Autor: admin

  • Zeitschriften

    Mit The Face hat ja das ganze Elend begonnen. Vorher war die Stadtzeitungspest ja noch eine ehrlich-mufflig-schleißige gewesen, plötzlich sahen sie alle nach was aus, von Bremen bis Kassel und über Bochum-Nürnberg wieder zurück. Die wenigen Stadtzeitschriften, die weiter auf grau-schwarzem Dreckspapier Unbedarftheiten äußerten, wurden wie von selbst zu besten Freunden. Schöne Dinge für weltoffene Oberhausener. Die Hip-Kaffeekanne für den Prefab-Sprout-Fan aus Göttingen. Dann kam der zweite Akt, die Stadtzeitschriften wurden bundesweit, und niemand konnte sich vor ihrer Liebe schützen. Sogar von mir haben sie, gegen meinen Willen natürlich, ein uraltes Statement aus dem Zusammenhang gerissen und gedruckt: Aber über Tempo brauchen wir jetzt eh nicht mehr zu reden, da deren vollkommen grenzenlose Widerwärtigkeit ja weitgehend durchschaut und akzeptiert ist (als solche). Sie halten sich Beruhigungs-Kolumnisten, die ihnen und ihrer Leserschaft erklären, daß man sich um Hipness nicht mehr zu bemühen braucht (weil das Geschwindigkeit, mithin Tempo erforderte und der österreichische Verstand eher ein langsam, gemütvoller, leider gelegentlich sogar ein pfiffiger ist, was das schlimmste ist), um dann für ihre Parties das zusammenzukaufen und aus England einzuschiffen, was sie für hip halten. Die gleiche Beruhigungsschreibe über Zodiac Mindwarp, deren Fotos ein Art Director in The Face gesehen hat und daraufhin den armen Musikschreiber zwang, etwas zu dieser Gruppe, von der er bestimmt noch nie einen Ton gehört hat, abzuproben. Dieser, von irgendwo und aus dem eigenen Hause gehört habend, daß getürkte Hipness à la Sigue Sigue Sputnik nicht mehr hip ist (in Spex gelesen), aufgrund einfacher Analogien schließend, daß es sich bei Mindwarp um dasselbe handelt, beruhigt sich und alle anderen mit einem Artikel, der in etwa sagt, daß man heute wirklich nicht mehr alles zu kennen braucht, was sich die jungen Leute da ausdenken. Angeschmiert! Zodiac Mindwarp sind wirklich gut (bzw. gerade gut). Es steht in Spex. Hier.

    Aber ich wollte ja eigentlich von The Face reden, denen man die Scheiße als Urheber in die Schuhe schieben kann, die aber in der neuen Nummer es wieder geschafft haben, mich mit einem Foto auf die Art fast zum Weinen zu bringen, wie es sonst nur das Foto von John Ford, James Stewart und John Wayne während einer Drehpause von The Man Who Shot Liberty Valance vermag, mit einer Fotografie nämlich, die die beiden rührenden Human-League-Hühnchen vor einem Reklameschild in Sheffield zeigt. Und dazu der Satz: „Hat es sich gelohnt?“

    The Face können eben aus dem Vollen schöpfen und finden doch noch das eine oder andere Korn. Und sie trauen sich wenigstens mittlere Kühnheiten und drucken einen Text über Dimitri Schostakowitsch. Tempo kauft sich den abgehalfterten Dauer-Nummer-Eins-DJ Jay Strongman und druckt eine Fotostrecke über Hunde mit schrillen Sonnenbrillen (Headline: „indognito“), Kolumnist Glaser geißelt schonungslos den Kulturbetrieb am Beispiel von (na wen hat sich der schonungslose Geißler wohl ausgesucht?) Fritz J. Raddatz. Wow! Leichen exhumieren und feststellen, daß sie tot sind, pfui Spinne, die berühmte österreichische Morbidität! Aber im Gegensatz zu früheren Vertretern dieser Gattung trauen sie sich heute nur noch an Leichen, die garantiert schon zu Staub zerfallen sind.

    Womit wir beim Wiener sind, diesem Blatt, das auf den ersten Blick drei Gramm weniger scheußlich ist als Tempo, weil es sich a) um Seriosität zu bemühen scheint (obwohl sich Seriosität zu Sloterdijk verhält wie Pietät zu Peter Glaser), b) ein Interview mit Albert Oehlen zustande bekommen hat und c) die Auslassungen des schwulen, grünen Bundestagsabgeordneten zu den Oberkörpern des WM-Aufgebotes ganz lustig waren. Auf den zweiten Blick wird klar, daß der Wiener eine eiskalte miese Schweinemaschinerie ist, die nur in der Lage ist, besser wichtig und unwichtig zu unterscheiden als Tempo. Abgewichste Profis eben, die Porno-Fotos drucken und dazu schreiben: die Träume der Bürger. So perfide und so weit konnte bei Tempo niemand denken: Scheiße und Spekulation und menschenverachtende Scheiße zu rechtfertigen, indem man einen aufklärerischen Satz darüberlügt. Da sind die liebenswerten Tempo-Trottel, die alles falsch machen, nur noch aus dem einen Grund hassenswert, daß sie sich eben immer noch viel zu sehr in Dinge einmischen, die sie nichts angehen (Pop, Politik und dergl.). Als Feinde vom Dienst, als Verkörperung des grundsätzlich Falschen, das Journalismus immer ist, wenn ihn ein Großverlag finanziert, eignen sie sich als Nachfolger des Stern. Wenn sie mal zufällig die richtigen Leute kaufen, wie einmal Tony Parsons, versauen sie seinen Artikel, bis man ihn nicht mehr wiedererkennt. Als Indikator für das Endgültig-Falsche, für das, was wirklich niemand mehr machen sollte, ist Tempo vielleicht sogar so etwas wie unverzichtbar.

    Das einzige Blatt, das trotz viel Geld gut ist, ist Spin, das von Penthouse-Verleger Guccione für seinen Sohn eingerichtete Spiel-Unternehmen, das enorm davon profitiert, daß mit Glenn O’Brien an entscheidender Stelle ein Guter sitzt, dem sich das Geld (das böse) offensichtlich vollständig unterworfen hat. Der andere Vorteil von Spin ist, daß es anders als The Face, Tempo, Wiener, Stadtzeitschriften einen Gegenstand hat (Musik) und nicht nur einen Anlaß (Anzeigengeschäfte).

    Womit wir bei den Kunstzeitschriften wären, wo auch endlich eine grundsätzliche Stellungnahme nötig ist, denn viele der Diskussionen, die heute wirklich von Interesse sind, finden zuerst in den Kunstzeitschriften statt. Mit den Zeitgeist- und Stadtzeitschriften haben diese Blätter in der Regel gemein, daß sie nur der Anzeigen wegen existieren, mit den Gegenstand- und Musikzeitschriften, daß sie über etwas reden, das es gibt, sich keine Hunde mit Sonnenbrillen ausdenken müssen (auch wenn die Lektüre von Kunstzeitschriften helfen kann zu wissen, wo diese Idee geklaut ist, bei William Wegman nämlich, dem Fotografen, Zeichner und Videokünstler, der unter anderm das Cover der letzten B-52’s-LP gestaltet hat).

    Es gibt drei Sorten von Kunstzeitschriften: Sammlerorgane, die einen lehren, die Kunst zu hassen, was für den Anfang ja gut sein kann, denn die beste Kunst entstand immer aus dem Haß auf die Kunst. Allgemeine Orientierungsblätter, die alles drucken, was Anzeigenkunden (Galeristen) ihnen nahelegen. Hier ist alles möglich, der Guattari-Text ebenso wie Wolkenkratzer-Zen-Buddhismus, und drittens Kunstzeitschriften, die Politik machen, die etwas behaupten, wobei sekundär ist, ob das, was sie behaupten, richtig oder falsch ist.

    Ganz unten rangiert natürlich Art, das Massenkunstaufklärungsblatt aus dem Gruner-&-Jahr-Verlag, das von jeder Hitzigkeit, jeder Debatte, jeder Aktualität so weit entfernt ist wie die Horst-Antes-Gemälde auf den Deutsche-Bank-Kalendern in den Wartezimmern ihrer Klientel. Das Blatt liefert allenfalls milde amüsanten Klatsch aus Gremien und Kulturbürokratie, und es wundert einen nur, daß ein Schreiber wie Jörg-Uwe Albig, der als letzter der Szene Hamburg zu Niveau verholfen hatte, hier zwischen „Für Sie entdeckt“ (garantiert oberbeknackte junge Künstler) und „Sammler mit Courage“ (was man alles in die sprichwörtliche Zahnarztpraxis stopfen kann, ohne daß der Bohrer aus der Reihe tanzt) seine Zeit verschwendet. Kunstforum ist ein biederes, teures Büchlein, daß sich in jeder Nummer viel zu lang meist herzlich irrelevanten Themen widmet, der Wolkenkratzer ist die Zeitgeist-Kunstzeitschrift, die alles druckt, was die unsägliche Karin Aderhold für hip hält, und auch sonst durch gläubige Ignoranz z. B. gegenüber jeder mystischen Scheiße aus Italien auffällt. Wer den galoppierenden Unsinn, den ein Enzo Cucchi in der letzten Nummer von sich gab, unkommentiert bzw. freundlich kommentiert abdruckt, kann auch nur noch als Geigerzähler für die Radioaktivität falscher Gedanken ernst genommen werden. Natürlich gibt es hier, man muß das erwähnen, zwischen all dem blühend-blöden Pier-Luigi-Tazzi-Geschreibsel hin und wieder unabsichtlich etwas – wie das Interview mit einem Anti-Dissidenten-Dissidenten aus der UdSSR –, das lehrreich ist. Flash Art (aus Italien, in Englisch, mit einem deutschen Text-Supplement) druckt ebenfalls alles, ist anzeigengeil, konfliktscheu, frönt nur zu gern der Form des unzensierten Idiotenkünstlerinterviews, hat aber wirklich großartige Momente: In der letzten Nummer fand sich hier, exakt zwei Jahre, bevor es vielleicht im Merve-Verlag erscheinen wird, ein flammendes Statement von Félix Guattari, eine Philippika gegen Lyotard und die Postmoderne, in der Nummer davor Jutta Koethers „Pure Invention“, und immer schön ist es, wenn das tschechisch-italienische Herausgeberpärchen Giancarlo Politti/Helena Kontova sein Bettgeflüster als souveräne Konversation über die internationale Lage ausgegeben und mit Titeln wie „Zwei Italiener in New York“ versehen veröffentlicht.

