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  • Endlos und afrikanisch

    In den späten Sechzigern passierte etwas mit der Pop-Musik. Man kann es vielleicht auf ein Merkmal reduzieren: alles wurde länger. Natürlich die Haare, die Nächte, die Konzerte, die Versammlungen, Festivals und Zusammenrottungen, vor allem aber die Musikstücke selber. Ich war damals ein halbwüchsiges Kind, und auch ich und an mir wurde alles länger. Mir kam diese Entwicklung natürlich vor. Die sogenannte Progressive Pop-Musik, wie sie der Beat Club im deutschen Fernsehen nannte, oder die „Sounds from the Underground“, wie CBS sie in einer groß angelegten Werbekampagne zusammenfasste, zeichnete sich durch lange Stücke und lange Instrumentalpassagen aus. Soli, das wusste man von den Hendrix- und Alvin-Lee-Auftritten im Woodstock-Film, waren je besser, desto länger sie waren. Wer was auf sich hielt, hatte auf seinen Langspielplatten mindestens einen Song, der eine LP-Seite lang war. Grateful Dead (die nie unter vier Stunden spielten) und Cream äußerten in verschiedenen Interviews, dass sie das Schallplattenformat für eine repressive Einschränkung ihrer künstlerischen Entfaltung hielten. Man glaubte sehr naiv an Expression damals.

    Dennoch bekam ich bald etwas zu hören, das mich faszinierte, ohne es zu verstehen. Für einige Wochen war dieses Stück sogar in deutschen Charts gelandet – es dauerte und dauerte, nahm kein Ende und führte nirgendwo hin. Es gab keine Melodie, kaum einen Text, nur eine ein ums andere Mal wiederholte, rhythmische Figur, hin und wieder ein relativ unmotiviert dazwischengeworfenes Bläsermotiv und einen heiseren Mann, der eher wie ein Vertreter des Publikums, ein Tänzer oder ein Zeremonienmeister als wie ein „Sänger“ wirkte, wenn er irgendwas dazwischenrief. Unartikulierte, kehlige Laute, manchmal einen knappen Schrei und dann und wann einen Satz, den ich nicht verstand.

    Ich dachte zunächst, in meinem kindlichen Hirn, dass diese Form der Endlosigkeit und Dauer einfach noch eine Steigerung des Progressive Rock darstelle. Alles, was dort passierte, führte ja immer wieder zurück zum Thema, orientierte sich an Harmonieschemen oder mindestens modalen Skalen, also vom Jazz her bekannten Organisationsformen, die schließlich jedes noch so weit geöffnete Stück wieder schlössen. Nach dem siebzehnminütigen, völlig abgespaceten Schlagzeugsolo namens „In-A-Gadda-Da-Vida“ kehrte man brav zurück zum Thema, die Leute bekamen eine Climax, eine Entspannung, und die Form blieb gewahrt. Das war bei diesem Piece definitiv nicht der Fall. Es begann irgendwo und endete irgendwo, es war ein Ausschnitt, ein Ausschnitt von irgendeinem wahnsinnigen Ritual. Diese Musik war definitiv anders GEDACHT, als ich es kannte. Selbst wenn ich damals natürlich auch für den konventionelleren Progressive Rock nicht das Vokabular zur Verfügung hatte, das ich eben benutzt habe, ich konnte dennoch seine Sprache verstehen, musste mich nur in diese neuen Längen, Maßverhältnisse und Proportionen einfühlen. Dies reichte aber nicht für – ich will das Geheimnis lüften – „Ain’t It Funky Now Part 1 and Part 2“ von James Brown. Das war meine erste Begegnung mit Funk.

    Ich weiß nicht, wer damals um 1970 genügend Singles gekauft hat, um diesem wundervollen Track kurzzeitig einen Platz in den deutschen Charts zu sichern. Weder bei meinen Freunden noch bei deren älteren Brüdern, in den Kinder- und Jugendzimmern der Progressive-Rock-Fans, gab es dieses Zeug, auch nicht in den Radiosendungen, die uns damals alles mögliche ausgeflippte und seinerzeit durchaus riskante Zeug von Captain Beefheart oder Tim Buckley vorsetzten. Eine Antwort geben sicher die vielen US-amerikanischen Soldaten, die damals noch in Deutschland stationiert waren. Eine andere kann man in den um diese Zeit von Hubert Fichte mit Sexarbeiterinnen und -arbeitern im Hamburger Rotlichtmilieu geführten Interviews finden. Fichte fragt dort die männlichen und weiblichen Prostituierten, Zuhälter und Freier nämlich stets auch nach kulturellen Vorlieben. Einer der Strichjungen antwortet auf die Frage, was er denn gerne höre, er möge nur harte Musik wirklich gerne. Was man sich darunter denn vorzustellen habe? Ja, so richtigen harten Beat und ebenso harte Soul-Musik.

    Was war das, harte Soul-Musik, anno 1969, wieso war Soul-Musik überhaupt hart? Keine Frage, James Brown war unter dem Label „Soul“ ein Weltstar. In manchen Bereichen der Unterhaltungsindustrie hatte sich das Wort Soul auch als ein sanftes Synonym für „schwarz“ eingebürgert. Man kann davon ausgehen, dass unser Strichjunge, der es liebte, die Nächte in St. Pauli auf Speed zu harter Soul-Musik durchzutanzen, einer der ersten Funk-Fans im deutschsprachigen Raum war, zumindest einer der ersten, der aktenkundig wurde. In dem intellektuellen Musikmagazin Sounds dagegen erfahren wir von James Brown zum ersten Mal bereits im empörten Modus des Ausverkauf-Vorwurfs. Die Reporter, die den Künstler vor allem wegen seiner vermeintlich radikalen Black-Power-Position schätzten, waren bitter enttäuscht, dass dieser zum Konzert in einer Luxuslimousine vorfuhr und überhaupt „zu viel Show“ machte.

    Man kann nun über James Brown – der um diese Zeit zusammen mit seinen J. B.s, Kollegen wie Sly & the Family Stone, den verschiedenen Bands von George Clinton (Funkadelic, Parliament etc.), Graham Central Station und vielen anderen das Genre Funk begründete – sagen, was man will, aber keiner konnte so gut wie er eine musikalische Aufführung leiten, an der er selbst im konventionellen Sinne kaum oder gar nicht beteiligt war. Zwar war er auch zuweilen einfach nur ein Sänger, aber vor allem war James Brown, lange bevor die Abkürzung MC eine Bedeutung im Hip-Hop-Zusammenhang als Bezeichnung für den Rapper (im Unterschied zum DJ) bekommen sollte, ein solcher Master of Ceremony. Man streitet zwar heute darum, ob die vielen Instrumentalstücke, auf denen er gar nicht oder nur ein bisschen Keyboard spielte und für die er sich stets als Komponist eintragen ließ, wirklich von ihm stammen, aber das Copyright ist sowieso eine Institution, die quer zum Funk steht. Schließlich ist dies eine Musik des Kollektivs – sie gehört allen. Und der Antreiber und Propagandist Brown war in der Dramaturgie seiner Musik weder ein Dirigent, der für die Musiker das Stück interpretiert, noch ein Bandleader, der Solos anzeigt und Schlusskadenzen abruft, sondern vor allem der erste Vertreter des Publikums, des Kollektivs – eine Art Tänzer, der auf die Bühne geraten war und nun ständig rief, was alle dachten: macht weiter, hört nicht auf, ja, es ist heiß, aber es soll noch heißer werden, macht weiter, ist das jetzt vielleicht funky hier, oder was?

    Dass Brown trotzdem mehr daran verdiente als seine mittlerweile ihre Solokarrieren pflegenden Begleitmusiker, die sicherlich in Fällen wie Fred Wesley mehr Anteil an den musikalischen Markenzeichen seines Sounds hatten als er selbst, liegt daran, dass seine starke Persönlichkeit, die ja für seinen Erfolg auch nicht unwichtig war, in das Vakuum von westlich-europäischen Copyright-Verhältnissen und ungeklärten Urheberrechtsverhältnissen stieß. Nun legt das Adjektiv „westlich-europäisch“ nahe, dass es mit dem Funk etwas auf sich hat, das nicht „westlich-europäisch“ ist. Afroamerikanischen Künstlerinnen und Künstlern wird seit Jahr und Tag zugeschrieben, irgendwelche „afrikanische“ Eigenschaften zu vertreten und zur Unterhaltung des stets „das andere“ begeisternd goutierenden, eben doch westlichen Kulturbürgertums ein fremdartiges, kulturelles Erbe aufzuführen, das diesem einen Schauer über den Rücken jagt (wenn „das andere“ statt kulturell politisch aufzutreten beginnt, schreit man nach der Ausweisung). Doch trotz all dieser heiklen, falschen Fährten, die damit verbunden sind, komme ich nicht umhin, den afrikanischen Anteil am Funk zu benennen.

    Dabei handelt es sich nicht um eine geheimnisvolle kulturelle Essenz des Schwarzen Kontinents, sondern um vor allem aus Westafrika bekannte strukturelle und architektonische Prinzipien von Musik, die sich von der europäischen Tradition ganz wesentlich unterscheiden. Europäische Musik kann sozusagen immer von außen betrachtet werden wie ein Bauwerk, das ein begrenztes Ganzes bildet. Europäische Musikstücke haben eine solche Dramaturgie von Anfang, Mitte und Ende, Einführungen und Reprise – man muss nur wissen, wo im Gebäude man sich gerade befindet, und man findet seinen Weg. Afrikanische, speziell westafrikanische Musik basiert auf einer grundsätzlichen Endlosigkeit einer Aufführung. Anfang, Höhepunkt und Schluss sind nicht festgelegt und spielen für den Ablauf der Aufführung keine besondere Rolle. Hinzukommende können jederzeit einsteigen, andere aussteigen. Musiker und Publikum haben dasselbe Interesse, einen Tanz, eine Session möglichst lange und intensiv zu gestalten, und sind aufeinander angewiesen. Eine scharfe Aufgabenteilung gibt es nicht.

    Nun haben diese Musizier-Prinzipien nicht einfach im Blut der verschleppten Westafrikaner in den USA überlebt, sondern sich immer wieder, auch oft in von Weißen praktizierten musikalischen Formen und Ritualen, in Rundtänzen und endlosen Folk-Festen, in den Gottesdiensten der unzähligen schwarzen und weißen Kirchen erhalten und ausgewirkt. Mit dem afrikanischen Einfluss stand in Amerika, im Norden wie im Süden des Doppelkontinents, einfach neben dem europäischen ein zweites musikalisches Paradigma zur Verfügung. Meistens jedoch, wenn beide Paradigmen sich mischten, behielt die europäische Idee der Liedform und generell musikalischer Dramaturgie strukturell die Oberhand. Funk war nun die erste Musik, die – natürlich auch angefeuert von der Wiederentdeckung afrikanischer Kultur durch Bürgerrechtsaktivisten – das Prinzip einer repetitiven, nicht auf eine europäische Musikarchitektur bezogene Musizierweise einerseits auf ihr Wesentliches reduziert und andererseits die modernsten Erfindungen der Musiktechnologie nutzt: elektrische Keyboards, Gitarren, Sound-Effekte, Vocoder. Sly & the Family Stone waren die ersten, die mit einer Rhythmusmaschine umgingen, Roger Troutmann und seine Band Zapp ergingen sich in endlosen Vocoder-Orgien, Wah-Wah und andere Gitarrensound-Verfremdungen bestimmten den Sound der Clinton-Gruppen, und die Erneuerer der Funk-Kultur in den Achtzigern, die Elektro-Funker von The System bis Prince, kombinierten monoton programmierte Sequencer-Figuren mit den Möglichkeiten digitalen Samplings.

    Die Kombination aus neuer Technologie und afrozentrischen Beschwörungen einer möglichst uneuropäischen Musizierweise um einen kollektiven, endlosen Groove bildete auch den Überbau der Funk-Kultur, am ausgeprägtesten natürlich bei George Clinton, dem „Nubian Nut“, dem nubischen Irren, der sich seine Modevorbilder groteskerweise auch aus den exotischen Fotografien, die Leni Riefenstahl von den Nuba gemacht hat, aussuchte. Für Clinton ist die Existenz der afroamerikanischen Kultur eine grundsätzlich bizarre, zugespitzte. Seine absurd-mythische Erfindung eines Mothership, eines Raumschiffes, das von dem Herkunftsland (dem „Motherland“) wie von einer zukünftigen Bestimmung der Afroamerikaner kündet, wurde zu einer extrem einflussreichen Metapher auch für ernsthafte afroamerikanische Kulturphilosophen. Bei Clinton stieg allerdings meist ein Haufen Irrer aus dem Schiff, zum Teil in Windeln gekleidet, zum anderen als Astronauten erkennbar.

    Während der siebziger Jahre war der Einfluss abgespeckter, auf das Wesentliche reduzierter Rhythmen (nicht von melodischem Müll überwuchert, sondern von Sound-Effekten garniert, dazu mit Science-Fiction-Motiven in den Texten und den irren Kostümen oder Comics auf den Platencovern ausgestattet) auf junge Afroamerikaner zentral. Anders als Hip-Hop hatte Funk wenig Crossover-Potenzial. In Europa blieben es wenige Spezialisten wie Fichtes Strichjunge oder hier stationierte GIs, die zu den Konzerten von Clinton nach Frankfurt etwa kamen. Auch die Musikindustrie der USA, immer stark abhängig von den segregierten Radiostationen, sah auf Dauer keine Zukunft in einer schwarzen Musik, die nicht wie so viele ihrer Vorgänger (und Nachfolger) ihren Weg in die weiße Suburbia fand. Der Druck, der daher auf vielen Funk-Musikern in der zweiten Hälfte der Siebziger lastete, war, entweder ins benachbarte Disco-Fach überzuwechseln oder durch das Respektieren der Songform wieder für das Rock-Idiom kompatibel zu werden: eine Lektion, die Prince später auf kreative Weise beherzigte.

    Für junge Funk-Fans bedeutet dies aber, dass die Endlostracks, die ewigen, melodielosen Dauergrooves, das „Doing it to Death“, wie es bei James Browns J.B.s heißt, nach und nach verschwanden. Meine These ist es, dass es genau dieses Diktat der Songform war, das in den späten Siebzigern Leute wie Grandmaster Flash, Kool DJ Herc und Afrika Bambaataa dazu bewegte, durch das In-die-Länge-Ziehen weniger funky Stellen aus ansonsten songförmigen Platten, indem sie durch das Zurückdrehen von zwei identischen Schallplatten auf zwei Plattenspielern immer wieder dieselben Takte wiederholten, die nunmehr legendären Techniken des Hip-Hop, das Scratchen, Cutten und Mixen zu erfinden. Mit technischen Tricks, neuer Technologie (Plattenspielern, die sich in beide Richtungen drehen ließen) und enormer Kunstfertigkeit wollte man die Musik ohne Songform und gegen die Songform rekonstruieren, man wollte wieder endlos sich in einen repetitiven Groove schaukeln. Alles weitere ist Geschichte.

    Die sich seit den frühen Achtzigern entwickelnden, seit den Neunzigern dominierenden Formen von Tanzmusik auf diesem Planeten, die unendliche Vielfalt aus Techno, House, Drum & Bass und vielen Zwischenformen geht auf Funk zurück, auf die Idee einer immanenten Musik, einer Musik, die aus der Repetition, der unmerklichen minimalen Veränderung, aus endlosen Rhythmen besteht. Heute spielt die spezifische Vorarbeit, die die Funk-Kultur in den Siebzigern geleistet hat, das Insistieren auf dem einen Groove, der von ein paar Schreien, Gitarrenlärm und Bläsertutti begleitet die ganze Nacht dauern sollte, keine so große Rolle mehr, vergessen ist sie nicht: eine House-Truppe wie Daft Punk hat auf ihrer sensationellen, vor zwei Jahren erschienenen Debüt-Platte explizit Funk-Samples und Funk-Sounds als Komplizierungen und kleine groovige Häkchen in ihre verführerischen, hypnotischen Tracks eingebaut: Da Funk – eine Verbeugung vor den Meistern des anderen Paradigmas, den Helden des kollektiven Grooves, der allen gehört. Doch er stammt aus Afrika.

