Autor: admin

  • Aus der Welt der technisch-reproduzierbaren Unvergleichlichkeit: Formel 1

    Vor allem auf ihren Sportseiten leistet Bild am Sonntag gesellschaftlich Wertvolles: mit dem ausführlichsten Tabellenteil der Republik, gegliedert in die große Bundesligatabelle mit Heim- und Auswärtsbilanz, die Notentabellen für Spieler und Mannschaften, die Bewertung der einzelnen Spiele en gros (Daumen hoch = Spitze, Daumen runter = schwach) und en detail … – erst die Quantifizierung des Massenereignisses Fußball macht es wirklich verbindlich und staatstragend.

    In ähnlicher Weise hat sich das Fernsehen um die Politik verdient gemacht: erst durch die herrlichen Computergrafiken über Wählerwanderungen, die Säulenschaubilder über Gewinne und Verluste, den ganzen Rohlinger-Groove also, werden Wahlen zur perfekten, massenbindenden Unterhaltung.

    Nur was den dritten gesellschaftlich relevanten Bereich, die Musik, angeht, lag die Bundesrepublik bis vor kurzem weit unter dem Level, das Länder mit ähnlich entwickelten Produktivkräften seit Jahren als Standard ausgeben können: Eine deutsche Hitparade gab es nicht. Die Quantifizierung des Massenspektakels Popmusik war zersplittert und pulverisiert wie das Reich zwischen 1805 und 1871.

    Lokale Funkhitparaden, die auf deutsche Schlager begrenzte Minderheitenveranstaltung des D. T. Heck, die auf Branchendienste für Insider abgeschobene objektive Hitparade des Musikmarkt, „die Schlagerparade des norddeutschen Rundfunks, am Mikrofon: Ilse Seemann“, so sah es aus. Provinziell, gestrig, unbefriedigend. Die Einführung von Formel 1, der ARD-Hitparade mit Peter Illmann, ist ein historischer Sprung nach vorne, der mit der um ein Jahrhundert verspäteten Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts nur unzureichend verglichen ist. Formel 1 ist mehr als das, was die nationale britische Institution Top Of The Pops seit Jahrzehnten für das Leben auf der Insel bedeutet; Formel 1 vollzieht in einem Schritt nicht nur den Anschluß an die Welt (Einführung einer spektakulären Verbreitung der deutschen Verkaufshitparade), sondern koppelt diese Hitparade an die neue Form des Pop-Songs, seine Visualisierung durch einen Videoclip, und beschränkt sich nicht wie alle Hitparadenvorbilder auf die Spitze der Charts, die meist nur in Kurzform mitgeteilt wird, sondern stellt in erster Linie „New Entries“ aus den unteren Bereichen der Charts vor. Ohne Fünf-Prozent-Klausel.

    Formel 1 hat erstmals die Grundlage für ein einheitliches deutsches Pop-Bewußtsein geschaffen und den Einstieg in eine neue Popwelt geliefert, die so kompliziert ist, daß selbst ein alter Hase wie ich oft Schwierigkeiten hat, über Gut und Böse zu befinden.

    Fest steht, daß das im Mary-Poppins-Stil von Julian Temple, dem König der neuen Video-Regisseure, inszenierte Video zu ABCs „The Look Of Love“ unbestritten an der Spitze steht und als so etwas wie stilbildend angesehen werden kann. Ähnliches gilt für die Monkees-inspirierten Clips von Haircut 100, aber uns fällt auf, daß wir derartige, sicher gut abgehangenen Werturteile nur über Clips sprechen können, die von 1982 stammen. Bei dem, was heute in Formel 1 zu sehen ist, ist die Lage absolut verwirrend.

    Neu hinzugekommen ist das Phänomen: schlechter Song/gutes Video. Das hat zum einen damit zu tun, daß die Hitparade zur Zeit so schlecht ist wie seit Menschengedenken nicht mehr, der Video-Film aber ästhetisch expandiert. Zum anderen damit, daß schlechte Gruppen durch Zufall oder Berater gute Regisseure kaufen konnten: Duran Duran kriegten Tobe Hooper, die Rolling Stones für „Undercover Of The Night“ gar Julian Temple. Die Amerikaner, deren Hitparade schon traditionell die uninteressanteste der Welt ist, haben es auf dem Videosektor verstanden, als erste eine Standard-Modell-Dramaturgie zu entwickeln, was immer ganz nett zu betrachten ist. So läßt sich sogar der reaktionäre Ekel-Schwarze Lionel Richie aushalten, diese Hämorrhoide des Soul: Das Video zu „Hello“ mit der Schnauzbart-Softy-liebt-blindes-Mädchen-Schnulze ist so perfekt geschnitten, daß dieses nachweislich schlimmste aller Lieder seit „All Night Long“ zu ertragen ist.

