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  • Der Anhang (8/91)

    1. Ruck Zuck, Tele 5

    Unter den vielen aufregenden, täglichen, mitreißenden, heiteren, kreischenden, eifrigen Spielshows, mit denen die Privatsender um die Gunst von Hausfrauen, Spätaufstehern, Arbeitslosen und anderen relevanten Nichtsnutzen, Konsumenten und Meinungsbildnern wetteifern, gewinnt, noch vor Riskant mit Hans-Jürgen Bäumler und seinem sympathischen Zufallsgenerator „Zuffi“ (der natürlich auch nicht zwischen „katalanischen“ und „katalaunischen“ Feldern unterscheiden kann, wo eine stattgefundene Keilerei zu kennen, von den Kandidaten verlangt wird), die Sendung Ruck Zuck mit Alfred Sohn-Rethel (oder so ähnlich). Dieser wunderbar schlüpfrige, stets angeschickerte, verrutschte Zwerg kommandiert seine Kandidaten-Trupps – immer fünf Jungs gegen fünf Mädchen – mit der grimassierendsten Grandezza, dem wildesten Witz und dem holprigsten Humor, immer hüpfend, wackelnd, in bedrohlicher Schräglage und mit schwer beschädigter, aber immer wieder nochmal knapp der Gravitation abgerungener Souveränität, bis zu zweimal am Tag, so daß allein sein physisches Pensum uns Respekt abnötigt. In seiner Sendung wird gleichnishaft inszeniert, wie mit Unterhaltung – und zwar im weitesten Sinn – im Zeitalter ihrer bald entropischen, elektronischen Inflation noch (ökonomische und inhaltliche) Steigerungsraten zu erzielen sind: immer tiefere Blicke bei immer geringeren Kosten. Es geht nicht darum, etwas zu wissen, sondern darum, richtig zu assoziieren, in wenigen Sekunden einen Begriff – über Assoziationen – zu umschreiben oder die zu erwartenden Assoziationen der Teamgefährten zu berechnen. Mit den Hobbys und Fachgebieten von Kandidaten, die früheren Spiel- und Unterhaltungssendungen genügten, gibt sich eben niemand mehr zufrieden, wir wollen Unbewußtes und andere Hüllen fallen sehen als bei Tutti Frutti (Hugo Egon Balder saß neulich mit dem Alles Nichts Oder-Troß seltsam abgespannt im Speisewagen und riß von hinter seiner Sonnenbrille – 74er Rockermodell – säuische Witze, bis die kroatischen Kellner erröteten). Das läuft nach einer Methode, die aufs Kurioseste Psychoanalyse und Akkordarbeit verbindet, sich zur gemächlichen Innerlichkeit, zu dem, was konventionelle Kicks- und Kulturproduktion ans Studiolicht zu fördern in der Lage ist, tatsächlich verhält wie Assembly Line zu Manufaktur.

    Besonders lustig wird’s, wenn die Psychoanalyse sich an das sozusagen „politische“ Unbewußte heranmacht. Was wird ihren durch Kopfhörer am Mithören gehinderten Partnerinnen wohl zu „Deutschland“ einfallen, fragt Schulz-Jacobsen oder Schmalze-Rohr seine Kandidatin (Sie haben 20 Sekunden Zeit: Ruck! Zuck!): „Land“, „Menschen“, „Bayern“, versucht die Gruppensprecherin abzuwiegeln. Aber die Analyse kommt gnadenlos zu richtigen Ergebnissen, da hilft kein Charakterpanzer: Nur „Bayern“ kam tatsächlich, sonst nur „DM“, „Geld“, „Karriere“, „Industrie“. Und nochmals „Geld“, und nochmal „Mark“. Genau, denn das Beste ist die Bezahlung. Man braucht eine Weile, bis man herausfindet, was die Kandidatinnen – meistens gewinnt die Frauenriege, sie haben ein weniger rational verpanzertes Innenleben – wirklich mit nach Hause nehmen, weil man vor lauter Jubel die Beträge nicht versteht. Neulich waren es für fünf Personen, die viermal hintereinander gewonnen haben, insgesamt 6.100 DM. Pro Person also ca. 1.000 Mark für vier ganze Tage Arbeit, pro Tag also DM 250, pro Stunde, schätze ich, rechnet man die übliche Warterei vor Kameras und in Schminkräumen dazu, 25 DM. Und das nur im Erfolgsfalle (Verlierer werden mit neuen Spielen der Firma Parker abgespeist), viermal hintereinander. Was die Ausgaben pro Person und Stunde für „Grundy TV“, die das Ganze produzieren, auf maximal 12 Mark reduziert, plus Schnöpske für Werner Schmitt-Roluff. Dafür geht zwar niemand mehr putzen, aber am Fließband vor der Kamera assoziieren gerne. Prototypisch für die Sorte Arbeit, der in den zukünftigen Freizeit-, Dienstleistungs- und Kulturgesellschaften Plätze freigehalten werden. Arbeit Macht Frei! mit Alexander Schalck-Strawinsky läuft nicht nur morgens um 11 oder so, sondern nachts wird außerdem die erste Staffel von 1986 wiederholt. (Voll lustig die Multi-Kulti-Variante im Belgischen Fernsehen, wo Ländermannschaften von ausländischen Gästen gegeneinander antreten. Neulich mußten je vier Vertreter aus dem Senegal und der Elfenbeinküste die deutsche Hauptstadt erraten.)