    In der letzten Nummer brachten 95 % aller lebenden Kunstzeitschriften einen Auszug aus einem Gespräch zwischen Beuys, Kiefer, Cucchi und Kounellis, das die Schweizer Zeitschrift Parkett als Sonderdruck herausgebracht hatte. Obwohl Beuys erst zur zweiten Hälfte eingewechselt wird, machen seine Beiträge den Preis von nur DM 45 für das Buch wett! Wer sich über die Qualitäten dieses Mannes, der sich gegen eine Flut schleimigster Nachruf-Publikationen (besonders kitschig: Heiner Bastian) nun nicht mehr wehren kann, noch nicht im klaren war, lernt hier jemanden kennen, der wirklich auf jede Frage eine Antwort weiß und die ganze Welt erklären kann. Darüber hinaus kanzelt er den griechischen Hippie-Spinner Kounellis ab, läßt Cucchi, der glaubt, Tiere hätten einen besseren Kontakt zum Universum, weil sie einen Schwanz haben, ins Leere laufen (Beuys: Es gibt auch Tiere ohne Schwanz) und stuft Kiefer, den Großkünstler, zurück in die Rolle des Studenten, der interessierte Zwischenfragen stellt. Empfehlenswert. Auch sonst ist Parkett nicht schlecht, sehr eigensinnig-egoistisch gemacht, leider von einem äußerst dubiosen Kunstgeschmack (Brice Marden, Markus Raetz, Kounellis etc.) geprägt, aber immerhin von einer Vorstellung gezeichnet, von überhaupt etwas geprägt, und wenn es ein netter Schweizer Eigensinn ist – mir ist’s recht. Artforum aus New York ist der Spiegel unter den Kunstzeitschriften. Machen nie nichts offensichtlich falsch (außer den Beiträgen ihrer deutschen Korrespondenten), sind schwerfällig, langatmig, aber nie flach und vor allem lesenswert wegen Thomas McEvilley, Glenn O’Brien und vor allem wegen Greil Marcus’ Musik-Kolumne.

    Die beste Kunstzeitschrift, sozusagen das Spex unter den Kunstzeitschriften, ist das von einem Fanzine nach und nach großer gewordene Artscribe aus London. Hier veröffentlichen Kunstschreiber aus aller Welt ihre besten Artikel, gute Künstler wie Art & Language schreiben Reviews, und die Diskussion des Zeitgenössischen findet unabhängig von den auf ein hohes Anzeigenaufkommen angewiesenes Farbseitenzwängen statt. Seit kurzem wird Herausgeber Matthew Collings von einem amerikanischen Sammlerehepaar mäzenatisch unterstützt, und sein Blatt dürfte auch in hiesigen Kunstbuchhandlungen zu bekommen sein.

    Übrigens haben wir jetzt einen Strafkatalog für unsere Mitarbeiter festgelegt. Artikel in Tempo bringen 500 miese Punkte, im Wiener 250, im Musik Express 125 miese, in Indiskret, Blitz, Hiero Itzo, tip 100 miese, im Wolkenkratzer und jeder anderen Stadtzeitung 50 miese, für Artikel in Konkret und Artscribe schreibe ich mir zehn gut. Wer mehr als 2.000 Miese zusammenhat, wird im Rhein gefunden, da, wo’s am tiefsten ist. Ausnahmeregelungen, die im Volksmund „Lex Scheuring“ heißen, bleiben geheim.

    PS: Nach Beendigung der Dreharbeiten an diesem Artikel passierte doch tatsächlich Folgendes. Das Telephon klingelte in der Redaktion. „Spex-Verlag, Diederichsen.“ – „Sprech’ ich mit dem Dietrich Dietrichsen?“ – „Ja.“ – „Ja, hier ist Hutzliputzli aus München, ich führe gerade eine Umfrage durch: Wer wird Fußball-Weltmeister?“ – „Mmh, ah so. Für wen machen Sie denn diese Umfrage?“ – „Für, äh, Tempo.“ – „In diesem Falle möchte ich nichts dazu sagen.“ – „Was? Ist das so hart?“ – „Das ist nicht hart, es ist doch nur normal, daß man sich nicht in Tempo gedruckt sehen möchte, oder?“ – „Tja, da kann man nichts machen, trotzdem vielen Dank, auf Wiederhören.“ Dritte Person in der Redaktion: „Wetten, daß im nächsten Tempo in der Umfrage zur WM stehen wird: Dietrich Dietrichsen, Werbetexter: Ich möchte mich jetzt noch nicht dazu äußern, wetten?“

  • Neue Kunst in Spanien

    Fünfzig Jahre nach der Revolution

    In Spanien gibt es seit zehn Jahren eine parlamentarische Demokratie, seit ein paar Jahren eine sozialistische Regierung, die erst den Austritt und dann den Eintritt in die NATO befohlen hatte und mit beidem erfolgreich war. Seit 100 – 150 Jahren, hochgerechnet seit Goyas Zeiten oder seit den Karlistenkriegen, sagt man, das Mittelalter sei vorbei. 1898 riefen hervorragende Schriftsteller, die außerhalb Spaniens kein Mensch kennt, die „Generación del 98“ aus, was sich auf die Niederlage im spanisch-amerikanischen Krieg bezog und den Verlust der letzten Kolonie, Kuba, in den Mittelpunkt der Idee eines neuen Spanien stellte. Die Anhänger dieser Generation wie Miguel de Unamuno, Pío Baroja, Azorín und vor allem Ramón del Valle-Inclán, waren die ersten spanischen Schriftsteller von Weltgeltung seit dem „sogenannten „Siglo de Oro“, der Epoche, die Lope de Vega, Calderón, Tirso de Molina, Luis de Góngora, Francisco Quevedo und Baltasar Gracián hervorgebracht hatte. Dazwischen gibt es im 19. Jahrhundert nur den von der anglo-amerikanischen Modernen (Pound) sehr geschätzten Benito Pérez Galdós, den spanischen Flaubert.

    Die berühmten Spanier gehören, mindestens theoretisch, zum Teil auch praktisch zur „Generación del 27“. 1927 jährte sich zum dreihundertsten Mal der Todestag von Luis de Góngora y Argote, einem manieristischen Lyriker aus Cordoba, ein strenger schlecht gelaunter Querkopf, eine Art Barock-James-Joyce, den Velázquez einmal portraitiert hatte und der bis 1927 als marginale, dekadente Seitenlinie der spanischen Kultur betrachtet wurde. Doch ein Jahrhundert, nämlich dieses, das auch El Greco durch den Einsatz von Privatpersonen zu seinem verdienten Ruhm verhalf, schaffte es auch, den allemal interessanten Góngora für seine Zwecke umzudeuten. Vor allem García Lorca, neben ihm Gerardo Diego und Jorge Guillén, setzten ein Góngora-Bild in Umlauf, demzufolge der große, griesgrämige Manierist in Wahrheit die von vornherein poetische Volkssprache Andalusiens, namentlich der „Gitanos“ geschrieben hätte, freilich zu hoher Künstlichkeit verdichtet und mit antikischen Bildungsgut angereichert. Wichtig aber diese Idee: folkloristisch sei in Spanien gleichbedeutend mit manieristisch, bizarr, surrealistisch. Alles Vernünftige, Narrative etc. sei Import und nicht genuin spanisch, also: Dieses Volk braucht keine Moderne, es war schon immer modern. García Lorcas Künstlerfreunde Dalí und Bunuel mögen dazu genickt haben, Picasso hat später Motive aus den „Soledades“ von Góngora illustriert.

    Wir sehen: die spanische Geschichte war eine Rückprojektion, eine Erfindung dieses Jahrhunderts, die im Rückgriff auf El Greco und Góngora dreihundert Jahre unproduktiven, wenn auch meiner Meinung nach nicht minder bizarren und nutzbaren Dunkels, kurzerhand zur Fremdherrschaft erklärte.

    Kurz nach diesem Gedanken starben alle Dichter oder wurden ermordet oder ins Exil getrieben, wo sie auf die bereits vorher abgewanderten Künstler trafen und ein neues Dunkel begann. Zehn Jahre nach dem Ende dieses Dunkels kommen, wie auch genau zehn Jahre nach der Erfindung der „Generación del 27“ die Intellektuellen und Künstler Europas nach Spanien, um der Beseitigung des Dunkels auf die Schulter zu klopfen. Was sie sich erhoffen, dürfte von dem, was die Kämpfer der internationalen Brigaden erhofften, nicht so verschieden sein: Umwälzung und Poesie, die sich nicht bekämpfen, sondern gegenseitig bedingen: Anarchismus. War Spanien nicht das einzige Land, wo bei den wenigen Parlamentswahlen, die dieses Land gesehen hat, fast die Hälfte der Bevölkerung anarcho-syndikalistisch gewählt hatte? War es nicht das einzige Land, in dem der Gedanke der Revolution sich noch nicht an Unschuldigen vergriffen hatte und Gulags gebaut hat? Ich behaupte nicht, daß Orwell und Hemingway große Geister gewesen seien, eher waren sie romantische Idioten, die sich wünschten, was es nicht gibt, eine Revolution, die dringend surreale Epigramme, knarzigen, amerikanischen Vulgär-Realismus und angeheizte Labour-Phantasien braucht.

    Auch heute kommen die Menschen nach Madrid, weil sie von der „Movida“ gehört haben, einer hedonistischen „Bewegung“, der Enrique Tierno Galván, der letztes Jahr verstorbene Altsozialist, Literatur-Professor und Bürgermeister der Stadt persönlich vorgestanden hätte. Sie suchen den neuesten Ort und sie können zurecht hoffen, auf den Einfallsreichtum der Spanier, ihre Geschichte – die nicht etwa umgeschrieben werden mußte, wie die deutsche, sondern neu erfunden werden – rückwirkend attraktiv zu gestalten.

    Rafael Alberti zum Beispiel, ein Greis mit einen bewegten Leben, 27er, mit dem Lyrikband Sobre Los Angeles in den frühen 30ern Surrealisten-Anführer, KP-Aktivist, nach dem Exil KP-Senator für die Provinz Cádiz, heute Grand Old Man, macht von sich reden, indem er für die Feier „Valencia – 50 Jahre Hauptstadt der Republik“ – Valencia war Hauptstadt als Madrid zu gefährdet war und auch bald fiel – eine Postkarte mit der Flagge der Republik entwirft.

