Autor: admin

  • 30 Jahre Konkret

    30 Jahre Konkret enthält Faksimile-Reprints ausgewählter Artikel, umgeben von den Original-Anzeigen und -Leserbriefen etc., fünf bis zehn pro Jahrgang, aus drei verschiedenen Epochen dieser neben der Marxistischen Studenten Zeitung letzten linken Publikation von Rang und/oder Bedeutung.

    Seit 13 Jahren macht Hermann L. Gremliza Konkret. Schon das ist eine Geschichte für sich. Ich meine: wer erinnert sich noch an 1974? Kanzler Schmidt übernahm Deutschland, das dann Fußballweltmeister und zum Modell erhoben wurde. Wer hätte sich damals vorstellen können, daß der nur von gelegentlich milder Aufregung (Terroristen!) gestörte, vor sich hin dampfende sozialdemokratische Mief in seiner Agonie je abgelöst werden würde, durch den Kapitalismus mit unmenschlichem Gesicht, den wir jetzt haben? Govi, beständiger Konkret-Inserent, hatte damals Woodstock II im Angebot. Punk war noch nicht mal zu ahnen. Gab es noch Schriftsteller? Ja. Peter Weiß lebte noch. Ebenso Uwe Johnson, der der aufstrebenden linken Zeitschrift 1962 ein Interview über die Probleme beim Schreiben der Wahrheit gibt. Das war die Zeit, als man noch ganze Seiten für Gedichte des alten Beatnik Lawrence Ferlinghetti frei machte und eine Nummer später ein späterer sozialdemokratischer Spitzenpolitiker namens Hans-Ulrich Klose ein von Ferlinghetti inspiriertes Gedicht über die Mauer unverlangt einsendet. Auch der spätere Eremit Arno Schmidt wollte damals noch mitmachen. In der Rubrik „Dissertationen“ lobt die damalige Studentenzeitschrift die Arbeit eines heute meinungsführenden FAZ-Philosophen, Odo Marquard, über den Klee.

    Circa Mitte der 60er fällt der Kulturteil in die Hände des Hamburger Miefs. Schon ’64 steht über amerikanische Happening- und Pop-Art, die ahnungslos zusammengerührt wird, ein grober Unsinn im Heft. Dann kommen die Rühmkorfs, in ihrer Nachfolge später die Piwitts und Horst Janssens. Man ahnt, daß vieles vom Elend der linken Kultur in Deutschland damit zu tun hat, daß eine ganz besonders selbstgefällig-ahnungslose, isolierte Szene um die Stadtteile Övelgönne und Mundsburg (Hamburgs immer schon und immer noch erschreckende Kunsthochschule) die entscheidenden Medien besetzte und besetzt hielt. Erst heute (in den letzten 5 Jahren) beginnt Konkret sich langsam davon zu erholen, die Folgen sind aber noch allemal zu spüren, wenn man unermüdlich über die verwerflichen Tendenzen im US-Kino unterrichtet wird, statt einmal zu erfahren, was man Neues lernen, an Veränderungen beobachten kann, an einem Chuck-Norris- oder Oliver-Stone-Film, was diese von früheren Filmen bzw. untereinander unterscheidet (Cimino ist kein Reaktionär!). Daß alle diese Filme mit amerikanischem Geld für amerikanische Interessen gedreht wurden, sollte sich doch nach dreißig Jahren gerade in dieser Leserschaft ’rumgesprochen haben.

    So tobt im politischen Teil die Brillanz einer Ulrike Meinhof (deren Artikel für diesen Reader von ihren Töchtern nicht freigegeben wurden, wegen zu erwartender Schwierigkeiten mit dem Ex-Ehemann und Ex-Konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl, dem Mann also, der Ende der 60er Konkret zu Tempo machen wollte: „Sex mit dem Satan“, „Liebe mit Gewalt“, „Folter in Griechenland“, „Krank vor Sex – Jugendliche packen aus“, „Ist der Mensch eßbar?“. Klar, daß einer wie Rühmkorf die Idee mit den nackten Mädchen hatte. Trotzdem war die damalige Konkret nicht so schlecht, wie sie die herablassenden Kommentare von heute im Reader machen wollen: Nackte Mädchen waren Pop, die Zeiten andere, und ein bißchen mehr Gespür für Vorgänge an der sichtbaren Oberfläche der Epoche täten auch der heutigen, alles Modische eindimensional-prüde von sich weisenden Konkret ganz gut) oder eines Hermann L. Gremliza, dessen Leitartikel schon alleine die Konkret der letzten 13 Jahre zur Pflichtlektüre machten, während im Kulturteil, in vergreister linker Spießigkeit, die sich weigert ihren Gegenstand überhaupt zu untersuchen, bevor sie ihre berechenbaren Verdikte fällt, jeder Raunzer des späten Bob Dylan über Prince gestellt wird. (Auch wenn die letzten Redakteure sich bemühten, dem entgegenzuwirken; der Schatten einer gewissen Altmänner-Muff-Clique verdunkelt diese Bemühungen.)

    Mit anderen Worten: diese Zeitschrift ist über zehn Jahre mindestens der einzige Ort in dieser Republik gewesen, an dem bestimmte Wahrheiten gesagt wurden, immer aber um den Preis, daß man grauenhafte links-sentimentale Sätze wie „Sanft war er, sanft wie alle echten Radikalen“ (Biermann über Dutschke) mitlesen mußte. Insofern war der frühe Kulturteil in all seiner Behäbigkeit besser: Wo ist später das Äquivalent zu einem Uwe-Johnson-Interview gewesen? Wo waren 79 vier Seiten über Penck? Zu den wirklich radikalen, zeitgenössischen kulturellen Bewegungen hatte die Zeitschrift keinen Kontakt, weder zu Fluxus, noch zu Situationismus, Punk-Rock etc. Die aus schlechtem Gewissen, Einsicht, Abscheu oder welchen Motiven auch immer eingestreuten, isolierten Texte zu diesen Themen geben keinen Sinn, ohne den Zusammenhang gewisser kontinuierlicher, anteilnehmender Berichterstattung über den kulturellen Ort, dessen politisches Äquivalent Konkret seit Jahren so beeindruckend verteidigt. Für diesen Reader spricht, neben all dem, was sich jeder denken kann (lehrreiche Dokumente, seltene/gute, selten gute, bezeichnend schlechte etc. Texte in naturbelassener Form), vor allem, daß er auch solche Zusammenhänge offenlegt und nicht für die Befriedigung niederer nostalgischer Triebe, sondern für das Studium der kleinen, westdeutschen Linken von heute aus gemacht worden ist.

  • Nikki Sudden – Der Blues als endloser Ritterroman

    Früher verkaufte er seine Swell-Maps-LPs noch eigenhändig im Rough-Trade-Laden an Iggy Pop und David Bowie, heute zieht er durch seine Lieblingsstädte und -landschaften, läßt sich als meist zufriedener Dauermelancholiker vom zärtlichen Wind des Lebens hierhin und dorthin verschlagen und betrachtet die Aufhebung der Trennung von mythischen (Memphis, Texas, Augsburg) und realen Orten (Frankfurt, Leamington Spa, London) als dauernde Sommerferien. Der meisterwähnte Musiker in einer einzigen großen Erwähnung von Diedrich Diederichsen.

    Allen Respekt für Produktivität. Viele Schallplatten, viel Ehr. Aber das allein kann nicht erklären, warum Nikki Sudden für alles und alle hinhalten muß, warum er in Spex öfter erwähnt wird als die Rekordhalter Alex Chilton, Beastie Boys, James Luther Dickinson, Albert Oehlen, Martin Kippenberger, Nick Cave, Blixa Bargeld und Andy Warhol zusammen? Warum schleicht er sich immer wieder in beweiskräftige Nebensätze, in Aufzählungen und Assoziationen, wie ist er in unser Kollektiv-Gehirn geraten? Nicht nur durch drei bis vier Tourneen, viele Briefe, Artikel und circa sechs Schallplatten im Jahr allein. Da muß doch noch was sein?

    „Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich hier gelebt habe. Ich habe auch schon oft darüber nachgedacht. Ich finde keine Antwort.“

    Vielleicht auch einfach nur, weil er die Message der Zartheit so penetriert hat, daß wir ihn stellvertretend für alles Zarte immer wieder schützend in unser Heft legen, damit die rauhen Gedanken der Welt nicht an ihm vorübergehen, ihn liegen lassen wie ein Stück welkes Laub. Nur alle drei Monate kurz beschienen von einer nur noch imaginierten, in Wirklichkeit vor 77 bis 98 Jahren untergegangenen romantischen Sonne. Aber ist es Mitleid? Oder ist es Bewunderung? Oder sind wir, Spex, nichts anderes als eine romantische Sonne?

    „Ich bin in letzter Zeit von Alex Chilton enttäuscht. Ich habe die Entdeckung gemacht, daß er immer nur dann gut ist, wenn Jim Dickinson in der Nähe war. Ich will nichts mehr von ihm hören. Vielleicht ändere ich aber meine Meinung, das tue ich ziemlich oft. Ich höre jetzt Jerry Lee. Ich kann es nicht begreifen, daß ich ihn jetzt erst entdecke. Wahrscheinlich, weil ich ‚Great Balls Of Fire‘ und die anderen Sachen, die man so von Rock’n’Roll-Compilations kennt, nie besonders mochte.“

    Ich auch nicht. Ich kann Jerry Lee Lewis sowieso nicht leiden, weil ich bei Pianisten, die Rock’n’Roll spielen, immer an Boogie-Woogie denken muß, aber ach vergiß es, eigentlich bin ich immer inkompetent, wenn Musik dem zwölftaktigen Blues-Schema folgt, es sei denn, sie macht es falsch wie bei John Lee Hooker oder Robert Johnson oder wie jeder andere gute Blues.

    „Ich hab mir also das Gesamtwerk besorgt, die Boxen auf Bear Family, und das höre ich jetzt nur noch. Da sind Country-Songs drauf … Ich habe da diese LP fertig …“

    Nicht schon wieder.

    „Doch. Ich wollte sie bis zum Herbst herauszögern, aber sie ist seit drei Monaten fertig. Alan McGee wollte mir schon verbieten, Platten aufzunehmen. Mit Rowland S. Howard. Nicht so depressiv wie Dead Men Tell No Tales. Eher so Songs, die ich im Pub hingekritzelt habe, so im Stile von Jerry Lee. Ich sitze hier und trinke. Ich nehme noch einen Drink, bevor ich dich verlasse. Die letzte Zeile des Robert-Johnson-Artikels war ein Zitat aus einem der Songs.“

    Und dann erzählt er mir die Geschichte von dem Jungen, der aus seiner toten Freundin Autos baut. Ich begrabe dein Herz an der Kreuzung, und aus deinen Lippen mache ich die schönste Kühlerhaube. Oder so. Ein sehr fröhlicher Song. Wie ja überhaupt Suddens Songs und auch die seines Ex-Partners Kusworth schon immer den Ruf hatten, sich hemmungslos an den vorformulierten Traurigkeiten klassischer Melancholie zu weiden, beide aber erst mit ihren letzten Solo-LPs (Dead Men Tell No Tales und The Bounty Hunters) diesen Grad von rigoroser, nur minimal mit Griffen und Akkorden verzierter, offener, nöhliger, mutloser Depressivität erreichten, so daß sich ihre früheren Platten wie Ramones-Medleys anhören, im Vergleich.

    „Ja, ich werde einfach nicht mehr über Mädchen singen. Das dürfte das Beste sein. Das Album ist wirklich zu hart. Ich wollte Creation schon daran hindern, es zu veröffentlichen.“

    Der neue Dauerpartner Rowland S. Howard hat auch nicht viel daran ändern können.

    „Ich hab ihn bei einem Crime-&-City-Solution-Gig kennengelernt, eigentlich mag ich die Band nicht sehr, ich finde das viel besser, was er mit mir macht. Wir hatten noch Studiozeit von der Jeremy-Gluck-LP, und da haben wir noch 20 Country-Songs aufgenommen. Crime & City Solution finde ich eigentlich richtig langweilig. Wenn wir zusammenspielen, gibt es dagegen richtiggehend magic zwischen uns.“

    Kusworth?

    „Er spielt viermal dasselbe Gitarrensolo. Eine sehr gute Platte.“

    Warum handeln alle deine Liebeslieder immer vom Abschiednehmen, warum sind sie grundsätzlich Rückblicke, nie Kämpfe in einer Beziehung, Krieg?

    „Das ist der Jerry-Lee-Einfluß. Ich habe aber jetzt auch über andere Sachen geschrieben. Über die Original-Jakobiter im Schottland des 18. Jahrhundert, darüber, wie die Amerikaner den Indianern das Land geklaut haben.“

    Die Superdepression hat ja auch den Vorteil echter Radikalität, das wunderbare Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu hören.

    „Ja, es ist interessant, wie weit man gehen kann. Aber weit geht es eben nicht. Als die Stones nach ‚Paint It Black‘ ‚Have You Seen Your Mother Baby‘ gemacht haben, konnten sie auch nicht weiter gehen. Jetzt werde ich vergleichsweise schnell werden. Ich meine, ich kann nicht solche Schnitte machen wie Neil Young, aber für mich sind es schon Veränderungen. Vieles, was ich jetzt mache, klingt wie T. Rex.“

    Und warum faßt du nie irgend etwas an, was nach 1976 erfunden wurde?

    „Was wurde schon nach 76 erfunden?“

    Einiges.

    „Bands, die wie Can klingen, vielleicht.“

    Das hängt ja auch alles mit Suddens Grundhaltung zusammen. Seit er knapp über 20 ist, schreibt er Songs, die einer schreiben müßte, der das Leben hinter sich hat, nimmt er die Pose des alten Mannes ein, hört Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Robert Johnson und projiziert sich in imaginäre, zurückliegende Krisen, mit Frauen und Drogen, die er wahrscheinlich nie erlebt hat, eine Sorte Hysterie also, die freilich Voraussetzung für eine ganz bestimmte Sorte Eleganz ist.

    „Ja, wie Grant. Der gute alte Grant von den Go-Betweens, der hat auch immer alles schon hinter sich. Was du meinst, ist wahrscheinlich typisch englisch. Ich fühle mich wohler in der Vergangenheit, sagen wir in den 20er-Jahren dieses Jahrhunderts in der englischen Oberschicht oder im 17. Jahrhundert. Es gab mehr Würde damals, einfach mehr Würde. Natürlich idealisiere ich das, immer schon mußten Leute sterben. Ich weiß, daß das ein romantisches Bild ist, und mein Leben ist sehr real. Und ich fühle mich auch nicht wie jemand, der alles hinter sich hat und nichts von der Zukunft erwartet. Nur: meine Songs sind für mich keine Arbeit. Dieses Leben ist wie Schulferien für mich, auch wenn ich für Spex schreibe, ist das nicht, weil ich Geld verdienen will oder meinen Namen lesen will. Ich brauch nicht soviel Geld, und es ist schön, für das, was einem Spaß macht, auch ein wenig bezahlt zu werden.“

    Nur, der Umgang mit den imaginären Orten, dem schottischen Hochland, den Baumwollfeldern des Südens und den Studios von Memphis unterscheidet sich in den Artikeln in diesen Spalten stark von den musikalischen Denkmälern, die Nikki ihnen mit Ausdauer und ohne Angst vor Wiederholungen immer wieder zimmert. Hier ergreift er Partei, nennt Roß und Reiter, verdammt den Rest und versucht, die Jugend für Fernliegendes (andere alte Männer) zu gewinnen, dort webt er einen Kokon aus feinen Gitarren, einen Saitendschungel, undurchdringlich und ungestört durch Brüche oder Schnitte, immer wieder das altenglische Thema von der Eleganz des aufrecht Untergehenden beschwörend (das übrigens überall sonst in der Welt ein Zwischenspiel des 19. Jahrhunderts war, nur in England ein möglicherweise natürlicher, zeitloser Wert, denn in England bleiben die Männer immer Kinder, die Rittergeschichten lesen, und die Frauen nehmen die Wirklichkeit in die Hand).

