und R’n’B-Balladen von den 50ern bis Isaac Hayes, wo die Opposition Gesang (unbegrenzte und asoziale Emotionalität) und Sprechgesang (Vernunft, Einsicht, Tragik, Katharsis) genremäßig festgeschrieben wurde.

    Art-School-Punk-Rock von einer gewissen Jahrzehnte-übergreifenden Zeitlosigkeit kommt von Too Much Girl (an die Früh-80er Frauenbands wie Kleenex erinnernd), Dr. Boofmier und am unterhaltsamsten von Dani Tull, die noch einmal das alte West-Coast-Lieblingsthema „Infantilismus“ inszenieren. Marnie Weber, Stephanie Hornisch, Celeste Moreno (von Lotion) und Becky Allen (bei Sharon Lockhart) sind die herausragenden Vokalistinnen im dramatischen Fach. Vor allem live konnte Webers Variante von neurotischem Drone-Rock überzeugen. Tom Recchion, ehemals Mitglied der B-People und heute im Hauptberuf Komponist, steuert ein Piano-Stück zwischen Satie und Eno bei, während Jeff Beal die effektivste konzeptuelle Idee hatte: Drei Einspielungen von „Für Elise“ (die sich natürlich im Tempo unterscheiden) werden gleichzeitig aufgelegt, was nicht nur Zufallsfugeneffekte ergibt, sondern schönste Zufalls-Septnonakkorde, wie sie sich das Modern Jazz Quartett um 1955 ausgedacht haben könnte. Drei von fünf Abschlußarbeiten am Art Center beziehen sich heutzutage formal oder inhaltlich auf (vor allem Pop-) Musik. Dabei könnte es sich um eine modische Zuspitzung handeln, vieles spricht aber dafür, daß die Bezugnahme auf und Kenntnis von Pop-Kultur und -Musik in der L.A.-Kunst die Novelty-Phase längst hinter sich hat: Daß es keine zeitgenössische Kunst ohne Beziehung zu Pop-Musik, Kino und Computer-Kultur geben kann, ist längst – und nicht immer ganz freiwillig – Voraussetzung der L.A.-Szene: teaching jobs, die viele in New York über Wasser halten, sind seltener und schlechter bezahlt. Die meisten überleben durch Jobs in der Unterhaltungsindustrie. Auch das regelt das Verhältnis von bildenden Künstlern zu ihren Nachbarn Diskurs und Musik. Das Booklet wurde übrigens von einem der wenigen nicht musikalisch vertretenen L.A.-Künstler, Christopher Williams, gemeinsam mit Franz Schnaas gestaltet und rechtfertigt in seiner Schönheit schon die Anschaffung der Doppel-CD Oostende 1994 per Kontaktaufnahme mit Big Truck Records, 4470 Sunset Blvd., Suite 553, Hollywood, Ca. 90027, Fax: 001-213-664-2318.

    1. Sein Hausinstrument seit den Tagen von Destroy All Monsters – der Band, in der Kelley und Shaw in den frühen 70ern versuchten, Krautrock, Psychedelia und Free Jazz zu fusionieren. Zur Zeit stellt Kelley die Aufnahmen aus jener Zeit für eine Tripel-CD zusammen, die bei Rhino erscheinen soll. ↩︎
  • Don Van Vliet in der Galerie Werner

    Späteren Generationen wird …, nun es ist schon lange her, daß man …, nein, nicht solche Prognosen noch anstellen konnte, sondern daß sie noch ein Argument hergaben. Gleichwie: ist nicht eine Reihe von Gouachen, die alle den kleinen schwarzen Falz, der die Blätter am Skizzenblock gehalten hat, als kokett-fasrigen Rahmen vorzeigen, Grund genug, raunend ins Futur 2 zu gleiten? Späteren Generationen also wird es so absurd erscheinen, daß Captain Beefheart 1983 die Musik aufgegeben hat, um sich ab 1985 nur noch der Malerei zu widmen, wie es mir absurd vorkam, als ich fünfzehnjährig erfuhr, daß Rimbaud neunzehnjährig das Dichten drangab, um Kanalarbeiter oder Ingenieur zu werden. Heute sieht man manches anders.

