Autor: admin

  • Krieg & Frieden: Last Edition

    „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“
    Karl Kraus

    In unserem Land gibt es doppelt so viele Idioten (im klinischen Sinne) wie Kommunisten (in welchem Sinne auch immer). Ein solches Land kriegt die Musikzeitschriften, die es verdient, und die heißen dann Fame. Es ist nicht meines Amtes, andauernd die großen Dummheiten aufzuspüren und beim Namen zu nennen, doch es gibt zwei Gründe, es in diesem Fall zu tun. Der eine ist, daß man es sich einfach schon zu lange angesehen hat, wie gutes Geld verpulvert wurde, als es noch Scritti hieß, der andere wiegt schwerer und ist in einem gewissen Verantwortungsgefühl zu suchen, das mich angesichts der Tatsache beschleicht, daß ich in diesem Blatt schon immer wohlwollend genannt und zitiert wurde und nun auch die verblichene Zeitschrift Sounds, mit der ich viel zu tun hatte, so offenkundig imitiert wird, daß sich die Stimmen mehren, die meinen, dies sei die Ernte, die aus unserer (meiner) Saat aufgegangen wäre. Darum also ist es nötig zu sagen, und ich kann dies nur mit den Worten meines weisen, sprachgestörten Kunstlehrers: „Ich bin ja sehr tolerant, aber davon distanze ich mich.“

    Es ist einfach nötig, klarzumachen, daß das hilflose ideologische Gerede von Modernität, das dieses Blatt durchzieht und prägt, das Gerede von Leuten ist, die nichts weiter vorzuweisen haben, als keine Hippies zu sein, und damit in seiner Struktur dem Gerede von jungen Leuten ähnelt, die sich preisen, im Dritten Reich an der Judenvergasung nicht teilgenommen zu haben. Wo keine Gelegenheit, keine Diebe.

    Der Reigen der Peinlichkeiten: Auch in Hindelang, Hinterzarten und den Vororten Hamburgs scheint verstanden worden zu sein, daß ein Artikel ruhig auch einmal Privates mit dem zu behandelnden Gegenstand verflechten dürfe. Das, was vor zwei Jahren und unter gewissen Voraussetzungen neu (natürlich nur in der BRD) und zuweilen sogar interessant war (wenn’s gut gemacht war, halt), hier wird es Masche, hier darf es sein. Kaum ein Bericht, in dem nicht z. B. das Interesse des Autors für das andere Geschlecht, in der einen oder anderen Form, verschämt hervorlugt. Ist ja nun man auch zu schön, so ’ne Pubertät. Besonders auffällig dieser Zug bei einem Tim Renner, der das halbe Blatt vollschreibt und dessen auch über den NDR verbreiteter Charme eines zweiten Siegers im „Jugend forscht“-Physik-Wettbewerb erst so richtig zu prickeln beginnt, wenn er „das Sexuelle“ (wie er es nennt) streift. Zu „Wherever I Lay My Hat“ fällt einem anderen Autor auf: „Es geht nicht um die Beschönigung eines Frauenhelden.“ Das wäre ja auch noch schöner, wo die Frauenhelden immer die ganzen Frauen einsacken, die die Holden Caulfields und Jungphysiker so gerne hätten. „Es ist eigentlich die Tragik an diesem Spiel, das ganze Rollenverhalten und die verdammte Erziehung über die Jahrhunderte.“ Wir kreisen den Feind langsam ein: verdammte Erziehung (vermutlich sexfeindlich), Rollenverhalten (Frauen mögen immer nur die falschen Männer), Spiel (warum gehen wir nicht einfach aufeinander zu und sagen uns, daß wir uns lieben?).

    Was machen wir nun gegen ihn? „Kann die Musik von Waterboys einen Menschen derart ansprechen, daß er sich ändert?“ Also bei mir klappt es einfach nicht. Waterboys-LP aufgelegt, voll reingebrettert das Zeug, voll aufgedreht, reingepustet – und? Nichts.