    „In der Musik ist ja auch nichts so wichtig wie Atmosphäre, wichtiger als alles andere. Ich meine, deswegen fühle ich mich auch mit Nick (Cave) verwandt. Der tut von einem anderen Blickwinkel aus dasselbe wie ich, mindestens auf seinen letzten beiden Platten, eigentlich seit From Her To Eternity. Ich war ja nie so ein Birthday-Party-Fan …“

    Weil die Birthday Party eine zeitgenössische Band war. Heute sucht Cave die unberührbare Schönheit des Denkmals für anderer Leute Gefühle.

    „Er ist der neue Tom Jones.“

    Nikki Sudden lebt zur Zeit in Frankfurt. Mag er die Stadt? Er weiß nicht, er kennt sie nicht. Er ist nur da, weil sein Girlfriend da lebt, Brigitte, sie ist Lufthansa-Stewardess. So war es damals auch in Hamburg, das er auch nicht besonders mochte. Er mag in Deutschland nur Augsburg.

    „Ja, genau. Creeping-Candies-Land. Eine wunderbare Stadt. So ähnlich wie Schottland. Es scheint nicht viel zu passieren, alles ist so faul. Nun ja, nicht jeder scheint meine Idee zu teilen, daß diese Gruppe so phantastisch ist, aber egal … Augsburg ist so, wie ich mir Deutschland immer vorgestellt habe.“

    Du bist nur interessiert an dem, was unwiederbringlich verloren ist?

    „Ja, bis auf einige Sphären der englischen Welt, wo es diese Dinge noch gibt. Das hat wahrscheinlich mit meiner Erziehung zu tun. Ich glaube, das ist alles typisch englisch. Ich hatte eine gute englische Erziehung, gute Schule. Ich wollte immer Cricket für das Schulteam spielen, bin aber nie angenommen worden. Das ist das, was verloren ist, ein gutes Cricket-Spiel auf dem Dorfanger, das ist das gute englische Leben. Das ist der Fehler, den alle Politiker machen, sie denken nur an ihre fünf Jahre Macht, sie können nicht mit dem Erbe umgehen. Ich meine, wer wird sich in hundert Jahren an Margaret Thatcher erinnern? Naja. Wahrscheinlich alle. Man erinnert sich ja immer nur an die Bösen.“

    Aber abgesehen von den Politikern. Ist es nicht normal und natürlich, daß Dinge kommen und gehen, und hat nicht jeder das Recht, an seiner Gegenwart teilzunehmen? „Ja, schon. Aber das kann man alles besser machen.“

    Aber wie stellst du es dir vor? In der Architektur bauen die Leute heute nostalgisches Zeug, das ich schlimmer finde als irgendwelche Betonburgen.

    „Okay. Aber die Sachen waren früher besser gemacht. Ein Tisch war besser gemacht, es war Handarbeit. Dasselbe in der Musik. Heute werden Drum-Computer benutzt, ein Drum-Computer swingt aber nicht. Auf dem neuen Iggy-Pop-Album gibt es außer der Gitarre nur Computer – das ist die totale Scheiße.“

    Aber eine Gitarre ist doch auch nur eine Maschine. Und es gibt Leute, die machen mit einem Drum-Computer sehr gute Sachen. Bizarr und swingend, Schoolly D zum Beispiel.

    „Ausnahmen gibt es immer. Ich will einfach, daß die Leute bessere Musik hören. Ich bin eigentlich kein so großer Idealist, aber die Leute sollen sich keine Platten kaufen, weil sie sie im Radio hören, sie sollen Robert Johnson hören.“

    Gut, finde ich auch, aber das ist der totale Luxus, Robert Johnson hatte andere Probleme, als die Leute heute haben.

    „Auf einer bestimmten Ebene ist das alles dasselbe. Wenn man Dickens oder Shakespeare liest, kann man auch heute davon lernen.“

    Ja, wenn man die Zeit oder den Beruf hat, die Welt als Ganzes zu erkennen. Aber: die Leute arbeiten heute nicht auf einer Baumwollfarm, ihre Eltern oder Großeltern waren keine Sklaven. Und deswegen sagen ihnen die Beastie Boys wahrscheinlich mehr als Robert Johnson, auch wenn mir möglicherweise meistens Robert Johnson mehr sagt, aber ich werde niemals auf den Genuß des Zeitgenössischen, wenn es auf den Punkt gebracht wird, wie in guter Pop-Musik, also bei den Beastie Boys, verzichten können.

    „Ja, es gibt viele Möglichkeiten. Ich glaube nicht, daß ich unbedingt recht habe. Niemand muß mir recht geben. Ich selber gebe mir auch nicht immer recht.“

    Das ist aber auch wieder so ein Opa-Standpunkt. Ich will dir nichts einreden, Sohn. Du mußt selber herausfinden, was gut für dich ist.

    „Ich mag meine Großeltern. Gute englische Mittelklasse. Der eine hat einen Laden, was sehr englisch ist, der andere war Zimmermann, beide sehr religiös. Sie gehörten einer bestimmten englischen Kirche an, einer Abspaltung, bei der es keine Hierarchien und Ämter gibt. Sonntags durfte im Hause meines Großvaters nicht ferngesehen werden, nur gelesen. Das habe ich sehr genossen. Und ich habe, glaube ich, auch nicht viel verpaßt.“

    Ja, diese Idee hatte auch unser evangelischer Altbundeskanzler. Einen fernsehfreien Tag.

    „So was ist jedenfalls auch sehr englisch. Die Amerikaner haben dann immer gleich einen Fanatismus aus jeder religiösen Bewegung gemacht, aber in Australien hat sich dieser englische Zug sehr pur erhalten. Deswegen komme ich auch immer gut mit Australiern aus, weil sie meistens aus ähnlichen Familien kommen wie ich. Birthday Party kommen alle aus sehr guten Familien.“

    Was machen Caves Eltern?

    „Ich weiß nicht, aber seine Mutter spielt sehr gut Geige, sie hat auf seiner letzten Platte mitgespielt. Ich wollte, daß mein Vater auf Texas mitspielt, er ist ein sehr guter Pianist und spielt in der Kirche Orgel. Ich wollte ihn für ‚Jangletown‘ haben, aber er hörte sich das Demo an und stellte fest, daß der Song nur zwei Akkorde hat, und das fand er zu langweilig und hat es dann gelassen. Wenn ich Geld hätte, würde ich eine Orgel-LP mit meinem Vater herausbringen.“

    Was ist er denn im Zivilberuf?

    „Industrial Public Relations. Nichts, wofür ich mich je sehr interessiert hätte. Mein Vater hat meinen Bruder und mich aber immer sehr in unserer musikalischen Entwicklung ermutigt und gefördert.“

    Wie kommt es, daß dein Bruder und du so verschiedene Musikgeschmäcker haben (obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß dies eine Notwendigkeit ist, mußte ich diese Frage stellen. Sudden ist um exakt so viele Jahre älter als Epic Soundtracks wie ich älter bin als mein Bruder)?

    „Wir haben ja eine Menge gemeinsam. Beach Boys, Neil Young, Can, Alex Chilton. Aber Epic akzeptierte die Rock’n’Roll-Konventionen nie. Jetzt mag er plötzlich Chuck Berry. Als ich ’72 Chuck Berry hörte, hat er gefragt, wie ich so eine Scheiße mögen könnte.“

    Die letzte Platte hat Sudden im Studio von Dave Pegg von Fairport Convention aufgenommen.

    „Ja, es war super, in einem Studio zu arbeiten, von dem man wußte, daß dort so viele tolle Platten aufgenommen wurden. Und ich bin ja ein alter Fan von Fairport, besonders von Dave Swarbrick. Aber der hat jetzt so eine komische Band, die einen fast an das Mahavishnu Orchestra erinnert. So Gitarristen, die nach besonders gelungenen Soli ins Publikum grinsen. Alle sagen ja immer, Richard Thompson sei der talentierteste bei Fairport gewesen, aber ich ziehe Swarbrick vor.“

    Nach langen Wirren und bei den verschiedensten Firmen ist Sudden jetzt bei Alan McGees Creation Records gelandet.

    „Ja, er rief mich an und sagte: Nikki, ich mache einen Star aus dir. Das waren die Worte, die auch Tony Defries zu David Bowie gesagt hat. Jetzt will er unbedingt, daß mich Lenny Kaye produziert, dabei hasse ich die Patti Smith Group. Er spielte mir die Suzanne-Vega-Platte vor und meinte: Willst du nicht so klingen? Das wollte ich nicht. (…) Ich meine, Creation ist ein gutes Label, und Alan McGee ist ein guter Typ, aber er könnte so viel besser sein, auch seine eigene Band. In dieser Musik ist einfach zu wenig Sex. Außer bei The Jesus And Mary Chain vielleicht. Diese jungen Leute sind ja mit Swell Maps und TV Personalities aufgewachsen. Die reden mit mir, wie ich mit Keith Richards reden würde, die Shop Assistants sind mir gegenüber so schüchtern, daß sie den Mund nicht aufkriegen. Es ist irre, daß alle stilbildenden, wichtigen Bands wie The Fall oder wir bei Indies sind. Wären die Stones heute neu, würden sie keinen Plattenvertrag kriegen.“

    Kannst du dich an deine komplette Diskographie erinnern und sie kommentieren?

    „Okay. Mit den Swell Maps nahmen wir auf: A Trip To Marineville, … In „Jane From Occupied Europe“, was wie ein Filmtitel klingen sollte und die beste LP war, die die Swell Maps machten, dann ein Doppelalbum, Whatever Happens Next, aus unveröffentlichten Sachen, das nach unserer Auflösung erschien, dann die neue, die noch besser ist und zum Teil aus veröffentlichten und zum Teil aus unveröffentlichten Platten besteht, eine wirklich gute LP, die Clara hätte besser alleine besprechen sollen, ein Teil von Epics Kampagne, die Swell Maps in England gebührend bekannt zu machen. Dann meine eigenen Platten, die erste war Waiting On Egypt …“

    Vorher gab es eine Solo-Single. Damals hieß es, die Swell Maps hätten versucht, Can (Epic) und Keith Richards (Nikki) zu versöhnen, und das verstand ich gut bei der Single, von der eine Seite eben wie Keith Richards klang.

    „Gut. Dann aber Waiting On Egypt auf Abstract. Dann The Bible Belt, eine Platte, wo ich mich in verschiedene Richtungen gleichzeitig wenden wollte, auf Flicknife. Dann begann ich mit Kusworth zusammenzuarbeiten, und wir hießen die Jacobites. So hieß auch die erste LP. Dann kam Robespierres Velvet Basement auf Glass Records, die eigentlich ein Doppelalbum sein sollte und als Doppelalbum wirklich toll geworden wäre. So ist sie nur halb gut. Ein Teil der nicht veröffentlichten Aufnahmen erschien nur in Deutschland als Lost In A Sea Of Scarves …“

    Meine Lieblingsplatte.

    „Dann ging Kusworth verloren. Erst kam er aus Versehen ins falsche Studio. Dann erschien er nicht zu einer Deutschland-Tournee, und ich mußte in Frankfurt jemanden finden, der ihm ähnlich sah, was auch gelang. Dann habe ich angefangen, mit Rowland S. Howard zu arbeiten. Dann erschien Texas, und jetzt Dead Men Tell No Tales. Dann die Zusammenarbeiten mit Johnny Fean und Simon Carmody (Last Bandits In The World) und mit Jeremy Gluck. Eine neue Platte ist, wie gesagt, fertig.“

    Und welche hat am besten verkauft?

    Texas. Und so sollte es auch sein.“

  • Wenn Worte nicht ausreichen. Was will das Video, und wer sind die Eltern?

    Das Video ist nur aus dem gegenseitigen Sichaufessen, Ausscheiden, Koprophagieren und anderen Angewohnheiten der Popkultur im Umgang mit anderen Kulturen zu verstehen. Hierbei wird „Pop“ sowohl im emphatischen Sinne (als Philosophie) als auch als Kürzel für Populärkultur (also im kunstsoziologischen Sinne) benutzt. Schauen wir dem Organismus dieser Kultur ein wenig bei der Peristaltik zu!

    Popvideos sind aneinandermontierte, ausgewählte Attraktionen, die dem Verkauf des vorgestellten Songs dienen. Nach der Ansicht von Martin Scorsese, der, nachdem er jahrelang Filme drehte, jetzt auch ein Popvideo gemacht hat (Michael Jacksons „Bad“), haben die meisten Videos heute die Funktion, die früher Albumcover hatten. Wie Albumcover werden Videos inzwischen zu fast jeder halbwegs kommerziellen Musikproduktion hergestellt, schnell produziert, meistens bei einer Videoproduktionsfirma in Auftrag gegeben, die alles in die Hand nimmt und aus ihren Schränken und Schubladen das für den jeweiligen Song bzw. Musiker ihrer Meinung nach passende Repertoire zusammenstellt. So wie das Design eines Albumcovers aus einem Repertoire von Schriften, Zeichen, Fotos, Images schöpft, die das den Verkauf fördernde Gesamtbild ergeben – sei es Zeitgenössisches, sei es Mainstream oder Underground, seien es Verweise und Rückgriffe auf die typische Ästhetik einer bestimmten Dekade, das Ausgraben von „interessanten“ Bildern –, so wird auch beim Herstellen von Videoclips auf ein vorhandenes Repertoire zurückgegriffen. Im Gegensatz aber zum Albumcover ist der Videoclip in der Lage, viel, viel weiter auszuholen – schließlich handelt es sich um laufende Bilder, nicht nur eine kleine begrenzte Fläche Papier –, ist in der Lage wie ein Megalöschblatt, viel, viel mehr Attraktionen aufzusaugen, um gleichzeitig noch mehr Reize auszuspucken und dazu durch Beschleunigung eine andere Dimension zu produzieren, d. h. Tricks, Mode, Comics, Stories, Dramen, Witze und alle möglichen existierenden Kunstformen, Kulturgeschichte, Literatur mittels eines Songs in eine simultane Ansammlung von Images knallvollgepreßt über einen Bildschirm loszulassen. Alles ist Material, alles wird simultan benutzt – und eines der entscheidenden Basismaterialien für den Videoclip sind naturgemäß laufende Bilder, ist der gemächlich laufende Film.

    In der Regel ist das Video eine aus einem Spielfilm herausgenommene Gesangs-/Tanzeinlage. Was war die Gesangs-/Tanzeinlage in the first place? Nun, sie ging aus der naiven Freude des Kinos über sich selbst hervor. Das Kino freute sich, daß man das, was man im Leben oder im Showgeschäft tut, auch vor der Kamera tun kann. Seit 1928 gehören auch Singen, Tanzen und Musik dazu. Nachdem diese naive Freude sich gelegt hatte, mußte man mit den Tanzeinlagen etwas anfangen, sie zum Beispiel in einer Weise choreographieren, wie es im wirklichen Showgeschäft technisch nicht möglich war. Der Regisseur sollte noch das Seine dazutun und durch eine „filmische Grammatik“ die Ornamente weiter ornamentalisieren, d. h. Gesang und Tanz waren nicht mehr nur Gesang und Tanz, die man einfach für die Leinwand übernahm, sondern wurden speziell fürs Kino produziert.