    2. Peter Bagge, Hate #5, Fantagraphics Books, Import

    Neben den Brothers Hernandez und Chester Brown gehört Peter Bagge seit den mittleren 80ern zu den wichtigsten neuen amerikanischen Underground-Zeichnern. In seiner ersten Serie Neat Stuff – die ersten Bände sind gerade wieder aufgelegt worden, ebenfalls bei Fantagraphics – gab es noch verschiedene, in getrennten Welten lebende Figuren: den sympathischen, reaktionären Sportreporter und Brenda-Lee-Fan Studs Kirby, die anarchistische, sadistische Girly Girl („I’m so happy cuz i’m so stupid“), das resigniert-snobistische, unterbezahlte Intellektuellen-Pärchen, die Leeways, das Muttersöhnchen Junior und vor allem die Bradleys. Eine radikalisierte Version von bzw. Vorgänger der Simpsons: religiöse Mutter, lower-middle-class-Vater, der nur fernsieht, anorexische Teenage-Tochter, stumpfsinnig-gewalttätiger kleiner Bruder – kehrt in Hate #4 als psychotischer Rassist zurück – und Buddy Bradley, der älteste Sohn. Ein zynischer, meist introvertierter, aber schlagfertiger typischer US-Underground-Charakter, der sich für die „Sixties“ interessiert und CD-Player verabscheut und dessen weiteres Schicksal, nach der Einstellung von Neat Stuff, in den Zentren der US-Subkultur in Hate nun seit fünf Nummern von Jersey City über New York, Hoboken bis Seattle weiterverfolgt wird. Darin, in der Story „Guys, Gals, Gays, … and Buddy Bradley“ nochmal eine Illustration dessen, was ich in der letzten Nummer mit dem schimmerlosen Rechthaben neuer Friedensbewegungsfraktionen meinte:

    In der Wohnung eines älteren Comic-, Platten- und Zeitschriften-Sammlers, wo sich Buddy und sein Freund Stinky nach rarem Stoff umgesehen haben, bis sie mit ihm in Streit über Wert und Unwert von Fifties-Zeichnern wie Harvey Kurtzman und Walt Kelly, jüdischen und amerikanischen Humor und schließlich alten und neuen Helden („Lisa Suckdog“) geraten sind:

    Comicsammler (dicker Freak): „Hey, why don’t the two of you do something constructive with all your youthful energy besides squabbling with each other, like, say, defending U.S. interests in the Persian Gulf …“

    Stinky: „What?! No way! No blood for oil, man!“

    Comicsammler: „Oh, I see, so I take it you were both actively involved with the peace movement.“

    Buddy: „I had no intention of either fighting or protesting … I simply drank more beer and read more comic books. That was my response to the ‚Gulf Crisis‘“.

    Stinky: „I wasn’t gonna protest either, ’til I saw how many cute chicks were in the peace marches – then I went to demonstrations all the time!“ 

    Comicsammler: „So pussy was more important to you than peace, huh? But what if the war wasn’t over oil? What if the world’s beer supply was threatened? Or comic books, or …“

    Buddy: „Or the world’s pussy supply?“

    Stinky: „Shit, man, I’d fight for pussy, but that’s where I draw the line!!!“

    Buddy: „Then we could tell our grandchildren that we fought in the Great Pussy Wars …“

    Man könnte zwar einwenden, daß so eben gerade Amerikaner reden und keine Deutschen denken, aber die gals und guys, die in meiner neighbourhood blöde weiße Laken aus dem Fenster gehängt haben, waren eben auch eher solche unzuverlässigen Vertreter und infantil-wirrköpfigen Pussy Warriors wie Buddy und Stinky. Leute, die noch weniger als meine Generation, die schon einen sehr sekundaristischen Zugang zu Politik hatte, sich keinerlei Illusion hingeben über Wirkung und Wirklichkeit irgendwelcher Inhalte irgendwelcher Einsprüche, aber sehr abgestoßen und empört sein können. Bevor sie sich wieder ihren Comics zuwenden.

    3. N.W.A., Efil4Zaggin, BMG-Ariola

    Wie heißt es doch gleich zu Beginn: „The motherfuckin saga continues.“ Easy E. von N.W.A., denen noch vor zwei Jahren das FBI mehr als auf den Fersen war und sie von der Bühne holte, wenn sie ihr „Fuck Tha Police“ aufführten, nahm neulich nach Entrichtung einer angemessenen Spende an einem Wahlkampf-Fundraising-Abendessen der kalifornischen Republikaner teil, nachdem er noch am Nachmittag im Studio an einem Remix von „Fuck Tha Police“ gearbeitet hatte, gemeinsam mit dem bekanntesten schwarzen Opfer von L.A.-Polizeiwillkür als Gastvokalist. Auf diesen „Widerspruch“ nach dem Essen von liberalen Journalisten angesprochen, erwiderte Easy E., der sich bis heute nachdrücklich seiner Gang- und Drogendealer-Vergangenheit rühmt: „Wieso, da waren doch eh nur crooks und Gangster wie ich.“ Auf der neuen N.W.A. gibt es keinen einzigen Rückzieher, alles, was diese Band in Verruf gebracht hatte – Gewaltverherrlichung, Sexismus, Four-Letter-Words und alle die anderen Verletzungen der bekannten Paragraphen aus dem Gesetzbuch des demokratischen Anstands , wird ebenso exzessiv weiterbetrieben wie die Musik, die, teilweise von „richtigen“ Musikern gemacht (also ohne die im Hip-Hop üblichen Samples), immer besser wird und der inhaltlichen Brutalität und Kindsköpfigkeit etwas Passendes gegenüberstellt, was eben nicht jener Brachialität gleicht, die sich kleinbürgerliche, weiße „harte“ Kindsköpfe immer wünschen und in tollen Konkurrenzkämpfen zu steigern versuchen (vgl. etwa Cancer, Death Shall Rise, Flametrader/Semaphore), sondern eine immer entspanntere Funkyness, wie sie dem Gangsta zukommt, der seine Schäfchen mittlerweile legal ins Trockene bringt. N.W.A. lehnen mit Witz jedes Angebot der Kultur ab, zu ihren Werten überzulaufen, obwohl ihnen doch von den Jacques Langs und Björn Engholms dieser Welt alle Pranken entgegengestreckt werden. Stattdessen nehmen sie das Selbstverwirklichungsangebot wörtlich: Wer allen Grund hat, ein Arschloch geworden zu sein, darf sich nicht nur wie eines benehmen, alle Aspekte der Arschlöchigkeit genüßlich steigern, sondern seine Lebensweise auch predigen, für die hier das illusionslose „Nigga“ steht: „Don’t you wanna be a nigga too?“, fragen sie und übertreffen damit noch ihr altes Maxi-Cover, wo sie sich von einem rothaarigen Weißen, Wall Street Journal lesend, die Schuhe putzen ließen. Mit so einem Bild kann man immer noch mehr Amerikaner erschrecken als mit einer „unpatriotischen“ Einstellung zum Golf-Krieg. Und an die anderen mehr Platten verkaufen als jeder andere Hip-Hop-Act. Die Anfangsverkäufe von Efil4Zaggin waren, trotz Beschlagnahmung großer Quantitäten in England, die größten ever. Volles Widerspruchsrecht haben natürlich Leute wie die feministischen schwarzen Kommunistinnen der RCP (wie natürlich alle Community-Arbeiter), die gegen den Sexismus und das Bitches-Gerede von N.W.A. letztes Jahr die Broschüre „You’re not fighting the Power when you’re dissin a sister“ herausgaben, aber die Community- bzw. Szene-interne Bewertung und Codierung, die autorbezogenen und biographistischen Lesarten und schließlich die Welt-/Europa-Bedeutung bilden heute genauso höchstens noch zufällig Überschneidungen, wie … schon ’66, als die Rolling Stones in einem Godard-Film cool waren, aber die King-Mob-Gruppe ebenso cool, als sie die Ermordung aller Superstars ihrer Art forderte.