    So gehe ich in die Galerie Michael Werner wie auf eine Baustelle am Nil und bereite mich vor, indem ich nachlese, wie sich Rimbaud vorbereitete, als er kein Dichter mehr war: Sechsundzwanzigjährig bestellt er 1880 das Album der Sägemaschinen für Forst- und Landwirtschaft, 128 Zeichnungen enthaltend, in englischer Sprache, und das Taschenbuch des Zimmermanns; im November 1880 den Leitfaden der Metallverhüttung, die Wasserkraftlehre für Stadt und Land, Der Befehlshaber von Dampfschiffen, Schiffbaukunst, Pulver und Salpeter, Mineralogie usf.; zwei Jahre später sind es schon die Vollständige Darstellung des Eisenbahnwesens, das Lehrbuch der Mechanik; 83 gar ein Leitfaden der Topographie und Geodäsie. Am 23. September 1883 bestellt er dann ein Handbuch der Somali-Sprache.

    Was viele nicht wissen, die sich für Kunst interessieren: Don Van Vliet war nicht irgendein Pop-Musiker, irgendein Rocker, der Frank Zappa beeinflußt hatte und mit ihm zusammen in Lancaster, einer der langweiligsten Vorstädte in den Bergen oberhalb von Los Angeles, als Kind gespielt hatte, er war einer der fünf bedeutendsten Gesamtkünstler (was ja Musiker immer eher sind als nur Musiker) der letzten 30 Jahre. Mit ihm trat eigentlich der erste und der letzte Autor-Sänger ab, der noch vom Blues und anderen afroamerikanischen Traditionen ein amerikanisches Vokabular ableiten konnte, ohne in Regionalismen oder Tribalismen zu verfallen. Der einen europäischen Avantgarde-Begriff nebenbei gewann, als er das große amerikanische Volkslied mit der Polyrhythmik behandelte, von der es abgefallen war oder gegen die es sich durchgesetzt hatte oder die es vergessen wollte. Als Maler ist er ja auch ganz gut, aber wer hätte je solche großen Worte um ihn gemacht? Daher der Jammer und die alte Legende, der mächtige Michael Werner hätte dem weltungewandten Genie seine wahre Bestimmung ausgeredet.

    Man hatte ja nun schon vielfach Gelegenheit, sein Urteil über den Maler Van Vliet zu fällen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, waren es allein fünf Ausstellungen bei Werner, Köln. Und, wahrlich, es fiel so und so aus: von der bloßen Begeisterung, überhaupt wieder etwas von ihm zu hören (und wenn es über den Umweg des Sehens ging), über die mild-entrückte bis desinteressierte Freude an dieser mild-entrückten bis desinteressierten Malerei bis zum reinen Entsetzen darüber, wie hier die vollkommen sinnlose und korrupte Kunstwelt, der Wurmfortsatz vollkommen überflüssiger und erbärmlicher Verhältnisse, dem größten (Volks-)Künstler des amerikanischen Kontinents das künstlerische Genick gebrochen hätte. Aber ein so hartes Urteil ließ sich im Angesicht der freundlichen, meist Tiere darstellenden Bilder selten lange halten. So entspannten sich die Züge des Betrachters, und es blieb nichts als die Gewißheit, daß man Beefheart verloren hatte. Für durchreisende amerikanische Musiker, die nie eine Galerie oder eine Kunstbuchhandlung betreten hatten, wurde die Galerie Werner oder ersatzweise die Buchhandlung König zum Wallfahrtsort, wo man sich mit Katalogen eindeckte, die man zuhause rumzeigen konnte wie Bootlegs oder Jägermeister-T-Shirts.