  • Die Kritik der Kunst, das Machen von Bildern und ihr Doppelgänger: John Baldessari

    Während der Arbeit an diesem Text befand ich mich an einem sehr entlegenen Punkt der portugiesischen Küste, einem westlichen Extrem, einem Ende Europas. Das kleine Dorf am Meer war nicht nur klein und schwer erreichbar und im Westen vom Ozean begrenzt. Gen Süden versperrte ein reißender Fluß, der den Ozean mit einem Binnensee verband, einem den Weg, gen Norden eine Steilküste mit einem zerbröckelnden Kliff. Dafür war man auch im Hochsommer ziemlich alleine. Der Tagesablauf wurde von der Natur, Ebbe und Flut, und einfachen Bedürfnissen bestimmt. Es gab keine Zeitungen, außer portugiesischen, die fast ausschließlich von lokalen Ereignissen berichteten, also nicht abzulenken vermochten, und keinen Fernseher. Doch in den Abendstunden tauchte am Strand an einem nicht genau vorhersehbaren Zeitpunkt jeden Tag John Baldessari mit einer Begleiterin auf. Unverkennbar. Ich hatte ihn zwar nur einmal im Leben und aus gewisser Entfernung gesehen, aber das war er. Leicht zu erkennen, das klassische Gesicht hinter dem langen weißen Bart. Ich wußte nicht, ob ich ihn ansprechen sollte – ob das womöglich die Arbeit an diesem Text erleichtert oder vielleicht doch nur erschwert hätte. Bevor ich darüber entschieden hatte, war er aber immer schon mit der sinkenden Sonne im Rücken mit seiner dunkelhaarigen Begleiterin Richtung Binnensee verschwunden, vorbei an dem seltsamen grauen, gotischen Anwesen, das dem Vernehmen nach einer sehr alten Vicomtesse gehörte.

    Noch immer kann man, zumindest grob, zwei Diskussionen unterscheiden, die diejenigen Milieus der Bildenden Kunst beherrschen, die sich noch einer kritischen Kultur verpflichtet fühlen. Beide scheinen nicht nur inhaltlich, sondern auch in Bezug auf ihre Milieus und Institutionen, zunehmend unverbunden. Das eine wäre die Gesamtheit der Fortsetzungen derjenigen Diskussionen, die am Kunstbegriff oder am Kunstanspruch ansetzen – oder zumindest die Disziplin, in der über Bildende Kunst gesprochen wird –, die Kunstgeschichte noch immer an dem doppelten Anspruch umfassender Kritik und den „hohen“ Qualitäts-Standards einer Hochkultur festmachen wollen. Hier geht es nach wie vor um die Frage, wer oder was eine Aktivität als Kunst legitimiert, ob diese Legitimation wünschenswert ist und wen oder was sie ein- oder ausschließt. Im Zentrum dieses Diskurses stehen in der Regel die Institutionen, die der Archivierung und Repräsentation – also Museen, Galerien, das Prinzip des „White Cube“ etc. – ebenso wie die der Erziehung und Ausbildung, das Verhältnis Kunst und Öffentlichkeit, sowie, allgemeiner und grundsätzlicher, das von Kunst und Politik. Ein Beispiel für diese Debatten wäre in den Diskussionen der Dia Art Foundation während der späten 80er und frühen 90er zu finden, in den Round Tables von October, in Deutschland etwa beim „Methodenstreit“, den die Zeitschrift Texte zur Kunst Ende 1997 in Berlin veranstaltete und der erneut die Frage nach kritischer und linker Kunstkritik stellte. Dabei geht es immer auch darum, ob gerade das Festhalten am Begriff der Kunst einen Gewinn für kritische Positionen bieten kann. Zwar stellte Benjamin Buchloh schon 1987 – beim ersten Dia Art Foundation Panel – fest, daß der kritische Ansatz in der Kunstkritik jeden Boden unter den Füßen verloren hätte, möglicherweise aber in der Kritik der Massenkultur noch einen Sinn hatte und warf sich selbst und seinen Co-Panelisten Rosalind Krauss und Michael Fried das Ignorieren der Massenkultur1 vor, hielt selber aber auch 1997 – beim „Methodenstreit“ in Berlin – noch strikt daran fest, daß massen- oder subkulturelle Phänomene unmöglich Gegenstände von Kunstkritik werden könnten und z. B. Elvis Presley im gleichen Maße wie Jackson Pollock eine periodisierende Funktion zugebilligt werden könnte. Ähnlich massiv verteidigte Rosalind Krauss einen exklusiven Kunstbegriff, um das Boot der Disziplin Kunstgeschichte wasserdicht gegen eine See von Anfeindungen und Versuchungen zu machen, die vor allem die steigende Flut der Cultural Studies meinte.

    In das Feld der Diskussionen, bei denen ein Kunstbegriff noch eine entscheidende Rolle spielt, wären auch gewisse Stränge der – vorwiegend in Deutschland geführten – Mahnmaldebatte einzutragen, in der (anläßlich der Beteiligung von Richard Serra an Eisenmans ersten Entwurf) wiederholt die Frage diskutiert wurde, ob die Kunst als irgendwie autonome Instanz gerade nicht oder gerade ganz besonders geeignet sei, auf das „Unaussprechliche“ des Holocaust Bezug zu nehmen, ja gar es auszusprechen. Auch die letzte Documenta bezog sich in mancherlei Hinsicht auf diese Diskussionen und stellte nicht nur zentrale Arbeiten aus diesem Zusammenhang in den Mittelpunkt ihrer Bestandaufnahme, das „Atlas“-Projekt von Gerhard Richter und das „Musée des Aigles“ von Marcel Broodthaers, sondern bemühte sich auch darum, den Prozeß der Diskussion durch die Reihe „100 Tage / 100 Gäste“ auszustellen.

    Die andere und gegenläufige Debatte kommt weitgehend ohne den Kunstbegriff aus. Sie versammelt sich viel eher um den der Visualität, der Bilder und Bilderwelten und ist an Fragen der Repräsentation nicht so sehr im Zusammenhang mit den Institutionen interessiert als im Zusammenhang der Alltags- und Massenkultur oder dem von Pop-, Sub- und Gegenkulturen. Eine wesentliche Frage gilt dem Einfluß neuer Technologien der Bildproduktion und -reproduktion und die vielfältigen, damit zusammenhängenden Verschiebungen und Umschichtungen der Bildkonsumption im sozialen Gefüge. Diese Debatten werden stark mit dem Begriffsbesteck, das sowohl die britischen Cultural Studies als auch und vor allem ihre US-amerikanischen Entsprechungen entwickelt haben, geführt. Interdisziplinarität wird dabei groß geschrieben: Philosophie, Soziologie, Kunst- und Kulturwissenschaften fließen mit ein und dazu kommen auf bestimmte politische und soziale Fragen zugeschnittene, meist aus der Literaturwissenschaft entstandene Neben- und Tochterdisziplinen wie Queer Studies, Women’s Studies oder Postcolonial Studies, die unter anderem auch auf die Erwartungen eines spezifischen Nutzens dieser Diskussionen für konkrete politische Auseinandersetzungen verweisen.

    Ich will den ersten, den neo-institutionskritischen Debattenkreis als post- und neokonzeptuell bezeichnen, den anderen mit dem in letzter Zeit modisch gewordenen Term Visual Culture. Obwohl es einige personelle und inhaltliche Überschneidungen gibt, scheint mir doch zentral für die dennoch relativ ausgeprägte (und überraschende) Getrenntheit der beiden Debatten die Tatsache, daß die eine weitgehend ohne Kunstbegriff auskommen kann, während die andere sich für Bildkonzepte nicht sehr interessiert. Man wird schon ahnen, daß an dieser Stelle John Baldessari, der offensichtlich am Kunstbegriff wie am Bildbegriff ein immenses kritisches und praktisches Interesse hat und vor allem an einer bestimmten unauflöslichen Verbundenheit der beiden, nun endlich seinen Auftritt haben müßte, aber schieben wir diesen noch ein bißchen hinaus. Schicken wir erst noch ein paar diskursive Supporting Acts auf die Bühne.

    Die Getrenntheit der Debatten hat ihre Ursachen nicht nur in den Interessensgebieten der Debattierenden und deren etwaigen harten institutionellen und disziplinarischen Grenzen, sondern auch in den Arbeitsteilungen, die das Gebiet der Bildenden Kunst selbst betreffen, sowohl intern als auch im Verhältnis zu benachbarten Gebieten. In der post- und neokonzeptuellen Kunst und den sie begleitenden Kritiker- und Intellektuellenkreisen scheint es eine ausgemachte Tatsache zu sein, daß die Bildherstellung selbst kein Arbeitsgebiet eines zeitgenössischen bildenden Künstlers mehr sein kann. Seit vielen Jahren ist klar, daß der zeitgenössische Bildkünstler mit Bildherstellungsweisen als verdinglichte und vergesellschaftete Praktiken außerhalb seines Einflußbereichs nur umgeht: sie anordnet, ausstellt, problematisiert etc., aber nicht selber hervorbringt. Bildproduktionsweisen sind nicht nur auf der technischen Ebene industriell determiniert. Die Aufgabe der Künstler kann es allenfalls sein, unter Zuhilfenahme dieses Materials Aussagen über sein Zustandekommen und auch darüber hinausgehende, „geistige“ (Duchamp) Ideen zu vermitteln, die nicht von den retinalen Informationen, die der Bildhersteller oder der Bildherstellungsprozeß zu verantworten haben. Ebensowenig interessieren in der Regel die „unmittelbaren“ oder „primären“ Stadien des Bilder-Sehens, die physische oder psychologische Ebene – der lange und natürlich berechtigte Kampf gegen falsche Unmittelbarkeit hat nahezu jedes Interesse an dem Interface Auge und Gesichtssinn ausgelöscht.

    Entsprechend ist der Gegenstand der Kunstdiskussion selten Visualität, sondern bestenfalls Metavisualität. Daß dies so ist, irritiert niemanden mehr, schließlich gehen mittlerweile ja oft schon massenkulturell kursierende Bilder-Produzenten mit dieser Tatsache um, etwa in der Werbung. Die Künstler, die trotzdem noch oder wieder auf die Hervorbringung von Bildtypen als primäre Aktivität Wert legen, finden sich – und das auch meistens nicht zu Unrecht, wenn auch meistens aus anderen Gründen – auf der ungünstigen Seite einer nicht oft ausgesprochen, aber vielfältig virulenten High/Low-Unterscheidung. Und wie immer schon bei dieser Unterscheidung vermag sie möglicherweise ein kommerzieller Erfolg zu trösten.

    Ein erstes Unbehagen über die Reibungslosigkeit dieser Unterscheidung zwischen hoher, antiretinaler, sekundär bildverarbeitender und niederer retinaler, primär bilderproduzierender Kunst mag sich bei Phänomenen wie Neo-Expressionismus in den frühen 80ern gezeigt haben – doch waren die meisten Vertreter dieser und anderer Bewegungen (von Ausnahmen abgesehen) zu leicht als neo-konservative und restaurative Geister zu erkennen, um als kritische Herausforderungen ernst genommen zu werden. Brisanter war eher, daß eine Entwicklung außerhalb der Bildenden Kunst, also neue visuelle Formen im Gebiet von Kino, Video, Design und vor allem digitalen Bildträgern im Laufe der 90er auch eine starke akademische und theoretische Unterstützung fand, die auf der akademischen Ebene, als akademische Debatte z. B. unter den Namen „Visual Culture“ konkurrent zu der Monopolisierung des kritischen Ansatzes durch die Diskussion der post- und neokonzeptuellen Diskurs-Kultur auftrat.

    Diese Konkurrenz wird in dem Moment besonders deutlich, wo die Vertreter des Visual-Culture-Ansatzes – die also von einer relativen Gleichbehandlung visueller Phänomene (vor dem Hintergrund der Qualität, der Authentizität, des Werk-Kontexts etc.) ausgingen und Bildender Kunst nicht per se einen privilegierten Ort zuweisen – auch über Bildende Kunst schreiben. Wenn etwa Irit Rogoff sagt, „I would like to make it clear that neither the artist nor his intentions are the subject of my discussion and are not of much concern to me. Issues of artistic quality, the authenticity of authorial voice and of ideological soundness seem to be redundant categories of analysis when applied to the attempt to understand visual culture as the disintegration of the unity of visual discourses“2, dann schafft sie ein Problem für den neo- oder post-konzeptuellen Diskurs. Denn der gibt ja auch keinen Pfifferling mehr auf die hier geschickt von Rogoff ins Spiel gebrachten, traditionellen Kategorien künstlerischer Legitimität: dennoch möchte er den Kunstbegriff nicht aufgeben und er möchte – im weiteren Sinne – auch nicht auf die Idee künstlerischer Qualität verzichten. Er müßte also erneut die spezifische (kritische) Qualität Bildender Kunst im Zeitalter der benannten Desintegration einheitlicher visueller Diskurse begründen. Vielleicht kann mein Text dazu unter Bezugnahme auf die Arbeiten von John Baldessari etwas beitragen.

    Es gibt aber auch ein Problem für den Diskurs der Visual-Culture-Schule, wie ich ihn hier einmal am Beispiel von Rogoffs Text exemplifizieren will. Denn wenn künstlerische Intentionen und Qualität unwichtig geworden sind und der Interpretin visueller Phänomene diese nur als mehr oder weniger anonyme Symptome gesellschaftlicher und historischer Entwicklungen erscheinen, die nur gelesen werden müssen, passiert etwas Ähnliches, wie in der Privilegierung nichtbildproduktiver, sekundär visueller oder metavisueller künstlerischer Aktivität in der post- und neokonzeptuellen Denk-Richtung. Der „Sinn“ der visuellen Phänomene wird erst auf einer zweiten Ebene konstituiert – entweder auf der künstlerischer Re-Arrangements (Post/Neo-Konzept) oder auf der einer ideologiekritischen, phänomenologischen oder hermeneutischen Lektüre durch die kritischen Auswerter anonymer VC-Phänomene (Visual-Culture-Diskurs).

    Mein Einwand ist nicht so sehr, daß das nicht der Fall ist: daß also nicht tatsächlich ein großer Teil des diskutierbaren Sinns visueller Phänomene auf der Ebene der sekundären kritischen Arrangements oder ideologiekritischen Lektüre entsteht, nur antworten beide Verfahren nicht auf die notwendig gewordene Neubestimmung und Bewertung bildproduzierender Praktiken unter den Bedingungen neuer elektronischer Medien wie auch bildlesender und -sortierender Primärpraktiken auf Seiten des nichtakademischen Publikums solcher Bilder. So wie der spätkonzeptuelle Ansatz die Techniken der Distanzierung, des Framing, der Metasprache vor jede Bildauswertung stellt (und von der von ihm bevorzugten künstlerischen Praxis dazu gezwungen wird), so übertreibt der VC-Ansatz die Lektüre von Bildern als lesbare Bestandteile einer medienübergreifenden und bildtypübergreifenden großen kulturellen Konversation, die auf einem allgemeinen Zeichenaustausch basiert. Bilder bringen dann zwar andere Zeichen hervor, aber letzten Endes auch nur Zeichen – und da ist es völlig egal, ob der fragliche Gegenstand gemalt, gesprayt, gefilmt, fotografiert oder gepixelt ist und vor welchem Hintergrund: er ist lesbar.