  • Video – Tanz – Geld. Friesenwall 120, Ludwigstraße 11, Aachener Str. 40-44, sowie Marktstraße und Leopoldstraße

    Wie das Leben so spielt: neulich beim Bordeaux im Bordrestaurant des ICE auf dem Wege nach München blättere ich in dem Katalog Das andere Gedächtnis, der gerade zu einer Frauenausstellung in Hamburg erschienen war, die sich mit Künstlerinnen-Karrieren auf lange Sicht beschäftigen wollte. Darin begegnet mir ein Interview mit Hilka Nordhausen (vgl. „Nachschub“ 6/91) und ihrer (anti-)konzeptkünstlerischen Arbeit mit ihrer „Buch Handlung Welt“ während der 70er Jahre in Hamburg. Ich selber war auf dem Wege zu einem DJ-Gastspiel in der (neo-)konzeptkünstlerischen „Ludwigstraße 11“. Das ist eine in München laufende Ausstellung der beiden Kölner Stephan Dillemuth und Josef Strau, die hier unter dem Namen „Friesenwall 120“ an dieser Adresse eine Art News-Room als konzeptkünstlerisches Projekt betreiben (vgl. „Nachschub“ 7/91), wo man sich zu Underground-Video-Abenden trifft, Schriften der RAF oder alte Nummern von i-D, Konkret oder Twen ausleiht oder kleine dokumentarische Ausstellungen betrachtet (oder einfach nur abhängt und antifaschistisches Bier trinkt). Der Mäzen Daxer (sein Geld kommt irgendwie von Porsche, die Aktivisten kommen von der anderen Seite: das fast schon vergessene, pikant-klassische Mäzen-Künstler-Problem), der in München seit ein paar Monaten Kölner progressive Konzept-Kunst aus dem Dunstkreis der Galerie Nagel in seinem Non-Profit „Kunstraum Daxer“ zeigt, hat die Sommermonate dem Friesenwall zur Verfügung gestellt, der dort analog eine „Ludwigstr. 11“ errichtete, mit Videovorführungen, Jugendarbeit, Autoreifen und neben vielem mehr meinem „Dreadbeat“-Ragga-Gastspiel. Hilka Nordhausen sagt über ihre Buch Handlung Welt: „Buch Handlung Welt war genau das, was ich meinte! Mein Slogan war: die Bewegung geht vom Buch aus. Durch Bücher kann man sich aus seiner Prädisposition befreien. Das war eigentlich das, was ich meinte, mein ganzes Autodidaktentum, das war darin auch präsent. Die Erkenntnis, daß man durch Bücher Handlungsfreiraum kriegt, Handlungsspielraum. Da steht sie, die deutsche Subkultur, 300 Alternativ-Zeitschriften! Das war ein einmaliger Überblick über das Geschehen in der autonomen Szene.“ Heute braucht man dazu alte revolutionäre Positionspapiere, ein Video über Oswald Wiener, eines über Hendrix und ein anderes über Raymond Pettibon, die im Friesenwall liegen, aber im Gegensatz zu Hilka Nordhausens Büchern nicht verkauft werden und daher zumindest, wenn sie auf Tour gehen, einen Mäzen brauchen. Die Buch Handlung Welt war damals Ende der 70er am Entstehen der Hamburger Karolinenviertel-Szene, ihren Künstlern und Punk-Bands beteiligt. Die Einflüsse des Friesenwall treffen noch auf eine wesentlich kleinere, für Aktivismus weniger bereite Kölner Szene, aber was nicht ist … Die Jugendarbeit-Kids aus München wollen lieber „harten Hip-Hop“ als dieses „Dr.-Alban-mäßige“ (Raggamuffin). Ich spiele London Posse, Daddy Yod im Hip-Hop-Mix, „The Wickedest Sound“. „Nein, so harten Rap zum Tanzen, so wie De La Soul.“ Hä? Einer ist wenigstens begeistert, denn „vom Tiger bin ich ganz ein großer Fan.