Autor: admin

  • Pathos partout (Ennui, Part One)

    Die Eingeweihten wissen es schon, den anderen sag ich es hier. Seit einem halben Jahr lebt euer Kolumnist wie ein Pendler zwischen Hamburg und Düsseldorf. Diesem Zustand habe ich jetzt ein Ende gesetzt und bin ganz in das katholische Provinznest am Rhein emigriert. Ja, wir Exilanten haben’s ganz nett hier. Eine Zeitschrift in der Landessprache, in der wir uns verständigen, kleine Zirkel in Bierlokalen und Kaffeehäusern, wo wir ungestraft lästern können, und natürlich eine Exilregierung.

    Aus dem Anlaß der Übersiedlung werde ich also endlich diese Kolumne aufgeben. Denn mir fällt zu Hamburg nichts mehr ein.

    Bevor ich näher auf die Gründe dafür eingehe, möchte ich mich erst einmal bedanken, bei all denen, die in den letzten Jahren dafür gesorgt haben, daß ich meinen Spaß hatte. Nicht nur bei Angelika, Anja, Anette, Andrea, Andrea, Andrea, Annerose, Bettina, Charline, Claudia, Dörte, Dorothee, Elisabeth, Eva, Gepa, Heike, Ingrid, Karen, Karen, Kerstin, Kirstin, Manuela, Mia, Marion, Mechthild, Rotraut, Nicola, Sabina, Sabine, Sabine, Sabine, Silvana, Sylvia, Svenja, Theda, Qwertzuiopü I, Qwertzuiopü II, Qwertzuiopü III, Qwertzuiopü IV, sondern auch bei Andreas, Andreas, André, Albert, Alfred, Werner, Timo, Dietrich, Detlef, Clemens, Christoph, Michael, Michael, Mikael, Thomas, Rainer, Jörg, Oliver, Holger, Marcus, Stephan, Stefan, Jürgen, Jürgen, Felix, Klaus, Klaus, Joachim, Gerd, Sven, Lars, Olaf, Olaph, Ulrich, Jonas, Friedjof, Jan, Hartmut, Chris, Walter, Fritz, Jean-Marie, Hubert, Ulf und bei all denen, die es wert sind und mir jetzt nicht eingefallen sind.

    In diese Stadt, Hamburg meine ich, ist ein blöder Muff eingezogen, irgendein fremdländischer Fürst führt falsche Sitten ein. Die Stimmung ist mies. Dumpfe, schwüle Wolken verdunkeln den Horizont. Man fragt sich beklommen: Wo ist nur all das Feine hin? und kann nirgends mehr hingehen, ohne das Gefühl zu bekommen, die Franzosen hätten die Stadt besetzt. Neulich habe ich mich sogar in Wien wohlgefühlt. Der Daimon wird irgendwann die Stadt wieder verlassen, bis dahin aber ziehe ich es vor, es einen Tag zu nennen. Einen guten.

  • Aztec Camera

    Roddy Frame ist der alle versöhnende Popstar. Roddy ist jung (er ist ungefähr schon so lange unter zwanzig wie der vollkommene Meister Maharaj Ji fünfzehn ist – ihr wißt, der pausbäckige Guru aus den 70er Jahren), Roddy liebt Dylan. Roddy greift zur akustischen Gitarre, ja er greift überhaupt zur Gitarre. Er kommt aus dem Wave-Stall „Postcard Records“ in Schottland (das Gestüt, das auch Orange Juice und Josef K. züchtete) und ging mit Neil Young auf Tournee. Er trägt Kleidung, die wie aus BAP und The Band zusammengesetzt aussieht. Er hat im Gespräch den hippen, zynischen Humor der Jungen und singt mit der individualistischen Schicksalsergriffenheit der Alten zur Klampfe von Liebe und Warten. Er macht Folk. Und mixt zu seinen Folk-Songs für die Maxi-Singleversion einen Discobeat. Oh Roddy, Du weiches intellektuelles Kuscheltier, Du Pogorelich des Post-Punk, Du Kreuzung aus Roy Harper und Nick Heyward!

    Also: Alle LPs und Singles von Aztec Camera auf dem Postcard-Label waren großartig. Sie waren die Post- oder Cum-LP-Singles, so war besonders „Walk Out To Winter“, so ist leider nicht, mittlerweile bei der großen Firma WEA, wo auch Vorbild Neil Young Geld verdient, die soeben erschienene Frucht der neuen Nachdenklichkeit.