    Ramón del Valle-Inclán, zu gleichen Teilen Anhänger der alten spanischen Aristokratie wie Lenins („Es gab nur drei große Männer: Jesus, Mohammed und Lenin“) macht von sich reden durch eine Ausstellung zu Ehren seines 50sten Todestages (bezeichnenderweise starben viele geistige Riesen der Republik im Jahre 36). Diese hervorragende Ausstellung würdigt den Mann, dem es beispielhaft gelang, in seiner Person den Sprung vom Feudalismus zur klassenlosen Gesellschaft zu vollziehen. Was ist Kommunismus anderes als Aristokratie für alle?

    El Cordobés macht von sich reden. Der einzige Sixties-Held, den Spanien hervorgebracht hat, der Beatle des Stierkampfes kehrt zurück in die Arena, um für die Erdbebenopfer in Kolumbien zu kämpfen. Bull-Aid.

    Erstaunlicherweise (oder auch nicht) haben die Sozialisten sich im Stierkampf für mehr Fairness für den Stier ausgesprochen. Scharfe Kontrollen sollen verhindern, daß es den Toreros zu leicht gemacht wird, abgefeilte Hörner kommen nicht mehr vor. Dies tun die Sozialisten aber nicht aus Tierliebe, weswegen vielleicht die Labour Party es getan hätte, sondern um den Wert des Stierkampfes zu erhöhen. Als Kinder der Aufklärung könnten sie schulterzuckend derlei Atavismen links liegen lassen und nicht zum Regierungsgeschäft machen. Aber ganz im Gegenteil, Stierkampf soll ein reeller Spaß sein und das sozialistisch besetzte Stierkampf-Ministerium steht für den hedonistischen Kurs dieses Hispano-Sozialisten. Wie die deutsche SPD zwischen 69 und 72 oder Labour unter der ersten Regierung Wilson sorgen sie im ganzen Lande für Spaß und gute Laune, ohne es sich politisch mit der spanischen Bourgeoisie auch nur im geringsten zu verderben. Sie genießen das Vertrauen der Industrie, wie alle Sozialdemokraten, und schaffen es, das Land von vorne bis hinten nach Boom aussehen zu lassen, obwohl sie nach wie vor die Arbeitslosen-Charts Europas anführen.

    Das, wenn man so will, Postmoderne an dieser Regierung ist, daß erstmals in der Geschichte Gute Laune nicht mit wirtschaftlichem Aufschwung zusammenfällt. Es ist die erste Regierung Europas und die erste sozialistische, die sich um Politik einfach nicht kümmert (nicht sichtbar), Maitre De Plaisir ist sie, Animateur. Big Fun. Die Bettler in den Strassen sind selbstverständlich gut verdienende Angestellte des Ministeriums des Pittoresken.

    Nun mag uns unser Eindruck täuschen, da wir uns auf unseren Reisen vorwiegend in Madrid aufhalten. Spanien ist ja aufs Verbissenste in den Regionalismus geraten, was dieses Land noch interessanter macht. Die Lokalregierungen, etwa im Baskenland oder in Katalonien, haben eine völlig andere Vernunft als die Zentralregierung, ihr Haß auf Madrid, ihre bizarren, regionalistischen Projekte und Ideen sind ein Quell der Freude für alle Autonomisten und anarchoiden Linken und ein junger Deutscher muß sich vom Dekan einer der größten Universitäten Spaniens, dessen Bruder der Bürgermeister der dazugehörigen Stadt ist, als reaktionäre Sau beschimpfen lassen, weil er nicht mit der RAF gekämpft hat. Die Sucher nach der pittoresk-poetisch-romantischen Revolution werden in Spanien trotz der gerne beklagten depolitisierten Jugend, noch immer reichlich fündig.

    In Madrid zelebriert dagegen das Ministerium für Fun and Excitement eine Show, Messe, Massenausstellung, Museumseinweihung, Open-Air-Hommage-an-tote-Dichter, Umfunktionierung-von-Ministerien-in-Boheme-Cafés-und-Ausstellungsräume nach der anderen.

    Im Zug beklagt ein Belgier, daß in Belgien – seitdem die Sozialisten regieren – die Kneipen und Cafés früher zumachen und das Nachtleben von Brüssel verflacht sei. Zwei spanische Lebemänner antworten mit einem Lachen, das aus ihrem tiefsten Inneren kommt: „Wir haben auch Sozialisten, aber die Stimmung wird immer besser, very leeeetle socialism, very leeeetle.“

    Es ist unmöglich, Madrid nicht zu genießen: keine Sperrstunden, unzählige Clubs, klein und groß, unendlich viele Möglichkeiten, sich Bauch und Birne vollzuschlagen (Tapas, erlesene Schnäpse, eine „Schinkenboutique“, ein „Schinkenmuseum“, Pilze, Tintenfische in eigener Tinte), man genießt die breitesten Straßen Europas, die höchsten, reich verziertesten Portale, die heißesten architektonischen Eklektizismen – das 19. Jahrhundert muß hier eine Epoche galoppierenden Wahnsinns gewesen sein – selbst die Restaurants der McDonald’s-Kette konnten nicht umhin, sich dem verschwenderisch-hedonistischen Gepräge der Hauptstadt zu unterwerfen: In dem in einem hochwandigen, ehemaligen Caféhaus untergebrachten Laden prangt eine konstruktivistische Intarsien-Variation über die berühmten Arkaden des M, den Arkaden der Hoffnung, wie ein berühmter amerikanischer Sänger einmal gesagt hat. Und der neueste Burger ist ein in einen Hamburger eingelegtes Stückchen („Pincho“) Tortilla.

    Überlassen wir uns der Suche nach der zeitgenössischen Kunst, besuchen wir die Unterhaltungsveranstaltungen der Kunstministerien! Unweit von dem gigantischen Columbus-Denkmal prangt ein riesiges, rosanes Transparent über einem Platz, das sagt: Madrid-Paris-Londres-Roma-Berlin. Das zeigt einen Kongreß sämtlicher Architekten-Stars Europas an. Nur wenige Kilometer, in dem der Communidad de Madrid zugehörigen Städtchen Alcalá de Henares findet der alljährliche Kongreß der spanischen Jung-Philosophen statt. Dieses Jahr ist das Thema „Ende der Moderne“. Eigentlich absurd, wo dieses Spanien nichts anderes kennt als Moderne, Moderne ist hier der naturgegebene Zustand, keine Epoche, es gab kein Prä, und wie unser Rundgang uns beweisen wird, es wird auch kein emphatisches Post- geben: In Spanien explodiert mit unbekümmerter Gleichzeitigkeit alles, was denkbar ist und ordnet sich nicht in Perioden.

    Nächstes Jahr werden sich die Philosophen in dem katalanischen Badeort Sitges treffen, dann geht es um „Zeit und Sprache“ – Was das nun wieder heißen mag? Man sollte nicht vergessen, daß das spanische Wort für Wetter mit dem Wort für Zeit identisch ist: tiempo. Fast alle Galerien befinden sich im Viertel Salamanca, was Uptown Manhattan entspricht. Reiche, großzügige Läden voller Luxusartikel und wieder helle, breite, saubere Straßen und eilende Señoritos, wie Ortega y Gasset die nichtsnutzigen eleganten jungen Herren aus guter Familie, die Yuppies, schon in den 30er Jahren genannt hat. Zu den eigenartigen Rückständigkeiten, die zu Madrid gehören, gehört die Tatsache, daß die Galerien noch nicht die Idee des Umzuges nach Downtown entdeckt haben, sie befinden sich alle noch an der 57sten Straße. Was unter anderem auch daran liegt, daß es in Madrid kaum ansässige Künstler gibt, die leben nämlich in Sevilla, Barcelona, Valencia, im Baskenland oder in Galicia; die verhaßte Zentrale dient lediglich dem Handel. Die sehr rege Bohemia im Leben Madrids – Musiker, Anarchisten, Philosophen und vor allem Modemacher und Fotokünstler – findet im Chamberí-Viertel statt, dessen weniger schicke, Punk-Anarcho-Variante im heruntergekommenen Rastro-Viertel, der Bronx von Madrid. Die erste Galerie am Platz, um nicht zu sagen die einzige mit Weltgeltung, ist die von Fernando Vijande. Im Gegensatz zu den anderen Uptown-Galerien macht sie einen kühlen, sachlichen Eindruck in ihrem Tiefgaragenraum. So fehlt der für spanische Galerien obligatorische schwere, süßliche Damenparfümduft, der über dem Land wie eine Duftglocke liegt und sich erst an den Pyrenäen bricht. Hier unten gibt es nur Kunstlicht und eine Ausstellung von Susana Solano, einer Bildhauerin aus Barcelona, die zur Zeit berühmt zu werden beginnt (Ausstellungen in London, Japan, Henry-Moore-Preis). Hauptsächlich Eisenskulpturen, abstrakte, aber keineswegs konstruktivistische Formen, sehr rund und „weiblich“. Treppenelemente, Schalenformen, sich spreizendes Eisen, das aber nie ausufert. Sie ist 40 Jahre alt und streng, ihre Formen fest und massiv, aber niemals klotzig. Bei einigen Skulpturen hat sie – wie z. B. bei einer Art Wanne, die in eine Eisenplatte eingelassen ist – zusätzlich das Material Gips verwendet. Das Ganze sieht sehr eigen aus, sperrig, ohne den Weg zu verstellen, sehr rein und vorher nie so gesehen.

    Der Kunstmarkt „acro“ wird geleitet von Juana de Aizpuru, eine spanische Joan Collins, die ihrerseits als Galeristin in Sevilla und Madrid tätig ist. Diese Interessenkollision hat zu einem Protest der Top-Galerien von Madrid und deren Nichtteilnahme geführt. Neben Vijande wird hier vor allem der Boykott der Galerie Juan Mordo bedauert, wo wir die Show des Malers Lucio Munoz sahen, einem typischen Vertreter der spanischen Moderne, die das Land vor dem momentanen Boom jahrzehntelang mit zäher, abstrakter Kunst versorgt hat, die verquälte Tàpies-Schule. Abstrakte Schmutzfarben-Arrangements mit herzigen Materialeffekten. Die grandiose Neuerung, die der Künstler uns dieses Jahr beschert – er gilt hier wirklich als einer der ganz Großen – ist die Rückkehr zum Holz. Wow!

