Autor: admin

  • Der Hippie ist die Mutter der Wende

    Alles rückt jetzt näher zusammen: die Rechten sowieso und die Linken sind endgültig gegen das Böse und für das Gute.

    Mutter ist okay. Sie steht mitten im Leben. Siebenundvierzig wird sie diesen Winter, und ihre Karriere als Dolmetscherin scheint keineswegs schon am Zenith angelangt zu sein. Ihre beiden Kinder sind intelligente, hübsche, junge Leute, beide studieren ein geisteswissenschaftliches Fach, dessen beruflicher Nutzen Mutter zuweilen etwas unklar ist, beide wohnen längst allein, in wechselnden Wohnungen mit Freunden oder für sich, Mutter ist das recht.

    Wie in vielen Familien besuchen die Kinder Mutter am Sonntag, sie bringen Wäsche, essen eines der phantasievollen, frei über das Thema eines Wolfram-Siebeck-Rezepts improvisierten Gerichte und unterhalten sich mit Mutter nach dem Essen über Politik, Kunst und was dergleichen mehr ist, was einer gepflegten Konversation erst so richtig die nötige Pflege gibt.

    Neuerdings amüsieren sich die Kinder immer wieder über einen ratlosen Seufzer von Mutter, neulich getan anläßlich irgendeines zynischen Witzes, den der ältere, Stefan, seiner Schwester bei Tisch erzählt hatte, ich hab ihn vergessen, aber Mutter antwortete jedenfalls: „Mensch, Kinder, manchmal hab ich Angst, daß ihr reaktionär werdet.“

    Mutter wird nämlich nicht müde, mit den Kindern über diese schreckliche Wende zu reden, sie ist völlig verändert, seit das passiert ist und hat plötzlich Ängste und Probleme, mit denen sie, obwohl sie vorher genauso angsteinflößend und problematisch waren, nie etwas am Hut hatte. Erst seit dem 6. März zählt sie die Raketen und die Arbeitslosen, und erst seitdem erwägt sie, in die Partei einzutreten, die sie, seit sie sich erinnern kann, bedenkenlos gewählt hat, die SPD.

    Die Kinder dagegen finden Zimmermann „geil“, lachen sich scheckig über seine Kraftsprüche, drehen bei Strauß-Reden den Fernseher lauter und gähnen nur, wenn sie Vogel sehen. Die Mutter weiß, daß ihre Kinder nicht die politischen Ziele der CDU/CSU vertreten, schließlich hat sie früher genug Ärger gehabt, als die beiden während ihrer Schulzeit immer zu einer dieser K-Gruppen mit einem dieser blumigen archaischen Zwanziger-Jahre-Namen hingingen. Sie versteht nicht, warum die Kinder nicht so besorgt und zu Aktionen motiviert sind, wie sie es ist, wenn sie Woche für Woche in Spiegel- und Stern-Titelgeschichten lesen muß, was diese neue Regierung an unserem Rechtsstaat herumdemontiert.

    Tja, Mutter ist eine von den vielen Menschen, die einen Kommentar, einen warnenden, mahnenden Artikel sich mitunter so zu Herzen nimmt, daß sie einen Leserbrief schreibt, an die große Zeitung. Ein Leserbrief, der in Kurzform noch einmal wiederholt, was der Artikel resümierte.

    Kennen Sie das? Diese Berge von Leserbriefen, die so einem liberalen Warn- und Mahn-Artikel massenweise ihre Zustimmung entbieten, oft noch um pointenreiche Formulierungen im Stile des betreffenden Blattes bemüht. Was denken Sie, wenn Sie im Spiegel die Ernte zustimmender Briefe vorfinden, wenn Sie lesen, wie Hartmut Bröner aus Hamburg mitteilt „Schöne Grüße vom Großen Bruder“ oder Hans Joachim Heuel aus Bielefeld meint: „Mit Minister Zimmermann auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der es keine Geheimnisse und kaum noch Privatsphäre gibt“ oder Heinz Kraft aus Aachen die Zelle beiträgt: „Geplant ist der gläserne Duckmäuser“? Was treibt ihn um, den Heinz, warum sagt er, was alle schon wissen, weil sie ja alle Spiegel-Leser sind, alle den Artikel gelesen haben, aus dem Heinz schließt, was sowieso schon jede Zeile ausspuckt?

