Autor: admin

  • James – Das Gift der großen Künstler

    Morrisseys Lieblingsband – aber da gibt es noch mehr zu sagen. Z. B. wie aus Schweigen und Exorzismus eine schöne neue Musik entsteht. Oder wie Tim Booth unter Schmerzen ein Monster gebar. Aus Manchester, vom Ende der Welt (da wo die Sänger auf dem Kopf stehen), berichtet Diedrich Diederichsen.

    Es gilt die Band des Jahres anzupreisen (meine ehrliche Überzeugung!), und ich bin in Manchester (ha!) (Wo sonst?), und der Sänger der besten Band des Jahres steht auf dem Kopf, an so ein seltsames, drehbares Heimtrainer-Gerät angeschnallt: „Es ist gut für den Halswirbel, den ganzen Tag muß er den Kopf tragen, so kann er einmal ausruhen.“ Normalerweise darf ein Nick-Cave-Fan so etwas nicht ungestraft sagen. Er muß doch wissen, daß der faule Witz über den zu schweren Kopf des Poeten hier unmittelbar auf dem Fuße folgt (aber der Fuß ist ja in der Luft!).

    Ja, warum ist James für dieses Jahr das, was The Jesus And Mary Chain und Prefab Sprout für das letzte waren? Wer bin ich, Ihnen das zu sagen!

    So wie The Jesus And Mary Chain das Turner-Bild der Pop-Musik sind (also die Sichtbarmachung der Tatsache, daß Tiefe durch einen äußerlichen Trick entsteht, wie es Per Kirkeby in seinem Aufsatz für den Katalog der Eröffnungsausstellung des Museums Ludwig anhand von Turner so schön bewiesen hat), also der Anfang der ersten wahren Moderne dieser zutiefst im 19. Jahrhundert verwurzelten Kunstform Pop-Musik, so wie Prefab Sprout die größtmögliche Verfeinerung der alten Form und damit zwangsläufig ebenfalls den Beginn der Moderne darstellen, so sind James das erste Beispiel einer neuen Methode, eine Pop-Musik herzustellen, die in einem exorzistischen Prozeß alle vorgegebenen Bedeutungen und Anspielungen aus den sie zusammensetzenden Elementen herausgebrannt hat. Wodurch auch sie wirklich neu klingen. Wozu, wie zu zeigen sein wird, die gute Mischung aus Fanatismus, Naivität und Aufrichtigkeit gehört.

    Mach’ ihn fertig

    Ich muß bei der Kunst bleiben: James machen zunächst fein vertüftelte Zeichnungen in Formaten und mit Materialien, an denen nichts Besonderes ist. Und nebenbei verwenden sie zwar das lang vergessene Stilmittel der „intelligenten Stimme“, das ich nur von Van Dyke Parks und Robin Williamson kenne und das feine, weiche, leise Stimmen meint, die sich ganz besonders schön anhören, wenn sie singen, was sie nicht singen sollten: Gröhl-Chöre, beschwörende Bässe, luftige Höhen, aber immer davonkommen mit ihren besserwisserischen Kehlköpfen. Und wenn Williamson bei frühen Incredible-String-Band-Platten z. B. versucht zu singen wie der Minotaurus, dann ist das sehr ähnlich Tim Boothes Momenten echter Verlorenheit in den Grüften der „Black Hole“. Aber auch die intelligente Stimme wie eben alles hört sich hier an, als hätte es noch nie abstrakte Zeichnungen gegeben, wie die Erfindung des Krickelkrakel.

    Tim Booth stammt aus einem Mittelklassehaushalt der legendär-versponnen-armen Grafschaft Yorkshire und ist 26, James Glennie (Baß) und Gavan Wheelan (Schlagzeug) sind vier Jahre jüngere Lads aus Manchester, die behaupten, bei der Gruppengründung vor vier Jahren noch nicht sprechen gekonnt zu haben. Der 29-jährige James Gott ist später hinzugestoßen, nachdem sich sein Vorgänger zum Problem entwickelt hatte. Als man sich kennenlernte, hat man ein Jahr lang nur gespielt und nie miteinander gesprochen (ging nicht!): brachiale, wütende, wilde Sessions. Erst einmal haben sich alle gegenseitig umgebracht mit ihren Instrumenten, um dann die Waffen auch noch gegen sich selbst zu richten. Wenn einer einen anderen bei einem Zitat erwischte oder auch nur bei einem Anklang an etwas Bekanntes: Gib ihm Saures! Leg Lärm auf das Klischee! Mach ihn fertig, den sauberen Saftsack!

    So ging es eine Weile. Dann sah man sich erschöpft an und wollte aus den Exorzismen Songs machen. Wieder wurde (ohne zu sprechen, alle Kommunikation lief musikalisch, da draußen in Manchester am Rande der Welt) gnadenlos alles Erkennbare, Identifizierbare ausgemerzt, dem geilen Phantasma des Eigenen hintergejagt, voll kindlicher Größe. Tim: „Schließlich waren wir uns sicher, alles Fremde vernichtet zu haben, und schrieben eigene Songs. Doch plötzlich merkten wir, daß es alte Kinderlieder waren, Weihnachtslieder und Nationalhymnen. Wir waren mit unserer Vernichtungs-Arbeit plötzlich bei unserer Kindheit angelangt.“

    Helfend kam die Realität dazwischen in Form erster Touren, darunter einer mit The Smiths, die dazu beigetragen hat, der Band das eine der beiden Klischees einzutragen, gegen das sie heute noch kämpfen: „Morrisseys Lieblingsgruppe“. Das andere heißt „Vegetarier“: „Ich esse kein Fleisch, zufälligerweise, deswegen würde ich mich doch nicht Vegetarier nennen, ich definiere mich doch nicht über meine Eßgewohnheiten“, sagt Tim, wortreich, inzwischen von dem Heimtrainer herabgestiegen, mit der leicht effeminierten Eindringlichkeit des britischen Narzißten: „Ich würde mich auch nicht ‚homosexuell‘ nennen, oder am Ende gar ‚heterosexuell‘, ich bin ja schließlich auch nicht meine Sexualität.“ Seltsamerweise erinnert er mich genau in diesem Moment an Boy George. Ich heiße Diedrich, ich bin Alkoholiker.

    Frankensteins Monster

    Während dieser Tour wurde dann plötzlich gesprochen. Differenzen in allen wesentlichen Fragen zwischen Politik, Religion und Musik entstanden, der Ausmerzungskampf im Dienste der Erneuerung verlagerte sich auf die diskursive Ebene. Vor allem Gavan nimmt grundsätzlich den politisch radikalen Standpunkt ein, während Tim sich seine poetisch-eigenen leicht versonnenen Gedanken macht. (Jetzt erinnert er mich an Moritz Rrr.) Ein Veto-System beginnt die inneren Kämpfe zu regeln, erste Übereinkünfte werden erzielt. Gavan würde den Miners-Streik lieber bedingungslos unterstützt haben, Tim rechnet Scargill taktische Fehler vor: „Man macht einen Kohle-Streik doch nicht im Frühjahr, wenn kein Mensch Kohle braucht.“ Gavan: „Die Regierung hat ihn dazu gezwungen.“ Tim: „Wenn man England für ein Anliegen gewinnen will, muß man Kompromisse machen, wenn man als Mohawk-Punk demonstriert, darf man sich nicht wundern, wenn die Mehrheit verschreckt ist!“ Gavan: „Man darf keine Kompromisse machen, man muß die Mehrheit zu sich herüberziehen, das ist doch genau wie in der Musik, du würdest doch unsere Musik nicht verändern wollen, um in die Charts zu kommen.“ Tim: „Wer weiß? Unsere Musik nicht, aber vielleicht sollten wir uns ein nettes Image ausdenken und nur in Leder auftreten.“ Ich: „Kleidung und Image ist wieder eine Kunst für sich, die nicht jeder beherrscht, seid doch froh, daß ihr die Musik erst mal bezwungen habt. Macht doch keine dummen Witze, Kinder!“ (Dabei liebe ich dumme Witze!) Alle: „Das wäre kein dummer Witz. Das würde passen, wir sind live eine düstere Band, wir machen zuweilen reine Lärm-Sets, wir können Heavy-Metal spielen.“ Und so weiter.