    Noch problematischer ist es mit den traditionell raffinierten, vor Zeichengewitter bebenden britischen Video/Musikwerken, die in einem weit größeren Maße als anderswo von den Musikern mitgestaltet werden. Als die Popmusik noch gesund war (1982), war die gute Visualisierung eines guten Songs ein klarer, fast mechanistischer Vorgang. Heute herrscht Verwirrung: nehmen wir z. B. „The Eighties“, polternden Post-Punk-Lärm von Killing Joke, einer äußerst verquast ideologischen Gruppe. Durch ebenso primitives wie geschicktes Einschneiden von Politikerbildern, Aufnahmen des Sängers vor einem mit US- und UdSSR-Fahnen geschmückten Rednerpult und Bildern der Irokesen-Fans der Gruppe wird das Ding kräftig und konzis, stellt mehr dar als den Soundtrack für das abendliche Köpfe-gegen-Wände-und-andere-Köpfe-Knallen in westdeutschen Groß- und Mittelstädten. Ein Statement. Ein dummes Statement, klar: Das Hinweisen auf formale Gemeinsamkeiten zwischen den Politikerreden in Ost und West ist ebenso obsolet wie das Bemühen pädagogisch-pfiffiger linker Greise, die seit Jahrzehnten nicht müde werden, Gemeinsamkeiten zwischen musikalischen Großveranstaltungen und denen des Faschismus zu behaupten. Aber das diffuse Machwerk von Song wird durch das optisch gelungene Video ein diskutierfähiges Werk. Das ist gut.

    Rätselhaft auch die Signale des Videos zu „The Caterpillar“ von The Cure: mit lächerlich verschminkten Gesichtern präsentiert die bislang düster-pubertäre Gruppe plötzlich sorglosen Sixties-Spielkram, Musik aus der Zeit der „Happiness-Explosion“. Ist The Cure nun superbescheuert oder klug geworden? Man weiß es wirklich nicht: Eine Erfahrung, die typisch ist für Formel 1, und die in der Figur des Moderators ihren schwindelerregenden Höhepunkt findet.

    Peter Illmann ist so wie alle und so wie niemand. Man glaubt ihn zu kennen, seine virtuose nichtssagende Mittzwanzigerhaftigkeit an allen abgelegten Schulkameraden und Berufskollegen der gleichen Altersstufe auswendig gekannt zu haben. Und doch ist er wie niemand, den man kennt. Sei es die kritische Ironie (Glückwünsche an Kohl zur Abmagerungskur), der kritische Verweis auf bekannte Übel der Welt, immer, wenn sich die Gelegenheit bietet (Südafrika, Drogenprobleme, und natürlich: Reagan), oder die freundliche Interpretationshilfe („Dies ist selbstverständlich eine Persiflage auf den Faschismus.“). Wir kennen das alles so gut und doch ist es noch nie so genau getimt, so ultrapräzis, so lockerdoof und fernsehgerecht verkauft worden. Noch nie hat sich die Langweilergeneration halblanghaariger, halbalternativer, halbangewavter, halbkritischer Mittzwanziger zwischen Punk und Hippie genau in der Mittemitte so unblutig und leicht verkauft. Ist Geschwindigkeit Hexerei?

