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  • Ein Kommunist von Armani

    Bei Gelegenheit des Todes von Enrico Berlinguer, ein Nachruf auf Biermann, Raddatz und andere „Eurokommunisten“

    Enrico Berlinguer ist tot. Daß sein Tod sogar von den hiesigen Tageszeitungen, jedenfalls von denen, die ich heute morgen stichprobenartig eingesehen habe: Welt, FAZ und Rheinische Post, als ein bedenkenswertes Ereignis verzeichnet wird, ja gar beweint wird, vernimmt man mit Staunen. Stürbe Herbert Mies, könnte er froh sein, wenn sein Tod als Kuriosität „aus aller Welt“ gemeldet würde. Berlinguers Ableben wird zum Gegenstand hochoffiziösen Nachdenkens, sogar in der Welt.

    Das liegt nicht daran, daß er in Italien ein einflußreicher Oppositionspolitiker war. Das waren vor ihm andere, die der Ehre westdeutscher Kenntnisnahme nie teilhaftig wurden. Ein Kommunist ist kein Politiker, sondern ein Kommunist; auch Berlinguer, dem nun wohlwollender Beifall für allerlei Abweichungen von dem, was man sich sonst unter einem Kommunisten vorstellt, gezollt wird, war ein Kommunist. Der Grund ist anderswo zu suchen. Nicht seine Politik hat Berlinguer Resonanz in der BRD verschafft, sondern der Trost, den seine Erfindung, der Eurokommunismus, einer verwirrten bürgerlichen Intelligentsia zu spenden wußte.

    Erinnert sich denn niemand daran, wie in der Hoch-Zeit des Eurokommunismus Woche für Woche in der Zeit Raddatz in Interviews Weltfragen wälzte, stets um die Aktualität beziehungsweise Nichtaktualität des Marxismus kreisende, stets mit schicken italienischen Interviewpartnern wie Lucio Lombardo-Radice oder Alberto Moravia? Namen, wie sie sonst nur auf seinen Spesenrechnungen auftauchten, hier hatten sie plötzlich politische Bedeutung. Lombardo-Radice: Radix klingt hier an. Die Wurzel, wovon sich auch „radikal“ ableitet. Und der Lombardsatz, die Lombardei, die Langobarden, aber auch das Mittelmeer, der ligurische Komplex. Fettucine al Lombardo-Radice.

    Berlinguer stand auf den Mannschaftsbildern der Eurokommunisten meistens in der Mitte: an den Seiten Marchais’, dem man Durchtriebenheit, Machtpolitik und unsauberes Taktieren nachsagte, und Santiago Carrillos, der 3.000 Mann im Bürgerkrieg hinrichten lassen haben soll (available on the world famous, best-selling record: „Im spanischen Bürgerkrieg haben aber auch die Kommunisten ihre Greuel begangen“) und Erzstalinist immerhin einmal war. Beide schwitzend. Dagegen Berlinguer stets in feinste Tuche gehüllt, aristokratisch, mit gradem Blick. Der erste unkorrupte Italiener seit Mussolini.

    Der arrivierte Linksintellektuelle in Westdeutschland plagt sich mit der Gewissensnot, daß sein Lebensweg, dem ihm als 19-Jährigen bei der Abiturfeier mitgegebene Satz „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit 30 immer noch ist, hat keinen Verstand“ nur zu ähnlich sieht. Auch ein Paktieren mit der Sozialdemokratie bringt da keine Linderung; denn Sozialdemokratie steht für grauen Alltag, für Bürokratie, Filz, Schmuddel. Erst als die Politik der Sozialdemokratie unter dem neuen Namen Eurokommunismus ermöglichte, realkapitalistische Positionen und außenpolitische Kontinuität (NATO) durch einen Flirt mit richtigem Radikalismus, jedenfalls dem Namen nach, zu verbrämen, der zudem von allen Gulags befreit war durch die nach Brüsseler Plutoniummodell und TEE klingenden Silben Euro, konnte er beruhigt die Designerkleidung, das Spesenkonto, die gute Küche, den Innenarchitekten und das Unternehmen des Schwiegervaters mit jener süßen verbotenen Verworfenheit der Revolution unter einen Hut bringen, die er seit seiner Jugend nicht mehr genossen hat.