    „Sie haben den Mut, gegen den Mode-Kurs zu fahren und sind somit eine der wenigen Bands, die man vielleicht wegen ihrer Musik kritisieren kann, aber auf Grund ihrer Haltung wohl doch eher verehren muß.“ Wohl doch eher. Fame wäre demnach eine Zeitschrift, die man wohl doch eher nicht verehren muß. Verdammte Erleichterung.

    „Sie erzählt, was wir alle gern hören – schöne Geschichten. Über UFOs, Außerirdische, Jesus, gute ‚vibrations‘, Numerologie …“ Wenn’s recht ist, bitteschön, sind das genau die Geschichten, die wir nicht so gerne hören, da wir doch keine Irrenärzte sind, und auch die hören sich so etwas nur gegen Geld an. Ich muß mich also korrigieren: Hippies sind sie auch noch. Aber hier gibt’s wenigstens ein schönes Beispiel für den ebenfalls aus Sounds übernommenen pluralis majestatis, die hier in 50 % der Artikel geläufige Form des Personalpronomens (sonst kräht meistens ein kleines Ich). Aber nicht umsonst heißt dieser Plural wie er heißt: majestatis. Man will zwar heut’ nicht mehr so kleinlich sein, seine Benutzung echten Majestäten vorzubehalten, aber Abitur oder einen anderen anständigen Schulabschluß, den sollt’ man schon haben.

    Zwei Seiten weiter: Der Autor erlebt auf dem Wege zum Interviewpartner eine Irrfahrt. Sounds-Mode 80/81. Es ist übrigens wieder Tim Renner, der auch gleich wieder geil wird: „Keiner, dem nicht heiß wird, wenn sie ihre wunderbaren Beine zeigen und dann auch noch beim Tanzen erotisch an den Fingern lecken.“ Wo lebst du, Junge? Für wenig Geld bietet gerade die Stadt Hamburg Damen, die dir viel mehr als ihre Beine zeigen, und was die erst mit den Fingern machen …

    So, und jetzt zum „New York Special“ und damit zum hybridesten aller Fame-Autoren, einem gewissen Steinhöfel, früher ein großer Fan von mir, immer sehr devot im Umgang, heute protzt er wie zehn nackte Wilde. Da er den 81er-Diederichsen gefressen hat, beginnt er seinen New-York-(sic!)-Artikel mit einer Erwähnung des HSV. Dann aber rein in den Dschungel: „Das Problem war nur, daß der Gig in der 146. Straße stattfand.“ Scheiße, Helikopter mieten, in Harlem als weißer Gott per Fallschirm niedersinken. Was sonst? „Die 110. Straße aber ist die Demarkationslinie, wo von einem Block zum anderen Harlem beginnt.“ Woher kenne ich das jetzt noch? Ach ja, es ist von mir, Sounds 9/82. „Sugarhill, die Plattenfirma Flash’s, riet mir ab, ebenso alle anderen Leute, die ich fragte.“ Doch die Vernunft half nicht gegen einen, der auszog, das Fürchten zu lernen. Erschwerend kommt noch hinzu: „Und das Konzert sollte um 2 Uhr nachts anfangen.“ Da müssen kleine Kinder schlafen, sonst kommt der schwarze Mann, und der ist bekanntlich in Harlem zu Hause. „Als wir ankommen, habe ich seit Kilometern keinen Weißen mehr gesehen. Ich steige aus … und verschwinde im Eingang. Nur Schwarze.“ Mir steht der Verstand still. Wie hat er das überlebt? Welchen Körperteil wollten sie denn zuerst in den Kochtopf werfen? Doch die schwärzeste Stunde ist bekanntlich genau die vor Sonnenaufgang. „Plötzlich sehe ich einen Weißen …“