    Nein, wie nichts auf dieser Welt, die wir uns doch angewöhnt haben, materialistisch zu betrachten. Das Wesen Peter Illmann, das immerzu etwas sagt und doch so aussieht, als wolle es nichts sagen, als sei gar kein Wollen in ihm, ist die neueste Erfindung amerikanischer Wissenschaftler. Eine Erfindung, die Philosophen und Hippies auf die Beine bringen wird, bzw. auf die Palme treiben, das größte Ding seit Walter Benjamin. Peter Illmann ist „Cabbagehead“. „Cabbagehead“ ist eine Kinderpuppe, die in den USA zur Zeit große Erfolge feiert. Durch ein Computerprogramm ist dafür gesorgt, daß jedes Exemplar von „Cabbagehead“ ein anderes Gesicht hat. Man kann die Puppe auch nicht schnöde „kaufen“, sondern muß sie gegen eine Gebühr „adoptieren“. Der Name und das Geburtsdatum sind auf der Adoptionsurkunde verzeichnet und ebenfalls individuell. Und die erste deutsche Versuchsausgabe dieser technisch reproduzierbaren Individualität ist Peter Illmann. Deswegen kann er so schön alle Attribute der klassischen Mittzwanziger-Individualismen hervorbringen, ohne dabei all das Stammelnde, Stotternde, Schwerfällige, Erkämpfte all dieser Attitüden mit sich herumschleppen zu müssen. Deswegen paßt er auf das Normalbild und in das rasende Timing von Formel 1, ohne sich von seinen Altersgenossen in mediocrite der Oberflächlichkeit zeihen lassen zu müssen. Denn er sagt doch alles Vorgeschriebene (Reagan, Südafrika, Drogenprobleme), und er vertritt doch alle untereinander sich hassenden Pop- und Rock-Richtungen so prima. Sei es Breakdance oder Southern Rock. Er ist das goldene Mittel der Rock-Generation.

    Die Frage ist: Wie finde ich das? Die Beantwortung dieser Frage führt über den Umweg einer anderen Frage: Wie fühlt sich Peter Illmann von innen an?

    Er fühlt sich von innen an, wie sich die Deckscheibe eines BigMäc von innen anfühlt. Nicht wie die größeren, noch mit Nahrhaftigkeit beauftragten Deckscheiben der Hamburger, FishMäcs und Viertelpfünder. Nein, wie das leichte, in der Geschmackskomposition ganz und gar funktionslose, allenfalls ergonomisch wichtige Deckscheibchen, das luxuriös klein ist, daß man es völlig ohne Anstrengung kurz lüften kann, um nachzusehen, ob nicht irgendein Subversivling in der McDonald’s-Küche ein altes Haar auf das Fleisch gelegt hat. Die Deckscheibe, die das Komma im Syntagma des BigMäc ist wie der Schlips im Syntagma des Herrenanzugs. Sie ist die perfekte Verkörperung des Inneren von Peter Illmanns „Cabbagehead“.

    Finden wir diese Deckscheibe nun gut? Finden wir Formel 1 gut, das mit seinem Anchorman die völlige subkulturelle Neutralität sichert, eine fast schon warholesk-weise Zurückhaltung übt?

    Ja, das finden wir gut. Denn das macht eine Hitparade, einen Bericht aus Bonn, eine Rohlinger-Revue, einen BamS-Tabellenüberblick aus. So steht’s in der Verfassung.

  • Neues Deutschland

    Es wäre das Naheliegende, wenn man sich Hubert Kiecol ansieht, wenn man sein Werk ansieht, wenn man seine Augen ansieht, wenn man ihm zuhört, es wäre naheliegend es zu singen, das alte Loblied der Reduktion; das alte bekannte „BOH!“, die Interjektion, die sagt: „Oh, Gewalt des Weglassens!“, von sich zu geben. Oft sehe ich das in seinem Blick, so eine alkoholische Metaphysik, aber dann vergesse ich diese romantische Idee sofort wieder, und wende mich ab, von dieser Vergewaltigung einer Kunst, die doch in Wahrheit ganz voll und reich ist, Leben gewordenes Mineral.

    Man muß etwas über Huberts Musikgeschmack sagen. Und man muß gesehen haben wie er sich intuitiv mit Hugh Cornwell von den Stranglers verstanden hat, als dieser zu Hubert kam, also in dessen Stammkneipe, und sie in fünf Meter Entfernung voneinander sich große pathetische Gesten entboten, so als hätten Montgomery und Rommel die Gelegenheit gehabt, sich im Schatten der 72er Olympiade zu einem verspäteten Erfahrungsaustausch zu treffen. Ich sage, es ist wichtig, was Hubert zeigt. Er ist der einzige reduzierende Künstler, der nicht reduziert, sondern verdichtet. Das ganze urbane Leben, wie wir es gelernt haben nämlich. Denn was seine Häuser ihrem Wesen nach sind, ist das Mietshaus unserer Kindheit, wie es in den Faller-Modellen von Altstadthäusern zu finden ist, den archetypischen Mietshäusern für all jene, die wie unsere ganze Generation in Eigenheimen vor der Stadt groß geworden ist, zwischen Lego-Giebeln und dem Faller/Staeck-Modell „Villa im Tessin“.

