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  • Michael Jackson – Bad means böse (in unserer Sprache)

    Was wäre die neue Michael-Jackson-LP ohne Paulinho da Costa? Der berühmte brasilianische Percussionist, einer der vielbeschäftigsten Percussionisten neben seinem Landsmann Bosco de Oliveira, spielt auf jedem Track die sogenannten Percussions und damit das Instrument, mit dem auch Michael Jacksons Karriere bei der Familienband Jackson 5 einmal begann, die Bongotrommel (also ganz unten).

    Wer in einer Großfamilie aufwächst, fühlt sich schon dann einsam, wenn weniger als fünf Menschen im Raum sind. Wer aber infolge einer extrem anstrengenden Pubertät schwer wunderlich geworden ist, und so die natürliche Andersartigkeit anderer Menschen im Vergleich zu sich selbst nicht ertragen kann, ist besonders einsam und tröstet sich bekanntlich mit der berechenbaren Andersartigkeit von eigenartigen Tieren und nächtlichen Telefonaten unter falschen Namen mit George O’Dowd. Ich wollte fragen: Was machen wir jetzt mit dem armen, einsamen Michael Jackson?

    Diesen Monat schrieb er Fernsehgeschichte. Er und CBS schafften es, dem deutschen Fernsehen (und mit ihm zahlreichen anderen europäischen Staatsfernsehprogrammen) sein neues Video incl. zusätzlichem, seine einmalige Karriere feiernden Werbespot auch noch gegen Geld unterzuschieben. Alte Formel-1-Streits zwischen Staats-TV und Plattenprivateigentum dürften damit endgültig und paradigmatisch zugunsten des mächtigsten Musik- und Copyright-Eigentümers auf der Welt entschieden sein. Er darf ebenso deutschen Puristen des öffentlichen Rechts die Bedingungen diktieren wie über das Werk von Klassikern der Musikgeschichte uneingeschränkt befinden. Wenn es Michael nicht gefällt, erscheinen gewisse Beatles-Platten nicht mehr, dürfen ihm unliebsame Songs (wie im Falle von „I’m Down“, das die Beastie Boys aufnehmen wollten) nicht mehr gecovert werden. Man stelle sich vor, sagen wir, Michael Ende besitzt die Rechte am Werk Goethes und findet den „Faust“ zu heavy und den „Werther“ zu negativ und unterbindet fürderhin deren Erscheinen oder verhindert Inszenierungen ihm mißliebiger Theater.

    Und wir erwähnen hier nicht umsonst so einen wie Ende und seine Anhängerschaft verzückter Lehramtsanwärter, die es immer für irgendwie wünschenswert hielten, wenn die Kinder auf diesem Planeten mehr zu sagen hätten: Das erste, was die täten, wäre nämlich, Alkohol, Mathematik und schwierige Bücher zu verbieten, weil sie das unheimlich finden. So auch Michael Jackson, einer der mächtigsten Männer (?) des Kulturbetriebs.

    In seiner Einsamkeit und seinem Anlehnungsbedürfnis findet er zwar noch immer Männer, Väter, Mütter, die mit ihm ins Studio gehen und Duette aufnehmen, so daß wir uns noch eine Weile auf den sicherlich ungemein beruhigend-mäßigenden Einfluß eines Paul McCartney vielleicht verlassen können. Doch in letzter Zeit häufen sich geplatzte Duos. Mit Freddie Mercury kam er einfach nicht zurecht. Man hatte sich nichts zu sagen/zu singen. George Michael wurde im nachhinein gekippt, nachdem er im Londoner Nachtleben wieder einmal die Klappe nicht halten konnte und Klatsch über die gemeinsame Arbeit im Studio verbreitete. Der Einfluß anderer Erwachsener wurde ebenfalls in letzter Zeit minimiert, so daß man sich fragt, was Michael Jackson mit Macht und Einsamkeit – zwei sehr starke Drogen für ein Kind – in nächster Zeit anrichten wird, wenn man ihn läßt, und warum er gerade das tut, was er sowieso schon tut: Die Gespräche mit denen, die er wirklich schätzt, auf Band aufnehmen (Warhol, gut), die größte Cartoon-Sammlung der Welt vervollständigen (McCartney, Scheiße) oder fliegen lernen und generalstabsmäßig planen, 150 Jahre alt zu werden (darüber werden wir reden müssen!).

    Gewalt im Fernsehen

    Die geläufigen Ideen über Michael Jackson lassen sich in der Regel leicht durch ein Gegenbeispiel widerlegen: Er ist steril und asexuell. Andererseits genießt er jede schlüpfrige Sex-Symbolik, die ein Video-Regisseur aus der Mantelinnentasche zieht. Er ist schwul und auf Mütter (Jane Fonda, Diana Ross) fixiert. Andererseits genießt er die Umgebung von hübschen bunten Püppchen und mag nicht von seinen Vätern lassen (Spielberg, Quincy Jones etc.). Er ist ein Solipsist, der durch Spielzeuguniversen donnert, und will mit der Welt nichts zu tun haben. Andererseits will er sie doch immerzu verbessern, die Welt, indem er der Dritten Welt rät, mehr zu spachteln, und den Fellow-Negern, die nicht auf der besseren Schule waren, dringend vom Gebrauch der Droge Crack abrät (wie zuletzt im Fernsehen). Usw. Die Wahrheit ist: Jede dieser Eigenschaften bedingt jeweils die andere, toleriert sowieso die andere wunderbar, solange nicht eine ernst gemeint der Prüfung durch die Welt ausgesetzt wird, wo Widersprüche nämlich erst Folgen haben (und sie vervollständigen so das fast schon triviale Psychogramm des durch keinerlei Tradition des Geldes vorbereiteten Kapitalismus-Anfängers, wie er in den USA immer schon und demnächst immer häufiger auftauchen wird). Michael Jackson meint allerdings nichts ernst, denn er kann in seiner Lage logischerweise nicht ERNST denken.

    Dabei sehnt er sich ganz massiv nach dem Ernstfall, nach Beule, Krawall, Elend und Tod. Diese Ernstfälle, die er, wie im übrigen die meisten von uns, aus dem Fernsehen kennt, haben es ihm angetan, und er will sie bewältigen. Die, die ihn nicht persönlich betreffen (Armut, Hunger, Crack, Gewalt), durch saugeile Videos, durch die er gefahrlos und symbolisch am Leben anteil nimmt, den, der ihn betrifft (Tod), durch Verhinderung (panische Gesundheits- und Lebensverlängerungsprogramme).

    Mehr als jeder andere mußte Michael Jackson die Grundidee eines jeden Amerikaners, das alles machbar ist, wenn man nur will, und die Grundidee eines jeden begüterten Amerikaners, daß alles käuflich ist, wenn man die Knete hat, im eigenen Leben ständig bestätigt finden. Und bekanntermaßen macht die erste Erfahrung das Leben schön, die zweite aber unsagbar schal und fad, wie uns die französische Bourgeoisie, atemlos zwischen zwei Exzessen, seit zweihundert Jahren zu erzählen versucht. Und hier kommt Michael Jackson und will sich die Unsterblichkeit machen lassen, ahnend – gähn, das gute alte Thema –, daß Lebenszeit nicht käuflich ist. Wie auch die Gabe, fliegen zu können, sein anderes Lebensziel neben dem biblischen Alter.

    Wie ihr wißt, habe ich es gerne, jeden dahergelaufenen Popstar als Philosophen zu lesen. Michael Jackson darf man spätestens seit dem Satz „We are the world“ den reaktionärsten Menschen der Erde nennen. Andererseits ist bei ihm die gute wie die schlechte Science-Fiction-Produktion der letzten zwanzig Jahre zu so einem massiven Ernstfall zusammengeschnurrt, daß der wirkliche Ernst seiner Lage (seine Macht) unbesetzt und steuerlos durch das Universum seiner Möglichkeiten treibt. Hier ist ein Kind König geworden, laßt uns sein Mazarin werden, laßt uns Prinzregenten werden – so funktioniert ja der Reiz am Michael-Jackson-Klatsch. Ein romantischer Widersinn aus dem vorigen Jahrhundert, aber so wirklich wie die Depressionen des Claus von Amsberg.

    Größtmögliche Erdferne

    Was ist also passiert? Das Martin-Scorsese-Video „Bad“ ist wirklich fast nur öde, der Schwarz/Weiß-Anfang, die dreigliedrig steigende Armut/Verwahrlosung, die der Musterschüler auf dem Wege nach Hause durchstreift, sind noch ganz schön. Der Moralappell an die im bronxigen Ghetto gebliebenen kleinkriminellen Freunde des Musterschülers gehört schon zum Widerlichsten, das blöde Ballett braucht auch kein Mensch mehr, der Song ist guter alter Stumpf-R’n’B, wie man ihn nicht oft genug hören kann. Einmal sieht man kurz ein Fahndungsplakat in der U-Bahn-Station, das dann heruntergerissen wird. Über vier Bildern eines Delinquenten, den man als Martin Scorsese erkennen kann, steht: „Wanted For Sacrilege“. Fragt sich, an wem dieses Sakrileg begangen worden ist: an Scorsese, an der Filmkunst, an Michael Jackson, an Scorseses gutem Ruf …

    Aber die Sache liegt eh ganz anders. Alles, was ich eben gesagt habe, hat nichts mit der Musik zu tun, die wir in den nächsten sechs bis zwölf Monaten überall hören werden, wo auch immer wir uns in diesen Städten aufhalten, von denen bleiben wird, der durch sie hindurchging: der Wind. Die Langspielplatte Bad von Michael Jackson, produziert von Quincy Jones, enthält eine Fülle von luxuriös produziertem, gelöst groovend eingespieltem zeitlosen R’n’B , auf der Höhe dieser Zeit, frei von Genialität und Prince entfaltet sie Mainstream-Musik, die uns nicht an alle amerikanischen Häßlichkeiten denken läßt, einen prallen, schwarzen Groove-Klassiker, the sound of money, und alles, was man dafür kaufen kann, plus eine Stimme, die man so wenig kaufen kann wie das ewige Leben, der Stand der Produktivkräfte, eine Leistungsschau, mehr nicht, aber mehr als die Funkausstellung, und eben genau das, wofür Radios erfunden und in Autos eingebaut wurden.

    Während der Vorführung dieser Meisterleistung von Werbespot, für den die ARD auch noch bezahlt hat, vor dem eigentlichen Video, sieht man auch einmal den Sänger als Außerirdischen neben dem Führer der Erdlinge, dem altmodischen Ronald Reagan, der mit seiner aus „Spitting Images“ bekannten The-president’s-brain-is-missing-Stimme ein paar passende Worte über den amerikanischen Traum zu dem verrückten Milliardär aus dem anderen Sonnensystem sagt, zu dem Kobold aus der neunten Dimension. Was ist Ronald Reagans Politikaster-mit-freundlichem-Altersschwachsinn-Gesicht für ein erbärmliches Feindbild gegen diesen Marsianer, der alles hat und alles kann und alles beherrscht und auch bereit ist, seine Waffen zu gebrauchen? Was sind Maul- und Leinwandhelden wie Rambo, Norris oder Schwarzenegger mit ihrer devoten Söldnermentalität als Knechte des jeweiligen Willens des amerikanischen Kapitals gegen den extremsten Repräsentanten des allerneusten und aller-entschlossensten Geldes, und was gibt es für einen freundlicheren Slogan zum Vor-sich-Hinmurmeln, wenn man seine neuen Produkte genießt wie gute Jahrgangscocacola oder anderes perfektes, synthetisches amerikanisches Glück, zum Fordern und nicht Vergessen, als ENTEIGNET JACKSON! VERGESELLSCHAFTET DIE SCHLÜSSELPRODUCER (Quincy Jones)! SOZIALISIERT DISNEYLAND!

    Die Gruppe Culturcide hat schon mal damit angefangen. Auf ihrer LP Tacky Souvenirs From Pre-Revolutionary America wird direkt das Copyright attackiert, neben Springsteen, McCartney etc. vor allem Michael Jackson. Die bekanntesten, sattgehörtesten US-Hits der letzten Jahre laufen einfach durch, und Culturcide spielen ein paar inkompetente Lärmsoli oder den einen oder anderen blöde passenden Griff dazu. Gelegentlich legen sie ihre eigenen belehrenden Spotverse über die Originale, aber so gelangweilt vorgenölt, daß deren kritische Offensichtlichkeiten einem nicht penetrant kommen. Die LP der Coolies, die grundsätzlich nur Paul-Simon-Songs spielen, von diesen aber nur Titel und einige besonders fiese Textzeilen übernehmen, geht einen ähnlichen Weg. Die moderne Sampling-Technology ermöglicht in einem solchen Copyright-Krieg nahezu jeden Übergriff, jeden Zugang zu Quincys und Michaels Marsianer-Paradies.

    Und überhaupt: früher war es ein Zeichen von faschistoider Xenophobie, die Außerirdischen als bösartige Aliens zu zeichnen. Heute ist der Alien, nachdem er zu Recht für eine Weile zu einer Ikone der Subkultur und der Subversion wurde, zu genau dem Bestandteil bourgeoiser Folklore geworden, der die Endstationen von Yuppie-Karrieren glorifiziert: hysterisches Verhältnis zur Fitness des eigenen Körpers, größtmögliche Erdferne (Penthouse) bei möglichst perfekter Bodenkontrolle (gelegentliches Herabsteigen zu den schwarzen Brüdern, ihnen mit der Gewalt eines von üblen Hauern unterstützten Balletts eintrichtern, daß man noch einer von ihnen ist, und ihnen anschließend mit auf den Weg geben, nicht so viel zu klauen). So sind unsere verrückten kleinen Milliardäre mit ihren Kindergemütern. Ja, enteignet Michael Jackson. Ja, böse Menschen haben gute Grooves.

  • Wenn Worte nicht ausreichen. Was will das Video, und wer sind die Eltern?