    Im Magen des Kinos wurden Gesang und Tanz zersetzt. Es konnte sie nach der Busby-Berkeley-Ära nur noch als Wasserspiele (Esther Williams) oder Handlungshemmer (Musicals, Filme, in denen das Gangsterliebchen Nachtclubsängerin ist, Filme, in denen Stars mitspielen, die bekanntlich singen können etc.) gebrauchen; fügte sie also in das Narrativ ein, wo sie nur noch eine Bedeutung für das Narrativ hatten und keine eigenständige Sensation darstellten. Als Sensation im naiven wie im choreographierten Sinne tauchen Gesang und Tanz in den 50ern nur noch auf dem Eis, auf dem Wasser und bei Fred Astaire auf. Seitdem stehen Gesang und Tanz im Schatten der Story. Man kann Lieder nur noch hören, Tänzern aller Art nur noch im Bewußtsein zusehen, daß da eben was war und gleich noch was kommt.

    Einerseits profitiert das Video von dieser seiner Geschichte. Es kann dem Popsong – der ja entstanden ist, nachdem die Musik ihrerseits ein paar literarische Formen vertilgt hatte und er so seinerseits immer ein kleines Narrativ ist – die Aura verleihen, ein Kapitel aus einem großen Epos zu sein. Sehr viele Songs des Videozeitalters wurden mit drei Pünktchen vor dem ersten und drei Pünktchen nach dem letzten Takt komponiert (eine Fortsetzung gab es jedoch in den seltensten Fällen). Fast alle Videos der ersten Generation aus dem Zeitalter des stark narrativen Zitatpop (s. 81 ff.) wurden so gedreht. Das bekannteste und vielleicht beste Beispiel dieser inzwischen heruntergekommenen Kunstform dürfte Culture Clubs „Do You Really Want To Hurt Me?“ sein, das so tut, als erzähle es die Geschichte eines ganzes Jahrhunderts.

    Andererseits litt das Video unter dieser Geschichte mit der Geschichte, dem Narrativ. Denn auf seinem Wege zurück zur Sensation, zur Pseudo-Naivität, konnte es noch nicht ganz die Funktion des Handlungshemmers und Spannungsaufbauers abschütteln. So erwarten eigentlich noch heute Millionen Fernsehzuschauer nach einem Video, daß die Geschichte anschließend weitergeht oder etwas anderes passiert, wo doch nur ein neues Video (oder Stefanie Tücking) folgen kann. Natürlich liebt man Gesang und Tanz und sieht sich/sah sich viele Filme nur wegen dieser Einlagen an, sie waren die Marmelade, die Story das Brot. Auch das führt bei Videosendungen im Fernsehen zu Insulinmangel, immer wieder aß man die verbotene Frucht, ging ans Eingemachte – und nie den zähen, drögen Weg dahin, obwohl wir gelernt haben, daß er zu jedem anspruchslosen Genuß dazugehört.

    Gegen 1956 verlor die Gesangs-/Tanzeinlage in der Regel alle ihre eingangs erwähnten Funktionen und tauschte sie gegen die eine: die Präsentation des Stars, der etwas Besonderes konnte. Das war nötig geworden, weil in den späten 50ern jede Menge Stars außerhalb des Kinos entstanden waren, auf die es selbst nicht verzichten konnte. Seitdem wiederholt sich bis in die Gegenwart die fast ausnahmslos identisch verlaufende Tragikomödie mit Popstars, die vom Kino gefressen werden und als unnütze Scheiße im Alter von 40 bis 45 wieder ausgeschieden werden. Video hat diesen tragikomischen Zug zur Popgeschichte einerseits verstärkt, andererseits aber auch ein Gegenmittel entwickelt, doch dazu kommen wir noch.

    Als der Star, der von außen kam, in die Verdauungssysteme Hollywoods eingeführt wurde, befand sich das amerikanische Kino in seiner großen ersten Dekadenzphase: Seine größten Regisseure starben, zogen sich zurück oder begannen mit ihren bizarren Alterswerken (wir wollen nicht verhehlen, daß wir sie für die schönsten Filme Hollywoods halten), Filme wurden im Grunde nur aus Kostümen und Design gemacht, darin traten einige Stars auf, die diese Kostüme anhatten, sich in den Kulissen bewegten, und weder Ausstatter noch Kostümdesigner noch Stars noch Regisseure scherten sich einen Dreck darum, ob die Handlung spannend war oder die Geschichte logisch oder etwa irgendeine Referenz im Realen hatte. Nichts dergleichen war mehr wichtig. Film wurde identisch mit einem einzigen gigantischen Verfremdungseffekt, weil es keine Geschichten mehr zu erzählen gab. Gestandene Western-Regisseure drehten z. B. in dieser Dekadenzphase keine Western mehr, sondern Western über Western, d. h. sie kopierten und verdrehten und verfremdeten ihre eigenen Filme, machten sich selbst zu dicken farbenfrohen Schwämmen. Und man tritt in diese Wülste von Klischees hinein – eine angenehme Montage von Reizen, lustig und lachhaft, ohne Vorher und Nachher und Moral der Geschichte, eher ein Ausbreiten der Arme, ein Sich-Hingeben unter Lachen, das groß aufgemacht wird; ein Schritt des Sich-selbst-Denunzierens, Sich-Auflösens, ohne bitter zu werden. Frühe Abschaffung der Dramatik zugunsten von referenzlosen Superlativen. Suspension des Sinns. Befreiung. Die erzählte Geschichte geht nicht mehr weiter. Wir erzählen sie trotzdem nochmal, das Genre ist verbraucht, so what, wir behandeln es neu! (Diese merkwürdige Entschlossenheit treibt in den Videos heute erneut die exotischsten Blüten.) Damit wurde das „Remake“ von Filmen eine Art, Filme zu machen.

    Mit anderen Worten, das Kino, wie man es kannte, gab es nicht mehr; aus der gewohnten Gesangs- und Tanzeinlage wurde die Stareinlage. Archetyp dieser Gattung sind die Elvis-Filme, an denen man alles studieren kann, was zusätzlich zu den bereits beschriebenen Elementen des Videoclips aus den USA kam, der Rest wird sein: britisch.

    Der Film mit Stareinlage ist auf überzeugende Handlung oder Verquickung der Handlung mit traditionellen Elementen nicht mehr verpflichtet. Zwar hält er sich noch rudimentär an diese Tradition, z. B. ist Elvis schon manchmal ein Sänger, genauso oft ist er aber etwas völlig anderes (ist bereits Remake eingeführter Filmfiguren in einer ähnlichen Weise wie heute so oft im Video). Und das muß auch so sein, denn das Prinzip des Stareinlage-Films heißt: Elvis – einmal anders. Der Star kann im Kino nur als Verkleidungskünstler in ungewohnten exotischen Umgebungen etc. bestehen. Da Eindrücke nicht aus Unterscheidungen zu vorangegangenen Eindrücken entstehen können, weil nichts erzählt wird und keine Entwicklung stattfindet, wird die Stimmung, der Ausdruck, ausschließlich mit Übertreibungen hergestellt. Die Röte des Rots in Technicolor. Blue Hawaii. Farben werden zu Adjektiven. Ornamente reden im Superlativ. Nun, hier findet sich die Urform von 50 Prozent der heute gebräuchlichen Videos. Mädchen als Ornamente. Farben als Farben. Das Image des Stars ist immer dem Image der jeweiligen Rolle übergeordnet: Elvis ist Elvis, die Rolle lediglich ein Attribut seiner Omnis (-präsenz, -potenz etc.).

    So ist es gut, so stellt sich Pop in seiner zeitlosen, seiner amerikanischen Spielart dar: zeitloses Feiern einer zeitlosen Tautologie. Der Größte ist der Größte. Das konnte man allerdings nur von 1961-63 genießen, der Zeit der Dekadenz von Hollywood und von Rock’n’Roll, die im Zeichen von Kuba-Krise, Kennedy-Euphorie und Kennedy-Ermordung ihr prävietnamesisches, glückhaftes Zusammenspiel fanden.

    Elvis Presley und der Film – ein Popstar, der sich in diesen -zig Filmen naturgemäß verschlissen hat, in denen er aber alles war. Der Grund, warum die Leute in die Filme gingen, war der in inflationärem, sich selbst entwertendem Übermaß gebotene „besondere Moment“, also die Tanzeinlage, die Show-Einlage, der Song; und der Sänger als irgend etwas, als Image, als Cowboy, als Rennfahrer, als Gefängnisinsasse, als jugendlicher Schläger, als ein mit allen verfügbaren Mitteln der Verkleidungs- und Showkunst verfügbarer und ständig verführerisch agierender Star.

    Wie dieses Besondere im einzelnen Fall ausgestaltet war, wurde allerdings noch vom Titel des Films, der skelettartigen Handlung vorgegeben. Der zeitgenössische Videoclip ist ein einziges Besonderes. Der Star als Verkleidungskünstler, so treten auch Madonna und Boy George auf … der Titel, d. h. die Parole, die durchgegeben wird, um zu bestimmen, warum welche Verkleidung, welcher Tanzstil, welche Frisur vom Popstar vorgeführt wird, wird aber heute nicht mehr von einer halbfiktiven Handlung festgelegt, sondern von der Realität, aus der sie stammen, also nicht mehr vom Film, sondern von der Popkultur und den durch sie entstandenen Bedürfnissen. Dies bewirkt, daß trotz aller offensichtlichen Sprachlosigkeit Videoclips beredt sind. Denn ihre Referenz sind nicht so sehr bizarr-heruntergekommene Handlungstypen, sondern eher eine reale Pop-/Subkultur. Aber die Art der Anordnung ihrer Elemente, ihre Sprache/Grammatik kommt aus dem Filmtypus, in dem es nicht um das Nachvollziehen einer Handlung, sondern um Geschwindigkeit, das reine lustvolle Beschauen eines Stars und den „besonderen Moment“ ging.

    Den in alle möglichen Reize – inklusive Mädchen, die als Ornamente, als Kulisse dienen – eingebetteten Star kann man natürlich auch in den unmittelbaren Vorläufern der Elvis-Filme, in den amerikanischen Musicals, sehen, speziell in Fred-Astaire-Musicals, doch ein Sänger ist weitaus verfügbarer, wandelbarer als ein hauptberuflicher Tänzer: Mit jedem Song kann ein neues Klischee hergestellt werden. Auch hatte man beim Musical eben immer noch den Eindruck, daß mit der Gesangs- oder Tanzeinlage eine Handlung verzögert wurde, also doch noch eine halbwegs sinnvolle Handlung vorhanden war, während Gesang und Tanz in Elvis-Filmen offensiv ihre eigene Sinnlosigkeit bloßlegen. Hier ist vor allem die Tanznummer zu „Jailhouse Rock“ (das Urvideo!), dieser besondere, abgeschlossene Teil innerhalb des Filmes, zu nennen, in dem die Gefängnisinsassen, allen voran natürlich Elvis Presley, eine ausgeklügelte Tanznummer, die mit allem etwas zu tun haben mag, nur nicht mit einem Gefängnis, aufführen. Diese Nummer ist ausschließlich auf Unterstützung des Songs und des Stars zugeschnitten, und niemand käme überhaupt darauf, nach dem Sinn und Zweck der Szene für die Handlung zu fragen.

    In diese „besonderen Momente“ bei Elvis ist auch schon das eingeflochten, was in der folgenden Entwicklung zu einem bezeichnenden Element der Geschichte des Videoclip werden sollte: die Mitautorschaft des Sängers an diesen besonderen Momenten im Film und die Verarbeitung biografischer Elemente (im Falle Elvis z. B. die Thematisierung seines Rufs als Schläger, der ihn vor Gericht brachte, und das Aufgreifen dieses Images bzw. des aktuellen Problems in einem Film). Dieses offensive Aufnehmen von biografischen Elementen findet sich z. B. wieder bei Madonna: Das Klischee vom Material Girl basiert auf Madonnas eigener Geschichte, auf Fakten, und diese Fakten werden wiederum zu einem noch wirkungsvolleren Klischee kondensiert, dessen Bearbeitung der Star dann in seinem nächsten Video neu in Angriff nimmt, entweder noch eins draufsetzt oder ein völlig konträres Image präsentiert, kokett das Vorangegangene dementierend, außer Kraft setzend … etc.

    Ein weiteres Charakteristikum, das in diesen frühen Filmen auch schon auftauchte: Die tendenziell wachsende Bedeutung des Stars/Musikers/Sängers als ebensolcher führte dazu, ihn auch nur als solchen zu zeigen, d. h. in seiner Funktion als Star, aber auch bei seiner Arbeit. So entsteht scheinbar eine Dokumentation, in der die Aktionen des Sängers mit all seinem Pop/Rock-spezifischen Gebaren eine für einen Filmablauf geforderte Handlung ersetzen. Die Apokalypse dieses Trends war zweifellos die öffentliche Hinrichtung von Boy George.

    In den 50er Jahren war das eigentliche Massenmedium für einen Sänger in den USA das Fernsehen, der Auftritt in einer Show, in der er sich und sein Lied vor einer eigens präparierten Kulisse präsentierte. Mit Elvis im Film wurde ein solcher Auftritt auf die höchstmöglich unterhaltsame, interessanteste Weise erweitert.

    Mit dem Verfall des straighten Hollywoodkinos und dem Elvis-Phänomen wurde alles möglich: Das Klischee des Klischees (siehe später Hawks etc.), Pop, das Fernsehen, die Werbeshow als Filminhalt (Tashlin: Will Success Spoil Rock Hunter?, eine frühe Yuppie-Götterdämmerung), das Neben- und Durcheinander von Fernseh- und Filmästhetik, das Auftauchen der vollbusigen und vollpoppigen Heldin (Jayne Mansfield), das Durchdrehen einer eigentlich schon durchgedrehten Sache wie einer Hollywoodkomödie, von dieser die Hardcore-Version im frühen Russ-Meyer-Werk Faster, Pussycat! Kill! Kill!, Monstrositäten aller Art, körperliche bei den Darstellern, inhaltliche in den Filmen, Monsterbusen und mit allem verknüpfte Songs wie z. B. The Girl Can’t Help It oder Faster, Pussycat! Kill! Kill! – das „Besondere“ tobt und will heraus, in alle Richtungen. Das Besondere hat neue Voraussetzungen geschaffen, und so entsteht aus ihm wiederum etwas neues Besonderes, z. B. das Thema „Musikerleben“ als Thema eines ganzen Films, in dem erneut Klischees festgeschrieben werden. Climax und Sophistication werden weiter abgefeilt, Dauersensation wird denkbar.

    Das Genre „Musiker bei der Arbeit“ hat natürlich eine längere Tradition, erreichte die Qualität eines grenzensprengenden, dekadenzbeschleunigenden Pop-Phänomens aber erst gegen Ende der 50er Jahre. Von der Glenn Miller Story zu Hawks’ A Song Is Born ist bei aller Qualitätssteigerung nur ein kurzer Schritt. Neue Dimensionen erreichen The Girl Can’t Help It, Tashlins Meisterwerk, der wohl immer noch beste Rock’n’Roll-Film aller Zeiten Yeah! Yeah! Yeah! (wobei aber für britische Popfilmstreifen grundsätzlich andere Gesetze gelten), bis hin zu Nashville, wo der kritisch-pseudodokumentarische Altman-Stil mit seinen Episödchen und Ironien einen Rahmen für Country & Western-Auftritte bot. All diesen Filmen ist gemeinsam, daß die Stareinlagen sich kaum noch der Ornamente und Effekte bedienen; je nachdem, wie sehr der Star gerade in Mode war, zeigen sie vorwiegend den ganz normalen Live-Auftritt.