    Roddy Frame wurde wie so viele vor ihm Opfer einer Entwicklung, wo auf ein Debüt, das dem Prinzip „Die Mischung macht’s“ gehorcht, eine zweite Platte folgt, die auf die Maxime „Etwas Warmes braucht der Mensch“ hört.

    Aztec Camera lebte von der Reibungshitze, die entstand, wenn sich der hungrige, junge Roddy mit seiner Unionstruppenmütze und seinem Baumwollhemd an introspektiven, besinnlicheren Liedformen der Alten scheuerte. Einen verpunkten Dylan – das war wirklich genau das, was wir brauchten, und wir haben es auch noch heute in mancher Form (von mir aus von Billy Bragg bis zu den Go-Betweens), aber was wir definitiv nicht brauchen, ist ein Roddy, der nicht mehr (Reibungs)hitze produziert, sondern sich stattdessen mit der Wärme eines besseren Lagerfeuers, zugegeben, zufrieden gibt.

    Zuviel Gefühlsmeckerei stört seine immer noch großartigen Kompositionen, und die Wiederentdeckung der langen Form (Neun-Minuten-Songs) ist nur in seltenen Fällen eine zu begrüßende. In diesem nicht.

    Sicher, ich würde auf diesen erztypischen Star der 80er Jahre nichts kommen lassen, jedenfalls nicht viel. Ich bin noch immer bereit, ihm für seine neue LP im Musik Express vier von sechs möglichen Sternen zu geben. Aber ich glaube, für das, was er macht, fehlt ihm das Ennui der Stimme, das amerikanische Revivalisten von Green On Red bis Violent Femmes auszeichnet. Aztec Camera könnte so zu Bronco der 80er degenerieren.

  • Düsseldorf ist, wenn es was zu trinken gibt

    Eine Antwort auf eine Frage des Überblicks

    Ich will es kurz machen. Jeder Tag beginnt mit einem Ärgernis. Das ist die Düsseldorfer Ausgabe der Bild-Zeitung. So dünn wie nicht einmal die Auslandsurlaubs-Bild in Mallorca, macht sie einem jeden Morgen klar, daß man hier nicht in der wirklichen Bundesrepublik Deutschland lebt, so wie man sie kennt und schätzt, sondern in einem selbstvergessenen Urlaubsgebiet. Weite Teile der Altstadt, die vom Geruch bis zur degenerierten Flaniermanier originalgetreu den Zentren von Palma, Ibiza etc. nachempfunden sind, vervollständigen dieses Bild einer Stadt auf Urlaub.

    Die abendlichen Stunden scheinen nirgendwo in diesem Dorf dem Austausch und der Formulierung von Gedanken zu dienen, sie dienen nur einem: der kurzfristigen, rauschhaften Fraternisierung. Ja, saufen können sie, diese Düsseldorfer. Aber, daß man auch säuft, um das Bewußtsein zu erweitern, geistig neue Horizonte abzustecken, die berühmte „Welt“ aus den berühmten „Angeln“ zu heben – das scheint man nur in Hamburg zu wissen. In Düsseldorf gibt’s als Resultate des Trinkens nur Umarmung oder Keilerei. Irgendwas hat ihnen die Sprache verschlagen.

    Trotzdem finde ich diese Altstadt gar nicht so schlecht, wie so viele immer sagen. Früher sei sie besser gewesen, hört man immer. Nicht so kommerziell. Du meine Güte. Ich würde eher sagen: nicht kommerziell genug. In St. Pauli kursiert einfach mehr Geld. Darum sieht es auch besser aus. Aber darüber hinaus ist es mir doch Wurst, ob die Fraternisierungsrituale vor zehn Jahren eine Spur orgiastischer ausgefallen sind als heute. Das ist Mumpitz! Gut an diesem Gebiet ist doch, daß diese ganze Stadt sich offensichtlich über ihre Trödel-, Schlender- und Saufzone definiert. Düsseldorf ist, wenn es was zu trinken gibt. Das ist doch an sich ein ganz annehmbares Image.

    Oder über was definiert sie sich sonst? Es scheint mal einen Jan Wellem gegeben zu haben, nach dem so dieses und jenes heißt. Wie ich höre, soll er bei irgendeiner Flutkatastrophe im 17. Jhdt., als die Düssel über die Ufer zu treten drohte, seinen Finger in ein Loch im Deich gesteckt und so die Stadt gerettet haben. Man dankt es ihm noch heute. Sonst hat Düsseldorf nicht viel hervorgebracht. Den überschätzten Dichter Heinrich Heine und ein paar Potemkinsche Hochhäuser.