    Auf den Touren ging das weiter, was sprachlos begonnen wurde: alle eventuell erkennbaren, nachvollziehbaren Individualitäten der einzelnen Instrumente, alle Stellen, die zu viel über Traditionen, Herkunft und Werdegang verraten hätten, wurden nun wegdiskutiert: Das Monster James sollte außerhalb der nichtigen Individuen, die es geschaffen haben, wachsen, wirken und Landstriche der Häßlichkeit verwüsten: „Wir hätten uns auch ‚Frankensteins Monster‘ nennen können, aber unser früherer Gitarrist wollte, daß wir uns nach einem Gruppenmitglied benennen. ‚Tim‘ kam nicht in Frage, weil es dann die Band des Sängers gewesen wäre. ‚Gavan‘ nicht, weil man es dann für Heavy Metal gehalten hätte, er selber war zu bescheiden, also haben wir uns nach Jim hier benannt, unserem Bassisten, es ist seine Band.“

    Hammerklausur

    Man unterhielt sich nächtelang auf diesen Touren und lernte zu formulieren, was man schon länger wußte. Worum geht es bei James? „Um unsere Beziehungen untereinander, um die Vertiefung unserer Beziehungen, darum, uns immer besser kennenzulernen.“ Aufgehen im Monster eben. Das Publikum brauchen sie dazu ganz im Sinne der Pete-Townshend-Auffassung, daß ein Rock-Konzert ein Scharmützel ist, die Band ein Kommando und die Verhältnisse innerhalb der Band die von Kriegskameraden, ein Bonmot dies, das James begeistert aufnehmen: „Klar, wir stehen an der Front!“

    Ja, aber das stehen alle Bands, dieses Gefühl, etwas Neuerfundenes vor sich zu haben, geben mir die anderen aber nicht, dieses beständige Ausweichen vor der Häßlichkeit, das in Wahrheit kein Ausweichen, sondern ein Überrennen ist: „So many traps have been laid / how can you avoid one“, singt Tim in „So Many Ways“. Und die Antwort ist ganz klar, du kannst dich um Häßlichkeiten nicht ewig panisch herumspielen, herumkomponieren, um nicht zu sagen herumdrücken (Wir sind ja nicht bei den Woodentops!); wenn man soweit gegangen ist, seine arbiträren Vorlieben bis auf den Grund der Kindergarten-Prägung vernichtet zu haben, kann man als Otto-Mühl-mäßig Neugeborener alles machen, und alles kommt frisch und neugeboren aus der psychodynamischen Hammerklausur herausgekrochen (inwieweit auch dies eine Falle ist, dürfte sich später herausstellen. Gedanklich ist es zwar unhaltbar, bzw. es ist vollkommen undenkbar, zu glauben, man könnte sich aus der Kulturgeschichte herausstehlen, aber dann wieder nicht: denn hier geht es ja nur darum, den persönlichen Ekel vor den bekannten Elementen auszumerzen, die Verwurstung der Elemente der Musik mit den Elementen des eigenen Lebens, die stumpfe innere Assoziationsmaschine zu töten, die in den scheinbar naturgegebenen konventionellen Zusammenhängen der Elemente steckt, um sie so frisch und anders zusammensetzen zu können. Wie anders könnte man übrigens fanatisch und naiv definieren? Zu glauben, daß ein Gitarrenschrummschrumm und eine durch die Oktaven sausende Stimme etwas anderes bedeuten könnte plötzlich und damit auch noch recht zu haben. Da ist er wieder: der Trick, der Tiefe entstehen läßt. Und wenn der Trick Gruppendynamik heißt).

    Obwohl alles Produzierte zunächst häßlich ist, Produzieren immer die reine Häßlichkeit und Peinlichkeit, sich hervorwagen und so tun, als wäre es diesmal ausnahmsweise nicht häßlich. Aber nicht so billig à la Kann-man-wieder-machen, sondern mit einer Begründung (dem Exorzismus), der als Begründung theoretisch nicht reicht, aber das Billige verhindert und somit subjektiv für die Band funktioniert und dadurch auch zum objektiven Gelingen des Kunstwerks beiträgt: Genug gesagt?

    Lob der Krähe

    Ja, es gibt eine Ausnahme vom radikalgesamtdemokratischen Veto-System bei James, nämlich natürlich die Texte, also Sänger Tim, der eben doch am meisten sagt und der mir zum Beispiel „Scarecrow“ erklärt: „Crow war der Spitzname von Patti Smith, und die hat einmal gesagt, daß sie mit der Musik die Barrieren zwischen den Nationen vernichten wolle, und das war mir suspekt, also sie hat da sozusagen ein spirituelles mit einem Ego-Anliegen verwechselt, obwohl es mehr ein Witz ist, daß ich singe, ‚Don’t Mix Your Ego With Your Soul‘.“ Ein typisch amerikanisches Anliegen, Weltherrschaft durch Rock’n’Roll. „Na ja, jeder bekiffte Künstler könnte so was sagen!“ Unnötig zu sagen, daß Produzent Lenny Kaye diesen Text geliebt hat, zumal die Patti Smith Band in dem Lied ein besonderes Lob abbekommt.

    Genie und Gesundheit

    Das ist ein supernettes Dilemma von Tim (eigentlich ist es gar keines). Er liebt die großen ausgemergelten Poeten, liebt Patti Smith, Iggy Pop, Nick Cave: „Aber ihr Lebensstil, grauenhaft!“ Das Wort Junkie spricht er nachgerade pikiert aus, nichts läge ihm ferner. Und schön auch, daß er Patti Smith verehrt, wie diese Bob Dylan verehrt, wie der Rimbaud verehrt, im Gegensatz aber zu Patti Smith, die daraufhin ihrerseits Rimbaud las und wieder einmal für eine Generation von Ami-Dichtern die Verantwortung trägt, die unsanft mit europäischem Erbe umgehen, nie eine Zeile Rimbaud in die Hände nahm. Er singt über „Johnny Yen“, weiß, daß dieser ein Burroughs-Charakter ist, kennt aber nur den Song von Iggy Pop, will nichts wissen von den Ursprüngen der Mythologie („Gedichte? Furchtbar langweiliges Zeug“), als Sänger der Band der Zukunft will er seine eigene unbelastete Mythologie schreiben, für diejenigen, die dann Patti Smith nur vom Hörensagen aus den Worten des großen Timothy Booth kennen und unter denen es einige Beflissene geben wird, die sich antiquarisch Babel besorgen. Vielleicht.

