Autor: admin

  • Barthes u. a.: Für 1985

    Ich behaupte nicht, hier etwas Neues zu sagen, ich fasse lediglich zusammen, was so nicht mehr weiter geht, was aufhören muß, bevor diese Generation endgültig auf den Misthaufen der Geschichte wandert wie so viele vor ihr.

    Ich habe diesen Anfall bekommen, weil ich mal wieder in einem Buchgeschäft stand. Und ich habe diesen Anfall bekommen, weil Adventszeit ist, und das ist traditionell die Zeit des Grübelns.

    In diesem Buchladen lag ein Roland-Barthes-Bändchen über den Maler Cy Twombly. Cy Twombly, abgesehen von dem wunderbaren Namen, eine irgendwie bemerkenswerte, Ehrfurcht einflößende Type macht so große leere Bilder, auf denen irgend ein bedeutungsschweres Wort mit verhuschter Kalligraphie versteckt ist. Roland Barthes war unser unumstrittener Hero, so zwischen 77 und sagen wir 81.

    Dennoch hat sich nie einer von ihm distanziert. Wozu auch? Artikulierte er nicht all das, was einem ästhetelnden Linken immer gefehlt hatte in den rigiden, frühen 70ern? Ich glaube nicht, daß es am FAZ-Magazin und dem dort abgedruckten Tagebuch liegt, wenn sich Roland Barthes für mich heute nur noch lesen läßt wie Johannes Gross. Es ist in der Tat, jenseits aller wissenschaftlicher Verdienste, in erster Linie die Bitte einer unwichtig gewordenen Geistigkeit um letzte Ölung, die ich da raushöre – um Erlösung in Zen-artigem Verschwinden und Wegreduzieren. Wie Johannes Gross nur noch Miniaturen von Esprit-Parodien zusammenmeißelt, so finden sich Barthes, Twombly und Brian Eno, aber auch Laurie Anderson, Robert Wilson, die ganze verfickte New Yorker Kunst, sie alle finden sich in diesem Dom der Untertreibung, des die-Klappehaltens, des Raunens, ja und sie treffen dort Wim Wenders und einen Haufen Sufis, die nämlich in Wahrheit die ganze verfickte New Yorker Kunst beherrschen und religiös absichern. (Zusammen mit dem unsterblichen Zen-Element in jeder, aber auch jeder Avantgarde.) Sie treffen dort die halbe Filmkritik, den modernen Feminismus, wie er aus Frankreich kommt, und sie alle, und noch viele mehr, bauen sich aus ihrem Verzicht, ihrem Zurückhalten und nicht Stellung beziehen wollen, mittels Intelligenz oder Frechheit oder einfach Verblasenheit eine Kirche, eine Kathedrale, einen Tempel, uneinnehmbar heilig, aus purer Autorität, auf den Trümmern der häufigen Wiederholung ihrer Namen aufgeschichtet und dazu angetan, euch allen immer noch Respekt einzuflößen. Schließlich ist das die moderne Kunst. Auch David Byrne ist nicht unschuldig. Geht doch nach Hause.

    Barthes sagt wie Buddha, Twombly hänge nicht an seinen Bildern und gerade deshalb werden sie bleiben. Also ist es doch wichtig, wenn etwas bleibt? Warum nimmt Twombly so immens viel Geld, wenn er nicht daran hängt, für seine Bilder? Er ist der Teuersten Einer, soweit ich weiß. Und ich weiß es.

    Aber ihnen gegenüber steht ihr mindestens ebenso grausiges Spiegelbild: Die juvenilen Schreier auf dem Ich-Stuhl. Die, die meinen, es sei immer noch aus taktischen Gründen gerechtfertigt zu sagen: HIER KOMMT DIE WAHRHEIT und POP und POP und POP, und auf dem Kölner Kunstmarkt sehe ich die Koje einer renommierten Kölner Galerie, und da finde ich die bislang grausigste Ausformung dieser Jugendlichkeit: die Gruppe Endart, ein Kreuzberger Kollektiv aus Vornamen mit kritischen Absätzen und Spät-New-Yorker Comic-Kunst, in zwei und drei Dimensionen. Diese Leute reden als wäre nichts, aber auch gar nichts geschehen von allen bürgerlichen Allgemeinplätzen des Unbürgerlichen und treffen sich, allerdings als Bodensatz, in einem großen Dom, einer Kirche, einer Kathedrale, einem Tempel mit allen Sprayern, jugendlich sich gerierenden 35-jährigen Schreiern, Graffiti-Künstlern, Post-Graffiti-Künstlern. Lauter gedankenlose oder auch gedankenverlorene oder auch sogar vergrübelte Typen, die aus ihrem wie auch immer gearteten Dilemma fliehen, in irgendeinen Schrei, irgendein großspuriges Verdammen, Verlieben, alle manisch auf der Suche, gegen Wände anrennend, nicht aus noch ein wissend, in einer Zeit, wo ich fordere: endlich Mut zum Drögen, endlich einmal Normalität, vollkommene Freiheit von Attitüden.

