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  • Kid Creole & The Coconuts

    Mit den Latino-Disco-Fusionen des New Yorker Elegant August Darnell eroberte das große Entertainment erst das Hip- und im letzten Jahr auch das breite europäische Publikum. Das war vor einem Jahr, doch die Zeiten ändern sich.

    Darnells Karriere begann in der Disco-Showband seines verbrecherischen Halbbruders, Dr. Buzzards Savannah Band, die mit „Cherchez les femmes“ einen großen Hit hatte. Aus der Erbmasse dieser Gruppe war die Partnerschaft Andy Hernandez (Vibraphonist und Arrangeur) / August Darnell (Songwriter) hervorgegangen. Hernandez, auch als Coati Mundi oder Sugar Coated Andy Hernandez bekannt, hat einen vielfältigen Background in der New Yorker Salsa-Szene. Darnell erwarb sich einen Namen als Produzent für das enorm angesagte, aber wenig erfolgreiche Hip-Disco-Label ZE (James White, Lizzy Mercier, Cristina), das schließlich auch die erste Kid-Creole-LP auf den Markt brachte. Das Kid-Creole-Konzept stellte Darnell als hedonistischen Bonvivant in den Mittelpunkt, unterstützt von einer wirbelnden Big Band im Tropen-Outfit und drei Sängerinnen, immer ziemlich halbnackt, die auf den Namen The Coconuts hören. Dazu brachte Coati Mundi Hernandez clowneske Einlagen, sah lustig aus (klein und kahl) und trug hin und wieder einen eigenen Song vor oder sang mit Darnell im Duett. 1981 waren Kid Creole & the Coconuts das Ding in England.

    Die zweite LP war eine Konzept-LP oder Mini-Oper, die sich anschickte, Darnells Alter Ego, eben das Kid, unter dem Motto „If you leave New York you go nowhere“ eine psychologische Weltreise unternehmen zu lassen. Die dritte LP war eine ziemlich slicke Disco-Platte, die das ironisch-intellektuelle Stilmischmasch zugunsten eines leicht genießbaren, cleveren, zeitgemäßen Disco-Stils aufgab. Mit ihr kamen der Erfolg und die Krise: Die Kid-Creole-Show, routiniert, aber immer noch begeisternd, wurde dem Massenpublikum zusammen mit Trio und Ideal serviert. Andy Hernandez rebellierte, weil man seine Freundin aus dem Damentrio entfernt hatte und er immer noch nur einen eigenen Song pro Abend singen durfte (den Spanglish-Rap „Que pasa?/Me No Pop I“, in der Tat regelmäßig der Höhepunkt). Ein Pressekrieg Darnell versus Hernandez entbrannte, der jedoch nichts an der weiteren Zusammenarbeit der beiden änderte.

    Dennoch schienen Darnell die Ideen auszugehen: Das Solo-Album der Coconuts, von ihm alleine geschrieben und produziert, wiederholte nur Altbekanntes und überdehnte das Tropic-Fun- und Hedonismus-Image des Darnell-Clans. Hernandez produzierte Palais Schaumburg und nahm eine Solo-LP auf, die in der Tat vor Ideen birst, aber in ihrer aufdringlichen Gutgelauntheit auf die Dauer die Nerven schädigt.

    Inzwischen haben sich die Coconuts und Hernandez wieder öffentlich aufs Intimste beschimpft und der Talentlosigkeit bezichtigt. Jetzt sind sie wieder auf Tour, mit einer schwächeren vierten LP im Gepäck. Nicht mehr hip, aber hoffentlich noch gut.

  • Die kurzen Nächte der Anarchie

    Sperrmüll: Was nicht in die Mülltonne paßt, konnte abends an den Straßenrand gestellt werden und wurde dort oft genug vor der Stadtreinigung gerettet. Die meisten Kommunen haben diesen Service inzwischen abgeschafft; auch in Hamburg soll es nächstes Jahr damit vorbei sein.