    Diese Faller-Altstadt war alles andere als heimelig. Sie war nicht diese gräßliche alte Stadt, die heute überall rekonstruiert werden soll. Diese Häuser hatten die traumatische Schrecklichkeit Wiener Gassen um 4 Uhr morgens. Sie waren braun wie es nur braun geht. Sie waren andererseits auch keine Caligari-Freudlose-Gasse-Sozialdämonien. Sie hatten die Qualität von frühen Wienerwald-Hähnchen. Sehr bundesrepublikanisch. Und doch sind Huberts Häuser wieder etwas anderes. Das, was noch möglich war, nach alldem.

    Zuerst sind sie melancholisch. Wie alte Äpfel. Sie sprechen von dem Leben, das in den Hanne-Haller-Liedern vorkommt, die Hubert Kiecol so liebt. Dann wiederum sind sie ein feines, schuldloses Modell von Miniature-Leben. Von einem Leben ohne Peinlichkeit, weil es keine Worte gibt. Nur eine Armee. Hubert Kiecol ist ein kleiner Demiurg. Haus birgt. Häuser konstituieren eine Welt. Hubert ist da ganz – der Gott.

    Hubert ein Gott? Dieser schüchterne Mensch, der Reißaus nimmt, wenn um ihn herum das Maul zu weit aufgerissen wird? Ja, und zwar einer, der eben mit Mythologie nicht zu fassen ist, weil es eine -logie nicht gibt bei einem, der so massiv den Logos ablehnt wie Kiecol. Und dennoch beredt ist. Und dennoch kein Metaphysiker, Zen-Buddist oder Quacksalber. Er ist einer, der es sich im Abstrakten behaglich macht, weil es, das Abstrakte, ihm nicht im Begriff erscheint, sondern im Überkonkreten, im zusammengeschnurrt Lebendigen, da wo für uns eine Abstraktion keinen Platz hätte. Denn wir leben im Logos, und bei Hubert ist das gedreht.

  • Carmel

    Mit Carmel kommt zurück, was seit den Tagen, als die selbstverzehrende Blues-Röhre wohlverdient aus der Mode gekommen war, die Popmusik nicht mehr gesehen hat: die Sängerin in großen Buchstaben. DIE SÄNGERIN. DAS ORGAN.

    Sängerinnen waren in den letzten Jahren Models, Imageträgerinnen, Verkörperungen ganz bestimmter signifikanter vokaler Defizite. Sie sangen leise und zerbrechlich, tonlos aggressiv oder sprachen mehr, als daß sie sangen. Egal ob sie Grace Jones, Tracey Thorn, Poly Styrene oder gar Debbie Harry und Kim Wilde hießen. Sie alle profitierten eher davon, daß sie ihre Stimmen limitierten, nur einen bestimmten Ton anschlugen, als daß sie auf traditionelle Werte des Vokalen wie Wandlungsfähigkeit, Reichtum der Stimme oder Oktavengeorgel gesetzt hätten. Anders Carmel. Sie ist wieder Sängerin. Ganze Palette, volle Düse. STIMME STIMME STIMME. Leider ist ihre nicht so gut.

    Aber das macht nichts. Carmel denkt oder gibt vor, sie sei die Stimme, der offene Mund, der das Publikum ansaugt wie ein schwarzes Loch. STIMME STIMME STIMME, SEX SEX SEX.

    Wenn man so denkt und 1984 lebt, orientiert man sich natürlich an Musiken großer Vorbilder, also an Billie Holiday, Edith Piaf und Aretha Franklin. Zum Beispiel. Entweder greift man deren Stile auf, oder man singt Coverversionen ihrer größten Hits. Carmel tut beides. „Willow Weep For Me“ zum Beispiel. Das Markenzeichen von Billie Holiday. Sie hätte besser ihre Finger davon gelassen.

    Das Konzept, mit dem Carmel via Independents und Maxi-Singles vor einem Jahr einen kleinen Geheimtip-Status und das Cover von The Face eroberte, war das einer minimalistischen, angejazzten, vollgesoulten Nouveau-Bar-Trio-Musique. Sie ließ sich nur von einem Bassisten (schwarz) und einem Percussionisten (Rasta) begleiten, was viel Platz ließ für STIMME STIMME STIMME. Doch niemand kommt mit so was in die Charts.