    Nicht für immer, nur kurz, nur jetzt. Damit das ganze Gedenke und Gewichse – das ja vorwiegend solche betreiben, die sich nicht sicher sind – nicht zur völligen Auflösung einer ganzen Generation führt, ein Zweifler- und Schreier-Haufen, der in dieser Dialektik aus Zweifeln und Schreien zur notorisch lächerlichen Bergmanntype wird, zum Steppenwolf, zum Franzosen, zum Italiener oder was auch immer.

    Sowohl das permanente Gehirnschwitzen, wie sein sophisticated-pfiffiges Gegenteil befinden sich in einem Stadium, wo sie alle ins Religiöse lappen. Im Grunde stellen sie alle nur noch letzte Fragen, wollen alle mit ihrem Gespraye, Gesprühe und Geschimpfe alles sagen, alles fragen. Wo es doch nur um das Klären der Tatsache 1 geht. Danach um Tatsache 2. Wie verhält sich diese zu jener?

    Deswegen sind auch Manifeste wie dieses abzulehnen und ich sage auch, daß es das letzte dieser Art aus meiner Feder sein müßte, auch wenn manch ein Rückfall in der Geschichte seine Berechtigung hatte.

    Ich sage auch, daß ich nicht die Musiker meine, wenn ich dies sage, denn die können nichts dafür, sie denken nicht. Wir aber, die wir das tun. Wir müssen endlich alles killen, an das vielleicht wir, vor allem aber die anderen Nicht-Doofen, die Fast-Fremden geglaubt haben. Das, was davon gut war, werden wir ohnehin behalten, ohne es zu wissen oder viel darüber nachzudenken. Aber all die Dinge, die zur Zeit immer noch widerspruchslos durchgehen, Wim Wenders oder der scheußliche Existenzialismus eines Jim Jarmusch, all diese Phänomene wie Sloterdijk, den zu mögen oder zu kritisieren im gleichen Maße lächerlich ist, all das muß verbrannt und weggeätzt werden, damit man spätestens in zwei Jahren wieder was Sinnvolles tun kann.

  • Zu hoch, zu tief: Bettina Semmer

    Es läge nahe zu sagen, daß die Bilder der Bettina Semmer die Schönheit zeigen, die entsteht, wenn das forciert Rationale umschlägt ins Inintelligible, Paradoxe, ja Labyrinthhafte. Mit anderen Worten: Ein leicht schadenfrohes Lachen, bewegt von der nun endlich wieder erreichten, zweckfreien Schönheit einer über sich selbst hinausgeschrittenen, blödsinnig gewordenen Ratio – meinetwegen, zum Beispiel – moderner Verkehrswege. Und dann die Pforten der Kunst ganz weit aufsperren und hineinlassen – ja durch eigenes Entdecken noch etwas nachhelfen – die an die Funktionalität verlorengegangenen Formen.

    Ja, das wäre naheliegend, vor allem bei einer Frau. Denn man meint ja, im Allgemeinen, daß diese dem Schönen wie auch dem Irrationalen, wenn nicht sogar auch dem Kritischen, näher steht als der Mann.

    Nun kriecht diese Konstruktion ein wenig zu tief unter dem ästhetischen Entwurf dieser Bilder durch. Nicht weil es blöde wäre, das Naheliegende zu tun, sondern weil dieses Naheliegende blöde wäre. Niemals ist das Nahliegende blöde, aber in jedem Naheliegenden wohnt ein Blödes, das es zu eliminieren gilt. Umgekehrt gilt es, das Naheliegende selbst aus jenem Blöden, das man sich gar nicht anzufassen getraut, herauszueisen und zu unterstützen. Beides sind Prinzipien, mit denen Bettina Semmer die Welt bearbeitet, und ich meinerseits diese Bilder bearbeiten könnte.