    Der so bewegte Raddatz brachte damals ein Buch heraus, das die Frage stellte, warum einer Marxist ist, worauf dann Prominente von Wolf Biermann bis Lucio Lombardo-Radice (Radice, ital. = Raddatz) antworteten, warum sie es so richtig eben doch nicht seien.

    Man verstehe mich nicht falsch: Nichts gegen den geschwätzigen, großtuerischen Salonkommunisten alter Schule. Aber viel gegen den verklemmten BRD-Medien-Onkel, der händeringend nach einer Vermittlung zwischen billig zurechtgezimmerter Mondänität und billigem, im Arsch zwickenden Gewissen schreit.

    Eurokommunismus ist wie die sogenannten „neuen“ Philosophen aus Frankreich (Glucksmann, Lévy), über die die richtigen neuen Philosophen aus Frankreich immer nur gelacht haben, was man hier allerdings nie zur Kenntnis nahm, ein typisches Phänomen der Fin-de-décade-Stimmung der späten 70er. Mit Berlinguers Tod und der neuesten Dummerhaftigkeit von Glucksmann („weder rot noch tot“, Verlagswerbung) werden wir noch einmal dran erinnert.

  • Quicksilver Messenger Service – Die Erfindung der Langsamkeit

    Of the songs I will sing to you
    You can hear every word
    that I ever heard, comin’ to you.
    These things can only happen
    once in a lifetime
    these things can only happen here
    If you have a time
    someone will touch you softly
    and it will be me
    someone will call your name
    and you will be free
    free as the wind
    free as rain that falls.

    Quicksilver Messenger Service,
    „Just for Love, Part One“

    Von den wenigen, die Quicksilver Messenger Service noch kennen, mögen die wenigsten die LP-Veröffentlichungen 4 bis 7 dieser Gruppe. Ein gut Teil der Jugendlichen, die in der ersten Hälfte der 70er zum Joint griff, hatte Happy Trails im Plattenstapel, das Live-Album mit dem romantischen Cover – von denselben Grafikern, die auch die ersten It’s-A-Beautiful-Day-Cover gestalteten – und den zwei Seiten füllenden Versionen der Bo Diddley-Klassiker „Mona“ und „Who Do You Love“. Wer diese Platte zur Verschönerung bewußtseinserweiternder Erfahrungen kennen und schätzen gelernt hat, singt noch heute mit belegter Stimme das Lob der Gitarristen Gary Duncan und John Cippolina, deren euphorischer, sonnenanbeterischer, irgendwie mit Hispanismen versetzter Ton in der Tat einmalig blieb. Auch wenn Cippolina heute ein unspektakulärer Waffennarr und Späthippie geworden und Duncan völlig von der Bildfläche verschwunden ist, so sind sie doch als Legenden ziemlich langlebig.

    Dem voraus ging eine Debüt-LP, die auch expressis verbis „the golden sun“ anbetete und mehr die Komposition (naturgemäß) als die Improvisation in den Mittelpunkt stellte, eine heute noch wunderschöne Platte, die es in Sachen weiße mobilisierende Seele mit z. B. „Felicity“ von Orange Juice aufnehmen kann. Ein Singen, das immer kurz davor ist, in mädchenhaftes Juchzen umzukippen, was eine innere Instanz in der Männerstimme bekämpft. Reibung erzeugt Reibungshitze. Und immer wieder geht die Sonne auf. Der wuschelköpfige David Freiberg war dieser Sänger, er gehörte zu der damals verbreiteten Spezies Baß-spielender Geiger (vgl.: John Weider, Rick Grech, Jesse Gat), und er blieb etatmäßiger Quicksilver-Sänger bis einschließlich zur dritten Platte, die schwache Shady Grove, auf der nur das Titelstück gut war, trotz seines Pamphlets für die Stadtflucht.