    Auch dieses Stilelement wird häufig im Video eingesetzt. Ob es der „Man, was hatten wir für einen Spaß auf der letzten Tour“-Tote-Hosen-Ansatz, der „Wir sind hart arbeitende Macker, die ihre Instrumente selber stimmen“-Ansatz der Dire Straits, der „Ihr wart ein wunderbares Publikum“-Ansatz von Paul Young oder der „Unser Leben ist eine einzige Party, ob auf der Bühne, im Bett oder im Swimmingpool“-Ansatz von Wham! ist, wir kennen unzählige Videos, die sich auf die Behauptung stützen, der Live-Auftritt sei charakteristisch für die Arbeit dieses Künstlers oder der Gruppe und werde als solcher dokumentiert. Die bei den entsprechenden Kinofilmen entstandenen Musikermilieu-Klischees, einmal zitiert oder angedeutet, genügen in den Clips, um sich das zu jedem Star entsprechende Leben zusammenzuhalluzinieren, was in jedem Fall, sogar bei den größten Reaktionären seit Konfuzius, den Dire Straits, angenehmer anzusehen ist als ein ganzer entsprechender Film, wie es sie in den 70ern häufiger gab, z. B. Mad Dogs & Englishmen, Bird On A Wire etc.; positive Ausnahmen waren The Last Waltz oder Ziggy Stardust. In der Regel ist ein Live-Film so gut wie die Musiker, die er zeigt.

    Auch heute sieht man in vielen Videos den Musiker zumindest einige Sekunden lang als Musiker/Sänger agieren (was die Plattenindustrie sogar zur Pflicht macht, wenigstens für 15 Sekunden …).

    Dieses möglichst interessant in Szene zu setzen, geschieht in den dokumentarischen Filmen, die das Stilmittel der Verzögerung einsetzen. Man wartet sozusagen wie in einem Konzertbesuch auf den Auftritt der Stars, während man einigen Statements zu „On The Road“-Leben und Boheme, mit Witzchen und dummen Sprüchen unterlegt, zusieht und zuhört oder eine Kamera die Musiker auf der Bühne, Gesicht um Gesicht, Gitarre und Hände, Schlagzeug, Keyboards und was auch immer, abfährt. Hier könnte man eine eigene Geschichte der Rockmusik-Kamerafahrt schreiben, die ewiggleiche Szenen beinhaltet.

    Dagegen: Die Popproduktion, die nicht „Dokumentation“ suggeriert, bei der sich die Musiker nicht an ihren Instrumenten oder der Sänger in Schweiß und Tränen am Mikrophon „schaffen“, bei der daher auch nicht Hände, Gitarren, Gesichtsausdruck gefilmt werden, sondern Frisuren, Tanzschritte, das Kleid, der Anzug, Show, Dekoration, Licht, aber auch die Stimme. Ein Prototyp dafür ist – obwohl in Schwarzweiß gedreht – The Big Beat, sind aber auch die Fernsehmusikshows der 60er Jahre, nicht nur amerikanische, sondern auch die der englischen Hochzeit des Pop (Ready, Steady, Go; The Old Grey Whistle Test oder im deutschen Bereich der Beat Club).

    Einerseits ist da: der Wille, mit einem Song bzw. der filmischen Präsentation eines Songs etwas zu sagen, die expressive Verausgabung, Rebellion, Wut, Auflehnung und andere Mythen der Rockkultur unentwegt zu vervielfältigen; andererseits: Speed, Lebensstil, Jugendattitüden, Effekte, Lust, Entertainment, der Spaß, den Mythos von Geld und Ruhm und Pop unentwegt per Song und Bild zu vervielfältigen.

    Der Beatles-Film ist die Fortsetzung des Elvis-Films mit anderen Mitteln, an ihn schloß die Monkees-Serie an. Diese Art von Filmen bildet heute den Grundstock der besten Clips, die meist britischer Provenienz sind. Im Gegensatz zu den Elvis-Filmen geben sich die Beatles-Filme keine Mühe mehr, den Star eine Rolle spielen zu lassen, sie entwerfen stattdessen vorgeblich reale Eigenschaften des Stars, ebenso übertrieben und bizarr, mit denen sie hemmungslos spielen. Da mit den Beatles die Popgruppe als Popfamilie erfunden wurde, boten sie unendlich mehr Möglichkeiten, als es die Stareinlage, auch in ihrer forciertest-künstlichen Form (etwa Elvis in Fun In Acapulco), konnte. Vier Stars sind mehr als ein Star. Die auf die Beatles negativ fixierte Pop-Antithese Frank Zappa machte sich das mit ihrer zahlenmäßig noch viel größeren Gruppe Mothers Of Invention später in dem Meisterwerk 200 Motels zunutze.

    Die Beatles entwickelten sich über Yeah! Yeah! Yeah!, Help! bis zu Magical Mystery Tour und Yellow Submarine zu einem Ensemble grundsätzlich festgelegter und gerade darum für jede psychedelische Spinn-Phantasie unendlich nutzbare Folie. Sie waren das Urbild des britischen Pop als schnell-unerklärlich-unvereinbare Eintagsfliege, der alles erlaubt ist, das Gegenteil von Musikern im emphatischen Sinne, denen ihre Musik über alles geht (was heute vom Image her die meisten sind, weswegen sie sich alle so schlecht in den Clips benehmen). Sie eröffneten das visuelle Zeitalter des Pop, bei ihnen fraß der Popsong die Filmbilder auf und nicht umgekehrt, wie es zehn Jahre vorher in Hollywood (und teilweise heute im Videoclip) der Fall ist. Bezeichnenderweise vertrat das goldene Jahr des Videoclip, 1982, eine ähnliche Philosophie, die nach jahrzehntelangem Bemühen um Musikalität in der Popmusik wieder ein letztes Mal zum Tragen kam: Haircut 100, ABC, Human League waren „Superpop“ im Sinne Nik Cohns und machten in der Regel Filme in der Art der Beatles, auch wenn diese bei ABC aussahen wie Mary Poppins, bei Haircut 100 wie die der Monkees (die logische Fortsetzung der Beatles mit schamloseren Mitteln) und bei Human League wie die von Human League. Sie zitierten die Beatles-Filme nicht, aber sie teilten die Idee der mittleren 60er, daß Pop mehr als Musik, als Jonglieren mit Referenzen aller Art, vor allem eben auch visueller Elemente sei. In solchen selbstbewußten Momenten fraß Pop alles auf.

    Als Pop so richtig satt, wehrlos und gemästet war, kamen die Intellektuellen, wie gehabt beim Kino tätig, und taten sich gütlich. Sie verdienten damit – in der Regel ein bis fünf Jahre, nachdem das Phänomen aktuell war – Geld und verzerrten es so, daß es Trash wurde (Psych-Out). Nur einige wenige waren richtige Komplizen des Pop wie Godard und Scorsese. Die meisten wollten aber unter anderem selber Popstars sein und die Kulturindustrie beeinflussen, was diese normalerweise verweigert. Die „Politique des auteurs“ der Nouvelle Vague fiel mit der Zeit zwischen Elvis und den Beatles zusammen. Auf dieser Grundlage wurden Musikfilme gemacht. So sind in Filmen Formen des Videos entstanden, bis schließlich auch das Video an sich als Medium vom Filmemacher/Regisseur eingesetzt wurde. Bei Godard geht diese Entwicklung von den Tanzszenen in einem Lokal vor einer Musikbox (Die Außenseiterbande) über den frühen Punkrocksong, der die Geschehnisse einer maoistischen Studentenkommune und ihrer Irritationen bis zum Chaos und lächerlichen Auseinanderfallen illustriert („Mao Mao“ in Die Chinesin), bis zum Rock-Dokumentationsfilm One Plus One über die Rolling Stones und zur Arbeit mit dem französischen Rocksänger Johnny Halliday (in Detektive), ohne daß der Sänger dort singt, so daß der Star also nur als Schauspieler auftritt. Hier setzt die anspruchsvolle Version des Elvis-Elends ein: eine Verarbeitung des Themas Popstar und Film, etwa wie sie auch von Nicholas Roeg mit David Bowie (in Der Mann, der vom Himmel fiel) oder mit Mick Jagger (in Performance) vorgenommen worden ist – einen Popstar so durchschlagend zu „verkleiden“, daß er eine völlig neue Rolle außerhalb des Musikstar-Daseins, als Filmheld bekommt, obwohl doch jeder weiß … eine Methode, auf die auch in Videos immer wieder neu und gerne zurückgegriffen wird … ein Unternehmen, das andeutet, Ich, der Sänger, bin ja eigentlich nicht nur ein Sänger, sondern natürlich als Popstar auch ein Filmstar in einer Story (neuestes Beispiel etwa Matt Johnson) … Also: die Umkehrung des Elvis-Effekts. Pop schafft neu, was Pop ursprünglich vernichtete.

    Denn: Pop schafft alles. Pop schafft, daß die lächerlichsten, knallköpfigsten Stories per Video durch die Gegend rotieren und sich splitterweise in den Köpfen festsetzen.

    Aber Godard … schließlich hat er das Filmen aufgegeben und nur noch Videos gemacht, „E-Videos“ sozusagen, keine Clips, hat schließlich nach diesen Experimenten das Filmen wieder angefangen und Bilderfahrungen, aber auch Erkenntnismaterial in diese neuen Filme hineingestopft; letztlich haben sich bei ihm Film und Video vereinigt. Mit der bekanntesten französischen Rockband – die nicht zuletzt so berühmt aufgrund eines „Starvideos“ ist (siehe Elvis und Madonna), das sie selbst gemacht hat – dreht er nun einen Film.

    In den 70ern konnte sich auch das Genre des Road-Movie etablieren. Hier waren also bestimmte Songstimmungen – das Genre des Road-Song ist in der Blues- und C&W-Mythologie wesentlich älter als diese Filme – Grundlagen von melancholischen amerikanischen Filmen, und sehr oft spielten auch Songs und sogar Popstars eine Rolle, wie in dem Urfilm des Genres, Monte Hellmans Two-Lane Blacktop, James Taylor und Beach Boy Dennis Wilson. Dies war eine amerikanische Erfindung, und schon hatte Kino wieder Pop gegessen. Später kamen Wim Wenders und Chris Petit mit Im Lauf der Zeit und Radio On und fraßen als Europäer gleich beides, Popsongs und US-Kino, aber das sei nur am Rande vermerkt.

    Dieses Genre liefert auf jeden Fall Material für unendlich viele Videos, zumal ja Musik in der Regel beim Autofahren gehört wird und sich schon dadurch unzählige Verknüpfungen ergeben. Es ist gleichzeitig eine Abart einer „Reise ins Nichts“ (oder eine Unterabteilung davon), worauf wir noch kommen werden.

    Neben der Funktion als Handlungshemmer war eine klassische Rolle des Liedes im Film (Musical, Operette), den Mund des Menschen dann auszufüllen, wenn Worte alleine nicht mehr ausreichen. Normalerweise ist das bei der sogenannten Liebe der Fall. So entsteht das Phänomen des „Ansingens“: „Hello, is it me you’re looking for?“ Hierzu ist beim Videoclip nötig, daß durch wenige, kurze Bildklischees extrem elliptisch eine Geschichte angedeutet und dazu deren lange schwellende Dramatik suggeriert wird, dann 90 Minuten Spielfilm-Climax/Anticlimax auf zehn Sekunden zusammenschnurrt, um der Schnulze ihre Chance zu geben.

    Varianten der Situation, in denen Worte nicht ausreichen: Psychedelia, also Drogenerfahrung, grenzüberschreitender Sex, mystische Erlebnisse. Die Vorbildfilme der 60er, Zabriskie Point oder The Trip, griffen zum verschlungenen Gitarrensolo-Schleier, wenn die darzustellende Erfahrung so groß wurde, daß sie nicht mehr zu verbalisieren war oder sein durfte. Diese Variante gibt es im Video bezeichnenderweise vor allem in der perversen Umkehrung: Die Musik ist so langweilig, so wenig Pop, so unliterarisch, so unbedeutend, daß das Unsagbare herbeizitiert werden muß, heute weniger durch Farbgewaber als durch grafische Witzchen, schnelle Schnitte (irgendwie kommen immer mal kurz Reagan und Gorbatschow vor) oder durch britisches Hexen-Grusel-19.-Jahrhundert-Ambiente. Regel: je instrumentaler, je unverbindlicher, je jazzrockiger, desto „Unsäglicheres“ im Bild. Hier verläuft die Grenze zum „anderen“ Video, dem statischeren, in dem Weiten vorkommen und sensible Wesen, Feen mit Halluzinationen und Visionen, die sich in Blubbermustern, in Zeitlupe darbieten. Auch die Flucht in das Imaginäre, Weite, Schöne etc. endet letztlich im Videoclip. Die optische Darstellung eines Trips anhand der Musik von Grateful Dead und Pink Floyd in besagtem Zabriskie Point von Antonioni hat diese Schleusen ein für allemal geöffnet. Als man fertig war mit den Drogen, blieb diese Form einfach als solche stehen, und das Video setzte sie ein, während sich nebenbei die entdrogte Form des meditativen „Ins Nichts Fahren und immer weiter“ des Films entwickelte, über die Video auch inzwischen verfügt.

    Das gilt auch für das eben erwähnte klassische Road-Movie und alle seine Abarten: Der Protagonist fährt und fährt und fährt zur Musik, zu ausgewählten Soundtracks, und es passiert nicht viel, außer daß etwas durch einen Song passiert … (z. B. in der Variante des verzweifelt durch die Stadt schlendernden Helden in Wenders’ Summer In The City, dem sein Schmerz noch mehr dadurch bewußt wird, daß er im Vorbeigehen einen Song, „Days“ von den Kinks, im Fernsehen sieht, der ihm verdeutlicht, wie lange er im Gefängnis war und wie lange er nichts von der Welt mitbekommen hat).

    Erinnerungen und dann die Rückblende – der Fernseher oder das Radio oder auch das Videogerät selbst werden heute in Videoclips ständig benutzt, als Fragmente von Erzählstruktur, als die notwendigen Hinweise für das „Heute findet mein Song in dem und dem Kontext statt“. Musik und Fernseherfahrung sowie die Erfahrung von Klischees, die in diesen Erfahrungen stecken, werden vorausgesetzt. Unzählige Rahmenhandlungen, Tricks, Effekte zieren die tolle Absurdität, die sich selbst zu übertreffen sucht. Die Absurdität liegt in der einzigen, tautologischen und daher einer Climax gar nicht mehr bedürfenden Aussage, die ein Video in Wahrheit imstande ist, zu machen, welche ist: Ich bin ein Videoclip!, eine Aussage, die nachdrücklich und enthemmt permanent wiederholt wird. Am enthemmten Willen, diese Aussage zu machen, an der Tatsache, daß Videoclips vor dem Häßlichsten und Gröbsten nicht zurückschrecken, sei es vor plumpen Kopien von Eisenstein-Montagen oder Metropolis-Kulissen, lebenden Bildern, nachgestellten Gemälden der bildenden Kunst, Designerkleider-Modeshows, das Graben in den B-Movie-Äckern von Roger Corman, erkennt man die Vergeblichkeit und Beliebigkeit allen zitierten Kulturmülls, der sich vor der Tautologie verbeugt, verbeugen muß.