    Manchmal, vor allem nach Einbruch der Dämmerung, sah es aus wie eine Szene aus einem Romero-Film: Zombie oder Die Nacht der lebenden Toten, Visionen einer unerwarteten nächtlichen Revolte durch die Vergessenen, Verbannten. „Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück“ hieß der Werbeslogan eines dieser Filme. „Sperrmüll“ war, wie „Vollmond“, ein solcher Termin, an dem die Ordnung der bürgerlichen, diesseitigen Welt außer Kraft gesetzt wurde. Für die Hamburger Verwaltung muß es jedenfalls bedrohlich ausgesehen haben; denn die für die Abschaffung vorgegebenen Kosten- und Rationalitätsgründe überzeugen nicht einmal die Leserbriefschreiber von Springers Abendblatt. Sperrmüll bedeutet vor allem die Aufhebung des Eigentumsbegriffs. Was auf der Straße lag, gehörte allen, „Mein und Dein“ war außer Kraft.

    Alles darf angefaßt, begrabbelt, auch auseinandergenommen, zerlegt und kaputtgemacht werden. Kein Besitzer ist da, der sein Eigentum schützt oder seine Ware gegen Geld tauschen will. Die Dinge, die da in unförmigen planlosen Haufen liegen, stecken, zwischen anderen Dingen klemmen, sind plötzlich aus der Warenwelt herausgefallen, kennen keinen Eigentümer, Hersteller oder Käufer mehr, sind wie nichts, ohne Referenz. Und doch sind sie ganz massiv materiell vorhanden. Sie sind wie die Menschen, die sie befingern und aufheben, eine Randgruppe, eine Randgruppe der Dingwelt. Waren-Zombies.

    Und was sind Dinge, die keinen Tauschwert mehr haben, was wollen sie, was bedeuten sie?

    Drei Voraussetzungen waren vonnöten, um dem Schrott einer Überflußgesellschaft die kulturelle und ökonomische Bedeutung zu verleihen, die er heute hat. Zuwanderung armer Ausländer, zunehmende Verarmung auch in einer Erste-Welt-Modellkapitalismus-Gesellschaft, vor allem aber die Entstehung und Verbreitung einer erst jugendlichen, inzwischen alt gewordenen Subkultur, die die Konsumgesellschaft laut ablehnte. Hippies und studentenbewegte Studenten waren die ersten und entscheidenden Kunden der großen Warenlager auf den Straßen. Wer erinnert sich noch an die Parole „Dem Establishment die Kinder wegnehmen!“? Wenn es Inneneinrichtungen für erste eigene Wohnungen und WeeGee-Zimmer nicht mehr kostenlos von der Straße zu holen gibt, wird das Verlassen des Elternhauses wieder schwieriger; die christdemokratische Kleinfamilie, die in den Siebzigern wahrhaftig schwere Schläge einstecken mußte, auch sie profitiert von der Abschaffung des Sperrmüll-Systems.

    Vor allem aber waren die alten, weggeworfenen Möbel und Haushaltsgegenstände eine ideologische Angelegenheit, und zwar eine verdammt wichtige! Die Nichtware Sperrmüll paßte nur zu gut zur warenfeindlichen, asketischen Grundhaltung der ersten Welle jugendlichen Andersseinwollens. Es war egal, ob dieser Tisch vor seinem Warentod ein kafkaesker Bürokratenschreibtisch oder ob er ein schlichtes Küchenmöbel war; der Konsumfeind reduzierte ihn auf seine Funktion. Unterschiede zwischen funktionsgleichen Gegenständen galten als Finten des Konsumterrors. Möbel wurden als bedeutende Zeichen innerhalb eines ästhetischen Systems genauso ignoriert wie Kleidung; die gleichartigen langen Haare, Parkas und Jeans korrespondierten mit der alle Setzungen und Entscheidungen nivellierenden Stilwillkür in den WeeGees. Ich erinnere mich, daß es eine Zeitlang großen Spaß gemacht hat, all die Bezugssysteme, die die Elterngeneration für einen Gegenstand aufbrachte, vom Warenpreis bis zum Statuswert, einfach mit einer einzigen großartigen Vernichtungsgeste außer Kraft zu setzen. Gleichmacherei in der Dingwelt – das war eine kräftige Revolte im Privatleben, ein befreiender Rundumschlag, der Luft zum Atmen schaffte.

    Natürlich war dieser Zustand nicht lange zu halten. Irgendwann entdeckte ich beim Ausziehen aus der ersten Wohnung, daß mein Schreibtisch, dem ich bis dahin genausowenig Beachtung geschenkt hatte wie den willkürlich um ihn herumgruppierten Gebrauchsgegenständen, ein kraftvolles Althamburger Kontormöbel war, das nur zu gut in den gerade mit großem Spaß gelesenen Teil des Zauberbergs paßte und daher unbedingt erhaltenswert war. Während der Rest des Gerümpels, gesichtsloses BRD-Zeug, gerne wieder auf einem Sperrmüll landen durfte, von dem ich es ein paar Monate zuvor entnommen hatte.