    Freiberg wurde später von dem Strudel der Jefferson-Airplane-Aktivitäten eingesogen, wo er, glaube ich, noch heute tätig ist. Neu hinzu kam damals der Session-Pianist Nicky Hopkins. Hopkins und Freiberg blieben bei Quicksilver als Hintergrundmusiker, als der Mann auf der Bildfläche erschien, um den es hier eigentlich gehen soll: Dino Valente.

    Wir schreiben 1970. Dino Valente hatte zwei Songs geschrieben unter seinem Pseudonym Chet Powers, die bis heute Klassiker-Status haben: „Hey Joe“ und „Let’s Get Together“, eine Hippie-Hymne, die bei Jefferson Airplane und der Dave Clark Five schon viel Freude gemacht hat, aber ultimativ von den Youngbloods auf ihrer Ride The Wind-Live-LP realisiert wurde. Als Dino zu Quicksilver stieß, war er bereits eine Kultfigur der Westcoast-Szene. Er galt als der größte Ficker westlich des San-Andreas-Grabens und als er anfing, seine eigene Band in die Hand zu nehmen, Songs zu schreiben und als Frontmann vor einer gut reputierten Kraft der sogenannten Progressiven-Pop-Musik zu agieren, war er zunächst einmal unglaublich befriedigt.

    So falsch die Dampfkessel-Theorie der Sexualität sein mag, Dino war einfach der absolut leere, ausgedampfte Dampfkessel. Das Feeling, das er nun drei LPs lang, die von der offiziellen Rockkritik gerne als „beispielloser Niedergang“ beschrieben werden, vermittelte, hieß Post-Coital-Joint. Die Gefühle beim Joint danach, aufgedunsen zu einem formlosen musikalischen Räsonnement, das das bald folgende rundum glückliche Wegdämmern mit Sex und Pot im Körper antizipierte, waren seine Verheißung einer rundum freien Welt, aufgebaut auf einer zwanglosen Sexualität.

    „Just For Love“ ist der programmatische Titel der ersten LP, die unter Dinos Regie entstanden ist. Dino hatte jahrelang in der L.A.-Club-Szene getingelt und seine Songs waren auch ohne Plattenaufnahmen Hits. Wegen Drogenbesitzes wanderte er ins Gefängnis. Die Einnahme aus den Versionen seines „Let’s Get Together“ („Come on you people now / smile on your brother / everybody get together / try to love one another right now“) halfen ihm aus dem Knast. Für seine erste Solo-LP erwartete man seine Hits oder Lieder wie „Dino’s Song“, das er für die erste Quicksilver geschrieben hatte, stattdessen gab es bereits die „strange mysterious songs that sneak up behind you“ (Lillian Roxon), die später Just For Love prägen sollten. Als er bei QMS fest einstieg, galt er als eine „macrobiotic-solar-energy-legend“ „but mainly he’s a lady’s-man-legend“. Und Tom Donahue: „If every chick Dino’s ever known buys the record, it will be Number one.“

    Der Zustand der totalen Befriedigung produzierte die totale Langsamkeit. So langsam ist Popmusik nie wieder gewesen. Langsam nicht als Tempo im musikalischen Sinne, langsam nicht als Attitüde wie bei J.J. Cale, sondern langsam im Sinne von völlig-ohne-„Drive“, völlig-ohne-„Power“, ohne „Druck“. Ohne die vielgeliebten Ausbruchs- und Aggressionsqualitäten des Rock. „Just For Love“ erscheint zweimal, die folgenden Songs ankündigend und sie abschließend resümierend, auf der gleichnamigen LP. Wir liebten das Lied, wenn wir im offenen Käfer durch die City-Nord fuhren und das nächste Lied der Platte uns das empfahl, was wir gerade genossen: „Uuuuuh, have another hit / of fresh air!“