“ Die sprichwörtliche Schickeria schaukelt sich in den Groove. Nie hätte ich gedacht, je beim Plattenauflegen in das irgendwie pessimistische Gesicht von Galerist Schöttle schauen zu müssen, nie, daß mir Ex-Kunstvereinsdirektor Zdenek Felix zu einem gelungenen Mix anerkennend zunickend gratuliert. Später kommen ein paar Party-People und tanzen. Hilka Nordhausen erzählt: „Als ich ’71/72 in die Kunstseminare ging, da hat man mir Fluxus als Kunstgeschichte verkauft, und das war noch nicht mal 10 Jahre her! Ich hab überhaupt nicht begriffen, daß 10 Jahre nichts sind. Für mich war’s Geschichte. Ich habe dann plötzlich mitgekriegt, daß die Leute alle noch leben. Da hab ich mich darüber gewundert und auch daß die immer noch weitermachen, aber überhaupt nicht mehr aktuell sind, daß die schon wieder weg sind. Damit war die Kunstgeschichte eher eine Art Falle, der ich mich entziehen wollte. Fluxus war out, Konzept Art war in, Ende der Kunstgeschichte. Was nicht präsent ist, ist nicht da. (…) Und die Geschichte mit dieser kopflastigen Konzept-Kunst, wo jeder Kunsterzieher sein Examen mit einer Konzeptarbeit machte, das war ja geradezu lächerlich. Da noch ’ne Fotosequenz und da nochmal mit Wasser und Sand gespielt. Dieser ganzen Geschichte wollte ich einen Tritt versetzen. Keine Ausstellung von Einzelarbeiten, sondern das Erstellen einer Arbeit, ein Werk, ein Zusammenhang. Darum ging’s. Eine Wandarbeit, projiziert auf den Raum, in dem was passiert. Buch Handlung Welt war keine Galerie, kein alternativer Ausstellungsort. Das Konzept der Wand war der Ausdruck einer neuen Position.“ Wo von Dieter Roth bis Oehlen/Büttner Leute eine Wand gestalteten, die dann vom nächsten übermalt wurde. „Dabei ging es auch darum, die Kunst wieder für die Malerei zu öffnen.“ Was ja bekanntlich gelang. Bei „Friesenwall 120“ geht es eindeutig darum, die Kunst wieder für die verschütteten, ins Leben eingreifenden potentiellen Brisanzen der Konzept-Kunst zu öffnen. B-H-W gehört vielleicht deswegen zu Punk-Rock wie F-120 zu Ragga? Holger Hiller, der gerade in München an einer neuen Sache von Dorau arbeitet, und damals im Karo-Viertel mit dabei, wünscht sich mehr „discomäßiges“ Zeug und tanzt dann zu „Tribal Base“. Der heiter aufgeräumte Mäzen gibt mir ein großzügiges Trinkgeld. Gepa von „Sphinxbeat“ freut sich zu Recht an der Stimme von Devon Russell. Auf der neuen Tribe Called Quest ginge es so zu: keine Samples, deepe Roots. Im „Babalu“ geraten später Maxim Biller und Stephan Geene wegen eines Biller-Satzes, „Kunstraum Daxer ist bekannt für häßliche Mädchen“, aneinander. Eine Szene wie von mir ausgedacht. Nachher über die „Love Parade“: Tekkno – deutscher Fluch oder entgrenzender Segen? Hilka: „Zu Beginn der Siebziger, wo die Kopierer aufkamen, man begann seine Sachen selber zu machen, da gab es sehr viele Zeitschriften. (…) Die Macht der Verleger zu umgehen, man ist es selbst, die eigenen Bücher … Also trägt man sie in die Buchhandlungen. Vertriebspunkte mußten her, wie auch Rip Off z. B., die was Ähnliches gemacht haben im Musikbereich, selbstproduzierte Musik als erste in Hamburg angeboten haben …“ Im Kölner „Friesenwall 120“, der während der Münchner Zeit geschlossen hat, stehen vorne im Schaufenster Antiquitäten aus der Daxer-Sammlung. Das sagt auf sehr anschauliche Weise, daß eigentlich überall, wo gerade nicht Aktivisten aktiv sind, objektiv Antiquitäten herumstehen. Totes Geld, lebendes Geld, Ragga-Hip-Hop all night long.