    Es ist Timothys Hauptproblem, daß er so gesund und klar und selbstverliebt ist und nie in die Nähe einer ausmergelnden Laufbahn geriete, aber andererseits diese tragischen Dichter so verehrt und irgendwie und ohne das zu sagen, ein niedliches Schuldgefühl hat, weil er so untragisch ist. Man kennt das ja: Kann ich ein Genie sein, ohne den Tod zu meinen täglichen Trinkgenossen zu zählen? Was bin ich wert, der sich mir Satan noch nie persönlich vorgestellt hat? Ich wär gern Faust, aber Mephisto doesn’t live here anymore.

    Tim Booth passierte in seiner Jugend folgendes: Sein Vater lag im Sterben. Qual, Streß, Pubertät. Tim geht entnervt auf sein Zimmer, spielt die Cassette, die gerade im Recorder liegt, und Patti Smith singt ausgerechnet das lange, elegische „Birdland“, das mit den Zeilen beginnt: „As father died …“, um dann lange in Begräbniseindrücken zu schwelgen. Das war seine Initiation. Heute träumt er solche Sachen: „Ich seh all die Bilder meiner Helden, du kannst dir vorstellen, welche. Einige sind schon tot. Und eine Frau kommt zu mir und gibt mir einen Becher. Sie sagt: ‚Das ist das Gift, das alle großen Künstler zu sich nehmen müssen.‘ Und ich trinke es, und plötzlich wird mir klar, daß der Preis ist, daß ich so aussehen werde, wie diese Helden von mir, krank, zusammengeschrumpelt, eingefallen, und ich flehe die Frau an: ‚Nein, ich will nicht. Mach die Sache rückgängig!‘ Und sie: ‚Jetzt ist es zu spät.‘ Und, ich kriege die Panik. Da lenkt sie ein und öffnet meinen Mund mit einer riesigen Kneifzange und langt ganz tief in den Rachen und holt ein riesiges glitschiges Ding da raus, kindskopfgroß. So schnell hatte das Gift schon gewirkt … Später sah ich in dem Traum noch einmal alle meine Helden, und sie sahen so schrecklich aus …“

    Und das glitschige Ding war natürlich nichts anderes als der Embryo des Monsters James, der kleine pränatale James, der inzwischen längst geboren ist und läuft und kreischt und spuckt wie ein kleiner Punk-Rocker. Das neue Kind. Die Zukunft, James eben, der kleine ausgetriebene Teufel, der Kleine von Mephisto.

    „Trink mich?“

    Schließlich haben wir uns ausgesprochen, ich meine Sachen zusammengepackt und der French-Horn-Spieler ist angekommen, mit dem dann, wie ich höre, als ich vor dem Übungsraum auf das Taxi warte, gnadenloser Mantra-Jazz zusammengejammt wird. Was ist Kommunismus anderes, als daß jeder Faust sein darf, denke ich mal wieder, während das French Horn seine rätselhaften Schleifen zieht. Die Schwäne sterben in den Flüssen, aber die Enten werden von Tag zu Tag schöner.

  • Working Week – Das Herz der Kultur in der Mördergrube des Zusammenstoßes

    Uh, oh, Jazz, du ungelöstes Menschheitsproblem. Tausendundeine fragmentarische Novelle nach der anderen sonderte Scheherazade Diederichsen schon zu diesem Thema ab, ringend mit den Engeln, Teufeln und Dämonen bis er Working Week traf, das große Ding (nicht nur) vom letzten Jahr. Musiker, Schicksale, Charaktere, Gedanken, die Antworten zulassen, auf diese größte aller Menschheitsprobleme. Es ist an der Zeit, den Kopf aus dem Fenster zu halten – auch davon handelt diese Musik (just a little bit, just a little bit) …

    Working Week sind bestimmt keine Band, die es darauf anlegt, hip zu sein. Working Week ist ja eher eine intelligente Band, und als solche legt sie es darauf an, weder unbedingt hip sein zu müssen, noch ausdrücklich etwas dagegen zu haben; im Gegenteil, man ist ja so intelligent und links und sowohl Pop-Kultur- wie richtige-Musik-geschult/bewußt.

    Oh, wie sie keine Fehler machen! Ihr großer Sieg: Durch sie ist Kompetenz hip geworden (wenn das keine contradictio in adjecto ist, darfst du Aristoteles zu mir sagen, oder Brösel). Dreimal dürft ihr raten (falls ihr es bei Erscheinen nicht schon wißt), von wem diese Band wohl eine Coverversion macht. Wie man weiß, sind sie nicht blöd und rennen in keine Fallen und machen also bestimmt nichts von Stan Getz, Charlie Parker, Aretha Franklin, John Coltrane – das wäre alles zu geschmackvoll-offensichtlich oder zu blöd. Auch der Backkatalog von Velvet Underground, David Bowie und The Jam ist vor ihnen sicher, ebenso natürlich zu Obskures wie Grachan Moncur III oder die musikalischen Versuche von Staatsschauspieler Richard Chamberlein. Schließlich sind sie nicht die Prefab Sprout des New-New-(Pop)-Jazz. Bleibt, mit zwingender Logik, nur Jimi Hendrix.

    Falsch geraten. Es ist natürlich Captain Beefheart. Klasse, was, denn Captain Beefheart ist natürlich alles und supergut, und jeder weiß es, aber bestimmt kein Swing oder Jazz oder irgend etwas, was man, und wenn es ein Mißverständnis wäre, in Absolute Beginners packen könnte. Aber andererseits ist er natürlich gerade Jazz („That’s right, The Mascara Snake, fast’n’bulbous“ – „Tight also“), in eben diesem höheren Sinne, in dem Working Week das Schöne, Gute und Wahre zu fusionieren vermeinen.

    Wie kommt es eigentlich, daß Simon Booth in fast allem, was er sagt, unrecht hat, aber trotzdem alles immer irgendwie hinhaut (er drückt sich nicht etwa unklar aus)? Wie kommt es weiterhin, daß Larry Stabbins in fast allem, was er sagt, weder recht noch unrecht hat, sondern faktische Fakten hinknallt (über deren normative Kraft Klügere als ich schon Bemerkenswertes gedacht haben sollen). Was ich sagen will, ist: Ein typischer Simon-Booth-Satz ist z. B.: „Das einzige Konzept, an das ich glaube, ist das des Culture Clash.“ Ein typischer Larry-Stabbins-Satz ist: „Klar, das ist auch gut. Ich habe es schließlich schon seit Jahren gespielt, aber es paßt nicht zu dieser Band.“ Oder: „Klar, der ist auch gut, mit dem habe ich auch schon oft gespielt.“

    Nun will ich aus meinem Herzen keine Mördergrube machen: Ich hasse Culture Clashes, vor allem, wenn sie Konzepte sind. (Nicht nur, weil es immer einen Sieger und einen Verlierer gibt bei so was. Meistens siegt der Baum, Mensch und Auto bleiben auf der Strecke. Im Sterben wickeln sie sich um den Sieger.) Ich glaube, man sollte an sich arbeiten, und nicht an irgend etwas Fremdem herumpusseln, man kann sich ja was aneignen, aber dann wird es einem eigen und ist nichts Fremdes mehr, und es gibt keinen Clash, sondern pure friedvolle Schönheit und Sphärenharmonie. Ich meine, die Dinge sind ohnehin schon so schrecklich gemischt. Nur weil Faschisten und Schweine gegen Rassenmischungen waren und sind, muß man als progressiver Mensch nicht unbedingt alles andere mischen wollen. Bekanntlich ist dabei noch nie etwas Gutes rausgekommen (jedenfalls wenn es bewußt geschah: Zitat-Pop wurde scheiße, als er so hieß und sich auch so fühlte, und Jazz meets India war naturgemäß immer schon kacke, nicht kacke dagegen war’s, wenn einzelne durchgeknallte Free Jazzer – Sanders, Cherry etc. – für Bali, Indien oder Japan sich begeisterten und sich das Zeug zu eigen machten, beseelt und bescheuert, wie es sein muß).