    Der Film, der seine eigene Absurdität eingesteht und alles schon durchgespielt hat und somit als der rechtmäßige umfassende Vorläufer aller Videoclips zu gelten hat, ist Frank Zappas 200 Motels (1970). Hat man diesen Film (wieder) gesehen, ist alles anders: Alles war schon da in dieser „experimentellen Oper“: Überblendungen, Farbverfremdungen, Comic-Einlagen, Dada, LSD-Muster, Spiegelungen, kolorierte Fotos, Masken (z. B. die Verkleidung als Frösche, die später von den Residents aufgegriffen wurde), amerikanisches Fernsehshow-Elend, Spike-Jones-Einflüsse, Parodien auf Musik/Musiker, Zeitraffer und -lupen, der Star als Doppelgänger eines anderen Stars (Ringo Starr als Frank Zappa), Diskontinuitäten in der Erzählung, Splitter von Live-Auftritten als Parodie der Diskontinuität der „Musikdokumentation“. Alles in allem eine pralle, klare, detaillierte (prophetische) Inhaltsangabe des sogenannten Videoclip-Zeitalters.

    Der grafisch-multimedial verfremdete Musiker gehört aber in eine Videokategorie, die auch in anderen Genres und unter anderen Vorzeichen immer häufiger zum Einsatz kommt und immer noch erfolgreich behaupten kann, Avantgarde zu sein. Zum einen gibt es, vor allem in Großbritannien, die Richtung der Video-Scratcher, die in rührend-nett-naiver Analogie die Produktionsformen der Rap/Hip-Hop/Electro-Musik auf die Bildproduktion übertragen wollen, zum anderen die Yuppie-friseursalonmäßige Verwurstung dieser Errungenschaften in den meisten Videos von Konzept-Charts-Bands wie Frankie Goes To Hollywood und schließlich das nie bewältigte Erbe an Verfremdungstechniken der späten 60er, frühen 70er, seien es die naiven eines Michael Leckebusch (Beat Club) – der ebenso wie heute die Scratcher glaubte, heftig bewegte Kamera, schnelle Umschnitte, negative oder flimmernde Bilder bildeten in geeigneter Weise eine neue „progressive“ Musikkultur ab – oder „bewußte“ wie der erwähnte Zappa in dem Musical 200 Motels.

    200 Motels kündigte diese Entwicklung an. Gehen wir Video für Video durch, ergeben sich bizarre Ablagerungen, wie Schutthügel nach dem Krieg.

    Prinzipiell kann man sagen, daß das Video fast alle Formen des Kinos nutzt, in denen mehrere Bewußtseinsebenen zusammentreffen. Die Nachtclubsängerin, die ihren Gangster anschmachtet, singt zwar für ihn ein Lied, aber gleich darauf erfährt man von den Widersprüchen in ihrer Beziehung zu ihm. Der Song im Film ist meistens ein Konjunktiv. Ebenso nutzt das Video andere Formen des Kinokonjunktivs, etwa die Grammatik der bekannten „Die Jahre vergingen“-Sequenzen, Traumszenen oder Rückblenden, die dann gerne mit dem sich gerade produzierenden Sänger gegengeschnitten werden.

    Eine bestimmte Gattung Musikfilm ist übrigens im Video logischerweise nicht aufgenommen worden, ja könnte geradezu als Gegenteil des Popvideo bezeichnet werden, nämlich Filme mit dem Thema „Der Musiker ist wirklich bei der Arbeit“. Hawksianer unter den 60er-Jahre-Regisseuren haben diese Methode ausgiebig verwendet, der frühe Wenders (Ten Years After), oder Altman (Nashville). Eckpfeiler des Genres sind One Plus One, in dem Godard zeigt, wie der Rolling-Stones-Song „Sympathy For The Devil“ tatsächlich entsteht (gegen eine amerikanische Verleihfassung, die am Ende den fertigen Song spielt, hat er sich massiv zur Wehr gesetzt), und Martin Scorseses The Last Waltz. Diese Filme gingen davon aus, daß Musiker im Pop mehr oder weniger ohnehin Schauspieler sind, und haben sich die alte Hawks-Maxime zunutze gemacht, daß man Schauspielern eine Arbeit zu tun geben muß, um sie zur Geltung zu bringen (berühmtes Beispiel: die tatsächlich von Hardy Krüger, John Wayne und Gérald Blain gefangenen Tiere in Hatari!). Da das Video aber auf der Tatsache basiert (und in gewisser Weise auch recht hat), daß unter seinen Bedingungen nicht der Schauspieler als Schauspieler – allenfalls als Projektionsfläche –, sondern seine Garderobe, seine Accessoires, seine Ornamente zählen, konnte diese Form nicht überleben. Doch überlebte in der Arbeit Martin Scorseses, parallel zur allgemeinen Visualisierung des Songs, Musik zur Dramatisierung von Kinobildern.

    Von Anfang an war die zeitgenössische Musik, die M. Scorsese liebte, in seinen Filmen zu finden. Er hat seine Lieblingsmusik durch den Film noch verfügbarer gemacht, als sie schon war, hat mit Last Waltz ebenfalls eine Dokumentation von Musikerleben vorgenommen, ist in seinem letzten Film soweit gegangen, sich die Songs von „seinen“ Musikern (teilweise Zusammenarbeit zwischen diesen anregend) herstellen zu lassen – ohne daß es sich etwa um einen Musikfilm handeln würde (Die Farbe des Geldes) und hat die Methode Sich-zum-Musikstar-Hochzuarbeiten im übertragenen Sinne mit sich selbst (als Regisseurstar) und mit Robert De Niro (als Filmstar) sozusagen in einem Bandzusammenhang durchgespielt. Dabei übernahm er Elemente des Videos – was er selbst bestätigt – sogar in Filmen wie King Of Comedy oder Raging Bull – das schlechte, schummerige, billige zerfasernde Licht und der zerschnipselte Handlungsablauf in Mean Streets, die in sich geschlossenen One-Man-Shows von De Niro (vor dem Spiegel, beim Durchknallen im Finale von Taxidriver) … De Niro ganz popstarmäßig – aber im Gegensatz zum Musikstar meist todernst in der Rolle alle Rollen durchspielen lassend, bis hin zur Thematisierung von Musikerleben in New York, New York mit von den Akteuren (De Niro, Minelli) vorgeführten, für die Handlung unnötigen Musikeinlagen. Auch er – nachdem er sich schließlich formal eher dem fiktiven Ziel, ein „richtiger Hollywoodregisseur“ zu werden, zu nähern schien – bricht diesen Weg selbst. Leute, die von der Rock- und Popmusik geprägt sind, wirklich fasziniert und geprägt sind wie er und Godard (beide haben alle Varianten durchgespielt!), müssen immer wieder Brüche machen – so hat Scorsese sich mit Begeisterung daran gemacht, ein Video mit und für einen der größten im Geschäft zu machen, mit Michael Jackson, der wiederum schon mit „Thriller“ (Regie: John Landis), „Billie Jean“ und „Beat it“ eine eigene Videotradition aufgebaut hat. Fusionen, ein Dickicht, ein Humus, aus dem der Sänger/Musiker sich schließlich als „richtiger“ Filmheld erhebt, mit seiner eigenen Musik in seinem eigenen Film: Prince. Die Videos, die er macht, sind die Schritte zum Megastar. Manchmal klappt es, oft nicht. Die Videos und Filme (Purple Rain, Under The Cherry Moon) sind ein Beispiel für diese Superselbstinszenierung. Prince ist die Zuspitzung des „Videostars“, der sich seit 1982 ankündigt, der die Künstlichkeiten und Tautologien von Pop in einem guten Sinne, gegen alle Lügen der Tiefe bejaht. Und er ist Godard-Fan.

    Diese Art Musiker bzw. diese Art des Musikgeschäfts will alles: Erfolg, Schönheit, Geld. Videoclips können ein entscheidendes unterstützendes Mittel auf diesem Wege zum Ruhm sein (Heaven 17, Duran Duran, Madonna, Prince, ABC), besonders da und zu solchen Zeiten, wo nicht auf „Street Credibility“ herumgeritten wurde wie Anfang der 80er Jahre. Aber auch ein „Street Credibility“-Star wie Bruce Springsteen spielte im Video auf eine komische fiese Art – selbst Elton John verkörpert sein eigenes Klischee. Sie tanzen herum, sie verkleiden sich, sie sind in Verzweiflung, im Rutschen, Fallen, singen, tragen Masken, sind Jekyll/Hyde, die Schöne und das Biest, sie sind überladen von grafischen Effekten, Comics tanzen durchs Bild und den Song. Verstorbene Stars treten als Knetmassefiguren auf (Jackie Wilson). Sie erleben komische kleine Geschichten, als Detektive, Monster, 80 Prozent als Liebhaber, sie erleben und illustrieren in verdeckter Form – und manchmal in offener (wie bei Frankie Goes To Hollywood) – Sex und Gewalt, auf Straßen, in Fantasy-Welten, oder sie liegen irgendwo herum, und den krudesten „Assoziationen“ (wie bei Tears For Fears oder The Cure oder Siouxsie And The Banshees zum Beispiel) wird freien Lauf gelassen.

    Videoclips sind eine Ungeheuerlichkeit, eine Monstrosität, ein gigantischer, brodelnder, siedender, ständig neue Blasen werfender Müllhaufen von Kulturgeschichte. Ihre Grammatik entspricht den Gesichtszügen klassischer Zombies. Die meisten Videoclips sind schnell, manchmal so schnell, wie es die Avantgarde-Flacker-Schnee-Abstrakt-Filme waren. Nur sind sie im Unterschied dazu angefüllt mit spritzenden Müllblasen. Die Kontraktionen, in denen dieser Müll sich windet, gebären eine den eigentlichen „Underground“-Flackerfilmen nicht unähnliche Monotonie – der Struktur nach. Aber hier handelt es sich um eine unfreiwillige, eine Second-Third-Fourth-Fifth-Order-Monotonie.

    Es hat im Film auch schon die Bearbeitung des Themas Pop als Monstrosität gegeben: Was wäre, wenn die Popkultur samt aller angeschlossenen Industrien in die „falschen“ Hände geriete, in die Hände des faschistischen Regimes, das das ganze Instrumentarium zur Gehirnwäsche und Propaganda benutzt, wie in dem englischen Popfilm Privilege, in dem der Sänger Paul Jones (damals Sänger bei Manfred Mann) mit von Handschellen blutig geriebenen Gelenken auf einer Bühne „Set Me Free, Oh Lord“ singen muß, damit alle Gedanken, die ein junges Publikum haben könnte, in einem alles aufsaugenden und vernichtenden Herzschmerzgefühl für diesen Jungen aufgehen und sie biegsam seien wie er …, so daß die Idee der Rebellion ein für allemal erledigt ist. Natürlich rettet in dem Film das liebende Topmodell, Jean Shrimpton, den Sänger (schließlich handelt es sich um einen reinrassigen Popfilm mit Stars). Dabei besteht dieser Film – in Scheiben geschnitten – durch und durch aus videoclipartigen Szenen, einschließlich der künstlichen Räume, der überspitzten Kostüme, Bewegungen und natürlich den verschiedenen „erzwungenen“ Auftritten des Popstar-Werkzeugs. Ähnlich: Brian De Palmas Phantom Of The Paradise. Privilege nimmt außerdem alle Stadien des Videostars der Prä-Video Ära, David Bowie, vorweg. Der Popstar, der alles ist, alles kriegt und sich schließlich als „Thin White Duke“, als obskurer, faschistoider Gesamt-Entertainer fühlt: „This ain’t Rock’n’Roll. This is genocide.“

    Das ultimative Video der 87er war „Trampolene“ von Julian Cope, ein Meisterwerk ganz eigener Art: Julian Cope, bekannt als später Verehrer großer Acid-Rocklegenden und der etwas verschrobenen Drogen, präsentiert sich zu seinem ersten, sehr straighten Rocksong als straighter Rockstar, in Leder, mit Band in Leder. Auf den zweiten Blick sehen wir die Feinheiten: tatsächlich ist Cope die männliche Transi-Version der betont burschikosen „männlichen“ Chrissie Hynde, so daß hier einem dermaßen vervielfältigten Transvestizismus (wir erinnern uns, das Urthema: der Star als Verkleidungskünstler) gefrönt wird, daß man vor Freude weinen möchte. Weiblicher Mann als männliche Frau. Der allerletzte Dreh der Spirale.

    Sehr wenige haben versucht, den Spielfilm als Narrativ auf Videolänge zusammenschnurren zu lassen. Das Neuste aber ist, einen Spielfilm selbst zu drehen und die Schlüsselszenen als Videos zu verwenden, wie bei Prince gesehen. Damit beißt sich die Geschichte des Videos als aus dem Spielfilm herausgefallene Einlage in den Schwanz. Wie ja auch inzwischen der Spielfilm die Form der Video-folgt-auf-Video-Show ohne Climax/Anticlimax aufgegessen hat. In diesen Filmen, die wie überlange Videos wirken (von Streets Of Fire bis Absolute Beginners), ist auch die Uridee von Pop, kombiniert mit Bildern, in ihr Gegenteil umgeschlagen. War die Verbindung von Pop mit Bildern in den 60ern ein Versuch, die Zeitlichkeit des Popsongs durch Modeaccessoires, Gesten, Kleidung etc. noch zu steigern, so reden diese überlangen Videos, die wie Spielfilme wirken, sofern sie aus Amerika kommen, einer universalen, geschichtslosen Teenwelt das Wort, in der Popper, Billys, Rocker, Punks und anderes schrilles Getier friedlich eine Sparkassenreklame bevölkern.

    Ein Wort noch zu Schauspielern, die als Popstars und Popstars, die als Schauspieler agieren. Das Video hat für viele erst diese Möglichkeit eröffnet, die inzwischen ihre tödlichen Gefahren, die sie für Elvis, Bowie und andere hatte, verloren hat. Der Film ist nicht mehr der Film, er ist ein Video mit anderen Mitteln geworden, etwas Wohlbekanntes, Unwichtiges, Prince hat keinen Schaden genommen; für ihn haben seine Filme den Stellenwert, den der Film für die Monkees oder Beatles hatte: den eines verlängerten Fernsehspots, und Prince stellt auch im Video nie etwas anderes als sich selbst dar. (Mit „sich selbst“ meinen wir natürlich Prince und nicht den Menschen dahinter, der uns nicht interessiert.)

    So müssen wir noch eine Weile durch Filme, die in Wahrheit die Aneinanderreihung von Werbevideoclips wie 9½ Wochen oder eine verschwiemelte Video-Zeitalter-Vision-Story wie Bladerunner sind, hindurch.

    Aber wir haben gesehen, daß die Geschichte sich zur Zeit in den Schwanz beißt. Video fraß als ewig fressender Pop den Film (ihn als Zitierfundgrube betrachtend und seine Errungenschaften überlegen zu geschichtlichen Klischees degradierend), nun frißt Film Pop in Gestalt langer Videos, um Pop den Garaus zu machen und die Vision einer zeitlos behämmerten Teen-Dämlichkeit zu installieren.

    Die Geschichte des Films endet natürlich nicht im Film als einem einzigen, langen Videoclip, weil es selbst die in sich befriedigendste, pulsierende Monotonie in ihrer eigenen neurotischen Genügsamkeit dann nicht mehr aushält und einen Widerstand provoziert – oder im besten Falle anfängt zu sprechen und ihre eigene Sprache zu zerlegen.

    Wie lange kann der Mensch ohne Climax/Anticlimax leben? Wie lange braucht er die Tautologie? Wie lange muß man ihm erzählen, daß alle großen und kleinen Dinge der Kultur nur bedeuten: Ich bin ein Clip. Ich illustriere eine Single. Kaufe mich!