    Also wurde für die LP und 84er Frühjahrs-Offensive massiv aufgerüstet: Mit Bläsern, Orgeln, Background-Gesang und anderen Formalien des großen 60er-Schmelz. Wenigstens der Bombast und das gewisse Stilbewußtsein, das sich bei Billie-Holiday-Remakes allenfalls andeutete, sind in dieser Carmel-Version ganz reizvoll. Ansonsten würde ich mir das Konzert zwar ansehen, aber nicht glauben, es mit etwas Großartigem zu tun zu haben.

    Just another Ding aus England höchstens.

  • Heiligtümer im Bermuda-Dreieck

    Die große Zeit der In-Lokale liegt nicht nur in Hamburg definitiv hinter uns. Das größte und glamouröseste In-Lokal war die „Fucktory“, und die wurde Anfang der 70er Jahre von Amts wegen geschlossen: wegen GVs in der Öffentlichkeit!

    In-Lokale waren auch die kurzlebigen Unternehmungen des Götz Achilles und seines Vereins „Alles Wird Gut“. Die „Schlachterei“ am Eppendorfer Weg, das „Exil“ in der Gasstraße und das „Dopium“ im „Podium“. In-Lokale müssen Löcher in der Wand sein, schwer zugängliche Heiligtümer, für die man was tut. Sich anzieht, Türsteher besticht und sich vor der Polizei, den Eltern und der Nordelbischen Landeskirche versündigt. In-Lokale müssen illegal sein. Wir reden hier also nur von dem, was „in“ noch in etwa nahekommt, und wir tun dies eingedenk der Tatsache, daß wir „In“ großen Schaden zufügen, wenn wir „Out“ miteinweihen. Oder liest „Out“ die Szene nicht? Ich fürchte doch („Hallo Out! Wie isses da draußen in ‚Madhouse‘, ‚Wintergarten‘ und ‚Stairway‘?“).

    Wenn ein Lokal schon nicht illegal sein kann, dann muß es wenigstens zweckentfremdet werden, um in sein zu können. Die Punk-Revolte fand in Hamburg in der „Marktstube“ in der Marktstraße statt. Zwei glückliche Jahre habe ich in diesem Lokal zugebracht, das heute sicher nicht mehr aufregend genannt werden kann. Der ehemalige Hippie-Laden (die Gnuffel-Schlumpf-Kunst war noch an der Wand, als sich die ersten kalbsköpfigen Jugendlichen zu katzbalgen begannen) hat nach seiner Zweckentfremdung zum Avantgardetreffpunkt (1979–1981) wieder den Weg zur Eckquelle für Your average-Alkoholiker eingeschlagen. Der Nährboden für Großes bleibt gewiß so lange potentiell fruchtbar, wie das Lokal in den Händen von Mac und Sheila bleibt, den großartigsten Wirtsleuten ganz Hamburgs.

    Nach der Zwischenphase (1982: „B’Sirs“ und „Schlachterei“ , deceased) übernahm das „Subito“ an der Stresemannstraße die Leitung der Nacht: Der Weg zum intelligenten Vollrausch führt auch heute nicht an dieser Stätte der legendären Alkoholexzesse vorbei. Der geneigte Tourist werfe gefälligst tränenumflorte Blicke auf so legendäre Orte wie den „Munkelgang“ (wo man in Liebe fällt) oder den „Fußballplatz“, wo am Kicker der Nüchterne den Betrunkenen besiegt. Sehr zum Ärger des ohnehin reizbaren Letzteren. Wat ham wir uns bepöbelt! Der sogenannte „Katzenkasten“ ist seit der Entfernung des Kieses („Streu“) etwas heruntergekommen, und die Auswahl der für die Wandbilder zuständigen Künstler ist nicht immer so glücklich. Trotzdem bleibt das „Subi“ (wie seine Freunde es nennen dürfen) trotz harter Konkurrenz in unmittelbarer Nachbarschaft das erste Haus am Platz.