    Wir denken alle natürlich, es gibt ihn gar nicht, der Spiegel hat ihn sich ausgedacht. Ich dachte das jedenfalls bisher, bis ich Mutter kennenlernte, die genau so einen Brief geschrieben hatte und bei der Post eine Fotokopie anfertigte, bevor sie den Brief seiner Bestimmung übergab. Ich linste, am Kopierer hinter ihr wartend, über ihre Schulter und las so einen pointierten, „Findichauch“ mitteilenden Dreizeiler. Ich war interessiert und beschloß, Mutter zu folgen.

    Ihr Weg führte sie zu einem der Kompaktbilligbuchläden, die man immer häufiger in den modernen, regengeschützten Einkaufspassagen unserer Innenstädte findet. Auch ich verkehre gerne bei diesen übersichtlichen Neuerscheinungshökern und schaue mir an, bei welchen Taschenbüchern die Stapel in welcher Geschwindigkeit kleiner werden. Doch Mutter hat nicht stöbern im Sinn, sie strebt direkt zur orangefarbenen Kasse, ergreift ein längliches, gebundenes Exemplar, zahlt und geht.

    Sehen wir uns einmal dieses Buch an: Der Orwell-Kalender ist es, ein sogenanntes „schönes Ding“, die Menschen heute sind ja des Plastiks und der Fließbandfertigung müde, sie schicken ihre Kinder in Goldschmiedelehren und bevorzugen die schönen, handgefertigten Dinge, wie ein gebundenes Buch in einem harten, festen, vertrauenerweckenden Einband.

    Mutter hat diesen Orwell-Kalender aus vielen Gründen gekauft, nicht nur, weil er so handgefertigt aussieht. Zu seinen Herausgebern zählen Böll und Grass, und deren Namen sind mindestens so vertrauenserweckend wie die schöne Gestaltung. Mutter hat kaum etwas von diesen beiden Schriftstellern gelesen. Sie weiß nur, daß sie oft und lang und breit im Fernsehen gewesen sind und daß sie ihren Finger auf die Wunde der Welt legten. Daß sie in einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, ein großherziger, charmanter Willy Brandt oder ein energischer, selbstbewußter und hochintelligenter Helmut Schmidt das Zepter fest in der Hand hielten, sowohl Terroristen als auch Amerikanern die Meinung sagten, Ungerechtigkeiten hier und dort bekämpften, daß in dieser Zeit Grass und Böll ständig präsent waren, Freunde der Herrscher, zwar in kritischer Solidarität hin und wieder, aber auf sie wurde gehört.

    Sie las damals lieber „gute“ Krimis von Chandler und Hammett, von denen es ja auch diese tollen Filme mit dieser tollen Mode gibt, und der Wim Wenders hat ja auch einen gemacht mit dem Hammett, und der Zimmermann, naja. Früher hätte der das nicht gedurft. Da wären Böll und Grass vor gewesen. Und jetzt, wo uns die Amis mit den Atombomben bedrohen und die Russen auch und nur die Friedensbewegung in Ost und West helfen kann, da gehören Böll und Grass auch dazu, ermutigen sie zum Widerstand, und da ist es für jemanden, der gelernt hat, sich in der von Böll und Grass gestalteten Welt wohlzufühlen, jawohl ein Gebot der Vernunft, das genau zu tun, was diese empfehlen.

    Dieser Orwell-Kalender aus dem Bund-Verlag, so sollte man meinen, gedächte in kalendarischer Form des britischen Schriftstellers, der einen utopischen Roman nach dem nächsten Jahr benannt hat, den um bürgerliche Freiheiten besorgte Liberale stets in der Westentasche stecken haben, um ihn gegen östliche Gulags und Einmärsche oder hausgemachte, konservative Feindbilder zu zücken. Nichts gegen Orwell, aber 1984 im Munde führen heißt im allgemeinen: „Ich laß mir mein kleines Plappermäulchen nicht verbieten.“ Vor allem Menschen, die vom Offenhalten des Plappermäulchens leben wie die vielen Herausgeber des Orwell-Kalenders, haben allen Grund, vor sowas Angst zu haben.