    Das ist nämlich wirklich doll. Wenn man über diese Stadtautobahn in dieses Zentrum hineinzischt und da steht das Thyssen-Building und ein paar Leuchtreklamen. Eine Central-Park-South-Imitation und eine Ladenpassagengegend mit Jeunesse dorée. Aber vorher und hinterher, links und rechts davon ist nichts. Das ganze ist nur Kulisse, Vorgabe, Angabe. Ja es ist wie alles in Düsseldorf: im besten Fall kokett, in der Regel bigott. Eben katholisch.

    Das Katholische äußert sich nämlich hier nicht nur in der geschmacklosen Prunksucht der Industriellengattinnen in spe, die noch im Hochsommer mit ihren Pelzimitationen durch die Innenstadt schlendern, es äußert sich auch in all der Old-timerepression, die es hier noch gibt. Faschistoider Terror von Rentnern, Taxifahrern und überhaupt der älteren Generation, die anderswo schon so lange entmachtet ist, daß man sich ihrer nicht mehr erinnert.

    Erst seit ich in Düsseldorf lebe (i. e. durchs Dorf düsseln) verstehe ich dieses Lied vom Plan „Da vorne steht ’ne Ampel“. In Hamburg hatte ich mich immer gewundert. Bei rot über die Ampel gehen? So what? Big deal? Wo liegt da das Revolutionäre? Jetzt weiß ich es: In Düsseldorf kann man damit immer noch einen guten regenschirmschwingenden Rentneraufstand auslösen.

    Sonntag (Tag der Niederschrift). Nirgendwo in der Altstadt kriegt man eine BamS. Dafür Altbier. Altbier ist das beste an Düsseldorf. Ich trinke es jeden Tag seit ich hier bin. Ich trinke das Altbier der Frühe. Ich trinke es. Altbier verbindet die Vorteile von Coca-Cola (geiler, brauner Saft, geht gut runter) mit denen von Bier (knallt ganz leicht). Statt der BamS von heute liegt die Rheinische vom Samstag in den Cafés aus.

    Die Rheinische kommt von allen Publikationen dieser Gegend dem von mir so geliebten „Entenhausener Amtsblatt“-Charme des Hamburger Abendblatt noch am nächsten. Diese schön abgehangenen inhaltslosen Überschriften des Abendblattes („Kohl zuversichtlich“, „Brand warnt“, „Stoltenberg optimistisch“) oder noch besser des „Entenhausener Amtsblatts“ („Am Wochenende wieder Katastrophen und Autounfälle“) kriegt sie nicht zustande. Dafür galligen Rechtskonservatismus, der einem erst klar macht, was man an den ganzen Springer-Blättern hat: sie nehmen sich nicht ernst. Sie sind so sonnig und souverän. Und tatsächlich wählt die von der Springer-Tagespresse dominierte Stadt Hamburg ja auch seit Jahrhunderten links. Während diese Stadt mit ihrer klerikal-faschistoiden Rheinischen einen CDU-Oberbürgermeister hat, der wenigstens den Humor besaß, sich nach dem berühmtesten Sohn dieser Stadt zu nennen; einem Massenmörder der Weimarer Republik. (Stand dieses traditionslose Kaff damals schon? Klar, Wellem hat doch seinerzeit seinen Finger in das Deichloch gesteckt und die herannahenden Fluten der Düssel gebremst. Ach ja!)

    Das Schlimmste am Düsseldorfer Nachtleben sind die Hüte. Der „Ratinger Hof“ ist wirklich ein tolles Lokal. Ziemlich einzigartig in der Republik. Die Musik wird traditionsbewußt gestaltet und orientiert sich an den besten Tagen, die diese Stadt erlebt hat: die Jahre 77-80, die Punk-Zeit. Dazu das richtige Quentchen Glam-Rock. Gut.

    Doch immer, wenn man sich wohlzufühlen anschickt, kommen Hutträger (ganz starkes Zeichen für ein provinzielles, von „Gaulloises“-Reklame gespeistes Verständnis von Underground) in das mit Altbierlachen überflutete Lokal und verderben einem die Laune.