    Aber die beste Galerie in Uptown Madrid ist keine private, sondern der Ausstellungsraum der Caixa de Pensiones, ein kunstsinniges Geldinstitut. Schon letztes Jahr sahen wir hier eine hervorragende Beuys-Ausstellung, diesmal gab es spanische Kunst der nach 1940 Geborenen, eine Leistungsschau, die enzyklopädisch-vollständig und zufriedenstellend alles klärt, was die hin und wieder nach Nordeuropa gespülten Package-Touren, offen ließen (vgl. London, Hamburg, Stuttgart).

    Zum Beispiel kann man hier auch Ansätze zu Auswegen aus dem Kardinaldilemma der neuen, spanischen Post-Tàpies-Kunst erkennen, nämlich dem, daß alles zu gut aussieht, daß man sich ständig in fiktionale Auseinandersetzungen mit Problemen der Geschichte hineinversetzt fühlt, daß man immer wieder Bilder sieht, die wie komplizierte Vatermorde/Verehrungen aussehen, aber von Vätern handeln, von Morden und Problemen, die man sich aus dekorativen Gründen zusammengesucht hat. Die Probleme, Ablösungen und Hommages an, über und mit der internationalen Nachkriegskunst sind künstliche, herbeigewünschte, halluzinierte Auseinandersetzungen. Diese Vorgehensweise hat einen gewissen Charme. Wenn man das hohle Pathos satt hat, mit dem sich immer wieder in Resteuropa Künstlergenerationen lautstark und marktkonform ablösen, ermorden und zu den Akten legen, ist es erholsam einer Kunst zuzuschauen, die notgedrungen die letzten 40 Jahre in einem Jahrzehnt abhandelt, sich zwanglos bedient. Da aber aufgrund eines Gesetzes, dessen Notwendigkeit und Herkunft wir auch nicht erklären können, das aber zweifellos Gültigkeit hat, nur in literarischen Schlachten gestählte Kunst auch bedeutende Kunst ist, ist dies hier allenfalls ein ästhetischer, im besten Fall ein intellektueller Abenteuerspielplatz.

    Dabei ist ein weiterer Vorzug dieser spanischen Spielplatzkunst der, daß sie sich nicht wie die weltweit zur Zeit so erfolgreiche Infantilisten-Kunst aus New York, BRD und Exil-CSSR auch noch wirklich avantgardistisch ernst nimmt. Das tun dann aber eher diejenigen, die aus dem allgegenwärtigen Kiefer-Einfluß und dem ebenso allgegenwärtigen nationalen Tàpies-Einfluß eine bräunliche Ursuppe gekocht haben, vor deren Hintergrund sie so etwas wie eine Innovation abzeichnen.

    Wahre Intelligenz und Häßlichkeit sehen wir bei Guillermo Paneque, dem jüngsten Künstler der Caixa-Show. Paneque, Jahrgang 63, kommt aus Sevilla, wo auch die wichtigste, in Artscribe schon erwähnte Galerie La Máquina Española wirkt und ist außerdem Chefredakteur der wohl besten spanischen Kunstzeitschrift Figura. Paneques kleine Formate erinnern ein wenig an die frühen Arbeiten von George Condo oder an David Bowes, triumphieren aber über deren reine Spaßigkeit durch grandios gräßliche Fehler, einen wesentlich bösartigeren Humor und souverän gesetzte Schrift. Paneque ist einer der wenigen, der auf das Anything-Goes der neuen spanischen Boom-Kunst bereits eine schlecht gelaunte, die Malerei und ihre marktkonformen, dekorativen Erfolge ablehnende Antwort gibt. Maria Corral, die Organisatorin, sagt bei einer im Rahmenprogramm des „Arco“ abgehaltenen Diskussionsveranstaltung, daß man sich in Spanien von Europa viel eher kolonisiert fühle als von Amerika, vom Design der Luxus-Züge (Talgo) bis zur Einrichtung der Cafeterias sind Parallelen zwischen den USA und Spanien augenfällig. Im Nachtleben hört man vorwiegend neue amerikanische Underground-Musik, nicht wie in Deutschland, Holland, Frankreich etc. englischen Pop. Schließlich sind die USA wie Spanien die untopischsten, unwirklichsten Nationen, die wir kennen, sie sind am stärksten von künstlichen Entwürfen geprägt … mit anderen Worten: die vielen offensichtlichen US-Einflüsse, die die Caixa-Show teilweise wie eine East-Village-Eröffnung aussehen lassen, sind mitunter auch ziemlich unbeeinflußt im Lande entstanden.

    José María Bermejo und Juan Ugalde (beide Jahrgang 58) sind typische Beispiele. Bermejo könnte man zum Anlaß nehmen über den unbekümmerten Gebrauch halluzinogener Drogen durch die spanische Jugend zu spekulieren. Da die letzten Jahrzehnte zeitgleich ablaufen, ist psychedelische Kunst – die anderswo als Revival, als postmodernes Zitat, ja als die Postmoderne ad absurdum führende und darum heroische Reproduktion gescheiterter alberner Kunstrichtungen (Taaffe) in Erscheinung tritt – in Spanien beides: ungebrochene 60er-Euphorie, der unschuldige Glaube an das erweiterte Bewußtsein und das Revival all dessen, weil man ja weiß, daß die 60er seit zwanzig Jahren vorbei sind. Man ist halt nur nicht dabeigewesen. Trotzdem ist das dekorative LSD-Gekreisel von Bermejo als Kunst unbrauchbar, allenfalls als T-Shirt-Muster oder Jugendzimmerposter denkbar. Ugalde ist einerseits von der Cutrone/Scharf/East-Village-Szene beeinflußt, andererseits von der in Spanien überproportional wichtigen Comic-Kultur. Durch das cartoonhafte wird bei ihm, wenn auch auf ganz naive Weise, als einzigem Künstler der aktuellen Szene, politisches Anliegen sichtbar, etwas, was dem Land, wo noch vor knapp zehn Jahren sich jeder Jugendliche ungefragt als Anarchist bezeichnete, zumindest im Zentrum Madrids, keineswegs an der regionalistischen Peripherie, verloren gegangen zu sein scheint (nicht daß derlei naive Übersetzungen dessen, was eine liberale Öffentlichkeit für „politisch“ hält, für uns in Kunstwerke übersetzt gehört, aber eine Kunst, die sich aus naiven populären Medien wie Underground-Comics zu einem großen Teil ernährt, hätte dies früher abgebildet).

    Bei anderen, wie Carbrera, dann, neben New York, Arte Povera und Salvo-Quatsch. Wahrscheinlich ist italienische Kunst das einzig wirklich fremde, der einzige wirklich detektierbare externe Einfluß, dem in der spanischen Kultur keine Referenz entspricht, Kiefer und Graffiti dagegen entspricht, wenn man so will, dem Spannungsfeld der spanischen Modernen: Albernheiten und Pathos – dazwischen tummeln sich die Heldinnen García Lorcas. Asketische Abkehr und viel zu buntes Leben – das ist spanische Realität. Der Blick, der in Kunstwerken Bekanntes aus Resteuropa entdeckt, ist mithin ein möglicherweise verfälschender, und was aussieht wie Kiefer ist genuin spanisch.

    Wie Gerardo Delgado, der Spanien bei der 86er Biennale vertritt. Eine Arbeit mit abgekokeltem Holz heißt „Der Wanderer“, eine andere „Die Ruinen“, eine weitere „Das Amphitheater“, letztere sind bezeichnenderweise unfertige (ruinierte!) Bilder (Idee!). Der sehr bekannte 44-Jährige steht paradigmatisch für die in der zweitjüngsten Generation dominierende Allianz aus der nach Innen emigrierten spanischen Modernen der Franco-Jahre mit Dinosaurier-Geschichtsbewältigern wie Kiefer, immer gut abgeschmeckt mit Heidegger (oder ist es Unamuno, der Autor des Niebla – dann bitten wir um Verzeihung). Der Einfluß dieser Haltung wirkt auch auf den seriöseren Flügel der jungen Stars und nennt sich dann „existenzialistische Malerei“.

    José María Sicilia (Jahrgang 1954) konntet ihr ja auch in London schon sehen, er ist einer der absoluten Stars, lebt in Portugal und New York, dabei ist er der einzige spanische Künstler, der wirklich aus Madrid stammt und ist, wie man unlängst der Flash Art in einem ihrer klassisch-kommentarlosen Interviews entnehmen kann, mehr am Gefühl als an allem anderen interessiert. Leider sieht man das auch.

    Dann lieber der verspielte Bildhauer Juan Muñoz (1953 geboren), dessen Verspieltheit nichts mit den als authentischem Ausdruck wunderbarer Infantilität gefeierten Arbeiten der Graffiti-, DiRosa- und Kunc-Kunst zu tun hat, sondern sich eher auf den Folklorismus/poetischen Realismus bezieht, den der Rückgriff der spanischen 20er-Jahre-Avantgarde auf Zigeunerkultur und ähnliches in die Welt gesetzt hatte.

    Kommen wir zu Dahn und Dokoupil: Ferran García Sevilla und Miquel Barceló. García Sevilla macht in erster Linie Witze, und nicht die besten: „Achtung Menschen, hier spricht der 5. Prophet (O Gott! Jetzt habe ich schon wieder vergessen, was ich sagen wollte).“ Feinsinnige Deuter werden in diesem ins Bild geschriebenen Satz eine humorvolle Bestandaufnahme der Lage der Kunst erkennen. Im Gegensatz zu Dahn, an dessen Formen und Figuren García Sevilla wirklich stark erinnert, wechselt er ungezwungener die Stile, flicht einen Baselitz ein, um anderswo seine Witze in fast grafischen Spielereien auszuleben. Dennoch kommt man an ihm nicht vorbei. Sein Bedürfnis, Kunst erstmal ziellos und ungezwungen zu verlachen, ist in Spanien legitimer als anderswo. Sicher sind derlei Scherze nicht die einzige denkbare Antwort auf eine Vätergeneration von tonnenschwerer Metaphysikerseriosität. Er macht das zwar allemal besser als seine noch jüngeren Comic-Kollegen, aber international sind diese Arbeiten eigentlich nicht von Interesse. Barceló, die Nummer eins, ist raffinierter, wie eben auch Dokoupil ist er so raffiniert, daß es kaum auszuhalten ist, seine Raffinesse um der Raffinesse willen ist der vorherrschende Eindruck bei einem Künstler, der, wie eben auch Dokoupil, von Ausstellung zu Ausstellung viel zu viel dazuzulernen scheint, dies aber ist ein Lernen, das die Erfordernisse der Karriere weit besser befriedigt als die der Kunst.