    Aber der Orwell-Kalender ist mehr. Ich hab ihn inzwischen gelesen. Er ist gegen alles Böse, nicht nur gegen den Überwachungsstaat. Er gedenkt der Greueltaten des Faschismus, aller möglichen Skandale gegen alle möglichen Freiheiten, des Vietnamkriegs und der in seinem Rahmen begangenen Greueltaten, aber auch des Ostens und seiner Sünden. Am lustigsten fand ich die Greueltat „Veröffentlichung des futuristischen Manifests.“ Nachdem ich ein paar kurze Sekunden laut lachte, fiel mir wieder ein, warum dieses Datum nicht fehlen darf. Aus Futuristen wurden Faschisten, aus Faschisten Nazis, aus Nazis Mörder.

    Der Standpunkt des Orwell-Kalenders ist wie der von Mutter: er erkennt eine Bedrohung durch das Böse, das in allen Systemen wohnt, und warnt und mahnt und klagt dabei das Recht ein, das in keiner Weise bedrohte Recht übrigens, weiter mahnen und warnen zu dürfen, weil das ja ein einträglicher Beruf ist, und wenn es nichts gäbe, das bedroht wäre, so würde die Abwesenheit des Warn- und Mahnanlasses Grund genug sein ein Jammern und Klagen zu erheben, weil das ja das Ende des Warnens und Mahnens wäre, was ja wiederum das Ende der Meinungsfreiheit …

    Es wäre übrigens nicht weiter schlimm, wenn das alles wäre, aber es ist schlimm, weil diese zwei Männer die deutsche Linke sind. Etwa nicht? Sonst haben wir keine Linke. Kommunisten darf es hier nicht geben, nicht einmal mehr als Identifikationsfigur für Abiturienten, Kommunismus ist seit Gulag nicht einmal mehr bei Kommunisten statthaft. Auch die Russen haben Raketen. Grüne sind keine Linken, die wollen das Busengreifen, die Tierversuche und den Alkoholismus in der Bundeshauptstadt abschaffen, und wenn sie etwas anderes wollen, kriegen sie Schimpfe, weil sie den kleinen gemeinsamen Nenner verlassen, und anhören tut sich das dann sowieso keiner, und wählen würde sie auch keiner, wenn sie sagen würden, sie seien Kommunisten.

    Selbst profiliertere, analytischere Grüne antworten auf die Frage, ob sie Marxist seien, wie etwa Thomas Ebermann mit einem ausweichenden „Karl Marx war ein kluger Mann“. Oder so ähnlich. Eine Feststellung, auf die man sich nötigenfalls wohl auch mit Otto Graf Lambsdorff einigen könnte. Nein, Böll und Grass sind die einflußreichsten Linken, obwohl sie eher Christen sind, die gegen den Satan kämpfen, und Mutter ist ein typischer Vertreter der einflußreichsten und meistdiskutierten Oppositionsbewegung in der BRD.

    Da geht sie die Mönckebergstraße runter. Preßt den langen grauen Kalender an sich wie eine Handtasche, die man ihr rauben könnte. Und in ihrem Herzen sieht es grau aus. Traurig-seriös-grau wie der Orwell-Kalender. Was kann man nur tun gegen das Böse? Protestieren und blockieren, das mag ja ganz schön sein, aber warum überhaupt? Wo ist die Wurzel des Übels?

    Die derart besorgte Mutter greift zum neuen Spiegel. Darin schreibt Wilhelm Bittorf etwas über die Verfilmung eines sehr phantasievollen und ungemein erfolgreichen Romans von Michael Ende und stellt die Frage: „Stehen die Erdbewohner nicht genauso dem Nichts gegenüber wie die Phantasier? Droht das Leben auf dem Globus nicht genauso an Phantasielosigkeit zugrunde zu gehen und an den falschen haßerfüllten Phantasien?“ Mutter schmeckt daran und findet es richtig. Ja, ja, die grauen Städte, mit etwas mehr Farbe gäbe es da gewiß weniger Schizophrenie und Kriminalität.