    Konzerte gibt es keine in der Stadt. Sehr flau. Absolut keine Konzerte. Man fährt nach Bochum oder Köln. Ohweh! Die Musik aus der Stadt lebt noch von dem ungewöhnlich hohen Niveau an Witz und Hipness, das sie vor ein paar Jahren hatte. Zwar ist kaum etwas Neues hinzugekommen, wenn man von den Toten Hosen und einer Gruppe absieht, die ihren Vertrag mit einem namhaften englischen Label dadurch im Ratinger Hof zur Schau stellt, daß sie sich ausschließlich in T-Shirts ihrer bekannteren Lablemates wandet (gemeint sind Propaganda in Frankie-Goes–To-Hollywood-T-Shirts). Die alten Helden stehen im Hof vor dem Plattenspieler und wünschen sich Musik aus ihrer Heldenzeit. Was nicht nötig ist, da sowieso laufend Bands wie Wire, Members, Ruts, 999, Clash und Undertones gespielt werden. Ansonsten dominiert Ata Tak und seine Bands.

    Nichts gegen Ata Tak. Weder gegen den psychedelischen Sci-Fi-Kitsch auf den Bildern von Moritz Rrr oder Milan Kunc und nichts gegen die Musik von Plan, Pyrolator und Lost Gringos. Beides ist national wie international wettbewerbsfähig bis sehr gut. Aber die Monopol-Stellung, die Ata Tak einnimmt, blockiert jede gesunde hip-darwinistische Entwicklung. Ungeachtet der Qualität der Ata-Tak-Aktivitäten und ihrem pseudo-kindlichen Humor, dem Wiederholung (eben Penetration) und Verlängerung in eine Zeit, in die er nicht gehört, gewiß nicht gut tut.

    Aber Nachwuchs ist nicht in Sicht. Zum Beispiel Mädchen. Es gibt sie nicht. In Düsseldorf gibt es nur Frauen. Alles unter 25 wird in Oberkassel kaserniert gehalten. Die Frauen aber sind meistens Künstlerfrauen. Frauen von Künstlern, die längst die Stadt verlassen haben und in Köln leben. Die hiergebliebenen Frauen kommen in ihrem Elend zusammen und diskutieren die Frage, die sie immer noch am meisten bewegt. Warum hat sich Blinky Palermo das Leben genommen? Bzw.: Wegen welcher von uns? Oder auch: Who killed Brian Jones? Was it one of the Rolling Stones?

    Natürlich gibt es noch Künstler in Düsseldorf. Großartige sogar: Imi Knoebel, Joseph Beuys, Jörg Immendorff z. B. und Richter und Baumgarten und so weiter. Aber was nützt eine – an der BRD gemessen – beispiellose Dichte großer Künstler, wenn diese alle in der Abgeschiedenheit ihrer Etabliertheit mit dem Rest der Welt nichts mehr zu tun haben wollen. Kein Nachwuchs.

    Wenn Düsseldorfer (für Kölner gilt dasselbe) nach Hamburg kommen, wundern, ja beklagen sie sich oft über das geringe Durchschnittsalter der Ausgehenden. Sie sprechen dann von „Kindergarten“. Ich beklage mich darüber, dass man hier – remember: old-time repression – Kindern keinen Alkohol gibt. Kindern nützt Alkohol. Erwachsenen nicht.

    Neben Ata Tak ist der Überblick ziemlich dominant. Für eine Stadtzeitschrift ist das Ding ganz akzeptabel, hat aber mehrere Haken. Von dem altbackenen Billig-Layout einmal abgesehen, stören mich vor allem Kooperationen mit Blättern wie dem Hamburger Tango und eben die alte Stadtzeitschriftenkrankheit, nach allen Sternen greifen zu müssen (incl. Der Stern), die den Himmel verdunkeln. Da ist jeder ein kleiner Augstein, statt sich, was ich an der Hamburger Szene so schätze, milde resigniert in die Position zu fügen, die so einem Blatt nun mal zukommt.