    Wie tot muß „Bedeutung“ sein, bevor man wieder von etwas anderem zu sprechen beginnen kann?

    Möglicherweise nicht mehr lange. Die Einnahmen des US-Video-Kanals MTV gehen zurück, „Sky Channel“ und „Music Box“ kürzen ihre Videoprogramme und Plattenfirmen ihre Aufwendungen für Clips. Die Besitzer der Produktionsmittel setzen jetzt auf das teurere, fiese, neo-alte Kulturgut Compact-Disc, das höhere Profite garantiert, als das schnellebige Popgeschäft sonst zuläßt. Ist der Spuk vorbei? Und war es nicht schön?

  • Nette Aussichten in den Schützengräben der Nebenkriegsschauplätze – über Freund und Feind, Lüge und Wahrheit und andere Kämpfe an der Pop-Front

    „We’re going to live for a very long time“
    Heaven 17

    „Herr Hofstädter, bei ihnen ist eingebrochen worden!“
    Stadionsprecher in Bochum, wenige Sekunden nach dem Abpfiff des Länderspiels Deutschland-Finnland

    „Die Welle der Gewalt“
    Hamburger Abendblatt, ein Tag später

    „At the height of the fighting, hey-la-ho!“
    Heaven 17

    „Wir sind folglich an einen revolutionären Prozeß angeschlossen und der ist im Verhältnis zu allen pessimistischen Marxismen, mit denen wir es zu tun haben, von Grund auf optimistisch. Was den revolutionären Prozeß anbelangt, bin ich völlig euphorisch, denn auch wenn es keine Revolutionäre und keine revolutionäre Bewegung geben wird, so wird es doch auf jeden Fall die Revolution geben. Das ist ein Grund mehr, die Revolution zu machen. Das ist im Vergleich zu allen revolutionären Utopien der radikalste Optimismus, den man sich vorstellen kann.“
    Félix Guattari

    „Ich weiß, daß die Theorie gar nicht grau ist, sondern für jede Kunst die weiten Perspektiven der Freiheit bedeutet. (…) Warum das Mißtrauen gegen die Theorie? Sie muß gar nicht stimmen, um große Werke zu inspirieren. Fast alle großen Entdeckungen der Menschheit gingen von falschen Hypothesen aus. Auch ist eine Theorie sehr leicht zu beseitigen, wenn sie nicht mehr funktioniert. Aber die praktischen Erfahrungen des Zufalls verrammeln wie schwere undurchsichtige Wände den Weg.“
    Béla Balázs

    Dieser Text will kein Programm formulieren, er will vielmehr Mut machen, das Terrain der expliziten Äußerungen zurückzuerkämpfen.

    Babylon

    Die Erde ist alt und seit Tausenden von Jahren leben Menschen auf ihr. Wer David Wark Griffith’ religiös-liberale, amerikanisch-gutgläubige Babylon-Deutung kennt (in einer Episode des Films „Intolerance“), kennt das früheste Punk-Mädchen. Sie ist so reizend wie schmutzig. Ein babylonischer Softy himmelt sie an, doch sie weist ihn brüsk ab. Gesellschaftlichen Kontroll-Instanzen, wie dem obligatorischen Heiratsmarkt, verweigert sie sich fußstampfend. Am Ende kämpft sie für ihr Idol, Belsazar, die Orgien-feiernde Lichtgestalt, den David Bowie der Epoche.

    Bowie

    Seltsamerweise hatten viele frühe Punks ausgerechnet den schönen Bowie als einzige Errungenschaft der ihr vorangegangenen Generation gelten lassen. Für Johnny Rotten/Lydon war „Rebel, Rebel“ die Hymne seiner Adoleszenz, so wie für seine Anhänger später sein „God Save the Queen“. Der zweiten Generation von Punks mußte David B. eigentlich als das Ebenbild des so arg befehdeten Schickies gelten, doch auch hier genießt er erstaunlichen Respekt. Bowie bleibt eben die genauest umrissene Entgegnung auf den gemeinsamen Feind Aller (der Punks, Skins, Popper – die es gar nicht gibt, sondern die von Hamburger Illustrierten in einer konzertierten Aktion erfunden wurden –, Teds und New Waver, also jene mit den hart-konturierten, pessimistischen Uniformen): dem Hippie oder wie er auch oft genannt wird, dem Alternativen, um alle Begriffe endlich aufzulisten, die gegenwärtig die Flügelkämpfe im Bewußtsein der Jugendlichen mobilisieren. Bowie markiert die Grenzen.

    Haben die Hippies gesiegt?

    Gibt es einen taktisch-strategischen Sinn, einen aktuellen-potentiellen Nutzwert dieser jugendlichen Nachschubtruppen, den Rückeroberern des Pop, im politischen oder transpolitischen Kampf? Oder sind nicht auch in die ästhetische Praxis derer, die sich anders dünken, Werte der vermeintlich gehassten Hippies eingegangen?

    Der Autor und seine Zeit

    Denke ich an die Jahre 1973-76 zurück (Studentenrevolte tot, oppositionelle Politik sinnentleert, gesellschaftlich-kulturelle Restauration, Musik: langweilig, Peter Handke, Jazzrock, indisch-griechische Umhängetäschchen, die Drehtabak-Revolution, zweitklassige Bogeyincasablancamanhattantransfer-Nostalgie – unverbindlicher Individualismus oder weltfremde, rigide Agitation. So weltfern wie ihr scheinbarer Gegenpol: die sog. neue Innerlichkeit. Tatsächlich vereinigten sich politisch-engstirnige Rigidität und Kampfkader-Kadavergehorsam oft mit verquastem Cat-Stevens-Hermann-Hesse-Sensibilismus in einer Person: dem typischen Gymnasiasten/Studenten der 70er), fällt mir in meiner eigenen geistigen Entwicklung ein bemerkenswerter Bruch auf, der gleichzeitig eine Reaktion auf die in der Klammer aufgezählten Umstände dieser Epoche darstellt, wie auch deren eigentlicher Inhalt, dem man sich in traditionell-linker Phraseologie schwammig mit dem Begriff Rückzug nähern könnte. Rückzug auf bereits gewonnene Positionen intellektueller Kultur: Free Jazz der 60er, Poesie des vorigen Jahrhunderts, Orientierung an unverbindlichen, stets wechselnden Werten vergangener Epochen. Denn nichts half gegen die Mittelmäßigkeit der BRD-Kultur besser als eine Redoute bei der Fürstin Guermantes, eine Speed-Orgie mit Nico und Gerard Malanga in Warhols Factory, eine konspirative Sitzung spanischer CNT-Aktivisten oder ein Arbeitsessen (Borschtsch) mit bolschewistischen Führern im Winter 1917. Denn bei uns war’s gesichts-geschichtslos, was vor allem fehlte, war eine Ästhetik, die über die Gegenwart präzise Auskünfte zu geben vermochte.

    Der erste Auftritt des Feindes

    Ich wähnte mich damals als ein einsames Bollwerk gegen die Flut alltäglicher Geistlosigkeiten, ahistorischen Suds, der vom Phänotyp dieser Epoche (gewöhnen wir uns endlich an, die Epochen immer kürzer anzusetzen!), dem gutmütig-bescheuerten Schlaffi repräsentiert wurde: In weiter Kleidung trabte er einher, schwer überhaupt seine Umrisse gegen den Horizont abzugrenzen, seine Matte pflegte sich in Ästen zu verfangen. Sprach er mit dir, flocht er zahllose „Du“s und „Weißtu“s in seine Rede wie Kleister, als wolle er dich an sich festbinden und dich in die dicke, trübe Soße einer kopfrunter vor sich hinpusselnden Zwergen- und Trollkultur zerren.

    Der Feind ist der Autor

    Tatsächlich fühlten aber all die Gnome genau wie ich: sie hielten sich für notgedrungen Zurückgezogene in bösen Zeiten. Ihre Dosis revolutionäre Verbrüderung hatten sie 1968 getankt oder aber in ihrer Pubertät in Schülerkampfkadern die Nachwehen erlebt, nun mußten sie durch Kinderladen-Kollektive, andere Laden-Kollektive oder durch simple Bierschwemme mit Fraternisierungs-Ritualen kompensieren. Ob die Accessoires ihres Rückzugs (Castaneda, Django Edwards, Aristide-Bruant-Poster) mir damals wie heute weniger elegant erschienen als die meines eigenen, ist zunächst sekundär. Jedenfalls stellten jene Enttäuschungen und vor allem die Nachgeborenen, neben den noch später geborenen eigentlichen Initiatoren, einen Gutteil der ersten Punk-Bewegung. Und ihr Schlachtruf „Tod den Hippies!“ hätte bei vielen als Aufruf zur Selbstzerstörung verstanden werden müssen (und war auch zum Teil sogar so gemeint)!

    Aber da die meisten dieser 50er-Kinder, die stets ebenso angstvoll-neidisch nach vorn (77-?) wie nach hinten (68) blicken, saturierte, vollgefressene, innerlich gefestigte Adenauer-Abkömmlinge sind, taten sie alles andere als sich töten. Sie sickerten mit ihren Werten in das Neue ein. Sie besetzten die vagen Anti-Formeln des Punks mit ihrer eigenen Dürftigkeit. Haben diese Hippies oder besser Pippies nun gesiegt? Haben sie das Grauenvolle vollbracht, daß nämlich auch heute 18-Jährige Tolkiens „Herr der Ringe“ für ein „irgendwie unheimlich schönes Buch“ halten?

    Manifest Nr. 1

    Die Kraft, die Punk schuf und im Innersten zusammenhielt, war zunächst ein lange unterdrücktes, aufs ärgerlichste sublimierte Verlangen nach Klasse, Stil und Schneid (bei den Linken als faschistoid verrufen: wenn einer zu gut aussieht). Blitzschnell, laut und hart. Hier bin ich, bis dahin reiche ich. Hier habt ihr mein Bewußtsein. Kommt unter der behaglichen Schmusedecke der Subkultur hervorgekrochen und stellt euch der Kälte, die euch wirklich umgibt und vernichtet alle Brücken, vor euch wie hinter euch!

    The street walking cheater with the hands full of napalm

    Dieses letzte Postulat ist das einer jeden Generation, einer jeden Rebellion: der notwendige Kampf um den Standpunkt. Viele 3 Jahre Ältere konnten sich zunächst anschließen. Waren sie nicht von jeher Punks gewesen, hatten reaktionäre Rentner im Park geärgert, im Lateinunterricht mit Klappmessern gespielt (nicht nur, um das Dope zu zerschneiden), Iggys „Search And Destroy“ gehört, sich insgeheim nach lauten Schimpfworten und vor allem nach erdhaftem, offenem Sex (ohne Beziehungen!) gesehnt. Eine buntscheckige Menge war’s, die sich aufs Neue stürzte, und sie nahmen neue Strategien gegen ein Establishment in Angriff, das sich längst auf im langen Marsch steckengebliebene 68er-Sozialdemokraten stützte (vor allem in den pädagogisch wichtigsten Bereichen: Schule und Medien).

    Der Autor weiß mehr, als er zugibt

    Aber wie langweilig, noch einmal die Geschichte des Punk zu referieren, zumal ich der einzige bin, der darüber die Wahrheit in den Händen hält. Und die glaubt mir sowieso keiner!

    Scheitern am Wissen

    Ich wollte in diesem Buch ursprünglich über das seltsame, absolut revolutionäre Verhältnis weiblicher Schlagzeugerinnen zum Rhythmus schreiben (Palm Olive, Maureen Tucker, Gudrun Gut) und über den innovatorischen Umgang weiblich-dominierter Bands mit dem Rhythmus (Slits, Essential Logic, Raincoats, Lizzy Mercier Descloux, Ludus etc.). Aber die Arbeit am Partikularen drängte immer wieder ins Zentrum, zum Totalen, zu der Frage: Sieg oder Niederlage? – auch wenn’s nur ein Nebenkriegsschauplatz ist.

    Erstes Auftreten des eigentlichen Feindes

    Eine Stelle war’s, die vielen Leuten mit unklarem Schrott im Schädel die Gelegenheit gab, sich der Sache zu bemächtigen: die Interpretationen der unwissenden Medien. Wer von außen über die Musik der letzten vier Jahre etwas sagen will, muß erstens verdammt viel von Musik verstehen und darf zweitens kein Interesse an der Bestätigung vorher feststehender Wahrheiten haben. Die Onkel und Tanten von TV/Presse etc., die einen unendlichen, leiernden Diskurs von Betrachtungen und Informationen produzieren, der weder Widerspruch noch Zustimmung forciert, da alles integrierbar ist, hatten sich eine Halbzeile aus einem Song der Sex Pistols herausgesucht: No Future. Alles weitere war eine zuweilen beeindruckende Serie von Tautologien: „Die Jugendlichen haben keine Zukunft, denken sie, und deswegen schreien sie: keine Zukunft, weil sie deprimiert, frustriert etc. in die Zukunft sehen, weil sie pessimistisch … keine Chancen …“.

    Natürlich war niemand beim TV gewieft genug, selber an den Spruch zu kommen. Er wurde ihnen auf dem Präsentierteller gereicht. Nicht von den Pistols – die waren zu schnell und für die Berufsinterpretierer zu unverständlich. Schlechte Punkgruppen waren’s, Hippies, die nach Messages suchend – der Hippie braucht immer einen Sinn, einen Sinn, den er nötigenfalls seinen Eltern verklickern kann – diesen Slogan unzählige Male abgewandelt wiederholt hatten, bis das TV darauf stieß. Aber: Alles, was das TV weiß, ist nicht mehr wahr. In dem Moment, wo eine Nachricht über den Bildschirm flimmert, ist sie nur noch ein Bestandteil der Rudi-Carrell-Show und die hatte schon bessere Gags als eine Jugend, die „No Future“ ruft.

    Regel: Gib nie eine Information ans Fernsehen, mache nie eine Kunst, die das Fernsehen mit dem ihm zur Verfügung stehenden Begriffsinstrumentarium auflösen könnte! Versuche, im Fernsehen einen Pop-Song aufzuführen, der fast so klingt wie ein Pop-Song, nur nicht ganz (z. B. schöner), und du erreichst eine größere Verwirrung als mit der drohenden Gebärde des Protestes. Beispiel: Grace Jones’ „I’ve Seen that Face Before“, in der 1000. aktuellen Schaubude. Auf den Gesichtern der drei anwesenden norddeutschen Landesherren Stoltenberg, von Dohnanyi und Albrecht wurde eine eigentümliche Irritation, ja gehöriger Schrecken sichtbar, der sich erst beim Anblick des vertraut-menschlichen Adamo wieder zu verflüchtigen schien. (Wenn es darum ginge, wer mehr Unordnung in einem Mann mit Schlips anzurichten vermag – Bettina Wegner oder Grace Jones – würde letztere siegen.)

    Der plötzliche Sinnentzug ist die beste Strategie gegen die einzige ewige Fernsehsendung. In seinen besten Momenten leistet das Fernsehen dies selber. Der Skandal, wie ihn die Pistols 1977 im britischen TV inszenierten, hat in der liberalen BRD keinen Sinn, zumal Norbert Grupe alias Prinz von Homburg bereits vor Jahren in einem Gespräch mit Rainer Günzler den ultimativen Fernsehskandal geliefert hat: er schwieg.