    Es ist eben nie zu spät, ein Hippie zu werden. Der Hippie war doch der erste Protestler, der nicht mehr gegen ein System war, sondern gegen das Böse schlechthin, weil er rausgefunden zu haben glaubte, daß auch das andere System Arbeitslager und Gulag Solschenizyn … Heute hat er seine Wunderwaffe, die Phantasie, verbreitet und pinselt, wie man in derselben Woche lesen kann, im Stern schöne, alte, deutsche Bunker an der französischen Atlantikküste popfarbenscheußlich an und nennt das auch noch Wiedergutmachung. Mutter schmunzelt über den Stern-Artikel. Tja, Phantasie muß der Mensch haben, denkt sie.

    Mit ein bißchen Farbe sieht der häßliche Bunker gleich viel freundlicher aus. In derselben Woche dokumentiert dieses andere Forum der zahlenmäßig relevanten „Linken“, eben mit einem neun Jahre alten Led-Zeppelin-Cover: „Fantasy – die neue Welle“. Wir sehen ein Photo der Gruppe Kiss, die ungefähr so sehr aus dem Geschäft ist, wie die westdeutsche Linke, nur noch nicht so lange, und wir staunen über eines dieser superbescheuerten Arik-Brauer-Bilder, das einmal mehr Menschen um Kleinstlebewesen und Plankton nachempfundene, große, weiche Formen und Figuren gruppiert und den Stern-Bildunterschriften-Autor den Klassiker unter den deutschen Feuilleton-Formulierungen aus der Tasche ziehen läßt: „Zwischen Realität und Phantasie“.

    Das ist nun nichts Neues mehr für Mutter, ein Arik-Brauer-Poster hängt schon seit Jahren bei ihr in der Küche, und schon oft ist sie vor Pöseldorfer Galerien stehengeblieben, die einmal mehr irgendeinen Osterreicher aus der Schule der „magischen Realisten“ für viel Geld feilboten.

    So entsteht ein warmer, historischer Gleichklang in Mutters Seele. Dieser Stadtbummel hat doch viel gebracht. Den Leserbrief abgeschickt, den Orwell-Kalender erworben und wahre Worte in Stern und Spiegel gefunden. Vielleicht werden ein wenig Phantasie, mehr Farbe und mehr Led-Zeppelin-Cover doch noch den Holocaust abwenden.

    Merkwürdig und unverständlich nur diese Kinder. Am nächsten Wochenende behaupten sie unter wieherndem Gelächter, die Phantasie ist die Mutter aller Kriege.

  • Ach, ist das alles verdammt männlich

    Es hing mal wieder alles mit allem zusammen. Amelita sagte: „Ich werde dich mit Tortillas, Chili und süßem Wein verwöhnen.“ Im Fernsehen. Und hinterher mußte ich zur Wondratschek-Lesung. Amelita ist eine Mexikanerin und die erste und letzte barbusige Frau in einem Howard-Hawks-Film. Wolf Wondratschek untertitelt seinen neuen Gedichtband Die Einsamkeit der Männer mit „Mexikanische Sonette“.

    John Wayne, der in besagtem Film, Rio Lobo von 1970, für die rassigen Mexikanerinnen nur noch als „Wärmflasche“ von Nutzen ist, nimmt das mit Humor. Er hatte in früheren Hawks-Filmen genug Frauen gehabt. Anders der jüngere Dichter Wondratschek, der mit den Frauen noch ein paar Runden zu begleichen hat.

    Dennoch sind auch sie recht zahlreich erschienen zur Lesung im unattraktiven „Malersaal“, irgendwo an einer sehr kalten Ecke Hamburgs. Man schaut von oben herunter, wo sich in der Mitte der großen Bühne ein kleiner Mann verliert. Der nimmt einen Schluck aus dem Plastikbecher, gurgelt kurz und spuckt dann auf den Boden. Ganz so wie die richtigen Männer.

    Der Dichter gibt sich gelangweilt. Mit seiner trainiert schnöseligen Stimme liest er aus seinen Sonetten und einem noch unveröffentlichten, aphoristischen Carmen-Text mit dem Untertitel: „Oder bin ich das Arschloch der achtziger Jahre?“

    Von der Bühne wehen, langsam aufsteigend, Poeme herauf, kunstvoll gewoben aus den zäh wiederholten Schlüsselworten Weib, Weiberfleisch, Elend, Blut, Tod, Kälte, Verachtung. Rolling-Stones-Texte im Grunde genommen, die ja auch entweder „Baby, She Was Hot“ oder „You’re Cold As Ice“ heißen. Rockpoesie also. Das also, was Wondratschek, von seiner avantgardistischen Frühphase einmal abgesehen, schon immer gemacht hat.