    Vier einander totschlagende Brücken oder ein Fischer, der vor einer Brücke Charlotte Corday den Kopf abschlägt: In beiden Bildern stehen wir vor einem tödlichen Kuddelmuddel in der Mitte, einem Stau, einem Kräftemessen, einem Gewimmel im Strafraum. Und in beiden Bildern führt aus dem Gewimmel eine Straße nach oben, aus dem Strafraum des Bildes heraus. Es ist wie die glückhafte Situation im Fußball, wenn im Strafraum ein Gewimmel bereinigt wird durch den gelungenen Torschuß oder durch sogenanntes Klären, je nachdem ob man ein Anhänger der angreifenden oder verteidigenden Mannschaft ist. So schön wie es lapidar in Bild-Kurzberichten über das Entstehen eines solchen Tores heißt: aus dem Gewühl.

    Es scheint also eher darum zu gehen: nicht daß sich die Künstlerin überlegen an den Rand stellt, einen Blick auf die Welt wirft, deren oxymoronhaftes sich in Unordnung und Unsinnigkeiten Verstricken genüßlich konstatiert. Nein, sie ist gesellschaftliches Wesen und stellt sich selbst die Frage: Wie kommen wir da raus? Nach oben.

    Nach oben? Natürlich nicht in die vertikale Utopie. Zunächstmal steht der Betrachter unter all der Herrlichkeit. Wie soll er etwas benutzen, das ihm nur den kalten Rücken weist? Wer weiß ob nicht gräßliche Lachen aus Blut und herausgerissenen Därmen auf den Autobahnen treiben? Wer weiß, ob sie nicht vermint, verdrahtet oder gar bewachsen sind? Das Oben, das nach oben herausführt, führt direktemang ins Jenseits, ist ein nicht begehbarer Weg. Wir wissen lediglich, daß das Durcheinander in der Mitte, der Knoten sich immer wieder in diese Richtung auflöst. In der Emblematik der psychedelischen Kultur gibt es ein Oben als drogenverbrämtes, politisches Utopia. Man mußte in den sechziger Jahren einem eingefleischten Kommunisten nur genügend LSD geben, und schon begann er, nur noch dreigestrichene Töne zu benutzen, besonders auf Orgeln und frühen Synthesizern. Hier gibt es diesen verlassenen Tempel, auf dem oben ein Wald wächst und im Vordergrund ein Mädchen in der Mülltonne liegt. Das Bild heißt „zu hoch, zu tief“ und handelt von der Unüberwundenheit einer Idee von Transzendenz.

    Vor den Autobahnbrücken, alleingelassen, gerät man zu der Einsicht, daß sie uns einen schrecklichen und wenig erstrebenswerten Weg weisen. Daß es nicht darum geht, einen begehbaren Weg zu zeigen, sondern die Verdunklung, die Schatten zu malen, die von jeder Idee eines Weges auf die Welt geworfen werden. Schatten, in denen es sich ein Henker bequem machen kann, in denen Munch’sche Schreie ausgestoßen werden. Der Abbau der Unendlichkeits- und Erhöhungshoffnung schafft Raum für fahles, reales, schönes Licht.

    Was den Rang dieser Bilder ausmacht, ist folgender Umstand: Sie zeigen etwas Schönes auf schöne Weise, verlieben sich aber nicht in diese schöne Weise, aus der sie ihre Existenzberechtigung ziehen könnten, sondern nutzen diese schöne Weise, um auf den prinzipiellen Irrtum des dargestellten Schönen hinzuweisen, ohne die schöne Darstellung als etwas Anderes zu benutzen denn als Maßnahme zur Wahrheitsfindung.