    Die historische Einmaligkeit liegt bei „Gone Again“ und „The Hat“, lange ziellos, kreisende Songs, offensichtlich im Studio improvisiert, allerdings durchgehend mit Gesang, über die sich endlos das befriedigt schwärmende Grunzen des zärtlichen Macho Dino legte. Er war ein ekelhafter Hippie, aber er ging weiter als alle anderen. Er war drin, mitten in der 100: der Hippie am Ziel seiner Wünsche. Im endlosen makrobiotischen Dauerfick, soviel Energie produzierend, daß man mühelos einen Wolkenkratzer hätte heizen können. Er verkörpert all das, was noch heute Sex-Energy-Ideologen in San Francisco und L.A. und Bhagwans in Köln und Berlin verkaufen, ohne es je in der Hand gehabt zu haben.

    Platte Nummer 5 war What About Me und du kannst sie vergessen, wenn du Just For Love hast. Sie war die Wiederholung der Methode, ohne etwas neues zu erreichen. Im Gegenteil, es war sogar wieder etwas Dampf im Kessel.

    Ein Ereignis, ein Werk dagegen, die vollkommen unterbewertete Platte Nummer 6: Quicksilver. Das Schlagzeug Greg Elmores, bis zum Verschwinden weggemixt, erreicht Mo Tuckersche Unauffälligkeit (ich glaube, Greg Elmore war zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr dabei. Jedes der vier Urmitglieder war irgendwann einmal ausgestiegen und kam doch wieder zurück. Ich vermute ebenfalls, daß Cipollina die fortlaufende Kastrierung seiner Gitarrero-Persönlichkeit nicht weiter hinnahm und sich für diese Platte, die keine Besetzungshinweise enthält, frei genommen hat.) Doch die Songs sind konziser und kommerzieller, als es ihre „strange mysterious“ Vorgänger waren. Sie sind darüber hinaus total rührend. Hier 1972 unternimmt die Gruppe um Dino, nun nicht mehr so befriedigt, den Versuch, alte Euphorie um befriedigte, freie Leiber im freien sonnigen S.F. erneut herbeizusingen: „Hope“, „Song For Frisco“ etc. Ich weiß, daß alle vom Niedergang sprechen. Brüder, ich sehe es anders. Wir haben doch eine Menge erreicht, kommt, laßt uns weitermachen. Wo sind all die jungen Hühner hin? Die Platte verkauft kein Stück.

    Quicksilvers letzte hat nur noch einen guten Song: „Doin’ Time In The U.S.A.“, wo Dino über seine Gefängnis-Erfahrungen singt. Danach verfällt man dem aufkommenden Power-Diktat, läßt sich den Schneid, sprich die Langsamkeit, abkaufen.

    1975 kam es zu einer Reunion mit gar nicht mal so unbefriedigenden Ergebnissen, doch nicht auf der einmaligen und unwiederholbaren Linie von Just For Love. Vorher, nachher und immer wieder handelt die Musik der Jugend von Sex-wollen-und-nicht-kriegen, bestenfalls von Sex-fordern. Nur einmal handelte sie davon, Sex im Überfluß zu haben, ohne Neurose, ohne Macht, ohne Geld, ohne Wirklichkeit. Ich verlange nicht, das man diesen Zustand schön findet. Den Zustand des endlosen „post-coital joint“ („I’m tired and sweet of making love / it’s just too late / you have to wait / bring your business around here / in the morning“ Jefferson Airplane: „Law Man“). Aber die Einmaligkeit der dazugehörigen Ästhetik verlange ich angemessen gewürdigt zu sehen. Ein paar Exemplare von Just For Love sollte es noch als EMI-Wiederveröffentlichung aus dem Jahre 79 geben.

  • Dein Freund, der Hamburger

    Morgengedanken über die Atmosphäre einer Stadt

    Die neuen Stars heißen Johnny und Edgar Winter. Gemeint sind natürlich nicht die legendären Blues-Rock-Albinos, die es immer so gut verstanden aus „Tobacco Road“ auch dann noch Reize herauszukitzeln, wenn es in die fünfzehnte Minute ging, gemeint sind die zwei weisen alten Albino-Welse, die meistens schlafend, vom Disco-Lärm ungerührt, hinter den Glasscheiben des „Kir“-Aquariums ihre vielbestaunte Existenz fristen.