  • Der Anhang (9/91)

    Spike Lee/David Lee (Hrsg.): Five By Five; Simon & Schuster/Michele Wallace: Invisibility Blues – From Pop to Theory; Verso

    Gerüchteweise ist jetzt auch bei Spiegel und FAZ angekommen, daß sich an amerikanischen Hochschulen etwas tut, dessen Dimensionen und Militanz wie das Heraufdämmern einer neuen Studentenbewegung sich ausnehmen. Doch da seien Gott und die Toleranz vor: die vor allem sei bedroht von dem, was der hier immer als erster gedropte Begriff „Politically Correct“ und die ihn tragenden (vor allem) antirassistischen und antisexistischen Bewegungen meinen. Amerika drohe zu zerfallen in nur an sich selbst interessierte Communities, bibbert der Spiegel, und in der FAZ diagnostiziert man, daß, von ein paar irren radikalen Jungnegern abgesehen, die Bewegung eh eher von altmarxistischen Dozenten ausgehe und nicht von der netten neuen Jugend.

    Doch hat das, was unsere „alternative“ Öffentlichkeit bislang noch überhaupt nicht und die liberale wie konservative allenfalls als „Rückzugsgefecht des Marxismus“ wahrgenommen hat, längst alle Bereiche des kulturellen Lebens der USA erreicht. Zumindest in den Städten hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß die diversen Minderheiten nur noch Chancen haben, wenn sie sich militant schützen, was auf allen Ebenen, von Hip-Theorie und Bildender Kunst bis zu Sport und Pop-Musik zur Radikalisierung der minoritären Position geführt hat, oft genug (leider? – aber genau da setzt auch die schein-aufgeklärte konservative Abwehr von Tribalismen in FAZ und Spiegel an) auf der Suche nach einem Mythos der jeweiligen ethischen, sexuellen Gruppen-Identität. Dabei herrscht dort – anders als in hiesigen intellektuellen Kreisen – eine aufgeladene, hitzige Atmosphäre politischer Auseinandersetzung („Streitkultur“ würde man das hier nennen: die Existenz dieses Begriffs beweist, daß es dergleichen nicht gibt), eine physisch spürbare, hohe Betroffenheitsfeuchtigkeit der kursierenden Gedanken. Doch anders als unsere, zu Recht vielgeschmähte „Betroffenheit“, verdankt jene sich nicht dem Reklamieren von „richtigen“ Gefühlen (einem rein behaupteten und durch Lyrik und andere Tränen ggf. zu untermauernden Auf-der-richtigen-Seite-Stehen – der der Natur oder der der „unterdrückten Menschen“), sondern dem tatsächlichen Gemeintsein, von welcher politischen Lage auch immer, durch die Selbstbestimmung als Angehöriger einer sozialen, „rassischen“, sexuellen Minderheit im Kampf gegen deren vielfältige Bedrohungen.

    Mit anderen Worten: Wir haben es zu tun mit der Rückkehr des politischen Subjekts – in jedem Sinne. Und egal als was für ein verwirrtes Wesen dieses Gespenst auch auftaucht: FAZ und Spiegel hatten sich gerade so über seine endgültige Beerdigung in der Gruft eines transsylvanischen Schlosses gefreut. Mittlerweile entwickeln in den USA selbst Gruppen, die nicht nicht oder nur beschränkt zur Macht zugelassen sind, ein entsprechendes Bewußtsein: (weiße) Männer suchen, von einer bedrohlichen Massenvervolkerelispilgrimisierung erfaßt, ihr wahres Wesen (vorzugsweise in Wäldern und überall sonst, wo Bäume und andere lange aufrecht stehende Gebilde aus dem Boden wachsen, zur Begleitung von Bongotrommeln und anderen rührenden vulgärtribalistischen Accessoires). Tribalismus, das klassische Jugend- und Subkultur-Programm, ist über alle normalerweise von ihm errichteten Grenzen hinaus attraktiv.

    In dieser Lage versuchen Intellektuelle im Kulturleben Amerikas gerne, sich über die Überdeterminiertheit ihrer Repräsentationsfunktion und Kompetenz durch Betroffenheit zu profilieren. Dies hat zwar einerseits dazu geführt, daß es neue intellektuelle Stars gibt (Gayatri Chakravorty Spivak, Henry Louis Gates Jr., Cornel West u. v. m. – hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt), denen ihr (teilweise mehrfach) minoritärer Status geholfen hat, geläufige, im postmodernen Theorie-Angebot frei kursierende, scheinbar bezugslose Theorien mit konkreter Lebensmasse aufzuladen bzw. teilweise auch vom Kopf auf die Füße zu stellen, und so etwas mehr Rederecht in der akademischen Welt für minoritäre Positionen zu erkämpfen, aber die Lage derer, die sie repräsentieren oder die zu repräsentieren sie behaupten und damit auch ihr eigenes Gewicht erhöhen, hat sich nicht nur nicht geändert. Was in gewissen Reservaten des akademischen Konkurrenzkampfes zu einem kulturellen Kapital, wie Bourdieu sagen würde, geworden ist, als Vertreter einer Minderheit zu gelten, entwertet sich natürlich, je häufiger es nur noch als kulturelles Kapital eingesetzt wird, ohne einzugreifen (wobei die Herausforderung der akademischen Gepflogenheiten, die Jörg von Uthmann so viel Sorge macht, sicher schon ein Teilerfolg ist – andererseits verdankt sie sich der allgemeinen Theorie-Konjunktur außerhalb der Akademien als fast schon Pop-Musik-Ersatz (vgl. Mark Terkessidis im neuen Spex über ABC, vgl. folgendes New Yorker Klo-Graffito: „Hi, I’m Dave, I’m into semiotics. It hurts“), die im akademischen Leben die Regeln der Unterhaltungsindustrie – variatio delectat, Exotismus – installiert hat.

    Eingriffe verlangen aber zunächst mal, die eigene Repräsentationsfunktion in Frage zu stellen, ohne sozusagen Community-orientiertes, um nicht zu sagen notwendig „solidarisches“ Handeln zu gefährden. Gates schreibt in seinem Beitrag zu Spike Lees Buch, wie sehr Überdeterminiertheit das entscheidende Merkmal des „american rassism“ sei. Michele Wallace hat in ihrem Buch versucht herauszufinden, wer sie nach der Repräsentationslogik eigentlich ist. Schwarze, aber schwarze Akademikerin. Schwarze Akademikerin, aber Frau in einer schwarzen Kultur, die ihrer Meinung nach, gerade auch bei ihren weiblichen Schriftstellerinnen, das Patriarchat immer noch mit einer halb-nostalgischen, halb-utopischen Idylle verwechselt, Autorin eines erfolgreichen und (gerade in der Community und bei schwarzen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen) umstrittenen Buches (Black Macho And The Mythos Of Superwoman, 1978) und dann plötzlich ein psychiatrischer Fall, dem ein typisch schwarzes Irrenschicksal zugedacht scheint, dann wieder akademischer Erfolg etc. Aber auch die sonst eher vernachlässigte Kategorie der Klasse spielt bei ihr eine Rolle: die Mutter ist die erfolgreiche Malerin und politische Aktivistin Faith Ringgold, der Vater stirbt, als sie 13 Jahre alt ist, als Junkie, der Stiefvater ist Gärtner mit Uni-Abschluß, ein Onkel stirbt als Leader einer Straßengang etc. Ist diese Gefährdetheit einer Mittelklassen-Existenz an sich schon typisch „schwarze Mittelklasse“ etc.? Aus dieser immer wieder unternommenen Situierung inmitten von widerstrebenden sozialen Determinanten versucht Michele Wallace die wieder so populären Mythen rund um „Black Nation“ daraufhin zu untersuchen, was sie, obwohl Mythen, dennoch für African-Americans (strategisch) zu leisten imstande sind bzw. inwieweit sie dann doch keine Mythen sind. Die Übereinstimmung darüber, daß der Weg der „Integration“ ein liberal-optimistischer und simplifizierender Irrtum war, ist nicht nur innerhalb der schwarzen Community ziemlich groß.