    Hockey aus Neuseeland

    Also wer clasht denn hier?

    Larry Stabbins, ein unglaublich sympathischer Free-Musiker, Duz-Freund von Brötzmann, der aussieht wie ein uralter Tennistrainer, der Prä-Tiriac/Bosch-Ära, ein Hockey-Nationaltorwart von Neuseeland, ein Cricket-Crack, der mit all diesen Eigenschaften, Lakonie und Korrektheit britischer Prägung, zeit seines Lebens ausgerechnet freie, improvisierte Musik gemacht hat. Weiterhin Simon Booth, der Jazz-Rock und Fusion immer gehaßt hat und Velvet Underground und Bowie und Marvin Gaye liebte und wie alle Beteiligten von der Idee besessen ist, Brötzmann sollte zur Punk-Nacht im „100 Club“ aufspielen – Brötzmann wird ja immer vorgeschoben, wenn Jazzer beweisen wollen, wie frisch, radikal, jung und wahnsinnig ihre Musik noch im hohen Alter klingen kann – und er trägt eine modische Brille mit Kordel, lispelt sehr nett und verrennt sich in Idealismen („Musik ist eine internationale Sprache“), Lieblingsbuch: Die Autobiografie eines tschechoslowakischen Swing-Waldhornisten, der erst von den Nazis und dann von den Stalinisten daran gehindert wurde, Jazz zu spielen (was Bosheit und Verschlagenheit von Nazis wie Kommunisten zirkelschlußmäßig ebenso beweist wie die Subversivität von Jazz).

    Als drittes Mitglied clasht dazwischen: Julie Roberts. Sie macht mich inkompetent (also hip). Ich verstehe nichts von dem, was sie ausmacht, ja was sie nicht nur ausmacht, was sie geradezu stolz und groß und dick und schön macht: Ich bin weder Frau, noch schwarz, noch Negerin, noch Sängerin, und von Soul habe ich auch keine Ahnung, jedenfalls von Soul, der von Frauen gesungen wird. Sie ist während des Interviews etwas mucksch, weil ich die ganze Zeit auf dem Problem herumreite, ob man etwas zusammenfügen darf, das Gott getrennt hat, oder nicht, und ob es nicht besonders perfide sei, Pop-Songs mit Jazz zu versetzen, wenn man Jazz auch noch zu allem Überfluß richtig spielen kann. Ihr prägnantestes Statement war, darauf zu bestehen, Working Week habe kein Image, man ziehe sich nur zufällig und höchst individualistisch und frei entscheidend so und so an, um dann mit den Worten, „ich muß nun zum Ladies Room“, für eine halbe Stunde zu verschwinden.

    In der Zwischenzeit ist das Gespräch beim perfekten Song gelandet, besser: bei der Existenzberechtigung des Songs schlechthin (im Gegensatz zum Jazz, zur Improvisation, zur rechtmäßig-avantgardistischen künstlerischen Unverdaulichkeit des freien Jazz, dem Larry Stabbins fünfhundert Jahre lang gedient hat). Simon Booth wird seltsam euphorisch (während Larry Stabbins mit seinen Cricket-Fingern knackt), er richtet sich auf dem Sofa auf und zitiert Roland Barthes und sagt etwas über „Walk On By“ und die generelle Tatsache, daß Songs traurig, absolut herzzerreißend niederschmetternd, aber dann wiederum doch absolut schön und damit aufbauend, ermutigend sein könnten.

    Aber eben genau das ist es, was Jazz nicht ist, denke ich, und so sage ich zu Booth, Jazz sei eben nicht einsetzbar, Jazz ist verdammt noch mal Kunst, Alte-Männer-Kunst, aus Prinzip unkonsumierbar. Wenn man Jazz hört, kann man ihn nicht aufessen, es bleibt immer ein Rest, und deswegen ist aktueller und somit atonaler Jazz nie erfolgreich (ist also nichts mit Crossover-Crossculture: Wenn man den Kids Jazz nahebringt, macht man Pop, den man Jazz nennt, und den hören sie ja sowieso. Oder man injiziert Jazz-Soli in ungefährlichen Dosen. Booth widerspricht auch hier, und Stabbins bringt auch hier die Fakten. Gerade in Deutschland und Japan wären die puren Jazz-Einlagen ihrer Konzerte bei den Pop-Kids über die Maßen gut angekommen, ja in Japan hätten sie mit 16-Jährigen gejammt, die aus dem Hut zaubern konnten wie der junge Parker).

    Frankensteins Tochter

    Es ist ein widerlicher Gedanke, aber er muß raus: Es gibt zwei Schönheiten. Die Pop-Schönheit, unverdient, verführerisch und verschwenderisch wie die Jugend selbst (geliebter Frühling meiner Tage, wie voller Anmut strahlst du), und die Kunst-Schönheit, und die muß verdammt noch mal verdient sein. Ein junges Mädchen mit einem schönen Gesicht – immer gut. Eine junge Frau mit einem schönen Gesicht muß sich diese Schönheit verdient haben, sonst ist sie Maruschka Detmers. Wenn man nun aber Larry Stabbins heißt und sich die Kunst-Schönheit von Alte-Männer-Unverdaulichkeiten verdient hat, kommt man doch nicht auf die Wahnsinnsidee, sich als Orson Welles plötzlich für Sue Lyon zu halten.

    (Natürlich gibt es auch noch die Alte-Männer-Pop-Schönheit von Cale und, da wäre er wieder, Captain Beefheart – aber wir hatten uns ja geeinigt, daß der Jazz ist –, aber die kommt hier nicht in Frage. Ach welch Qual und Uneinsichtigkeit meinerseits, hatte ich mir doch früher immer gewünscht, nicht allein zu stehen mit dem Gedanken, daß Marvin Gaye und Cecil Taylor große Musiker seien, warum muß ich diesen Gedanken heute, wo er breit durchgesetzt ist, wieder bekämpfen? Wegen seiner Verwässerung? Wegen der Musik, die mit ihm sich legitimiert? Aus greisenhafter Renitenz und Besserwisserei?)