    Doctor Livingstone, I presume?, „… der sich als der Besitzer herausstellt“ und von dessen Glasperlen die ganze Negerblase abhängig ist, „und noch dazu deutschstämmig.“ Hurra, hurra, der Wüstenfuchs! Oder Carl Peters? Oder Heinrich Lübcke („Liebe Neger!“)? Franz Josef Strauß in Togo, Gustav Heinemann in Kamerun und die Neger singen alte deutsche Volkslieder. Wenig später sitzt unser Mann in New York „mit Cowboy, einem der Furious 5, an einem Tisch und er bietet mir sein Kokain in einer gefalteten Dollarnote an.“ Eine international unübliche Praxis, aber die Neger wissen scheint’s nicht, was sich gehört. Oder meint Steinhöfel ‚durch‘ statt ‚in‘ und ‚gedreht‘ statt ‚gefaltet‘? Africa Bambaataa erzählt dem weißen Mann: „Ich bin verrückt nach griechischer Musik. Ich werde jeden Musikstil ausprobieren.“ Und der weiße Mann schließt daraus: „Dementsprechend ist sein Denken nicht auf die Erde begrenzt, sondern bezieht das Universum mit ein.“ Wem entsprechend? Heute gehört uns Sirtaki und morgen die ganze Galaxis? Aber er muß einräumen: „Ein erstaunliches Bewußtsein für jemanden, der aus der Bronx kommt.“ Aber Junge! Das ist doch immer so bei den Kannibalen – Universum, der Große Geist, Manitou. Aber so ist Steinhöfel: geht zu den Negern und weiß nichts über Naturreligion. Geht zu einem Schwulen und druckt die Komplimente, die er ergattert: „Für 21 bist du fantastisch.“ Seit AIDS ist der schwule Geschmack ziemlich degeneriert.

    Auch Tim Renner traut sich an den schwarzen Mann heran: „Ich hatte gar nicht gewußt, daß es in London so viele Schwarze gibt, alle Straßen waren voll von ihnen.“ Einer will ihm Fisch verkaufen, da kriegt es Tim mit der Angst. Er gibt vor Fisch nicht zu mögen, aber er weiht uns in seine Geheimnisse ein: „Der Grund war bloß, daß ich keine Lust hatte, die ganze Zeit mit einem Fisch rumzulaufen und schließlich noch dessen Geruch anzunehmen.“ Warum nicht? Na, warum wohl? „Man weiß ja nie was später am Abend passiert …“ Das Leitmotiv: Die Geilheit und ihre Abschaffung durch etwas, das passiert. Wir sind noch nicht in dem Alter, wo wir etwas tun. Es passiert uns. Wie der Artikel, wie das Heft. Praecox. „Wenn dich die süßesten schwarzen Mädchen anlächeln …“ Er denkt immer noch an das Eine, scharf wie Lumpi, und scheint begehrt wie James Bond, nur der Augenschein, den der normale Leser wohl kaum vernehmen kann, könnte diesen Eindruck noch aus der Welt schaffen.

    Überblättern wir einmal, gnädig verschweigend, den Kulturteil, allerdings nicht ohne unsere Freude kundzutun über den Scharfsinn, mit dem hier ein Oberschüler den anderen Oberschülern beweist, was ja auch so brennend wichtig für sie ist, daß es nämlich auch heute noch einen Grund gäbe, Sartres nachgelassene Fragmente über Mallarmé deutsch zu veröffentlichen, und zwar weil Mallarmé „einer zusehends unmenschlicher werdenden bürgerlichen Gesellschaft das entschiedenste Nein entgegensetzt.“ Nicht das zweitentschiedenste, nein, das allerentschiedenste Nein, setzt unser guter alter Symbolist dem Rüstungswahn entgegen, spät, aber nicht zu spät, in die Reihen proletarischer Revolutionäre erhoben. Klar, daß eine solche Redaktion auch einen Thome-Film einfach nicht begreifen kann (vgl. Rezension System ohne Schatten).