    Das Video ist nur aus dem gegenseitigen Sichaufessen, Ausscheiden, Koprophagieren und anderen Angewohnheiten der Popkultur im Umgang mit anderen Kulturen zu verstehen. Hierbei wird „Pop“ sowohl im emphatischen Sinne (als Philosophie) als auch als Kürzel für Populärkultur (also im kunstsoziologischen Sinne) benutzt. Schauen wir dem Organismus dieser Kultur ein wenig bei der Peristaltik zu!

    Popvideos sind aneinandermontierte, ausgewählte Attraktionen, die dem Verkauf des vorgestellten Songs dienen. Nach der Ansicht von Martin Scorsese, der, nachdem er jahrelang Filme drehte, jetzt auch ein Popvideo gemacht hat (Michael Jacksons „Bad“), haben die meisten Videos heute die Funktion, die früher Albumcover hatten. Wie Albumcover werden Videos inzwischen zu fast jeder halbwegs kommerziellen Musikproduktion hergestellt, schnell produziert, meistens bei einer Videoproduktionsfirma in Auftrag gegeben, die alles in die Hand nimmt und aus ihren Schränken und Schubladen das für den jeweiligen Song bzw. Musiker ihrer Meinung nach passende Repertoire zusammenstellt. So wie das Design eines Albumcovers aus einem Repertoire von Schriften, Zeichen, Fotos, Images schöpft, die das den Verkauf fördernde Gesamtbild ergeben – sei es Zeitgenössisches, sei es Mainstream oder Underground, seien es Verweise und Rückgriffe auf die typische Ästhetik einer bestimmten Dekade, das Ausgraben von „interessanten“ Bildern –, so wird auch beim Herstellen von Videoclips auf ein vorhandenes Repertoire zurückgegriffen. Im Gegensatz aber zum Albumcover ist der Videoclip in der Lage, viel, viel weiter auszuholen – schließlich handelt es sich um laufende Bilder, nicht nur eine kleine begrenzte Fläche Papier –, ist in der Lage wie ein Megalöschblatt, viel, viel mehr Attraktionen aufzusaugen, um gleichzeitig noch mehr Reize auszuspucken und dazu durch Beschleunigung eine andere Dimension zu produzieren, d. h. Tricks, Mode, Comics, Stories, Dramen, Witze und alle möglichen existierenden Kunstformen, Kulturgeschichte, Literatur mittels eines Songs in eine simultane Ansammlung von Images knallvollgepreßt über einen Bildschirm loszulassen. Alles ist Material, alles wird simultan benutzt – und eines der entscheidenden Basismaterialien für den Videoclip sind naturgemäß laufende Bilder, ist der gemächlich laufende Film.

    In der Regel ist das Video eine aus einem Spielfilm herausgenommene Gesangs-/Tanzeinlage. Was war die Gesangs-/Tanzeinlage in the first place? Nun, sie ging aus der naiven Freude des Kinos über sich selbst hervor. Das Kino freute sich, daß man das, was man im Leben oder im Showgeschäft tut, auch vor der Kamera tun kann. Seit 1928 gehören auch Singen, Tanzen und Musik dazu. Nachdem diese naive Freude sich gelegt hatte, mußte man mit den Tanzeinlagen etwas anfangen, sie zum Beispiel in einer Weise choreographieren, wie es im wirklichen Showgeschäft technisch nicht möglich war. Der Regisseur sollte noch das Seine dazutun und durch eine „filmische Grammatik“ die Ornamente weiter ornamentalisieren, d. h. Gesang und Tanz waren nicht mehr nur Gesang und Tanz, die man einfach für die Leinwand übernahm, sondern wurden speziell fürs Kino produziert.

    Im Magen des Kinos wurden Gesang und Tanz zersetzt. Es konnte sie nach der Busby-Berkeley-Ära nur noch als Wasserspiele (Esther Williams) oder Handlungshemmer (Musicals, Filme, in denen das Gangsterliebchen Nachtclubsängerin ist, Filme, in denen Stars mitspielen, die bekanntlich singen können etc.) gebrauchen; fügte sie also in das Narrativ ein, wo sie nur noch eine Bedeutung für das Narrativ hatten und keine eigenständige Sensation darstellten. Als Sensation im naiven wie im choreographierten Sinne tauchen Gesang und Tanz in den 50ern nur noch auf dem Eis, auf dem Wasser und bei Fred Astaire auf. Seitdem stehen Gesang und Tanz im Schatten der Story. Man kann Lieder nur noch hören, Tänzern aller Art nur noch im Bewußtsein zusehen, daß da eben was war und gleich noch was kommt.

    Einerseits profitiert das Video von dieser seiner Geschichte. Es kann dem Popsong – der ja entstanden ist, nachdem die Musik ihrerseits ein paar literarische Formen vertilgt hatte und er so seinerseits immer ein kleines Narrativ ist – die Aura verleihen, ein Kapitel aus einem großen Epos zu sein. Sehr viele Songs des Videozeitalters wurden mit drei Pünktchen vor dem ersten und drei Pünktchen nach dem letzten Takt komponiert (eine Fortsetzung gab es jedoch in den seltensten Fällen). Fast alle Videos der ersten Generation aus dem Zeitalter des stark narrativen Zitatpop (s. 81 ff.) wurden so gedreht. Das bekannteste und vielleicht beste Beispiel dieser inzwischen heruntergekommenen Kunstform dürfte Culture Clubs „Do You Really Want To Hurt Me?“ sein, das so tut, als erzähle es die Geschichte eines ganzes Jahrhunderts.

    Andererseits litt das Video unter dieser Geschichte mit der Geschichte, dem Narrativ. Denn auf seinem Wege zurück zur Sensation, zur Pseudo-Naivität, konnte es noch nicht ganz die Funktion des Handlungshemmers und Spannungsaufbauers abschütteln. So erwarten eigentlich noch heute Millionen Fernsehzuschauer nach einem Video, daß die Geschichte anschließend weitergeht oder etwas anderes passiert, wo doch nur ein neues Video (oder Stefanie Tücking) folgen kann. Natürlich liebt man Gesang und Tanz und sieht sich/sah sich viele Filme nur wegen dieser Einlagen an, sie waren die Marmelade, die Story das Brot. Auch das führt bei Videosendungen im Fernsehen zu Insulinmangel, immer wieder aß man die verbotene Frucht, ging ans Eingemachte – und nie den zähen, drögen Weg dahin, obwohl wir gelernt haben, daß er zu jedem anspruchslosen Genuß dazugehört.

    Gegen 1956 verlor die Gesangs-/Tanzeinlage in der Regel alle ihre eingangs erwähnten Funktionen und tauschte sie gegen die eine: die Präsentation des Stars, der etwas Besonderes konnte. Das war nötig geworden, weil in den späten 50ern jede Menge Stars außerhalb des Kinos entstanden waren, auf die es selbst nicht verzichten konnte. Seitdem wiederholt sich bis in die Gegenwart die fast ausnahmslos identisch verlaufende Tragikomödie mit Popstars, die vom Kino gefressen werden und als unnütze Scheiße im Alter von 40 bis 45 wieder ausgeschieden werden. Video hat diesen tragikomischen Zug zur Popgeschichte einerseits verstärkt, andererseits aber auch ein Gegenmittel entwickelt, doch dazu kommen wir noch.

    Als der Star, der von außen kam, in die Verdauungssysteme Hollywoods eingeführt wurde, befand sich das amerikanische Kino in seiner großen ersten Dekadenzphase: Seine größten Regisseure starben, zogen sich zurück oder begannen mit ihren bizarren Alterswerken (wir wollen nicht verhehlen, daß wir sie für die schönsten Filme Hollywoods halten), Filme wurden im Grunde nur aus Kostümen und Design gemacht, darin traten einige Stars auf, die diese Kostüme anhatten, sich in den Kulissen bewegten, und weder Ausstatter noch Kostümdesigner noch Stars noch Regisseure scherten sich einen Dreck darum, ob die Handlung spannend war oder die Geschichte logisch oder etwa irgendeine Referenz im Realen hatte. Nichts dergleichen war mehr wichtig. Film wurde identisch mit einem einzigen gigantischen Verfremdungseffekt, weil es keine Geschichten mehr zu erzählen gab. Gestandene Western-Regisseure drehten z. B. in dieser Dekadenzphase keine Western mehr, sondern Western über Western, d. h. sie kopierten und verdrehten und verfremdeten ihre eigenen Filme, machten sich selbst zu dicken farbenfrohen Schwämmen. Und man tritt in diese Wülste von Klischees hinein – eine angenehme Montage von Reizen, lustig und lachhaft, ohne Vorher und Nachher und Moral der Geschichte, eher ein Ausbreiten der Arme, ein Sich-Hingeben unter Lachen, das groß aufgemacht wird; ein Schritt des Sich-selbst-Denunzierens, Sich-Auflösens, ohne bitter zu werden. Frühe Abschaffung der Dramatik zugunsten von referenzlosen Superlativen. Suspension des Sinns. Befreiung. Die erzählte Geschichte geht nicht mehr weiter. Wir erzählen sie trotzdem nochmal, das Genre ist verbraucht, so what, wir behandeln es neu! (Diese merkwürdige Entschlossenheit treibt in den Videos heute erneut die exotischsten Blüten.) Damit wurde das „Remake“ von Filmen eine Art, Filme zu machen.

    Mit anderen Worten, das Kino, wie man es kannte, gab es nicht mehr; aus der gewohnten Gesangs- und Tanzeinlage wurde die Stareinlage. Archetyp dieser Gattung sind die Elvis-Filme, an denen man alles studieren kann, was zusätzlich zu den bereits beschriebenen Elementen des Videoclips aus den USA kam, der Rest wird sein: britisch.

    Der Film mit Stareinlage ist auf überzeugende Handlung oder Verquickung der Handlung mit traditionellen Elementen nicht mehr verpflichtet. Zwar hält er sich noch rudimentär an diese Tradition, z. B. ist Elvis schon manchmal ein Sänger, genauso oft ist er aber etwas völlig anderes (ist bereits Remake eingeführter Filmfiguren in einer ähnlichen Weise wie heute so oft im Video). Und das muß auch so sein, denn das Prinzip des Stareinlage-Films heißt: Elvis – einmal anders. Der Star kann im Kino nur als Verkleidungskünstler in ungewohnten exotischen Umgebungen etc. bestehen. Da Eindrücke nicht aus Unterscheidungen zu vorangegangenen Eindrücken entstehen können, weil nichts erzählt wird und keine Entwicklung stattfindet, wird die Stimmung, der Ausdruck, ausschließlich mit Übertreibungen hergestellt. Die Röte des Rots in Technicolor. Blue Hawaii. Farben werden zu Adjektiven. Ornamente reden im Superlativ. Nun, hier findet sich die Urform von 50 Prozent der heute gebräuchlichen Videos. Mädchen als Ornamente. Farben als Farben. Das Image des Stars ist immer dem Image der jeweiligen Rolle übergeordnet: Elvis ist Elvis, die Rolle lediglich ein Attribut seiner Omnis (-präsenz, -potenz etc.).

    So ist es gut, so stellt sich Pop in seiner zeitlosen, seiner amerikanischen Spielart dar: zeitloses Feiern einer zeitlosen Tautologie. Der Größte ist der Größte. Das konnte man allerdings nur von 1961-63 genießen, der Zeit der Dekadenz von Hollywood und von Rock’n’Roll, die im Zeichen von Kuba-Krise, Kennedy-Euphorie und Kennedy-Ermordung ihr prävietnamesisches, glückhaftes Zusammenspiel fanden.

    Elvis Presley und der Film – ein Popstar, der sich in diesen -zig Filmen naturgemäß verschlissen hat, in denen er aber alles war. Der Grund, warum die Leute in die Filme gingen, war der in inflationärem, sich selbst entwertendem Übermaß gebotene „besondere Moment“, also die Tanzeinlage, die Show-Einlage, der Song; und der Sänger als irgend etwas, als Image, als Cowboy, als Rennfahrer, als Gefängnisinsasse, als jugendlicher Schläger, als ein mit allen verfügbaren Mitteln der Verkleidungs- und Showkunst verfügbarer und ständig verführerisch agierender Star.

    Wie dieses Besondere im einzelnen Fall ausgestaltet war, wurde allerdings noch vom Titel des Films, der skelettartigen Handlung vorgegeben. Der zeitgenössische Videoclip ist ein einziges Besonderes. Der Star als Verkleidungskünstler, so treten auch Madonna und Boy George auf … der Titel, d. h. die Parole, die durchgegeben wird, um zu bestimmen, warum welche Verkleidung, welcher Tanzstil, welche Frisur vom Popstar vorgeführt wird, wird aber heute nicht mehr von einer halbfiktiven Handlung festgelegt, sondern von der Realität, aus der sie stammen, also nicht mehr vom Film, sondern von der Popkultur und den durch sie entstandenen Bedürfnissen. Dies bewirkt, daß trotz aller offensichtlichen Sprachlosigkeit Videoclips beredt sind. Denn ihre Referenz sind nicht so sehr bizarr-heruntergekommene Handlungstypen, sondern eher eine reale Pop-/Subkultur. Aber die Art der Anordnung ihrer Elemente, ihre Sprache/Grammatik kommt aus dem Filmtypus, in dem es nicht um das Nachvollziehen einer Handlung, sondern um Geschwindigkeit, das reine lustvolle Beschauen eines Stars und den „besonderen Moment“ ging.

    Den in alle möglichen Reize – inklusive Mädchen, die als Ornamente, als Kulisse dienen – eingebetteten Star kann man natürlich auch in den unmittelbaren Vorläufern der Elvis-Filme, in den amerikanischen Musicals, sehen, speziell in Fred-Astaire-Musicals, doch ein Sänger ist weitaus verfügbarer, wandelbarer als ein hauptberuflicher Tänzer: Mit jedem Song kann ein neues Klischee hergestellt werden. Auch hatte man beim Musical eben immer noch den Eindruck, daß mit der Gesangs- oder Tanzeinlage eine Handlung verzögert wurde, also doch noch eine halbwegs sinnvolle Handlung vorhanden war, während Gesang und Tanz in Elvis-Filmen offensiv ihre eigene Sinnlosigkeit bloßlegen. Hier ist vor allem die Tanznummer zu „Jailhouse Rock“ (das Urvideo!), dieser besondere, abgeschlossene Teil innerhalb des Filmes, zu nennen, in dem die Gefängnisinsassen, allen voran natürlich Elvis Presley, eine ausgeklügelte Tanznummer, die mit allem etwas zu tun haben mag, nur nicht mit einem Gefängnis, aufführen. Diese Nummer ist ausschließlich auf Unterstützung des Songs und des Stars zugeschnitten, und niemand käme überhaupt darauf, nach dem Sinn und Zweck der Szene für die Handlung zu fragen.