    Scheitern II

    Wenn im folgenden vom Hippie die Rede ist, so meint das weniger den lokalisierbaren Parteigänger eines Denkens, sondern einen mit allen Irrungen und falschen Ideen der 70er behafteten konstruierten Typus, einen Zustand des Scheiterns. Das typische Element jeder Hippie-Ideologie: der Sinn, die Message. Hiermit wurde Punk im öffentlichen Bewußtsein wieder eine Bewegung wie jede andere: mit Zielen, Leitbildern, Pros und Contras. Und das Schlimmste: die Punk-Basis richtete sich danach. Ende 1979 schrieb „Bild“: „Die Punker – dumpfer Haß auf alles“. Ein Jahr später traf diese Behauptung auf die, die aussahen wie Punks, tatsächlich zu.

    Scheitern III

    „Wenn ein bedeutender Mann eine Idee in die Welt setzt, so wird sie sogleich von einem Verteilungsvorgang ergriffen, der aus Zuneigung und Abneigung besteht; zunächst reißen die Bewunderer große Fetzen daraus, so wie sie ihnen passen und verzerren ihren Meister wie die Füchse das Aas, dann vernichten die Gegner die schwachen Stellen, und über kurz bleibt von keiner Leistung mehr übrig als ein Aphorismenvorrat, aus dem sich Freund und Feind, wie es ihnen paßt, bedienen.“ (Robert Musil)

    Lernen

    Zweifellos ist Punk längst hier angelangt und die Benutzung des Begriffs tatsächlich nur noch für Historiker sinnvoll. Aber wir Füchse, die wir uns schon lange an dem Aas gütlich tun, sollten doch darauf achten, keine Zulieferer des Aphorismenvorrats zu werden. Wir können das, was wir gelernt haben, nutzen für die Zukunft und das erreichen, was Punk nicht schaffte: den Hippie in uns und um uns überwinden, der einen so schwachen, labberigen Gegner für die herrschende Lage abgibt und der immer noch 90 % des subkulturellen Gedankenvorrats mit seinen vom historischen Original längst degenerierten Werten versorgt. Denn, wenn es so weitergeht wie bisher, ist es für Kanzler Schmidt keine Schwierigkeit, jeden jugendlichen Zweifel an seiner deutsch-amerikanischen Freundschaftspolitik zu sabotieren: er braucht nur das Haschisch zu legalisieren.

    Den Dreck der Niederlage abwaschen

    Die Erde ist alt. „Einfach schmutzig bleiben“ ist als Geste oder gar Maßnahme der Rebellion nutzlos. Es ist der klassische durch alle Spielarten ziehende Gestus der Verweigerung, der uns bei dem babylonischen Punk-Mädchen noch spitze Schreie der Entzückung entlockt (sie ist übrigens deswegen Punk, weil sie sich aggressiv verweigert, würde sie nur schmollen, aber sich trotzdem waschen, wäre sie ein Hippie), der aber heute stumpf geworden ist.

    Bleib bös!

    Die Erde ist alt. Und uralt ist die Taktik der Vereinnahmung und Abwerbung. Und die Bäuche der jeweils herrschenden Systeme sind, zumindest in Zeiten relativer Prosperität, immer größer geworden. Die Verschleierung der realen Vereinnahmung ist durch die Einrichtung einer Nische für Verweigerer, Protestler und Andersdenkende noch weiter fortgeschritten. Was also gibt es zu tun, um die Integrität des Rebellischen zu retten bzw. neu zu konstituieren? Zurück zu Bowie: Bowie war und ist der einzige fähige Schauspieler der Rockgeschichte. Er verfiel nie je in die anheimelnde Lächerlichkeit der Fools-Bewegung, dennoch wußte er die kurzlebige Glitzerberühmtheit in ein langlebiges Konzept zu überführen. Bowie wird viel geliebt, direkt, feucht, unvermittelt. Er wurde kaum je begriffen. Die Bourgeoisie hat eine grauenvolle Angst vor ihm; sie kann ihm, genau wie den frühen Punks, nur mit ihrem argumentativen deus ex machina kontern, den sie sich, wie so vieles, der linken Argumentation entliehen hat: dem Faschismusverdacht. Bezeichnend die Tatsache, daß ausgerechnet Springers „Abendblatt“ und der konservative „Münchner Merkur“ einen Essay aus dem Alternativblatt „Schädelspalter“ nachdruckten, der den Mythos vom Faschisten Bowie verbreitet.

    Bowie II

    Bowie ist die Bedrohung; denn die Motivation, die von ihm und der seiner Musik innewohnenden Utopie ausgeht, gründet sich nicht auf den leicht einschätzbaren und in ihrer Gefährlichkeit ebenso gering zu veranschlagenden alternativen Verbesserungsvorschlägen des Hippie-Protests. Sein Entwurf ist der einer ideologisch klaren Persönlichkeit ohne Schlacken, die sich skrupellos der Idealtypen der bürgerlichen Mythologien bedient, ohne sich ihnen verpflichtet zu fühlen. Bowie nutzt alle ihre Schattierungen aus (Astronaut, Harlekin, Alien, Diktator, Diplomat), um sie respektlos, distanziert und präzise in seinen brisanten Diskurs der Lust einzuformen. Bowie ist der Revolutionär, der in alle Rollen schlüpft, die gemeinhin für Feinde der Revolution vorgesehen sind, um sie voller Lebensfreude zu sabotieren. Bowie antizipiert den alien rebel; und die Geschmackslosigkeiten, Fehler, die ihm hin und wieder aus Unkenntnis der eigenen Methode unterlaufen, tragen umso mehr dazu bei, das herrschende Denken zu unterminieren. Wahrlich: Bowie ist der Vater der wichtigsten Punk-Bestandteile, wenn auch dies nicht so ist, daß man solche Kontinuitäten konventionell nachweisen könnte, solcher Vererbungs- oder Inspirationsvorgänge habhaft werden könnte. Neben einigen anderen Genies, die aber nie eine vergleichbare Breitenwirkung erreichten, bürgt Bowie für die machtvolle Bedrohung durch die subversive Kraft der Rock-Inszenierung.

    Worum es eigentlich geht

    Bowie ist einer der wenigen, die auf dem Terrain des Pop seit mehr als zehn Jahren kontinuierlich große Leistungen vollbringen. Pop – das ist die letzte Instanz der Wahrheit und die letzte Verständigung zwischen Basis und Überbau. Pop bringt seit 10 oder 20 oder 50, vielleicht seit 150 Jahren beständig die wahrhaftigsten Bilder zur Wirklichkeit hervor, ohne daß die Praxis des Feuilletons, der allgemeinen Meinungsscheiße je ihre gichtigen Finger tötend auf dieses Gestaltungsprinzip legen konnte.

    Was ist Pop? Im weitesten Sinne: Bertolt Brecht, Free Jazz am Anfang, Gesang in 3 Minuten, Jazz der 40er – Momente von Kunst ohne Mühseligkeit. Epiphanien. Hier soll es aber um Pop seit 1960 gehen, um die unter diesem vagen Namen bekannte Kultur dieser Epoche. Zunächst waren auch die Hippies Pop. Ihre Leistungen und deren Fortsetzungen gründen sich wie bei den Punks auf drei, vier kreative Pop-Jahre. Wagemutiges, großspuriges Anhäufen großer Themen auf netten Melodien, unangreifbar geniale Kürzel: Als David Crosby mit den Byrds 1966 sang: „Everybody has been burned before / born before“, war das so eine subtile, Unvereinbares vereinende, historisch-kulturelle Momentaufnahme – eben typisch Pop. Heute glaubt er wohl sogar, was er damals sang. Und hunderte lächerlicher kalifornischer Sektenbrüder mühen sich, „den INHALT“ dieses Satzes (wie tausendmillionen anderer) zu LEBEN oder zu erforschen. Sie betreiben eine Pop-Exegese als sei’s die Bibel. (Das mag manchmal bei späteren Pop-Erscheinungen – Red Crayola, Art Bears, Pere Ubu – durchaus angebracht sein, beruht aber eigentlich auf einem grundlegenden Mißverständnis davon, wo eine Wahrheit von Pop wirklich ihren unversöhnlich-lustvollen Stachel in das Fleisch der jeweiligen Zeitgenossen jagt).

    Eine schöne Definition von Pop lieferte mir unfreiwillig die Zeitschrift „Spex“. In einem Verriß einer der größten Pop-Künstlerinnen, Debbie Harry, schreiben sie nörglerisch vorwurfsvoll: „daß die Gruppe Stilelemente nie wirklich spielt, sondern nur benutzt“. Eben. Das ist es seit Bertolt Brechts „ich gestehe, daß ich in Dingen des geistigen Eigentums …“; das ist 20. Jahrhundert; das ist der Fortschritt des menschlichen Bewußtseins, daß Kunst nach der Epoche des „Gegen“ (gegen den Kapitalismus, böse Menschen, Lieblosigkeit, Schweine, Hörgewohnheiten, Sehgewohnheiten) eine neue Haltung hervorbrachte, die, immer gewahr der Widersprüche, um die herum und durch die sie entsteht, diese in respektlosen, naseweisen, plumpen und grellen Mini-Analysen vereint. Diese Mini-Diskurse schließen alle möglichen Überlebenskampf-Taktiken ein. Sie stehen jedem kämpfenden Genossen zur Verfügung, der sich von der Peinlichkeit des echten Anliegens freigemacht hat und nur noch mit der ultimativen Fröhlichkeit einer nahezu aussichtslosen Lage sich die Wahrheit erkämpfen will, wissend, daß alles, was er in der Sprache des Pop sagt, in mehreren Anführungszeichen erscheinen wird.

    Was dies im Kern zusammenhält

    Epochen der buchstäblichen Erneuerung sind seit Urzeiten vorbei; Debbies, Bowies und aller anderen (bewußtes oder unbewußtes) Prinzip, Stilelemente nur noch zu verwenden, gehört die Zukunft (und auch ein größeres Stück Vergangenheit). In der klassischen Musik ist die kleinste Einheit der Ton, im Pop ist es der stilistische Verweis. Pop-Musiker bedienen sich nicht mehr bei einer Ton-Palette sondern bei einem Sound-Stil-Klangfarben-Supermarkt; über Qualität entscheidet die Haltung zum Material und ob das Resultat in den Erfordernissen des Alltags funktioniert. Das entscheidet sich oft im Verhältnis der spezifischen Nuancen zum bekannten, jeweiligen Pop-Code. Popmusiker sind semiotische Alchimisten, keine Tonsetzer.

    Unsere letzte Freiheit

    Pop mischt diese Welt auf. Nicht eingegliedert in einen kulturellen Sekundärprozeß, sondern nur von Schallplattenfirmen oder Einzelenthusiasten des Schnellverdienens als reine Ware behandelt, der kein Überbaugebläse den Warencharakter weglügt. Stattdessen findet dieser Warencharakter selbst ständig Eingang in die Pop-Reflexion, wird mal traurig, mal frech, stets selbstbewußt zur Schau getragen. Das, was ich hier als Rahmen der Pop-Musik/Kunst abzustecken versuche, mag anderswo als bekannt, zumindest als erahnt gelten. In Deutschland aber, wo Bob Dylan immer noch wegen seiner pfadfinderhaften Jugendführerqualitäten eher geschätzt wird als wegen seiner treffenden, historisch-analytisch genauen Kurzformeln für Liebeskummer in Epochen der Libertinage und seiner einsamen, knappen Artikulation des Phänomens Große-Kunst-trifft-miefigsten-Provinzialismus, muß endlich für das rechte Verständnis der letzten Ausdrucksform geworben werden, die uns im Zeitalter der kritischen Meinungsscheiße noch bleibt.

    Unruhe stiften

    Zweifellos kann gute Pop-Musik, die zumindest bis vor sehr kurzer Zeit von der Generation der 76/77er monopolisiert wurde, in Kämpfen eingesetzt werden. Per definitionem ist sie gut, wenn sie wahr ist, und wenn sie wahr ist, versetzt sie ebenfalls per definitionem die Mauern der Stadt in Erschütterung, richtige Anwendung vorausgesetzt. Nur ist Pop viel zu weise, um zu taugen als Soundtrack für ein verlorenes Bürgerkriegsspielchen, das vielleicht als spektakuläres Szenario, den Staat verunsichernd, einen Sinn hat, aber nicht, wie sich das noch zu viele Anarcho-Kombattanten vorstellen, als reelle Schlacht gegen eine an Medien- und Waffenterror überlegene Staatsmacht. Für den Kampf-Typus „spektakuläres Szenario“ ist Pop jedoch von großem Nutzen, insbesondere der Pop der späten 70er, antizipiert er doch in Texten und Klang tausende von möglichen Mini-Szenarios symbolischer Unruhe.

    Unerkannt bleiben

    Aber die traditionelle, auffällige Unruhe darf immer nur eine Seite des Kampfes gegen die offizielle konservativ/liberal/sozialdemokratische Mixtur einer im Kern provinziellen, gelegentlich ins ästhetisch-politisch Kühne umschlagende Medienfassade pluralistischer Verdummung sein. Sie muß ergänzt werden durch ein Konzept, wie es etwa Genesis P. Orridge von Throbbing Gristle „alien culture“1 nennt. Ein Unterwandern, Einsickern in das Normale, Alltägliche, das nichts mit einem blauäugigen Marsch durch die Institutionen gemein hätte.

    Die Maske der Normalität, von einem avancierten, wissenden Kopf getragen, nicht um sich zu verstecken, sondern um „mittendrin zu stecken“, ist die verwirrendste Taktik der Okkupation offizieller Meinungsinstanzen. Auf Kunst angewendet heißt das: nicht nur Nutzung der von der Jugendkultur als Verständigung entwickelten Ästhetik (mit all ihren Leistungen und Irrungen, die man stets auseinanderhalten muß), sondern Virtuosität in, durch keinerlei Anspruch exponierten, normalen Formen. Die Abwesenheit von sozialen/weltanschaulichen Identifizierungsmerkmalen (Kleidung, Haarschnitt) stellen eine brüskierende Leere für den auf solche Zeichen angewiesenen Großstadtmenschen dar und erschüttern den eindimensionalen Hippie ebenso wie den Mehrheitsbürger.2

    Abba

    Auch in der Kunst ist die nackte „Normalität“ verschwunden. Wie fast alle Hippie-Ideologeme ist auch „Anpassung“ (als vermeintliches Feindbild) in die Niederungen der Konsumartikel-Industrie-Kalkulation abgesunken und die Kennzeichnung eines jeden Erfolgsschlager als stilistisch spezifisch (Reggae, Country, Calypso, R&B – Boney M., Goombay Dance Band, Gunter Gabriel, Peter Maffay) längst eine Maxime der musikindustriellen Fließbandproduktion. Das „Unangepaßte“ ist ebenso bereits ein erzbürgerlicher Alltagsreflex, der oft die übelsten Mutationen der genormten Häßlichkeit hervorbringt. Dagegen ist der nackte Schlager, wie ihn etwa noch Abba schrieben, also mittlerweile eine obszöne Hinterrücks-Attacke, eine vom Gegner nicht lokalisierbare Bastion ästhetischer Kriegsführung.

    Alternative Häßlichkeit

    Die heruntergekommene Hippie-Idee par excellence ist der Fool, der gleichzeitig in unzähligen Inkarnationen bei der Talk Show wie beim zahlenden Publikum zum Liebling avanciert ist: Feuerschlucker, Gaukler, Clowns – jede Menge circensischer Relikte wurden in den letzten Jahren mit dem Mythos vom „Anderssein“ verbunden und der Fool, mit seiner willkürlichen, scheinbefreiten Narrheit zur Symbolfigur eines Bewußtseins, das glaubte, mit dummfreundlichen Clownereien, eskapistischer Märchenschwelgerei und präzivilisatorischen Archaismen die „Phantasie an die Macht“ zu bringen. Und fühlt sich dabei auch noch als Alternative zu einer „zu kopflastigen, zu rigiden Linken“. Der Versuch, durch immer größere Buntheit dem grauen Alltag Paroli zu bieten, führte zu einer Masse bunter Ameisen, die in ihrer formelhaften, konventionellen Unkonventionalität bald so verwechselbar uniform aussahen wie ihre Feindbilder.