    Aber, wie gesagt, den voll die Harnröhre strangulierenden, Hämorrhoidenwachstum begünstigenden Effekt erzielt erst der Plattenteil. Singles und LPs, in Sounds-Typographie, aber Schwamm drüber, hört nur diesen Unsinn: „Die vierte LP der Gang of Four vollzieht die für sie maximale Annäherung an den Chic-Diskurs: Eleganz, Modebewußtsein, Souveränität, große Persönlichkeiten, Understatement, Luxus, Hedonismus. Dieser Diskurs bezeichnet schon seit längerer Zeit das gültige, private und öffentliche Statement dieser Zeit …“ Dieser krude Kram ist das gültige Statement … Wenn aber meine Befürchtung, daß der Junge Worte wie ‚Diskurs‘ zum ersten Mal bei Diederichsen gelesen hat und vermutlich einige andere auch, dann kann ich mich nur bekreuzigen (oder wie immer ihr Katholen das macht), dreimal diagonal über die linke Schulter spucken und das „Mea culpa“ beten. Das klingt wirklich wie ein 81er-Artikel von Diederichsen, dessen Worte auseinandergerissen wurden und von einem Computer, der zwar in der Lage ist, grammatisch richtige Verknüpfungen zu bilden, aber sonst nur „Search“ versteht und „Ready“ sagen kann, neu zusammengesetzt wurde.

    Dies hier ist ein nach dem selben Prinzip verunstalteter Kid-P.-Artikel über Aztec Camera: „Wenn du nicht gerne an einem Bach sitzt und träumst, wenn du dich deiner Tränen schämst, wenn die aufgehende Sonne dich nicht tangiert, wenn du nicht gern Tau unter den Füßen spürst, dann laß sie allein gehen. Bist du aber genau wie sie, dann kauf den Soundtrack zu deinen Träumen“, Tim Renner über Virginia Astley. Wer das Original kennt, weiß, wie man ein romantisches Klischee präzise und als solches erkennbar beschreibt und erkennt ebenfalls diesen Schmus hier als das reine Gesäusel. Wer aber liest schon so viel, so genau, und wer wird nicht alles auf diese Ausdünnung, Verschleppung hereinfallen?

    Kid P. sagte mir gegenüber, eine Polemik gegen Fame sei zu leicht, wie waidwunde Elche würden die Autoren einem vor die höhnische Flinte torkeln, aber werden es nicht wieder 23.000 Landeier zu spät bemerken, oder gar nicht?

    Die solide alte Dummheit Bob Segers und des Stern sind mir lieber als dieser neue, sich modern gerierende Schmus. Diese 106 Seiten Gefasel, wovon ich nur Bruchteile hier vorstellen konnte, sind eine mindestens ebenso üble Verkleisterung junger Gehirne, wie alles was Hippies je falsch machen konnten. Wenn der alte Grundsatz noch gilt, daß Revisionisten bekämpft werden müssen, bevor man die Reaktionäre aufknüpft, dann „Auf in den Kampf!“.

    Dies bewog mich auch, diese Kolumne aufzugeben, die mit dieser Folge endet, bevor ich vollends zum New-Wave-Johannes-Gross mutiere.

  • Pauline am Strand

    „Wenn man eine Erklärung findet – und man kann das immer – gibt es immer noch eine andere hinter der ersten“ (Eric Rohmer). Genau. Das macht ja den Ost-West-Konflikt so spannend.

    Die Sommersaison in der Normandie geht zu Ende. Satt-lila blühen die Hortensien. Gleißendes Sonnenlicht überstrahlt die reflektierenden Pfützen im Wattenmeer. Durch Zufall begegnen die Cousinen Marion (die Blonde, die Ältere, die mit dem perfekten Körper, der in seiner Perfektion Henri schon wieder reizlos erscheint) und Pauline (die Jugendliche, die Stille) am Strand den Freunden Pierre (der Typ, der alles falsch macht, der vor lauter polternder Aufrichtigkeit jede Strategie des Werbens vergißt) und Henri (der Erfahrene, der Genießer). Noch am selben Abend kommt es zu einem Gespräch über die Liebe. Die vier tragen ihre Standpunkte vor wie streitende Parteien vor Gericht ihre Sicht einer strittigen Affaire. Es sind Einlassungen, und Rohmer untersucht im folgenden ihre Berechtigung.