    In diese „besonderen Momente“ bei Elvis ist auch schon das eingeflochten, was in der folgenden Entwicklung zu einem bezeichnenden Element der Geschichte des Videoclip werden sollte: die Mitautorschaft des Sängers an diesen besonderen Momenten im Film und die Verarbeitung biografischer Elemente (im Falle Elvis z. B. die Thematisierung seines Rufs als Schläger, der ihn vor Gericht brachte, und das Aufgreifen dieses Images bzw. des aktuellen Problems in einem Film). Dieses offensive Aufnehmen von biografischen Elementen findet sich z. B. wieder bei Madonna: Das Klischee vom Material Girl basiert auf Madonnas eigener Geschichte, auf Fakten, und diese Fakten werden wiederum zu einem noch wirkungsvolleren Klischee kondensiert, dessen Bearbeitung der Star dann in seinem nächsten Video neu in Angriff nimmt, entweder noch eins draufsetzt oder ein völlig konträres Image präsentiert, kokett das Vorangegangene dementierend, außer Kraft setzend … etc.

    Ein weiteres Charakteristikum, das in diesen frühen Filmen auch schon auftauchte: Die tendenziell wachsende Bedeutung des Stars/Musikers/Sängers als ebensolcher führte dazu, ihn auch nur als solchen zu zeigen, d. h. in seiner Funktion als Star, aber auch bei seiner Arbeit. So entsteht scheinbar eine Dokumentation, in der die Aktionen des Sängers mit all seinem Pop/Rock-spezifischen Gebaren eine für einen Filmablauf geforderte Handlung ersetzen. Die Apokalypse dieses Trends war zweifellos die öffentliche Hinrichtung von Boy George.

    In den 50er Jahren war das eigentliche Massenmedium für einen Sänger in den USA das Fernsehen, der Auftritt in einer Show, in der er sich und sein Lied vor einer eigens präparierten Kulisse präsentierte. Mit Elvis im Film wurde ein solcher Auftritt auf die höchstmöglich unterhaltsame, interessanteste Weise erweitert.

    Mit dem Verfall des straighten Hollywoodkinos und dem Elvis-Phänomen wurde alles möglich: Das Klischee des Klischees (siehe später Hawks etc.), Pop, das Fernsehen, die Werbeshow als Filminhalt (Tashlin: Will Success Spoil Rock Hunter?, eine frühe Yuppie-Götterdämmerung), das Neben- und Durcheinander von Fernseh- und Filmästhetik, das Auftauchen der vollbusigen und vollpoppigen Heldin (Jayne Mansfield), das Durchdrehen einer eigentlich schon durchgedrehten Sache wie einer Hollywoodkomödie, von dieser die Hardcore-Version im frühen Russ-Meyer-Werk Faster, Pussycat! Kill! Kill!, Monstrositäten aller Art, körperliche bei den Darstellern, inhaltliche in den Filmen, Monsterbusen und mit allem verknüpfte Songs wie z. B. The Girl Can’t Help It oder Faster, Pussycat! Kill! Kill! – das „Besondere“ tobt und will heraus, in alle Richtungen. Das Besondere hat neue Voraussetzungen geschaffen, und so entsteht aus ihm wiederum etwas neues Besonderes, z. B. das Thema „Musikerleben“ als Thema eines ganzen Films, in dem erneut Klischees festgeschrieben werden. Climax und Sophistication werden weiter abgefeilt, Dauersensation wird denkbar.

    Das Genre „Musiker bei der Arbeit“ hat natürlich eine längere Tradition, erreichte die Qualität eines grenzensprengenden, dekadenzbeschleunigenden Pop-Phänomens aber erst gegen Ende der 50er Jahre. Von der Glenn Miller Story zu Hawks’ A Song Is Born ist bei aller Qualitätssteigerung nur ein kurzer Schritt. Neue Dimensionen erreichen The Girl Can’t Help It, Tashlins Meisterwerk, der wohl immer noch beste Rock’n’Roll-Film aller Zeiten Yeah! Yeah! Yeah! (wobei aber für britische Popfilmstreifen grundsätzlich andere Gesetze gelten), bis hin zu Nashville, wo der kritisch-pseudodokumentarische Altman-Stil mit seinen Episödchen und Ironien einen Rahmen für Country & Western-Auftritte bot. All diesen Filmen ist gemeinsam, daß die Stareinlagen sich kaum noch der Ornamente und Effekte bedienen; je nachdem, wie sehr der Star gerade in Mode war, zeigen sie vorwiegend den ganz normalen Live-Auftritt.

    Auch dieses Stilelement wird häufig im Video eingesetzt. Ob es der „Man, was hatten wir für einen Spaß auf der letzten Tour“-Tote-Hosen-Ansatz, der „Wir sind hart arbeitende Macker, die ihre Instrumente selber stimmen“-Ansatz der Dire Straits, der „Ihr wart ein wunderbares Publikum“-Ansatz von Paul Young oder der „Unser Leben ist eine einzige Party, ob auf der Bühne, im Bett oder im Swimmingpool“-Ansatz von Wham! ist, wir kennen unzählige Videos, die sich auf die Behauptung stützen, der Live-Auftritt sei charakteristisch für die Arbeit dieses Künstlers oder der Gruppe und werde als solcher dokumentiert. Die bei den entsprechenden Kinofilmen entstandenen Musikermilieu-Klischees, einmal zitiert oder angedeutet, genügen in den Clips, um sich das zu jedem Star entsprechende Leben zusammenzuhalluzinieren, was in jedem Fall, sogar bei den größten Reaktionären seit Konfuzius, den Dire Straits, angenehmer anzusehen ist als ein ganzer entsprechender Film, wie es sie in den 70ern häufiger gab, z. B. Mad Dogs & Englishmen, Bird On A Wire etc.; positive Ausnahmen waren The Last Waltz oder Ziggy Stardust. In der Regel ist ein Live-Film so gut wie die Musiker, die er zeigt.

    Auch heute sieht man in vielen Videos den Musiker zumindest einige Sekunden lang als Musiker/Sänger agieren (was die Plattenindustrie sogar zur Pflicht macht, wenigstens für 15 Sekunden …).

    Dieses möglichst interessant in Szene zu setzen, geschieht in den dokumentarischen Filmen, die das Stilmittel der Verzögerung einsetzen. Man wartet sozusagen wie in einem Konzertbesuch auf den Auftritt der Stars, während man einigen Statements zu „On The Road“-Leben und Boheme, mit Witzchen und dummen Sprüchen unterlegt, zusieht und zuhört oder eine Kamera die Musiker auf der Bühne, Gesicht um Gesicht, Gitarre und Hände, Schlagzeug, Keyboards und was auch immer, abfährt. Hier könnte man eine eigene Geschichte der Rockmusik-Kamerafahrt schreiben, die ewiggleiche Szenen beinhaltet.

    Dagegen: Die Popproduktion, die nicht „Dokumentation“ suggeriert, bei der sich die Musiker nicht an ihren Instrumenten oder der Sänger in Schweiß und Tränen am Mikrophon „schaffen“, bei der daher auch nicht Hände, Gitarren, Gesichtsausdruck gefilmt werden, sondern Frisuren, Tanzschritte, das Kleid, der Anzug, Show, Dekoration, Licht, aber auch die Stimme. Ein Prototyp dafür ist – obwohl in Schwarzweiß gedreht – The Big Beat, sind aber auch die Fernsehmusikshows der 60er Jahre, nicht nur amerikanische, sondern auch die der englischen Hochzeit des Pop (Ready, Steady, Go; The Old Grey Whistle Test oder im deutschen Bereich der Beat Club).

    Einerseits ist da: der Wille, mit einem Song bzw. der filmischen Präsentation eines Songs etwas zu sagen, die expressive Verausgabung, Rebellion, Wut, Auflehnung und andere Mythen der Rockkultur unentwegt zu vervielfältigen; andererseits: Speed, Lebensstil, Jugendattitüden, Effekte, Lust, Entertainment, der Spaß, den Mythos von Geld und Ruhm und Pop unentwegt per Song und Bild zu vervielfältigen.

    Der Beatles-Film ist die Fortsetzung des Elvis-Films mit anderen Mitteln, an ihn schloß die Monkees-Serie an. Diese Art von Filmen bildet heute den Grundstock der besten Clips, die meist britischer Provenienz sind. Im Gegensatz zu den Elvis-Filmen geben sich die Beatles-Filme keine Mühe mehr, den Star eine Rolle spielen zu lassen, sie entwerfen stattdessen vorgeblich reale Eigenschaften des Stars, ebenso übertrieben und bizarr, mit denen sie hemmungslos spielen. Da mit den Beatles die Popgruppe als Popfamilie erfunden wurde, boten sie unendlich mehr Möglichkeiten, als es die Stareinlage, auch in ihrer forciertest-künstlichen Form (etwa Elvis in Fun In Acapulco), konnte. Vier Stars sind mehr als ein Star. Die auf die Beatles negativ fixierte Pop-Antithese Frank Zappa machte sich das mit ihrer zahlenmäßig noch viel größeren Gruppe Mothers Of Invention später in dem Meisterwerk 200 Motels zunutze.

    Die Beatles entwickelten sich über Yeah! Yeah! Yeah!, Help! bis zu Magical Mystery Tour und Yellow Submarine zu einem Ensemble grundsätzlich festgelegter und gerade darum für jede psychedelische Spinn-Phantasie unendlich nutzbare Folie. Sie waren das Urbild des britischen Pop als schnell-unerklärlich-unvereinbare Eintagsfliege, der alles erlaubt ist, das Gegenteil von Musikern im emphatischen Sinne, denen ihre Musik über alles geht (was heute vom Image her die meisten sind, weswegen sie sich alle so schlecht in den Clips benehmen). Sie eröffneten das visuelle Zeitalter des Pop, bei ihnen fraß der Popsong die Filmbilder auf und nicht umgekehrt, wie es zehn Jahre vorher in Hollywood (und teilweise heute im Videoclip) der Fall ist. Bezeichnenderweise vertrat das goldene Jahr des Videoclip, 1982, eine ähnliche Philosophie, die nach jahrzehntelangem Bemühen um Musikalität in der Popmusik wieder ein letztes Mal zum Tragen kam: Haircut 100, ABC, Human League waren „Superpop“ im Sinne Nik Cohns und machten in der Regel Filme in der Art der Beatles, auch wenn diese bei ABC aussahen wie Mary Poppins, bei Haircut 100 wie die der Monkees (die logische Fortsetzung der Beatles mit schamloseren Mitteln) und bei Human League wie die von Human League. Sie zitierten die Beatles-Filme nicht, aber sie teilten die Idee der mittleren 60er, daß Pop mehr als Musik, als Jonglieren mit Referenzen aller Art, vor allem eben auch visueller Elemente sei. In solchen selbstbewußten Momenten fraß Pop alles auf.

    Als Pop so richtig satt, wehrlos und gemästet war, kamen die Intellektuellen, wie gehabt beim Kino tätig, und taten sich gütlich. Sie verdienten damit – in der Regel ein bis fünf Jahre, nachdem das Phänomen aktuell war – Geld und verzerrten es so, daß es Trash wurde (Psych-Out). Nur einige wenige waren richtige Komplizen des Pop wie Godard und Scorsese. Die meisten wollten aber unter anderem selber Popstars sein und die Kulturindustrie beeinflussen, was diese normalerweise verweigert. Die „Politique des auteurs“ der Nouvelle Vague fiel mit der Zeit zwischen Elvis und den Beatles zusammen. Auf dieser Grundlage wurden Musikfilme gemacht. So sind in Filmen Formen des Videos entstanden, bis schließlich auch das Video an sich als Medium vom Filmemacher/Regisseur eingesetzt wurde. Bei Godard geht diese Entwicklung von den Tanzszenen in einem Lokal vor einer Musikbox (Die Außenseiterbande) über den frühen Punkrocksong, der die Geschehnisse einer maoistischen Studentenkommune und ihrer Irritationen bis zum Chaos und lächerlichen Auseinanderfallen illustriert („Mao Mao“ in Die Chinesin), bis zum Rock-Dokumentationsfilm One Plus One über die Rolling Stones und zur Arbeit mit dem französischen Rocksänger Johnny Halliday (in Detektive), ohne daß der Sänger dort singt, so daß der Star also nur als Schauspieler auftritt. Hier setzt die anspruchsvolle Version des Elvis-Elends ein: eine Verarbeitung des Themas Popstar und Film, etwa wie sie auch von Nicholas Roeg mit David Bowie (in Der Mann, der vom Himmel fiel) oder mit Mick Jagger (in Performance) vorgenommen worden ist – einen Popstar so durchschlagend zu „verkleiden“, daß er eine völlig neue Rolle außerhalb des Musikstar-Daseins, als Filmheld bekommt, obwohl doch jeder weiß … eine Methode, auf die auch in Videos immer wieder neu und gerne zurückgegriffen wird … ein Unternehmen, das andeutet, Ich, der Sänger, bin ja eigentlich nicht nur ein Sänger, sondern natürlich als Popstar auch ein Filmstar in einer Story (neuestes Beispiel etwa Matt Johnson) … Also: die Umkehrung des Elvis-Effekts. Pop schafft neu, was Pop ursprünglich vernichtete.

    Denn: Pop schafft alles. Pop schafft, daß die lächerlichsten, knallköpfigsten Stories per Video durch die Gegend rotieren und sich splitterweise in den Köpfen festsetzen.

