Autor: admin

  • Diederichsens kommentierte Playlist

    Ja, ja, ja, die Playlist, hier bin ich Exhibitionist, hier darf ich’s sein. Seit Generationen lassen Rockkritiker ihre untersten Hosen und Höschen unter diesem Rubrum ’runter und profilieren sich durch exotischen Geschmack. Ich empfehle Ungarns Underground-Band A.E. Bizottsag. Aber auch gegenteiliges Vorgehen, etwa die „Ich hör nur noch Fairport Convention“-Masche oder die von mir hier weitgehend eingehaltene „Ich hör ganz einfach die Hitparade rauf und runter“-Methode können nicht als der letzte Schluß der Originalität gelten. Immerhin erfreut sich dieses Genre „Playlist“ einer gewissen Beliebtheit, weil der Leser glaubt, eine Playlist lüge nicht, hier werde objektiv das Innere des Kritikers, objektiv gemessen an Auflegeeinheiten, auf den Tisch geknallt. Und das ist ja auch so.

    1. Curtis Mayfield: „Move On Up“ (von dem WEA-Doppelalbum Two Originals Of Curtis Mayfield)

    Und zwar von dem Original Curtis, eine der zehn besten Soulplatten überhaupt, geziert von grandiosen Überschriften wie „We The People Who Are Darker Than Blue“ oder „Miss Black America“. Der swingendste und tiefgründigste Black Power Soul. Die Hymne dieser LP wurde unlängst von den Jam gecovert und ein ansonsten geschätzter Kollege schrieb oder sagte mir persönlich, diese Version sei besser als das Original. Nur um diese mir dubios erscheinende Behauptung zu überprüfen (die sich dann tatsächlich als oberfalsch herausstellte. Wie kann die plumpe polternde Sozipunkband so etwas Majestätisches wie die Erhebung der schwarzen Rasse überhaupt berühren?), griff ich zu diesem Doppelalbum (das in einem dieser definitiv den Tiefpunkt des Abendlands markierenden Patrick-von-Spreckelsen-WEA-Deutschland-Hüllen steckt) und damit zu einer meiner Lieblingsplatten, in einer Zeit, wo man (und ich) sonst Scheiße wie Traffic hörte, und legte sie nicht wieder weg.

    2. Madonna: „Holiday“ (von der WEA/Sire-LP Madonna)

    Madonna ist ein sehr angesagtes, gleichwohl weitgehend durchschnittliches, niedliches, weißes Mädchen aus New York, die ihre Songs, die klingen wie schwarze Durchschnittsdisco, selber schreibt und ganz anhörbar singt. Ein Lied, „Holiday“ (nicht von ihr), ist dagegen Spitze. Die verführerische Ausstrahlung kleiner weißer Mädchen, die sich zu viel zutrauen. Und Madonna legt in diesen einen Ferientag, den sie mit mir verbringen will, alles, was sie aufbringen kann: „Just one day out of life, it would be, it would be so nice.“ Die süßeste Versuchung seit Lizzy Mercier sang „Oh, I think I’m getting a tumor.“ Ein interessanter Track der Madonna-LP in soziologischer Hinsicht ist „Physical Attraction“, wo behauptet wird (und gefeiert), daß alles egal sei bei der Liebe, jeder Satz, jede Idee, jede Behauptung, alles Geseire, denn es sei nur eine physische Attraktion, eine chemische Reaktion und daher ganz unausweichlich. In dem Fünfziger-Jahre-Musical Silk Stockings, der Musical-Version von Ninotchka, ist dies genau der Part der Russin, zu behaupten: „When the electromagnetic of the hemale meets the electromagnetic of the female / … / it’s a chemical reaction, that’s all“, während der Amerikaner natürlich Scheiße säuselt.

    3. Altered Images: „Don’t Talk To Me About Love“ (von der CBS-LP Bite)

    Nichts ist unaktueller als dieser Hit von gestern, der nicht einmal ein richtiger Hit war und von einer Gruppe stammt, die ich eigentlich nicht leiden kann und deren Sängerin sich als Stilvorbild eine Schauspielerin gewählt hat, die ich noch weniger leiden kann (Leslie Caron, die immer irgendwelche Gigis und andere französelnde Charaktere spielt), aber dennoch so eine tiefe, aufwühlende, ja nachgerade lebensweise, zeitweilig auch auf charmante Art naseweise Ausstrahlung auf mich hat (für die Freunde der Grammatik: Subjekt ist der Hit, nicht die Sängerin, noch die Schauspielerin): „Erzähl mir bloß nichts von Liebe.“ Das könnte man so auch auf Deutsch singen. Vielleicht ein Lied für Nena.

    4. Culture Club: „Karma Chameleon“ (Virgin-Single)

    Objektiv die beste Platte des Monats. Ach! Seit Längerem! Brillante Melodie, brillantes Arrangement, brillant bescheuerter Text!

    5. Heaven 17: „Crushed By The Wheels Of Industry“ (Part I & II – Uninterrupted Single Version), „Crushed By The Wheels Of Industry“ (Album Version), „Crushed By The Wheels Of Industry“ (Extended Dance Version) (Virgin-Maxi)

    Die neue Heaven 17-Maxi ist immer ein Gewinn, für jeden Haushalt.

    6. Marc And The Mambas: Diverses (von der Doppel-LP Torments And Toreros, Some-Bizarre-Import)

    Marc Almond, der unlängst das Ende seiner musikalischen Karriere verkünden wollte, aber irgendwie sich selbst nicht glauben konnte, entdeckt Andalusien, das Land wo es das Pathos im Dutzend billiger gibt. So eine schleimige, kleine, pathetische Genialität, wie sie sich großartig auf dieser Platte auslebt, so losgelassen großartig und schwülstigschwülstig, kann nur das Vorbild selber kommentieren. Federico García Lorca: „Mit einem Löffel schlug der Affen Arsch. Mit einem Löffel.“

    7. New Edition: „Is This The End“ / „Gimme Your Love“ / „Candy Girl“ (von der Metronome-LP Candy Girl)

    Natürlich ist das Schrott, aber guter Schrott. Billig-Rap, Billig-Schnulz-Soul und vor allem Billig-Jackson-Five-Rip-Off, von den Fürsten der aktuellen Funk/Rap/Undsoweiter-Bewegung initiert, verantwortet, abgemischt und dergleichen, ja auch komponiert und arrangiert: Arthur Baker, Michael Jonzun und Maurice Starr – die unangefochtenen Dukes of New York. „Gimme Your Love“ ist der kleine flitzige Billig-Rap für den kleinen schwarzen Mann im Ohr, „Is This The End?“, die kleine rührende Candy-Schnulze und „Candy Girl“ ist das „ABC“ der Jackson Five für Arme und Nachgeborene. Ich höre diese Platte verdammt gerne.