    Der Spiegel zieht daraus den völlig irren Schluß, mit Malcolm X sei man sich zwischen konservativen Weißen und diversen schwarzen Leaders einig, daß ein Zurück zur Familie und den (verbliebenen) Selbstheilungskräften der Community der richtige Weg sei. Nicht nur, daß die politische Radikalität von Malcolm X, den mittlerweile vom neu ernannten schwarzen, konservativen Bundesrichter bis zu wieder mal den Black Muslims, die ihn seinerzeit ausgeschlossen und möglicherweise sogar beseitigt haben, alle für sich vereinnahmen wollen, und der in der Hip-Hop-Kultur unumstrittenes Idol ist, hier völlig falsch verstanden wird. Malcolm X sah – vor allem gegen Ende seines Lebens – die schwarze Kultur in einem Kampf gemeinsam mit den Völkern der 3. Welt, dachte zunehmend internationalistisch, fing an, chinesisch und arabisch zu lernen, akzeptierte weiße Hilfskomitees im Kampf gegen den Rassismus (die sich allerdings aus vielerlei Gründen nicht mit den eigenen Organisationen mischen sollten) und wurde vom Black Muslim (der den Besitz der ursprünglichen Religion des Schwarzen für sich beansprucht und alle Weißen „Devils“ nennt: die Kongruenz dieser Sprachregelung mit der Alltagsempirie junger African Americans ist zu einem nicht unwesentlichen Teil verantwortlich für die Popularität der Black Muslim im Hip-Hop) zum orthodoxen, linksradikalen Moslem.

    Spike Lee („der nicht unbegabte, aber von den Medien über Gebühr verhätschelte Regisseur“, so der notorische Rassist von Uthmann), dessen Jungle Fever hierzulande allenthalben als Plädoyer für Toleranz gedeutet und verharmlost wird – teilweise ist es das Gegenteil , obwohl doch ein Künstler, der so nahe an Brecht ist, in Deutschland verstanden werden müßte – eben nicht, eben nicht –, hat jetzt mit der Verfilmung des Lebens von Malcolm X angefangen. Ihm ist am ehesten von allen Regisseuren zuzutrauen, daß er dessen Widersprüchlichkeit und Komplexität ebenso gerecht wird wie der Bedeutung, die der Name in der heutigen schwarzen Jugend und Streetkultur hat. Lee, beileibe kein Freund von Integration und liberaler Händeschüttelei, hat in seinem neuesten Buch zu seinen 5 Filmen erstmals von den Gemeinsamkeiten der Kämpfe von Frauen und Schwulen mit dem der Schwarzen gesprochen. Das zu tun und gleichzeitig seine Dreharbeiten von der Fruit of Islam bewachen zu lassen, die mit Frauen allenfalls als mystische afrikanische Mütter der Zivilisation, mit Schwulen gar nichts zu tun haben will, macht seine Position so wichtig und der von Malcolm X nicht unähnlich. Weil in all seinen Filmen die Widersprüchlichkeit schwarzer Kultur Thema war, sieht er sich heute massiven Angriffen aus den Reihen der alten Kämpfer ausgesetzt. Amiri Baraka (= LeRoi Jones) organisiert Protestveranstaltungen, und der Vorwurf wurde wiederholt laut, daß einer, „der unsere Frauen als Nymphomanninen zeigt“ (in She’s Gotta Have It) nicht die Gelegenheit erhalten soll, das Andenken von Malcolm X zu beschmutzen. Das schwarz-amerikanische Establishment verlangt nämlich vor allem nach positiven role models. NWA (vgl. letztes Heft), die ihre letzte Platte (Efil4Zaggin also Niggaz for Life) mit dem paraphrasierten Malcolm X-Zitat bewerben, daß für den weißen Amerikaner ein promovierter Schwarzer auch nichts anderes als ein „Nigger“ sei, nur halt „ein Nigger mit Ph.D.“, haben genug Schlagzeilen gemacht, positive Helden müssen her.

    Schwarze Intellektuelle (und parallel dazu die der anderen minoritären Communities, wo ähnliche Entwicklungen sich abzeichnen) haben hier eine zusätzliche Front, vor allem, wenn sie vom nationalistischen Ansatz die nützlichen Komponenten aufrecht erhalten wollen, ohne seine patriarchalen und traditionalistischen Seiten mitzukaufen. Speziell die Hip-Hop-Nation, sofern sie nicht schon bei den Muslims ist, versucht sich gerade als eigenständige Unter-Nation zu definieren (vgl. die Monatszeitschrift The Source), was zur Folge hat, daß Weiße anklopfen und mitmachen (und vor allem auch mitkassieren wollen). Die Angst vor Vanilla Ice als neuem Elvis ist die eine Seite, auf der anderen Seite wird eine in jeder Beziehung „korrekte“, massiv antirassistische, musikalisch innovative weiße Hip-Hop-Band wie 3rd Bass in den Spalten von The Source gelobt. Eine Seite weiter ist ein anderer Journalist dann wieder völlig d’accord mit anderen Hip-Hoppern, die 3rd Bass „Devils“ nennen. Michele Wallace macht am Ende von einem ihrer Essays drei Schreibpositionen aus: universell (weißer Mann, von konkret bis FAZ, von mir bis Jörg von Uthmann), komplementär (weiße Frau) und „the other“ (schwarzer Mann) – für sie, die an anderer Stelle auch Spike Lee feministisch kritisiert, bleibe ein Nichtort.