    Aber Godard … schließlich hat er das Filmen aufgegeben und nur noch Videos gemacht, „E-Videos“ sozusagen, keine Clips, hat schließlich nach diesen Experimenten das Filmen wieder angefangen und Bilderfahrungen, aber auch Erkenntnismaterial in diese neuen Filme hineingestopft; letztlich haben sich bei ihm Film und Video vereinigt. Mit der bekanntesten französischen Rockband – die nicht zuletzt so berühmt aufgrund eines „Starvideos“ ist (siehe Elvis und Madonna), das sie selbst gemacht hat – dreht er nun einen Film.

    In den 70ern konnte sich auch das Genre des Road-Movie etablieren. Hier waren also bestimmte Songstimmungen – das Genre des Road-Song ist in der Blues- und C&W-Mythologie wesentlich älter als diese Filme – Grundlagen von melancholischen amerikanischen Filmen, und sehr oft spielten auch Songs und sogar Popstars eine Rolle, wie in dem Urfilm des Genres, Monte Hellmans Two-Lane Blacktop, James Taylor und Beach Boy Dennis Wilson. Dies war eine amerikanische Erfindung, und schon hatte Kino wieder Pop gegessen. Später kamen Wim Wenders und Chris Petit mit Im Lauf der Zeit und Radio On und fraßen als Europäer gleich beides, Popsongs und US-Kino, aber das sei nur am Rande vermerkt.

    Dieses Genre liefert auf jeden Fall Material für unendlich viele Videos, zumal ja Musik in der Regel beim Autofahren gehört wird und sich schon dadurch unzählige Verknüpfungen ergeben. Es ist gleichzeitig eine Abart einer „Reise ins Nichts“ (oder eine Unterabteilung davon), worauf wir noch kommen werden.

    Neben der Funktion als Handlungshemmer war eine klassische Rolle des Liedes im Film (Musical, Operette), den Mund des Menschen dann auszufüllen, wenn Worte alleine nicht mehr ausreichen. Normalerweise ist das bei der sogenannten Liebe der Fall. So entsteht das Phänomen des „Ansingens“: „Hello, is it me you’re looking for?“ Hierzu ist beim Videoclip nötig, daß durch wenige, kurze Bildklischees extrem elliptisch eine Geschichte angedeutet und dazu deren lange schwellende Dramatik suggeriert wird, dann 90 Minuten Spielfilm-Climax/Anticlimax auf zehn Sekunden zusammenschnurrt, um der Schnulze ihre Chance zu geben.

    Varianten der Situation, in denen Worte nicht ausreichen: Psychedelia, also Drogenerfahrung, grenzüberschreitender Sex, mystische Erlebnisse. Die Vorbildfilme der 60er, Zabriskie Point oder The Trip, griffen zum verschlungenen Gitarrensolo-Schleier, wenn die darzustellende Erfahrung so groß wurde, daß sie nicht mehr zu verbalisieren war oder sein durfte. Diese Variante gibt es im Video bezeichnenderweise vor allem in der perversen Umkehrung: Die Musik ist so langweilig, so wenig Pop, so unliterarisch, so unbedeutend, daß das Unsagbare herbeizitiert werden muß, heute weniger durch Farbgewaber als durch grafische Witzchen, schnelle Schnitte (irgendwie kommen immer mal kurz Reagan und Gorbatschow vor) oder durch britisches Hexen-Grusel-19.-Jahrhundert-Ambiente. Regel: je instrumentaler, je unverbindlicher, je jazzrockiger, desto „Unsäglicheres“ im Bild. Hier verläuft die Grenze zum „anderen“ Video, dem statischeren, in dem Weiten vorkommen und sensible Wesen, Feen mit Halluzinationen und Visionen, die sich in Blubbermustern, in Zeitlupe darbieten. Auch die Flucht in das Imaginäre, Weite, Schöne etc. endet letztlich im Videoclip. Die optische Darstellung eines Trips anhand der Musik von Grateful Dead und Pink Floyd in besagtem Zabriskie Point von Antonioni hat diese Schleusen ein für allemal geöffnet. Als man fertig war mit den Drogen, blieb diese Form einfach als solche stehen, und das Video setzte sie ein, während sich nebenbei die entdrogte Form des meditativen „Ins Nichts Fahren und immer weiter“ des Films entwickelte, über die Video auch inzwischen verfügt.

    Das gilt auch für das eben erwähnte klassische Road-Movie und alle seine Abarten: Der Protagonist fährt und fährt und fährt zur Musik, zu ausgewählten Soundtracks, und es passiert nicht viel, außer daß etwas durch einen Song passiert … (z. B. in der Variante des verzweifelt durch die Stadt schlendernden Helden in Wenders’ Summer In The City, dem sein Schmerz noch mehr dadurch bewußt wird, daß er im Vorbeigehen einen Song, „Days“ von den Kinks, im Fernsehen sieht, der ihm verdeutlicht, wie lange er im Gefängnis war und wie lange er nichts von der Welt mitbekommen hat).

    Erinnerungen und dann die Rückblende – der Fernseher oder das Radio oder auch das Videogerät selbst werden heute in Videoclips ständig benutzt, als Fragmente von Erzählstruktur, als die notwendigen Hinweise für das „Heute findet mein Song in dem und dem Kontext statt“. Musik und Fernseherfahrung sowie die Erfahrung von Klischees, die in diesen Erfahrungen stecken, werden vorausgesetzt. Unzählige Rahmenhandlungen, Tricks, Effekte zieren die tolle Absurdität, die sich selbst zu übertreffen sucht. Die Absurdität liegt in der einzigen, tautologischen und daher einer Climax gar nicht mehr bedürfenden Aussage, die ein Video in Wahrheit imstande ist, zu machen, welche ist: Ich bin ein Videoclip!, eine Aussage, die nachdrücklich und enthemmt permanent wiederholt wird. Am enthemmten Willen, diese Aussage zu machen, an der Tatsache, daß Videoclips vor dem Häßlichsten und Gröbsten nicht zurückschrecken, sei es vor plumpen Kopien von Eisenstein-Montagen oder Metropolis-Kulissen, lebenden Bildern, nachgestellten Gemälden der bildenden Kunst, Designerkleider-Modeshows, das Graben in den B-Movie-Äckern von Roger Corman, erkennt man die Vergeblichkeit und Beliebigkeit allen zitierten Kulturmülls, der sich vor der Tautologie verbeugt, verbeugen muß.

    Der Film, der seine eigene Absurdität eingesteht und alles schon durchgespielt hat und somit als der rechtmäßige umfassende Vorläufer aller Videoclips zu gelten hat, ist Frank Zappas 200 Motels (1970). Hat man diesen Film (wieder) gesehen, ist alles anders: Alles war schon da in dieser „experimentellen Oper“: Überblendungen, Farbverfremdungen, Comic-Einlagen, Dada, LSD-Muster, Spiegelungen, kolorierte Fotos, Masken (z. B. die Verkleidung als Frösche, die später von den Residents aufgegriffen wurde), amerikanisches Fernsehshow-Elend, Spike-Jones-Einflüsse, Parodien auf Musik/Musiker, Zeitraffer und -lupen, der Star als Doppelgänger eines anderen Stars (Ringo Starr als Frank Zappa), Diskontinuitäten in der Erzählung, Splitter von Live-Auftritten als Parodie der Diskontinuität der „Musikdokumentation“. Alles in allem eine pralle, klare, detaillierte (prophetische) Inhaltsangabe des sogenannten Videoclip-Zeitalters.

    Der grafisch-multimedial verfremdete Musiker gehört aber in eine Videokategorie, die auch in anderen Genres und unter anderen Vorzeichen immer häufiger zum Einsatz kommt und immer noch erfolgreich behaupten kann, Avantgarde zu sein. Zum einen gibt es, vor allem in Großbritannien, die Richtung der Video-Scratcher, die in rührend-nett-naiver Analogie die Produktionsformen der Rap/Hip-Hop/Electro-Musik auf die Bildproduktion übertragen wollen, zum anderen die Yuppie-friseursalonmäßige Verwurstung dieser Errungenschaften in den meisten Videos von Konzept-Charts-Bands wie Frankie Goes To Hollywood und schließlich das nie bewältigte Erbe an Verfremdungstechniken der späten 60er, frühen 70er, seien es die naiven eines Michael Leckebusch (Beat Club) – der ebenso wie heute die Scratcher glaubte, heftig bewegte Kamera, schnelle Umschnitte, negative oder flimmernde Bilder bildeten in geeigneter Weise eine neue „progressive“ Musikkultur ab – oder „bewußte“ wie der erwähnte Zappa in dem Musical 200 Motels.

    200 Motels kündigte diese Entwicklung an. Gehen wir Video für Video durch, ergeben sich bizarre Ablagerungen, wie Schutthügel nach dem Krieg.

    Prinzipiell kann man sagen, daß das Video fast alle Formen des Kinos nutzt, in denen mehrere Bewußtseinsebenen zusammentreffen. Die Nachtclubsängerin, die ihren Gangster anschmachtet, singt zwar für ihn ein Lied, aber gleich darauf erfährt man von den Widersprüchen in ihrer Beziehung zu ihm. Der Song im Film ist meistens ein Konjunktiv. Ebenso nutzt das Video andere Formen des Kinokonjunktivs, etwa die Grammatik der bekannten „Die Jahre vergingen“-Sequenzen, Traumszenen oder Rückblenden, die dann gerne mit dem sich gerade produzierenden Sänger gegengeschnitten werden.

    Eine bestimmte Gattung Musikfilm ist übrigens im Video logischerweise nicht aufgenommen worden, ja könnte geradezu als Gegenteil des Popvideo bezeichnet werden, nämlich Filme mit dem Thema „Der Musiker ist wirklich bei der Arbeit“. Hawksianer unter den 60er-Jahre-Regisseuren haben diese Methode ausgiebig verwendet, der frühe Wenders (Ten Years After), oder Altman (Nashville). Eckpfeiler des Genres sind One Plus One, in dem Godard zeigt, wie der Rolling-Stones-Song „Sympathy For The Devil“ tatsächlich entsteht (gegen eine amerikanische Verleihfassung, die am Ende den fertigen Song spielt, hat er sich massiv zur Wehr gesetzt), und Martin Scorseses The Last Waltz. Diese Filme gingen davon aus, daß Musiker im Pop mehr oder weniger ohnehin Schauspieler sind, und haben sich die alte Hawks-Maxime zunutze gemacht, daß man Schauspielern eine Arbeit zu tun geben muß, um sie zur Geltung zu bringen (berühmtes Beispiel: die tatsächlich von Hardy Krüger, John Wayne und Gérald Blain gefangenen Tiere in Hatari!). Da das Video aber auf der Tatsache basiert (und in gewisser Weise auch recht hat), daß unter seinen Bedingungen nicht der Schauspieler als Schauspieler – allenfalls als Projektionsfläche –, sondern seine Garderobe, seine Accessoires, seine Ornamente zählen, konnte diese Form nicht überleben. Doch überlebte in der Arbeit Martin Scorseses, parallel zur allgemeinen Visualisierung des Songs, Musik zur Dramatisierung von Kinobildern.

    Von Anfang an war die zeitgenössische Musik, die M. Scorsese liebte, in seinen Filmen zu finden. Er hat seine Lieblingsmusik durch den Film noch verfügbarer gemacht, als sie schon war, hat mit Last Waltz ebenfalls eine Dokumentation von Musikerleben vorgenommen, ist in seinem letzten Film soweit gegangen, sich die Songs von „seinen“ Musikern (teilweise Zusammenarbeit zwischen diesen anregend) herstellen zu lassen – ohne daß es sich etwa um einen Musikfilm handeln würde (Die Farbe des Geldes) und hat die Methode Sich-zum-Musikstar-Hochzuarbeiten im übertragenen Sinne mit sich selbst (als Regisseurstar) und mit Robert De Niro (als Filmstar) sozusagen in einem Bandzusammenhang durchgespielt. Dabei übernahm er Elemente des Videos – was er selbst bestätigt – sogar in Filmen wie King Of Comedy oder Raging Bull – das schlechte, schummerige, billige zerfasernde Licht und der zerschnipselte Handlungsablauf in Mean Streets, die in sich geschlossenen One-Man-Shows von De Niro (vor dem Spiegel, beim Durchknallen im Finale von Taxidriver) … De Niro ganz popstarmäßig – aber im Gegensatz zum Musikstar meist todernst in der Rolle alle Rollen durchspielen lassend, bis hin zur Thematisierung von Musikerleben in New York, New York mit von den Akteuren (De Niro, Minelli) vorgeführten, für die Handlung unnötigen Musikeinlagen. Auch er – nachdem er sich schließlich formal eher dem fiktiven Ziel, ein „richtiger Hollywoodregisseur“ zu werden, zu nähern schien – bricht diesen Weg selbst. Leute, die von der Rock- und Popmusik geprägt sind, wirklich fasziniert und geprägt sind wie er und Godard (beide haben alle Varianten durchgespielt!), müssen immer wieder Brüche machen – so hat Scorsese sich mit Begeisterung daran gemacht, ein Video mit und für einen der größten im Geschäft zu machen, mit Michael Jackson, der wiederum schon mit „Thriller“ (Regie: John Landis), „Billie Jean“ und „Beat it“ eine eigene Videotradition aufgebaut hat. Fusionen, ein Dickicht, ein Humus, aus dem der Sänger/Musiker sich schließlich als „richtiger“ Filmheld erhebt, mit seiner eigenen Musik in seinem eigenen Film: Prince. Die Videos, die er macht, sind die Schritte zum Megastar. Manchmal klappt es, oft nicht. Die Videos und Filme (Purple Rain, Under The Cherry Moon) sind ein Beispiel für diese Superselbstinszenierung. Prince ist die Zuspitzung des „Videostars“, der sich seit 1982 ankündigt, der die Künstlichkeiten und Tautologien von Pop in einem guten Sinne, gegen alle Lügen der Tiefe bejaht. Und er ist Godard-Fan.