    Bevor also Rogoff im fraglichen Fall, wo sie den Zusammenhang zwischen dem deutschen Historikerstreit und der Mahnmalsdebatte mit Gemälden von Jörg Immendorff sowie Arbeiten von Beuys und Jochen Gerz diskutiert, den Sinn der besagten visuellen Phänomen in bezug auf eine politische Konstellation sammelt und bewertet, sind all diese Phänomene schon einmal gelesen und bewertet worden – ohne daß wir etwas davon wissen, wie und mit welchem Ergebnis diese Prozesse verlaufen sind. Wir können am Ende darauf zurückgreifen und uns darauf verlassen, daß sie Zeichen geworden sind. In diesem besonderen Fall handelt es sich dabei sogar um Prozesse, die in der relativ gut dokumentierten und rekonstruierbaren Welt von Galerie- und Museums-Ausstellungen verlaufen sind. Man kann also wissen, daß im Kontext von Immendorffs fraglichen Gemälden – immer noch völlig unabhängig davon, was man von ihrer Qualität hält –, ein bestimmtes Symbol (Totempfahl) anders codiert ist als das universelle sprachähnliche Zeichen „Totempfahl“: es sieht nämlich genauso aus wie die Stuhl- und Tischbeine von Möbelskulpturen, die er zur selben Zeit und womöglich auch in den selben oder benachbarten Räumen gezeigt hat und die bestimmte Titel hatten, die diesen Totempfählen eine ganz bestimmte Bedeutung zuwiesen, die Rogoff verfehlen muß, weil sie sich für diese Dimension von künstlerischer Intention nicht interessiert. Ihr ansonsten sehr sympathischer und von mir mit großer Zustimmung gelesener Text, der in Immendorffs Bildern einen „Counterdiscourse“ zu den während des deutschen Historikerstreits vertretenen Positionen liest, gerät von ihrer Lektüre der „Bildzeichen“ zu einer vermeintlichen „dyadischen Struktur“ und von da zu einem Aufsatz von Dietmar Kamper – die allesamt einen Irrweg im Rahmen ihrer sonst bestechenden Argumentation markieren.

    Daraus will ich nicht ableiten, daß die VC-Untersuchung sich alten Kategorien von Werk und Autor beugen sollte, sondern habe nur am gut dokumentierten Beispiel von Arbeiten aus dem Hochkulturkontext gezeigt, daß verfügbare Informationen vernachlässigt wurden und daß die Gründe für die Vernachlässigung darin liegen, daß dem primären Bildherstellungsprozeß und seiner Geschichte auch hier, in dieser symptomatologischen Lektüre, keine Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Mit diesem „primären Prozeß“ meine ich nicht, wie man Ölfarbe mischt oder eine Leinwand aufspannt, sondern wie wiedererkennbare oder nicht referentielle Gegenstände in ein Bild geraten und dort Aussagen komplettieren. Entsprechende Informationen liegen meist in einem noch viel größeren Maße brach, wenn es um die Lektüre und Diskussion von Pop- und Massenkultur geht, weil ja auch für diese gilt, daß uns Intentionen und Produktion wie auch primäre Rezeption einen feuchten Kehricht interessieren, wenn wir an der Desintegration einheitlicher visueller Diskurse interessiert sind, die sich auflösen in so etwas wie pure gesellschaftliche Symptomatik.

    Damit will ich aber nicht nur ein Plädoyer für eine materialistischere – im mehrfachen Sinne des Wortes – Untersuchung visueller Phänomene generell halten und ich glaube tatsächlich, daß auch viele Untersuchungen, die unter dem Oberbegriff der Visual Culture, dort einiges geleistet haben. Ich möchte drei Thesen oder Thesenzusammenhänge zu diesen Debatten und ihren Aporien aufstellen, die ich an die Arbeit von John Baldessari anlehnen möchte.

    1) Der konzeptuelle und neokonzeptuelle Diskurs laboriert noch immer an den ungeklärten Spätfolgen der bloßen Ersetzung visueller Konzepte durch sprachliche. John Baldessaris Werk ist von Anfang an als ein Korrektiv wie als Kompensation dieses alten und vielbesprochenen Problems aufgetreten. Der Geringschätzung oder der Vernachlässigung der Eigenlogik des Visuellen setzt er allerdings alles andere als einen Visualismus gegenüber, sondern er zeigt vielmehr beständig, wie gerade die konzeptuelle Untersuchung an den sogenannten primären Stadien des Bilderproduzierens und Bildersehens ansetzen muß. Für den spezifischen Akt der Herstellung eines zeichenhaften Verhältnisses eines Bildes zu einem Gegenstand in der Wirklichkeit fand Baldessari irgendwann den überzeugend angemessenen Ausdruck „Pronounce“, prononcieren – wobei die Nuancen der Aussprache, der Prononciation in dem von mir gemeinten Beispiel, der Arbeit „Six Ways to Pronounce Fiddlestick (For L. Sterne)“, von Farbunterschieden repräsentiert sind.

    2) Der Ort, an dem ich eine spezifische Verfehlung in Rogoffs Text über Immendorff gefunden habe, ist nicht zufällig und läßt sich nicht allein mit dem so generell wohl auch gar nicht gemeinten, von mir vorhin zitierten methodischen Postulat von ihr abdecken. Er ist vielmehr symptomatisch, weil er in einem Diskurs passiert, der davon ausgeht, daß in sehr zeichenhaften lektürefähigen, rhetorischen Bildern – wie denen Immendorffs – einzelne Elemente tatsächlich wie sprachliche Zeichen behandelbar sind (als Bild von einem Totempfahl gleich Wort Totempfahl), daß es also Bilder gibt, die für Literalisten sozusagen sicherer Boden sind. Baldessaris Arbeit ist gerade in diesem Zusammenhang entscheidend, weil er nämlich von der Differenz Bildrhetorik/Sprachrhetorik gerade bei scheinbar einheitlich rhetorischen visuellen Konstellationen ausgeht. Dies tut er aber, ohne eine essentielle Differenz zu behaupten. Er verwirrt mit Rollentauschen beider und zeigt ihre gegenseitige Abhängigkeit, aber eben auch die Unmöglichkeit einer Ineinssetzung.

    3) Es gibt durchaus einen privilegierten Ort der Kunst als Kritik: das ist die in der jeweiligen Bildproduktion eingelassene irreduzible Differenz der Bildrhetorik zur sprachlichen und auf einer Ebene darunter der spezifische Unterschied zwischen Juxtapositionen von Bildern und Textbausteinen – wie auch deren Gemeinsamkeiten. Bildende Kunst kann – anders als anderweitig eingespannte, funktionalistische Bildproduktion – ihren natürlich dubiosen, aber privilegierten gesellschaftlichen Ort dazu nutzen, von dieser Differenz als Vorbedingung unseres Weltverständnisses und unserer Ideologiebildung zu sprechen. Das kann sie auch dann noch mit einem kritischen Gewinn tun, wenn sie ansonsten ganz konform verläuft, also nicht etwa das Kunstsystem dezidiert attackiert – weil das einen anderen Anspruch von Kunst betrifft. Ein so wie jetzt von mir reformulierter kritischer Anspruch von Kunst nimmt sich in der Tat zurück: er beharrt auf der Formulierung von Kritik, aber auf eine elementare und möglicherweise akademische, nicht unmittelbar an die Bedürfnisse täglicher Ideologiekritik anschlußfähige Weise, als Grundlagenforschung. Damit kann man sich natürlich nicht zufriedengeben: gleichzeitig muß man auch Galerien niederbrennen. Aber für heute sollte man die in Ruhe lassen, die in der anderen Galerie Bilder aufhängen, die selber die Quadratwurzeln der Bild-Text-Produktion Ideologie zu ziehen versuchen. Schließlich glaube ich, daß über die Differenz zwischen absichtlicher und unabsichtlicher Juxtaposition von Bild und Text, aber auch von Bild und Bild und Text und Text die flüchtig bestehenden Abstände und Positionen ausgehandelt werden, die heutzutage an die Stelle der monolithischeren Fronten Ideologie und Kritik getreten sind. Um sich in ihnen auszukennen, muß man die Grundlagenforschung betreiben, die John Baldessari betreibt und darum möglicherweise traditionell bürgerliche oder andere Räume schaffen, oder man muß sehr sehr nahe am Material sein. Man hat auch hier den Eindruck, Baldessari tut beides: im Sturm des Zapping sein Schiff steuern und es sich in den Blasen weißer Kuben gemütlich machen.

    Nun war es aber auch möglich, sich vorzustellen, daß durch den Entzug der gewohnten Mengen aktueller Bilder die nicht mehr ganz aktuellen, die knapp davor liegen, noch einmal in einen Zyklus der Prozession oder Verdauung eintreten. Vielleicht war die Präsenz des Baldessari-Mannes im Abendlicht einer Doppelbelichtung geschuldet. Weniger glaubte ich an ein Schuldgefühl, daß die Pflicht, den Text zu schreiben, den Mann hervorbrachte, als Vertreter der Pflicht, doch daß es zwischen diesem Mann und Baldessari ein Tertium Comparationis gab, einer, dem dieser ähnelte und der wiederum Baldessari ähnelte. Das konnte gut sein. Die portugiesischen Zeitungen feierten in diesen Tagen ausführlich den 100. Geburtstag von Ernest Hemingway. Fürs erste wollte ich mich mit dieser Hypothese zufrieden geben: es war nicht Baldessari, es war ein Hemingway-Doppelgänger, von denen sich vor kurzem in Pamplona hunderte getroffen hatten, und die in ihrer Vielfalt an Ähnlichkeiten und Abweichungen vom Original auch für Baldessari einen Platz gehabt hätten. Ich hatte einen Film darüber im Fernsehen gesehen.

    Zum ersten Punkt. Wie konnte die Beschreibung eines Bildes, Bildinhaltes, Projektes, möglichen Bildes etc. das Bild ersetzen, wenn die ersetzende Substanz „Sprache“ auch vorher schon im Bild enthalten gewesen war, Bilder nicht ohne Texte, Bildunterschriften, Illustrationsfunktion, Beschriftungen etc. auftauchten und miteinander in rhetorikartigen Beziehungen verbunden waren, wo immer es sie gab. Wenn also die Literarizität der Kunst erst möglich machen konnte, die Ersetzbarkeit visueller Konzepte durch sprachliche zu demonstrieren, dann war durch das Bestehenlassen der Sprache wohl auch ein immer schon vorhandener Bestandteil des Visuellen unaufgelöst in die Transformation mit hinein genommen worden. Die Transformationen und Demonstrationen der ersten Generation der Concept-Art hätten demnach nur Sinn, wenn sie das Material, das es zu transformieren gilt, wie auch dasjenige, in das es zu transformieren wäre, als erstens zusammengesetzt und hybrid und zweitens als eben Material definieren würde, nicht als bloßes Material versus reine Prinzipien der Abstraktion.

    In vielen bekannten Arbeiten – den „A Work by …“-Bildern, der „National City“- oder der Schrift-auf-Leinwand-Serie – aus der Zeit zwischen 1966 und 1970 scheint mir Baldessari klar von diesem Punkt ausgegangen zu sein. Die potentielle Bildunterschrift ist immer schon im Bild, sowieso. Sie gehört zum Inhaltsentstehungsprozeß beim Rezipienten, sei es als explizites Zwischenstadium vor einer offenen Lösung, sei es als Endergebnis. Wenn die Bildunterschrift nun aber hingeschrieben wird oder das Bild ersetzt, entsteht ein gleichzeitig öffnender und schließender Prozeß: der Vielfalt von nicht klar formulierten Unterschriften des Betrachters wird eine gegenübergestellt, auf die hin sich die Bilddeutungsmöglichkeiten verengen – die aber gleichzeitig erst die Möglichkeit der Entstehung einer anderen alternativen, aber ebenso klaren Bildunterschrift durch den Rezipienten eröffnet, das bewußte Prozessieren von Sätzen in Bezug zu Bildern erst anschiebt. Und schließlich die entscheidende Frage stellt, ob das, was dem Satz oder dem Datum oder dem Ort auf dem Bild nicht entspricht, deswegen inkommensurabel ist, weil es eben visuell ist und einer Beschriftung spottet, sich entzieht – oder ob eine andere Bildunterschrift die Mängel der vorhergehenden ausgleichen könnte.

    Schrift – das kommt hinzu – ist auch immer ein Bild, eben sogar ein Gemälde im Falle Baldessaris. Mein alter Art Director sagte damals, als ich klein war und anfing, journalistische Texte zu schreiben, immer, ein Bild ohne Bildunterschrift sei kein Bild. Es wird erst ein Bild, wenn wir ihm eine Deutung vorschlagen, denn alles andere um es herum schlägt ja auch welche vor, nur vager und unklarer. Solches gilt auch für alle Bilder im Zusammenhang der Hochkunst. Titel sind nicht nur die unsichtbare Farbe, als die sie Duchamp bezeichnete (also eine weitere Farbe, eine Ergänzung), sondern der Regelfall gegen die Ausnahme, wo jemand meint, daß der Kontext oder jedweder Kontext für ein Bild die bessere Bildunterschrift macht und daß die implizite besser ist als die explizite. Das wäre aber auch eine Entscheidung.

    Das eigentliche Forschungsgebiet, das Baldessari damals eröffnete, betrifft eben Folgendes: Wie hat man sich aber das, was im Bild ist, bevor es Bildunterschrift wird, vorzustellen? Wie denjenigen sprachlichen Gehalt, der, wenn die Bildunterschrift ausbleibt, zusammen mit dem Kontext die vage, virtuelle und implizite Bildunterschrift/Titel des Betrachters ausmacht? Was ist das, das manifeste Sprache – Titel / Bildunterschrift / Inhaltsbeschreibungen etc. – anspricht, ansteuert, wenn es in jedem Bild immer schon enthalten ist? Und: Ist das etwas, das industrielle, alltägliche Bilder mit anderen gemeinsam haben?

    Eine erste Antwort, die Baldessari darauf gibt, in seinen Arbeiten mit Textbildern und Text/Bild-Kombinationen, ist sicher die, die er viel später in seinen Goya-Arbeiten wieder aufnimmt: Die manifesten Texte stellen sich den impliziten, unausgesprochenen als unerwartet, konfrontativ und fremd gegenüber. Sie sagen eben gerade nicht, was jeder sieht und zuerst sagen würde, sondern etwas ganz anderes: entweder eine extrem sachliche Beschreibung von Rahmenbedingungen (Datum, Lokalisierung des abgebildeten Objekts) oder extrem Unerwartetes, allenfalls Ergänzendes wie „Das habe ich gesehen!“ Beiden gemeinsam ist jedoch, daß sie einen impliziten Satz des Betrachters voraussetzen: Das habe ich gesehen, enthält ein bereits als vom Betrachter sprachlich vorgebildetetes, vorausgesetztes „Das“. Die Datierung oder Lokalisierung setzt die Frage „wo ist das?“ oder „wann war das?“ voraus, die ebenfalls ein Das und ein Was enthalten, die jeweils auf sprachlichen Vorbildungen des Betrachters aufbauen. Beide indizieren, daß man mit einem Betrachter kommuniziert, der schon entschieden hat, welche Fragen an dieses Bild relevante Fragen sein könnten.

    Interessant ist auch, daß Baldessari das Problem zunächst dadurch löst, indem er diese sprachlichen Voraussetzungen nur ex negativo beweist, indem er darauf zeigt und jeder erkennen kann, daß es sie geben muß, nicht indem er sich der zum Scheitern verurteilten Aufgabe unterzieht, diese impliziten und unausgesprochenen Sätze zu klassifizieren oder näher in Bezug auf ein generelles Verhältnis zum Bildinhalt zu beschreiben.