    Oder sollte das „Kir“ in der Max-Brauer-Allee ihm gefährlich werden? Nach überstandener Brandkatastrophe hat der Malergeselle Clemens Grün (dessen Nachname zusammen mit den Farben seiner Kleidung die Vereinsfarben eines mittel-bekannten Eimsbütteler Sportvereins ergibt) seine ambitionierte Disco mit gelegentlichen Live-Bands (exzeptionell gut: neulich die Milkshakes) in das Herz der Dinge verlegt (das Bermuda-Dreieck „Subito“ / „Luxor“ / „Kir“).

    Die Pappschachtel, die früher „Airport“ und „Neon“ hieß, ist angenehm schlicht und unwavig in rote Farben getunkt und darf auf gar keinen Fall renoviert werden. Man fühlt sich darin wie in Scorseses Mean Streets und akzeptiert die hohen Getränkepreise so lange, bis man einen Blick auf die Rechtfertigungsrhetorik bezüglich dieser Preise wirft, die auf den Getränkekarten des Etablissements eingesehen werden kann. Da ist von Geschäftsphilosophie die Rede und das mögen wir natürlich nicht: Wirt bleibt Wirt und Philosoph bleibt Philosoph und der Schuster bei Barcelona. So soll es sein und keine neuen Sitten bitte, die ungut an das Gebaren überwunden geglaubter Alternativkapitalisten gemahnen. Die Musik ist ziemlich hochwertig in Disco-Lautstärke, und zum Tanzen kommt man in Hamburg sonst ja fast nie.

    Wir tapern ins „Luxor“, gleich nebenan, und bestellen eine „Suppe“ (ein opulenter Milchkaffee, die Spezialität des Hauses. Manchmal verirrt sich eine Tomate in die „Suppe“. Dann ist es eine echte Suppe, denn man kann hier auch essen). Das Publikum des angeedelten Day-and-night-Cafés hat in letzter Zeit stark nachgelassen. Gut abgehangene Medienkerls und -tanten aus dem nahen „Vienna“ wagen in letzter Zeit schon öfter mal den Weg in den vorbildlich von einem sozialistischen Kollektiv um den „Subito“-Mitbegründer Clemens Gertler geleiteten Alu-Wave-Laden. Angehende Intellektuelle tauschen angehende Gedanken aus („Wenn ich einmal groß bin, werde ich ein Gedanke“), so daß man das „Luxor“ (eigentlicher Name: „Lagos“) am besten nutzt, wenn man zu zweit ist und relativ ungestört von den besten, besoffenen Freunden etwas besprechen will. Am besten geeignet für den Start einer Tour durch das „Bermuda-Dreieck“ und vielleicht für den kleinen Hunger zwischendurch. Eine Erklärung für Jazz-Freunde: Wenn das „Luxor“ der letzten Joe-Jackson-LP entspricht, dann ist das „Kir“ John Lurie und das „Subito“ James White.

    Neu auf der falschen Seite der Alster ist das „Scaena“ an der Bramfelder Straße. Hier treffen sich Schüler und Schülerinnen, die um 22 Uhr rührend diszipliniert den veralteten Jugendschutzparagraphen gehorchen, das Lokal verlassen und für die reformierte Oberstufe Platz machen. Junge Boxer und Breakdancer drängen an die Bar und bestellen sich Orangensäfte und alkoholfreie Mixturen. Der Geist ist in diesem Laden nicht gerade beheimatet, obwohl dem Vernehmen nach ein Ehemaliger der Gelehrtenschule des Johanneums dran beteiligt sein soll. Dort aber unterrichtete zumindest zu meiner Zeit der wunderbare, universal gebildete Herr Jul und sagte in Abwandlung einer alten Volksweisheit: „Wer nichts wird, wird Journalist.“ Womit gesagt sein soll, daß man an dieser Schule den gastronomischen Beruf immer noch höher einschätzt als den, den unseresgleichen ausübt. Der Name des Etablissements mutet dann ja auch altsprachlich an.

    Wer glaubt, die Breakdance-Media-Craze habe keine Wirkung auf die Kids, kann hier, im hinteren Teil des Lokals, dem lächerlichen Schauspiel beiwohnen, wie junge Hamburger zu sattsam bekannten Dancefloor-Standards von der Sorte Rockwell „Freeze“-Gesten ausprobieren. Dahinter stochern andere Jugendliche mit großen Queues auf kleinem Raum ungelenk an Billard-Tischen herum. Manchmal landet so ein Queue in einer Nase. Und die blutet dann.