    8. New Order: „Confusion“ in vier Versionen (von der Factory-Maxi gleichen Titels, Rough Trade Deutschland)

    Dies ist die Platte, nach der man sagen möchte: „Nu is’ gut!“ Sie klingt nach einer Kreuzung aus „Shoot Your Shot“ von Divine und „Looking For The Perfect Beat“ von Afrika Bambaataa And The Soul Sonic Force, aber natürlich europäisch weichspült und pubertär gebläht, trotz Arthur-Baker-Produktion. Ich höre auch diese Platte gerne, weil ich weiß, daß sie das Ende der Elektro-Disco-Epoche markiert. Nicht, daß ich mich über dieses Ende freue (oder ärgere). Es ist einfach schön, Einschnitte zu spüren.

    9. Herbie Hancock: Alle Tracks (von der CBS-LP Future Shock)

    Und dann kommt diese Platte und ein Haufen (eigentlich unsympathischer) Jazzrocker wie Herbie Hancock, die Band Material und der „Roxy“-DJ Grandmixer DST, der dort inzwischen von Afrika Islam, Son Of Bambaataa, abgelöst wurde, machen einem klar, daß es noch lange nicht vorbei ist, im Gegenteil gerade erst anfängt. Die beste Instrumentalmusik seit Ewigkeiten oder der B-Seite von „Looking For The Perfect Beat“.

    10. Spandau Ballet: „Gold“ (Ariola-Maxi)

    Der beste Song der letzten Spandau-LP im Barry-Ryan-Große-Oper-mit-Ouvertüre-Remix! Objektiv, nach Culture Club, Herbie Hancock und Heaven 17 die viertbeste Schallplattenveröffentlichung in den Monaten August/September 1983. Platz 5, in dieser Liste aber „Bubbling Under“, wäre der monotone Poprocker „This Is Not A Love Song“ von Public Image. „Gold“ aber ist ein Love-Song und was für ein peinlich guter!

  • Der letzte Mensch auf der Welt

    Robert nahm den Strohhalm aus dem Whiskey-Soda, saugte ein paar verbliebene Tropfen Flüssigkeit aus dem weiß-blau gestreiften Plastikhalm und schüttelte den Rest über dem länglichen Glas aus, eine im Laufe der Zeit habituell gewordene Bewegung, wie ich nicht allein deswegen annehme, weil sie ohne Hinsehen ausgeführt wird, die gleichwohl ihren Ursprung in einer bestimmten, auch in der sogenannten Szene verbreiteten, Attitüde gehabt haben muß – Das, was ich bezahlt habe, will ich auch zur Gänze ausnutzen –, möglicherweise um eine, in besagter „Szene“ üblicherweise anzutreffende Renitenz überhöht – S’ ist eh alles zu teuer hier. Überhaupt ist alles zu teuer – oder auch ganz einfach in der von der Kriegsgeneration überlieferten Bauernweisheit „Nur nichts umkommen lassen“ begründet ist.

    So ist Literatur und so wollen sie sie wieder haben. Ins Kraut schießen: Unbeteiligte Beobachter, feinsinnige Satzschmiede, die von Beinkleidern statt von Hosen reden, zum Gegenstand ihrer Texte gerne Computer und andere mit Aktualitätssignalen überhäufte Gegenstände wählen, da sie ja Gegenwartsliteratur schreiben wollen und Gegenwart ist ja bekanntlich, wenn Computer vorkommen. Eine neue Haltung, eine alte Bosheit, einen Willen oder irgendeine Besessenheit, ein eingesperrtes Monster hat sie nicht, diese Beinkleider-statt-Hosen-Literatur, aber oft schöne alte Wörter, an die sich viele gar nicht mehr erinnern, das Lexikon des Literarischen – das kennt sie; die Freuden des Poeten, das gilt ihr peinlich, das schlägt sie zur Zeit vor 68, von der sie nichts wissen will, an einer Überdosis New Wave, oder besser an einem Mißverständnis der letzten zehn Jahre, wie es so miß- nur Schriftstellern passieren kann, von Anfang an zur Folgenlosigkeit verurteilt. Ja, so ist es.

    So dachte ich vor mich hin, als ich meine massige Figur, die den Leuten vor allem wegen meines massiven, oft in eine viel zu enge Strickbluse gestopften Busens auffällt, durch ein gut besuchtes bürgerliches Eßlokal schob, immer auf der Suche nach einem halbfreien Tisch. Denn zu meinem Glück gehört zur Mittagszeit ein junger Mann, dem das Essen nicht schmeckt. Und leiden soll er vor meinen Augen.

    Diesem schien der Schweinebraten überhaupt nicht zu schmecken. Nicht, daß er über Nacht zum Vegetarier geworden zu sein schien, aber … er schien toter als das ausgekochte, tote Tier auf seinem Teller. Und er mußte sich auch so fühlen. Vermutlich dachte er, um sich aufzumuntern, an Eisenbahnen, an den TGV und den ICE, daran, daß das Leben nach soviel Rohstoff-Krisen und Verzögerungsepochen, nach Tempo 100 und unrentablen Ergebnissen der Concorde endlich wieder schneller werden würde. Selbstverständlich ekelte es ihn, daß ich mich auf ihn zu bewegte, irgendwie heroisch in dem Gefühl oder Bewußtsein verdampfend, daß er die letzte Nacht kaum geschlafen hatte, aus welcher jugendlichen Torheit auch immer es dazu gekommen sein mochte, und daß er sich dennoch so hergerichtet hatte, daß man ihm dies nicht ansah, oder vielleicht doch zufriedener darüber, daß man ihm Problem und Lösung ansehen konnte, wenn man es, wie ich, darauf anlegte.

    Daß Blässe als vornehm bezeichnet wird, ist so ein Mißverständnis, daß auch diesem Jungen den Kopf verdreht haben mußte, der grünliche Schimmer, der auf dem Fleisch lag, mag ihn an seine eigene Blässe erinnert haben, so er zur Selbsterkenntnis überhaupt befähigt ist, denn er strich sich gerade so verwirrt durch das Haar, das freilich in seiner Kürze nicht viel Material zum Streichen aufbot, aber ihm immerhin, als Vorwand zum Griff an den Kopf, die Möglichkeit gegeben haben konnte, haptisch seiner Existenz teilhaftig zu werden. Oft ist das bloße Vorhandensein für diese Jungen ja das größte Problem.