    Aber er hält sich ja gar nicht für Sue Lyon, eher für Dr. Frankenstein. Denn ist nicht Working Week die erste Band, der die Jugend – flirrend vergängliche Schönheit (Pop, Songs, Schmachtfetzen) – künstlich herbeizuschaffen, kraft im Labor konstruierter Kompetenz, gelungen ist? Kraft einer Kompetenz, die übers Spielenkönnen hinausgeht, die mit einer exzellenten Kennerschaft der wichtigsten Musiker bei den drei Musikern aufbaut (Free Jazz, Bowie/Velvet, Soul). Keiner der drei ist unbedingt auf einem dieser drei Gebiete ein Groß-Meister, aber kein anderer hat auch bislang versucht, diese drei Gebiete zusammenzubringen, und zwar nicht Clash-Konfrontation-Provokation-mäßig, sondern additiv (was naturgemäß immer die schönste Verschmelzung ist: die additive). (Gretchenfrage: Kommt es zum dialektischen Umschlag?, Gretchen ab.)

    Also Fusion doch gut? Nein, aber Fanatismus. Echter Musik-Fanatismus, nicht ein Konzept treibt seltsame Blüten, nicht die von den zufälligerweise nebenbei noch als intellektuelle dilettierenden Musikern nachgereichten Ideen, sondern Musiker-Fanatismus, ideenloser.

    Noch ein Problem. Jazz wächst und entwickelt sich. Manchmal bleibt etwas als Formel stehen und wird Pop. Das ist nicht nur okay, sondern schön, und die Geburt von Rock’n’Roll, Soul etc. verlief genauso (Hallo Jazz, alter Mephistopheles!). Dann gibt es den Versuch, den Jazz, seine Methode, sein E-Musik-haftes Wachsen und Entwickeln in die Pop-Musik zu integrieren (Chicago), um sie kulturell zu erhöhen, was nicht funktioniert (es ist in etwa so idiotisch, wie wenn Maler ihr Publikum mitmalen lassen würden), und es gibt die Pop-Musik, die aus sich selbst heraus anfängt zu delirieren (zu wachsen), was wiederum schön ist: Soft Machine, Beefheart. In Simon Booth verbindet sich Typ 1 mit Typ 3 aufs netteste (auch wenn er blöderweise Charlie Mingus’ Autobiographie für sexistischen Unsinn hält, auch hier hat Stabbins wieder das bessere Argument, er meint, Mingus hätte sie nicht selbst geschrieben), und er haßt Typ 2 („Ich hasse Mahavishnu und Brand X, aber ich mag McLaughlins erste Solo-LP, Extrapolation.“ Ich auch.).

    Noch zwei Meinungsverschiedenheiten. Booth und Stabbins mögen die Ornette-Coleman/Pat-Metheny-Platte und zitieren einen befreundeten Journalisten mit den Worten: „The acceptable face of fusion.“ Ich hasse diese Platte, Cecil Taylor auch: „Ornette is dancing on his head.“

    Zweitens: Sie hassen Absolute Beginners. Ich finde, daß dieser Film wenigstens ganz schnafte die britische Pop-Lebenslüge untermauert, aller guter Pop/Jazz/Soul sei britisch und sie hätten keinen R&B, Blues, Rock’n’Roll aus USA gebraucht, sie hätten ihre eigenen Schwarzen (Ska, Bluebeat). Rock’n’Roller seien zynische Faschisten.

    So gesehen, finden sie den Film dann doch wieder gut, weil sie es politisch wichtig finden, daß die Amis englische Soul-Platten kaufen.

    Ein herrlicher Lattenschuß

    Noch ein echtes Problem, das aber mein Problem bleiben sollte, weswegen ich es wenigstens soweit für mich behalten will, daß ich es in Klammern setze: (Ich habe noch nie ein Stück von Working Week wirklich gut gefunden; immer ganz gut zwar, auf dem richtigen Wege, schön gedacht, herrlicher Lattenschuß, knapp vorbei, da hätte Toni Schumacher sich umsonst gestreckt, wenn der Ball nur ein paar Zentimeter …, schön durchgesetzt, aber zu unplaziert im Abschluß, herrliches Solo, aber nicht präzise genug, eben nicht Soft Machine, sondern allenfalls fanatisch und gut genug, Beefheart und viele, viele andere richtig einzuschätzen. Warum Working Week, wenn ich mir genauso gut erst Dionne Warwick, dann „Pale Blue Eyes“ und dann „Air Above Mountains (Buildings Within)“ von Cecil Dingsbums auflegen kann? Ich weiß warum, wegen live. Und live habe ich sie noch nie gesehen, und deswegen bin ich ja inkompetent und Kompetenz als frankensteinmäßiges Mittel künstlich-ideenmäßiger Konstruktion von Schönheit ist ja das Leitmotiv des Artikels.)

    K.O.M.P.E.T.E.N.Z. / Ja das ist doch wirklich nett / dafür geh ich jetzt ins Bett / und esse noch ein Brot mit Mett, äh, kannst auch Otis zu mir sagen.

  • P.S. Zeitschriften (II)

    Viele Mitbürger haben sich besorgt an mich gewendet und gefragt, ob ich in der letzten Nummer nicht die schlimmsten, die bürgerlichen Zeitungen und Zeitschriften vergessen hätte. Nun, habe ich nicht, hier sind sie, aber sie sind nicht die schlimmsten. Ein Nachwuchsliberaler ist immer schlimmer als ein alter Liberaler, der bald sterben wird. Weizsäcker ist uralt und aus einer anderen Welt, man kann ihn vergessen, er ist nicht symptomatisch (wie Kohl). Seine Popularität ein ewiges und ekliges, aber zu vernachlässigendes Symptom wie Dixieland-Frühschoppen der FDP. So ist auch Die Zeit.

    Anna von Münchhausen: „Die Pille hat Geburtstag“ steht in rot als Zeit-„Dossier“-Verheißung über der Nummer von diesem Donnerstag, wenn das nicht ehrlich ist, Journalisten zu beschäftigen, die den Namen des Lügenbarons tragen und nicht mal lügen müssen, um so etwas unendlich Langweiliges zu verzapfen. Jedes Jahr wird sie ein Jährchen älter, die Pille, wie der Heizlüfter, der Leifheit-Trockensauger, die Espresso-Maschine. Margarete von Trotta und ein André Müller fragen sich, ob die Welt besser wäre, wenn Politiker weinen würden (Buhuuuu. Sie weinten „Das Teddybuch“). Wer erinnert sich noch an die große „Darf-Blue-Boy-weinen?“-Debatte in der Spätsechziger-Bravo um High Chaparral? So weit wie Die Zeit heute, war Bravo vor 20 Jahren allemal. Trotta haßt sich. Warum? Ihre Eifersucht (schon wieder ein Dr.-Sommer-Thema). Die alte Kuh sagt, sie hätte schon zehn Mal den Fragebogen des FAZ-Magazins (den besten geistigen Warentest der BRD) zurückgeschickt, weil sie ihn schwachsinnig fände (der Hund findet den Mond schwachsinnig). Disqualifiziert. Ausgeschieden. Der Rest der Nummer (Feuilleton) wird von älteren Herren vollgeschrieben: Wapnewski, Harig, Jens – die Weizsäcker des Geistes, allemal erträglicher, weil fossiler als die Kohls: Greiner.