  • Über das Glück & die Liebe

    Oliver Hirschbiegel teilte neulich die Welt der Damen, Frauen, Ladies und Mädchen in zwei Kategorien. Prinzipiell gäbe es, so Hirschbiegel, die gebärende und die nicht gebärende Frau. Sie verhielten sich zueinander wie die blonde Frau sich zur dunklen Frau verhalte. Wobei wir wissen, daß es blonde Frauen mit dunklen Haaren (und vice versa) und ebenso auch nicht gebärende Frauen mit reichem Kindersegen gibt. In einer leeren US-Bar versuchten wir die Theorie zu vervollkommnen. Demnach begehrt die gebärende Frau in der Regel den zeugenden Mann, so sie nicht degeneriert ist. Der zeugende Mann, von Haus aus Exotiker und Geschmäckler, begehrt aber die nicht gebärende Frau, die ihrerseits, da sie nicht gebärend, nie Mutter sein wird, den schutzbedürftigen, nicht zeugenden Mann begehrt. Doch der braucht viel mehr Schutz als die zarte, nicht gebärende Frau zu bieten hat und begehrt daher die gebärende Frau. So entsteht ein Teufelskreis, aus dem ein Entrinnen nicht möglich scheint. Nur zwei Verirrungen kommen vor, die Glück möglich machen. Dort nämlich, wo der zeugende Mann zur gebärenden Frau herüberirrt, und dort wo die nicht gebärende Frau einen zeugenden Mann liebt. Letzteres ist noch die häufigste Form von Glück in der westlichen Welt. Denn im Gegensatz zur Frau ist der Mann in den seltensten Fällen lebenslang zu einem Schicksal bestimmt, in der Regel verändert sich der Mann im Laufe seines Lebens. Aus dem nicht zeugenden Mann wird ein zeugender, durch den Kontakt zur Frau, einer nicht gebärenden in der Regel, denn die verfolgt ja den nicht zeugenden, schüchternen Jungen. Dieser könnte nun bei dem Mädchen bleiben und durch das starke Verwandlungserlebnis geprägt werden, im Sinne der Verhaltensforschung. Fortan liebt dieser junge zeugende Mann weiterhin die nicht gebärende Frau, wie es für ihn auch der Regelfall ist, und das Mädchen nimmt die Verwandlung nicht wahr. So entsteht Glück.

    Das andere Glück ist ein kurzfristiges, nur als Seitensprung begehrt auch der zeugende Mann die gebärende Frau, wenn er älter und an Glück mit der nicht gebärenden Frau zu sehr gewöhnt ist Auf diese Weise entstehen Kinder. Alle Kinder sind also Bastarde.

    Andere Beziehungen sind nicht bekannt. Zwischen den beiden Frauentypen herrscht ein ewiger, heiliger, zäher Grenzkrieg, den die Männer nicht verstehen. Wie wir den Iran-Irak-Krieg.

  • Pop ’84: Spektakuläre Neuordnung der sexuellen Identität

    1984 – Der große Frust oder kein Jahr der Entscheidungen? Immerhin war Sex das große Thema in der Popmusik. Androgyne oder schwule Musiker wie Frankie Goes To Hollywood, Prince, Michael Jackson und Bronski Beat dominieren die Hitparaden. Heavy Metal erlebt ein Comeback, Rap ist tot.

    Es war keine Season Of The Witch, kein Age Of Aquarius, nicht einmal ein Eve Of Destruction, geschweige denn das Year Of The Decision. Möglicherweise war es das Year Of The Cat. Aber immer, wenn man konstatiert – und auch ich habe dies oft und gerne getan –: Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten, lügt man sich doch nur genußvoll in die Tasche. Um den Terror des Mittelmaßes wenigstens durch ein Gefühl der Verlorenheit, der Tragik und des Ausgeliefertseins zu romantisieren.

    Die einzige von mir geschätzte Tango-Kollegin, Frl. Bühler, hat schon Zeilen aus der definitiven Platte und dem definitiven Song des Jahres 1984 zitiert. Ich will dies vervollständigen und vor meinen Jahresrückblick setzen: „Let me try to explain my generation / in a way that Fitzgerald did / we don’t pretend to know everything / or talk out loud / like our parents did / We’re not Beat / We’re not hip / We’re the brave generation / What a trip“ Das sind Worte aus dem Lied „Brave Generation“ von der Gruppe Green On Red und stammt von ihrer in Deutschland am leichtesten verfügbaren LP Gravity Talks (auf Rough Trade Deutschland). Musikalisch erinnern sie an die mittlere Phase Bob Dylans (zwischen Subterranean Homesick Blues und Blonde On Blonde vor allem an jene Platten, bei denen Al Kooper arrangierte und an Piano/Orgel saß), aber man erspare mir, darüber etwas Theoretisches zu sagen, außer dieses: Green On Red, aber auch The Gun Club, The Dream Syndicate und die anderen wichtigen US-Gruppen kann man nicht verstehen, wenn man sie zusammenbringen will mit den britischen Neo-Rockits-, Neo-Weinerlich-, Neo-Ehrlich-, Neo-Direkt-, Neo-Echt-, Neo-Wir-benutzen-keine-Synthesizer-Bands wie The Alarm, The Smiths, U2, Big Country oder dem diesjährigen Modell von Aztec Camera.