    Mit einer häßlichen, hohen Stimme – ich habe nun einmal so eine Stimme – belferte ich ihn an: „Tag, junger Mann! Ich kann mich doch sicher an ihren Tisch setzen. Das ganze Lokal ist überfüllt, und sie halten diese ganze, große, abgebeizte Holzfläche besetzt.“

    Meine Stimme bohrte sich in den dampfenden, geschwollenen Schädel des Jüngelchen, blieb darin stecken und gab ihm den Wunsch ein, mich töten zu wollen. Diese Generation, die keinen Krieg mehr mitgemacht hat, hat ja kein Bewußtsein davon, was es heißt, einen Menschen zur Strecke zu bringen und ist daher um so schneller bei der Hand mit dem Wunsch, unpassende Menschen liquidieren zu lassen. Nicht, daß sie auch nur den geringsten Versuch unternehmen würden, aber sie denken sich schon wenige Sekunden nach dem Abfassen des Todeswunsches ihre eigene Verteidigung aus. In diesem Fall ein Winseln um mildernde Umstände vor einem Gericht, das, wie es diesen Buben passen würde, meine Häßlichkeit als Tötungsgrund hinnehmen würde …

    Der Kleine hatte Sodbrennen.

    Aber er sagte nichts, sondern starrte nur auf das Stück Kaufhausstraß, das auf meinem rosanen Riesenbusen hin und herkullerte. Selbstverständlich entsteht ein guter Text nur, wenn die Sterne günstig stehen. Uranus im siebten Haus, Pluto in Konjunktion zu Venus, wenn die ganze Realitätsmilch wärmlich und weißlich angerührt ist und soviel Wärme da ist, daß sie verdunsten kann. Ich verfluche den Realismus, wann immer er sich durchsetzt. Dann wird die Realität zu einer Welt von Bildern, und jeder Mensch ist nur noch ein Angestellter im Ministerium des Pittoresken, Requisit einer guten, pittoresken Geschichte und nie Anlaß für gutes, humanistisches Mitleid. Aber heute müssen ja wieder gute Geschichten erzählt werden und von Mord sollen sie handeln. Der Junge will mich töten, weil seine Geliebte ihn verlassen hat. Neben dem Schweinebraten liegt ein Notizblock, fast schon zugeschüttet von den vielen häßlichen Gegenständen, die ich aus meiner Handtasche hervorklaube. Sein Selbstmitleid: Er hält sich für sanft und gut, weil er mich still meine ganze Häßlichkeit, mein ungeschicktes Wesen, meine unförmigen, widerwärtigen Gegenstände vor ihm ausbreiten läßt und doppelt ungerecht von dieser Freundin behandelt, weil sie ihn trotz seiner toten, sanften Art, seiner von ihm für vornehm gehaltenen Blässe vor die Tür gesetzt hat, dahin, wo andere Menschen für ihn das Essen kochen, außerdem Schweinebraten mit grüngelben Gesichtsfarbenschimmer, und dicke rosa Prollbusen um ihn herum wabern, von seinem Notizblock ablenken und überhaupt, das Mädchen hatte ihm die Welt zugemutet. Die Welt aber bin ich. Unförmig, rosa, das häßliche Weib Welt, seinerzeit von Baal geschwängert, aber nie mit etwas anderem niedergekommen als Krieg, Vernichtung, Ausrottung und bürgerlichen Jüngelchen wie diesem hier, dem sein Schweinebraten nicht schmeckt, weil er nicht bei oder mit der Freundin speist, an deren Seite die Welt (ich) immer so schön in Bilder zerfallen ist, hier ein pittoresker Arbeitsloser, dort ein fettes, widerwärtiges Weib mit einem fetten Busen in einer eklen rosa Strickbluse. Aber wozu hinsehen, wo man doch auf die reizende Freundin schauen kann.

    Seit Stunden schon versuchte er, ihr zu schreiben. Schon heut nacht um vier, als er nach einer Stunde Schlaf fahrig aus demselben schreckte, hatte er den Versuch begonnen. Morgens auf der Arbeitsstelle mit Bleistift und Notizblock weitergemacht. Angeblich hatte sein Chef, ein Freund von mir, wir trinken manchmal in Paris Pernod mit Cola, wir passen gut zusammen, er ist fett und ihm schmeckte der Schweinbraten, den ich in meiner Jugend für ihn zu kochen pflegte, angeblich hatte dieser Chef argwöhnisch auf die Ausbeulung gestarrt, die der immer wieder hervorgezogene Notizblock in seiner modisch weiten Hose verursachte. Als würde Max den Jungens auf die Hosen starren. Aber sie können ja nicht leben ohne halluzinierte Feinde innerhalb einer halluzinierten Obrigkeit, diese Jungen.

    „Liebe! Ich wünschte, Du könntest Dich bereiterklären, Dich noch einmal mit mir zu treffen, hatte diese Nacht schreckliche Träume wegen Dir …“

    Wegen mit dem Dativ. Ich sah ihm seine Unkenntnis an, und viele seiner Probleme mochten damit zusammenhängen, daß er „wegen“ mit dem Dativ dachte; denn was für eine finale Ausweglosigkeit ist in diesem „wegen“ mit dem Dativ angelegt. Verhältnisse, die sich nie hochzwirbeln können in dialektische Schrauben, in geistreiche, ja meinetwegen auch verabscheuungswürdig geistreiche Auswege. Mit barbarisch abscheulichem Diskant bestellte ich beim Ober: „Dasselbe wie der junge Mann.“

    Dessen vor seinen sinnenden Stirnfalten und schweifenden Blicken kalt gewordener Schweinebraten lieferte ihm das Assoziationsmaterial für den letzten unausgesprochenen Verzweiflungsschrei: „Schweine, alle Schweine“.

    Gegen Schweine sind sie alle. Die Linke gegen das Schweinesystem, die neuen, ästhetischen Jünglinge gegen häßliche Schweine und die Amerikaner nennen ihre Polizeibeamten „Pigs“. Ich bin ein Schwein, rosa und häßlich, eine Beleidigung für sein Auge, oh ja, man darf mich töten.