    Schrill ist die Führungsriege des Überblicks. Von Chef Klaus Hang weiß ich nicht viel, außer daß er für die katastrophale Bezahlung verantwortlich sein soll. Neulich hab’ ich den Thiede zum ersten Mal gesehen: eine Kreuzung aus Rittmeister, Graf Bobby und Andy Warhol. Eben Doktor Seltsam. Links mit deutsch-nationalem Tick. In dieser Hinsicht, was den Tick betrifft, ist er der Hubert Burda der Alternativpresse. Mit dem er auch die Begeisterung für Arno Breker teilt, mit der er neuerdings so viel Furore machte. Als ich den Leserbrief des alten Mannes las, kamen mir fast die Tränen. Doch was soll’s: Arno Breker muß man weder rehabilitieren, noch verdammen. Das ist Bunte-Kunst und gehört in die Bunte und wenn sich der Überblick kontrovers profilieren will, dann nicht über Bunte-Figuren wie Breker und Möllemann, sondern über Überblick-Figuren und nicht immer über dieselben. Der ganze geriatrische Muff, der sowieso schon durch die Überbeachtung der traditionellen Künste dem Blatt anhaftet, darf nicht durch solche Marginalien noch muffiger werden. Genial war es dagegen, obwohl demselben Prinzip folgend, einen Hamsun-Artikel zu schreiben. Sehr richtig und wichtig (auch wenn ich eher Neue Erde und Redakteur Lynge statt des zuweilen arg tiefsinnigen Mysterien empfohlen hätte).

    Dann gibt es den begabten Vielschreiber Winkels. Vielschreiber sind sympathisch. Das einzig Sympathische an Fritz J. Raddatz ist seine Vielschreiberei, sein sich für alles zuständig Fühlen. Leider hat den Winkels in der letzten Nummer die Franzosenkrankheit schwerstens erwischt: da explodieren die Zeichen, gewittergleich stürzen die Diskursfragmente, der ganze Post- und Post-post-Struktikram prasselt auf die ahnungslose Düsseldorfer Leserschar herab. Dabei hängt uns das Zeug doch nun exakt seit 14 ½ Monaten zum Halse heraus.

    Winkels sah ich neulich in einem von einem dieser Wave-Modeschöpfer designten Pullover. Das ist auch so ein Phänomen, diese Halb-Berlin, Halb-Ibiza-Mode aus eigener Werkstatt mit original Düsseldorfer Wave-Design. Anderswo gibt es diese Mischung aus Frühsiebziger-Batik-Hemden mit Breakdance-Feeling und Haringesken Runen nicht. Hier ist die ganze Stadt damit eingekleidet und ich weiß nicht, was das bedeutet. Es ist wie der seltsam exportierte Shadow-Man, der nach New York nun auch in Düsseldorf (of all cities!) seine kleine Kinder erschreckenden, schwarzen Männer an Bauzäune gesprüht hat.

    Oder der Sprayer. Düsseldorf begeisterte sich doch tatsächlich wie ein Mann für diesen Sprayer, dem die Schweizer Justiz zu unverdientem Märtyrerruhm verhalf. Es heißt jetzt, nach seiner Entlassung plane er, nach Düsseldorf zu gehen. Das will ich ihm auch raten. In keiner anderen deutschen Stadt (mit der möglichen Ausnahme von Nürnberg, Kiel und Österreich an einem Sonntag) dürfte ihm der ungebrochene Respekt für sein revolutionäres Tun so herzlich zuteil werden wie hier. In dieser Stadt kommt der Besitz einer Sprühflasche dem einer Bazooka gleich. Ist eben doch ’ne Kunststadt.

    Am liebsten sind mir zwei Sachen: die punkige Ausgabe der klassischen rheinischen Quasseltüte, die einen mit sprudelnden rheinischen Unwichtigkeiten wohlig zum Lachen bringt und das Büdchen-Netzwerk in den Proll-Stadtteilen. Das wieder auf die Selbstdefinition der Stadt über das Saufen hinweist: das Altbier darf nie ausgehen.

    Was mir gefällt: Keine Taxifahrt kostet mehr als 7 Mark 60. Der vielbeklagte Bauboom, der so eine Wiederaufbau-, Nachkriegsökonomie-, Beirut 1991-, Reaganomics-Stimmung vermittelt. Überall schaffen sie. Die braven Arbeiter und Handwerksleut. Überall veranstalten sie ihren Horror-Lärm, ihre nie gekannten oder erahnten, vermutlich durch neue Handwerkstechnologien verursachten Preßluft-Terror.