    Die bürgerliche Öffentlichkeit hatte leichtes Spiel mit dieser Geisteshaltung (die so hartnäckig in so viele Ausdrucksformen dessen, was sich New Wave/Neue Deutsche Welle dünkt, eingesickert ist und mit der auch sonst circa 15 % Bundesbürger schwanger gehen): ihre dürftigeren Organe waren eitel Freude über diese herrlich verspielte Kultur. Sie wollten mitspielen und veranstalteten Straßentheatertreffen, Literaturtrubel, Fools-Festival, Liederzirkus und derlei mehr – die tapsig-geschminkte alternative Häßlichkeit mit ihren Symbolfiguren (ich sage nur: Zadek, Heller, Hundertwasser, Lindenberg, Savary, Edwards) wurde ein fester Bestandteil der feuilletonistisch abgesegneten leichten Muse, während das Leben ernst blieb.

    Die ernsteren Teile der bürgerlichen Öffentlichkeit hatten ein ebenso leichtes Spiel, die Geistlosigkeit jener Kumpel-Kindergarten-Haltung zu denunzieren.

    Invasion von der Wega

    Die „alien culture“-Idee, das Gegenteil des oben geschilderten, verlangt dagegen, die Karten nie zu zeigen, mit denen man spielt. Man kämpft ja nicht nur an der (ästhetischen) Front, sondern vor allem in der Etappe des Gegners, steckt mitten drin, kriegt alles mit und zeigt keine Regung auf dem freundlichen, klugen Gesicht. Wie der Eindringling vom anderen Stern, der sich trotz seines um Galaxien anderen Bewußtsein hinter einer Menschenmaske verbirgt und so ohne Angriffsflächen bleibt. Unter dieser Tarnkappe, über die man keine verbindlichen Aussagen machen kann, da sich ihr Gesicht nach dem jeweiligen Wirkungsgebiet des jeweiligen „alien rebel“ richtet, dringt der wissende Kämpfer unerkannt in das Netz vereinbarter Selbstverständlichkeiten des bürgerlich-parlamentarischen Für-Gegen-Meinungs-Diskurs ein, auf daß dessen Macht und Überzeugungskraft verpufft, implodiert – oder um es mit den Worten des amerikanischen Verteidigungsministers zu sagen – bis dieses System zusammenbricht „mit einem Winseln, nicht mit einem Knall!“

    Für Grenzen

    Wie jeder Rebell glaubt auch der alien an die Machbarkeit der Dinge, ist er ein Verfechter des Künstlichen und muß daher die heilige Aversion im Hippie-Allerweltsbild gegen Künstliches, gegen absichtsvoll gemachte Schönheit und für das „Natürliche, Echte“ bekämpfen. Diese Vorstellung von Echtheit prädestiniert den Hippie zum Opfer, das er ja permanent darstellt, zum ewigen Verlierer; denn er verweigert den Glauben an die Aktivität, an das Formen (auch wenn er vordergründig betrachtet viel zu aktiv und viel zu präsent ist, doch das ist nur Hampelei). Ästhetische Aktivitäten reduziert er auf den scheinbar spielerischen, in Wirklichkeit planlosen Griff in den Schminktopf. Spiele ohne Regeln sind debil, Anarchie nicht Anarchismus. Der alternativen Häßlichkeit wohnt ein Prinzip inne, das nach Selbstauflösung, Selbstaufgabe verlangt. Der Hippie in seiner wallenden, alle Konturen verbergenden, alle Entschiedenheit des Körpers aufhebenden Kleidung lebt in der Sehnsucht nach einem ozeanischen Selbstverlust, im feucht-warmen Uterus der Szene oder noch konkreter in Encounter-/Selbsterfahrungs-/Religions-/Sekten-Klüngeln, die expressis verbis die Aufgabe des Ego verlangen.

    Der alien rebel dagegen zirkelt seine jeweils angenommene Identität ab, gibt ihr die Grenzen, die sein jeweiliges Aufgabenfeld verlangt. Ihn verlangt es nicht zu verströmen, sondern seine Energie als Bombenladung gezielt anzubringen, bevor er in einen anderen Anzug schlüpft, ein anderes System von Sinnzuweisungen als Kampfplatz erwählt und zu erschüttern trachtet.

    Freilich müssen wir jetzt endlich über Wahnsinn reden. Das Problem der Identität. Wir haben recht eindrucksvoll gesehen, daß uns die sog. Wahnsinnigen den positiven Sinn der Zertrümmerung des lächerlichen Konzepts „Identität“ vorgeführt haben, und der Selbstauflösungsdrang im Styling wie im Lebensgefühl des Hippies wird ja theoretisch oft als eine Reaktion auf diese Erkenntnis überhöht. Doch wäre diese selbstgewählte, hoffnungslose Antithese auf die Dauer nichts weiter als trostlose Resignation. Der alien mit seinen rapide wechselnden, aber jeweils präzise umrissenen Identitäten hat sowohl die Relativität der Identität begriffen wie die Nutzlosigkeit ihrer Leugnung. Identität ist fun und ihre Krise die lebensspendende Kraft der Jugend.

    Besitz

    Die Jugend hatte sich den Pop geholt und wieder verloren, und oft mußte sie ihn sich zurückerkämpfen. Phil Spector war der erste Jugendliche, dem Produktionsmittel des Pop gehörten, aber auch ohne den ökonomischen Besitz der Mittel kann die Jugend Pop kontrollieren, und ich meine nicht die Konsumenten, die es tatsächlich kaum können und eher Opfer der Medienlügen werden, sondern die jugendlichen Produzenten. Da diejenigen, die mit Pop Geld verdienen, immer dann, wenn etwas wie Punk den Pop zurückerobert, den Boden der kalkulierbaren Berechnungen unter den Füßen verlieren, sind sie den Eigendynamiken der jugendlichen Äußerungen ausgeliefert. Sie müssen den schrägen Vögeln vertrauen, die ihnen die Tapes bringen. Zu Punk gehörte zwar der Griff nach den Produktionsmitteln und dieser wurde inzwischen weitgehend vom System abgewehrt, aber zu Punk gehörte noch eine viel wesentlichere Entwicklung, oder besser: Wiederentdeckung – die Abschaffung der Virtuosität.

    Die Geschichte der geilen Soli

    Die Virtuosität ist die Bastion des Subjekts in der Musik. Der Virtuose entwickelt ein an seine Autorität geknüpftes Wissen. Pop tendiert von jeher dazu, dies zu negieren, an Stelle des Subjekts sofort lösliche Mythen zu setzen. Als Jazz Virtuosität zum Selbstzweck betrieb und dafür reichlich Lob und die endgültige Anerkennung der bürgerlichen Kultur kassierte, in der dies gang und gäbe ist, verlagerte sich Pop zum Rock’n’Roll und der Jazz denunzierte die genormte Virtuosität durch den Free Jazz, der sich für die Doofen erstmal so anhörte wie von Dilettanten.

    Als der Beat zum Jazzrock wurde und vom Jazz nicht Implosivität und musikalische Offenheit übernahm (Exzellentes wie Tony Williams Lifetime oder Soft Machine ausgenommen), sondern dessen, meßbaren Leistungsvorstellungen gerechte, Virtuosität, wurde Punk notwendig. Nachdem Punk Virtuosität durch brachialen Dilettantismus abgeschafft hatte, wurde diese Haltung statisch kultiviert und wirkungslos, wieder schlichen sich Subjekt-bezogene Spielweisen ein (damit ist übrigens nicht Stil schlechthin gemeint, sondern eine bestimmte Art von Stil, die ihre Urheber verabsolutiert). Die nun folgende Dominanz von Computern und Synthesizern ist ein neuer Schritt gegen die manuelle Virtuosität.

    Die Abschaffung des Subjekts ist in der Philosophie ein alter Hut, in der Pop-Musik ist sie bereits unbemerkt in die Praxis eingegangen. Während in den meisten Sparten der abendländischen Kultur noch immer das Ritual um den einen Autor inszeniert wird, sind in der Welt der Vinyl-Schwemme die Positionen verteilt und für wechselnde Besetzungen freigemacht. Der Star, dessen Berühmtheit immer kürzer wird, gibt ein beredtes Beispiel: er ist längst nicht mehr der gefeierte Urheber, sondern nur noch Repräsentant einer Musik.

    Pop-Geist

    Viele, vor allem ältere, länger der Praxis ausgesetzte Musiker aus der Hippie-Generation haben die Sackgassen ihrer Altersgenossen weise umgangen. Die wahrhaft avantgardistischen Geister der Rockmusik waren nie den geistlosen Mythen des von unten kommenden Helden, der alles herausbrüllt, was er an Scheiße gefressen hat, aufgesessen. Sie haben von jeher um den fruchtbar-parasitären Eklektizismus der Pop-Kunst gewußt und liefern z. T. noch heute die cleversten Werke. John Cale und Lou Reed seit etwa fünfzehn Jahren, Bowie, der gleichzeitig als Macher wie als Star fungiert, wurde schon genannt. Red Crayola, die Gruppe Mayo Thompsons, die höchst-gesteigertes marxistisches Denken zu dynamitenen Miniaturen schnitzt und in entwaffnend-liedhafte Melodien einpaßt, sind mein Musterbeispiel für die vielgestalten Lernprozesse, die die Pop-Geschichte durchmacht. Auf der anderen Seite bedienen sich die Jungen heute in immer bewußterer Weise alter Stilelemente und schneiden sich in rasanter Weise als konkurrierende Bedeutungsträger aneinander. Beispiel: der wahrhaft poppige Jazz der Lounge Lizards.

    Hang him on my wall!

    Die Strategie des Ja-Sagens war eine entscheidende Errungenschaft der Post-Punk-Ära, obwohl man sie schon bei Velvet Underground findet. Nachdem der nörgelnde Protest-Song (dieser ist in der neuen Welle durch das redundante Gejammer über zuviel Neonlicht, Neubausiedlung, Computerüberwachung, kalte Großstädte, Weltuntergang und andere von „Stern“ und „tip“ aufbereitete Themen ersetzt worden), der tatsächlich noch glaubt, der Staat sei ein Vater, und sich über weggenommene Spielsachen oder ungerechte Strafen beklagt, von immer mehr Leuten als sozialdemokratische Parlamentsrede erkannt wurde, breitete sich eine neue Haltung aus, die durch Affirmation provozierte, meistens aber verwirrte: die Haltung des alien, der eine Welt vorfindet und positiv in der Sprache ihrer eigenen Rechtfertigung beschreibt. Hinter einem Song wie etwa „Don’t Worry About The Government“ von den Talking Heads sieht man das skandalöse Lächeln Andy Warhols, des größten Pop-Künstlers, der gegenwärtig ein Magazin betreibt, in dem Herrschende und ihre Symbolfiguren sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, bis sie sich am Ende der Seite vollkommen verflüchtigt haben, wie eine an der Sonne getrocknete Qualle. Gegenwärtig liefert kaum eine kommerzielle Publikation ein so exaktes Bild dieser Welt wie „Andy Warhols Interview“.

    Der Waffen sind viele (Manifest Nr. 2)

    Andere Situationen erfordern andere Aufgaben. Das massive „Nein“ der Pop Group, das ganz ohne sozialdemokratische Verbesserungsvorschläge aus tiefsten Herzen undifferenziert-hilflos fragt „How Much Longer Do We Tolerate Mass Murder?“ oder anti-künstlerisch-thetisch brüllt: „Escapism is not freedom!“ hat genau so seinen Platz wie die zurückhaltend-affirmative Analyse der Talking Heads. Und eine ganz andere, aber ebenfalls in der Vielfalt von rabiaten Artikulation der letzten Jahre erst möglich gewordene Ausdrucksform ist der Tausend-Worte-Pro-Sekunde-Relativismus des Mark E. Smith, dem proletarischen Zarathustra von The Fall.

    In der gegenwärtigen Epoche der Restauration können auch – neben den neuen selbstverständlich – alte Formen der Hippie-Kämpfe Aktualität zurückgewinnen. Neue Entwicklungen erfordern neue Koalitionen und seit überall der reaktionäre Backlash zuschlägt, stehen wir alle unter dem gemeinsamen Hit-Slogan von Heaven 17: „We don’t need this fascist groove thing“.

    Und am überraschendsten für alle berufsmäßigen Analytiker des Zeitgeists, und ebenso krampfhaft geleugnet, ist die Tatsache, daß die Kommandozentrale des Weltaufstandes oft genau da liegt, wo man eine kurzfristige Modebewegung oder einen Trick der Schallplattenindustrie widmet, etwa bei dem modischen Synthesizer-Trio Heaven 17. Eine Tanzkapelle der schicken britischen Fashion-Tänzer, die dem Reagan-Attentäter Hinckley musikalisch „better luck, next time!“ wünschte.

    Jedoch

    Daß alles immer da ist, wo es der Gegner, die herrschende Lüge, nicht vermutet, bleibt auch die wesentliche Botschaft für alle, die sich um Ausdruck bemühen. Den alien darf es demnach nie wirklich geben, es ist selbstverständlich nur ein Vorschlag, der zu Gunsten von etwas Besserem verworfen werden muß, und auch das Bessere wird nur solange wirksam sein, wie es keinen Namen akzeptiert. In diesem Text geht es mir eher darum, Pop zu denken, als Denken über Pop festzuschreiben. Pop ist schön und für alle da. Seine Botschaft heißt: „Nimm dir, was dir gehört und genieße es“. Seine Wahrheit ist die eines plötzlich bestätigten paranoiden Gedankens. Es ist die Wahrheit der plötzlichen Entdeckung der großen Ungeheuerlichkeit.

    1. „Und ich glaube, aus diesem Grund geht unsere Perspektive der molekularen Revolution weiter als die der Ökologisten, in dem Sinne, daß es nicht ausreicht, die Umweltverschmutzung der natürlichen Umgebung für ein Resultat der Industriegesellschaft zu halten: betrachten wir die subjektive Ebene, so erkennen wir, daß die Umweltverschmutzung auch im Geistigen existiert; daß ihr nichts entgeht, daß es keinen Ausweg gibt, weder in die transzendentale Meditation noch in die Makrobiotik. Alle sind verseucht, nicht nur auf der Ebene des Körpers, sondern auch auf der Semiotisierung. Und hier stellt sich das Problem einer Art permanenten Revolution, einer molekularen Revolution, die sich mit all den anderen – sozialen, ökonomischen, ökologischen – Revolutionen verbindet und artikuliert. Sie geht wieder vom Wunsch aus, gestaltet ihn quasi künstlich neu. Was ich hinsichtlich der Gebrauchswerte gesagt habe, muß man heute auch hinsichtlich der Wunschwerte wiederholen: es gibt keine Frauen, keine Kinder, keine natürlichen Beziehungen – alles ist in diesem maschinellen semiotischen System gefangen. Man muß also Partei ergreifen. Die molekulare Revolution besteht darin, zu sagen: „Gut, wir werden uns in einer völlig künstlichen Art ein Modell vom Mann, von der Frau und von Beziehungen errichten.“
      Félix Guattari ↩︎
    2. „Was immer du sagst, sag es nicht zweimal / Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn. / Wer seine Unterschrift nicht gegeben hat, wer kein Bild hinterließ / Wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat / Wie soll der zu fassen sein! / Verwisch die Spuren!“ ↩︎