    Er griff nach dem Zahnstocher, um sich endlich der häßlichen Sehnenfäden, die sich um seine Zähne gelegt hatten, zu entledigen. Seine rechte Hand spielte mit dem Bleistift und seine linke mit dem Zahnstocherhölzchen, eines nach dem anderen zog er aus dem kleinen häßlichen Behälter, kaute kurz darauf, um dann das Nächste zu nehmen …

    So ist sie eben, die Wirklichkeit, eine Handlung folgt der nächsten, die Zahnstocher durchmessen das Raum/Zeit-Kontinuum, und etwas Blut fließt aus dem parodontösen Zahnfleisch des anämischen Jungen, der aufgrund dieser Anämie eigentlich nicht darauf verzichten kann. Auf sein Blut. Ich Schwein weise ihn zurecht, „bitte doch mit Serviette, wozu ist die sonst da.“ Selbstverständlich ist das alles verdammt parabolisch.

    Früher hatte ich nachts wach gelegen und geglaubt, meine Eltern wollten mich umbringen. Ich hatte aus den Zeitungen erfahren, daß Erwachsene Kinder töten, und die einzigen Erwachsenen, die ich kannte, waren meine Eltern. Alle Sorge und Fürsorge, je sorglicher und fürsorglicher sie ausfiel, war nur ein Vorwand, ein Versuch der Tarnung, um mich in Sicherheit zu wiegen. Man enthielt mir Zeitungen vor; denn man wollte nicht, daß ich von der schrecklichen Angewohnheit der Erwachsenen Wind bekam. Ich wollte alles über dieses Ziel der Eltern erfahren. Was hieß schon „tot“. Ich nahm meine Schwester, führte sie in den Garten, nahm ihre Hand und führte sie an die Blätter der Pflanzen, vor deren Giftigkeit man mich gewarnt hatte. Dann sollte sie ihre Hand in den Mund stecken. Sie starb nicht. Heute ist sie groß und fett. Sie hat einen immensen Busen und trägt gerne türkisfarbene Strickblusen, ihre Haare sind blondiert.

    Noch heute neige ich zu Selbstversuchen. Dafür gibt es die „Wirklichkeit“ und die „Literatur“, die gegenseitig gerne aneinander herumpulen. So gerne wie ich zwischen beiden „oszilliere“, wie es der Junge sagen würde, der das Blut zwischen seinen Zähnen schmeckt und glaubt, daß, ja daß das die Welt sei, den salzigen Geschmack des eigenen Blutes zwischen den Zähnen, am Tage nachdem ihn das Mädchen verlassen hat, das er liebt. Dabei sitzt sie ihm direkt gegenüber. Das Wort für Welt ist Weib.

    Robert sagt, daß er Anthologien zum Thema nicht leiden könne. Mord? – okay: Wann darf ein Terrorist töten. Ist uns ein Terrorist lieber, der Frauen und Kinder verschont, und welche Terroristen sind widerlich und welche sind gerecht? Die hübschen sind gerecht, die häßlichen sind widerlich. Natürlich. Daß man Hinrichtungen wirklich von Herzen verachtet und eine Nachkriegsgeneration, die Bataille liebt und de Sade wegen etwas anderem als seinem Zählzwang. Wie man die Nacht mit einer Spinne verbracht hat, die man sich nicht anzufassen getraute, und die zu töten einem die Moral verbot. Und dieselbe Geschichte, um eine Volte aufgedreht, von der Frau, die einen Mann nur deswegen nicht verließ, weil er der einzige war, der ihr die blasphemisch-häßlichen Insekten, ohne diese zu töten aus dem Blickfeld tragen konnte. So Geschichten eben. Robert sagt. Robert sagt. Robert sagt.

    Ich habe so manche Nacht mit Robert verbracht. Und ich gebar ihm viele Kinder, und alles wurde gut. Als dann die Welt in Flammen aufging, gab es nur einen Überlebenden, einen Mann, der sagte, er würde noch mit einem Stein schlafen, wenn er dadurch dazu beitragen könnte, daß wenigstens ein Teil der menschlichen Geninformationen erhalten bliebe. Er sagte das, als er mit einem Stein schlief, ohne zu wissen, was daraus werden könnte und eigentlich mit soviel Verstand begabt, wissen zu können, daß daraus nichts werden kann. Denn selbstverständlich schlief er nur aus Lust mit dem Stein, und der Gedanke der Fortpflanzung hatte für ihn auch nichts mit der Menschheit zu tun. Nicht einmal bei ihm, meinem geliebten letzten Mann. Sondern nur mit seinem eigenen Genmaterial, das er liebt wie sich selbst. Mich haben sie nie geliebt. Meinen Namen haben sie anderen Dingen gegeben. Anderen Dingen und anderen Weibern.

  • Immendorff 83/85 – Fragment mit Schluß

    Tom Wolfe bezifferte die Zahl der culturati, der Personen, die weltweit an Geschehnissen des Kunstlebens interessiert sind, auf 10000, davon leben 2000 in der Bundesrepublik, verteilt auf die Städte Berlin, Düsseldorf und München. Hamburg ist nicht darunter. Er schrieb dies in dem Buch The Painted Word, 1975. Neun Jahre später und Jörg Immendorff ist mal wieder in der Stadt. Diese hat inzwischen einen Bürgermeister, den man schon mal bei Veranstaltungen dieser Galerie, Galerie Crone, sehen kann und der den Lesern des FAZ-Magazins mitteilen läßt, er bewundere die Dichter Musil und Benn und sein Held in der Geschichte sei Ferdinand Lasalle. Nicht daß es direkt diesem Mann zu verdanken (oder anzulasten) wäre, daß die Einbeziehung Hamburgs in das Netz der Culturati erhebliche Fortschritte gemacht hat. Er ist nur so ein nettes Zeichen für einen bourgeois-ästhetischen Normalbetrieb, den die anderen genannten Großstädte gewohnt sind, Hamburg aber nicht.

    Immendorff ist von Haus aus Revolutionär, seit wenigen Jahren interessiert sich das Establishment für ihn. Zwar verfügt Immendorff über ein strategisches Bewußtsein, das ihm erlaubt, auf eine Weise mit dem Establishment umzugehen, daß seine Bilder, sein krachender Humor, sein antibürgerlicher Wille zum Umsturz keinen Schaden nahmen. Aber weiß er auch, daß das Hamburger Establishment trotz Dohnanyi zu den schlauesten und abgefeimtesten der Republik gehört? Die sich den „Willen zum Umsturz“ als Selbstzitat aus einer K-Vergangenheit gefallen, ja munden lassen, wie sie eben auch freiwillig auf verfeinerte Küche verzichten und noch in den Chefetagen sich zu Labskaus-Orgien verabreden, bei denen man führende Männer der Wirtschaft Substanzen verspeisen sieht, die aussehen wie frische Kotze. Hamburger sind hart im Nehmen.