    Um diesen Ort aber geht der Kampf und es ist klar, daß man dort von der Psychiatrie ebenso bedroht ist wie von Nostalgie und Religion, besonders aber von Zweck-Bündnissen mit falschen Freunden. Ihr Verdienst ist aber auch, daß eine Übertragbarkeit auf andere, denen ebenfalls keine Position zugedacht ist, möglich wird (negativ universell). Hören kann man dazu Platten von den Poor Righteous Teachers, 3rd Bass, Brand Nubians, Main Source, Leaders Of The New School and Son Of Bazerk.

  • Eine große abwinkende Müdigkeit

    Der schwarze Regisseur Spike Lee hat einen Film über die Herrschaft des Rassismus in den USA gedreht: Jungle Fever

    Auch wir sind Amerikaner (Titel der deutschen Ausgabe des integrationistischen Buches von Louis E. Lomax, Düsseldorf 1965)

    „Sam is not my motherfucking uncle“ (Ice Cube, Death Certificate, 1991)

    Rassismus strukturiert in Amerika alle Lebensbereiche. Diese Wahrheit wird in Europa einfach nicht geglaubt, und daher findet jeder den Film Jungle Fever rassistisch. Dabei stellt er die beherrschende Rolle des Rassismus gerade dadurch heraus, daß er eine Geschichte erzählt, die auch ohne Rassismus denkbar wäre: Ein gutverdienender, junger Architekt mit gebildeter, berufstätiger Frau und reizender Tochter fängt eine Affäre mit seiner Sekretärin an, die aus beengten suburbanen Verhältnissen kommt. Wie immer in solchen Fällen determinieren das berufliche Abhängigkeitsverhältnis und die soziale Kluft den Verlauf der Affäre, der natürlich kein glücklicher sein kann. Alles – das kann man sehen, wenn Flipper Purify nachts aus dem Lotterbett hochschreckt und zu seiner Tochter will, oder wenn Angie ihren Freundinnen mit leuchtenden Augen vorschwärmt, wie „fancy“ das Architekturbüro sei, in dem sie, die Zeitarbeiterin, vorübergehend einen Job gefunden hat – wäre auch genauso gekommen, wenn Flipper nicht schwarz und Angie nicht italo-american gewesen wäre. Da sie es aber sind, kommt es alles viel schneller, viel schlimmer, viel härter. Rassismus ist allgegenwärtig und steigert einfach jede normale kapitalistische, moderne, zivilisierte Situation ins Unerträgliche.

    Die von ihm Betroffenen sind es leid, länger Lösungen in einer „Great Society“ oder „Integration“ zu suchen, auch können sie nicht mehr an Universalismen glauben, weder an Liebe noch an Klassenkampf. Sie wollen einfach nichts mehr mit der Scheiße zu tun haben, und daher hat Separatismus in allen Schattierungen, von der Nation of Islam bis zu den sophisticatedsten schwarzen Linksintellektuellen Konjunktur. Man braucht gar nicht nach „rassistischen“ oder essentialistischen Begründungen dafür zu suchen: Eine große abwinkende Müdigkeit, die einem durch Spike Lees Filme so verständlich wird, reicht völlig. Ich finde es oft geradezu rührend, wie er noch in jeder Situation die andere Möglichkeit, die integrationistische, die amerikanisch-ideologische offenhält. Wie Angie das letzte Wort behalten darf, wenn sie Flipper vorhält, er sei genauso rassistisch wie ihre italienische Familie, obwohl Lee doch oft genug in Interviews erklärt hat, rassistisch könnten immer nur Institutionen, die Macht also, sein, zu der Schwarze aber noch nie in den USA Zugang hatten. Die abwinkende Müdigkeit des neuen schwarzen Nationalismus, seine Einigkeit darüber, selbst die extremsten inneren Divergenzen niemals über weiße Medien auszutragen, beleidigt das linke universalistische Herz, das eben auch darauf besteht, daß Liebe doch eine Himmelsmacht sei.

    Lees Filme polarisieren und bringen Diskussionen hervor wie schon lange nichts mehr im Kino. Die übliche geschmäcklerische Rede, die Filmkritik und Kino nun seit Jahren schon beherrscht, hat keine Chance; jedes Bild ist ein Argument. Dies hat ihm den Vorwurf eingetragen, als blutleerer Thesenfilmer cineastische und formale Probleme des Kinos zu vernachlässigen. Diese Kritik übersieht einerseits, daß gerade die Diskutierbarkeit und Argumentativität bei Lee aus einer komplexen hochformalisierten Technik hervorgeht, die – obwohl sie narrativ ist – das jeweilige Problem („Issue“, wie man in Amerika sagt) immer aus jedem „mitreißenden“, „natürlichen“ Erzählfluß herauslöst, durch „freezes“ oder durch brechtische V-Effekte, wie z. B. die bloße Darstellung des diskutierenden Um-den-Block-Gehens, bei der zwei offensichtlich stehende Figuren vor einem sich bewegenden Hintergrund reden. Oder die Diskussion der feministischen Implikationen seiner Geschichte en bloc durch einen „Kriegsrat“ der beteiligten Frauen. Zum anderen weiß Lee, daß ein Argument nur dann als solches zu erkennen ist, wenn ihm unmittelbar seine Entgegnung folgt. Drittens bleibt er aber auch dabei nicht in einer binären oder dialektischen Struktur befangen, die ja der rassistischen Ideologie zugrunde liegt, sondern läßt ein Problem mal in fünf, mal in zwei Richtungen wuchern.

    „Rassismus bedeutet in den USA vor allem eine unerträgliche Überdeterminiertheit“, lautet – im Kern – die These von Henry Louis Gates Jr. zu Lees Filmen. Diese Überdeterminiertheit gilt es anzunehmen und darzustellen, nicht das, was zurückgebliebene Europäer immer noch auf den Begriff „Vorurteile“ reduzieren. Darum ist es auch gerechtfertigt, daß Lee diversen Nebengeschichten nachgeht, ohne sie zu Ende zu bringen, die zunächst nur geläufige soziale Determinierungen freizulegen scheinen, um dann am Schluß auch deren rassistische Komponente als Bestandteil einer Überdeterminiertheit zu enthüllen.