    Die Subkultur konnte sich das Schleifenlassen der Bedeutungssysteme auch nicht länger leisten. Aus der Befreiung der Dinge wurde die ekelhafte, neospießige Vorliebe für das SCHÖNE ALTE, eine blöde Variante des Antiquitätensammelns. Im Gegensatz zur Leidenschaft der Antiquitätenbesessenheit interessierte bei dieser Obsession nicht die spezifische Geschichte eines Gegenstands, die Zugehörigkeit zu den Epochen, Bewußtseinsmodellen oder alten Filmen, sondern einzig und allein der Umstand, daß er, der Gegenstand, schön alt war. War es in der ersten Phase der wilden Ignoranz den Dingen gegenüber völlig egal, ob etwas alt, neu, aus Metall, Plastik oder Eiche gemacht war, Hauptsache es erfüllte seine Funktion, so entstanden jetzt seltsame Präferenzen für alle möglichen Indizien im Material, die keinen Zweifel am erhabenen Alter des erwählten Einrichtungsgegenstands aufkommen lassen konnten. Dieselbe Sorte Mensch findet meistens auch heute noch, daß der Klang einer akustischen Gitarre („irgendwie menschlich“) den vielfältigen Tönen eines Synthesizers („irgendwie unmenschlich“) vorzuziehen sei. Diese Obsession für das Alte mochte sich hinter vernünftigen Argumenten verstecken (Recycling etc.), wenn man entsprechende, schön-altmöblierte Wohnungen betrat, machte einen das Interieur Grausen, erschrak man vor der schrecklichen Wahrheit: Der Muff von Jahrhunderten hatte auch die Herzen dieser alt gewordenen Konsum-Boykotteure von innen staubig gemacht. Wie in einem Sumpf sackten die Bewohner gemeinsam mit ihren abgestorbenen Gegenständen immer tiefer in eine moderige Vergangenheit: Kerzen flackerten auf Lambrusco-Flaschen, Leonard Cohen oder bei simpleren Gemütern Cat Stevens zirpte weltschmerziges Zeug aus der „Anlage“, in der Regel der einzige neuwertige Gegenstand einer solchen Wohnung, und man machte den Bewohnern gern den Vorschlag, das ganze Zeug doch mal weiß zu lackieren, damit etwas mehr Frische in ihre Existenz gelänge.

    Doch sie lehnten meistens müde ab: Frische war schließlich ein suspekter Begriff aus einer zutiefst verlogenen Werbewelt. Daß sie in ihren Asbach-Uralt-Wohnungen anderen Stereotypen aus der gleichen Welt aufgesessen waren, wollten sie nicht verstehen.

    Kein Wunder, daß im Zuge der Establishment-Werdung dieser einstigen Subkultur bald auch kommerzielle Sperrmüllbetriebe entstanden. Flohmarkt-Stände und Billig-Antiquitätenläden boten den inzwischen als Ware wiederbelebten, mit neuem Tauschwert versehenen Gegenstand Sperrmüllmöbel für Geld an. Die Aura des Befreiten, Kostenlosen, die den ursprünglichen Reiz des Sperrmüllobjekts ausmachte, wurde nun für teures Geld gekauft, als eine dem schrabbeligen Altmöbel anhaftende Eigenschaft, die auch dann noch Bestand zu haben schien, wenn das Ding gar nicht mehr kostenlos war. Derweil machte ein nach eigener Einschätzung „unmögliches“ schwedisches Möbelhaus einen Reibach mit möglichst eigenschaftslosen, möglichst natürlichen, möglichst funktionellen Möbeln.