    Es geht nicht darum, daß es gefährlich sei, wenn das Establishment einen Künstler versteht oder akzeptiert, darum daß so etwas wie Provokation von irgendeiner heilsamen Nebenwirkung für das Volksganze oder den allgemeinen Erkenntnisprozeß begleitet werde, und darum rein zu halten sei, es geht nicht um epater la bourgeoisie. Es geht nur darum, was heißt ein Bild in welchem Zusammenhang. Heißt ein Immendorff in Hamburg dasselbe wie ein Immendorff in Köln, Berlin, New York, Zürich oder Holland (wo er überall dasselbe heißt)?

    Zweifellos wird Hamburg, dessen brachial-gesunde Bourgeoisie, nur wenig angekränkelt von Symptomen der AIDS-Stadt New York …

    Hier bricht der 1983 geschriebene Text ab. Die Problematik Immendorff-in-Hamburg ist vom Künstler selbst (siehe „St. Pauli-Hamburg-Germany“), offensichtlich von ähnlichen Gedanken, die ich hier vorzubereiten mich anschickte, inzwischen auf die Spitze getrieben worden. Er hat, angestachelt bekanntlich in Hamburg, eine Kneipe aufgemacht, plant auf dem traditionsreichen Platz vor der Kneipe ein Denkmal für Hans Albers, das einzige schwere Symbol, das in den Katakomben hanseatischer Geschichte schlummert, zu errichten und ist auf der anderen Seite eine der akzeptabelsten Figuren des weltweiten Kunsttreibens geworden. Gerade heute traf ich einen anderen Künstler auf einer Straße in Köln, der in New York bei Mary Boone, die neueste Show von Immendorff gesehen hatte, dies als Teil einer Aufzählung berichtend, deren andere Glieder das Metropolitan Museum und der neue Nachtclub „Palladium“ waren. Ein anderer Künstler sagte in einer der neuerdings so beliebten Was-bleiben-wird-Debatten über Immendorff: „Seine eigentliche Leistung ist die Wiedereinführung der Zentralperspektive Anfang der 70er, der Maoismus war dafür nur ein Vehikel.“ Gibt es denn einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Zentralperspektive und Maoismus? Nein. Zum Glück. Und der Begriff vom Vehikel ist natürlich auch falsch. Richtig ist allenfalls, daß die Zentralperspektive einer der vernachlässigbarsten, selbstverständlichsten, unspektakulärsten Kunstgriffe ist, einer, der den Platz frei macht für die Konfrontation auf der Ebene der Signifikate.

    Der Wunsch, Analogien zwischen Malweisen und Denkweisen zu finden, ist typisch für die zeitgenössische Orientierungslosigkeit. Er erinnert an den anderen, falschen populären Künstlerwunsch, die sozialen Verhältnisse und Bindungen klassischer Künstlerschicksale in die Gegenwart zu transportieren, immer mit Hilfe des billigsten aller Denkschritte, der Analogie. „Ikonen der Postmoderne“ etc.

    Die Vermeidung der Analogie beim Besetzen leerstehender historisch beladener, aber erfrorener, vernachlässigter Zeichen – bis in die Räume von erst Ascan Crone und heute Mary Boone: Immendorff als 85er Gesprächsthema läuft Gefahr zwischen Geniekult einerseits (siehe seine Kollegen in der Werner-Galerie) und einem verheerenden Formulierungswahn seitens des Publikums andererseits, also der Bereitschaft alles zu glauben und der Bereitschaft alles schön zu finden, zerrieben zu werden. Aber soweit ich es beurteilen kann, verhält er sich einigermaßen richtig. Weder macht er extrem häßliche Bilder, noch sagt er etwas, was ihm keiner mehr glauben kann. Auch wenn das nichts Neues ist; er tut, was zu tun ist: er baut ein Denkmal für Hans Albers, auf dem Hans-Albers-Platz, gegenüber vom „La Paloma“.

  • Interview mit Albert Oehlen

    DD: Ist es wichtig für dich, daß Du „bleibst“ und mit welchen Mitteln kann man das erreichen?

    AO: Es ist für mich wichtig, daß ich bleibe. Als Materialist bin ich natürlich der Auffassung, daß dieses Bleiben mit dem Tode aufhört, aber ich muß schließlich auch an meine Bilder denken. Dies kann man nicht durch Strategie, sondern nur durch Schaffung von etwas Schönem, präziser durch die „Unterwerfung von Dasselbe“ erreichen; indem man sich unersetzlich macht. Die Schönheit wird bleiben, sie ist das Einzige, das in der Lage ist, eine Strategie zu verfolgen.

    DD: Dieser Begriff („Strategie“) ist als ultima ratio jeder Künstlerselbsterklärung inzwischen weitgehend durch „Schönheit“ oder „Qualität“ ersetzt worden. Wie beurteilst Du diese Entwicklung, wie gehst Du selber vor?

    AO: Von Strategie sollte man nur reden, wenn man ein bestimmtes Ziel im Auge hat. Welches Ziel aber, außer der Schönheit, könnte Kunst im Auge haben. Schönheit ist in allen Bedingungen von der Wirklichkeit abhängig. Daher ist die Abschaffung der Kunst das schönste Ziel überhaupt, weil damit die Rückkoppelung der Bedingungen der Kunst auf das Leben stattgefunden hätte. Alle Schmerzen oder Wehwehchen der Kunst führen zurück auf den Versuch oder halbherzigen Versuch, sie umzubringen und ihr dadurch Gültigkeit zu verleihen. Hier kann man sehen, daß Schönheit nichts Statisches ist, sondern sich ständig neu zu definieren sucht, indem sie das Ende der Kunst herbeisehnt. Deutlich zu sehen bei allen klassischen „Avantgardeschockern“ bis hin zu Manzoni. Wo man gestern noch dachte, daß diese Blödheit nicht zu überbieten ist, ist man heute gebannt von der Wahrhaftigkeit des künstlerischen Erkennens und der Grazie des Aufbäumens. Die Schönheit hat eine neue Form angenommen und das heißt, alles ist beim Alten geblieben. Dies kann ich zwar erkennen, aber ich kann keine Konsequenzen ziehen, weil ich 1.) wenn ich dies erkannt habe, nicht mehr schlauer werden kann, und 2.) wenn ich aufhören würde Kunst zu machen, ich mich nur in einen anderen, besonders schönen Zustand der Produktivität versetzt hätte. Denn ich bin ja nun mal Künstler und mein Nichtschaffen würde auf den gleichen Grundlagen beruhen wie andernfalls mein Schaffen.