    Was er aber macht, ist, daß er eine dialogische Struktur jeder Bildbetrachtung (eben auch außerhalb des Kunstkontextes) voraussetzt. Der Betrachter kann die Vorformulierung seines „Was“ nur in Angriff nehmen, wenn er das Gefühl hat, ein Bild sei irgendwie gezielt gemeint (das muß nicht heißen, daß er sich einen konkreten oder individuellen Autor vorstellen muß, das Erkennen einer politischen oder religiösen Richtung oder eines Witzes als witzig gemeint reicht natürlich schon). Dieses Gemeintsein ist der Hintergrund der Vorformulierung. Ein Gemeintsein kann man auch für jede zweidimensionale Anhäufung visueller Daten annehmen, wenn die denn jemand gerahmt hat und so zu einer Einheit erklärt. Das Problem zeigt aber auf das später noch wichtige Problem der Kunst, weil dort das Gemeintsein oft das Einzige ist, woran sich jemand orientieren kann und weil es sich dort um ein besonders privilegiertes Gemeintsein handelt.

    Dies ist aber nur die erste Antwort, die Baldessari uns gibt. Die zweite fügt er zum Beispiel in den Arbeiten hinzu, die aus mehreren manipulierten und/oder nur dekontextualisierten Bildern bestehen, die sich über ein sprachliches Tertium Comparationis miteinander in Verbindung bringen lassen – also etwa „Team“, „Box (Blind Fate And Culture)“ oder „Hands/Feet“ von 1987. Der Effekt, der von diesen Bildern ausgeht, ist noch verblüffender und in gewissen Sinne auch unheimlicher. Unheimlich weil hier eine Tatsache unseres Weltverständnis ziemlich genau angesteuert wird, ohne sie sprachlich zu benennen, sondern nur visuell oder in einer visuell unterstützten Juxtaposition auf sie zu zeigen; nämlich die Grenzen zwischen sprachlichen und visuellen Zeichen und ihre Austauschbarkeit und die Grenzen von Zeichen überhaupt. Dies betrifft meinen zweiten Punkt.

    Viele Bilder führen – oft nach der Art eines Rebus – auf einen Satz oder ein Wort zu, das dann mit dem anderen Bildteil eine Gemeinsamkeit in Bezug auf das vom Bildtitel vorgegebene (oft nur angedeutete) Tertium Comparationis bildet. So wird die Frage „Visueller und ultimativ nichtsprachlicher Rest oder sprachlich nur noch nicht endgültig erschlossen, wohl aber erschließbar?“ noch zugespitzter gestellt. Baldessari deckt bekanntlich – nicht nur bei Arbeiten, die der erwähnten Versuchsanordnung folgen – bestimmte Teile des Bildes ab, die das Sprachliche betonen (der Boxhandschuh in „Box (Blind Fate and Culture)“ oder einen zusätzlichen beschreibbaren, „sprachlichen“ Sinn hervorbringen (die unkenntlichen Gesichter in „Team“ als anonyme Masse z. B.).

    Baldessari scheint also zunächst den Lesbarkeits- und Substituierbarkeits-Gläubigen (ein Bild besteht aus einer endlichen Menge Zeichen, die sich der Reihe nach oder meinetwegen auch einer komplexeren Anordnung nach dechiffrieren lassen) zuzuarbeiten. Er zeigt, wie man Bilder denotativ machen kann, und er operiert dabei mit den – oben beschriebenen – Wahrheiten aus seinen früheren Werkgruppen: Die Funktionen und Effekte der Bildunterschriften sind divers, aber, welche der oben beschriebenen es auch immer ist, der ausgestellte Text-Bild-Zusammenhang ist ein Mittel, das Bild dem Reich der Zeichen einzugliedern, unmißverständlich auf die bei der Rezeption wenn auch unausgesprochen, so doch längst signifizierten Betrachtungsroutinen zu verweisen. Nach und nach, je vielfältiger und komplexer die Text/Bild-Arrrangements – oder eben die Verweise auf sprachliche Tertia Comparationis, die nur im Titel vorkommen – werden, wird so das Bild irgendwann ganz von Zeichenhaftigkeit überschwemmt. Am Ende wäre sein imaginärer Gehalt „gerastert“, restlos in Zeichen zerlegt.

    Doch konnten wir ja vorhin schon sehen, daß die Bildunterschrift in ein und derselben Operation schließt und öffnet, die Tertium-Comparationis-Methode – wie ich sie mal vereinfachend nennen werde, es gibt in jenen Jahren noch einige andere, aber verwandte Versuchsanordnungen bei Baldessari – tut dies natürlich in einem noch viel größeren Maße. So wie die Finitheit des geschlossenen, hingeschriebenen Satzes, die Bildteile, mit denen er durch vielfältige Operationen in Verbindung gebracht wird, so weit wie möglich auf ihr Finites und Fixes bringt, und dadurch natürlich erst recht ihre ambivalenten, unentscheidbaren, fliehenden Anteile aufruft, tut dies die weniger finite, weniger konturierte sprachliche Figur, die die Tertia Comparationis evozieren, auch.

    Nur während im ersten Fall sich finit-fixe sprachliche Zeichen und davon nicht erreichbare visuelle Ambivalenz und Entziehungen in einer dialektischen Beziehung gegenüberstehen, sind es im zweiten Fall ein unzuverlässiger Vertreter des Sprachlichen (eine erschlossene, abgeleitete sprachliche Bedeutung) und hingegen ein visuelles Material, das auf den ersten Blick vom Künstler nicht nur mit dem sehr eindeutigen Ziel zusammengestellt, sondern auch bearbeitet wurde, auf entsprechende Weise auf Sprachliches zu verweisen. Nun ist also das Visuelle fast denotativ, das Sprachliche hingegen offen und von Konnotationen überschwemmt.

    Baldessari arbeitet hier also weiter entlang der eingeschlagenen Linie, daß die beiden „Codes“ nur in Zusammenarbeit Bedeutung hergeben, entfernt sich aber diesmal von der traditionellen essentialistischen Opposition, die der Sprache die Burg Denotation zu errichten zutraut, den Bildern aber endlose Weiten der Konnotation. Um Bestimmtheit zu veranschaulichen, braucht man zwar meistens Sprache als Hilfsmittel, aber Baldessari schafft es sogar fast, das zu vermeiden. Stattdessen läßt er ständig den einen Code den Job des anderen übernehmen.

    Wichtig ist, daß diese Arbeiten in hohem Maße „unterstützte“ Readymades sind und die Unterstützungen drastisch das visuelle Material zu verletzen scheinen, um die gewünschte Bedeutung zu unterstreichen. Das Herauskitzeln der für die Analyse entscheidenden visuellen-aber-eindeutigen Bedeutungen ist offensichtlich nur um den Preis der Gewalt bis Zerstörung der Bilder als Bild möglich, in ihnen kann der Blick nicht mehr schweifen. Das „Das“, das ich gesehen habe, ist vom Künstler präpariert. Gleichwohl spielt Baldessari damit aber auch auf die Produktion von Seh-Ergebnissen und Blick-Ergebnissen an. Das, was er vorführt und zeigt, ist genau das, was das bedeutungsorientierte Sehen und Bilder-Erbeuten die ganze Zeit macht. Es produziert – oft ohne Zuhilfenahme geformter Sätze – Bedeutungen.

    Die Produktionsakte von Rezipienten mit denen der Produzenten zu parallelisieren, kann natürlich sehr schief gehen. Baldessari tut dies nicht offen, aber er macht es möglich und unter einem gewissen Humorvorbehalt, durch die drastischen Bearbeitungsmittel. Ihm (und mir in dieser Analyse) hilft aber dieser Umweg, auch die Produktion des Künstlers, den primären Zugriff auf Bilder, der dem Konzeptualismus sonst so prekär ist, ins Visier zu nehmen. Denn natürlich basieren auch künstlerische Bildverwendung und -produktion auf solchen Seh-Ergebnissen. Und da wird es dann nämlich doch wichtig, daß der Boxer, mit Boxhandschuh und abgedeckten Augen, ein spezifisches Aussehen hat: für die Versuchsanordnung ist nur wichtig, daß er eines hat, nicht welches. Für das Bild von Baldessari, das es geben muß, um überhaupt die Versuchsanordnung in Gang zu setzen, aus technischen, sozialen und ästhetischen Gründen, muß er ein bestimmtes Aussehen haben – zumindest wird sein bestimmtes Aussehen nach wenigen Minuten Betrachtung post festum zum nicht mehr austauschbaren Element.

    Dieses Spezifische und seine Notwendigkeit ist aber eine weitere Grenze der Versuchsanordnung, die Baldessari geschickt in Szene setzt. Sie beantwortet auch die Frage nach dem Totempfahl: gerade die Darstellung einer generischen Sache durch ein Bild ist immer an die Spezifizität ihres Exempels gebunden, selbst wenn man das, wie Baldessari scheinbar, durch konzeptuelle Maßnahmen niedrig zu halten versucht: Es ist ein bestimmter Boxer und eine bestimmte Göttin vonnöten, um Boxer und Göttin denkbar zu machen. Die Unbeliebigkeit dieser bestimmten Bilder ist die Grenze eines symptomatologischen VC-Ansatzes. Für Autor-orientierte Kunst kann das noch ein ignorierbarer Anteil sein, zu wissen welche Göttin, welcher Boxer, für Visual-Culture-Studies, eine Wissenschaft, die sich mit nicht durch Autoren integrierte Bildproduktion beschäftigt, wäre diese Frage aber entscheidend.

    Die Tetrad- oder Elbow-Serie aus den späten 90er Jahren schließlich schließt den Kreis meiner Fragestellungen und nähert sich dem dritten Punkt. Man muß diesmal nicht sehr lange nach Prinzipien suchen, die Sprachliches und Bildhaftes verbinden oder verschieben, austauschen oder auswischen: Für je drei Gegenstände, einen Menschen, eine Pflanze und ein Tier, werden drei Darstellungsformen gewählt. Diese werden jeweils mehrfach bestimmt. Für die Menschen wird jeweils der Kopfausschnitt gewählt, und zwar stets repräsentiert von einem Kopf, der aus einem Werk der Malerei, der kanonischen Bildenden Kunst ausgesucht und zitiert wurde. Das technische Verfahren, mit dem zitiert wird, Ink-Jet auf Leinwand, ist eine Reproduktionstechnik, die etwa bei in Warenhäusern erhältlichen, allerdings durchaus teuren, anspruchsvollen Reproduktionen von „Meisterwerken“ eingesetzt wird. Oder auch von Jeff Koons. Für die Tiere wird die Bezeichnung des Tieres in weißen Versalien auf einen schwarzbemalten Hintergrund von Hand aufgetragen. Für die Pflanzen werden sehr professionelle Fotografien der betreffenden Pflanze verwendet, wie sie in National Geographic oder Coffee-Table-Zeitschriften hätten Verwendung finden können.

    Geht es hier also auf den ersten Blick in besonderer Klarheit um Repräsentation und Zeichensysteme, ihre Austauschbarkeit und Nicht-Austauschbarkeit? Hat Baldessari, nachdem seine Arbeiten in den 90ern oft Fragen und Projekte aus den 80ern in immer größere Komplexität getrieben zu haben scheinen, nun zu einer neuen Einfachheit gefunden? Man wird ahnen, daß wir damit nicht sehr weit kommen. Die Ellbogen-Serie ist auf vielen Ebenen subtil: Man beschäftige sich nur einmal mit der Frage, wie die Plazierung der Köpfe (oben-mitte-unten) mit der Blickrichtung der Porträtierten zusammenhängt. Doch geht es mir vor allem um einen bestimmten Aspekt, dem Problem der Kunst.

    Baldessari hat ja den drei Gegenständen nicht nur beliebig bestimmte Formen der Repräsentation und bestimmte Zeichensysteme zugeordnet. Die denotativ-klassifikatorische rein sprachliche Benennung für Tiere „paßt“ – in einem ironischen Sinne – zu dem sich verbreitetenden allgemeinen Unbehagen über ein bloß an Verwertungsinteressen orientierten unethischen Umgang mit (Nutz-)Tieren, die Fotografie „paßt“ zu einem Schönheitsempfinden, das in der Pflanzenwelt vor allem solche Pflanzen schön zu finden bereit ist, die man noch nicht (gut) kennt, die exotisch sind: Die Fotografie muß sie gleichzeitig vorstellen und feiern. Schließlich kommt dem Menschen nicht nur in den klassischen Bilderverboten das Attribut der Undarstellbarkeit zu, daher muß ein privilegierterer Zugang gefunden werden, keine reine Abbildung, Darstellung, Repräsentation: sondern Kunst, die darüberhinaus diese Undarstellbarkeit noch einmal darstellt, indem sie sie als Willkür der Form, als Handschrift eines großen Meister repräsentiert.

    Und obwohl die Wahl der Systeme also „paßt“, werden sie natürlich trotzdem erkennbar demonstrativ gewählt und beibehalten. Das, was an ihrer Verwendung diskutiert wird, ist nicht nur – das ist, glaube ich, wichtig – Ergebnis einer abstrakten Versuchsanordnung, sondern eng bezogen auf heutige – und auch in diesen Text geführte – Diskussionen. Zum einen erscheinen natürlich Mensch/Malerei/Kunst als Teile einer Hierarchie von Darstellungsformen, bei der Tier/Beschriftung, Pflanze/Foto unter sich jeweils unklar, aber konventionell klar unter der ersten Konstellation rangieren. Und es geht bei der Serie ja überhaupt um Hierarchien: die Plätze sind austauschbar und es ist auch ein „Unentschieden“, ein Nebeneinander möglich.

    Ein Gedanke dabei, der auch nicht neu ist – weder in Baldessaris Werk noch in den postkonzeptuellen Debatten –, ist der, daß die Kunst sich von jeder anderen Bildproduktion unterscheidet und womöglich auch ihre Legitimation daher nimmt, daß sie für ein Bild den Träger und das Format genau festlegt. Der unverwechselbare und eigentlich künstlerische Akt wären alle Parameter dieser Festlegung. Nicht Weiners berühmten Anweisungen, nicht Ideen, nicht Konzepte wären demnach das Entscheidende, sondern die souveräne Entscheidung für Format, Träger, Material, Technik etc. sei unhintergehbar künstlerisch und nichtindustriell – und kann trotzdem jede industrielle Technik miteinschließen.

    Auf diesen Gedanken reagiert Baldessari nun, indem er die Kunst – als Zitat – symbolisch in ein Format gleichberechtigt neben zwei anderen Systemen einschließt und sie darin der Permutierbarkeit, dem Platzwechsel, aussetzt. Dies geschieht in einer Arbeit, in der gerade Format und Träger in besonders auffälliger Weise im Sinne der referierten Idee künstlerisch bestimmt worden sind. Der Gedanke wird also einerseits in Zweifel gezogen, indem sozusagen vorgeführt wird, wie es möglich ist, mithilfe der Operation, die Kunst von jeder anderen Bildproduktion unterscheiden soll, Kunst zu symbolisieren und auch abzuwerten und zu relativieren. Andererseits operiert die Arbeit natürlich mit der u. a. auch durch Festlegung von Träger und Format erworbenen Autorität von Kunst, um Kunst-als-Ganzes zu symbolisieren und legitim eine Aussage darüber machen zu können.

    Baldessari thematisiert also deutlicher denn je den Sonderfall „Kunst“ unter den Bilderproduktionen, aber eben als ein Fall von Bildproduktion und Repräsentation. Nun sind alle Beispiele von Malerei in der Elbow-Serie aber von Goya, dem alten Gesprächspartner von Baldessari bei Text-Bild-Problemen. Goya, dem einerseits ein „politischer“, andererseits ein „anthropologischer“ Realismus nachgesagt wird, steht in der populären Vorstellung der Erkenntnis einer conditio humana, menschlicher Abgründe, aber auch Aufbrüche nahe, die noch heute in jeder emphatischen Anrufung des „Menschen“ anklingen. Gleichwohl sind sie alt und als solche kenntlich. Der Mensch taucht also – folgen wir der Idee, daß die Wahl der Repräsentationssysteme irgendwie „paßt“ – nur noch im Präteritum auf, mit ihm die Kunst. Nur noch Inkjet vermag ihn und sie in die technologische Gegenwart zu blasen.