    Aber eben doch nicht. Die von Wondratschek so hartnäckig und seit Jahren beklagte Tatsache, daß die Frauen die Männer nicht ranlassen und daß die Männer darob einsam, traurig und versoffen werden, präsentiert er neuerdings nicht mehr vor der Kulisse notorischer Schwabinger Amerikanophilie. Ein neuer Geist weht nämlich unter den vierzigjährigen Rock-Poeten. Fauser, ein anderer von ihnen, beruft sich neuerdings auf Gottfried Benn, und Wondratschek flüchtet zur klassischen Form des Sonetts, um dem zu entgehen, was sie alle so lautstark hassen: dem elendiglich niedrigen, verkommenen, profanen Kulturbetrieb. Ja, damit wollen sie nichts zu tun haben; diesen Tand, diese Falschheit, diese Oberflächlichkeit haben die Herren durchschaut.

    Und überall kann man jetzt das Botho-Strauß-Syndrom beobachten: das schonungslose Geißeln der Beschissenheit des oberbeschissenen Kulturbetriebs (Wondratschek: „Podiumsdiskussionen über Hängetitten“). Da wird sich angeekelt abgewandt, die Konsequenz gezogen, wieder gedichtet, Sonette geschrieben. Stabreime, Assonanzen, Binnenreime, gebundene Sprache: Schöne Sprache.

    Nur, was wird bei dieser Mutation mit dem alten Beatnik-Herzen, mit dem Road-Movie im Hirn? Einem Botho Strauß fällt es nicht schwer, Goethe statt Videospiele zu predigen, aber was soll einer machen, der von Kerouac, Bukowski und Bob Dylan kommt? Der seine immens hohen Lyrikauflagen der Tatsache verdankt, daß er auf dem Buchmarkt dasselbe unselige Ziel verfolgte wie Lindenberg auf dem Schallplattenmarkt: die Eindeutschung der amerikanischen Rockkultur?

    Wondratschek begegnet diesem Problem mit einem ganzen Bündel taktischer Maßnahmen, und man muß sich wundern, wie er es wieder einmal geschafft hat, den Unterbau des Zeitgeistes voll zu treffen. Man will es heute eben nicht mehr locker, man will es jetzt auch mal wieder triefend. Zwar war Wondratschek schon immer triefend, aber er troff früher locker.

    Jetzt hat er die Road des Road-Movie bis zu Ende gedacht: Nach Mexiko, wo die Männer hingehen, wenn sie ihre untreuen Ehefrauen erschossen haben (jedenfalls in Rock-Texten), nach Mexiko, das das Spanien der Amis ist. Nach Mexiko, Ort für den C.G. Jung im Ami. Mit 1a-Archetypen, urigen, schlammigen Mythen und Kulten. Wo der Mann noch Mann ist und dem Tod ins Auge sieht. Und die Frau noch Frau. Alles vollgeil verworfen und umgeben von einer prima Dritte-Welt-Kulisse. Kerouac war auch dort. Und Carmens, für die der frustrierte deutsche Neo-Macho nach Malaga fliegt oder in die florierenden Flamenco-Kurse drängelt, hat’s in Mexiko die Menge.

    Ja, hier ist das Leben echt. Kein Kulturbetrieb in der Nähe, keine Podiumsdiskussion bei der Siesta, keine Journalisten hinter den Kakteen. Dafür echtes Elend, echter Hunger! Hier ist der Ort, Petrarca und Allen Ginsberg verschmelzen zu lassen.

    Und Wondratschek reist hin und schmiedet auf den Spuren seines neuen Lieblingsschriftstellers Malcolm Lowry, dessen Roman Unter dem Vulkan und dessen mythisches Säuferelend ihm die Motive liefern, Sonette, die klingen wie eine ZDF-Produktion des ewig wahren, traurig schönen Geschlechterkampfes.