    Doch während Mittzwanziger bis Mittdreißiger zwischen nordisch-aufgeklärten IKEA-Möbeln oder schön-altem Schrott ihr Dasein fristeten, wuchs eine neue Generation von Sperrmüllbenutzern nach. Für die, nennen wir sie einmal vergröbernd Punk-Generation, gilt in einem Punkt das Gegenteil von dem, was den Sperrmüll-Umgang der ersten Sperrmüllepoche ausmachte. Gerade die Bedeutung eines Objekts, sein ursprüngliches Bezugssystem, ist für diese Generation extrem wichtig. Diese Form-bewußten Jahrgänge 60ff. betonen in Kleidung, Musik, Sprache die Bedeutung des kleinen Details, jede Haarsträhne ist ein bedeutendes Zeichen. Vor diesem Hintergrund hat sich auch der Umgang mit kostenlosen Möbeln von der Straße geändert. Anarchie und Aufhebung des Privateigentums sind nicht mehr die ganz großen Sensationen für diese Altersgruppe. Für sie steht auch nicht das Alte, sondern das Besondere, Differentielle des jeweiligen Fundstücks im Vordergrund. Die Kombination von Gebrauchtem, anderen Systemen entnommenen Versatzstücken ist ein Essential der neuen Subkultur-Ästhetik. Denn diese Ästhetik hält die vorgefundene Kultur ohnehin für eine einzige riesige Sperrmüllhalde. Niemandem gehört hier nichts, keiner ist der Eigentümer/Autor, der irgendwelche Ideen besitzt und festhalten darf. Die eilig wechselnden Moden und Gegenmoden dieser Generation beruhen auf allen Arten von Kombinationen und Montagen vorgefundener Zeichen. Für die Sperrmüllstraße heißt das: Die junge Subkultur sucht und untersucht noch genauer und bewußter. Ihre andere Welt sieht noch ausgeprägter anders aus, und für die Behörden wird die Anwesenheit des Bedrohlichen, Aggressiven, Unverständlichen auf den Straßen noch unumgänglicher. Ihre Abschaffung wird noch nötiger.

    Natürlich kann man kaum annehmen, daß sich dieser Schritt für die Verantwortlichen bewußt als kulturpolitische Repressionsmaßnahme darstellt. Natürlich vertrauen sie den Formeln ihrer Ratio, berufen sie sich auf Beschwerden von der Bevölkerung, die sich von Dreck belästigt fühlt, und von Stadtreinigungsangestellten, die argumentieren, die Suchenden würden die Müllhaufen zu sehr auseinandertragen und so den Abtransport erschweren (dabei ignorierend, daß die Sperrmüllkunden im Schnitt gut die Hälfte der Müllmenge mitnehmen). Dennoch ist ebenso klar, daß hier ein anti-subversives Wollen seinen kleinen Sieg davongetragen hat, über welchen Dienstweg auch immer.

  • Krieg & Frieden: The Story of the Blues, Part II

    Um wieder mal einem dieser Fernsehabende zu entgehen, an dem doch nur Peter W. Jansen und Hannes Keil von Phantasie und Wirklichkeit gesprochen hätten, sah ich mir an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die Gruppen Killing Joke und Gang Of Four an und konnte mir jetzt, so viele Jahre nachdem die eine Gruppe für das Eine stand (Marx, Intelligenz, Klarheit) und die andere für das Andere (Okkultismus, Schwachsinn, Mittelalter), den Gedanken leisten, daß bei Nutella Käpt’n Nuß drin ist, auch wenn Nutella draufsteht, will sagen, nachgerade evident zeichnete sich die Erkenntnis ab, daß das Wesentliche, was alle nichtpoppigen, Nicht-82er Punk-Nachfolgegruppen, insbesondere jene neue, uns älteren so wenig verständliche, positive oder New-Punk-Musik, vereint, und eben auch Gang Of Four und Killing Joke, der sexuelle Aspekt ist, der Body-Faktor, das Grooveding.

    Erstmals in ihrer langen Geschichte hat sich die weiße Rasse von ihren Sitzplätzen erhoben und begonnen, ihre ungelenken, verstauchten, verkrampften Glieder zu bewegen nach neuen, eigenen Rhythmen. Das war das Ding der letzten fünf Jahre, und da kann mir keiner mit der Weisheit kommen, Heaven 17, Haircut 100, Sex Pistols oder Brian Auger & The Trinity seien weiße Tanzgruppen gewesen, nein, in erster Linie Pop, sowie Chic vielleicht, tanzbar, aber in erster Linie Pop. Wahre Tanzmusik, die wie im Falle Clinton auch Kunst sein kann, ist gewalttätig und schmerzhaft und eigentlich kein Vergnügen. Niemand kann mir erzählen, daß er „Planet Rock“ oder diese langen psychedelischen Funks von Sly & The Family Stone wirklich gerne hört. Der wahre Funk tut weh, so weh wie ein Abend an den Boxen von Killing Joke. Der Unterschied zwischen Popkunst und solcher Tanzmusik ist wie der zwischen Lesen und Vorgelesen bekommen.