    Wir kommen vielleicht weiter, wenn wir meine Lieblingsfilme des Jahres 1984 betrachten: The Big Chill (Der große Frust), Repo Man und der neue Rohmer. Also Filme mit Menschen, die ernst und selbstironisch die Trümmer einer brauseköpfigen Jugend zusammensammeln und neue Ordnungen suchen. Filme, in denen Menschen gezeigt werden, die anständiger sind, weil sie mal die Revolution wollten, ohne deswegen heute noch an die Revolution glauben zu können. Und Revolution muß nicht nur die politische Revolution sein. In Eric Rohmers Film geht es einfach darum, wie wohl eine junge Frau heutzutage ein anständiges Leben führen soll. Und irgendwie geht es einfach nicht. Aber das macht nichts. Und darüber muß man nicht einmal weinen. Wir sind eine tapfere Generation, und wir beklagen uns nicht einmal darüber, daß irgendwelche Naivitäten sich nicht durchsetzen lassen, denn „we’ve never been to Vietnam, but we’ve seen the eyes of their dead“ (Green On Red). Wir, die Zwischengeneration, die den aufgescheuchten Nihilismus der Punk-Generation ebensowenig nötig hatte, wie sie die religiösen oder politisch-religiösen Euphemismen der Hippie-Generation ernst nehmen konnte, wir, die wir uns durch die Talking Heads und ABC, Human League und John Cale, Coltrane und Beach Boys vertreten fühlten, wir haben das Stadium erreicht, wo wir Musik machen und hören, die davon handelt, Eltern zu werden. Und das klingt komischerweise psychedelisch.

    Bei den Jüngeren, die ja immer den Ton angeben, hat sich eine klassische Beatles-versus-Stones-Situation entwickelt. Culture Club in England, Michael Jackson in den USA sind die Beatles, Frankie Goes To Hollywood und Prince sind die Stones, auffallende Gemeinsamkeit: Bei allen vier geht es um eine spektakuläre Neuordnung der sexuellen Identität des Pubertierenden. Wobei es völlig unwichtig ist, was die Message ist. Lediglich Unsicherheit und Beweglichkeit sind entscheidend. Die Diagnose, daß die Pop-Musik dabei sei, Sex aus ihrer Welt zu verbannen, eine Erkenntnis, die die geschätzten Kollegen von Spex neulich per Titelgeschichte verbreiteten, und zwar anläßlich der „Ich ziehe eine gute Tasse Tee vor“-Bemerkung von Boy George, scheint mir völlig verfehlt. Es gibt bloß keine sexuellen Selbstverständlichkeiten mehr, nicht in dem Sinne, daß alles erlaubt ist, sondern in dem Sinne daß keiner weiß, ob es überhaupt noch relevant ist, daß irgend etwas nicht erlaubt sein könnte. Die dreifältige Message von Frankie, die da lautet: Nimm Sex nicht so ernst (Text), ficke traditionell und stumpf (Musik), Schwule haben mehr Spaß (Image), ist sicher die einfachste und die letzte, die noch an einer Verbot/Tabu/Konvention-Idee von Sexualität interessiert ist. Boy George verkörpert die Idee, daß nach allen Revolutionen, allen Kämpfen, allem schweißtreibenden Gerangel die Liebe zurückkehre, „aber an einen anderen Platz“, als „Transgression der Transgression“ (Barthes). Der alte Soul-Traum, die Supremes-Utopie, das „Lexicon Of Love“ das O’Dowd als einziger von 1982 mit herübergerettet hatte. Die anderen haben an Niveau verloren (Haircut 100, Heaven 17, Aztec Camera) oder sind trotz großartiger Leistungen (ABC, Orange Juice) an der flatterhaften Öffentlichkeit gescheitert.