    Diese Art Musiker bzw. diese Art des Musikgeschäfts will alles: Erfolg, Schönheit, Geld. Videoclips können ein entscheidendes unterstützendes Mittel auf diesem Wege zum Ruhm sein (Heaven 17, Duran Duran, Madonna, Prince, ABC), besonders da und zu solchen Zeiten, wo nicht auf „Street Credibility“ herumgeritten wurde wie Anfang der 80er Jahre. Aber auch ein „Street Credibility“-Star wie Bruce Springsteen spielte im Video auf eine komische fiese Art – selbst Elton John verkörpert sein eigenes Klischee. Sie tanzen herum, sie verkleiden sich, sie sind in Verzweiflung, im Rutschen, Fallen, singen, tragen Masken, sind Jekyll/Hyde, die Schöne und das Biest, sie sind überladen von grafischen Effekten, Comics tanzen durchs Bild und den Song. Verstorbene Stars treten als Knetmassefiguren auf (Jackie Wilson). Sie erleben komische kleine Geschichten, als Detektive, Monster, 80 Prozent als Liebhaber, sie erleben und illustrieren in verdeckter Form – und manchmal in offener (wie bei Frankie Goes To Hollywood) – Sex und Gewalt, auf Straßen, in Fantasy-Welten, oder sie liegen irgendwo herum, und den krudesten „Assoziationen“ (wie bei Tears For Fears oder The Cure oder Siouxsie And The Banshees zum Beispiel) wird freien Lauf gelassen.

    Videoclips sind eine Ungeheuerlichkeit, eine Monstrosität, ein gigantischer, brodelnder, siedender, ständig neue Blasen werfender Müllhaufen von Kulturgeschichte. Ihre Grammatik entspricht den Gesichtszügen klassischer Zombies. Die meisten Videoclips sind schnell, manchmal so schnell, wie es die Avantgarde-Flacker-Schnee-Abstrakt-Filme waren. Nur sind sie im Unterschied dazu angefüllt mit spritzenden Müllblasen. Die Kontraktionen, in denen dieser Müll sich windet, gebären eine den eigentlichen „Underground“-Flackerfilmen nicht unähnliche Monotonie – der Struktur nach. Aber hier handelt es sich um eine unfreiwillige, eine Second-Third-Fourth-Fifth-Order-Monotonie.

    Es hat im Film auch schon die Bearbeitung des Themas Pop als Monstrosität gegeben: Was wäre, wenn die Popkultur samt aller angeschlossenen Industrien in die „falschen“ Hände geriete, in die Hände des faschistischen Regimes, das das ganze Instrumentarium zur Gehirnwäsche und Propaganda benutzt, wie in dem englischen Popfilm Privilege, in dem der Sänger Paul Jones (damals Sänger bei Manfred Mann) mit von Handschellen blutig geriebenen Gelenken auf einer Bühne „Set Me Free, Oh Lord“ singen muß, damit alle Gedanken, die ein junges Publikum haben könnte, in einem alles aufsaugenden und vernichtenden Herzschmerzgefühl für diesen Jungen aufgehen und sie biegsam seien wie er …, so daß die Idee der Rebellion ein für allemal erledigt ist. Natürlich rettet in dem Film das liebende Topmodell, Jean Shrimpton, den Sänger (schließlich handelt es sich um einen reinrassigen Popfilm mit Stars). Dabei besteht dieser Film – in Scheiben geschnitten – durch und durch aus videoclipartigen Szenen, einschließlich der künstlichen Räume, der überspitzten Kostüme, Bewegungen und natürlich den verschiedenen „erzwungenen“ Auftritten des Popstar-Werkzeugs. Ähnlich: Brian De Palmas Phantom Of The Paradise. Privilege nimmt außerdem alle Stadien des Videostars der Prä-Video Ära, David Bowie, vorweg. Der Popstar, der alles ist, alles kriegt und sich schließlich als „Thin White Duke“, als obskurer, faschistoider Gesamt-Entertainer fühlt: „This ain’t Rock’n’Roll. This is genocide.“

    Das ultimative Video der 87er war „Trampolene“ von Julian Cope, ein Meisterwerk ganz eigener Art: Julian Cope, bekannt als später Verehrer großer Acid-Rocklegenden und der etwas verschrobenen Drogen, präsentiert sich zu seinem ersten, sehr straighten Rocksong als straighter Rockstar, in Leder, mit Band in Leder. Auf den zweiten Blick sehen wir die Feinheiten: tatsächlich ist Cope die männliche Transi-Version der betont burschikosen „männlichen“ Chrissie Hynde, so daß hier einem dermaßen vervielfältigten Transvestizismus (wir erinnern uns, das Urthema: der Star als Verkleidungskünstler) gefrönt wird, daß man vor Freude weinen möchte. Weiblicher Mann als männliche Frau. Der allerletzte Dreh der Spirale.

    Sehr wenige haben versucht, den Spielfilm als Narrativ auf Videolänge zusammenschnurren zu lassen. Das Neuste aber ist, einen Spielfilm selbst zu drehen und die Schlüsselszenen als Videos zu verwenden, wie bei Prince gesehen. Damit beißt sich die Geschichte des Videos als aus dem Spielfilm herausgefallene Einlage in den Schwanz. Wie ja auch inzwischen der Spielfilm die Form der Video-folgt-auf-Video-Show ohne Climax/Anticlimax aufgegessen hat. In diesen Filmen, die wie überlange Videos wirken (von Streets Of Fire bis Absolute Beginners), ist auch die Uridee von Pop, kombiniert mit Bildern, in ihr Gegenteil umgeschlagen. War die Verbindung von Pop mit Bildern in den 60ern ein Versuch, die Zeitlichkeit des Popsongs durch Modeaccessoires, Gesten, Kleidung etc. noch zu steigern, so reden diese überlangen Videos, die wie Spielfilme wirken, sofern sie aus Amerika kommen, einer universalen, geschichtslosen Teenwelt das Wort, in der Popper, Billys, Rocker, Punks und anderes schrilles Getier friedlich eine Sparkassenreklame bevölkern.

    Ein Wort noch zu Schauspielern, die als Popstars und Popstars, die als Schauspieler agieren. Das Video hat für viele erst diese Möglichkeit eröffnet, die inzwischen ihre tödlichen Gefahren, die sie für Elvis, Bowie und andere hatte, verloren hat. Der Film ist nicht mehr der Film, er ist ein Video mit anderen Mitteln geworden, etwas Wohlbekanntes, Unwichtiges, Prince hat keinen Schaden genommen; für ihn haben seine Filme den Stellenwert, den der Film für die Monkees oder Beatles hatte: den eines verlängerten Fernsehspots, und Prince stellt auch im Video nie etwas anderes als sich selbst dar. (Mit „sich selbst“ meinen wir natürlich Prince und nicht den Menschen dahinter, der uns nicht interessiert.)

    So müssen wir noch eine Weile durch Filme, die in Wahrheit die Aneinanderreihung von Werbevideoclips wie 9½ Wochen oder eine verschwiemelte Video-Zeitalter-Vision-Story wie Bladerunner sind, hindurch.

    Aber wir haben gesehen, daß die Geschichte sich zur Zeit in den Schwanz beißt. Video fraß als ewig fressender Pop den Film (ihn als Zitierfundgrube betrachtend und seine Errungenschaften überlegen zu geschichtlichen Klischees degradierend), nun frißt Film Pop in Gestalt langer Videos, um Pop den Garaus zu machen und die Vision einer zeitlos behämmerten Teen-Dämlichkeit zu installieren.

    Die Geschichte des Films endet natürlich nicht im Film als einem einzigen, langen Videoclip, weil es selbst die in sich befriedigendste, pulsierende Monotonie in ihrer eigenen neurotischen Genügsamkeit dann nicht mehr aushält und einen Widerstand provoziert – oder im besten Falle anfängt zu sprechen und ihre eigene Sprache zu zerlegen.

    Wie lange kann der Mensch ohne Climax/Anticlimax leben? Wie lange braucht er die Tautologie? Wie lange muß man ihm erzählen, daß alle großen und kleinen Dinge der Kultur nur bedeuten: Ich bin ein Clip. Ich illustriere eine Single. Kaufe mich!

    Wie tot muß „Bedeutung“ sein, bevor man wieder von etwas anderem zu sprechen beginnen kann?

    Möglicherweise nicht mehr lange. Die Einnahmen des US-Video-Kanals MTV gehen zurück, „Sky Channel“ und „Music Box“ kürzen ihre Videoprogramme und Plattenfirmen ihre Aufwendungen für Clips. Die Besitzer der Produktionsmittel setzen jetzt auf das teurere, fiese, neo-alte Kulturgut Compact-Disc, das höhere Profite garantiert, als das schnellebige Popgeschäft sonst zuläßt. Ist der Spuk vorbei? Und war es nicht schön?

  • Bad Brains – Der große Abend in München (Ist am Ende des Westens der Osten?)

    Jah, Speedmetal, Biermetal, Jutta Ditfurth, Volkszählung, Speedzählung, Volksmetal, schiberale Leißer, die häßliche Bourgeoisie und die archaisch vor der roten Sonne der Revolution flatternden Dreadlocks der Thrash-Rastas aus Washington DC. An diesem Abend kam mal wieder alles zusammen: schwere politische Halluzinationen gewinnen niederschmetternde Klarheit (nebst ein paar letzten Worten an U2-Fans und ähnliche).

    Bad means bekanntlich good „in my language“ (G. Jones), wenn es nicht gerade Big Audio Dynamite heißt. Hier aber geht es um gute Gehirne. Obwohl schon mindestens seit 1980 around, bringt man noch heute Leute zum Lachen, wenn man von diesen riesigen Rastas erzählt, die Speedmetal spielen.

    Seit eine ROIR-Cassette um 1981 das Gerücht erhärtete, es gäbe in Washington DC eine Hardcore-Band aus Rastas, die nur gelegentlich einen besinnlichen Reggae einstreue und sich großer Beliebtheit bei diesem reizenden New Yorker Punk-Publikum erfreue (die einzige Bevölkerungsgruppe in New York, die garantiert nicht gewalttätig ist: Punk-Rocker), begegnete man ihrem Namen, ihren Bildern, ihren Platten zwar immer mal wieder alle zwei Jahre, aber der Eindruck, daß es sich um ein ephemeres Phänomen handele, um eine Freak Show, eine Laune der Geschichte, war schwer aus der Welt zu schaffen. Als ich zum Beispiel vor hundert Jahren mit Keller in einem Keller in New York ein Bad-Brains-Konzert besuchen wollte, standen wir am angekündigten Abend vor dem angekündigten Club vor verschlossenen Türen. Die Bad Brains hatten ein so junges Publikum, daß sie schon nachmittags gespielt hatten.

    Jetzt war es München. Aber nicht wie ihr denkt. Es war ein München wie Belgien, wo die Menschen und die Fabriken sterben und es nichts gibt auf der Welt außer riesigen bizarren Schrottplätzen und kleinen bizarren Friedhöfen für die kleinen Menschen. Das lag daran, daß es ein abgelegener Ort war in München, wo die Bad Brains spielten. Und am Rand der Städte ist überall im Westen Belgien.

    Die letzte LP der Bad Brains, I Against I, war wieder näher an mein Ohr herangekrochen, aber noch nicht nahe genug. Ron St. Germain hat sie produziert, ein Mainstream-Prominenten-Producer. Die Freude über diese Platte ist oft eher die Freude über ein Lebenszeichen. Zwischen 1983 und 1985 hat es die Bad Brains nicht gegeben. Sänger H.R. machte mehr oder weniger Roots Reggae mit der Gruppe Zion Train, Bassist Darryl Jenifer und Gitarrist Dr. Know, denen die Härte und die Geschwindigkeit dieser Gruppe zu verdanken sind, versuchten Diverses.

    I Against I hätte durchaus ahnen lassen können, daß es ein Abend entschiedener Musik werden würde, aber nicht das … Das Konzert war so gut, daß ich nicht anders konnte, als mich vor lauter Glück mit dem gefährlichen Münchner Bier zu betrinken. Ja, es war Speedmetal, die schnellste menschenmögliche Musik. Aber der Drummer kam deutlich hörbar vom Jazzrock, und zwar nicht Billy Cobham, der sowieso morgen bei allen Speed-Metal-Hell-Bands vorspielen kann, sondern Tony Williams. Sein Bruder, Sänger H.R., schrie und röchelte, aber bitte mit einer Lovers-Rock-Stimme! Und circa alle sechs Nummern gab es ein Roots-Stück und Belehrungen über äthiopische Stämme und die Anrufung Jahs.

    Der Gedanke, daß der verspielte Satanismus des Nachbarschafts-Metal-Fans der gleichen notwendigen Verirrungs-Struktur entspricht wie die alttestamentarischen Delirien des Reggae (die im übrigen ja vom Poetischsten sind: gibt es ein schöneres Personalpronom als „I And I“?), kam ja schon öfter vor. Aber hier konnte man noch mehr sehen: das aufs Negative Fixierte, das Lächelnd-dem-Bösen-Huldigen, das radikal Dekonstruktive des Speedmetal hat eine verzweifelte Enge zu bekämpfen (die Enge des Pubertären, des Jugendlichen, das ein Leben im Leben ist: intensiver als das ganze Leben, aber noch intensiver an seiner Sterblichkeit verzweifelnd), es kann nicht wirklich befreit schreien, es kann niemand zur Revolution führen, nur zur Provokation. Es sagt immer nur „Genieße das Kaputthauen jetzt!“, es sagt nicht wie die Bad Brains: „Genieße das Kaputthauen und das ganze Leben jetzt, aber das nächste wird noch besser.“

    Utopie und Dekadenz. Das erste entwickeln immer die, denen es schlecht geht, das zweite die, denen es zu gut geht, also logischerweise die beiden wertvollsten Gesellschaftsteile. Ich ziehe keines der beiden dem anderen vor, philosophisch gesehen ist es eh dasselbe (auch wenn es logisch ist, daß einer wie ich zur Dekadenz eher neigt als zur Utopie). Aber es war so gut zu sehen, daß es das andere auch heute, jetzt gibt. Der normale Speedmetal-Fan/Musiker muß alles zusammenraufen, wovor seine Eltern, seine Klasse und natürlich auch er selbst Angst haben, der Schwarze aus Washington D.C., erst recht der Rasta, ist das, wovor die weiße Mittelklasse Angst hat. Sie brauchen nur noch den Weißen ihre besten Musiken wegzunehmen, und sie sind die Größten. Wie an diesem Abend. Noch ein Gitarrensolo von Dr. Know, noch ein Flick-Flack oder ein Salto vorwärts von H.R.