    DD: Du hast geäußert, eigentlich müßtest Du auch (wie Lüpertz) Formulierungen wie Anmut des 20. Jahrhunderts vorschieben, denn bei der Offenlegung Deiner Methoden könnten die ehrlich um Verschleierung bemühten Kollegen Dir nachsagen, Du machtest es Dir zu einfach. In Wahrheit gehst Du aber keinen der beiden Wege, wie also gestaltest Du Deine Öffentlichkeitspolitik?

    AO: Das Wort „vorschieben“ halte ich für nicht angebracht, da Lüpertz damit die sehr plausiblen Erklärungen zu seiner Arbeit gibt. Ich meine damit, daß es nicht meine Aufgabe sein kann, meine Methode zu erklären, sondern Behauptungen und Forderungen aufzustellen. Der Sachverhalt ist komplizierter, als Du in dieser Frage unterstellst. Du erweckst den Eindruck, als ob der Begriff „Schönheit“ nach oben genannten Erkenntnissen nur noch ironisch verwendbar sei oder zum Verschleiern der wahren Absichten. Es ist aber nicht so, daß ich sage, die Scheiße in Dosen von Manzoni ist schön (zwinker, zwinker, wir wollen doch dasselbe), sondern sie ist wirklich schön, da sie ein besonders extrem formulierter Versuch ist, Klärung zu schaffen, etwas Authentisches, etwas Reines in die Welt zu setzen, das man nicht mehr so schnell verschwinden lassen kann.

    DD: Aber ist es nicht so, daß eine Sehnsucht. nach Reinheit und Schönheit demselben reaktionären Grundbedürfnis entspricht, das auch, sagen wir Kounellis, Disler und andere umtreibt, in deren Fall auf die Form ihrer Hervorbringungen projiziert, ist Dein Begriff der Schönheit in diesem Falle nicht viel näher einer Idee der sachlichen Richtigkeit. Ist Manzoni also nicht viel eher schön, weil er recht hat (in diesem Falle), als weil er authentisch ist?

    AO: Schönheit steht für „besonderes Rechthaben“ während Reinheit und Authentizität durchaus nichts reaktionäres sein müssen. Vergleiche zum Beispiel reine Scheiße und reine Wäsche. Reaktionär ist, diese Begriffe zum Dogma zu machen, ohne sie mit Inhalten zu belasten. Zum Beispiel Spurensicherung, Dada und Wilde Malerei.

    DD: Wenn Künstler naturgemäß immer darum bemüht sind, ihr Arbeiten geheimnisvoller darzustellen, als es ist, zwingen sie dann nicht dem Kritiker eine dumme Fahnder-Rolle auf, der dieser dann auch noch meistens dadurch zu entgehen versucht, daß er sich zu den Erfüllungsgehilfen dieser Künstlermystifikationen macht, indem er poetische Reviews und Katalogtexte schreibt, was noch schlimmer ist, und so die breite Masse daran hindert, gut und schlecht zu unterscheiden?

    AO: Künstler sind nicht naturgemäß darum bemüht, ihr Arbeiten geheimnisvoller darzustellen, als es ist. Es liegt vielmehr in der Natur des Feuilletons, hier Abhängigkeiten schaffen zu wollen. Das Kunstwerk selber ist oft so einfach, daß es nur gemacht wurde, weil der Künstler es unbedingt wollte.

    DD: Warum sagst Du dann jedesmal, wenn ich Dir ein Zitat als unschlagbaren Beweis für die Dummheit eines lebenden Künstlers liefere, der meine das nicht so ernst? Der sage das sozusagen, um einen Schleier aus charmanter Naivität um seine eben doch viel durchdachteren Werke zu weben? Jedenfalls rechtfertigst Du so oder ähnlich die verbalen Schnitzer von Künstlern, deren Werk Du achtest. Umgekehrt gibt es Künstler, die Autobiographien geschrieben haben, die Dir gefallen, deren bis dahin nicht geschätzten und/oder als uninteressant empfundenen Werke Dich aufgrund der Schriften entzücken und neues Leben gewinnen. Worum geht es also, Werk, Verstand oder beides?

    AO: Es geht natürlich nur um das Werk, aber oft ist man erst durch eine Äußerung des Künstlers in der Lage, die Qualität seiner Arbeiten zu erkennen und zu würdigen, da man vorher nicht wissen konnte, auf welchem Gebiet oder besser in welchem Rahmen er sich überhaupt betätigt. Die erwähnten lebenden Künstler der Verstellung bewundere ich nur als solche. Eben wie man eine Lüge bewundern kann. Wenn ein Künstler zum Zwecke der Selbststilisierung besonders seltsame Wege geht und besonders obskure Methoden anwendet, kann das sehr komisch sein. Mehr habe ich darin nie gesehen.

    DD: Welche Politiker gefallen Dir?

    AO: Die Geschwister Redgrave.

    DD: Ist es moralische Aufgabe des Künstlers oder Kritikers intellektuelle Fehler und/oder Bosheiten in der Kunst (also bei Galeristen, Künstlern, Kritikern) aufzuspüren und zu bekämpfen, und wenn ja, inwieweit sollte man berücksichtigen, daß gewisse Dummheiten geäußert werden, um die eigenen Interessen zu unterstützen bzw. zu adeln (Lüpertz in „lui“, Dokoupil im Gespräch mit Maenz in „Flash Art“)?

    AO: Das ist die Aufgabe jedes Menschen! Nur sollte man nicht kleinlich bei jeder Enttarnung zur Polizei rennen. Das Ziel ist vielmehr, sich durch die eigene Arbeit in die Position zu bringen, daß man selber Verhaftungen vornehmen kann.

    DD: Ist gute Kunst ein unmögliches Projekt?

    AO: Nie gewesen!

    DD: Ist gute Kunst etwas anderes als eine Scheußligkeitsvermeidungs-Maschine, in dem Sinne, daß von Haus aus jede Produktion peinlich ist und es Aufgabe der Kunst sei, eigentlich unmögliche, unscheußliche Werke zu produzieren?