    Wie so viele charakterlos-Begabte in der ganzen Welt ist auch er vorsichtig und bedacht genug, sein Können nicht auf die weltläufige Bedienung postmoderner ästhetischer Bedürfnisse zu beschränken, darüber hinaus ist er stets um interdisziplinäre Absicherung bemüht. Egal, ob er es den Zeichen der Zeit recht macht, wenn er gefällig Picassos Strich mit Keith Harings Design-Ideen in Schockfarben kombiniert, oder ob er in einem krumplig-geschichtetem Riesenbild jede Menge Buchrücken unterbringt, die all die nötigen Aufschriften tragen: Góngora, 1001 Nacht, F. Scott Fitzgerald, Antonio Machado, Nabokov, Poe, Henry James, Melville, Jane Austen, Ezra Pound, Shakespeare. Davor liegt ein Mann auf einem Bett, mit erigiertem Penis, um ihn der Wein und die aufgeschlagenen Bücher, die zu den erstaunlich unironisch zusammengesetzten Künstleridealen sich zusammenfassen lassen, die Barceló zu hegen scheint. Man wird nach und nach verstehen, was das Gerede von der existenzialistischen Malerei bedeuten soll, und zwar: es ist wörtlich zu nehmen.

    Schön an Barceló ist aber trotz allem, wie er versucht, ein nationales Ideal von inhaltlicher Malerei gegen die international in diesem Genre verpestete Luft zu setzen.

    Aber es gibt auch eine, durchaus national-eigenständige, stille, gelegentlich gar konstruktivistische Richtung. Man ist hier, und das ist gar nicht so blöd, noch damit beschäftigt, gewisse eventuell zu hastig ad acta gelegte Konstruktivismen zu verfolgen. Soledad Solana, geboren 1944, arbeitet seit Jahrzehnten an diesen 3-D-Flimmer-Effekt-Bildern und sie denkt sich offensichtlich was dabei, sonst würde sie sie nicht „Las Meninas“ oder „Er kam, um mit ihr über den Mond zu reden“ nennen. Direkt heroisch.

    Überhaupt die Frauen; in Spanien ist der fromme, feministische Wunsch ausnahmsweise wirklich geworden, die beste neuartige Kunst kommt von Frauen. Bei Pilar Insertis, Jahrgang 1959, muß noch viel von der akademischen Maltradition, die sich über die dick in Ölfarben gelegten Landschaften, Affen, Faune und Katzen legt, abgearbeitet werden. Sehr eigenartig das Ringen der Cristina Iglesias (*1956), die mit der eigenartigen, typisch spanischen, sich für Materialeffekte begeisternden Art, Kombinationen von Eisen und Zement bearbeitet. Leicht mit Farbe bearbeitet, sehr scheu und karg drängen sich die Skulpturen in die Nischen. Von der Klasse Susana Solanas haben wir schon gesprochen, aber daß sie schon vor der relativen Befreiung der spanischen Kunst in der Post-Franco-Ära einen Stil entwickeln konnte, der in dem thronsesselartigen Eisengebilde „Fontana No. 3“ gipfeln konnte, steht für die selbstbewußten, vor allem in den regionalistischen Provinzen tätigen Frauen. Die jüngste und interessanteste Künstlerin ist Maria Gomez, die als einzige neben Paneque so etwas wie Anti-neue-spanische-Kunst, eine aus verschrobenen Motiven und malerischen Unzulänglichkeiten kombinierte neue, eigene Häßlichkeit entwickelt hat, eine spanische Bettina Semmer. Nachtlandschaften mit Serpentinen, Scheinwerferstrahlen und Arbeitern in schmutzigen Farben, ein intelligenter Dreck, der die postmoderne Niedlichkeit in Resteuropa souverän überwindet. Eine Abkehr auch endlich von der Sklaverei der Comic-Strips oder der Kieferlandschaften, eher ein Witz über Kiefer und seine Anhänger.

    Wenn wir uns dagegen Ausstellungen noch jüngerer Künstler, etwa eine Gruppenausstellung jüngster Künstler im Círculo de Bellas Artes ansehen, erleben wir wieder auf breiter Front den Rückfall in die endlose Materialeffekte-Avantgarde, wie sie vor den Barcelós und den Sevillas Dogma gewesen sein muß. Die drei Post-Tàpies-Tendenzen, Neuer Surrealismus (Graffiti, Paris, New York, Dahn, Shafrazi), Neuer Existenzialismus (gute Bücher und Kiefer) und neuer Konstruktivismus sind ein Vorschlag, eine Initiative, die Spanien in rasantem Tempo aus der internationalen Isolation herauskatapultiert hat, unter Erringung von fast zu sensationellen kommerziellen Erfolgen (man kauft einen emotionalen Quatsch natürlich immer lieber einem Spanier ab, als einem Italiener oder einem Franzosen, die seit Jahrzehnten auf Emotionen in der Kunst abonniert sind). Bedeutendes deutet sich in den Arbeiten von Maria Gomez und Guillermo Paneque an. Wichtig aber ist, daß das Aufholmanöver abgeschlossen zu sein scheint und daß gerade die Masse an Produktionen, das staatliche Geld, das in die Kunst geschüttet wird, einen Boden bereitet, der auch andere Früchte trägt als eine gut gemachte international geliebte Sammlerkunst zu produzieren.

    Während das Kinopublikum die Wiederaufführung von The Night Of The Hunter bejubelt und die hervorragende Tageszeitung El País, die in dem Land mit bewunderswertem Enthusiasmus einen kulturellen Liberalismus per Massenauflage durchzusetzen versucht (sicher von allen größten Tageszeitungen in Europa die mit dem besten Feuilleton), strömt das Volk nicht nur in die Glaspaläste im Retiro-Park, um sich Richard Long oder neue britische Skulptur reinzuziehen, nein in diesem Ausmaß ungekannte Volksmassen müssen sich den nach internationalen Maßstäben provinziellen Kunstmarkt „Arco“ ansehen. An dem vor allem die Stände des Ministerio de la Cultura gefallen und die der führenden Madrider Stadtmagazine La Luna De Madrid und Madrid Me Mata. Hier trifft sich die Comic- und Spät-New-Wave-bewegte Jugendkultur mit brillanten Kritikern wie Javier Olivares, der Rest der Kunstmesse ist Kaufhauskunst, Poster, Graffiti und was von Beuys irgendwo noch billig zu haben war. Großartig dagegen die rundherum stattfindenden Parties in riesigen Hotelblöcken an der Peripherie der Stadt. Hier fällt vor allem die umtriebige Kunstbeamtin Carmen Giménez auf, die unermüdlich die Gegenden der Stadt und Regionen des Landes zur Zentrale zusammenschweißt.

    Madrid, Zentrum, von den regionalistischen Eiferern gehaßt, bringt ja selber kaum etwas hervor, eine Frau wie die Giménez hat die Aufgabe, die explodierenden Kunstzentren Valencia, Sevilla, Galizien, Baskenland und Barcelona in der Hauptstadt als spanische Kunst zu repräsentieren. Sie schießt explosiv über alle Ziele hinaus (was im gegenwärtigen Klima Madrids in etwa der normalen Pflichterfüllung entspricht): Ausstellungen in allen möglichen Palacios und Lustschlößchen jagen einander, alles, was in den letzten zwanzig Jahren Rang und Namen hatte, wird aufgefahren. Krönender Höhepunkt des Sommers ist die Eröffnung eines Museums moderner Kunst, das den Namen der Frau des diesen Sonnenstaats regierenden Sonnenkönigs tragen wird: „Reina Sophia“.

    Milliardenweise flossen die Peseten in alle Welt, um die Baselitze und Twomblys herbeizuschaffen, was Carmen nur noch fehlt, ist Picassos „Guernica“, das zur Zeit als bestbewachtes Gemälde der Welt in einem zum Prado gehörigen Sondermuseum hängt. Wir erinnern uns: Picasso hatte verfügt, daß das Gemälde erst dann an Spanien zurückgegeben werden darf, wenn das Land eine Demokratie geworden ist. Jimmy Carter wollte nicht verstehen, wieso ein Land mit einem König „democracy“ sein sollte. Er brauchte Bruno Kreisky, der ihm beim Wiener Opernball, während einer Pause, das mit der konstitutionellen Monarchie erklärt hatte.

    Das zweite Viertel in das man, neben Salamanca (= Upper-Manhattan), oft und gerne gerät, gruppiert sich um den „Rastro“, wo sonntags der bizarr-überlaufende, ausufernde Flohmarkt stattfindet, und der Calle Lavapiés als Zentren, und endet am Plaza Mayor und südlich an Estación de Atocha, einem der drei Madrider Bahnhöfe, deren sehenswertester aber der flughafenartig modernistische Tempel des aufgeklärten Shopping Madrid Chamartín ist, der in den 70ern entstand und schon von Meistern wie Martin Walser, vor 10 Jahren, als Zeichen eines neuen Spaniens gefeiert wurde. Von hier besteigt man den schönsten Zug Europas, den Talgo, und fährt nach Paris oder Barcelona. Oder gondelt in einem anderen 60er Jahre Diesel-Triebwagen optimistisch tutend nach Salamanca und Valldolid. In der Nähe liegt das Estadio Santiago Bernabéu.

    Aber zurück zum Rastro-Viertel, diese Kreuzung aus Bronx, Neapel, Kölner Südstadt und Hamburg-Eimsbüttel ist von Kriminellen und anderen Anarchisten durchsetzt, was einmal ganz andere hedonistische Talente dieser Bevölkerung offenlegt. Wie sie das speziell für Horror-Filme dekorierte Cine Ideal ausgemalt hat, wie kleine Jugendbanden, Straßen kontrollierend sich mit dieselben Straßen kontrollierenden, Karten spielenden Rentnern verständigen, wie ein Laden namens „Marihuana“ alles für „Heavy-Punk-Mods-Rocker“ anbietet, aber Minderjährigen den Zutritt verweigert. Und wie man den Tag zwischen Spielsalon – einer prächtiger, schloßartiger, palaciomäßiger als der andere – und unermüdlichen Verschönerungen der Abbruchhäuser mit anarchistischer Wandmalerei aufteilt.