    Lustig wird’s beim Zeit-Magazin. Da geht Eckhard Henscheid, der „ehedem durchaus verehrliche“ (Henscheid über einen anderen), Woche für Woche öffentlich vor die Hunde, macht sich zum Affen im Namen seines einzigen und kläglichen Gedankens, daß sprachliche Anachronismen schöneres Deutsch seien als Szene-Sprache (du meine Güte! Dabei hat er selbst stilbildend mit seinen schönen, alten Blähungen dazu beigetragen, daß dieser Slang die neue Szenen-Sprache wurde; vgl. Stadt-Magazine, insbesondere sog. „Kolumnen“). Was Woche für Woche bei der Lektüre seiner Geistreicheleien übrig bleibt: Johannes Gross ist besser. Was man sich Woche für Woche fragt: Warum sagt dem bei Titanic (immer noch eine der drei besten Zeitschriften Deutschlands) keiner was? (Auch dort konnte man die Zeit-Magazin-Kolumne schon ahnen, anhand seiner Rubrik „Erledigte Fälle“. Meistens eben genau das und daher eigentlich nicht der Rede wert, dann wiederum aber doch zu blöd und unverschämt – auf die Tour gegen den jede Differenziertheit verdienenden, höchst einzig- und eigenartigen Handke einzudreschen! Oder, wie einmal, was ich sehr übelgenommen habe, in einem Nebensatz gegen Jean-Marie Straub.)

    Neulich hat ein Redakteur des Zeit-Magazins bei Albert Oehlen und Werner Büttner angefragt, ob sie für sein Blatt den Roman Das Grau der Karolinen von Klaus Modick illustrieren wollten (indem sie das darin eine Hauptrolle spielende Bild nachempfinden). Ein Unroman mit Werbeleuten und Kunstfreunden („kein einziger guter Satz“, Büttner) und Bildern eines unbekannten toten Künstlers, die dieser auf den Karolinen versteckt hat und die so ein „beruhigendes“ Grau haben (daher der Titel), das den einen Kunstfreund einfach nicht losläßt („beunruhigt“). Während Büttner als alter Jurist noch überlegte, ob das Ansinnen des Redakteurs den Tatbestand der Beleidigung hinreichend erfülle und rechtliche Schritte angezeigt seien, fragte der Redakteur den absagenden Albert, ob dies (die Absage) nicht unkollegial gegenüber den Künstlern sei, die schließlich mitmachen würden. Toll, was? 1) dieser furchtbare Irrtum von der Kollegialität in der Kunst; 2) die Vorstellung, daß nicht der Streikbrecher, der eine Scheiße wider alle Moral doch mitmacht, unkollegial ist, sondern der mit Recht Streikende und 3) diese routinierte Ahnung von der Scheiße, die er da anrührt, die aus diesem Satz des Redakteurs spricht. Vor kurzem ist das Ding nun erschienen. Klaus Fußmann und – of all people – Dieter Asmus von der Gruppe Zebra haben die Illustration besorgt. Das Beste, was man über diese Künstler sagen könnte, ist, daß sie vielleicht wenigstens noch soviel Selbstbewußtsein haben (in ihrem Elend), daß sie gute Künstler wie Büttner/Oehlen hoffentlich wenigstens nicht leiden können und so auf deren Kollegialität (gemeinsam produzierte Scheiße macht stark) wahrscheinlich verzichten würden. Wegen des Rätsels braucht man das Mag auch nicht mehr, denn es gibt ja jetzt Perplex.

    Nach circa dreißig Minuten hat man die Donnerstagspresse durch, dann kann man wirklich anfangen zu lesen, im neuen Mickey-Maus-Heft: „‚Die Angst beflügelt den eilenden Fuß.‘ Ja, unsre klassischen Dichter! Die kannten das Leben.“ (Gustav Gans auf der Flucht vor einem Tiger) Darauf Donald Duck: „Werd nicht poetisch! Dazu ist die Lage zu ernst.“ Recht hat er.

  • The Smiths – Der soziale Dandy

    The Smiths sind die Band der Stunde. Mehr denn je. Die Stimme Englands jenseits von Hipness und Kult. Die aktuellen Vertreter der alten britischen Stärke, den Widerspruch zwischen Dandytum und Sozialismus vermitteln zu können. Bei aller scheinbaren Mickrigkeit. Der imaginäre Tod der Queen inthronisiert den gebrochenen Realismus Morrisseys als offizielles verbindliches Idiom der zeitgenössischen Popmusik.

    Dandyism starts at home. Oder? Barbarism dagegen endet meistens auf der Straße oder in der freien Natur, während der Dandyism zu Hause bleibt. Ginge er auf die Straße, würde er bestenfalls zum amüsiert-unbeteiligten Studenten des menschlichen Dramas, im üblichen Fall aber haßt er die Menschen (und zieht schon mal ihre Vernichtung in Erwägung). Nur der englische Dandy ist natürlich wie alles aus England ganz anders, er ist der Linksverkehr der conditio humana, er fährt auf der falschen Seite, denn in England will der Dandy sogar, daß die Tiere am Leben bleiben.

    Schlauberger könnten einwenden, daß sei eben das Dandyhafte an Morrisseys sozialer Seite, sozusagen, wenn der Dandy sozial-engagiert ist, tut er es eben für die Tiere, nicht für die Menschen, als gleichsam köstlich-subtile Perversion des Sozialen, als Sozial-Sodomie. Weit gefehlt. Morrissey kümmert sich auch um alles andere.

    Soeben hat er eine Langspielplatte veröffentlicht, die heißt The Queen Is Dead. Dazu können wir uns viel denken. „Zehn Jahre Punk“ z. B. Also erst höhnisch sagen, daß Gott sie schützen soll, und das Gegenteil meinen (das ewige Heiligsprechen der Sex Pistols ist mindestens so nervtötend wie bei der vorangegangenen Generation der Umgang mit dem Erbe Jim Morrisons, den ich für meinen Teil übrigens zur Gänze rehabilitiert habe, falls das irgendwen interessiert) und zehn Jahre später einfach behaupten, daß sie tot ist, obwohl das doch gar nicht stimmt.

    Alle verstehen natürlich auch die einfache Symbolik des Titels, die Queen steht für England, die Werte, das Alte, das nur noch als Illusion etc., mithin heißt der Satz „The Queen Is Dead“, wenn er schlau gemeint ist, „Kohl is alive“, ist aber wahrscheinlich gemeint wie „Thatcher is alive“. (Es ist nicht meine Art stundenlang LP-Titel auszuloten, ich heiße Diedrich, aber du kannst auch Heidegger zu mir sagen, nein, aber die Smiths sind selber schuld: ihr gemeines Talent für den umwerfenden Slogan verlangt die umwerfende Abarbeitung des umwerfenden Slogans – auch wenn man alles andere darüber vergißt –, bis nichts mehr vom Slogan übrig bleibt. So ist das mit rätselhaften Dingen: jeder will spielverderberisch kaputtmachen und lösen, aber die Rätsel wissen das und wollen das auch, denn das Rätsel, die Vieldeutigkeit, das Enigma – sie alle sind kleine Sadomasos.)