    Kaum ein Ausgehabend an dem ich und meinesgleichen nicht fünf bis zehn Minuten für ein andächtiges Zusammensein mit den beiden buddhistischen Kleinfischen abzweigen. Johnny erkennt man übrigens daran, daß er, etwas vitaler und noch nicht ganz erleuchtet, hin und wieder auf die Scheibe zuschwimmt, Kontakt aufzunehmen scheint. Edgar ist dagegen meistens unten links in einem der Büsche zu finden.

    Es war schön, als wir an diesem 795. Geburtstag des Hamburger Hafens die frühen Morgenstunden des Muttertags verschwoften. Vor exakt 20 Jahren hatte Frank Zappa seine „Mothers Of Invention“ gegründet. Was für eine Harmonie! Am Nachmittag hatte der HSV den 1. FC Nürnberg mit 6:1 abgefertigt. Konkurrent Stuttgart mußte sich gegen Frankfurt mit einer Punkteteilung zufrieden geben. Am Abend hatten sich die Freunde in einen Kreis gestellt, erst im „Luxor“, dann in den anderen Lokalen und ein erbauliches Gespräch zum Thema „Unbekannte Massenmörder der Weltgeschichte“ geführt. Ja die Freunde: In Hamburg vergessen sie einen nie. Der Hamburger nimmt nur sehr schwer Kontakt auf. Hast Du aber einmal sein Herz gewonnen, wird er ein Leben lang Dein FREUND bleiben.

    So kann man problemlos in die Fremde ziehen und weiß immer, daß man hier eine Heimat hat: Die Haare werden wieder richtig lang. Männer- und Frauenhaare wehen gewaschen und ausgebürstet in den frühen Morgenstunden des Muttertags, während der Discjockey das definitive Lied der 70er „Station To Station“ auflegt. Zwei, drei Hemdknöpfe öffnen sich, der Körper wird ausgeschüttelt.

    Überall unternehmen die Menschen Versuche, die glücklichste Zeit der Menschheit wieder zum Leben zu erwecken: die Jahre 65 – 69. In Musik, Mode, Denken und Wirtschaft. Was mich zu der Frage bringt: Was denke ich über den Aufschwung, kann ich den Aufschwung wollen als Linker, der eigentlich die Krise lieben sollte? Der Aufschwung, von dem ich zwar weiß, daß er die Erfindung rechter Propaganda ist, löst doch ein unwillkürliches Hoffen auf eine Wiederholung der besagten glücklichen Epoche aus und genau das macht dann sogar mich zum Opfer der entsprechenden Hymnen um die prognostizierten 3,5 Prozent Wachstum.

    In letzter Zeit haben dann die 35-Stunden-Wochen-Plakate der Gewerkschaften wieder deutlich gemacht, daß wir nicht in den 60ern, sondern mit Glück in den 20ern leben, wahrscheinlich aber in den 80ern mit ihrem merkwürdigen Provinzialismus-Revival. Mein Glaube an den Aufschwung verschwand.

    Die Atmosphäre in den Städten hat deutlich nachgelassen. Freundlichkeit auf dem Nullpunkt, hohe Aggressivität, richtige Armut und Ausweglosigkeit in den Gesichtern der Prolls. Seltsam gezwungene, aufgesetzte Bewegungen, die etwas wie Stolz retten sollen. Abschwung.

    Und dann diese Nacht auf den Muttertag mit dem Hafengeburtstag, den Freunden und Johnny und Edgar. In der Zeitung war von Plänen der Bundesbahn zu lesen, einen dem französischen TGV vergleichbaren Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke Hamburg-München einzusetzen. Diese Meldung bläst zusammen mit den Frühlingswinden des beginnenden Muttertags alle Abschwungsgedanken weg. Das Leben, das seit dem Scheitern des Concorde-Projekts, seit dem Ausbleiben des Privathubschraubers, seit dem Nichtbauen von Allwegbahnen nicht mehr beschleunigt worden ist, soll zum ersten Mal wieder schneller gemacht werden. Das wäre wirklich ein Grund zur Hoffnung.