    AO: Das ist immer so gewesen und das haben auch Leute vor uns begriffen, so zum Beispiel der nordische Dichter Hannemann als er sein Gedicht „Krionica“ schrieb:

    Augen auf mich
    in lebenslänglichem Schlaf
    Träume führen mich in die Irre
    Zukunft am unvernünftigen Traum
    enttäuscht von Versprechungen
    verdammt, das Risiko allein zu tragen
    Hirn und Seele
    in herrischer Wissenschaft gefriert
    der elende Traum ist wahr
    die Menschheit wird kandiert
    Gedanken an Gelächter
    Füllen den Kopf des Meisters der Ladung
    Worte von Wundern
    Ist es Heilung oder schmerzvoller Tod
    Ich kämpfe und widerstehe
    bis sie alle sehen
    das Ende in der Nähe
    Doktoren, Anwälte und Agenten
    Leben in Angst
    Doch ich habe ein fernes Hoffen
    die Heilung hat meinen unsichtbaren
    Feind getroffen

    DD: In einem Gespräch mit Frank Hoenjet über Dein Hitler Portrait sagtest Du an einer Stelle:

    Ik heb echter het recht hem te schilderen! Je moet je als schilder afvragen: staat dat gezicht van Hitler voor iets? Associeer je zijn portret inderdaad met de Tweede Wereldoorlog? Waarom zou het portret van Hitler überhaupt voor Hitler staan?

    Ik wilde dat je Hitler direct zou herkennen. Ik weet ook dat hij inderdaad met iets geassocieerd wordt. De eerste reactie bij niet al te intelligente mensen, is dat ik hem zou verheerlijken. Maar dan komt de volgende vraag: Hoezo is een portret een verheerlijking?

    Hitler ist een beladen begrip. Ik weet dat ik hem met gele haren, een rood gezicht en een blauwe snor niet verheerlijk. Ik weet ook dat ik hem op deze manier niet kan bekritiseren. En ik weet dat ik hem niet kan weergeven zoals hij werkelijk was. Dat is allemaal uitgesloten. Het is slechts een schilderij in de drie basiskleuren en een motief dat aan een belangwekkende geschiedenis herinnert.

    Ik heb een optimum aan inhoud. Net is bij de eerste Farbenlehre. Daar was het thema de Hoge Raad die Christus veroordeelde. Een optimum aan histerie. Dan kun je pas echt nadenken over de betekenis van een motief en wat je wil uitdrukken. Meer kun je er niet inleggen.

    Bij Hitler is het net zo. Hij is geschikt omdat iederen hem kent. Meer inhoud kun je eenvoudigweg niet aan een schilderij geven. Ik kon ook niet meer kleuren gebruiken dan de drie basiskleuren. Wat dat betreft is het een echt problematisch schilderij. Een schilderij dat zowel inhoudelijk als schilderkunstig optimaal functioneert!

    DD: Läuft das nicht auf die Aussage hinaus: Es ist, was es ist?

    AO: Niemals.

    DD: Was ist es denn?

    AO: Also zunächst teilen wir das Kunstwerk in zwei Teile. Erstens den Fetisch, den wir an die Bourgeoisie weitergeben, wofür wir Säcke voll Geld erhalten, welche die uns aber nur geben, wenn zweitens das geistige oder künstlerische Produkt ihnen genug Anlass dazu gibt. Diese Überlegung ist von großer Relevanz seit man uns die furchtbar schöne Frage stellte: Für wen? Diese Frage können wir nun ruhigen Gewissens mit „teils, teils“ beantworten. Die Frage nach der Bezahlung verwerfen wir als fetischistisch und verweisen auf unsere Verweise in unserem Werk oder dessen Haltung gegen irgendwas. Diese zweite Hälfte des Kunstwerkes findet bei den Herren mit den Geldsäcken genauso Verwertung wie der erste Teil, da diese sich alle möglichen Ansichten zueigen gemacht haben, die denen der Künstler oft an Kuriosität nicht nachstehen, kommen wir nun zu dem Schluß, daß es um die Wirksamkeit selbst deutlichster Aussagen ziemlich schlecht steht, weil jede Radikalität im großen Topf des Pluralismus verdampft und zu guter Letzt auch noch das System stützt.

    DD: Und was ist mit Hans Haacke?

    AO: Da bieten sich drei Möglichkeiten an, dieser Falle zu entgehen: 1. Aufzuhören, 2. sich zurückzuziehen und 3. der Authentizität, dem „Es ist, was es ist!“ subversive Kräfte zu unterstellen. Alle drei Möglichkeiten sind furchtbar weil dumm und bequem und abzulehnen, da sie die Kunst der Bourgeoisie kampflos überlassen.

    Wenn sich die Künstler formieren unter der Flagge, auf der geschrieben steht: Meinen Body können sie haben, aber meinen Geist – nie!, so kann das nur im Sinne des Kapitals sein, da das Kapital weiß, was die Künstler nicht wissen: Bisher (einzige Einschränkung) sind mehr Menschen in Guernica durch faschistische Bombenbehandlung umgekommen als Faschisten durch das gleichnamige Bild von Picasso.

    Das heißt auf doof-deutsch: Alle Macht kommt aus den Gewehrläufen. Folgerung: Sollte der Künstler ein politisches Gewissen haben, und darüber hinaus sich an einer politischen Veränderung mitschuldig machen wollen, so soll er genausowenig mit sauberen Händen davonkommen, wie jeder andere.

    DD: Soviel zu Macht und Verantwortung, doch was wird aus der Kunst?

    AO: Die soll auch nicht straflos davonkommen und hier ist der Moment Hans Haacke lobend zu erwähnen. Seine Kunst hätte wirklich die Chance, so häßlich zu sein wie die Verhältnisse es sind, würde er sich nicht zu sehr mit seinen Schokoladenproblemen beschäftigen, die wahrscheinlich nicht die Probleme der Allgemeinheit sind. Da wir nun aber die unbedingte Abhängigkeit und Verantwortung der Kunst gegenüber der Realität zu leugnen verbieten, andererseits aber keine Möglichkeit sehen, die Kunst in unserem Sinne wirksam werden zu lassen, gibt es nur noch eine Möglichkeit: zu versagen.

    Es möge nun keiner, der sich die Kunstgeschichte behagen ließ, falsche Moral daraus ziehen und denken, es sei zuletzt mit der Sünde ein leichtes Ding. Er hüte sich, dies zu sprechen: „Nun sei nur ein lustiger Frevler! Wenn es so fein ausging mit diesen, wie solltest du dann verloren sein?“ Das ist des Teufels Geflüster. Denn noch hat man uns des Auftrags nicht entbunden: zu kämpfen gegen Unrecht, Schlechtigkeit, Häßlichkeit und Tod und Verderben. Wollen wir dennoch unbedingt Kunst machen, so soll die Kunst entsprechend aussehen und hier ist plötzlich Authentizität gefordert, nämlich das oben erwähnte Versagen. Hier kann Schönheit entstehen: Ein Gebet, voll unanständiger Inbrunst, das uns zwar nicht weiterhilft, aber den Weg weist. Ich spreche hier von der post-ungegenständlichen Malerei, welche die Umsetzung der prokrustischen Prinzipien in die Kunst ist.