    Das mit Kohl und Thatcher will ich kurz erklären (dann kommen wir wieder auf das Dandy-mit-Labour-Parteibuch-Problem zu sprechen und dann auf die Texte im allgemeinen, auf das, was Morrissey dazu sagt, auf die Musik und zum Schluß auf den „Pun“ als alles einwickelnde Crux, Nahtstelle der britischen Zivilisation von William The Conqueror bis Gary Lineker):

    Jeder hat also das Gurkentruppenfinale gesehen, komplett mit Gurkenkanzler in Gurkenbananenrepublik-Stadion mit Dritte-Welt-Bourgeoisie-Prachtkulisse, das dann ein militärisch besiegtes, hochverschuldetes Land gewonnen hat. Wacker gekämpft, die Gurkentruppe, ganz ohne Koketterie und Faible für die andere Meinung: ich hatte sie wirklich gerne, die wackere Gurkentruppe, und ich kann das Renegatengerede eines Bernd Schuster, von wegen gut, daß wir verloren haben, nicht mehr hören, es war nicht gut, aber meinetwegen gerecht, aber eigentlich auch das nicht, denn der deutsche Fußball war gerade im Begriff, wider alle Zufälligkeiten, die den Fußball und seinen Reiz als Allegorie des Lebens (in dem auch alles zufällig ist) ausmachen, eine Kontinuität einzuführen, eine Regel, die Regel vom Willen und von der Verläßlichkeit des spezifisch Deutschen im Fußball, was bequem und schön gewesen wäre, so als hätte man im Leben einfach den Tod abgeschafft. Egal.

    Auf jeden Fall war das Gurkenszenario real. Illusion dagegen eine Woche später der weiße Wunderknabe Becker, der Herrenmensch-Präsident, die deutsch-englische Freundschaft und über allem eine Queen, die alles Deutsche ins zweite Glied zurückstufte. Die Queen ist wirklich das einzige Staatsoberhaupt der Welt (neben Gorbatschow, González und Castro), das vollkommen zu Recht eines ist, und nebenbei das netteste, das einzige wahre eben (und wie das einzig Wahre immer: eine schöne Illusion). Wie sie beim Gala-Essen die Fenster öffnen ließ und bemerkte: „Es ist mir egal, wenn David Steel die Vorhänge ins Gesicht wehen.“ Wie sie ihre herrliche Familie herumkommandiert, wie sie Thatcher haßt und sich nur mit Harold Wilson verstand, der ihr seine Pariser Nachtleben-Erlebnisse zu beichten pflegte. Wie ihre Schwiegertochter immer strahlender, während Fergie von Tag zu Tag murkeliger wird, wie also die Geschichte auch hier sinnvoll moralisch-ethisch einwandfrei waltet, indem sie dem liebenswerten Trottel Charles die nettere Ehefrau und dem haltlosen Playboy Andrew ein vollschlankes Murkelchen zukommen läßt. Wie dieser Trottel dann mal wieder in London irrlichtert, in einen Pub gerät und dort mit dem Wirt über seine liebste Radio-Show(!) chattet (Wo leben wir?), der „Prince Of Ales“ (The Sun) in einem Pub mit dem Namen „Windsor Castle“! „Properly named“, weiß er zu bemerken. Was meint er, die Frotteehandtücher, die statt Bierdeckeln auf der Theke liegen, wie in allen Pubs? Kennt jemand eigentlich seine selbstgemachten Super-8-Slapstick-Stummfilm-Albernheiten mit dem Prince in der Hauptrolle (ich schweife ab)?

    Gut, das ist also Illusion, damit ist auch die Pop-Welt Illusion, Doppeldeckerbusse, Linksverkehr und was sonst so dieses Land zusammenhält, alles Illusion? Wahr sei dagegen Maggie Thatcher. Die Frau, die sich immer mit der Queen herumschlägt, eigentlich doch nur die andere Seite der Medaille dieser britischen Feminokratie. „I have the best job in the world“, kontert sie der Queen: „Plus I’m elected“. Sie repräsentiert die Tatsache, daß die DDR ein höheres Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt hat als Großbritannien, genauso inadäquat wie Willy Brandt den Radikalenerlaß. Beide stehen für erfolgreiche Exekution ihrer Ideen, aber das Einzige, was Maggie Thatcher bislang erfolgreich exekutiert hatte, waren argentinische Soldaten (nicht exekutiert, sondern im Felde im Nahkampf von Gurkhas und anderen Killertruppen massakrieren lassen. Man nenne mich einen schwachen Menschen, aber ich weiß bis heute nicht, für wen ich im Falkland-Konflikt bin/war).

    Sie ist nicht minder irreal als die Queen. Real und am Leben, und zwar im globalen Maßstab, ist Kohl, adäquate Repräsentation der Epoche (schön noch mal im Vergleich mit den 70ern (Schmidt) zu sehen, beim deutschen Derby in Hamburg-Horn). BRD ist real, GB romantische Projektion; Soundtrack zu diesem Zusammenhang by The Smiths.

    Ich sage The Smiths verhalten sich zu Kohl wie The Jam zu Schmidt, sie sind die adäquate Repräsentation des heute möglichen Oppositionellen Jugendlichen (was in England immer einer ist, der als Dandy zu Hause angefangen hat, stolz, anders zu sein als die andern, um dann auf die Straße zu gehen und festzustellen, daß er genauso ist wie alle anderen, menschlich, es aber schafft, sich beide Grundgefühle zu erhalten – das ist, was ich Linksverkehr der conditio humana nenne. In Deutschland kommt die Rolle dieses Oppositionellen in der Schmidt-Ära einem Studenten zu, der sich nicht einmal die Fußnägel schneidet, und heute einem Studenten, der die Friedensbewegung peinlich findet, aber nicht weil er bessere Gedanken hätte, sondern weil er lieber allein ist mit seiner Tschernobylparanoia, so was wie Grönemeyer). Der Oppositionelle Jugendliche (nennen wir ihn kurz Oppi) ist immer genau die Figur, die eine wieselige, verquer-konfuse Undergroundbewegung auf den als Eisbergspitze aus dem Ozean ragenden, allgemeinverständlichen Punkt bringt (was nicht unbedingt schön sein muß, aber schön sein kann). (Wie bei gewissen Momenten von The Jam und anderen, wenn auch wenigeren, bei The Smiths.)

    In letzterem Fall ist der Oppi nicht mehr scharf, schnell, kantig und jung, sondern verspielt, poetisch, homosexuell und melodisch, beide aber interessieren sich für Politik, beide sind links (irgendwie), und beide sind vor allem Humanisten (sie fühlen sich mit, in und durch die Menge, die Massen, die vielen wohl). Vage und generalisierend betrachtet, ist der erste der ewige Mod oder Soul Boy und der zweite der ewige Dandy (obwohl auch ein Mod im Grunde eine Spielart des ewigen Dandytums ist). Beide, vor allem aber der 80er-Typ, der poetische, aber engagierte Homosexuelle, sind die einzigen Menschentypen, auf deren Antifaschismus man sich verlassen kann, den ersten impft sein Jugendkult (wir denken uns unsere Jugend-Organisationen selber aus), den zweiten seine Homosexualität. (Es ist interessant, daß Nazis sich immer um Jugendkult und Homosexualität extrem bemüht haben, nachbildend oder vernichtend, die klassische Doppelstrategie.)

    Nun sage ich nicht, daß Antifaschist zu sein, das Wichtigste ist, was sich ein junger Pop-Künstler vornehmen muß, eigentlich ist das eine langweilige Selbstverständlichkeit. Andererseits wohnt allem ästhetischen Oppi-tum immer an dem Punkt, wo es gut wird (wirklich gut), das faschistoide Teufelchen inne. Und hier stehen die Smiths für die totale Konsolidierung des rundum Antifaschistischen und dennoch ästhetizistischen, neuen Typus.