    Neben mir sitzt während der Lesung ein dicker Mann mit schlechter Haut. Er ist besonders begeistert, wenn der Dichter ein ums andere Mal die Kälte der Frauen beklagt, von der unerreichbaren Carmen schwärmt und über intellektuelle Frauen unflätiges Zeug verbreitet („Dem Verstand hörig wie andere ihrem Kerl“). Er nickt, wenn Wondratschek den Gegensatz Carmen/Frauenbewegung konstruiert. Dabei konnte man erst zwei Tage vorher im Heute-Journal Carmen-begeisterte Frauen sehen, die auf so rührende, traurige Art allen Klischees entsprachen, die über die Frauenbewegung im Umlauf sind, als seien sie von Franziska Becker gezeichnet worden. Doch unser Mann nickt weiter. Die prosaische Frauenbewegung, der prosaische Kulturbetrieb, die vielen Fremdworte, die Wondratschek beklagt und kunstvoll meidet – da sitzt der Feind. Ja, so ist es wohl.

    Und während ich da so sitze und der Entstehung eines Weltbildes im Kopf eines bedauernswerten Zeitgenossen beiwohne, stelle ich mir vor: Irgendwann muß Wondratschek sich entschlossen haben, zum Mann zu werden. Freiwillig begibt er sich auf die Spuren des armen Säufers Lowry. Freiwillig zieht er in eine mexikanische Strohhütte, quält sich den Whisky hinein. Den, der die Männer hart macht. Freiwillig verzichtet er auf die tägliche Rasur, setzt sich gleißender, gerbender Sonne aus und brütet über die Tücken der klassischen, hoch über dem Zivilisationsgemecker der Asphaltliteraten schwebenden Form des Sonetts. Und hat er es geschafft? Ist er zum Mann geworden, zum großen Einsamen?

    Vor allem eine Erkenntnis hat er aus Mexiko mitgebracht, die er zwar seiner Inspiration, dem neuerdings modischen Lowry, in den Mund legt, die aber hundert Prozent echter Wondratschek ist: „Scheiß drauf, mein Junge, hat einer gesagt, scheiß drauf, nur das ist wichtig.“

    Und das korrespondiert voll mit der alten Wahrheit, daß ein Mensch sein wahres Gesicht im Fragebogen des FAZ-Magazins zeigt. Denn da lautet Wondratscheks Motto: „Leckt mich am Arsch“. Und das ist wieder so verdammt schweigsam männlich, daß die Ausrede, es ginge bei den Sonetten um Lowry-Motive, nicht mehr greift.

    Man muß nur hinsehen, der denkt wirklich so, der ist so. Trotz aller cleveren, professionellen Dichterei, trotz cleverstem Trend-Timing (Wondratschek hatte die Carmen-Welle schon im Urin, als Saura noch am Drehen war), man kann dem da unten ansehen, daß er wirklich am liebsten ein einsamer, versoffener Mann wäre, der wie Lowry, vom Suffe impotent, von einer unerreichbaren Frau gedemütigt wird. Wondratscheks Unglück ist, daß er ein Bubi geblieben ist, ein ganz normaler, altgewordener Bubi mit einem ekligen Leitbild.

    Ist er also eine lächerliche Figur, einer, der Schwierigkeiten mit den Frauen hat und das an die große Glocke hängt? Nein, das wäre zu einfach. Das kommt aus einer Tradition, aus einer ganz bestimmten Falschdenk-Ecke, die mit Verstimmtheit, Verbocktheit und Verdruß zu tun hat. Eine Ecke, aus der auch Wim Wenders und Vadim Glowna kommen. Wortkarge, gequälte Männer, denen irgendwas zu schaffen macht. Die das große Elend umtreibt. Kein konkretes Elend, wie zuwenig Sex, sondern das große Elend. Die Krise, das Nichtwissen, die Gottlosigkeit, die Sinnlosigkeit. Daß wir alle sterben müssen.

    Bei Wondratschek wird all dies parfümiert und kokett serviert, von mißratenen Gesten einer müden Männlichkeit begleitet, die immer um Seriosität kämpfen, wo es nur darum ginge, gut gemachten Schmock zu verteidigen. Eine Larmoyanz, hinter der immer der zornige Schüler aufflackert, der neckische Provo alter Schule, der Protestler Münchner Provenienz.