    Mit der Benennung dieser Leerstelle verweist Baldessari einerseits darauf, daß eine Entsprechung zu „Kunst“ heute nicht zu finden ist. Zu vieles und zu weniges käme in Frage, eine „wahre“ Kunst ließe sich nicht finden, die Vielfalt selbst ist nicht repräsentierbar. Andererseits ist die Leerstelle einer immer noch einigermaßen klar beschreibbaren gesellschaftlichen Einrichtung „Kunst“ und mit ihr einer privilegierten Sprechposition durchaus vorhanden. Sie kann einstweilen nur durch eine Umschreibung – Gegenwart dessen, was Goya für eine Vergangenheit repräsentiert – angegeben werden, die dem „Das!“ aus den Bildunterschriften ähnelt, aber gleichzeitig natürlich dazu einlädt, die Vorzüge der privilegierten Sprecherposition zu überdenken.

    Er macht da verschiedene Angebote. Zum einen stellt er sich selbst als einen Vertreter einer für Goyas Überlegungen satisfaktionsfähigen Praxis dar, er offeriert sein Modell als einen Vorschlag, diese Position als eine Position der Kritik wie der Analyse der restlichen Bilderwelt anzusehen. Zum anderen problematisiert er dieses Privileg und sein Sich-Verlassen darauf, indem er es als eine Variable unter vielen Darstellungsmöglichkeiten relativiert – die ganz leicht mit den anderen den Platz tauschen kann.

    Vor allem aber, und das ist das wichtigste, demonstriert Baldessari all dies mit sehr eindeutigen und dennoch rein visuellen Mitteln, die visuellen Mittel übernehmen ganz den Job der Formulierung von Paradoxa. Doch tun sie dies selber paradoxal, indem sie sich einer Rhetorik bedienen, die auf die Zuarbeit von Sprache, ihrem Juxtapositionsstil und -regeln angewiesen ist. Und dennoch das Wort überhaupt nur einmal, als Etikett mit einem Tiernamen, braucht. Dies ließe sich auf die Formel bringen, daß Baldessari denkbar macht, daß die visuelle Kunst – also diejenige visuelle Praxis, die Träger, Ort, Technik etc. präzise festlegt – Kritik an (anderen) Bildern deswegen besser formulieren kann als ein Text, weil sie wohl einerseits dasselbe kann wie ein Text (rhetorisch sein, gegenüberstellen, ironisch sein, bewerten), aber andererseits anders als der kritische Text immer ihr Angewiesensein auf (leise) Ergänzungen offenlegt, sich immer wieder unter das Material mischt, über das sie sich als Kritik erhebt. Was der Text, weil es ihm dafür an Operatoren in der Regel gebricht, nicht kann. Daß Bild und Text nicht essentialisierbar sind, daß sie immer aufeinander angewiesen sind, komplementär – all das kann ein Text zwar im Ausnahmefall sagen, ein Bild weiß und zeigt es zu jeder Zeit.

    Das wäre also ein Beispiel der Grundlagenforschung, die ich unter meiner dritten These angesprochen hatte. Sie besteht aus solchen klaren, aber vielschichtigen Versuchsanordnungen, deren entgegengesetztes Gegenüber wie auf primärer Ebene poetisch wirkende Arbeiten wie „Potatoes, Face (Smiling), Garbage Can, Landscape, Four Shapes + Red And Green Lines“ oder „Flying Saucer: Rainbow / Two Cyclists / Dog / Gorilla And Bananas / Chaotic Situation/ Couple / Tortoise / Gunman (Fallen)“ oder „Arrive (With Motives And Reasons)“ darstellen, die ganz stark der Untersuchung des Bilder-Machens / Sehresultate-Erbeutens gewidmet sind. Sie, meine Leserinnen und Leser, wird dieses Ergebnis meines Essays nicht überraschen. Ich halte die Kunst für einen potentiellen Ort der Kritik. Und zwar der Kritik aller Bilder. Ihr privilegierter Ort ist nur noch darüber zu rechtfertigen, daß sie der einzige Ort ist, von dem aus man Bilder als solche und als visuelle Daten in Bezug zu ihren Grenzen und Nebengebieten (Sprache, Klassifikationssysteme, Repräsentation etc.) sammeln, bearbeiten, analysieren und die Kritik ihres Alltagsgebrauchs als eine Kritik des Bilder-Machens formulieren kann, nämlich in Bildern. Diese Bilder können dann wieder Material für rein sprachliche Diskurse bilden, denen fehlt aber die Vorsortierung und das Vorverständnis durch eine privilegierte Bildkritik. Die wird heutzutage durch die Fülle neuartiger und extrem fluider Bilder um so wichtiger. Diese Kunst-als-Bilderkritik steht als Kritik natürlich nochmal auf einer weiteren Ebene (nicht nur auf der, auf der Bilder dieses Problem haben) in einem problematisch-prekären Verhältnis zu Sprache und Text und muß dieses Verhältnis austragen. Das Problem der Post- und Neo-Konzeptualisten, ohne einen Bildbegriff zu arbeiten, und der Visual Culture, auf jedweden Kunstbegriff zu pfeifen, haben gute kritische Künstler längst hinter sich gelassen. Kaum einer hat das Programm allerdings schon so lange erfolgreich betrieben wie John Baldessari.

    Schließlich gingen wir einmal früh am Nachmittag am Haus der Vicomtesse vorbei vom Strand weg und kehrten später in einer kleinen Gastwirtschaft ein. Es gab hier einen Kicker-Automaten, der sehr sehr alt aussah, aber wenn man ihn betrieb, hatte er eine Lautsprecherautomatik eingebaut, die jeweils einen der beiden Spieler als „Sporting“ oder „Benfica“ anfeuerte. Ich war „Benfica“ und verlor und durch die ganze Wirtschaft brüllte es „Sporting, Sporting!“ Hier entdeckten wir nun Baldessari auf der Terrasse und hätten ihn fast nicht erkannt. Seine Arme waren entblößt, und er las eine französische Zeitung (Wo hatte er die her?). Er trank große Mengen Bier, und sein Gesicht war ganz und gar verändert. Es war nur noch der Bart, der ähnlich war, die muskulösen rötlichen Arme und alles andere – das waren viele neue störende Eindrücke, gegen die das Gesicht nun schon große Anstrengungen der Ähnlichkeit hätte unternehmen müssen. Wir tranken zwei kleine Bier und zogen von dannen.

    1. Benjamin Buchloh, „Periodizing Critics“, in Dia Art Foundation/Hal Foster (ed.), Discussions in Contemporary Culture, Number 1, Seattle: Bay Press 1987, S. 65–69 ↩︎
    2. Irit Rogoff, The Aesthetics of Post-History, in Stephen Melville/Bill Readings (ed.), Vision and Textuality, Durham: Duke University Press 1995, S. 121f. ↩︎
  • Hase tot, Mensch lebt

    Joseph Beuys war Rheinländer und westgebunden wie Adenauer.

    Er war politischer Utopist wie die 68er. Er war Ökologe wie die Grünen. Er war ein religiös-wahnsinniger, mit Engeln konferierender Anthroposoph. Und er baute seine persönliche Mythologie auf Kriegserlebnissen auf. Er hatte die Neigung, Politik zu ästhetisieren und mit emotionalen Begriffen aufzuladen – zuweilen zu ihrem radikalisierenden Vorteil, zuweilen zu ihrem entpolitisierenden Nachteil. Umgeben von Muff, war er das Gegenteil von muffig.

    Der tote Hase ist ein verblüffendes, lustiges und doch merkwürdig ernsthaft berührendes, ästhetisches und doch noch auf etwas ganz Konkretes direkt anspielendes Objekt. Gleichzeitig ist er ein Zeichen in einer privaten Mythologie, die sich zwar nicht komplett als faschistoid beschreiben lässt, wie es Teile der neueren Beuys-Forschung versuchen, aber doch als ungut.

    Als die Kunstwelt aus konzeptuellen und politischen Gründen Kunstbegriffe erweitern wollte, übernahm Beuys den Job für die BRD. Statt auf Theorie setzte er beim erweiterten Kunstbegriff auf seinen lustigen Schamanismus und auf den Menschen: Jeder Mensch sei ein Künstler. Gemeint waren kreatürliche Eigenschaften, entdeckt anhand der Eleganz spanischer Müllmänner, die Beuys eines Morgens nach einer durchzechten Nacht in Madrid bei ihrer Arbeit beobachtete. Diese leicht ideologisierbare Menschlichkeit, die Mischung aus Autorität, herzlich-rheinischem Gemütsmenschen und tatsächlich radikalem Denker: Nur die konnte die Mischung seiner Bestimmungen und Interessen zusammenhalten und zum Werk verdichten. Anders als die Werke vergleichbar berühmter Kollegen wie Warhol ist Beuys’ Werk nach seinem Tode kaum einflussreich geblieben. Es war an die Präsenz der Person gebunden, deren Performance, deren 24-stündiges Auftreten es so berühmt hat werden lassen.

  • Visual Culture – Ein Projektbericht

    Im anglo-amerikanischen Raum lösten die neu entstandenen Forschungsfelder „Visual Culture“ oder „Visual Studies“ heftige Abwehrmanöver innerhalb der Kunstgeschichte aus. Im Vergleich dazu hat es hierzulande kaum Initiativen zur Gründung eines Fachbereichs gegeben, der sich speziell der erweiterten Bildproduktion widmen würde.

    Die Vorarbeit zu einer solchen „Visual-Culture-Disziplin“ leistet derzeit eine Arbeitsgruppe an der Stuttgarter Merz-Akademie. In seiner Rolle als Mitveranstalter berichtet Diedrich Diederichsen von theoretischen Debatten und methodischen Fragestellungen, die im Laufe des Projekts angesprochen wurden.

    Kunstgeschichte, deutsche Kulturwissenschaften oder britische Cultural Studies, Visual Studies oder Visual Culture, aber auch naturwissenschaftlich-kognitionswissenschaftliche Bildtheorien, dazu Semiotik, Wahrnehmungspsychologie und physikalische Optik, Kultursoziologien – alle fühlen sich auf eine Weise für das Bild und seinen Begriff und für die visuellen Kontinua jenseits isolierbarer Bilder zuständig. Die Projektgruppen, in deren Rahmen sich ab dem 3. Semester der größte Teil des Studiums an der Merz-Akademie (Fachhochschule für Gestaltung, Stuttgart) abspielt, verbinden meistens die Erarbeitung bestimmter künstlerischer und gestalterischer Techniken mit der (journalistischen oder wissenschaftlichen etc.) Bearbeitung eines oder mehrerer (vorgegebener) Themen. Im Falle der von Gabriele Goetz und mir seit 1993 gemeinsam geleiteten Gruppe ist ein weiterer Bestandteil die Erarbeitung von für Gestalter/innen relevanten Theorien. Lange haben wir versucht, von Fall zu Fall und Projekt zu Projekt einzelne Angebote aus den genannten Disziplinen herauszugreifen und sinnvoll Veranstaltungen darum herum aufzubauen.

    Seit zwei Jahren versuchen wir nun, die verschiedenen Ansätze enger zu verbinden, um gemeinsam mit Studierenden systematischer zu Vorschlägen für Verbindungen zu finden. Wir suchten nach metatheoretischen Grundsätzen.

    Eine Maxime, die wir fanden, lautete zum Beispiel, daß ein visuelles Phänomen oder ein visueller Zusammenhang unter immer mindestens zwei Gesichtspunkten betrachtet werden muß – also zum Beispiel optisch und soziologisch, wahrnehmungspsychologisch und im Hinblick auf Theorien des Performativen.

    Ein weiteres Ziel war, die Frage zu untersuchen, die sich auch aus meiner besonderen Rolle als Theoretiker, der Projekte von Praktikern (zumindest im Sinne des Fachhochschulgesetzes) betreut, ergeben: Inwieweit sind die Praktiker selbst Theoretiker, inwieweit produzieren sie die ganze Zeit implizite Theorien, wie lernen sie mit neuartigen visuellen Phänomenen umzugehen und Probleme zu standardisieren, was kann die Theorietheorie von ihnen lernen – und was nach wie vor umgekehrt Gestalter und Bildende Künstler von Theorie?

    Das Projekt, das nun auf der Basis dieser Ansätze, dieser aus früheren Semestern gewonnenen Einsichten aufbaute, nannte sich Visual Culture I-IV1 und wurde von folgenden Überlegungen geleitet:

    1) Wir haben es mit verschiedenen Neuheiten in der Bilderkultur zu tun: neue und miteinander konvergierende Arbeitsformen der Bildbearbeitung, endlos nachgiebiges und in immer größeren Mengen verfügbares Material; neue, ebenfalls konvergierende Rezeptionsformen. Obwohl durch die digitale Revolution und deren standardisierte Interfaces maßgeblich bestimmt, sind diese Veränderungen durch den ewigen Verweis auf ihre Digitalität nicht hinlänglich erklärt, beschrieben oder eingeschätzt. Dem Verschwinden der technisch begründeten Unterschiede von Genres, Gattungen und Künsten, aber auch der zunehmenden Ausdehnung (flacher) visueller Produktion in das Alltagsleben und bislang eher durch sozialen Gebrauch und architektonische Vorgaben kodierte Räume steht eine Explosion von anderen Differenzen gegenüber: unter anderem in Form und Gestalt der Bilder selbst, aber auch in ihrem Gebrauch. Aus diesem Grunde bedarf es einer neuen Wissensform oder Wissenschaft, die nicht mehr allein medial oder historisch begründet Bilder beschreibt, sondern den neuen Verhältnissen Rechnung trägt. Wir wollten in unserem Projekt versuchen, Bausteine und Beispiele dafür zu liefern: kleine visuell-theoretische Untersuchungen, die unter das Dach und in die „Systematik“ einer „Wissenschaft“ passen, die es noch nicht gibt.

    2) Wir wollten der Intuition nachgehen, daß Gestalter und Bildkünstler selbst eine entscheidende Rolle spielen, in einer Weise, die für die „Systematik“ dieser „Wissenschaft“ entscheidend sein könnte. Wir gingen folgendermaßen vor: Zum einen wurden oft mit begrenzten Mitteln ausgewählte Phänomene und Bildtypen in visuell/theoretischen Projekten neu beschrieben oder angeordnet mit dem Ziel, eine Ausstellung auszurichten. Zum anderen wurden die schon verfügbaren euphemistischen Entwürfe einer Theorie der Visual Culture wie auch deren schärfste Kritiken gelesen und bearbeitet. Aus letzterem ergeben sich die Fragen, Probleme und Vorschläge dieses Textes. Was hier folgt, ist also kein Projekttagebuch, auch keine Beschreibung von Arbeiten, die vor diesem Hintergrund realisiert wurden, sondern eine lockere Sammlung von Problemen, Paradoxien und Aporien, die uns am Wegesrand begegnet sind. Ein Projektbericht aus der Sicht eines daran beteiligten Theoretikers der natürlich ohne die Mithilfe der anderen, die an diesem Projekt teilgenommen haben, den Studierenden der Merz-Akademie und Gabriele Goetz, denen ich an dieser Stelle dafür Dank sagen will, zu diesen Einsichten und offenen Fragen nie gefunden hätte.