    Wem noch Platten wie Curtis Live, Kevin Ayers’ Shooting At The Moon oder das Frühwerk irgendeiner der Tausenden spanischer Punk-Bands fehlt und nicht bereit ist, dafür mehr als 750 Peseten zu zahlen, der verbringt – und nicht nur zu den Stunden des sonntäglichen Flohmarktgedränges – ganze Tage in den Straßen von Lavapiés. Abends zieht es einen dann in das Viertel Chamberí, genauer auf die links und rechts der von der Gran Vía nördlich abzweigenden Straßen Calle de Hortaleza und Calle Fuencarral liegenden unzähligen Bars und Clubs. Diese dunklen Gässchen und Plätzchen, an denen ein Drogenhandel in in Europa unbekannter Offenheit blüht, sind die expressionistische Kulisse der spanischen Underground-Musik, ein äußerst seltsames Kapitel für sich.

    Den musikalischen Bewußtseinsstand eines Volkes kann man trefflich ableiten an der international verfügbaren Musik, die es in seinen Kneipen spielt, wenn – was hier selten ist – gerade keine Band auf der Bühne steht. Selbst in eher schnarchigeren Clubs wie dem San Mateo Seis, wo drei verschiedene Live-Bands die Woche spielen, läuft (von dem Schönheitsfehler Nina Hagen abgesehen) durchweg viel nette New-Rose-Musik, viel Los Lobos, Violent Femmes, also zeitgenössisches Americana (wie das Zeitlos-Moderne Spaniens eben nach US-Sixties aussieht, im Eisenbahn-Design, Bar-Innenarchitektur oder Kaufhaus-Styling), in Spezialistenläden wie dem „Agapo“ kann man ganze Abende bei den Cramps, Scientists und Beasts of Bourbon verbringen, im Teenie-Club „Via Lactea“ explodiert die neue „Sicodelia“, wie das in Spanien heißt, und fast alle spanischen Bands befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium von Sixties-Fieber, zumindest nach eigenen Angaben.

    Die hochgehandelte Band Los Elegantes sahen wir vor circa 2.000 Zuschauern in einer Yuppi-Disco. Ein fröhliches Quintett, das vor Wohlbefinden strotzend, wie alle Bands auf Spanisch, wenn sie’s nicht soweit übertreiben und baskisch oder katalanisch singen, seine Idee von vorwiegend britischem Sixties-Beat vortrug. Es war grauenhaft. Die tödlichst-gut-gelaunte Scheiße, die Du Dir vorstellen kannst. Ich meine, die Kinks und die Who waren doch in erster Linie schlechtgelaunte renitente Ratten, waren zynisch, böse, komisch und arrogant. Hier dagegen gnadenlose Verbrüderung im Namen des ungebrochenen Frohsinns.

    Zum Trost kauften wir uns eine LP einer Band mit nicht weniger eindeutigem Namen: Los Illegales. Vor allem der Track „Heil Hitler“ hatte uns neugierig gemacht. Es war dann eine rührende Hippie-Hasser-Band, die klang wie Beat-Punk aus Hannover anno 1980. Gerechterweise müssen wir zugeben, daß die wirklich tollen Bands die unzähligen, unökonomisch Doors- und Pebbles-Sampler übertrieben orgellastig, quäkig, renitent durchnudelnden Underground-Bands sind, die wirklich Nacht für Nacht und namenlos die Kulisse der unzähligen 50-Gäste-pro-Nacht-Clubs abgeben und von Drogen und Wahnsinnigen erzählen.

    So ist es nämlich: Nicht Bands, die sich einen Namen gemacht haben, wie Gabinete Caligari, die eine Mixtur aus spanischen Schlagern und Psychobilly spielen, ihre Cover von dem vom Spiegel in seinem ahnungslosen Madrid-Bericht als „Künstler“ gewürdigten Szene-Grafiker El Hortelano, dem Gary Panter von Madrid gestalten lassen, sind von Interesse, sondern die zähe Szene-Underground-Dutzendware, die wie Hotelbands anonym die Schmuddelclubs versorgen. Wann hat man das letzte Mal so was tolles gehört wie das Psychobilly-Trio Los Lobos Negros, das wir gleich zwei Nächte hintereinander sehen mußten: drei 1,50 m Zwerge mit Koteletten und einem Gitarristen, der wie alle spanischen Gitarristen daran leidet, daß die Söhne dieses Landes, wenn sie Gitarre spielen, sich körperlich gegen das Spielen von Einzeltönen und erst recht Verzerrungen wehren. Das ist Tradition, Flamenco, immer strumm-strumm-strumm, das will das Blut. Tenemos una fuzzbox, pero nunca la utilizaremos!

    Dabei beruht auch dieses Urteil auf Stichproben. Von circa 50 Bands, die auf unabhängigen Labels LPs produziert haben und weiteren hundert, die live auf den Bühnen der Hauptstadt spielen, haben wir neben den erwähnten nur noch Entre Parentesis, Los Negativos, Kiki – eine Art Lene Lovich mit B-52’s und Freundin des bekanntesten Kunstkritikers – und ein paar namenlose Kneipen-Kapellen gehört, sowie die obligatorischen Stars wie Alaska, Spaniens Nina Hagen, und andere, die im Radio Airplay bekommen. Was zählt, wie bei der Kunst, in Madrid, ist offensichtlich nicht die Qualität, Autorität, Aussagekraft, Bedeutsamkeit der Hervorbringungen, sondern ihre Menge, ihre Hemmungslosigkeit, ihre Übertreibungen, eben ihr Beitrag zur allgemeinen Devise dieser Stadt: Reizüberflutung und Schlaflosigkeit um jeden Preis.

    Und das ist die Devise ganz Spaniens, dezentrale Vielfalt, alles zur gleichen Zeit, was Madrid als Zentrum zusammenhalten und repräsentieren muß. Was soll man da von einer Stadt anderes erwarten, in der alles viel zu schön, zu groß, zu sinnlich, zu beeindruckend ist, die sich in jedem Winkel, sei es Slum, sei es Prachtallee – naturgemäß die breitesten Europas –, sei es Upper Manhattan, sei es Chamberí, wie Cinemascope-Breitwand-70mm-Kulisse aufführt, die einen bis in die späte Nacht in jedem Gässchen mit drei Bars, mit jeweils ausgesuchten, fetten, kleinen Köstlichkeiten dazu anhält, dem Wanst zu dienen?

    Was von einer Stadt, in der man den Abend beginnt, indem man sich in einem Café trifft, dessen Fenster fünf Meter hoch, Wände sieben Meter hoch sind und in dessen Mitte eine Statuette einer nackten Frau liegt, in die ein kleiner Junge reingerast kommt, mit der Nachbildung einer Pershing-Rakete in der Hand, und diese Pershing-Rakete zwischen die Beine der Statue rammt, woraufhin sein Vater rot im Gesicht wird und das Kind anschreit, während die Mutter einen Lachanfall kriegt, der sowohl die Minen der jungen Wave-Künstler, wie die der kleinen, älteren Herren mit dunkler Sonnenbrille, die aussehen wie der späte Franco, zu milder, genießender Heiterkeit aufhellen.

    Was von einem Land, das sich seine Geschichte ausgedacht hat, seine Ordnung immer auf irrationalen und künstlich-künstlerischen Prämissen aufbaut, das wider alle frühkapitalistische Berechnung im 17. Jahrhundert die größten Reichtümer der Erde verspielte, jahrhundertelang glaubte, daß körperliche Arbeit schändet, mehr Staatsbankrotte durchgemacht hat als jedes andere europäische Land, was von so einem Land, das sich jetzt per Dekret der hemmungslosen Produktion von guter Laune verschrieben hat und so über die genießbarsten Städte der Welt verfügt, deren genießbarste, schönste, genußvollste, ohne Zweifel Madrid ist.

    Kein Wunder, daß sich hier auch ein Jonathan Richman hemmungslos zum Affen machte und bereits nach drei Songs jeden Versuch, sein idiosynkratisches Profil beizubehalten, aufgab und eine hemmungslos blöde Version von „La Bamba“ anstimmte. Es ist ganz klar, daß die wirklich interessanten Bands und Künstler, die demnächst auch noch zu allem Überfluß aus Spanien kommen werden, vom autonomistischen Haß der Regionalisten oder vom Willen zur ungenießbaren Häßlichkeit beseelt sein werden, wie es die Arbeiten von Paneque und Maria Gomez schon andeuten. Denn in allen Blütezeiten produzierte Spanien vor allem große, böse Männer wie Góngora, Quevedo, Valle-Inclán oder Goya, große, grausame Männer aus einem unrealistischen Volk, die einzigen Realisten, die in diesem Beruf wirklich etwas taugen. Wo Vision und Künstlichkeit, Erfindung und Rausch das Alltägliche sind, ist der größte Außenseiter, der große Künstler ein Realist. Wer es nicht glaubt, kann es im „Prado“ nachprüfen! Der einzige realistische Maler, den es je gegeben hat, war Goya.