    Wondratschek haftet das Flair einer Kommissar- oder Derrick-Figur an. Er ist ganz das juvenile Problemkind aus gutem Hause, auf leicht schiefe Bahn geraten, das sich Herbert Reinecker und Erik Ode am Telephon ausgedacht haben könnten. Provo und eigentlich doch stockbürgerlich. Wolf Wondratschek ist Uschi Glas.

  • Zelig

    Der moderne Amerikaner, namentlich der jüdische, sei angepaßt bis zur Unkenntlichkeit, fliehe die Individualität, die eigene Meinung. And so on. So lauten Tenor und Resümee der meisten Zelig-Rezensionen, dem Film eine zivilisationskritische Flachheit, einen Allerweltsgedanken, einen falschen darüber hinaus (denn niemand jagt dem Phantasma der Individualität mehr nach als der Amerikaner) unterjubelnd, der alle seine Finessen ignoriert.

    Zelig ist ein simuliertes Fernsehfeature über einen fiktiven, klinischen Fall: Leonard Zelig. Der Film besteht aus simuliertem, teilweise stummem Archiv-Material wie auch aus echtem, in das auf äußerst perfekte Art Woody Allen, der den Zelig spielt, einkopiert wurde. In Farbe und modernem Ton äußern sich bekannte Zeitgenossen zu diesem Fall, von Susan Sontag bis Bruno Bettelheim, stets die eigene Sprechweise bis zur Unkenntlichkeit übertreibend, sich selbst parodierend.

    Leonard Zelig taucht in der dokumentierbaren Geschichte auf, indem er die Wege von Prominenten kreuzt; denn das ist schließlich die einzige Chance, ein Leben zu rekonstruieren: Schnittstellen mit anderen Biographien suchen. F. Scott Fitzgerald erwähnt ihn als erster in seinem Tagebuch, nicht einmal zehn Jahre vergehen, bis er es mit Franklin D. Roosevelt, aber auch Adolf Hitler zu tun bekommt.

    Zeligs Krankheit steht im Mittelpunkt, sie macht ihn berühmt, trägt ihm einen Titel ein („Chameleon Man“), macht ihn zum Werbeträger, zum Held von Songs, zum Objekt eines 1935 in Hollywood gedrehten Spielfilms, dessen sich auch zitierend das aktuelle TV-Feature bedient, wenn es darum geht, intime Szenen aus dem Privatleben Zeligs angemessen darzustellen.

    Zelig beherrscht eine perfekte Mimikry. Nicht nur in Sprache, Verhalten und Kleidung gleicht er den ihn umgebenden Menschen, er wird auch fett in Umgebung von Dicken, schwarz unter Schwarzen, spricht exotische Indianersprachen unter Indianern und redet die Psychoanalytiker, die sich seiner annehmen, an die Wand, weil er halt auch das perfekt beherrscht: Reden wie ein Analytiker.

    Nur ihn selbst gibt es nicht, und das wird als Abnormität empfunden. Diverse Bemühungen, ihn zu heilen, scheitern, was Pressekonferenzen und von versteckten Kameras gefilmte Versuche beweisen. Einzig eine Ärztin (Mia Farrow) scheint gewisse Erfolge mit Zelig zu haben, doch ihr wird ihr Patient genommen, der nun als „Chamäleon-Mensch“ als Star dubioser Show-Veranstaltungen durch die Welt reist.

    Später gelingt es ihr wirklich, ihn zu heilen (und zu heiraten), doch da Zelig jede Erinnerung an seine Zeit als Chamäleon fehlt, hängen ihm die Leute Schadensersatzklagen aus dieser Zeit an. Zelig bekommt einen Rückfall, flieht nach Hitler-Deutschland, wird zum perfekten Nazi, bis ihn seine Frau und Ärztin befreit und ob des tollkühnen Manövers der Flucht in den Staaten neuer Ruhm winkt.