    Marion, die geschwätzig nach der 100%igen Liebe verlangt, hat sich in den Ethnologen Henri verliebt. Ein Mann, der stolz auf seine Ungebundenheit ist, ein Anhänger der „Alles was isch ’abe ist in einer Plastiktüte“-Ideologie, ein Mann, der zwischen Frauen und Kontinenten pendelt. Er trägt einen kleinen goldenen Ohrring und macht den Moralisten Pierre rasend. Pierre wartet seit fünfzehn Jahren an diesem Strand auf diese Marion mit dem perfekten Körper, einfach, weil er meint, sie müßte ihn irgendwann lieben. Derweil heiratete und verliebte sich Marion in diesen und jenen, nur nicht in Pierre, der sich nach wie vor damit begnügen muß, ihr beim Windsurfunterricht verschämt um die Hüfte fassen zu dürfen.

    Ganz schön blöd, oder? Aber es gibt solche Menschen. Wir alle kennen mindestens einen, oder? Pauline, der die Spiele der Erwachsenen zuwider sind, die sie vor allem bei Henri vorzufinden meint, der Marion nicht liebt und sich auch noch um die Süßigkeitenverkäuferin am Strand kümmern muß, findet einen gleichaltrigen Sylvain. Einmal muß sie aus technischen Gründen bei Henri übernachten, der am nächsten Morgen, statt sie auftragsgemäß zu wecken, ihre Beine küßt. Mit einem Tritt weist sie ihn zurück und er antwortet mit der einfachen Wahrheit: „Nun isch bin ein Mann, du bist eine Frau. Du hast schöne Beine …“

    Nach einigen Tagen bedeckt sich der Himmel, Verabredungen mißlingen. Wolken von Häßlichkeiten ziehen auf. Henri verdrückt sich zu einer Segeltour. Marion zieht seufzend mit Pauline nach Paris zurück. Pierre wird weitere fünfzehn Jahre in der Normandie auf Marion warten und schlechte Laune verbreiten. Die Hortensien sind verblüht.

    Der Film hat die Einlassungen der Personen zur Sache überprüft, er hat die tragfähigen von den verblendeten Lebensplänen geschieden. Und er hat die Schwächen der großen Rede, des Raisonnement, gezeigt. Daß das Wetter, die Kleidung, jede Bewegung, jeder Satz entscheidend sind: Die Argumente der Kleinigkeiten gegen die großsprecherische Anmaßung.

    Pauline am Strand steht unter dem Motto „Wer zuviel spricht, verliert sich selbst“ aus dem „Perceval le Gallois“ von Chrétien de Troyes. Er ist nach Die Frau des Fliegers und Le Beau Marriage der dritte Film einer Reihe, der Rohmer den Titel „Komödien und Sprichwörter“ gegeben hat. Doch bei Rohmer verliert immer, wer zuviel spricht. Gewinner sind die lakonischen, die reden wie die Filme selbst: In Paradigmen, Aussagesätzen ohne Rhetorik, ohne sich aufzuplustern. In diesem Falle gewinnt Pauline, die mehr weiß, als sie sagt. Die ist genauso unglücklich wie ihr Verehrer, der gar nichts weiß und am lautesten tönt.