    DD: Nenne ein besonders fortschrittliches Motto für die Kunst.

    AO: Da fällt mir nur ein Gedicht ein, wieder von Hannemann:

    Erwachet bin ich nun
    schon schlüpft das Licht davon
    behandle deinen
    Geist mit Kaffee
    Die Dunkelheit ist mein Sklave

    DD: Nenne das widerwärtig stinkendste reaktionärste Motto für die Kunst!

    AO: Ich glaube, daß ein Motto, wie jede Aussage die für die Kunst gültig sein will, allgemein richtig sein muß. Mein Freund Martin Prinzhorn machte mich auf die allgemeine gesellschaftspolitische Scheiße aufmerksam, die in dem Satz „Es ist, was es ist“ steckt, als er mir schrieb: „Früher hat es wenigstens noch den Betrug mit dem Erwecken der Hoffnung gegeben. Man hat zwar die Leute betrogen und unterdrückt, aber ihnen immer eine bessere Zukunft versprochen. ‚Es ist, was es ist‘ ist der Slogan des absolut Reaktionären, welches sich nicht einmal mehr einer religiösen Heilslehre bedient, sondern von vornherein dafür wirbt, daß Veränderungen prinzipiell und für immer ausgeschlossen sind. Das Gefolge dieses Slogans ist zwar weder besser noch schlechter als die faschistische Gaukelei, der Slogan selbst trägt aber den Geruch der Auf- bzw. Abgeklärtheit und das ist einer der dümmsten Zeitgeistirrtümer.“

    DD: Gibt es staatserhaltende Kunst? Und wenn ja, gibt es so etwas wie das Gegenteil davon?

    AO: Sieht man von der grundsätzlich staatserhaltenden Kraft der Kunst im Kapitalismus – mit ihrer Aussage „Seht was wir alles aushalten können“ – einmal ab, so gibt es natürlich die widerlichsten Beispiele für Anbiederung und Kumpanei zwischen Künstler und Staat. Leute wie Felix Droese und Horst Jansen können tatsächlich zersetzend wirken und über die Kunst dem Staat gefährlich werden, so wie das 3. Reich letztlich auch bei militärischen Erfolgen irgendwann an Breker und Speer zugrunde gegangen wäre.

    DD: Ermuntert gute Kunst den Menschen zur freien Gestaltung seines Lebens und damit zur Revolution oder stützt sie den Kapitalismus, indem sie beweist, daß seine Produktionsweise auch gute Produkte zuläßt?

    AO: Die Frage nach der Wirkung von Kunst muß man zunächst losgelöst von deren Qualität beantworten. Sogenannte Staatskunst ist, wie ich vorhin schon angedeutet habe, potentiell zersetzend. Dagegen ist Kunst, die in irgendeiner Form den Staat in Frage stellt, potentiell staatstragend. Dies passiert dadurch, daß Kunst immer dumm ist, weil sie etwas zu idealisieren trachtet, und besonders dumm ist, wenn sie etwas denunzieren will und daher immer den, dem sie dienen will, denunziert. So wird die Staatskunst den Staat lächerlich machen und die Avantgarde eine Menge freiwilliger und unfreiwilliger Witze zum Thema Freiheit abliefern. Politik ist grausam und witzig, Kunst ist, davon zu wissen.

    DD: Inwieweit ist Kunst dann überhaupt in der Lage, eine gerechte Sache zu unterstützen?

    AO: Das Häßliche an politischer Propagandakunst ist meistens, daß sie die Kraft, die sie unterstützen will, der Gefahr aussetzt, sich durch die Impotenz der Kunst lächerlich zu machen. Trotzdem kann Propaganda das Schönste sein, was Kunst zu leisten imstande ist. Das ist dann der Fall, wenn sie ihre Ohnmacht kennt und sich als Demutsgeste der Politik gegenüber versteht. In diesem Sinne sind die politischen Bilder Immendorffs, die wie Plakate aussehen, deshalb so wertvoll, weil sie keine Plakate sind, sondern die Kunst zwingen wollen, das auszuhalten, während die auf Effekt abzielenden Bemühungen von Felix Droese eine Zumutung sind, indem sich dort Kunst an Politik anbiedert, anstatt daß Politik der Kunst eine Zumutung ist.

    DD: Haben die metaphysisch-verklärten letzten Begriffe der Kunsttheorie wie Linie, Handschrift, Bildfindung für Dich irgendeine Bedeutung?

    AO: Allergrößte Bedeutung! Sie sind praktisch das Handwerkszeug des Künstlers, wie auch die Fantasie. Die Sache wird nur dann gefährlich, wenn sie metaphysisch verklärt wird, was ja nicht zwingend notwendig ist. Man nennt das Gewichse.

    DD: Hanne Darboven hält Joseph Beys für einen Faschisten, Joseph Beys empfahl Tadeusz, Hans Haacke hält Dokoupil für einen subversiven Strategen, Yves Klein portraitierte Arman und Cesar, Warhol sogar Billy Squire und macht gemeinsame Sache mit Basquiat – warum irren große Künstler so oft und was tust Du dagegen?

    AO: Irren ist doch menschlich, und wer sich am meisten irrt, ist eben am menschlichsten, sagt Büttners Vater Lothar. Und außerdem weiß ich nicht, was ich täte, wenn Billy Squire mein Freund wäre.

    DD: Warum haben wir heute keine großen, dogmatischen Ausschließungs- und Theoriebewegungen wie die SI oder Art & Language?

    AO: Es gibt die Prokrustische Internationale.

    DD: Wieviele Mitglieder hat sie, wo sitzen die und wie ist das Durchschnittsalter?

    AO: Die Zahl der Mitglieder schwankt, da wir ständig durch Ausschlüsse das Durchschnittsalter korrigieren müssen. Zur Zeit beträgt es 29 Jahre und sitzt in Düsseldorf, Hamburg und Graz.

    DD: Welche Haltung ziehst Du vor, die des Zweifel oder die der Gewißheit?

    AO: Wenn man grundsätzlich bereit ist, alles umzustossen, kann man sich Gewißheit nicht nur leisten, dann ist sie Verpflichtung.