  • Neu im Kino: Godard, Varda, Scorsese

    Der Regisseur der Offenheit, des permanenten Reflektierens der Arbeitsbedingungen, der unermüdlich zwanghaft experimentelle Ergründer des Liebe-Arbeit-Kino-Lieblingsthema-Komplexes, der Fundamentalist – man lehnt sich zurück und genießt ihn, wie einen Meisterregisseur, wie einen Ford, Hawks oder Kurosawa, wie man einen bekannten Großmeister auf dem Höhepunkt seiner Reifejahre anschaut, immer darauf achtend, daß der Kosmos, den sein Name konstituiert, auch vollständig ist, daß sein künstlerischer Entwurf, dem wir durch all die Jahre die Stange gehalten haben, nicht umgeworfen worden ist: Maestro Godard. Die Blondinen, die Gangster, die Aperçus. Es gibt Männer, die einen sauberen Schwanz haben, weil sie sich die Hände waschen, bevor sie pinkeln, und es gibt Männer, die haben einen schmutzigen Schwanz, weil sie sich die Hände nach dem Pinkeln waschen. Sagt Alain Cuny, das Denkmal. Zu Claude Brasseur, einem anderen sentimentalen Denkmal des französischen Kinos, dem Erfinder der richtigen Miene zum bekannten, französischen Pfeiflaut Pfüh!, der soviel sagt wie Achselzucken oder „So What!“ Über allem, nein besser: zwischen allen, der durch die Szenerie geisternde Jean-Pierre Léaud, in den ich als Frau den ganzen Tag verliebt wäre: immer bübisch besserwisserisch, obwohl er eigentlich gar nichts weiß, nur das, daß es besser ist zu wissen, als sich rätselnd den Verzweiflungen zu überlassen. So wird er zum Gegenspieler Godards in diesem Film. Godard, der zur Kunst erhoben hat, nicht zu wissen, zu forschen, sich darauf zu verlassen, daß die von ihm veranstalteten Zufälle sich von selber zu Aperçus ordnen. Jemand hat gesagt, Léaud trete auf als Vertreter von Godards verstorbenem Erzfeind Truffaut, der sich Léaud schließlich einmal ausgedacht hatte. Ja, das kann sein, und manchmal ist es, als würden sich die beiden Männer unter der Sonne einer überirdischen Altmänner-Lakonie in diesem Film versöhnen, auch wenn Truffauts Lieblingsgegenstände, die Bücher, hier achtlos durchgeblättert, durch die Gegend geworfen und nicht gelesen werden. Schließlich ist es die Tragik von Johnny Halliday in diesem Film, daß er seit Jahrzehnten einfach nicht dazu kommt, Lord Jim zu lesen. Aber die Bücher als emphatischer Gegenstand – wer wollte das verlangen? Heute, wo sich die Idiotenregisseure und Idiotenfilmkritiker nach Zitaten postmoderngeil ihre Münder schlecken, behauptet Godard, in diesem Film sei kein Wort von ihm. Es hagelt Zitate wie Bücher, nicht um die Kulturgüter zu schmähen, als die sich die miesen, kleinen, kostbaren Dechiffrierzitate so gerne ausgeben, sondern weil Godard uns sagen will, daß er alles, incl. sich selbst und seine Dauerthemen, ad infinitum zitierend ausschöpfen kann, solange er dabei verschwenderisch ist, wird immer alles gut. Godard ist gut.

    Die Geschichte der Mona (Sandra Bonnaire) liest sich, zusammengefaßt, wie das Lexikon alternativer Allgemeinplätze und Vulgärsehnsüchte, tatsächlich ertappe ich nach Vogelfrei von Agnes Varda ein Pärchen dabei, wie sie über Pro und Kontra des Lebensentwurfes einer Streunerin ihre durchaus richtigen kleinen Gedanken austauschen: Was ist Freiheit? Doch diese Frage stellt der Film nicht. Viel bescheidener fragt er: Was wäre wenn? Und beantwortet dies anhand einer Versuchsanordnung ebenso lakonisch wie hart mit: Tod. Tod nach drastisch sichtbarem Niedergang (kaputte Schuhe, Dreck, Gestank, Alkohol, Promiskuität) der Hauptfigur. Aber er zeigt auch den bizarren Stromunfall im Bad der arrivierten Professorin, der jeden ereilen kann. Durchs Überleben ist noch nichts gewonnen. Memento vitae!

    Agnes Varda ist eine mitfühlende Rationalistin, mein Lieblingsfilm von ihr, Le Bonheur, zwanzig Jahre alt, untersucht die Mathematik, oder besser die Geometrie der Lüge „Glück“. Vogelfrei untersucht nicht die Mathematik der Freiheit, aber vielleicht der Einsamkeit. Produktive Einsamkeit, die zum Tode führt, aber vorher noch unschätzbaren Radiogenuß bereithält. Dagegen stehen nicht nur die Spießer, sondern auch die Professorin, die die Platanen vor Platanenkrebs retten will. Wird sie es schaffen, bevor der nächste Stromschlag sie heimsucht? Memento mori!

    „If you close the door, the night could last forever, all the people are dancin’ and they’re havin’ such fun. I wish it could happen to me, but if you close the door, I’ll never have to see the day again. Dark party bars, shiny Cadillac cars, and the people in subways and trains, looking grey in the rain as they wish to sustain, but people look well in the dark … someday somewhere someone will look into my eyes and say: ‚Hello you’re my very special one‘ … but if you close the door I’ll never have to see the day again.“ Diese verzweifelt schöne friedliche Gemütlichkeit, die Mo Tucker verbreitet, wenn sie Lou Reeds „After Hours“ singt, ist das Gegenteil der Stimmung des gleichnamigen Scorsese-Films. Es ist eher die Stimmung, die herrscht, wenn Streunerin Mona mit einem kiffenden Doors-Fan in einem alten Schloß unterschlüpft und sie noch als schlafendes Paar in ihrem fragilen Glück von drei Tagen ein Bild abgeben, das auf Monate die Träume eines ordnungsgemäß liierten Dienstmädchens ausfüllt. Nein, in After Hours herrscht auch nicht die Kälte der menschenverachtenden Gegenwart, der modernden Großstadt, es herrscht eine umgekehrte Gemütlichkeit, denn der Film illustriert einen netten altmodischen Alptraum, einen, dem man das gute alte Prädikat „kafkaesk“ geben kann. Ein Yuppie verstrickt sich in einer Nacht in Downtown-Manhattan in eine nicht endenwollende Folge ultimativer Peinlichkeiten und unverständlicher Seltsamkeiten. Es ist die alte Idee vom LSD, das man dem Spießer einflößt, auf daß dieser sich wie Stan Laurel am Kopf kratzt und nichts versteht. Es ist Bob Dylans Standard-Charakter Mr. Jones: „But something is happening here and you don’t know what it is. Do you, Mr. Jones?“ Neu ist nur, daß die schrägen Nachtvögel den Yuppie auf Abwegen gerade dadurch irritieren und in immer unentwirrbarere Alp-Netze verstricken, daß sie sich viel spießiger, begrenzter benehmen, sich paranoid in Bürgerwehren organisieren und eigentlich viel eher xenophoben Middle-West-Kleinstädtern gleichen als verrufen-dekadenten weltoffenen New Yorkern. Scorsese hat sehr schön den Umschlag vom Spinösen, Transvestitischen, Selbstorganisierten, Alternativen ins Faschistoide inszeniert, als bizarren Klamauk, als das komische Ende von Taxi Driver. Was sich Travis Bickle nie hätte träumen lassen, daß Sports einer Bürgerwehr vorsteht. Früher waren die Freaks aufgeklärt und lebensklug, heute hetzen sie in umgekehrter Easy-Rider-Manier den vernünftigen Normalo, den sie eines Diebstahls verdächtigen. Nicht der Durchschnittsmensch ist pervers.

    Am Ende wird der Yuppie als Segal-Figur irrtümlich eingegipst und fällt auf dem Weg zum Kunstmarkt aus Cheech und Chongs Lieferwagen. Denn sieht es so nicht aus heute in Manhattan? Ein Drittel der Bevölkerung macht Skulpturen, ein weiteres Drittel klaut Skulpturen und das dritte läuft als Skulptur herum.

  • David Thomas

    „Junge Leute sind sehr konservativ, solange sie unter 25 sind, wollen sie immer das gleiche hören“, sagt David Thomas. Und ich gebe ihm recht, heutzutage jedenfalls nimmt der Jugendliche Reißaus, wenn Musik auch nur am Rande die Konventionen der europäischen Funktionsharmonik antastet.

    Was bleibt von einer Band, die mehr als einmal die beste der Welt genannt wurde (Pere Ubu)? Hohe Pfeiftöne und Unterwasserszenen?

    Aber damals, fahre ich fort, als ich so richtig jung war, da riß man sich doch um Lärm und Ausgeflipptes, man verehrte schließlich Captain Beefheart.

    „Aber das Ausgeflippte war eben auch nur eine Konvention. Captain Beefheart ist zufällig von Wert, aber als ausgeflippt ging eben auch viel Scheiße durch.“

    David Thomas hat für sein fünftes Solo-Album auf bewährte Mitstreiter aus alten Pere-Ubu-Tagen zurückgegriffen. Allen Ravenstine, der die unerhört hohen Pfeifsounds schon auf den ersten Ubu-LPs veranstaltete, ist, stoisch wie eh und je, zurückgekehrt, ebenso wie der strahlend blauäugige Tony Maimone am Baß, und mit den beiden diverse Ubu-Klassiker zur Auflockerung des möglicherweise allzu eigenartigen Thomas-Solo-Programms. David Thomas ist heute ein Begriff allenfalls für eine verschwindend kleine Minderheit der älteren Generation, und warum auch nicht, New Wave ist heute so alt, daß seine alten Helden zwar noch nicht wie die ganz alten Helden der Velvet-Epoche den Sprung zum Klassiker schafften, aber alt genug sind, daß sie erst einmal ein entbehrungsreiches Dasein als marginale Quasi-Free-Jazz-Figuren führen. Das ist ein Stadium, durch das man durch muß, bevor man zum Klassiker erhoben wird. John Cale hat auch jahrelang Scheiße gefressen, bevor er eines Tages aufwachte und alle von ihm beeinflußt waren.