    Visual Culture

    Im Sommer 1996 hatte die Zeitschrift October ein Themenheft „Visual Culture“2 herausgebracht – offenbar schon als Reaktion auf das Entstehen gleichnamiger Fächer und Studiengänge an amerikanischen Hochschulen. Die überwiegend kritischen und besorgten Stimmen in October, die den Untergang der hergebrachten, historisch aufgebauten Disziplinen zugunsten einer beliebigen und ahistorischen Bilderwissenschaft befürchteten, welche nur eine gut funktionierende Bildersklavenarmee des Cyberkapitalismus aufziehen wolle, richteten unseren Blick auf folgende Frage: Wie könnte ein neues, visuellen Kontinua, neuen Bildverkettungen und neuen Bildertypen gewidmetes Lehrgebiet zumindest programmatisch diese Fehler vermeiden und sich kritischen und historischen Ansätzen ebenso verpflichtet fühlen wie der Notwendigkeit einer neuen Heuristik und der Anerkennung nicht nur technologisch neuartiger Verhältnisse? Zu welchem „Beruf“ würde es ausbilden, aus welcher Position kann es Kritik formulieren, was trägt es zu einer Verbesserung der Heuristik bei?

    Inwieweit also könnte Visual Culture den aktuellen Entwicklungen sowohl der Hochschullandschaft (Ökonomisierung, Stillegung einer Zusammenhänge setzenden Kritik) wie der kulturellen und insbesondere der Bildproduktion einen interdisziplinären Ort entgegensetzen, von dem aus man lernen könnte, Tendenzen wie der Kommerzialisierung der Lehre, Deregulierung und Fragmentierung der Produktion, Nivellierung traditioneller Zusammenhänge und Depolitisierung der Diskussion etwas entgegenzusetzen. Inwieweit spielt dabei gerade die Idee des Gestalters, wie ihn die Merz-Akademie in ihrer Selbstdarstellung schon früher immer wieder beschworen hat (kulturell kompetenter Generalist etc.), eine Rolle? Könnte dieser Typus nicht nur zum Gegenstand, sondern auch zur Methodik eines solchen Faches beitragen und spezifische visuell-konzeptuelle Methoden entwickeln, die einen akademischen Neuanfang, wie ihn das Fach „Visual Culture“ in seinen euphorischeren Auslegungen verspricht, bereichern oder prägen würde? Wie sieht eine Forschung aus, die Bilder unter Umständen selbst als theoretische Beiträge zu anderen Bildern begreift, die womöglich auch planvoll Bilder als Metasprache benutzt – und nicht alles in Texte übersetzt?

    Der Fragebogen, den October an einen „range of art and architecture historians, film theorists, literary critics, and artists“ versandte, formuliert suggestiv und ohne Nennung von Quellen und Urhebern vermeintliche Prinzipien des „interdisciplinary project“ „visual culture“. Einige gilt es zurückzuweisen oder zumindest Unterschiede zu dem zu benennen, was uns vorstellbar erschien. Im Gegensatz zur ersten October-Frage, die unterstellt, daß das Visual-Culture-Paradigma einen anthropologischen Ansatz gegenüber der traditionell historischen Architektur von Kunstgeschichte, Filmgeschichte oder Architekturgeschichte präferiere, ging es uns darum, neue Bildtypen vor dem Hintergrund aktueller kultureller, politischer und technologischer Entwicklungen zu untersuchen – und gerade durch solche Verknüpfungen von Perspektiven nicht nur die Genealogien neuer Bildformen, sondern auch ihre Geschichte zu schreiben. Vielleicht als eine Art bildwissenschaftlicher Komparatistik, vielleicht aber auch mehr. Doch neue Bilder und vor allem Bildzusammenhänge3, wie wir sie zunehmend – nicht von heute auf morgen – intensiver und drängender erleben, zeigen uns ihr Wesentliches, ihren Status, ihren Unterschied zu anderen, ihre neuartigen sozialen Funktionen weder ausschließlich als Kunst noch als Architektur, aber auch nicht immer als Film oder als wesentlich durch seine Bewegtheit gekennzeichnetes und klassifiziertes Bild. Stattdessen interessierte uns zum Beispiel die aus der Medienerfahrung (als Konsumenten wie als Produzenten) der Studierenden entnommene Frage, wie und wo willkürliche Verknüpfungen von Bildern einen Sinn ergaben, welche scheinbar willkürlichen Verknüpfungen einer wiederholt beobachteten Logik folgen etc. All das entzog sich der Beschreibbarkeit mit dem Methodenbesteck der konventionellen medienbezogenen Geschichten und ihrer historischen Kontinua. Sehr oft ließ sich auch die Unterscheidung zwischen Kultur und Alltagsleben nicht aufrechterhalten. Dies als Material anzuerkennen hieß nicht, seine Geschichte zu leugnen. Es ging nicht gegen die Geschichte der konventionellen Disziplinen, sondern gegen ihren medienspezifisch, traditionell oder kunstphilosophisch eingeschränkten Begriff des Bildes.

    So wenig aber wie die klassischen Historiken helfen, zumindest wenn man sie als allgemeine Erklärungsparadigmen bemühen würde, so wenig hilft der neue Vorschlag, die technologischen Einschnitte – Digitalisierung – zu den nicht hintergehbaren Grundlagen der Bilderwissenschaft (und jeder Kulturwissenschaft) zu machen. Natürlich haben auch wir zunächst mit diesen technizistischen Ansätzen geflirtet, die neue Bildtypen im wesentlichen auf ihre digitale (Im-)Materialität reduziert und dann eher in einem Paradigma der Digital Culture oder Digital Aesthetics diskutiert wissen wollen, so daß die Konvergenz der Programmarchitekturen von etwa musik- oder bildverarbeitender Software einen Ansatz legitimiert, der entweder nur empirisch produktionsästhetisch von dieser Konvergenz ausgeht oder aber techno-metaphysisch auf Grund der größeren Härte, Tiefe, Vorrangigkeit und daher Wichtigkeit der technischen Dimension einer Kulturtechnik den Aspekt der Digitalität über alle anderen stellt und daher auch keine Geschichte der Bilder vor den digitalen Bildern mit diesen in Verbindung bringen will.

    Hingegen schien uns gerade die Neuheit digitaler Bildbearbeitung und ihrer sozialen, ökonomischen und ideologischen Umgebungen in Bezug auf Bildtraditionen und -geschichten der Rede und des Studiums wert zu sein. Welches Material wird nur physikalisch unendlich weich und nachgiebig und endlos kombinierbar, welches leistet auch semantisch und ästhetisch keinen Widerstand?

    Geschichte oder Surrealismus

    Fredric Jamesons Beitrag zu diesen Fragen steht – in allerdings ausgezeichneter Weise – in seinem ambivalenten Schillern zwischen genauer und angemessener Kritik und kulturpessimistischer Ignoranz sicher für viele andere: Zum einen kann Jamesons „Surrealismus ohne das Unbewußte“4 bis heute vorbildlich als einer der genauesten Texte zu einer neuen Form visueller Produktion gelten (Kunstvideos, Musikvideos), die deren spezifisch Neues tatsächlich im Zusammenwirken technischer, ästhetischer und politischer Bestimmungen würdigt und kritisiert. Jamesons Begriff der Konnotation als einerseits Form der Bedeutungsproduktion, die charakteristisch für „künstlerische“ wie auch für viele Musikvideos sei, also sich ganz technisch aus dem „Material“ Video und seinen Eigenschaften ergebe (die in seiner Argumentation ja zunächst das einzige sind, was künstlerisches und Musikvideo gemeinsam haben), andererseits als genereller Bestandteil eines postmodernen Kulturtyps, der in dieser technischen Eigenschaft quasi zu sich selbst fände, ist sicher ein Idealfall der produktiven Kombination bildimmanenter, kulturkritisch-politischer und technologiebezogener Ansätze. Zum anderen stammt von Jameson aber auch die programmatisch kulturpessimistische Einlassung, nach der eine visuell orientierte Menschheit vom (natürlich höher bewerteten) Lesen nur träumen könne wie Tiere vom menschlichen Denken.5 Die Genauigkeit seines Aufsatzes schützt nicht vor den sich gelegentlich zu kulturpessimistischen Reflexen zuspitzenden Melancholie-anfällen an anderer Stelle – die wiederum von den berechtigten oder begründeten pessimistischen Urteilen zu trennen sind. Man findet diese Kombination bei vielen Beobachtern seiner Generation. Die eigene spezifische Erfahrung mit Bildern und Bildtypen geht oft nicht in dem Maße ihrer schon erreichten Differenziertheit in die generelle Reflexion über Visualität ein.

    Dabei läßt sich gerade an Jamesons Essay zu Video als dem spezifischen Medium der Epoche zeigen, wie ein Begriff des spezifisch visuell und relevant Neuen eine Voraussetzung für seine nun alles andere als bloß immanenten Erkenntnisse vom Wesen dieses spezifischen Mediums (Video) möglich machten. Für Jameson folgt daraus epistemologisch nur, daß man Videotheorie von Filmtheorie unterscheiden sollte, nicht unbedingt jedoch, daß ein von seinem heuristischen Vorgehen gar nicht so verschiedenes Visual-Culture-Projekt diese Aufgabe übernehmen könnte. Jameson selbst widerspricht aber seiner Einlassung in Signatures Of The Visible, daß ein Studium des ausschließlich Visuellen nur dessen wesentlich pornografischen Tendenzen zuarbeite: Nur wer das Wesen des Visuellen betrüge, könne diesem entkommen. Um „Surrealismus ohne das Unbewußte“ zu schreiben, hat Jameson das Visuelle nicht „betrogen“.6

    Auch Susan Buck-Morss7 – als führende Benjamin-Expertin der USA mit bildertheoretischen und epistemologischen Grenzgängen bestens vertraut – ist skeptisch gegenüber der institutionellen Einführung eines Faches, das sie „Visual Studies“ nennt. Gleichwohl kann sie aber schon einen Kanon benennen, dessen Konjunktur auf dem Campus ihr als Indiz dafür dient, daß sich so etwas wie „Visual Studies“ schon von allein um diese Texte gebildet hätten – und sie nennt Barthes, Benjamin, Foucault, Lacan. In der Tat: Autoren, die zeichentheoretisch, diskurstheoretisch, medientheoretisch und psychoanalytisch Phänomene des Visuellen jenseits der Kunstgeschichten beschrieben haben. Nur haben dieselben Autoren auch Phänomene des Sagens und Schreibens und anderer Kulturtechniken jenseits der Fragestellungen von Fachdisziplinen untersucht. Es ist interessant, daß Buck-Morss den Kanon des neuen Faches ausgerechnet in einer Liste von Autoren und ihren Ansätzen findet, nicht in neuen Gegenständen. Eine Autorin wie – sagen wir – Kaja Silverman, die mit der besagten Liste arbeitet, schreibt über Fassbinder, Wyle und T.E. Lawrence, also über klassische Filme und Literatur (wenn auch interdisziplinär kulturwissenschaftlich betrachtet), und nicht über neue visuelle Phänomene als in erster Linie visuelle.

    Diese wiederum sind Hal Foster8 ein Greuel, der es Artforum bitter übel nimmt, populärkulturelle Phänomene in einer Zeitschrift zu verhandeln, die doch dem Namen nach der Kunst verpflichtet sei, nun aber „with other magazines“ konvergiere und „the arenas of Vogue and Vanity Fair, fashion and celebrity“ betrete, sich in die „domains of visual culture“ begebe.9 Die Gleichsetzung der Untersuchungsgegenstände der Visual Culture mit Mode und Berühmtheiten soll polemischer und vernichtender klingen, als sie für viele von uns tatsächlich wirkt. Gerade unter jüngeren kritischen Zeitgenossen hat sich längst durchgesetzt, daß ein – natürlich nicht unkritisches, aber eben auch kenntnisreiches, heuristisch adäquates und nicht nur schuldbewußt kritisches – Studium von Mode und Stars zu den notwendigen Projekten heutiger (nicht nur visueller) Kulturwissenschaften zählt. Da wirkt es vielleicht komisch, sich zu vergegenwärtigen, wie vernichtend die bloße Erwähnung des F-Wortes („…ashion“) für einen seriösen Kunsthistoriker im Zusammenhang mit einer vermeintlichen Kunstzeitschrift und einem vermeintlich wissenschaftlichen Projekt gemeint ist. Doch Fosters in dieser Hinsicht ressentimentgeladene Polemik enthält auch einige sehr ernstzunehmende Argumente.

    Ohne direkt auf Jameson Bezug zu nehmen, kann auch er in der aktuellen Bilderkultur eine hegemonial gewordene Daueraufführung von Surrealismus erkennen – ein Surrealismus, der kein repressives Gegenüber mehr habe, sondern nunmehr selbst die Zurichtung der Subjekte auf ihre Funktion in der globalen kapitalistischen Ökonomie übernehme: Surrealismus als Entfremdung supreme. Zwar widerspricht dieses Argument nicht der Notwendigkeit, eine unterscheidungsfähige Beobachtung dieser Entwicklung zu etablieren – wie eingeschränkt diese auch immer von den Bedingungen des zeitgenössischen Wissenschaftsbetriebs sein mag – im Gegenteil. Aber sie setzt denjenigen Visual-Culture-Apologeten zu Recht etwas entgegen, die – vor allem in den USA – von einem naiven „Klassenstandpunkt“ aus dazu neigen, die visuelle Massenkultur per se für eine Praxis der Unterdrückten zu halten, von deren Analyse sich eine wirksame Kritik einer High-Art-Hegemonie nach dem Modell einer antirepressiven Bewegung ableiten lasse. Die kulturpessimistische Skepsis der kunsthistorischen Kulturträger ist nicht minder ideologisch als die reine Apologie des Fans. (Obwohl man den Fan braucht, aber das ist eine andere Sache.)

    Rosalind Krauss schließlich befürchtet, daß das Studium der visuellen Kultur zu einer Affirmation des Bildes ohne Träger führe, zu einer Beschäftigung mit Imaginarien, die von ihren materiellen Bildträgern abgetrennt seien.10 Wie gerade an ihrem Aufsatz „Welcome To The Cultural Revolution“11 deutlich wird, ist dieser Einwand von der Erfahrung mit einem bestimmten Typus modisch gewordener Cultural Studies geprägt: Diese isolierten aus der unterschiedslosen Beobachtung der verschiedensten kulturellen Praktiken bestimmte Motive, die sie als gesellschaftliche und kulturelle Symptome lasen, ohne deren technisches und gesellschaftliches je spezifisches Hervorgebrachtsein zu würdigen – eine heruntergekommene, Inhalte einsammelnde und vergleichende Ikonografie ohne Ikonisches. Foster warnt entsprechend vor Dissertationsthemen wie „dogs in art, dicks in Twombly“.

    Diese Sorte Visual-Culture-Projekte entstand, oft mit durchaus anregen-den, aber natürlich nicht sehr weit führenden Ergebnissen, auch immer wieder in unserem Projekt, und die Warnung vor ihnen kann insofern durchaus als relevanter Einwand akzeptiert werden. Wenn die Grenzen der Disziplinen, die neuen visuellen Kontinuen und Atmosphären benannt und beschrieben werden sollen, werden meist zwei erste Schritte unternommen: 1) Jeder prinzipielle Unterschied zwischen visuellen Phänomenen muß fallen (etwa der zwischen Kunst und Nichtkunst oder besser: Objekten mit oder ohne Kunstanspruch); 2) eine andere Konstante – jenseits der Disziplinen – muß etabliert werden. Dabei ist es naheliegend, mit der Fixierung auf einen Gegenstand, ein Thema oder ein Motiv zu beginnen, und man gewinnt bestenfalls Kriterien darüber, wie unterschiedliche Darstellungsformen mit unterschiedlichen visuellen Ideologien zusammenhängen. Oder technologische Unterscheidungen und Gemeinsamkeiten ersetzen die konventionellen. Beides kann unmöglich in sinnvoller Weise einem Projekt Visual Culture dienen, das es sich zur Aufgabe macht, visuelle Verhältnisse, visuelle Ideologien und Bedeutungen aufzuspüren. Doch was wäre in diesem Sinne eine Auffälligkeit?