    Wesentlich diffuser gestaltet sich die Sex-Diskussion in Amerika. Michael Jacksons Soul-Vision ist nicht idealistisch und utopisch, nicht in einem der Theorie und der Geschichte aufgeschlossenen Klima entstanden, wie es im England Boy Georges herrscht. Er lebt in einem Kindergarten, dessen Hecken, Büsche und Bäche von AIDS verseucht sind. Er hat Spielberg und Disney bekanntlich nicht als großartige Inszenierungen aufgefaßt. Er glaubt jedes Wort. Er weiß es nicht anders. Und alles andere ist AIDS. Tragisch-irreal, und die höchste Form von Dekadenz, in der westlichsten, verworfensten Ecke der Welt. Dagegen ist die ganz normale urbane Verirrung bei Prince: Man – Woman. Desire. Promiskuität. Von allen vieren ist er der unsympathischste. Er gehört zur neuen Zeitlosigkeit, zu Filmen wie Straßen in Flammen, zu einer Sicht, die, schlimmer als der Seeger/Springsteen-Mythos der 70er, einer einzigen, nivellierenden, gemischtrassigen, motorradfahrenden „Rock’n’Roll-Fantasy“ das Wort redet. Und Bruce Springsteen ist ja pünktlich wieder auf der Bildfläche erschienen, nicht ohne ein „mutiges“ Anti-Reagan-Statement zu entbieten. „Das Jahr, als Mark Knopfler Aztec Camera produzierte“ (zu singen nach der Melodie von „The Night They Drove Old Dixie Down“).

    Dennoch ist einem Prince – Prince, der dick auftragende, Prince, der Hendrix-Fan, Prince, die Kreuzung aus James Brown und Liberace – im Prinzip doch ganz sympathisch. Man kann nur die Stimme nicht mehr hören. Im Verschleiß-Vergleich unterliegt sie Michael Jacksons um Längen.

    Auch James Brown kam bekanntlich zurück. Daß er der böse, schwarze Mann bleibt und damit gut, ist keine Frage. Ebensowenig ist ihm vorzuwerfen, daß er den behäbigen Mister-T-Darsteller und Ex-Rap-Innovator Afrika Bambaataa als Geraldine Ferraro auf das Ticket gesetzt hat. Aber man kann auch sein „Unity“- und „Peace“-Geblöke nicht länger ertragen, dann fast schon eher sein „mutiges“ Pro-Reagan-Statement. Die Schwarzen stellen zur Zeit den größten Teil der amerikanischen Armee. Die reale Lage würde eine schwarze Revolution möglich machen. Aber nie waren sie weiter davon entfernt. Auch Schwarze Musik ist 1984 schwersten Abnutzungserscheinungen ausgesetzt. Was nicht nur mit dem Breakdance-Media-Overkill zu tun hat. In ein paar Jahren wird man sich darüber ärgern, jetzt nicht besser aufgehört zu haben, und Sachen entdecken, die man überhört hat, wie ihrerzeit Graham Central Station.

    „Die Zukunft heißt Wildwest“, schrieb Michael Ruff prophetisch in 1/83, der berühmten letzten Nummer. Und er schien recht zu behalten. Mit Beat Rodeo, Rank And File und Rubber Rodeo haben drei Vertreter der Richtung veritable Massenmedien auf sich aufmerksam gemacht, Verträge bei Majors und Tourneen entweder schon absolviert oder für die nahe Zukunft angekündigt. Als alter Anhänger des ersten Country-Revivals, sofern es die New Riders Of The Purple Sage, The Flying Burrito Brothers und die Sweetheart Of The Rodeo-Byrds betrifft, habe ich auch dieses neue zunächst begrüßt, egal ob mehr traditionsbewußt ernst wie bei Rank And File oder Pop-Country wie bei Rubber Rodeo. Interessanter sind die amerikanischen Bands, wie die erwähnten Green On Red, aber auf ganz andere Weise auch Shockabilly (Genies!) oder die unzähligen Velvet-Underground/Country/Punk-Mischungen wie die S-Haters, die nach den Violent Femmes und The Band den Marsch durch alle Genre-Institutionen der letzten 20 – 100 Jahre angetreten haben. Der real american underground. Unser Hauptverbündeter gegen den lieblosen, willenlosen Muddelpop, ob er nun von Alphaville, Depeche Mode, Eurythmics, Bronski Beat, Ray Parker jr. oder Falco kommt.