    Am dollsten wird es am Hauptbahnhof getrieben. Seit Jahren verschwinden dort Heerscharen von Arbeitern in einem riesigen Gewölbe und werden nicht mehr gesehen. Wer hier mal ein Blick hinter die schweren Gummivorhänge tut, wird allerdings erkennen, daß Düsseldorfs Bauboom weder auf Reaganomics noch auf sozialdemokratisch-nordrheinwestfälische Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zurückzuführen ist. Denn was habe ich dort gesehen? Das typische futuristische Kleinfahrzeuge-Netzwerk mit silbrigen Schienen, die bekannten betriebsamen uniformierten Männer, den bekannten Katzen streichelnden Diktator auf den Übertragungsvideoschirmen: Ernst Stavro Blofeld. Düsseldorfs Hauptbahnhof ist Blofelds Hideaway. Und ich muß den ganzen Weg von Hamburg kommen, um es den Düsseldorfern zu sagen.

    Wenn ich mit meinem Fellow-Emigranten abends in der Kneipe sitze, fragen wir uns oft: Is that all there is? To Düsseldorf? Is that all there is? Is that all there is? Is that all there is, my friend? Is that all there is? Und dann entsteht vor unseren inneren Augen die Vision, ja das intuitive Wissen, das uns sagt: Nein, das ist nicht alles. Es gibt noch ein anderes, es gibt irgendwo DAS ANDERE DÜSSELDORF. Mit all dem Geld, das hier rumliegt, muß es doch möglich sein, so ein schönes, kluges, geräumiges Düsseldorf irgendwo einzurichten. Und dann gehen wir auf so ein schönes Ata Tak/Überblick-Fest, wo wir viele schöne, fremde, kluge Menschen sehen und denken: Ja, irgendwo da draußen, my friend, irgendwo da draußen ist es: DAS ANDERE DÜSSELDORF.

    Manchmal versuchen wir auch selbst einzugreifen. Zum Beispiel sagen wir jedem, der es hören will, daß man doch mal öfter ins „DIN A NULL“ gehen sollte, wo es gute Musik und ganz angenehme Räumlichkeiten hat, anstatt sich erneut dem entsetzlichen Mißverständnis von Value zu Money im „Checker’s“ auszusetzen. Oder ich gehe in ein Lokal namens „Bagel“, das mir als Popper-Treffpunkt empfohlen worden ist. Und was machen die hübschen, jungen blonden Mädchen mit ihren obligatorisch geistlosen Kraftpaketen von Freund: sie spielen Backgammon. Warum nicht gleich in Pension gehen und Romé spielen? Oder Bridge? Oder Kugel in den Kopf jagen? Oder vom Münstercenter springen?

    So sind wir, meine Fellow-Emigranten und ich, darauf angewiesen, auf diese Weise, durch Sie, den lesenden Düsseldorfer, herauszufinden, wo es denn nun ist, dieses andere Düsseldorf, dessen Existenz wir weiterhin zugunsten der Düsseldorfer annehmen. Hinweise nimmt die Redaktion des Überblicks, so wie ich sie kenne, sicher gerne entgegen.

  • Ein prophetischer Brief aus London

    So fortschrittlich-unzeitgemäß, wie sich die Themsestadt derzeit dem Besucher darstellt, wird es in Hamburg auch bald zugehen. Alles nur eine Frage der Zeit – steht uns eine rosarote Phase bevor?

    Daley Thompson kommt erst auf Platz drei. Vor ihm liegen zwei andere zentrale Anliegen der Londoner: 1.) „Keep The GLC!“ 2.) „Free Nelson Mandela!“. Das mit dem GLC (Greater London Council) muß man sich so vorstellen: Die Hansestadt Hamburg wird schon seit Jahren von einem sehr populären Linksaußen der SPD in Koalition mit den Grünen regiert. Sehr zur Zufriedenheit der Hamburger, gar nicht zur Zufriedenheit der Regierung Kohl. Die Stadt gibt Millionen aus für Randgruppen wie die berühmten schwarzen, lesbischen Vegetarierinnen, die gehbehinderten, pakistanischen Afrikanern und so weiter. Sie veranstaltet Free Concerts mit Wave-Bands, Straßenfeste die Menge, verhindert den Transport von Atommüll durch Hamburger Stadtgebiete, baut Arbeitslosigkeit ab, indem sie sozialistische Kollektivbetriebe subventioniert und erklärt die einzelnen Bezirke der Stadt zu „Sozialistischen Republiken“.