    Die David-Thomas-Solo-Alben waren nun allerdings wirklich alles andere als zugänglich. Die starke Bedeutung des Textes verhindert, daß die äußerst eigenartig instrumentierte Musik Eigenleben gewinnt, die glucksend-säuselnd-untermalende Musik verhindert, daß die Texte als etwas anderes als delirierender Surrealismus wahrgenommen werden, wo sie doch, wie auch zu Ubu-Zeiten, rührende, hochmoralische Fabeln, Abhandlungen, Lehrstücke über zeitlos Menschliches sind, verpackt in die altbekannten Lieblingsmetaphern des David Thomas: endlose Unterwasserszenen, Meerestiere, zugefrorene, erstarrte Breughel-Winterlandschaften, bekannt als UNICEF-Weihnachtskarten, die Alternative zu den Mundmalereien. Immer wieder Winter, immer wieder weites zugefrorenes Land, John Fords Amerika in der Spätphase, etwa im Wiedergutmachungswestern Cheyenne:

    „Da, wo ich herkomme, ist das Klima sehr extrem, heiße Sommer und kalte Winter. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich den Winter liebe. Jeder hat so ein Zuhause, einen Platz, wo er hingehört. Das muß nicht notwendig der Ort sein, wo man geboren und aufgewachsen ist, aber es gibt immer einen Ort, einen ganz bestimmten Ort, wo man sich zu Hause fühlt, das sind bei mir diese Winterlandschaften. Dann sind Jahreszeiten natürlich immer nur deswegen interessant, weil sie andere Jahreszeiten ablösen. Der Winter ist gut, weil er den Herbst ablöst.“

    Der Vorteil der mit alten Ubu-Freunden aufgefrischten Live-Band besteht nicht zuletzt darin, daß rund um David Thomas’ extrem entfaltete Persönlichkeit wieder ein Rahmen entsteht, eine klare Landschaft, gegen die sich die Urszenen und Dramen, die er erzählt, vorspielt, singt, konturiert abzeichnen. Die oft richtig jazzige, kleine Combo verkleinert die Willkürlichkeiten, die Eigengesetze, die großen Brüche in der Geschichte des David Thomas, den die zufällig gewählte musikalische Form nicht interessiert. Ihn interessiert es, bewegend und lustig zugleich zu sein, archaische Reaktionen.

    „Denn so sind die Menschen, oder? Bewegend und lächerlich, und Kunst sollte sein wie die Menschen, jedenfalls das, was wir machen. Eigentlich ist das keine Kunst, sondern Folk Music. Pere Ubu war eine Folk-Band. Ich habe das immer wieder gesagt, aber die Leute haben mich nicht verstanden. Worum es in der Musik doch geht, ist Kommunikation von Herz zu Herz, Intimität, alles, was davon ablenkt, sollte man aufgeben. Und das ist Folk Music.“

    Für mich ist genau das Blues bzw. schwarze Musik im allgemeinen, die Rettung der archaischen Kommunikation, natürlich da entstanden, wo Kommunikation am frühesten zu einem Gegenstand des McLuhantums wurde, wo sie am schnellsten, modernsten und nötigsten wurde. Der zivilisationsmüde Europäer wird zum Eremit, der zivilisationsmüde Amerikaner versucht die archaische Kommunikation zu retten. Wells-Fargos Pony Express. Die Kommunikation des Herzens. Das Herz ist ein Muskel, der nichts weiß, aber er garantiert Authentizität, weil er schlagen muß, man kann ihn nicht aus ästhetischen Gründen unterbrechen. Dazu ist es ein einsamer Jäger, begraben an der Biegung des Flusses.

    „Der Blues ist keine heilige Kuh, Blues ist vor allem auch viel sexistischer Unsinn, Backdoor-Men-Musik, Lüge, Illusionen, er hat nur dieselben Kräfte wie alle Folk Music, mich hat schwarze Musik nicht mehr beeinflußt als die Beach Boys. Worum es doch geht, ist folgendes: Immer wenn ich Opern höre, immer, egal wo, muß ich an meinen Vater denken, an ein bestimmtes Gefühl, das ich als Kind hatte, wenn mein Vater Opern hörte, ein ganz bestimmtes, definiertes Gefühl. Du hast genau dieses Gefühl, genau dasselbe, aber es wird von einer anderen Sache ausgelöst. Die Aufgabe der Kunst ist es, diese beiden Gefühle zu vermitteln, deines und meines.“

    Und das ist der Punkt, wo Kunst in Religion übergeht. Wo man nicht mehr alleine für sich eine Madeleine ißt und anderen, per Kunst, nur formal, erklären kann: Dieser Keks, in Tee getaucht, löst diese und jene Erinnerung aus, meine Erinnerung, braucht euch nicht zu interessieren, meine Erinnerungen, aber es kann euch interessieren, wie das alles formal zusammenhängt, und ich untersuche es genau, und wie ich das tue, ist schön, mithin Kunst; sondern anders: Wir alle essen kollektiv eine Madeleine, eine magische Oblate, die uns alle verbindet, die in gleicher Weise unser aller Erinnerung, präzise die gleichen Gefühlswerte schafft. Das ist Religion, und ich glaube kein Wort, das ist C.G. Jung, kollektives Unbewußtes, bestenfalls Gospel. Aber wie Amerikaner immer wieder an C.G. Jung glauben, wie der Performer immer wieder zum Priester wird, das ist schön, das ist Kunst. Verstanden?

    Im Gegensatz zu anderen, denen es reicht, vage daran zu glauben, als Performer ihr tiefstes Erinnern und Fühlen mit dem tiefsten Erinnern und Fühlen ihrer Zuhörer zu verbinden, schafft sich Thomas Versuchsanordnungen, er überprüft sich. Platte für Platte wird der Komplex Intimität durch Kunst, Kommunikation von Herz zu Herz untersucht, immer anhand bestimmter gegebener Themen. Er betont, daß jedes Stück immer auf eine bestimmte Platte gehört. Und wenn es dem aufmerksamen Textleser und Zuhörer vielleicht nicht sofort auffällt, Thomas ist mit Monster Walks The Winter Lake beim Zentrum des Problems angekommen: Seine neue Platte handelt, so sagt er wiederholt, von der Ehe. Die Zweisamkeit, das ideale Versuchsgebiet für Untersuchungen über die Möglichkeit archaischer Kommunikation.

    „Wenn ein Sandkorn in eine Auster gerät, entsteht eine Perle, wenn so eine Art Sandkorn in eine Ehe gerät, also zwischen die beiden Hälften, entsteht ein Monster, ein Monster, um das die Ehepartner herumkommunizieren. Sie geben nicht auf, aber sie treffen sich nur noch an der Peripherie, weil im Zentrum dieses Monster steht und wächst.“

    Andererseits ist das Monster, das über die Hälfte der LP bestimmt („Monster Walks The Winter Lake“, „Monster Makes A Joke“, „Monster Magee, King Of The Seas“ und „Monster Thinks About The Good Days“), die Figur, die auf die Fähigkeit und den Anspruch des Künstlers David Thomas am besten paßt: lustig, lächerlich, unförmig, abstrus einerseits, ernst, bewegt, bewegend, gefährlich, rührend andererseits und beides zur gleichen Zeit – was nur live klappt.

    „Klar, dieses Element gehört mit dazu, so wie Frankensteins Monster, das gleichzeitig rührend und lustig ist, aber meine Platte handelt nicht von einem Monster, sie handelt von der Ehe, das ist ihr Thema.“

    Ein theoretisches Monster?

    „Nein, ein Typ, sein Name ist ‚Monster‘.“

    David Thomas rudert mit seinen Armen, der warme, großherzige, hemmungslose Performer wächst über den Tisch, seine riesigen Hände stellen irgendeinen abstrakten Zusammenhang vor, nur wenige Zentimeter vor meinen Augen. Der Zusammenhang ist befriedigend dargestellt, er rutscht wieder rüber auf seinen Sitz, fällt in sich zusammen, die Augen fallen zu, ein enger Sehschlitz öffnet sich kurz, während ich die nächste Frage formuliere. Zur „Theorie der spontanen Ähnlichkeit“, mit der er die LP eröffnet und derzufolge, „alles wie etwas ist und irgendwas wie etwas anderes“ und die er dann, während des Songs, von seinen Musikern per spontane Assoziation überprüfen läßt, um zum Schluß selbst zu sagen:

    „I am like a Red Tin Bus / Made in Taiwan / People’s faces are painted on / but they’re painted on in an alarm / People who’d see me they’d say / Man who’s that crazy bus driver / sittin in that bus driver’s seat?“

    „Ja, man könnte meinen, daß ich nach dieser Theorie arbeite, aber ich habe auch viele andere Theorien dieser Art. Es war auch ein Witz. Halb ernst, halb Witz.“

    Das mögliche Problem von David Thomas (wenn er denn eines hat) ist, daß er zwar ein Dichter ist, aber wie alle großformatigen, beleibten, extrovertierten Schauspieler abhängig von Kommunikation. Alles, was er schreibt, ist pure Lyrik, aber immer auch purer Dialog. Lyrik ohne Hermetik wird zur Komödie (in jedem Sinne des Wortes), deswegen ist er ein Spaßmacher, deswegen ist alles, was er macht, Predigt, moralische Fabel, Lehre, Unterweisung. Aber dann gleitet es immer weiter in die bizarren Gefilde eines Unterwassergeistes, und was sich für ihn wie Dialog anfühlt, ist in Wahrheit ein Monolog, der Monolog des Gedichtes. Das Monster der nicht universell verständlichen Sprache hat sich zwischen ihn und die Welt geschoben. Dichter sind allein, und Spaßmacher müssen sich immer dem Niveau der Anekdote anpassen. David Thomas ist zu ernst für die billige Befreiung durch die Pointe und zu humanistisch für die Einsamkeit des Dichters.

    Die Woodenbirds, seine Band, sind seit über zwei Monaten auf Tour, eine gewisse Katerstimmung wegen mangelnden Zuspruchs macht sich breit.

    „Was sollen wir schon anders machen, wir sind eine Folk-Band, wir machen, was wir machen müssen. Wir haben mit Kunst nichts zu tun, wir sind Folklore. Aber niemand versteht, warum eine Folk-Band einen Synthesizer hat.“

    Viele junge Leute fühlen sich heute als Folk-Band, ihr müßt nur klarer machen, daß ihr zu ihnen gehört.

    Ravenstine: „Meinst du, aber sag mir, wie!“

    Ich weiß es nicht.

    Maimone: „Pere Ubu war doch eine sehr einflußreiche Band.“

    Ravenstine: „Sagt man, aber haben wir dafür irgendeinen Beweis?“

    David Thomas: „Pere Ubu – das waren auch immer im richtigen Moment die richtigen Leute. Als Tony kam, war er genau der richtige Bassist, als Mayo Thompson viel später zu uns stieß, war er genau der richtige Gitarrist. So war das immer, deswegen waren wir so gut. Da wo wir herkommen, in Cleveland, hat man uns immer für Verrückte gehalten und tut das auch heute noch.“

    Und alles hat sich geändert und wird sich immer wieder ändern, Leute werden kommen und gehen, die Musik wird mehr oder weniger songartig, elektrisch, akustisch, jazzig sein. Was bleiben wird, sind Ravenstines hohe Pfeiftöne und David Thomas’ Unterwasser-Metaphern.