    Inzwischen ist ja, wie der Erfolg der letzten beiden beweist, aus dem guten Zitieren nicht nur das schlechte Zitieren geworden, sondern eine Form von übelriechendem geistigem Diebstahl: Der elende Falco hat seine „Jungen Römer“ aus Bowies „Fascination“ und „Ashes To Ashes“ zusammengesetzt, Ray Parkers „Ghostbuster“-Thema ist genau 60 Prozent „Pop Muzik“ und 40 Prozent „Don’t Stop Till You Get Enough“, Michael Jacksons Meisterwerk.

    Um den politisch sauberen Cocktail kämpft, rechtschaffen bemüht, musikalisch abwechslungsreich, aber verteufelt uncharismatisch Paul Wellers Style Council, während der Erfolg der Siegerin an der Cocktail-Front, Sade, für Londons arrivierte dunkelhäutige Teenager soviel bedeutet wie die Wahl Vanessa Williams’ für die schwarze Mittelklasse der USA. Immerhin haben in ihrem kommerziellen Schatten auch die famosen Ben Watt und Tracey Thorne mit ihrer Gruppe Everything But The Girl den WEA-Vertrag abstauben können.

    Manche glauben auch, ich flirte zuweilen mit der Idee, Heavy Metal, jedenfalls in seiner lustigeren Form bei Hanoi Rocks, Twisted Sister oder Lords Of The New Church, sei die Lösung unserer Probleme. Hier kann man nur bedingt mit Ja antworten. Nach langer Abstinenz mundet so eine geile Grobheit sehr gut, kann aber nicht als abendfüllend geschweige denn zukunftsweisend betrachtet werden. Billy Idol, sattsam im Düsseldorfer Exil gehörter Heavy-Punk-Star, füllt kaum ein Vorabendprogramm, die Lords stehen natürlich darüber (vgl. letzte Nummer); in ihrem einsamen Magick-Wahn (der letzte Musiker, der es zu intensiv mit schwarzer Magie hatte, Graham Bond, bekam irgendwann nach einem Vergehen von seiner Sekte einen Fetisch in die Hand gedrückt und starb unter einer U-Bahn) sind sie für mich das, was Billy Idol für das Volk ist. Und Twisted Sister haben einen guten Fußball-Gesang hinterlassen.

    In der Dunkel-Zone des britischen Underground. Dort, wo sich die Phantasien nicht angepaßter, gestylter Teenager ausleben. Da, wo erst Joy Division, später das Positive-Punk-Movement hockte, residiert heute souverän das 4-AD-Label. Der Kult ist aus Manchesters „Factory“ heimgeholt worden in die Metropole. Zum ersten Mal gefällt auch mir eine Musik aus dieser Nische, nämlich das 4-AD-All-Star-Album, das unter dem Namen This Mortal Coil aufgenommen wurde. Das erste Dokument davon, daß jugendliche Beklommenheitsmusik ihre Pforten der Historizität geöffnet hat. Die Underground-Musiker versuchen sich hier nämlich fast ausschließlich an übrigens äußerst geschmackvoll ausgewählten Coverversionen. Etwas, was 1984 übrigens jeder tat.

    Aber. Ist das meine Tasse Bier? Ich suche die Freunde unter den Musikern, die es schaffen, schon im Moment der Produktion Nostalgie auf den Augenblick, Nostalgie nach der Gegenwart zu erwecken. Und zum größten Teil waren das auch dieses Jahr wieder alte Freunde: John Cale mit seiner Heavy-Show, der glücklich verheiratete Mark E. Smith mit seiner nie ermüdenden Bauern-Velvet-Underground The Fall. Manchmal war es sogar Nick Cave, die gespaltene Persönlichkeit, die sich nicht zwischen Dr. Morrison und Mr. Cale entscheiden kann, aber auch für mich oft genug John Cales großer australischer Sohn ist. Aus demselben Land kommen meine liebsten Propheten des neuen Ernsts: die Go-Betweens. Sie sind so schier und pur ernst und gegenwartsnostalgisch, deswegen so neu und fremd wie zuletzt die frühen Talking Heads. Und mein Mann des Jahres ist Jonathan Richman, der wahre Freund, der dieses Jahr sogar nach Hamburg kam und den Hamburgern sagte, wie das doch so rundum schwere Leben, das auch sie zu führen haben, ein rundum feines sein kann.