    Diese Filme haben keine Psychologie, kein Dahinter, sie zeigen das Leben ihrer Protagonisten unter präzise durchdachten Versuchsanordnungen wie bei einem chemischen Experiment: überschaubare Topographie, begrenzte Anzahl handelnder Personen. Keine suchende, glotzende Kamera, im Mittelpunkt der Dialog. Weil dies alles so paradigmatisch ist, fühlt man sich wie in einem Lehrstück, der hohe Abstraktionsgrad macht alle zu Betroffenen, die spezifischen Lebenspläne und das dazugehörige spezifische Scheitern oder Gelingen ist das Scheitern oder Gelingen in den Leben unserer besten Freunde. Nach dem Film findet man sich vor dem Kino, in Rohmer-Sätzen darüber debattierend, wer denn nun recht gehabt hat.

  • Das neue Hamburg

    „I have a question for all you boys out there: are you girl crazy?“ – „Yeah!“ – „And I have a question for all you girls out there: are you boy crazy?“ – „Yeah!“ – „Then we have some fun tonight!“ – „Yeah!“ – „Damn right!“
    Errol Brown, Sänger von Hot Chocolate, beim HC-Konzert im Stadtpark am Nachmittag des 17.9.1983

    Und hatten wir ihn? Den Fun? Am Abend desselben Tages hatte die „Dirtbox“ ihre Premiere, eine von Subito-Kreisen aufgezogene Veranstaltung, die nach dem Vorbild britischer Clubs wandern soll und von Monat zu Monat an wechselnden Orten ihre Pforten öffnen wird. Diesmal im ehemaligen St.-Pauli-Hallenbad, das auch für sich noch einiges vorhat, was eine nächtliche Nutzung betrifft. Hot Chocolate waren als „special guests“ geladen, entschieden aber nach kurzer Inspektion der Räumlichkeiten durch die Managerin, daß es doch zu voll für eine Welcome Party wäre, zu gefährlich für die supercharmanten Stars, die am Nachmittag mit ihren Greatest Hits trotz widrigster Bedingungen ein Durchschnittsmenschen-Publikum zum glücklichen Funk-Swing trieb.

    Aber der Fun? Erstmals mußten Türsteher dafür sorgen, daß das erweiterte, ja bereits großzügig erweiterte In-Hamburg unter sich blieb. Es war trotzdem eine Massenveranstaltung, die vielleicht an Kleinigkeiten wie schlechter Beleuchtung krankte, aber sub specie aeternitatis ganz großartig und historisch ohne Vorgänger war. Nicht das umfangreiche Video- und Kleinkunstangebot, nicht die herrlichen Räume der alten Badeanstalt waren dafür ausschlaggebend, sondern die Souveränität, mit der hier das neue Hamburg sich zeigte, das in den letzten drei Jahren entstanden ist und nichts mehr zu tun hat mit dem, was früher das Gesicht solcher Massenveranstaltungen prägte: Desinteresse an allen Riten des Gesellschaftlichen, Ununterscheidbarkeit der Teilnehmer, Unfähigkeit zu genießen. Die Dirtbox zeigte – über ein Jahr nachdem die Arbeit von „Alles Wird Gut“ begonnen hatte, der Hamburger Dröggastronomie die Nachtkultur aus den Händen zu nehmen – was man erreicht hatte.

    Dennoch trinkt man auf derlei Megaparties einfach zuviel, verliert sich an zu viele Menschen. Ihre Funktion ist eher die einer Messe, sie ist nicht das eigentliche Amüsement.