    Unnötig eigentlich fast zu sagen, daß die Bad Brains nichts zu ihrer Musik oder zu ihren Ansichten sagen können, das dich interessiert. Das ist alles Jah. Oder Geschichte. Vier Schwarze, die eher intuitiv und für sich allein im Jugendalter das nachvollzogen, was der Jazzrock weltweit programmatisch oder kommerziell praktizierte. Als Kinder Led Zeppelin kennenlernen, Faszination für schwere Gitarren spüren, aber doch mit einem ganz anderen Rhythmus-Gefühl begabt sein. Led Zeppelin können alles, sind klar die besten. Aber sie swingen nicht. Die späteren Bad Brains bekamen als Jazzrockband die ersten Pistols-Singles vorgespielt und wollten Punk-Rock spielen. Sie wurden Rastafaris und wollten Reggae spielen. Das ist eine Menge Gepäck für die lange Straße (zur Freiheit, Selbstverwirklichung, Paradies etc.). Damit kommt nur klar, wer der schnellste ist. „Wenn du einen Hund immer wieder schlägst und einsperrst, wird er, wenn er endlich frei ist, auf dich losgehen und dich zerfleischen.“ Kein metaphorischer Höllenhund, versteht sich, sondern echt bissig.

    Intern gibt es auch so etwas wie Fraktionskämpfe bei den Bad Brains. H.R. ist zum Beispiel als großer Verkünder der Lehre oft geneigt, nur noch Reggae spielen zu wollen, Dr. Know, treffend getaufter Gitarrist, drängt nach immer höheren Geschwindigkeiten, immer unglaublicherem Lärm. Bei seinem Spiel stimmen die Einzeltöne und der Gesamteindruck des Lärms. Gleichwertig präzis. Natürlich kann man von schöpferischer Spannung reden, aber es ist eben sowieso klar, daß ein Gitarrist ein Gitarrist sein muß und ein Sänger die Stimme des Herrn (wenn man die von H.R. hört, dann fragt man sich, was für ein beschissen süßlicher 19.-Jh.-Gott das wohl sein muß, dem Christen wie Bono Vox dienen). Jedenfalls werden weiter Änderungen der „musikalischen Richtung“ angekündigt. Die Bad Brains werden nicht mehr auf SST erscheinen, dem verdienstvollen US-Hardcore-Indie, sondern bei Island, dem traditionellen Ort des Rasta-Ausverkaufs wie auch der Reggae-Propaganda, und definitiv werden sie ihren Gruppennamen ändern. Das könnte das Ende sein.

    Die wirklich großen Dinge nehmen ja oft dann ein Ende, wenn ihre Leitideen sich als alltäglich benutzbare durchgesetzt haben, die säkularisierte Version einer Verbindung von Metal und schwarzer Kultur ist ja heute durchgesetzt. H.R. zu Def Jam, Run DMC: „Du kannst niemanden dafür verurteilen, daß er clever ist.“

    Was ihn nicht daran hindert, Michael Jackson zu hassen, allerdings nicht Stevie Wonder: „Der hat nie versucht, seine Herkunft, Brüder und Nase loszuwerden.“

    Der Abend in München, Belgien: große Freude über die Bad Brains. Archaische Erregung über die Hexenjagd der Bourgeoisie gegen den Fundi-Flügel der Grünen. Der miese Spiegel, jahrelang mit einem liberalen Lächeln das Treiben der neuen Kraft tolerierend, fest und sicher in der Gewißheit des liberalen Zynikers, daß sich in einem Parlament eh nichts ändert (was ja auch stimmt), entwickelt plötzlich bei dem kleinsten Triumph kleiner Dosen Radikalität eine Pest von Bosheit und Verschlagenheit und Hetze, im noch mieseren Stern häufen sich die Distanzierungen, jeder miese sogenannte Realo darf seinen Rotz in die dreifach beschichteten Taschentücher der bürgerlichen Presse absabbern. Drei Wochen nach diesem Abend geht das immer noch weiter. Und nichts ist so widerlich wie die Fresse eines liberalen Arschlochs, das den Schleier der ewigen Amüsiertheit, gedrängt von der rattenhaften Panik und nicht einmal angebrachten Hysterie seiner bourgeoisen Klientel, ablegen muß und seine Käuflichkeit offenbart. In solchen Momenten ist dann schwarzer Rebel-Metal mehr als nur beste Musik. Hier swingt Moral. Allgemeingültig und allgemeinverständlich.

    Swingender Speedmetal. So hört sich die Wahrheit im Moment eben an, egal ob Jah oder ein anderer Glaube zu ihrer Formulierung herangezogen werden mußte. Deswegen, liebe Leser, sage ich kein Wort zur Musik von U2, weil sie sich noch greinend-untergehender, liberal-versagender anhört als die bekloppten Texte. Weil Christentum als Haltung, die sich 1:1 im Sound abbildet, abzulehnen ist, aber jeder Glaube, jeder Quatsch, der zur Formulierung von etwas viel Größerem und Nützlicherem als Religion taugt, nicht angezweifelt werden darf. (Was im übrigen eine der ältesten Hüte der Pop-Musik und eigentlich jetzt echt nicht die Diskussion, die wir uns aufzwingen lassen wollen.)

    Das ist der Fall des Kreuzzuges der Bad Brains nach München, Belgien, in die Zustände des Westens als Friedhof, dessen Revisionisten und Sozialdemokraten im Bündnis mit der häßlichen Liberalität gerade mal wieder dabei sind, Anfänge gelingender Radikalität abzuwürgen. Boykottiert die Volkszählung, nicht weil ihr Angst vor Überwachung zu haben braucht, überwacht werden wir sowieso, sondern weil sie euch die Gelegenheit gibt, über diesen Westen abzustimmen! Auch wenn, wie in allen totalitären Staaten (in allen Staaten), 98 % bis 99 % dafür stimmen werden. Haltet euch Bad Brains.

  • Zeichen statt Materie

    Wird sich der künftige Konsum von den materiellen Gütern auf zeichenhafte, auf Immaterielles verlagern?

    Ich werde diese Frage, die mir das Thema stellt, so nicht beantworten, weil ich grundsätzlich nicht zur Zukunft eine Aussage machen kann. Ich kann nur eine Aussage machen zu etwas, was ich kenne.

    Aber ich kann um den Brei herumreden, der in diesem Fall ja nicht heiß ist, sondern der eben an der Peripherie heiß ist.

    Zur Lage der Welt: Designermix

    Ein Freund von mir trägt diese kunstvoll zerrissenen Jeans, also diese mit Absicht zerrissenen Jeans. Zum einen aus sentimentaler Verbundenheit mit der Punk-Bewegung, der er sich immer noch und gerade nachdem er so viele andere Identitäten ausprobiert hatte, wie z. B. Neger, Gigolo, Aristokrat, Intellektueller, Kommunist verbunden fühlt. Zum anderen, weil er immer noch nach Zeichenkombinationen an seinem Körper sucht, die die alte Funktion von Abgrenzungen haben, die sie seit so langer Zeit in der Jugendkultur hatten. Die nach diversen Entwertungen der Zeichen durch Vereinnahmung, Nachahmung, Massenproduktion eben durch die interessante Kombination erzielt werden muß. Er trägt also dazu eine amerikanische Baseball-Jacke mit den Abzeichen eines bestimmten Teams. Nur einige Teams darf man tragen, andere nicht. Und darunter ein Hemd, das wieder aus einem ganz anderen Zusammenhang stammt, den ich vergessen habe, weil ich so genau in diese Materie nicht eingestiegen bin.

    In diesem Aufzug, den neu zusammenzustellen und für sich bestimmten Bedeutungen zuzuordnen ihn jeden Tag Mühe kostet, aber auch Spaß macht, betritt er einen Optikerladen, wo er es mit einem arroganten Verkäufer zu tun bekommt. Mittdreißiger, bartlos, irgendwie zeitlos geschniegelt und irgendwie weich. Auf ihn träfe das Lyotardsche Attribut der Geschmeidigkeit zu. Etwas, was Lyotard als postmodernes Verhalten positiv schildert und von guten postmodernen Menschen verlangt: Raschheit, Wandel; und das früher eine ausgesprochene Eigenschaft von Jugendkulturen war bzw. denjenigen, die sie gebildet haben. Schnell, um nicht vereinnahmbar zu sein, während der Jugendkultur heute eine eigentümliche Beharrlichkeit anhaftet, ein seltsames Ignorieren der Geschichte. Daß man etwas macht, das schon einmal dagewesen ist, wird nicht nur nicht mehr als störend empfunden oder als gerade gut im Sinne von bewußtem Operieren mit der Geschichte, mit dem Zitat usw. Es wird einfach gar nicht mehr wahrgenommen als schon einmal dagewesen.

    „Was ist das für eine Zeit“, fragte neulich der zur Zeit äußerst beliebte deutsche Pop-Underground-Musiker Philipp Boa, „was ist das für eine Zeit, wo die Kinder dieselbe Musik hören wie ihre Eltern?“

    Zurück zu dem geschmeidigen, arroganten Brillenverkäufer. Mein Freund glaubte, in alter Gewohnheit, daß die schnöde Behandlung, die ihm widerfuhr, auf seinen Aufzug zurückzuführen sei, speziell natürlich auf die zerrissenen Hosen, die eigentlich nicht verschlissenen, sondern auf Verschleiß gestylten Jeans.

    Da fragte ihn dieser Mann, dieser Geschmeidige, wie er denn diese Hose so interessant hingekriegt hätte. Er hätte sich auch immer mit dem Messer an seinen versucht, aber das hätte immer so doof ausgesehen, und ob das nicht kalt wäre im Winter und ob die nicht bald kaputtgingen, wenn man das so machte?

    Einen Tag später treffe ich drei neunzehnjährige Mädchen, die irgendwie eine Popgruppe bilden, aber das ist auch egal, genauso könnten die das auch nicht tun, die sich die Haare struppig gesprayt nach oben geföhnt haben, was man so kennt, ebenfalls zerschlitzte Hosen, ebenfalls kunstvoll, anders als er, der das immer so vertikal macht, so daß da so eine Rippe entsteht, stattdessen kleine Löcher, die sich aber auch komisch musterartig anordnen. Und die erzählen mir, sie seien die einzigen, die ersten, die Originale schlechthin, hätten keine Vorbilder, würden als erste dieses atemberaubend riskante Zeug sich zutrauen. Punk, ja, da hätten sie von gehört, aber da seien sie neun gewesen, davon wüßten sie nichts, bezögen sich auf nichts, verweigerten alles. Und seien unwahrscheinlich kreativ am eigenen Körper. Haßten alles Alte und alle Alten. Auf den Einwand, daß diese von ihnen als alt empfundenen, mittlerweile Alten, die sie hassen, genauso denken oder gedacht haben und genauso aussähen oder ausgesehen haben wie sie jetzt, entgegneten sie wieder: davon wüßten sie nichts, sie seien damals erst neun gewesen bzw. seien heute erst neunzehn. Mürrisch.

    Die drei waren einfach nur schrill. So zeitlos schrill. Sie waren die Vertreter des zeitlos Schrillen. Die einzige Überlebenschance von Jugendkultur scheint zu sein, nicht mehr auf die eigene Geschichte zu schauen, weil die anderen ja auch keine mehr haben, die, gegen die man sich immer noch abgrenzen will. Und für alle Zeiten eine irgendwie wilde Zerzaustheit, irgendwie hochgeföhnt, irgendwie schräge, irgendwie zeitlos schrill, als Altersuniform für Neunzehnjährige festzulegen. Weder etwas Neues machen zu wollen, weil man schließlich als Jugendlicher ja neu auf der Welt ist. Noch gegen die Erwartung des Neuen, wofür der Jugendliche ja institutionalisiert zuständig geworden ist, die Welt, den Markt mit Innovationen zu versorgen, weil der immer was Neues bringt, gegen diese Erwartung des Neuen bewußt mit etwas Altem zu spielen. Beides geht nicht.

    Der Jugendliche ist nicht mehr jung. Er ist von vornherein berechenbar. Und auch dieser Gedanke ist nicht mehr jung oder neu. Er ist schon vor zwei Jahren von Dirk Scheuring, meinem geschätzten Kollegen aus der Spex-Redaktion, gedacht und verbreitet worden. Sieht man sich heute eine Werbung an, die mit Jugendzeichen spielt, also die, die ein junges schrilles Publikum ansprechen oder repräsentieren will, weiß man inzwischen nicht mehr, auf was sie sich eigentlich bezieht. Also die Five-O-One, die berühmte Five-O-One-Jeans-Werbung, die ja wohl jeder kennt, mit den Liedern von Sam Cooke und Marvin Gaye, das ist irgendwie so eine entfernt an die fünfziger Jahre erinnernde, dann mit Sechziger-Jahre-Musik untermalte, zeitlose Mürrischkeit, die da zur Schau getragen wird, die sich nicht mehr auf irgend etwas beziehen läßt.

    Oder Cherry Cola. Das könnte New Wave sein, oder soll da diese Fifties-Mode angezapft werden, die es in so seltsamen, zu phantasievollen Spielarten in den späten Siebzigern mal gab? So eine Verspätung ist den Werbeleuten ja immer zuzutrauen.

    Es sind Verhältnisse, wie wir sie aus Amerika ja schon länger kennen. Und der Film Straßen in Flammen fiel mir schon vor ein paar Jahren auf, weil er, obwohl als Rock’n’Roll-Film angekündigt und irgendwie auch peripher diesem Anspruch entsprechend, seinen Handlungsspielraum mit irgendwann, irgendwo angab. Was mich damals noch verdutzen konnte, denn das Eigentümliche von Pop-Kultur war ja stets ihre extreme Zeitfixiertheit, wodurch sie der Welt immer ein diskutierbares, historisches Gesicht gab. Und eine Zeitlang konnte sie damit trotz der allgemeinen Geschichtslosigkeit weitermachen. Auf Kredit sozusagen Zeitzeichen produzieren. Ein Kredit, der wohl nicht ewig prolongierbar sein kann.