    Kunst/Nichtkunst

    Irit Rogoff, vielleicht die bekannteste und profilierteste Vertreterin und Fürsprecherin des Visual-Culture-Ansatzes, stellt sich zum Beispiel ein politisch-kulturelles Thema und interpretiert Objekte und Artefakte in durchaus konventioneller Weise. Sie legt jedoch Wert auf einen heuristisch-methodischen Unterschied, der sie von Kunsthistorikern abgrenzt: „I would like to make it clear that neither the artist nor his intentions are the subject of my discussion and are not of much concern to me. Issues of artistic quality, the authenticity of authorial voice and of ideological soundness seem to be redundant categories of analysis when applied to the attempt to understand visual culture as the disintegration of the unity of visual discourses.“12

    Wenn man in diesem Sinne vorgehe, so scheint Rogoff zu meinen, sei es kein Problem, Arbeiten mit und ohne Kunstanspruch in Bezug auf eine Studie deutscher Erinnerungskultur grundsätzlich so zu lesen, als seien sie in gleicher Weise aussagekräftig wie alltagskulturelle Auffälligkeiten oder Symptomatisches in Werbung und Journalismus. Dadurch blendet sie dann zum Beispiel auch einen – inhaltlich wichtigen – binnenkünstlerischen Bezug aus und gewinnt so neue Vergleichs- und Zusammenfassungsmöglichkeiten unterschiedlicher visueller Phänomene um den Preis des Verlusts anderer offensichtlicher und relevanter, aber eben etwas immanenterer Lektüren. Rogoff führt zwar überzeugend vor, wie eine Visual-Culture-Untersuchung zu ihrem Thema findet, wie sie eine Auffälligkeit entdeckt und einzäunt. Doch tendiert sie dazu, auch die nichtkünstlerischen Beispiele wie absichtsvolle Aussagen zu lesen, andererseits aber wichtige, nur durch den Kunstrahmen eines Künstlers erschließbare Symbole – etwa bei Immendorff, der bestimmten Bildteilen in früheren Arbeiten ja erkennbar eine klare Bedeutung zugewiesen hat, die Rogoff ignoriert, weil sie ja die „authorial voice“ nicht interessiert – so zu lesen, als stünden sie wie Verkehrszeichen im hermeneutischen Straßenverkehr: dazu gemacht, um eindeutig und situativ orientierend verstanden zu werden. Rogoff scheint das Problem mit den Statusunterschieden zwischen Objekten mit und ohne Kunstanspruch lösen zu wollen, indem sie quasi allen visuellen Objekten eine Art Mittelposition (zwischen dem, was man früher den einerseits als intentional hervorgebracht gedachten Kunstwerken zutraute, und den andererseits früher nur als Symptom von Ideologie oder kollektiven Geisteszuständen lesbaren visuellen Objekten aus der Massenkultur) zuschreibt: Sie sind begrenzt aussagefähig, aber ohne spezielle Geschichte und hierarchische Statusunterschiede, den Grad ihrer Aussagefähigkeit bestimmt letzten Endes der größere thematische Zusammenhang, den die Interpretation anlegt.

    Diese Achillesferse der Visual-Culture-Theorie, Bilder mit Kunststatus, die Rogoff zugunsten bedeutender kollektiver und überindividueller Fragestellungen meint vernachlässigen zu können, wird in anderen Ansätzen wichtiger, aber ähnlich entschieden. Stefan Heidenreich etwa bespricht im Rezensionenteil der Zeitschrift de:bug Bilder mit und ohne Kunstanspruch in gleicher Weise, als wollte er demonstrieren, daß immanente und spezifische Qualitäten von Bildern darüber entscheiden sollten, ob sie eine Rezension verdienen, und nicht der avisuelle Sprechakt des Kunstanspruchs. Das Rezensieren fungiert dabei wie eine Ersatz-Nobilitierung bestimmter (und potentiell aller isolierbaren) Bilder – die sich implizit gegen die Willkür und die gerne unterstellten, ausschließlich kommerziellen Interessen des Galerienbetriebs richtet. In solchen Ansätzen trifft sich die postkonzeptuell neu belebte Kritik am White Cube mit einem in letzter Zeit immer weiter verbreiteten Generalverdacht gegen Kunstanspruch, der mit einer grundsätzlich weitgehend berechtigten, oft aber paranoid zugespitzten, womögliche Enttäuschungen nach Kunstüberschätzungen austragenden Kritik am kommerziellen Kunstbetrieb verschmilzt.

    Dabei ist es natürlich gerade das Zusammenspiel einer in der Tat in letzter Instanz willkürlichen Kunstbehauptung, eines nicht legitimierbaren Kunstanspruchs mit einer ganz bestimmten visuellen (oder auch nichtvisuellen) Produktion, die im Einzelfall ihre Legitimation liefern muß über einen gesellschaftlichen Rahmen, die Institution Kunst, um auf eine bereits bekannte Idee privilegierten, legitimationsbedürftigen Sprechens verweisen zu können.

    Ein Versuch, den Kunstanspruch mit neuen, über einzelne Produktionen hinweg lebensfähigen Legitimationsstrategien zu untermauern, ist (Avantgarde-)traditionell die Bezugnahme auf andere Wissenschaften, deren jeweiligen Stand nur privilegierte (herausgehobene, in gewissem Maße „in Ruhe gelassene“, subventionierte) Produktionsstrategien für den visuellen Bereich nutzbar machen, umsetzen oder repräsentieren können. Uns stellte sich die Frage, inwieweit Bildkünstler oder auch Gestalter nicht selbst die Aufgabe übernehmen können, einer Visual-Culture-Wissenschaft zuzuarbeiten, im heuristischen wie im analytischen Bereich. Beziehungsweise: ob sie das nicht schon die ganze Zeit tun.

    Wenn man von der Hypothese ausgeht, daß zeitgenössische Bilderkultur ganz wesentlich von der endlosen Verknüpfbarkeit von Bildern heterogener Natur, Sichtbarkeit ganz allgemein und Bildern oder Bildkontinuen ganz unterschiedlichen Status’ geprägt ist, dann ist weder viel gewonnen, wenn man einzelne Bilder herausgreift oder willkürlich gefundene Verknüpfungen von Heterogenität, sondern wenn man stattdessen aufgrund visueller Auffälligkeiten entscheidet, was typische Verknüpfungen sind. Diese Entscheidungen sind typische bildkünstlerische Setzungen, die in einem altmodischen (und natürlich angreifbaren) Verständnis von Kompetenz vom Künstler erwarten, daß er sich besser mit Visualitäten auskennt, eher, schneller und konkreter sichtbar machen kann, was uns an unserer visuellen Umgebung nur dumpf und subkutan als neu und herausfordernd auffällt. Ja, man könnte fast normativ sagen, daß von Künstlern, die mit Bildern oder „Visualitäten“ arbeiten, ein solches Verständnis und eine solche Kenntnis von ihrer visuellen Umgebung zu erwarten ist.

    Eine solche „Norm“ muß nicht erst extern begründet werden. Sie ergibt sich aus der Praxis vieler heute diskutierter zeitgenössischer Künstler: Entweder bearbeiten sie Bildwelten, die auch außerhalb des Kunst-Kontexts existieren, oder sie produzieren „eigene“ Bildwelten, Anschlüsse an prä-elektronische oder prä-industrielle Bildwelten, die im Hinblick auf Kritik oder eine andere Form der distanzierten Fassung aktueller Bildkultur entstehen. Und die anderen Ansätze, die sich nicht auf Bilder und Bildpolitik beziehen, beziehen sich meist auf Institutionen, die Bilder und Bildpolitik regeln. Man kann also sagen, daß im Feld aktueller bildender Kunst die Gegenstände der Visual Culture bereits ihrerseits nicht nur Material, sonder meist auch Thema sind. Bildende Künstler wären in diesem Modell einerseits Mitarbeiter der Visual Culture, andererseits würden sie ihr wiederum Gegenstände eines besonderen Status’ liefern, der sich durch seinen Anspruch – seine Sekundarität, seine kritischen, „wissenschaftlichen“ Zwecke – in einem wichtigen Sinne von anderen Bildern und Bildkontinuen unterscheidet. Auch wenn dieser bildkünstlerische „Diskurs“ nicht mit einem kritischen oder wissenschaftlichen identisch ist, so teilt er doch einige seiner Prämissen in Bezug auf die zeitgenössische Bilderkultur: Bilder und Bildkontinua sind technologisch-kulturelle Konstrukte, die über eine hohe, erklärungsbedürftige Attraktivität wie über eine ebenso erklärungsbedürftige, ideologische Funktion verfügen. Sie sind auf neue Weise sehr heterogen kombinierbar („surrealistisch“) und werden immer noch, womöglich gerade in sehr kontingenten Kombinationen, als attraktiv und sinnvoll („realistisch“) erlebt.

    Die Kombinierbarkeit und der Grad der Kontingenz sind nicht endlos zu steigern und in einem signifikanten Maße von Milieus, Umfeldern, Vorverständnis abhängig – diese Determinanten werden aber zunehmend verdunkelt und bleiben blinde Flecke. Diese Grunddiagnose teilen sicherlich so unterschiedliche Projekte wie das kritische von Jameson mit einem bildkünstlerischen wie – sagen wir – dem von Matthew Barney. Natürlich ist zwischen diesen Projekten vieles Unausgesprochene potentiell endlos strittig: zum Beispiel, ob eine formal-mathematisierbare visuelle Neuartigkeit, ein semiologisches Objekt, ob die Ideologizität oder die Kommerzialität (und damit erst in zweiter Linie dann auch die Ideologizität) dieses Visuellen im Sinne dieser Position der primäre Gegenstand ist – oder ihre libidinöse Dimension. Aber unstrittig ist, daß Bilder nicht in erster Linie eine neutrale Sprache oder ein Rohmaterial sind, derer und dessen sich der Bildkünstler bedient, sondern ein von vornherein behandeltes, prekäres, kontaminiertes und aber auch begehrtes Material. In einem Erkenntnis- und Kritikverbund könnte den so arbeitenden Bildkünstlern die Aufgabe zukommen, Bildkontinua und neue Bildtypen, Idealtypen und idealtypische Umgebungen und Atmosphären zu verdichten und zu benennen, auf sie zu verweisen, sie zu zeigen. Ob die weitere Bearbeitung und Analyse von denselben Akteuren geleistet wird oder ob es hier zu Arbeitsteilungen kommen könnte, wäre eine weitere, nicht unbedingt hier zu erörternde Frage, die aber gerade den unbefriedigenden Stillstand, die Weltferne und Erzwungenheit von Theorie an Kunst und Gestaltungsakademien beträfe. Darüber hinaus ernst zu nehmen ist indes eine Kritik, die auch Fosters Aversionen gegen Artforum noch einmal in einem anderen Licht erscheinen läßt und die sich gegen die bloße Bildung von Idealtypen, neuen Kategorien und das positivistische Sammeln von Auffälligkeiten richtet, zu denen fast alle Formen von Visual Culture, auch in unserem Projekt, zu neigen scheinen. Das Artforum-Titelbild von Dezember 1995, auf das sich Foster bezieht, ist eine rein aufzählende Ansammlung von aus unterschiedlichen Gründen auffälligen Bildern, ohne Gewichtung nebeneinander gestellte Bilder aller denkbaren Kategorien.

    Was ist aber nun in diesem Zusammenhang und in dem meines/unseres Vorschlages zu erwarten, wenn viele solche von Grafikern, Künstlern und anderen Gestaltern erkannte und zusammengefügte visuelle Auffälligkeiten zu nichts weiter führen als zu Sammlungen, wenn also ein Anschluß an Methoden und Institutionen der Kritik sich nicht automatisch einstellen – und vom allgemeinen akademischen und politischen Gang der Dinge auch nicht gerade gefördert werden? Und wenn erschwerend hinzukommt, daß im künstlerischen Bereich die Beschäftigung mit zeitgenössischen visuellen Gegenständen nur zu oft die Distanzierung, die in der Objektivierung liegt, ganz unauffällig hält und es so dem Publikum ermöglicht, die Gegenstände auf der allerersten Ebene als bloße Reproduktion einer vertrauten visuellen Umgebung im Galerieraum doppelt regressiv zu erleben? So daß unser Vorschlag, bildende Künstler als heuristische Kollegen für bilderwissenschaftliche Zwecke zu instrumentalisieren, zu einer bloßen Ausrede für weitere tautologische, positivistische und affirmative Dopplungen allgemein verbreiteten visuellen Materials im Bereich bildender Kunst wird, die so nun auch noch mit einer Legitimation ihres Kunstanspruchs versorgt wären. Dieser Hang zum Positivismus, zur bloßen Verdoppelung als ebenso faszinierend wie verunsichernd empfundener Bilder konvergiert mit einem gewissen Narzißmus, dessen Vertreter sich selbst in der Welt dann vertreten wähnen, wenn sie zu bestimmten visuellen Inszenierungen Zutritt haben. Cindy Shermans „Film Stills“, auch von den Tempelwächtern der High Art noch fraglos einer kritischen und distanzierten Position zugerechnet, stehen möglicherweise an einem Anfangs- oder Wendepunkt dieser Entwicklung. Genauso wenig aber, wie man diese gerade wegen ihrer in gewisser Hinsicht beispielhaften Zusammenfassung und Zuspitzung von diffus wahrgenommenen Bildähnlichkeiten zu Bildtypen mit ganz spezifischer Ideologie dennoch von dem Moment des verdoppelnden Positivismus nicht ganz freisprechen kann, kann man den in zeitgenössischer High-Tech-Kunst weitverbreiteten Narzißmen und Glorifizierungen schwacher und marginaler Körper und Körperbilder durch Glossiness und High-Art-Präpotenz grundsätzlich jedes kritische und im Hinblick auf Benennung, Herausbildung und Verfügbarmachen produktive Potential absprechen. Fest steht allerdings, daß sie unabhängig von Milieu- und Community-spezifischen Funktionen den allgemeinen Hang zum visuellen Positivismus nur noch verstärken.

    In unserem Projekt haben wir viele Fortschritte dadurch erzielt, daß wir transmediale formale Auffälligkeiten (also zum Beispiel von Plattencovern, Videoclips, Fernsehproduktionen und Plakaten) zunächst benannt und dann im Einzelfall gesucht und mit ihrer ideologischen und politischen Umgebung und Funktion in Verbindung gebracht haben. Dabei entstanden Begriffe wie „elektronischer Naturalismus“ und „elektronisches Barock“ – ersterer bezeichnet die Häufung von Vertov-haft in Augenhöhe mit wackelnder Kamera gemachten Bildern von Alltagsbewältigung, durchweg mit der Bereitschaft der Konsumenten, dem reaktionären Argument der Evidenz, des aus dem eigenen Alltag und Erlebensperspektiven Bekannten Glauben zu schenken – sei es echte oder simulierte Authentizität.

    Eine stark steigende Häufigkeit solcher Bilder als Teile aller Fernsehprogramme und eine damit verbundene eindeutig vorherrschende reaktionäre Funktion dieses Naturalismus (die ihm natürlich nicht per se anhaftet) korrespondierte mit einer auf der anderen Seite stark ansteigenden Häufigkeit von Bildern, die nichts als elektronische Manipulation und Manipulierbarkeit kommunizierten und damit – etwas verknappt gesagt – sowohl diese Verfügungsgewalt als angenehmes dominantes Gefühl den Zuschauer miterleben ließen als auch das Potential der unendlich weichen, nachgiebigen Digitalität in nunmehr fixe ornamentale Symbole (immer wiederkehrende Effekte) zu gießen tendierten und so immer wieder mitteilen, daß es viel zu sehen, aber nichts zuzuordnen gibt. Diese immer schärfere Trennung der elektronischen Bilder in solche, die das Signifikat ganz scharf an die Kandare nehmen, und solche, die ihm gestatten, ganz weit weg zu laufen, außer Sicht- und Hörweite, war eine formale Auffälligkeit, mit deren Verfolgung wir relativ weit kamen. Um allerdings noch weiter zu kommen, hätten wir bei konkreten Fällen verharren müssen und ihre Besonderheiten mit anderen zusammensetzen müssen, zu einer komplexeren Frage nach Bilderpolitik in konkreten Fällen.