    Architektonisch-organisatorisch erinnert das „Scaena“ an das „Lucky Strike“ in Manhattan: im ersten Stock mit vollverglaster länglicher Front zur Straße – statt Third Avenue Bramfelder Straße. Kein so großer Unterschied, gilt doch die Third Avenue als die Osterstraße Manhattans. Es ist also wirklich ganz amüsant unter diesen gutaussehenden, gesunden, geistlosen Poppern. „Heilignüchtern“ möchte man mit dem verstorbenen Dichter Hölderlin ausrufen, allein: Das „Scaena“ ist auf der falschen Seite der Alster.

    Wie das „Voilà“, das es nie ganz zu „in“ und „B’Sirs“-Nachfolge gebracht hat, das aber hier erwähnt sei, weil Disco in Hamburg sonst nur „Stairway“-, „Madhouse“-Proll-Scheißmusik bedeutet. Immerhin gibt es einen Türsteher, der aber kein richtiger Kommunist ist. Türsteher, die keine Kommunisten sind, sind nicht viel wert.

    Bald wird es Sommer, und Jung und Alt, Arm und Reich, Doof und Hübsch, Häßlich und Gesund, Klug und Intelligent, Kind, Hund, Kegel und Gesangsverein strömen wieder ins „Schöne Aussichten“ in Planten un Blomen, dessen Leitung sich unlängst in diesem Blatt – sehr zu meinem Verdruß – von ihrer jungen, schicken Klientel distanziert hat. Mehr Substanz wollen diese Leute. Gott schütze uns vor Substanz. Der Sommer wird ein Übriges tun, und es wird bestimmt wieder genauso nett und substanzlos wie im letzten Jahr, wenn mit dem Frühling Hamburg seine neuen Menschencreationen ins „Schöne Aussichten“ zu Testvorführungen schickt.

    Was die „Aussichten“ für Central-Hamburg, ist das „Café Elbterrassen“ an der Elbchaussee für die Elbvororte. Während aber in den „Aussichten“ Mammon-Sex und Proll-Sex nebeneinander existieren, gibt es dort nur Mammon-Kinder. Zudem die weniger reizvollen Mammon-Kinder aus den Elbvororten, wo doch der gute Mammon Hamburgs in Harvestehude oder am Oberlauf der Alster angesiedelt ist. Alle guten jungen Leute der letzten Zeit kommen aus diesen Vierteln oder dem Proletariat. Die Elbvororte haben seit den Tagen der „Fucktory“ spürbar nachgelassen. Dennoch. Sei’s drum.

    Ebenfalls nachgelassen seit den gloriosen Tagen von 1979, als man noch mit angeneonten Westcoastlern zufrieden sein mußte, hat das „Cha Cha“ gegenüber der Musikhalle. Der Neon-Café-Veteran. Eine historische Stätte, die heute von eher minderwertigen Poppern frequentiert wird, die davon nichts mehr wissen. Ebenfalls eine historische Stätte ist das „Café Vienna“ in der Fettstraße, das an schlechten Tagen, bevölkert von Figuren aus Medienwelt und Galerieszene, wie ein Freiticket für den Blues aussieht. Das aber eine angenehme Stammkundschaft zu bieten hat, die was vom intelligenten Saufen vor Mitternacht versteht. Das „Vienna“ ist das Gegenteil von „in“, an Wochenenden zwischen 22 und 22.30 Uhr aus erwähnten Gründen eine gute Wahl.

    Auf der Reeperbahn empfiehlt sich der „Club 88“ für das Abrunden von Nächten, die in der Woche um vier Uhr noch nicht zu Ende sein wollen. Wer um des Tanzens willen tanzen geht, der soll meinetwegen in die Schwulen-Disco „Front“ am Heidenkampsweg, gleich daneben ins „Third World“ (elegant, schwarz und proll) oder ins „Disco-City“ (hart-schwarz, tolles Publikum!) am Spielbudenplatz gehen.

    Ich gehe nie um des Tanzens willen aus und kann zu diesem Punkt nur weiterleiten, was mir zugetragen wurde.

    P.S.: Fast hätte ich das „Vega“ vergessen – trotz eines eher langweiligen Popper-Publikums aus Eimsbüttel (wo eigentlich keine Popper gedeihen) Hamburgs beste Cocktail-Bar mit den besten Barkeepern.