    Nur die englische Pop-Kultur, von der die Deutschen eine Zeitlang eher beeinflußt waren als von der amerikanischen, die ja kaum noch den Namen Jugendkultur verdient, weil bekanntlich alle Amerikaner jung sind, nur die englische Kultur, die konnte sich noch eine Zeitlang der Tatsache erfreuen, daß eben auch die englische Wirklichkeit sich nostalgisch, aber richtigerweise um alte Konflikte organisierte, deren Verschwunden- oder Überwundensein im Rest der Welt man uns ständig einreden will.

    Der Kapitalismus hat ja heute ein Stadium erreicht, das man den Kommunismus des Kapitalismus nennen kann. Man wird sich erinnern an diese Kinderfragen, die es in den Basisgruppen früher gab, als die zu erziehenden Kandidaten dann diese Fragen stellten: Was passiert denn eigentlich, wenn der Kommunismus erreicht ist? Was ist denn am Ende der Diktatur des Proletariats? Sind dann alle glücklich? Gibt es dann noch Kriege und Epochen und Geschichte? Und Kultur? Und wenn ja, warum? Wo doch alle Widersprüche abgeschafft sind? – Ja, das können wir uns heute noch nicht vorstellen. Und da gibt es dann einen ganz anderen Menschen, der ganz anders funktioniert, sich da irgendwie kreativ selbst verwirklicht oder sonstwas.

    Heute ist es soweit. Nicht, daß tatsächlich auch nur ein einziger Widerspruch abgeschafft worden wäre. Aber es ist uns offensichtlich und endgültig und widerspruchslos einzureden gewesen, daß das Goldene Zeitalter irgendwie erreicht ist. Wir denken: Es kann nur noch schlimmer werden. Und das Erreichte macht es überflüssig, die Welt noch in Antagonismen wie Klassenverhältnissen zu sehen. Dabei sind die fortschrittlichen Kräfte in eine Mutlosigkeit geraten, die es tatsächlich erschwert, für das Beste sich kämpferisch einzusetzen.

    Die SPD verschwindet, die Gewerkschaften verschwinden, und sogar Albanien will seine Grenzen öffnen. Die Parteispitze in Laos ist auf dem Kongreß der Kommunistischen Partei in Vientiane bedeutend verjüngt worden, und der Handel mit Thailand wie auch das traditionelle Bootsrennen zwischen Thailand und Laos auf dem Mekong ist wieder aufgenommen worden.

    Und wer wollte so vermessen sein, sich die Epochen zurückzuwünschen? Das hieße ja, sich Kriege oder Krisen zu wünschen, statt stetiger, gleichförmiger, komfortabler Wurstelei in der Ersten Welt, bei leider nicht ganz abschaffbarem Billiglohnelend und Naturkatastrophenverlusten in der Dritten.

    Heutzutage ist ja bekanntlich die Natur an allem schuld, im Guten wie im Bösen. Das wichtigste schützenswerte Gut und der Verursacher von Leid und Übel und Hunger. Und die Natur hat es so an sich, keine Geschichte zu haben.

    Mit der Geschichte hat sich die Materie davongestohlen. Nicht nur die modernen Physiker haben sie so nach und nach aus der Welt geschafft, indem sie sie in immer teuereren Elektronen-Synchrotronen immer weiter in Einzelteile zerlegten, auch aus der Warenwelt zieht sie sich langsam zurück und wird vom Zeichenhaften ersetzt. Um hier mal das Thema zu streifen, das mir gestellt wurde, das aber eben mit allem möglichen zusammenhängt.

    Der Zeichenkonsum. – Das klingt wie der geistige Konsum, die Zunahme von Denken, Reflektieren, Fragen, Sich-an-Kunstwerken-Ergötzen, im Gegensatz zur schnöden Reproduktion der Arbeitskraft durch Bierkonsum. Die billigeren und immer besser werdenden Kulturtechnologien, die immer weiter zunehmende Vernetzung von Möglichkeiten, an Kulturgüter billig heranzukommen, vermindern den Aufwand an Arbeitsstunden, die nötig sind, um in den Besitz eines Kulturgutes zu kommen. Nur, was ist denn das für eine Kultur, die sich scheinbar unabhängig von materiellen Verhältnissen segensreich an uns alle verteilt? Es ist eine Kultur auf Pump.

    Die Überflutung des Gegenwartsmenschen mit kulturellen Ereignissen, Einflüssen, Einflüsterungen hat keine Entsprechung oder eine zunehmend geringer werdende Entsprechung in dessen Erfahrungswelt; die viele Kultur – sie lädt ihn auf mit irrealen Lebensvorstellungen, mit geliehenen Zeichen, die er sich in seiner Lebensrealität nur leihen kann, und die die Produzenten solcher Zeichen gestohlen haben von den Rändern der Welt, wo Erfahrungen angeblich noch gemacht werden können.

    Dieses Jahr gibt es ja diese Flut von Amour-fou-Filmen: 9½ Wochen, Betty Blue, Paradies – immer die gleiche Geschichte: Irgendwie zwei Menschen in einer seltsamen Welt, wie man nie jemanden gekannt hatte, der so und dort lebte, die einfach einem behaupteten Wahnsinn der Liebe verfallen, völlig irre, ohne eine Spur der Bedingungen dieser seltsamen Amouren mitzuliefern.

    Ja, die Sexualität … Man weiß nicht genau warum, warum es gerade denen passiert, warum gerade in so komischen Holzhütten oder in so komischen, interessanten New Yorker Apartments, und wie die finanziert werden. Ist ja alles egal, ist ja Wahnsinn.

    Die angedeuteten Erfahrungswerte, die irgendwie noch vorkommen, um die Geschichte erzählen zu können, sind nur pittoresk, eben vom Rande der Welt. Wir nennen diesen Sex, der da vorkommt: Designer-Sex.

    Es gab dieses Jahr die Gruppe Sigue Sigue Sputnik. Und die bekannten sich zur Gewalt. Das hat zwar Rock’n’Roll immer getan, mehr oder weniger, wenn auch nie so ausgesprochen. Rock’n’Roll war eben gewalttätig, und die bösen Spießer taten dem Rock’n’Roll den Gefallen, provoziert zu sein. Sigue Sigue Sputnik dagegen schwärmen davon und nennen es auch: Designer-Violence. Von ihnen stammt dieser Begriff, und sie wollen gar nicht mehr auf reale Lebenswelten Einfluß nehmen, irgend jemanden wirklich provozieren, sondern das Spiel spielen, sich von vornherein freiwillig der totalen Absorbierbarkeit all ihrer Posen und der alle Uneinverstandenen aufsaugenden und zur Wirkungslosigkeit verdammenden pluralistischen Kultur ausliefern. Aufgesogen konnten diese Posen immer werden. Nur hat sich früher der Aufzusaugende mit Händen und Füßen dagegen gewehrt oder Modelle erfunden und zusammengelogen vom Nur-zum-Schein-Daraufeingehen. Heute, im Zeitalter der Geschmeidigkeit, ist es kein Problem, diese Art von Unverstandensein oder Designeruneinverstandensein von vornherein nur zum Schein zu produzieren.

    Um jetzt Mißverständnissen vorzubeugen: Ich habe nichts gegen Sigue Sigue Sputnik. Sie waren wenigstens die Ersten. Sie haben Begriffe geschaffen. Im Grunde genommen waren sie ganz altmodisch Pop-Kultur im guten Sinne, indem sie Zeit erfahrbar und diskutierbar gemacht und auf den Punkt gebracht haben.

    Das Tolle ist ja, daß alles, worüber ich hier rede – vielleicht außer den Konkretisierungen an den Beispielen, die halt die Welt wieder liefert – offenbar haufenweise alte Hüte sind. Ob man es nun in den Begriffen des einen oder anderen französischen Theoretikers wiederkäut, ist egal. Es hat bereits mindestens einen Durchlauf hinter sich, ohne daß eine zweite Phase zu erkennen wäre, wie früher, wenn etwas einen Durchlauf hinter sich hatte. Was ja auch nicht so tragisch ist, denn der erste Durchlauf hatte ja schlechterdings keine anderen Handlungsmöglichkeiten offengelassen als die, die er analysiert hatte in dem Sinne, daß, weil wir eine Postmoderne vorgefunden oder behauptet haben, wir uns auch postmodern zu benehmen haben. Und plötzlich hat Paris eine komische, ungeschmeidige Studentenrevolte, die kein Mensch mehr versteht.

    Noch einmal etwas zum Wesen dieses Konsums von immateriellen Gütern. Daß im Verschwinden, im gerade noch Sichtbaren, höchste Eleganz liegt, ist ja ein altes wahres Klischee. Es nimmt zur Zeit Gestalt an in vielerlei Luxus- und Modeartikeln. Die achtziger Jahre stehen z. B. im Zeichen des neuen Schmuckmetalls Titan. Dieses Metall zeichnet sich durch eine enorm hohe Spannkraft aus, die es möglich macht, einen Edelstein an einem Titanring oder Ohrring, oder was auch immer, fast ohne Fassung zu befestigen. So daß es so aussieht, als würde der Stein auf dem Ring schweben. Junge Mädchen geben zur Zeit ihr ganzes Geld für kleine Hermès-Tücher aus, nicht Hemden, Röcke, Blusen, Hosen sind wichtig: Tücher. Der modebewußte Hooligan trägt bekanntlich nur noch Freizeitkleidung bestimmter Marken wie Tacchini und Fila, die aber häufig wechseln und Expertentum verlangen.

    Hierzu habe ich erst vor kurzem einen interessanten Leserbrief im Spiegel gefunden, und zwar einen Leserbrief auf diese interessante und verlogene Geschichte, daß die Deutschen im Luxus schwimmen. Andreas Quetsch aus Schmiden in Baden-Württemberg schreibt:

    Dieses blinde Luxus-Denken habe ich auch anhand der Kleiderwahl dieser unserer Jugend entdeckt. „Je Lacoste, desto Boss“ ist das Motto, wer nicht die Marken trägt, ist ein Außenseiter. Früher konnte man sich durch das Tragen bestimmter Kleidungsstücke gegen die Erwachsenenwelt auflehnen, oder es gab die für die „Flower Power“-Bewegung typische Kleidung, die eine Aussage hatte. Die von der heutigen Jugend bevorzugte Markenkleidung hat auch eine Aussage: Da das Geld nicht vom Himmel fällt, kann sich nicht jede/jeder, vor allem eben nicht auf Dauer, diesem blinden Markenwahn unterwerfen, um „in“ zu sein. Dieses Streben nach Luxus fördert also schon früh das Entstehen einer Klassengesellschaft.1

    Richtig, aber falsch! Es ist genau umgekehrt. An einem Lacoste-Hemd erkennt man ja nicht einen sozial hohen Status, sondern einen Proll. Die Firma Boss, von der hier auch die Rede war in diesem Brief, geht bezeichnenderweise so vor: Es gibt eine teure Product-Line, bei der das Boss-Zeichen unsichtbar ist, irgendwo eingenäht hinten im Kragen. Und es gibt die Billig-Line, T-Shirts, Sweat-Shirts für die Masse, bei denen das Zeichen stolz auf der Brust getragen wird.

    Vor ein paar Jahren gab es die Mode, mit amerikanischen Universitätspullovern herumzulaufen. In der Regel konnte man gerade daran den Hauptschulabsolventen erkennen.

    Der Konsum des Immateriellen, also des Zeichens am Produkt, folgt hier einem doppelten Betrug. Das heute immer weiter verbreitete, billige Statuszeichen, das Status-Accessoire, das in eleganter Unaufdringlichkeit, billig zu erwerben, Wohlstand anzeigen soll, funktioniert erstens nicht als Zeichen: es zeigt das Gegenteil von dem an, was es anzeigen soll oder anzuzeigen vorgibt.

    Zweitens: Selbst wenn es kurzfristig das anzeigen sollte, was es vorgibt anzuzeigen, kraft der Geschmeidigkeit, mit der sein Träger stets das Neueste findet, weil der eben Lacoste nur dann getragen hat, als es auch tatsächlich noch was hieß, ist es ein Zeichen auf Pump. Es wird nicht getragen von dem, was ein Modezeichen traditionellerweise tragen muß, damit es funktionieren kann: entweder einer Haltung – man bekennt sich zu einer Gruppe zugehörig – oder Reichtum – man kauft sich etwas, weil es wirklich teuer ist. Oder daß man ohnehin Angehöriger einer Minderheit ist, einer alten, da gibt es die verschiedensten Modelle. Also: entweder eine ideelle oder eine materielle Basis. Beides fehlt. Nun ist Pump zwar der Motor unserer Wirtschaft, aber bei der inflationären Zeichenproduktion und -konsumtion unserer Gegenwart ahnen wir, daß man es übertreiben kann. Wie man es ja auch in der Wirtschaft tut.

    Drittens: Das einzige funktionierende Status-Zeichen ist das abwesende, das im Anzug versteckt ist.

    Und viertens, wie wir bereits am Anfang gesehen haben: Zeichen funktionieren eh nicht mehr. Spiegel-Leser Andreas Quetsch hat es ja gesagt: Man kann keine Aussage mehr damit machen.

    Warum ist das so?

    Zum einen verlieren Modezeichen aller Art nicht deswegen ihre Bedeutung, weil die einzelnen Zeichen selber gestohlen werden – denn wenn ein Zeichen verbraucht ist, holt man eben ein neues –, sondern weil der Gebrauch von Modezeichen als Abgrenzung insgesamt als Unverständlichkeitsstrategie dadurch auf den Hund gekommen, dadurch degeneriert ist, daß heute jeder alles behaupten kann. Es wird eh nichts mehr geglaubt.

    Die Subkulturen, die durch Modezeichen eine Haltung zum Ausdruck bringen wollten: Ich bin ein Hippie, werden, nachdem ihr Medium – das Modezeichen – Bestandteil der Mehrheit geworden ist, abgelöst von Individuen, die nur noch eine negative Aussage machen können: Ich bin wenigstens kein Penner. – Und die das bitter nötig haben in einer Gesellschaft, wo sich die Solidarität der Arbeithabenden gegen die pauperisierten Minderheiten mehr und mehr zuspitzt.