    Doch die Rede vom Vorurteil folgt ja nicht nur der idealistischen Vorstellung, Rassismus ließe sich auf Uninformiertheit reduzieren, sie beruht auf der vermeintlichen Logik europäischer ‚Rassismen‘ wie Antisemitismus, die einen geheimen Kern in das Innere des „Anderen“ projizieren, einen Genuß, eine unsichtbare Eigenschaft. Nicht nur daß auch europäische Ideologie diesen Feind immerzu braucht und konstruiert – amerikanischer Rassismus ist im Gegensatz dazu auf Sichtbarkeit, auf Oberfläche, auf Hautfarbe aufgebaut. Diese Sichtbarkeit führt zum Nichthinsehen – weil mit einem Blick alles klar ist –, zu jener „Invisibility“ in einer visuellen Kultur, die Ralph Ellison in seinem Jahrhundertroman The Invisible Man immer noch gültig beschrieben hat. In der entscheidenden Szene des Films kommt das zur Sprache: Kurz bevor Angie und Flipper die Ehe brechen, sehen sie sich lange an. Er wisse, was sie jetzt denkt, sagt Flipper, sie bewundere seinen Teint, seine schöne, dunkle, schwarze, straffe Haut. Das sei so verrückt. Er habe jedes verdammte Schimpfwort über seine Hautfarbe gehört, jedes (und er zählt sie auf). Aber dann, wenn man mit Weißen ins Gespräch kommt, wenn sie einen ansehen, sagen sie immer nur, wie sehr sie diese Farbe lieben. Darauf Angie rührend hilflos: „It’s kinda messed up, eh?“

    Daher aber ist die Eroberung des Films so wichtig, denn nur auf Filmbildern wird man wirklich gesehen in Amerika. Und da zuviele schwarze Figuren nie gezeigt wurden, stopft Lee seine Filme mit Personal voll, von Flippers religiös-starrsinnigem Vater, „The Good Lord Reverend“, bis zu seinem Crackhead-Bruder Gator, der schließlich von seinem Vater in einer Reminiszenz an das Schicksal von Marvin Gaye erschossen wird. Die Überfüllung mit Personal, Nebengeschichten und Situationen korrespondiert mit dem Nachholbedarf und mit der Überdeterminiertheit, indem sie diese als Ergebnis jenes erklärt. Weil der visuelle amerikanische Mythenfundus keine schwarzen Individuen als Individuen kennt, wird ihr Leben ganz den unpersönlichen Komplexitäten ausgeliefert, die entstehen, wenn man nur als Vertreter existiert. Diese Komplexitäten didaktisch zuzuspitzen, heißt, sie mit den schon existierenden Kino-Individualismen zu konfrontieren: Lees Italiener sind nicht deswegen klischeehaft individuell, weil er Italiener nicht leiden kann, sondern weil er sie den Filmen seines Vorbilds Scorsese entnimmt, weil er seinen schwarzen Charakteren genau diesen Status – allgemein bekannte Kinofigur – verleihen will. Weil selbst noch Sekundarität, kulturelle Codiertheit von Individualität – in Europa als nicht-authentisch verschrien – einen überlebensnotwendigen reduktionistischen Fortschritt darstellt gegenüber der rein soziologisch-ethnisch determinierten Komplexität, in der die pragmatische Reduktion auf Identität überhaupt nicht vorgesehen ist.

    Daß sich junge Europäer, die sich „nur“ „noch“ sekundär-individuell fühlen, als defizitär, wieder mal mit African Americans identifizieren können, die einen Platz im Bilderreservoir der Kulturindustrie erkämpfen müssen, gehört zu den vielen fruchtbaren Paradoxien, zu denen Lees Film einlädt und die er kommentiert. Der Film aber entkommt auch noch der Problematik dieses partikularistischen black-nationalist-Kampfziels (positive oder individuelle Repräsentation in den visuellen Medien): Er gewinnt eine Universalität (zweiter Ordnung, wenn man so will), indem er den Umgang mit den Paradoxien einer (rassistisch/individualistisch/tribalistisch) durchsemantisierten Welt als mühsame, aber machbare Arbeit am Detail zeigt (und vorführt) und so die Kunst für die Politik zurückerobert (ähem!).

    Die im Motto erwähnte LP von Ice Cube, Death Certificate, ist bereits wenige Tage nach ihrem Erscheinen Nummer eins der amerikanischen LP-Charts und damit erfolgreicher als jede andere Hip-Hop-LP. Sie enthält die bisher aggressivsten Tiraden gegen Weiße („Devils“), Frauen („Bitches“) und Schwule („motherfuckin homo“), die nicht mehr nur mit der Tradition des Fluchens in„oral cultures“ wegrelativiert werden können. Das von Lee dargestellte „Jungle Fever“ (die Lust auf weißes Fleisch) kommt dort nur als abstoßende Seuche vor, die sich zum Glück noch niemand in der „Neighborhood“ eingefangen habe (in „Lil Horny Devil“). Der Platz für einen jungen Schwarzen sei Farrakhans „Nation of Islam“, über den Lee sagt, er sei nicht in allen Punkten seiner Meinung, würde die Differenzen jedoch niemals in der weißen Öffentlichkeit austragen. Gleichzeitig wird von Ice Cube Uncle Sam ein Totenschein ausgestellt, den man in vielen Punkten mitunterzeichnen kann. Die Gewalt, die von dieser Platte ausgeht, ist auch die Gewalt und Hilflosigkeit eines alle Lebensumstände durchziehenden Paradoxes: daß man nur mit genau den Eigenschaften weiterkommt, geliebt wird, Karriere machen kann, für die man zurückgesetzt, gehaßt, verprügelt und ermordet wird.