    Stumm schwimmt Johnny seine Bahn. Edgar schaut das Nirvana.

  • Let’s Die Again

    Talk-Shows und Titelgeschichten, im Herbst ’83 auf Lebensrettung abonniert, umkreisen im Frühling ’84 ein neues Thema: Sterbehilfe. Nicht für den Wald, der in diesem Fach keinen Nachhilfeunterricht braucht. Sondern der Mensch steht im Mittelpunkt.

    So fuhr sie davon und sie war so schön,
    ich hab’ sie als letzter noch lebend gesehn.
    Sie winkte noch einmal mit der linken Hand,
    bevor sie um die nächste Kurve verschwand.
    Jetzt war alles zu spät –
    Oh, Grace Kelly, verlaß mich nicht, wie soll ich leben ohne dich??
    Grace Kelly ist tot, Grace Kelly ist tot, Grace Kelly ist tot

    (aus „Grace Kelly ist tot“, Die Ärzte, eine Band aus Berlin)

    Es wird wieder gestorben. Jahrelang hat die moderne Medizin Leben verlängert, mit immer neuen Bestrahlungs- und Operationsmethoden Leben verlängert. Jetzt ist Schluß.

    Die Sterbeziffer pro Hundert und Jahr ist in der Bundesrepublik von 1,05 auf 1,21 gestiegen – ein Spitzenwert innerhalb der westlichen Industriestaaten. Das liegt nicht nur daran, daß weniger geboren wird in der Bundesrepublik, das liegt vor allem daran, daß der Alten-Berg, den die allzu humane Humanmedizin in den letzten Jahren aufgebaut hat, langsam wieder abgebaut werden muß: endlos verlängern geht eben auch nicht, und zur Zeit kippt die Kurve nach unten.

    Just in diesem Moment flammt eine alte Diskussion wieder auf, eine dieser klassischen liberalen Diskussionen, bei denen man sich fragt, worum es eigentlich wirklich geht, um dann überrascht zu werden, daß es wieder einmal nur eine Produkteinführungskampagne war.

    In den 50er Jahren gab es Rüstungsgegner, vor allem in Amerika, deren liberaler Pazifismus in der Forderung gipfelte: man möge doch bittschön, gell, net gar so große Bomben bauen, diese großen mit abertausend und wasweißichwieviel Tonnen. Die sollte man doch bittschön nicht bauen, weil dann halt die ganze Welt in die Luft gehn tät, wenn sie mal explodieren. Man weiß ja nie.

    Das war eine ernstgemeinte, heiß diskutierte Forderung der Liberalen der 50er Jahre. Sie gipfelte in sympathischen Rockabilly-Nummern wie „It Was a 50 Megatons“ und dem Horror vor der Weltvernichtungsmaschine, die wir aus dem Film Dr. Strangelove von Stanley Kubrick kennen. Erst wehrten sich die Rechten zähneknirschend, den Pluralismus aufrecht erhaltend, den Skandal der Forderung und die mit ihr verbundene Unterminierung der Abschreckungsstrategie beschwörend, bis sie plötzlich eine neue Generation kleinerer Atomwaffen aus dem Hut zauberten, an denen die entsprechenden Brain-Trusts schon die ganze Zeit gearbeitet hatten, und die nun nicht nur auf die Nachfrage der Militärs stießen, sondern ebenfalls auf die sorgsam vorbereitete Nachfrage der Liberalen.