    Was man aber stattdessen gewonnen hat, hat man sich noch nie so genau angeguckt, und man ist vielleicht noch nie so wenig nachdrücklich dazu gezwungen worden. Circa zwei Dutzend Gouachen und ein weiteres gutes halbes Dutzend Ölbilder sind auch für den geschicktesten Hänger ein ungeeignetes Material, um mit Dramaturgie zu protzen und einzuschüchtern. Hier ist das Ende europäischer Männermachtmalerei erreicht, in die man Van Vliet, kontexthalber und denkfaul, immer mal wieder, wenn auch mit Unbehagen, einordnen wollte. Man bemühte dafür deren Protestflügel (Cobra z. B.) oder glaubte, diese einfachen, netten Sachen damit rechtfertigen zu können, daß man ihn in einer ganz neuen, ganz kontextlosen Welt ansiedelte: Kalifornien. Mir mag die Erinnerung an Südkalifornien, wo Van Vliet herstammt und die meiste Zeit gelebt hat, noch frisch genug gewesen sein (heute lebt er im Norden, in der Nähe der Staatsgrenze nach Oregon), um die Beziehung zu europäischen Malereien diesmal endgültig in das Reich täuschender erster Eindrücke weisen zu können. In Kalifornien wiederum hat ihn die amerikanische Kunstkritik so selbstverständlich verortet, daß man diesen Regionalismus nie weiter überprüft hat (und vielleicht auch nicht gemerkt hat, wie nahe diese Kalifornien-Definition an „geschichtsloser Kindergarten“ gebaut war: Da darf man noch malen und ein ehemaliger Rockmusiker sein). Kalifornien ist aber eher die Bedingung dafür, daß ein Hobby-Maler – einer, der auf Tourneen und in den Studios dieser Welt, in Kneipen, aber vor allem in seiner Wüste ununterbrochen vor sich hin kritzelt und strichelt – etwas herstellen kann, das sich anderswo als Werk gegen Traditionen behaupten kann. Neben der Kalifornien-Nummer muß für diese Behauptung die Schamanen-Nummer herhalten, Julian Schnabel wurde nicht müde, im Verlauf der ersten Van-Vliet-Ausstellung in Köln wie ein Mantra zu wiederholen: „Schamane“.

    Tatsächlich sollte man zumindest offen lassen, ob nicht Beziehungen zwischen der so überaus unbekannten und über unterirdische Kanäle mit sich selbst kommunizierenden Kulturgeschichte Kaliforniens und Van Vliets Bildern bestehen, also zwischen Big Sur, mexikanischen Todeskulten in der Pop-Version, Legenden von Aztlan, Städten, die Mountainlake heißen, aber in der flachen Wüste liegen, einem Netzwerk aus Entziehungskliniken und religiösen Orten und der Malerei Beefhearts, die so profund ist wie seine Musik. Wenn man all diesen Tierchen, Spuren, grünen und weißen Aliens und Abstracta nicht immer den Status von Innereien eines tortured artists oder von kindlich-genialen Repräsentationen der Gegenstände einer kindlichen Kultur zuschreiben würde, sondern sie als souveräne Erfindungen würdigte, könnte man dem Mittfünfziger als Maler vielleicht gerecht werden: Erfindungen, die offen lassen, ob sie Wale darstellen, Wale retten oder Wale sein wollen (Wale als nur ein typisch kalifornischer Gegenstand zwischen totaler Künstlichkeit und dringend zu rettender, also allerwirklichster Wirklichkeit: Im Wal trifft sich das kollektive Imaginäre mit dem sophisticatenden Superhelden-Spielzeug-Design so wie zuvor bei E.T.).

    Dafür, daß der Maler Van Vliet bei einer dort beginnenden Betrachtung den Verlust des Jahrhundertmusikers kompensiert, spricht freilich nicht mehr als für das Gegenteil, außer der Einheit der Person, von der bekanntlich als Beweismittel nicht viel zu halten ist, aber wir wissen jetzt auch, daß es nicht ausgeschlossen ist, und wir haben eine kleine Ahnung, nämlich die, die ich neulich an einem Nachmittag in der Galerie Werner hatte und die ganz nett war. Es hat schließlich auch ein paar Jahrhunderte gedauert, bis Wesen auf dieser Welt rumliefen, die fein und dekadent und amüsant genug waren, um den Bücherbestellisten des späten Rimbaud mehr abzugewinnen als der Poesie des frühen. In diesem Sinne: Späteren Generationen …