    Die Hypothese von der Kritik an der Massengesellschaft schlägt beim Betrachten des Films in ihr Gegenteil um. Tatsächlich ist das Lustvolle gerade die Nachahmung, das Plagiat. Es gilt sowohl für die Figur Zelig, die augenscheinlich mit großer Freude in fremde Persönlichkeiten, Kulturen und Rassen hineinschlüpft, als auch für die Form des Films, die augenscheinlich Woody Allens Spaß dokumentiert, die Kunst der Mimikry auf filmische Formen zu übertragen: die Simulation des Fernsehfeatures wie auch des Archiv-Materials, aus dem es zusammengesetzt wird, machen ihm auf ähnliche Weise Freude wie in früheren Filmen, wesentlich weniger perfekt, das Anknüpfen an Spielfilm-Traditionen. Und wie immer, wenn er an seiner eigenen Lustigkeit Spaß hat, überzieht er die Tragfähigkeit der komischen Situationen gegen Ende Films, wenn er die am Anfang immer eingehaltene seriöse Behandlung des historischen Materials zugunsten von Gags stellenweise aufgibt.

    Denn gerade das ist der besondere Reiz von Zelig, daß hier eine Fiktion nicht nur ihren historischen Rahmen, soweit er schriftlich überliefert oder in Nachbildungen erhalten ist, ernst nimmt, sondern sich darüber hinaus ausschließlich von der fotografisch dokumentierten Historie vorantreiben läßt.

  • Das Osterman-Wochenende

    Ins Kino gehen hieß in letzter Zeit zu oft, sich in alte Filme flüchten, Exotika konsumieren oder einfach nur der Pflicht, Zeitgeist zu schnüffeln, Genüge zu tun. Das Osterman-Wochenende ist endlich wieder ein richtiger Film. Ein richtiger Regisseur (Sam Peckinpah), eine richtige Kino-Besetzung (u. a.: John Hurt, Burt Lancaster, Dennis Hopper, Rutger Hauer) und eine richtige, kritische, links-amerikanische Geheimdienst-Medienkritik-Thriller-Handlung.

    Eine Frau, schön, blond und nackt, stirbt auf Video. „Ein schrecklicher Film“ sagt CIA-Chef Lancaster, dabei ist er der Regisseur des Snuff-Movies, die Kameras sind die seiner Organisation, die Killer kommen vom KGB, aber sie handeln in seinem Einverständnis. Das Opfer aber ist die Gattin eines seiner besten Männer, John Hurt. Und der darf nie etwas davon erfahren.

    Rutger Hauer ist ein erzliberaler, unbestechlicher, guter Amerikaner mit Bobby-Ewing-Synchronisationsstimme. In seiner Sendung „Face To Face“ deckt er Skandale auf, läßt Prominente schwitzen, decouvriert Politikaster, bis der Schweiß auf ihren Gesichtern die Charaktermasken zersetzt. Seine Freunde seien KGB-Agenten, will ihm CIA-Mann Hurt weismachen, und er glaubt ihm, sich den Beweisen der Video-Bänder beugend. Die Freunde, der CIA-Mann und viele Überwachungskameras, Monitore und Waffen verbringen mit Frauen, Kind und Hund ein gemeinsames Wochenende auf dem Land, das sich nach und nach vom Psychokrieg in einen blutigen Wahnsinn steigert, mit vielen Peckinpah-Zeitlupe-Toten und raffiniert geschnittenen Action-Sequenzen, deren handwerklicher Standard seinesgleichen sucht.

    Der Fernsehmann und der CIA-Mann, das Studio und der im Wald verschanzte Wagen mit den Überwachungsmonitoren – Peckinpah betont die Ähnlichkeiten. „Ist doch nur eine weitere Szene in der Seifenoper des Lebens“, kommentiert Hurt einen Tod im Wald, und Rutger Hauer, der am Schluß die größte Sensation seiner Fernsehkarriere aufzubieten hat, die Entlarvung des CIA-Chefs als Mörder (was so sensationell ja nun auch wieder nicht ist, aber der Film ist gut genug, einen glauben zu machen, es sei sensationell), empfiehlt seinen Zuschauern, den Fernseher auszuschalten, denn nicht einmal diese Sensation könne sie noch aufrütteln.

    Der CIA-Dissident macht das Fernsehen für das verantwortlich, was real geschieht. The medium is the message. Politik als Inszenierung. Welt als Simulacrum. Netz der tausend Augen. Für Peckinpah nicht Gegenstand intellektueller Beweisführung, sondern eine Stimmung. Sein Film ist konfus, emotional und intensiv, resignierter Protest des alten Regisseurs, der eine Welt vorfindet, in der sein altes liberales Demokratieverständnis im gleichen Maße gegenstandslos geworden ist wie das alte Kino.