    Heute will eine neue Grünliberale Verteidigungstheorie gegen den Widerstand der Wörners eine Rekonventionalisierung der NATO-Streitkräfte durchsetzen, während in den Forschungsabteilungen der Rüstungsindustrie das Produkt „Konventionelle Waffe mit quasi-nuklearer Wirkung“ unmittelbar vor dem Abschluß steht. Irgendwann wird dann die Rechte zähneknirschend nachgeben und sich dem Verteidigungskonzept eines Bastian öffnen, und die Rüstungsindustrie wird sagen „Voilà! Wir haben, was sie wollen!“

    Ähnlich hatte die Anti-AKW-Bewegung vor allem die Funktion, eine Generation unausgereifter Produkte zu ersetzen. Die Industrie hatte erstens keine Imageprobleme, wenn sie irgendwo einen Schrottbrüter abwracken ließ – denn schließlich war die Bewegung für diesen Vorgang verantwortlich – und konnte sich zweitens über die Nachfrage nach neuen Brütern freuen, für die es nun noch das zusätzliche Verkaufsargument „Sicherheit“ gab.

    Nun also Sterbehilfe: Was soll verkauft werden? Der Tod?

    Realität ist, daß Sterbehilfe ein alltäglicher Vorgang an allen deutschen Krankenhäusern ist, genau wie Parteienfinanzierung in Tateinheit mit Steuerhinterziehung oder Unzucht mit Abhängigen oder fahrlässige Völkerverletzung mit Todesfolge in der Dritten Welt. Warum also jetzt der Hit für Hackethal?

    Wir erinnern uns. Der Mann trat erstmals in Erscheinung mit einer Art medizinischer Null-Lösung für schwere Krankheiten. Nicht immer gleich operieren, das macht die Sache oft nur noch schlimmer, kein bewußtloses Vertrauen in Halbgötter-in-Weiß und auch Sterbehilfe, wenn der Patient sich das ganz doll wünscht. Die Folge war, daß der Markt der Mediziner wieder etwas offener wurde. Man konnte nicht mehr zum nächstbesten Halbgott gehen (was ich als einen paradiesischen Zustand erinnere. Höre auf deinen Halbgott und seine Diagnose. Allein der Seelenfrieden, den dieses Urvertrauen auf seine Allwissenheit bei mir schuf, ließ alsbald alle Krankheitssymptome abklingen), sondern wurde plötzlich zum kritischen, mitdenkenden Patienten: Paranoia, Hypochondrie und eine gesunde kapitalistische Spökenkiekerkonkurrenz waren die Folge. Alternatives Gesundheitsbewußtsein breitete sich aus, und wollte man einen Bekannten um eine Kopfschmerztablette bitten, wurde einem eine übelriechende Kleie aus dem Land hinduistischen Glaubens mit nicht minder hinduistischer Pharmazie gereicht.

    Doch jetzt scheint die Nachfrage nach Gesundheit langsam abzuklingen. Selbstmorde nehmen zu, und da das große Massensterben durch einen so sehnlich herbeigewünschten Atomkrieg vorläufig ausgeblieben ist, steigt die Nachfrage nach einem schönen individuellen Tod. Da die Nachfrage bei größeren Bevölkerungsteilen erst noch geweckt werden muß, wird zur Zeit diese Diskussion angeheizt, die zunächst im Rahmen des individuellen Leidens „Krankheit“, aber immer vor dem Hintergrund allgemeiner Schlechtgelauntheit und Depression, das Gefühl, ja die Gewißheit verbreiten soll, daß es sich zu leben eigentlich nicht lohne, jedenfalls unter gewissen Umständen zunächst mal und eigentlich doch überhaupt. Denn selbst wenn wir im einzelnen keinen Krebs haben, der eine oder andere unter uns jedenfalls noch nicht, so haben ihn doch die Natur, die Mitmenschlichkeit, der Wald, die Politik und all das andere. Wenn dergestalt die Leiden unerträglich werden, dann möcht man doch einen humanen Tod, einen individuellen, einen richtigen, einen würdigen vor allem, denn das Individuum hat ja ganz viel Würde und möcht daher auch ganz würdig sterben.

    So die liberale Forderung. „Das Abendland will sich nicht mehr verteidigen / geworfen will es sein“, schrieb Gottfried Benn Anfang der 50er. Heute müßte man sagen: Das Abendland will sich nicht mehr verteidigen / Sterbehilfe will es. Einen wohlschmeckenden Schierlingsbecher mit einem Schuß Cappuccino-Sahne und etwas Schoko-Streusel. Dazu Koyaanisqatsi auf Video. So läßt sich’s sterben.