    Zusammengesetzte Auffälligkeiten und Kritik

    Die Frage, wie sich also die hier vorgeschlagenen und teilweise anderswo bereits entwickelten Methoden von Visual Culture an schon bestehende kritische Apparate anschließen lassen beziehungsweise neue kritische Apparate generieren und ob für deren Qualifikation der Begriff der Kritik überhaupt angemessen ist, bleibt offen. Eine erste Antwort müßte sicherlich eine Verbindung herstellen zwischen den Bestimmungen des der Rede und des Zeigens Werten – der Auffälligkeit – mit einem kritischen Programm, das mehr oder etwas anderes ist als der generelle Verdacht gegen Kommerzialität. Vielleicht wäre dabei mit Kategorien weiterzukommen, die nach mehr als dem Typischen fragen – in Zusammenarbeit mit kritischen und künstlerischen Ansätzen, die durch Witze, Zuspitzungen etwas zeigen und „denaturalisieren“ (Barthes). Oder aber man versucht, noch einmal relevante Felder und Bereiche abzustecken. Dies waren in der Vergangenheit und bei Vorläufern heutiger Visual-Culture-Ansätze vor allem den Definitionen des gesellschaftlichen Problembewußtseins entliehene Bereiche wie Werbung und Pornografie. Schon die Gründerväter und -mütter des 68er Reformfaches „Visuelle Kommunikation“, in dessen disziplinären Rahmen wir ja gerade die Befragungen eines möglichen Nachfolgers durchführen, suchten sich ihre Fragestellungen zunächst an „gesellschaftlich“ bestimmten und eingegrenzten Gebieten, die auf sekundäre Bestimmungen (visuell immanente, mediale, technologische, soziologische) oft ganz verzichteten oder eben aus den primären Fragen ableiteten: visuelle Praxis von unterprivilegierten Schichten, Werbung, Ideologie der Comics (meist literalistische Interpretationen von Superhelden) etc. Das politische Ziel – „Zentrale Aufgabe eines sich so verstehenden Unterrichts hätte die Vermittlung der Einsicht zu sein, daß heute herrscht, wer über das Bewußtsein der Massen verfügt“13 – konnte noch darüber hinweghelfen oder -täuschen, daß es mit der „Verfügung“ über (das? ein?) Bewußtsein eine vertrackte Sache sein kann. (Anderswo sah man statt lauter unterscheidbaren visuellen Phänomenen nur noch Wald.)14 Die Porno-Debatten gingen sicher einen Schritt weiter: Durch die nunmehr vor allem von feministischer Filmtheorie entwickelten psychoanalytischen Kategorien des (männlichen) Blicks, die Verbindung mit „progressiven“ wie „reaktionären“ politischen Kampagnen zur Pornografie und vermeintlich pornografischer Kunst in den USA und schließlich die Entdeckung einer engen Verbindung zwischen „kultureller“ und „symbolischer“ Produktion mit „realen“ und leicht als politisch erkennbaren Zusammenhängen entstand ein Feld visueller Untersuchungen, in dem es gar nicht anders ging, als mehrere Parameter visueller Ereignisse gleichzeitig zu untersuchen. Tatsächlich leiten sich viele Ansätze, die in systematischen Anthologien wie The Visual Culture Reader15 als Grundlagen des „Faches“ zusammengestellt werden, aus den Debatten um Gender, Feminismus und Postkolonialismus her – aus Feldern und Debatten also, wo reale kulturell-politische Entwicklungen die Notwendigkeit vorgaben, aus den „Geschichten“ der Künste und Medien auszusteigen und zu einer politisierten Kulturgeschichte durchzudringen. Auch in Nicolas Mirzoeffs Reader, in dem die Bereiche der Visual Culture nach solchen Themen zusammengestellt sind, erhält die Pornografie ein eigenes Kapitel.

    Doch gerade ein großer Teil der von Mirzoeff zusammengestellten Texte könnte eben auch mühelos unter „Cultural Studies“ reisen. Dem Visuellen wird/werden selten auch nur eine begrenzte Autonomie, Momente relativer Immanenz zugestanden. Zwar reicht Mirzoeff in seiner eigenen, kurze Zeit später verfaßten Einführung16 eine ideologiekritische und anti-eurozentrische Geschichte der „Visuality“ nach. Aber auch er gerät selten über eine Kombination schon bekannter kunsthistorischer Begriffe mit denen postkolonialer und repräsentationskritischer Kritik hinaus. Er schlägt kaum neue Kategorien oder Perspektiven vor, für eine Welt, in der Globalisierung identischer Visualitäten, spezialisierte Feinkodierung, digitale Verfügbarkeit, kulturelle und ideologische Macht von Bildern und simultan Machtverlust durch Inflation und schließlich die Herausbildung neuer Sehtechniken auf der Ebene der Konsument/innen gleichzeitig und aufeinander einwirkend die Verhältnisse, die schon Aby Warburg bekannt waren, massiv verändern.

    Andererseits ist es natürlich wichtig, auf gerade solche Vorläufer einer erweiterten Bilderwissenschaft wie Warburg im Zusammenhang mit dem Visual-Culture-Hype hinzuweisen, deren letzte Station vor Visual Culture in Deutschland sicher die Visuelle Kommunikation war. Selbst der eher Visual-Culture-feindliche Fragebogen in October baut Visual Culture diese Brücke, die neue Disziplin als einen Vorschlag zu lesen, zu früheren Modellen der Kunstwissenschaften als Bilderwissenschaften, wie sie von Riegl und Warburg verkörpert würden, zurückzukehren und so einen Neustart auch für die spezialisierten, Medien-spezifischen Disziplinen zu ermöglichen.17 Der sicherlich reduktionistische, aber dafür eben auch präzise Begriff der Kommunikation in Visuelle Kommunikation mit seiner unangenehm instrumentellen Logik, von der noch heute der uns allen sattsam vertraute Ausdruck von der „Umsetzung“ kündet, hatte aber den Vorteil, die ideologischen Schleusen, die „Culture“ (laut dem zweit- oder drittmeistzitierten Bonmot von Raymond Williams eines der zwei oder drei schwierigsten Worte der englischen Sprache) oder erst recht Kultur regelmäßig öffnen, einigermaßen dicht zu halten.

    Hinzu kommt, daß Visuelle Kommunikation auch so eine Rückkehr vorschlug, aber eher zu Kracauer und Benjamin als zu Riegl und Warburg. In dem Sinne, wie Kracauer und Benjamin das klar technisch als neu beschreibbare Medium Film oder Fotografie ein Anlaß war, eine gesellschaftliche Neuheit oder ein Stadium einer Entwicklung zu diskutieren, so, und nur so, könnte Visual Culture an Visuelle Kommunikation und eine kritische Bildertheorie anschließen: indem die digital gewordene Bilderwelt die Politik des Digitalen benennt – nicht nur seine materiell-mathematische Dimension. Das kann allerdings nur gegen diejenigen durchgesetzt werden, die entweder behaupten, das Digitale hätte keine Politik mehr, es sei selbst der technische Modus des Endes der Politik (Technizisten, Medienmaterialisten); oder die, die behaupten, die Politik des Digitalen sei unabhängig von ihrer technischen Grundlage, rein in politischen Begriffen zu verstehen (68er Kritik); und schließlich gegen diejenigen, die dies an Spezialisten delegieren wollen, die ganz (Optik, Wahrnehmungslehre) oder weitgehend (einige Zeichentheorien) außerhalb von und indifferent gegenüber Politik und Kultur operieren.

    Letztlich liegt unausgesprochen ja auch ein Begriff von Visual Culure vor, wenn der sattsam schnauzbärtige Sloterdijk als Begründung für seine Züchtungsbedürfnisse die entdisziplinierenden Effekte visueller Kulturen benennt und deren Massaker generierendes Durcheinander nur inzwischen nicht mehr wie seine linken kulturpessimistischen Generationskollegen per Eingriff in die Bilderproduktion (Jugendschutz) eindämmen, sondern als rechter Kulturpessimist nun direkt eugenische Eingriffe an und bei deren Adressaten vornehmen will. Er weiß dabei nur zu gut, daß seine ungute Rede sich dabei auf einen kulturbürgerlichen Konsens, der sich gegen „Bilderflut“ und „Horrorvideos“ einigen kann, endlos verlassen kann. Schon des Beendens dieser Rede und ihres fortgesetzten kulturpolitischen und pädagogischen Flurschadens wegen wäre über eine aufgeklärte Form von Visual Culture nachzudenken.

    Natürlich hat Geoff Waite recht, wenn er beklagt, daß solche Selbst-reflexionen von Fächern und Disziplinen immer damit argumentieren, daß eine Reaktion auf eine äußere Entwicklung überfällig sei, daß die Fächer immer nur auf die Dringlichkeit, zu reagieren, hören, nie von sich aus agieren.18 Aber wie sollten sie auch – unter dem Druck einer zunehmenden Ökonomisierung von Lehre und Ausbildung haben sie in der Regel genug damit zu tun, Ideen wie eine Visual-Culture-Disziplin so auszulegen, daß kommerzielle und bürokratische Bildungspolitiker darin Ausbildungen für Zukunftsberufe erkennen können: Visual Culture wäre nicht der erste und einzige zeitgenössische Vorschlag, der die Akademie kritisch und heuristisch neu bewaffnen will, dessen Waffen sich dann am Ende gegen die letzten bewahrenswerten Bestände kritischer Kultur kehren, statt diese neu aufzubereiten.

    1. Visual Culture I-IV fand während der letzten vier Semester statt und führt außerdem zu einer gemeinsam mit der Projektgruppe um Nauka Kirschner organisierten Ausstellung, die im Mai 2000 im Bauhaus-Archiv, Berlin, zu sehen sein wird. ↩︎
    2. Darin enthalten: „Questionnaire on Visual Culture“ sowie Aufsätze von Rosalind Krauss, Hal Foster, W.J.T. Mitchell und anderen; vgl. October, Nr. 77, Sommer 1996, S. 25–70. ↩︎
    3. Aus dem Alltag dieser Zusammenhänge, die natürlich in unterschiedlicher Weise zur Zeit technisch, politisch und kulturell forciert werden: ein Foto in der Bravo aus einem Freundeskreis-Video, das die – nicht zitierend ausgestellten, sondern eher atmosphärisch eine bestimmte Welt mitmeinenden – filmgeschichtlichen Zitate aus dem Video mitschleppt, aber im Bravo-Layout gleichzeitig noch wie eine Produktabbildung aus einem Katalog aussieht und Frisuren zeigt, die so genau zwischen Jeri Curls und Dreadlocks liegen (imagemäßig wie friseurtechnisch), daß sie auch die Grenze zwischen – weit gefaßt – Protestkultur und Posing öffnen. – Der neue Spiegel, der, wenn man ihn aufgeklappt in der ICE-Umgebung vor einer Managernase sieht, Hitler (Titelbild) und Kate Moss (U4-Anzeige) nebeneinanderstellt, so daß man, wenn man gelernt hat, seinen visuellen Alltag zu lesen, paranoid eine Absicht hinter dieser Juxtaposition zu vermuten und mit deren mutmaßender Eingrenzung beschäftigt ist, während sich die Bilder einprägen. Hitler: Obsession für Männer. – Die beiden Buchtitel von Eagelston und Jameson: Beide schreiben etwas über und unter das Titelbild. Eagelston schreibt alle Infos über das Bild, Klees „Angelus Novus“, nur den Verlag darunter, Jameson schreibt den Namen des Buches über den „Geografen“ von Vermeer und seinen eigenen darunter. Der Vermeer ist größer und besser gedruckt, es gibt ja auch so viel Tiefe und Details darauf zu sehen, der Klee ist eher ein flaches Logo der Walter-Benjamin-Inc. – Das treppenbreite Alcatel-Poster mit seinem Rosenquist-Bildaufbau, dessen spezielle, ästhetisch wohleingeführte Diskontinuitäten hier plötzlich weltweite Kommunikation und Vernetztheit bedeuten: als eine spezielle Art harmonisierender Kontingenz. – Die Laborantin, die im Fernsehbericht über neue Nahrungsmittel die Erforschung der ökologisch interessanten Wasserlinsen vorführt und die Haare über das Laboratoriumsgerät genauso hängen läßt wie PJ Harvey in ihrem von einigen Präraffaeliten inspirierten Unterwasservideo. – Ich (und jeder andere) könnte endlos weitermachen. ↩︎
    4. Fredric Jameson, „Surrealismus ohne das Unbewußte“, in: Andreas Kuhlmann (Hg.), Philosophische Ansichten der Kultur der Moderne. Frankfurt/M. 1994, S. 177–213. ↩︎
    5. Fredric Jameson, Signatures of the Visible, New York, London 1992, S. 1. ↩︎
    6. Man könnte sagen, daß es in dieser Auseinandersetzung mit Jameson vielleicht wirklich nur um Grade der Aggressivität in Metaphern für Kritik geht – wie weit sich Kritik generell der Sprache und damit auch gewisser Schlichen der Kriegführung und das Hasses bedienen muß, ohne sich deswegen notwendig für eine Mißachtung ihres Gegenstandes auszusprechen. Da aber ein Zur-Kenntnis-Nehmen, ein Anerkennen neuartiger visueller Phänomene als solcher nicht gerade etabliert ist, besteht natürlich die Gefahr, daß eine solche Redeweise nur den ohnehin vorherrschenden Kräften des Kulturpessimismus oder des Technizismus zuarbeitet. ↩︎
    7. Susan Buck-Morss, Antwort auf den „Visual Culture Questionnaire“, in: October, Nr. 77, a.a.O., S. 29-31. ↩︎
    8. Hal Foster, „The Archive without Museums“, in: October, Nr. 77, a.a.O., S. 97–119. ↩︎
    9. Ebd., S. 113f. ↩︎
    10. Zur Kritik an diesem Aufsatz von Rosalind Krauss siehe auch Douglas Crimp, „Getting the Warhol We Deserve“, in: Texte zur Kunst, Nr. 35, September 1999, S. 44–65. ↩︎
    11. Rosalind E. Krauss, „Welcome to the Cultural Revolution“, in: October, Nr. 77, Sommer 1996. ↩︎
    12. Irit Rogoff, „The Aesthetics of Post-History“, in: Stephen Melville, Bill Readings (Hg.), Vision and Textuality, Durham 1995, S. 121f. ↩︎
    13. Hermann K. Ehmer, „Zum Thema“, in: ders. (Hg.), Visuelle Kommunikation – Beiträge zur Kritik der Bewußtseinsindustrie, Köln 1971, S. 8. ↩︎
    14. „Teachers of the total environment must, naturally, be generalists who can draw ideas from every area of experience. The unfortunate tendency, in this age of specialization, is merely to introduce yet another specialty – Media Studies – instead of applying the potential in a larger, more comprehensive way. The Electric Humanities intends to be to media studies as forestry is to tree surgery“, so im selben Jahr Don Allen, in: Don Allen, The Electric Humanities, Dayton, Ohio 1971, S. 259. ↩︎
    15. Nicholas Mirzoeff (Hg.), The Visual Culture Reader, London, New York 1998. ↩︎
    16. Ders, An Introduction to Visual Culture, London, New York 1999. ↩︎
    17. Vgl. October, Nr. 77, a.a.O., S. 25. ↩︎
    18. Geoff Waite, in: October, Nr. 77, a.a.O., S. 63. ↩︎