    Was also ist das Wesen des immateriellen Konsums? Wie ist der geschmeidige Konsument? Was ist die archaische Stätte immateriellen Konsums? – Das Bordell! Das ist der einzige Ort, der traditionelle, einzige Ort, wo man mit Geld hinkommt und ohne Geld wieder rausgeht und kein Produkt in der Hand hat. Aber eben dieses: We are all prostitutes – das wissen wir ja.

    Nur, was eignet sich besser zum Aufziehen eines florierenden Eros-Centers als die Materie Kultur, wenn diese nicht mehr gekoppelt sein soll, angeblich an Diskutierbarkeit und Geschichte, wenn sie keine Aussagen mehr machen will, sondern Designer-Aussagen, geschmeidige, perspektivlose Versatzstücke, die jeden Zusammenhang unterwandern, weil sie auf der Grundannahme fußen, daß es keinen Zusammenhang mehr gibt, und auf der materiellen Lage, daß, einen Zusammenhang zu sehen, seit Menschengedenken den Interessen der Herrschenden zuwidergelaufen ist.

    Was ist also geeigneter für die postindustrielle Vision von nicht arbeitenden, anspruchsvoll vor sich hin konsumierenden, freien Zombies, für das postindustrielle Sinnbordell, als diese schleimige, hurenhafte Substanz des Geistes, die sich noch immer als das ideale Bindemittel erwiesen hat?

    Die Bedingungen der Aussagen, die er macht, kann er besser verschleiern als jedes andere Produkt. Er selbst liefert die Bedeutung seiner Zeichen, und viel weniger wird ihm das Mißtrauen entgegengebracht, das man den jugendlichen Fila- oder Adidas-Trägern entgegenbringt, Design-Status nur erschwindelt zu haben.

    Natürlich ist der Geist, jenes immateriellste aller immateriellen Güter, der ideale Komplize eines Eros-Centers für experimentelle, partikulare Sinnstiftung an Home-Computer und Video-Recorder.

    Es gibt bereits heute Leute, die so funktionieren. Es gibt bereits Leute, die so leben, daß sie alle Tatsachen von äußerem Leben, von Erfahrungen ausgeschlossen haben und nur noch Kulturspezialisten sind. Merkwürdige, wirklich merkwürdige Geschöpfe, die man noch nicht genau verstehen kann, vor denen man mit Erstaunen stehenbleibt.

    An diesem Punkt muß ich auf etwas anderes kommen: Ich habe, als ich an diesem Vortrag arbeitete, irgendwie mal in der Berliner Stadtzeitschrift Zitty geblättert und gelesen, daß ein Vortrag über Lyotard erwartet werde. Da hatte jemand jetzt den Titel, diese Frage, die an mich gestellt wurde, interpretiert und gesagt: Immateriell, ja, Lyotard und die Ausstellung „Les Immatériaux“. Und da fiel mir ein: klar, gut … hier …, das hat auch damit zu tun.

    Lyotard ist der Designer-Philosoph. Er hängt ja mehr drin als irgendein anderer. Und ich muß auch über ihn sagen, daß ich nichts gegen ihn habe deswegen, denn er ist für die Philosophie, was Sigue Sigue Sputnik für die Pop-Musik ist. Er gibt der Abschaffung und Verdunkelung von Geschichte, diesem komischen, zeitlosen, dumpfen Zustand, in dem wir da zur Zeit floaten, einen Namen, macht ihn diskutierbar und entreißt ihn so wieder der A-Historie oder der Post-Historie. Das Interessante an ihm ist, daß er dieses „Interessant, so kann man es auch sehen“, diesen Aspekt, dieses Das-Beste-aus-Reader’s-Digest-mäßige an seiner Philosophie, an seinen Gedanken, die ja getreu der von ihm konstatierten verlorenen Totalität durch alle möglichen Dinge vagabundistisch herummarginalisieren, daß er das alles so zentral unter Postmoderne zusammengefaßt hat, so auf einen Punkt gebracht, was ihn dann auch so erfolgreich gemacht hat, daß er dem Zustand hin- und herwuchernder Gedankenwildnis eine Überschrift gegeben hat, die diese Wildnis nach ihrer eigenen Logik gar nicht haben kann, denn natürlich kann diese Wildnis kein Mensch aushalten. Auch wenn das natürlich jetzt wieder gerade gut wäre, wenn einer das wirklich aushält und zusammenhält. So einen nennt man einen Künstler, mit vollem Recht.

    So kriegt die Wildnis einen ganz traditionell zusammenfassenden, periodisierenden Namen, der sich auch noch durch seine Unausweichlichkeit inthronisiert wie jeder klassische, philosophische Ismus. Dem aber wollte man eigentlich gerade den Garaus machen.

    Lyotard hat nur, wie andere und größere französische Philosophen – auch zum Teil mit guten Texten, gegen die ich gar nichts habe -, die Lage der Philosophie innerhalb ihres eigenen, marginalen Philosophieundergrounds festgestellt. Aber dann hat er dazu beigetragen, aus diesem wilden Sammelsurium von Ansätzen eine französische Staatsphilosophie zu basteln. Besser: die Wildheiten kurzerhand zu einer Weil-nicht-anders-können-Haltung des business-as-usual erklärt, wo alles geht. Damit hat er in der Tat demonstriert, wie die von ihm geforderte Geschmeidigkeit funktioniert. In Her Majesty’s Secret Service nämlich, als ein prima Auskommen mit allem.

    In einem Text hat er gesagt, daß Adorno vieles von dem, was seiner Definition nach die Postmoderne sei, schon vorweggenommen hätte, nur politisch anders bewertet habe. Das sei aber nicht so wichtig. Politisch irgendwie anders. Aber so ist es. Denn Adorno hat noch die Frage gestellt, wem welches Denken nützt. – Ende der Lyotard-Geschichte.

    Ich weiß auch, daß wir uns romantischere soziale Zustände nicht herbeireden können. Aber: this is still capitalism. Und es gilt nach wie vor, was Grundsätzliches über diesen gesagt werden konnte. Zum Beispiel: Auf jede Hochkonjunktur folgt eine Flaute. Auf äußerst ungesund angeheizte schon mal eine Weltwirtschaftskrise. Was uns bevorsteht, ist aber auch die Weltbedeutungskrise in dem Sinne, daß die Folgenlosigkeit und Beliebigkeit von Designer-Kultur, die Verschuldung der Zeichen dazu führt, daß Bedeutung überhaupt nicht mehr hergestellt werden kann. Religiöser Wahnsinn wird sich ausbreiten. Astrologie und Schamanismus werden die Irrenhäuser füllen, und seltsame Designer-Drogen wie Crack und Ecstasy – erstere fürs Proletariat, sozusagen Lacoste-Heroin, und letztere für die Bourgeoisie, sozusagen New-Age-LSD – die letzten funktionsfähigen Individuen dahinraffen.

    Die eine Hälfte der Menschheit wird zu Hause Designer-Kultur als Designer-Culture, als Designer-Reality bis zum Überdruß konsumieren und nicht mehr verarbeiten können. Die andere Sorte wird in hochverschuldeten sinn- und beziehungslosen Modezeichensystemen durch eine Welt laufen, die endlich ausgezahlt werden will.

    An diesem Punkt muß natürlich der Designer-Roosevelt kommen und einen New Deal verordnen. Etwas, was – glaube ich – schon langsam zu geschehen beginnt.

    Noch vor einem Jahr z. B. war es mir zuzutrauen, daß ich mir Anzüge aller Epochen und Stilrichtungen anzog, um irgendwie – was weiß ich – Selbstverwirklichung, Spaß, kreativ, in, Zeichen zu spielen. Also machte es mir z. B. immer große Freude, dieses Ritual des, wenn man sich hinsetzt, Aufknöpfens, wenn man aufsteht, Zuknöpfens der Jacke dieses eigenartige Tun der Männer in Anzügen. Heute kann ich keinen Spaß mehr daran haben. Ich sehe im Fernsehen Minister Zimmermann genau das tun und bin meiner Jeans froh. Vor einem Jahr hätte ich noch gedacht: Wie widerwärtig, ein ewiger Jeansträger, als so etwas soll ich alt und grau werden? Vor einem Jahr hätte mich Minister Zimmermann als derangiertes Zeichen für derangierte Politik, als Karikatur der Karikatur der Karikatur des Klerikalfaschisten auch noch amüsiert. Und das hat sich verändert.

    Die Perspektive, daß die Welt nichts ist als ein Witz über sich selbst, ist einem neuen Ernst gewichen. Der Ästhetizismus, mit dem Intellektuelle und ihresgleichen, bürgerliche Schöngeister, sich über einen als häßlich korrekt repräsentierten häßlichen Staat freuen können, also das Gelingen der Repräsentation, verwandelt sich früher oder später hoffentlich in Entsetzen über das Gelingen dieser häßlichen Politik. Und das wären Anzeichen eines New Deal. Und hier wird das Bild falsch. Denn New Deal ist systemimmanente Reparatur des Systems. Was wir brauchen, ist seine Zerschlagung.

    Im übrigen möchte ich mich entschuldigen: Ich hasse die Zukunft. Wie auch immer sie aussehen wird, sie wird mir nicht gefallen. Weder Weltwirtschaftskrise noch Weltkrieg – logischerweise – sind schöne Aussichten. Aber die sieben Szenarios in dieser Ausstellung sind es beileibe auch nicht. Weder Ökotopia noch die New-Age-Kommunen. Wieso fehlt eigentlich der Sozialismus? Was ist aus dem geworden? Gibt es nur den real existierenden mit all seinen Hilflosigkeiten und Grausamkeiten, und steht ihm nur gegenüber die Realpolitik des Imperialismus? Beide unbeweglich. Ist Gorbatschow Designer-Kommunist oder ist er der wahre Leninist? Er ist Leninist, aber egal wie es ist, richtige Gedanken bleiben richtig.

    Wir werden eine neue Weltzeichenordnung brauchen. Aber wem wird sie nützen? – Doch am Ende nur der Designer-Sozialdemokratie. Wir erkennen, daß die postmoderne Pluralität nichts ist als eine Monokultur der irrelevanten Beliebigkeiten. Wir untersuchen die Bedingungen unseres Zeichenkonsums und stellen uns dem seltsamen Ergebnis, daß es sich mit ihm verhält wie mit dem Alkoholismus. Kontrolliert zuviel trinken ist nicht nur nicht schädlich, sondern äußerst fruchtbar. Unkontrolliert zuviel zu trinken ist das Ende.

    Ich hatte vor ein paar Jahren einen Kabelanschluß, noch nicht sehr lange, zwei Jahre, glaube ich, weil ich immer vertreten habe, daß es ein Zuviel nicht geben kann. Alles, was man aufnimmt, ist nützlich. Jetzt weiß ich, daß sieben oder acht Programme die exakt ermittelbare Grenze sind, mit der man gut leben kann, die einem die netten Zufälligkeiten des Fernsehkonsums und seiner schönen Unordnung, die so viel über andere Unordnungen sagt, ermöglicht.

    Sechzehn Programme sind zuviel. Das hält kein Mensch aus. Man schaltet unausgesetzt hin und her. Nicht einmal der Pop-Videokanal aus England kann einen aufheitern, nicht die Schrulligkeiten von Holland 1, die Schüler-Aufführung des ZDF auf Sat 1. Die Augen wandern hin und her, man wird irgendwie blöde und bittet die Firma Telerent am nächsten Tag, das Ding wieder abzuholen. Das ist auch ein New Deal. – Jetzt ist das Ding weg, und ich vermisse die acht Programme. Was mache ich nun?

    Die Unordnung ist ja schön, solange sie nicht in reaktionäre Beliebigkeit umwandelbar ist, weil ihr einer einen Namen gibt und diesen dann an den französischen Staat verkauft.

    Wie geht kontrolliert trinken, ohne dem Suff zu verfallen? Wie geht es, sich an der überall hinwuchernden Wildnis zu freuen, davon zu lernen und gleichzeitig Marxist zu bleiben?

    Es geht nicht, wie auch New Deal nicht geht. – Wie aber auch Moderne nicht ging. Aber was macht das? Ist es nicht die einzige Möglichkeit, das zu fordern, was man als richtig erkannt hat? – Und wenn man daran scheitert, scheitert man eben und versucht es noch einmal.

    Es gilt, das seltsame Kunststück zu schaffen, wieder wirksame Verschiedenheiten herzustellen, Differenzen, die nicht mehr absorbierbar sind, nicht mehr benennbar durch Postmoderne.

    Ich glaubte einmal, daß es in gewissem Sinne eine Befreiung wäre, wenn die Menschen den Terror von Big Sinn abschütteln könnten. Tatsächlich ist Big Sinn geschlagen, aber ich hatte nicht dialektisch gedacht, jetzt regiert sein Komplize Big Unsinn. Es ist die gleiche Scheiße, die gleiche Lüge. Man kann die Welt nicht durch Kultur ändern. Man kann nur an ihr schaben. Und das muß man ein ganzes Leben tun, ohne große Hoffnungen. Aber mit dem gebotenen Enthusiasmus.

    Also müssen wir Bedingungen schaffen für Inhaltlichkeit. Den guten Ton finden. Den Sound der Inhalte. Das ist das Entscheidende. Und das ist beim Stand der Dinge ein unmögliches Projekt. Aber unmögliche Projekte, das ist eben Kunst, und das ist ja sowieso die Lage. Jeder Mensch ist ein Künstler. Früher war das eine Behauptung, jetzt ist es Wirklichkeit. Er muß nur anfangen, endlich seinen Beruf auszuüben. Und dabei können ihm ja les immatériaux vielleicht in einer Weise helfen, die wir uns nicht vorstellen können.

    Wahrscheinlicher aber ist, daß sie ihn daran hindern, daß sie ihn ablenken, denn schließlich gibt es ja noch – trotz allem – les matériaux.

    1. in: Der Spiegel, Nr. 50/1986, S. 7 ↩︎