    Bild meint: Der neue Rausch der jungen Hamburger sei Rap und Scratch. Die taz befindet dasselbe für Berlin. Die segensreiche Fernsehsendung Formel Eins, die der NDR, der schlechteste Sender der Welt, nicht mehr ausstrahlt, hat nicht nur die deutsche Hitparade vorteilhaft beeinflußt, sie wirkt bis in die verstaubtesten Winkel des Tanzparketts. Deutsche Tanzschulen bieten „Electric Boogie“-Kurse. Nur von Rausch kann natürlich keine Rede sein. Als Run DMC in der Markthalle auftraten, war es erstaunlich voll, mit Vertretern aller bekannten Jugendstämme. Der DJ begann und scratchte und scratchte und keiner tanzte. Stattdessen benahm man sich wie bei einer Eislaufkür. Besonders lange Scratcher wurden mit „Ahs“ und „Ohs“ bedacht wie ein gestandener Dreifacher Rittberger. Als dann die beiden MCs auf die Bühne traten, begannen ein paar Veteranen des alten Rap-Kults (den es hier ja schon ein paar Jahre gibt) mit geübten Imitationen des real thing, aber das wirkte viel peinlicher als die naive Freude im Sitzen, ganz ohne Rausch, über die gelungenen Kunststücke von den Turntables. Ein paar Tage später, bei Newtrament im Kir waren gleich fünf Könnertänzer mitgekommen, und die Discocrowd bildete einen Kreis und sah bewundernd zu wie Schüler auf dem Schulhof einer Schlägerei.

    Was sind dagegen die Routine-Veranstaltungen mit Gang Of Four und Killing Joke? Nett vielleicht, noch mal die Hits der Gang zu hören, nett, eine echte Punk-Menge endlich einmal wiederzusehen, bei Killing Joke, nett zu sehen, wie SPK auf Neubauten-Metall genau das zusammenklopfte, was man sonst auf Disco-Maxis hört. Nette Effekte, nette Abende, aber nichts gegen den tief empfundenen, todtraurigen Regensonntag nach einem Wochenende mit Partyparty.

    Man konnte das Gefühl der nächsten Monate bereits vorkosten, als an diesem letzten letalen Sonntag schwere, schwere Regentropfen in fallsüchtiger Todesverachtung düster, fatal an den Windschutzscheiben der die langen, finsteren Straßen entlangrollenden PKWs herabglitten, der Asphalt eine mattglitzernde Endzeitkulisse. Um Jahre gealtert, nahm man Abschied von der unbeschwerten Jugend, ja die Jugend selbst redet plötzlich wieder über dröge-ewige, ewige Fragen.

  • Go-Betweens

    So peinlich und NDR-haft die Rhetorik ist, die die „leisen Töne“ lobt und gegen das Großmäulige ausspielen will, die Go-Betweens sind exakt der Fall einer extrem begabten, originellen Band, die nicht bekannter geworden ist, weil ihnen jedes Gespür für das Spektakuläre abgeht.

    Die vier, ursprünglich drei Australier veröffentlichten vor über einem Jahr bei Rough Trade ihre erste Langspielplatte, die eigentlich jeden hinriß, der ihr nur ein einziges Mal zuhörte: Unprätentiöse, aber raffinierte und coole Songs, ohne Schmuck, aber treffend, in der Tradition großer lakonischer Künstler wie Jonathan Richman und Loudon Wainwright III, aber abgeschmeckt mit einer guten Prise Punk und Garagensound. Die Besetzung Robert Foster (Gitarre), Grant McLennan (Baß) und Lindy Morrison (Schlagzeug) wird bei aller Kargheit sehr dramatisch ausgespielt, und die drei sehen darüber hinaus so herbe und spröde aus, daß schon das Cover mit der Atmosphäre der Songs harmoniert. Bei Live-Konzerten dürfte sich dieser Eindruck erhärten.

    Nach der untypischen Single „Hammer The Hammer“ erschien dieses Jahr bei Rough Trade Deutschland die LP Before Hollywood, die, anders als die erste, nicht direkt und sofort überrumpelt, sondern kompliziertere Stimmungen verbreitet, die sich erst mit der Zeit entfalten; ein schwieriges, aber tolles Album, das kommerziell völlig chancenlos sein dürfte und sich allenfalls 1990 eines legendären Status erfreuen wird. Es dürfte kein ganz normaler Abend werden, und das Stammpublikum des „Kir“ wird an dieser Gruppe zu beißen haben, deren Humor mit der geläufigen Vorstellung von Amüsement schwer in Einklang zu bringen ist.