    Nun setzt die Regierung Kohl die Abschaffung des Stadtstaat-Status für Hamburg durch, und zwar mit Hilfe einiger hinterfotziger Machenschaften, die sogar CDU-Mitgliedern suspekt vorkommen. Daraus entsteht in Verbindung mit der Solidarität mit Scargills Bergarbeitern eine revolutionäre Stimmung. Noch hat der GLC London in der Hand. Alle Busse sind mit GLC-Propaganda beklebt, jede freie Plakatfläche wurde von modernistischer Minimal-Werbung für Bürgermeister Ken Livingstone („der rote Ken“) und seine Stadtverwaltung genutzt. Seine Biographie (Citizen Ken) ist ein Bestseller. Und an den Straßen stehen abgerissene Lumpenproletarier und sammeln für die Miner.

    Die südafrikanische Botschaft wird rund um die Uhr belagert. Wer nachts ausgeht, kommt kaum umhin, seine Unterschrift unter die Petition für Mandelas Freilassung zu setzen (etwas schärfer formuliert als der Song aus der letzten Kolumne, der gleichwohl mehrmals am Abend vor der Botschaft gesungen wird). Täglich versammeln sich auf sogenannten Straßenfesten Menschen aller Art, von rohen, bauchigen, britischen Dartswerfer-Originalen über Football-Lads, violette Frauen bis hin zu Wavern (speziell der weibliche, nicht totzukriegende Typ der „Siouxsie“) und nackten Negern mit afrikanischen Trommeln und sind gemeinsam links. Dazu spielen Bands mit eben afrikanischen Trommeln oder ganz viel Bläsern (Brecht / Eisler / spanischer Bürgerkrieg) – das Ganze ein progressiver Anachronismus: So wie uns England Wirtschaftskrise, Rechtsrutsch und Arbeitslosigkeit fünf Jahre voraus hatte, so kann man jetzt hoffen, daß Londons revolutionäre Stimmung Deutschlands fortschrittlichste Stadt, diese nämlich, in fünf Jahren erreichen wird. Die Happiness-Explosion der Swinging-Wilson-Jahre erreichte uns auch erst 1972, als Willy Brandt und die zu ihm passende Droge Haschisch mildes Glück über das Land verbreiteten (die Droge zu Schmidt ist natürlich Kokain, das er sich ja bekanntlich nicht scheute, in aller Öffentlichkeit von der Faust runterzuschnupfen).

    Der andere große progressive Anachronismus Londons ist der Blues. Der allerhipste Club ist das „Gaz Rockin’ Blues“ und Gaz ist kein anderer als Gaz Mayall, der Sohn von Hobby-Blueser und Porno-Sammler John Mayall, Autor der großartigen Platten Bare Wires und The Turning Point und verantwortlich für jede Menge Schrott und viele Pornos. Hier geht David Bowie mit Schnauzbart und Iggy Pop hin, und lustige Country-Blues-Gruppen mit einem Rasta als Bluegrass-Fiedler (ich sage euch, für so eine saugeile Schmelztiegeligkeit müßte sich New York noch ganz schön anstrengen), die auch ihre elektrische Gitarre unverstärkt spielen (was eigentlich nicht geht) und sich acht Mann hoch um ein einziges 30er-Jahre-Radio-Mikrophon gruppieren, singen „That’s Alright, Mama“.

    Bei Paul Butterfield, dem großen alten Mann mit der Mundharmonika, im „Dingwalls“, einem bierigen Proll-Laden, der noch vor einem halben Jahr so unhip war, daß man nicht für geschenkt reingegangen wäre, stehen die Leute Schlange für einen Mann, der daheim in den USA nicht mehr gekannt wird, und bezahlen 5 Pfund. Derselbe notorische Hipster Bowie (mit Schnauzbart und Klein-Iggy) tanzt den ganzen Abend ausgelassen in der vordersten Front, und wenn seine neue LP nicht nach Heu und Südstaatenelend duftet, eß ich meinen Hut.

    P.S.: Lieber Jörg! Ganz recht, so unglaublich dieser Präzedenzfall ist: Ich habe einen Fehler gemacht. In meiner Erinnerung war immer Mike Patto Sänger und Gitarrist und Olli Halsall der Bassist. Doch berechtigt diese Aufdeckung Dich noch nicht, im selben Heft Tracie, die Paul-Weller-Entdeckung, Response-Künstlerin, die Nena wegen deren Achselhaare so unsexy findet, mit Tracey Thorne von eben Everything But The Girl zu verwechseln. So geschehen in der Everything-But-The-Girl-LP-Kritik.