    Ein Arzt sagt: „Das Leben will immer leben, nur das Individuum will sterben.“ Und natürlich kann man niemanden dazu zwingen, wie die arme Hackethal-Patientin mit Trigeminus-Schmerzen zu leben. Diese Fälle wurden und werden von den zuständigen Halbgöttern diskret geregelt. Der Kult der Sterbehilfe, des individuellen Todes, will ja auch etwas anderes. Er will die Nachfrage nach dem eigenen Tod wecken. Frauen erzählen auf Partys, daß sie sich jetzt Zyankali besorgt haben. „Sind Sie krank, Madame?“ – „Nein, aber wenn es mal schlimm wird, will ich niemandem zur Last fallen.“ Genau der Punkt. Das Individuum funktioniert in Krisenzeiten, wie seine Erfinder es sich immer gewünscht haben. Läßt die Produktivität nach, steigt der Todeswunsch. Setzt die Produktivität aus, wird der Schierlingsbecher gekippt. Der Sozialstaat ist schließlich eh nicht mehr finanzierbar. Let’s die!

    Mittlerweile ist es ja soweit, daß auch die Schulmedizin, also der in dieser Diskussion der konservativen Seite entsprechende Pluralismus-Partner, den Sterbehilfe-Kult anfeuert. Wenn erst der Konsens der Arbeitenden gegen Sterbende, Arbeitslose und Ausländer propagandistisch voll durchgesetzt ist, wenn es in den Krankenhäusern, für deren Erweiterung dann auch kein Geld mehr da ist, richtig eng wird, dann wird unter dem euphemistischen Slogan von der „Sterbehilfe“ sicher härter durchgegriffen werden mit dem unproduktiv und teuer vor sich hinfaulenden Fleisch, das noch nach teuren Operationen schreit, deren Ergebnis im besten Falle zwei weitere Jahre Leben auf Kosten des unfinanzierbar gewordenen Sozialstaates bedeuten würde.

    So kann dann überflüssiges Menschenmaterial, Alten-Berge und Suchtzombies, wirksam reduziert werden. Die bürgerliche Klasse ruft den Sterbehilfe-Chic aus und betreibt die Selbstvernichtung mit individualistischem Schierlingschampagner. Das Proletariat krepiert im Namen von Euphemismen an gekürzten Operationen für hoffnungslose Fälle.

    Paranoia?

    Natürlich habe auch ich immer über den linken Einfallspinsel gelacht, der für alles auf der Welt den CIA verantwortlich macht. Aber Edén Pastora ist wirklich vom CIA. Natürlich habe ich nicht wirklich glauben wollen, der CIA hätte die KAL 007 bewußt in sowjetisches Gebiet getrieben, sondern das nur aus taktischen Gründen an bestimmten Orten behauptet. Bis vor kurzem ein Panorama-Feature, ein von der gesamten Presse totgeschwiegenes Panorama-Feature übrigens, bewies, daß der CIA am Tode der vielbeweinten Passagiere mindestens so mitschuldig sein muß, wie J.R. Ewing an der Totallähmung des kleinen Mickey (also mit an Unmittelbarkeit grenzender Mittelbarkeit).

    Paranoia ist also durchaus gesund in diesem Fall, gerade meine, denn es gilt offensichtlich wirklich (nicht im Gehirn eines einzelnen planenden Individuums natürlich, denn noch die größten Schweine sind gute Menschen, denen es ihre private Rechtfertigungsstruktur verbieten würde, zu denken, daß man Alten-Berge und unproduktives Leben wegschaffen, aus Gründen der Staatsraison vernichten müsse), den unfinanzierbar gewordenen Sozialstaat von einigen seiner Nutznießer zu entlasten. Wegschaffen. Darum singen wir mit Chubby Checker und den Residents (Third Reich’n Roll): „Let’s die again, like we did it last World War.“