    Nun mag man einwenden, die Smiths seien einfach langweiliger als The Jam (deren Nachfolge als die britischste Gruppe, die man hierzulande nie ganz versteht, sie angetreten haben), aber das müssen sie auch sein, denn schließlich sind sie die Band der 80er. „Nullösung“, sagte Ruff, und das stimmt, dies ist das Age der Nullösung. Man will nicht mehr etwas Ideales erreichen, man will nur von dem Bösen in Ruhe gelassen werden.

    „Hat sich die Welt geändert, oder habe ich mich geändert?“ fragte Morrissey völlig zu Recht, denn wie soll man das heute noch wissen. Die eigene Schlaffheit, besser die terminale Biegsamkeit, die geradezu wundersam melodische Flexibilität der heutigen Wesen und die Tropfsteinhöhlenhaftigkeit der heutigen Zeit, der Welt, wie sie sich uns heute darstellt, gehen geradezu nahtlos ineinander über. (Ich und Welt, vereint zu einem einzigen Joghurt, oder Tee.) Was The Smiths für diesen Zusammenhang an Ausdruck zusammengebastelt haben, ist mindestens so prägnant, wie die von den Vertretern des Kultes der Prägnanz immer vorgeschobenen The Jam in ihren besten Zeiten waren. Will sagen: Wer The Smiths nicht mag, weigert sich, die Welt mit offenen Augen zu sehen (so wie sie heute ist). The Smiths sind kein Muddelpop, die Welt ist muddelig, aber die Smiths sind Nullösung-Glamour. Sie sind Was-ist-eigentlich-los-habe-ich-mich-geändert-oder-die-Welt-Nationalhymnen-Autoren, mindestens seit der letzten LP.

    Auch wenn sie nicht vollinhaltlich begriffen haben, daß heutzutage weltweit die Welt Kohl ist, und noch zu glauben scheinen, die Welt sei Thatcher, ihre Musik weiß es, Johnny Marr weiß es, er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen, er kann es heute besser denn je zuvor: aus dem begrenzten, willentlich begrenzten musikalischen Vokabular, das sein Geschmack und Morrisseys Stimme setzen, die schönsten, ein klein wenig bewegenden Gemmen zu schnitzen (schnitzt man Gemmen? Findet man Sie?), das bißchen Rührung und Wahrheit, das heute noch massenwirksamer Pop bewirken kann, herauszuholen. (Vielleicht sind die Smiths wirklich die letzte klassische, britische Pop-Gruppe, ehrlich und hilflos glamourös, Schmalspur-Dandys und Schmalspur-Politicos, aber Helden, oder sie sind die erste neue, gerade weil sie so klein und ungenial sind im Vergleich zu Beatles, Kinks, Led Zeppelin und Jam. Man wird sie einst lieben, wie alle, die in kleinen Zeiten versuchten groß zu sein, wie Johnny Ray oder Elvis Presley in seinen 60er-Filmen oder was weiß ich wen und aus was weiß ich für Gründen.) Weil alles, was Morrissey über England und Tiere und wider die Plagiate (in „Cemetry Gates“) lamentiert und in der empörten Brust kochen läßt, alles nur dem Willen zu Ruhm und Heldentum dient: „I’d still rather be famous than righteous or holy, any day.“ Und: „I must move fast you understand me / I want go down in celluloid history.“

    Also das Soziale als Mittel zum Zweck für die Wünsche des archetypischen Brit-Dandys. Andererseits Dandyismus als Mittel zum Zweck für das Soziale, das so über die unwahren Formeln des wacker-spießig Mitmenschlichen zu so komischer, großer Pop-Wahrheit ’rübertranszendiert wird (wenn ihr wißt, was ich meine; man kann mir gerne vorwerfen, ich hätte zuviel Verständnis, ich weiß das, aber was soll ich machen?). Und dann dieser uralte Typus Ruhm, von dem Morrissey, der Anhänger abgeschmackter Helden wie James Dean (und Rimbaud und Baudelaire, wie ich annehme, Oscar Wilde gibt er jedenfalls zu, er ist sein Kronzeuge bei der Friedhofsdiskussion wider das Plagiat), träumt. Zelluloid – meine Herren, gibt es das überhaupt noch? „Celluloid Heroes“, das ist von den Kinks. Das ist Jahre her.

    Man käme auch unendlich weiter, wenn man Ray Davies und Morrissey gegenüberstellte. Beide in der Lage, köstliche Freiheiten des Nichtsnutzes (at home und in der Straße streunend) wie die Nöte des Two room appartment at the second floor zu besingen, der eine optimistisch, der andere depressiv. Beide zentrale Figuren der Pun-Kultur: Der Pun, das klassische englische Wortspiel (zehn Jahre pun), der Grund, warum kein Zitat aus der englischen Sportpresse über Becker oder Beckenbauer ohne die phantasievollsten, geschraubtesten, erfindungsreichsten, metapherstrotzenden und dann doch wieder ganz einfachen und catchy Wortspiele auskommt, das, worin Shakespeare, ABC, Swift, Sterne, Chaucer und überhaupt die ganze anglophone Welt selbstverliebt baden, Sprache als Können, das Altmeisterliche an jeder englischen Äußerung, das Antidot zur amerikanischen Lakonie: Morrissey liebt die britische Literatur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, von da an beginnt für ihn das Elend, das er heute als komplett ausweglos und deprimierend schildert. Eigentlich kann man keine Musik mehr machen, eigentlich muß man sich umbringen. Daß es irgendwie doch zu gehen scheint, daß es die Smiths gibt, daß den Smiths, auch von ihren Gegnern, zugestanden wird, daß sie in eine bestimmte Ecke gehören – das sind die erstrittenen Resultate, die das Leben (für Morrissey) so gerade eben noch lohnend erscheinen lassen.

    Viel vom Sympathischsten der Prä-Moderne, besonders in England, hat sich in die Pop-Musik, ins Song-Writing zurückgezogen und dort überwintert; Naives, aber Brauchbares, ja zuweilen aufregend richtige Persönlichkeiten wie eben Ray Davies, Morrissey und – believe it or not – Boy George. Dieser verträumt-traurige, unsystematische Blick auf das Leben und die Welt schafft es immer wieder, erstaunlicherweise, sich, immer im aktualisierten Ton, der jeweiligen Gegenwart mitzuteilen, ja sogar die kleine Wahrheit zu sagen. Auch wenn er eigentlich nur wimmert und/oder sich wie Jesus am Kreuz fühlt, er kriegt es immer wieder hin, daß wir alle es uns anhören, daran schmecken und unsere Welt darin finden (mehr davon als so ein Morrissey vielleicht ahnt).

    Wenn er dem zeitgenössischen Winseln (seinem eigenen) ein Maximum an Prägnanz abtrotzt, ist er der größte Realist. Er glaubt, sagt er, daß Thatcher uns alle killen könnte. Mit einem Donnerschlag oder so. Es ist anders, es ist Kohl, er killt uns nicht, er läßt uns nur verenden, nicht mit einem Knall, mit einem Winseln. Morrissey, der Sprecher einer Generation.