    Hardrock und Headbanging war so etwas wie das Neandertal des weißen Körpers, Pogo die Erfindung des Rades und Killing Joke – das ist ein erster bolleriger Bollerwagen mit notdürftig abgerundeten Wackersteinen als Räder. Bei Gang Of Four liegt der Fall ähnlich. Doch wo Killing Joke den Schmerzeffekt erzielen, indem sie laut und eintönig und unmelodisch sind, setzen Gang Of Four auf Jimi Hendrix und die Schönheit verzerrter Gitarren. Unglaublich, dieser Zwang des Andy Gill in die – als Dramaturgie mißverständlichen – Pausen und Zwischenräume hineinzurauschen und zu zerstören, was weich und schlapp klingen könnte. Gerade die Gang Of Four begannen als ein Popkunstphänomen. Die typische britisch-clever arrangierte Agglomeration von kleinen Verweisen hierhin und dorthin. Die Musik, die mit Innovation und Basics kokettierte, Dr. Feelgood, Marx, Hendrix, Medienkritik, Wilhelm Reich undsoweiter – alles deutete auf eine dieser hippen, flinken britischen Ideeideen, die für einen Sommer begeistern können, die für einige Monate voller Wahrheit und Schärfe lustvoll durch die Welt getragen werden. Dann kam die zweite LP, die war genau wie die erste, was ein Riesenfehler ist, wie man weiß, im Pop-Bereich, und alles gähnte. Die dritte war das Comeback als Popband und es brauchte eine vierte mit nur zwei guten Stücken, um zu begreifen, meinetwegen bis ich begriff, daß es hier um etwas ganz anderes ging, daß der Pop-Charakter der Gang nur ein kurzfristiges Nebenprodukt war, auf das man nicht so viel geben sollte wie auf das Killingjokige Hauptanliegen: den weißen Arsch, den verformten, in Bewegung zu bringen.

    Soziologen wäschen seit einigen Jahren von nichts anderem und überhaupt ist Neo-Primitivität das Anliegen von jedermann zwischen Malcolm McLaren und Lech Walesa. Meistens kommt aber eben doch und zum Glück weiße Popkunst oder schwarze Popkunst heraus. Aber das ZURÜCKZURNATUR läßt sich nicht unterkriegen, sie geben nicht auf, den Körper, der in Wahrheit einem Buch ähnlicher ist als einer Maschine, für ein unbesetztes Stück Natur auszugeben, zu dem es ein möglichst feucht-sexuelles Zurück geben kann, eine wilde nackte Orgie um ein lautes Trommelfeuer. Sie wollen Indianer spielen und nachts draußen im Zelt schlafen.

    Diesen Fehler hat die schwarze Tanzmusik, von der sie die Härte und Schärfe abgeguckt haben, nie begangen. Der schwarze Körper war nicht irgendein verbuddeltes Ding, das man freilegen mußte, das aus irgendeinem Innen herausgeholt werden mußte, der schwarze Körper ist ein lustiger Charakter aus einem Comicstrip, der schwarze Körper ist der Atomic Dog und ausgedacht hat ihn sich George Clinton und James Brown und nicht Hermann Hesse und C.G. Jung. Deswegen können sie ihren Arsch nämlich bewegen, weil er ihnen selbstverständlich ist und nicht eine pathetische Errungenschaft, für die man lärmen muß und sich verdammt ins Zeug legen und ägyptische Mythologie reinpowern (wie Jazz von Killing Joke). Andererseits sind die Killing-Joke-Fans eindeutig sympathischer als die alternden Musikfachleute, die es in der Regel besser wissen wollen und Costello und XTC lieben. Vielleicht müssen die Weißen diesen dornenvollen Weg zum Groove gehen, den neunfachen Pfad der Mißverständnisse und bourgeoisen Illusionen. McLaren wollte den jungen Primitiven als appetitliche Erscheinung, an der sich Leute seines Alters weiden konnten. Eine sympathische Illusion, die Wirklichkeit sieht entsprechend häßlicher aus, sie heißt Sex Gang Children, Killing Joke und Virgin Prunes, aber auch Wham. Auch ein whamiger Jugendlicher kann sich für Killing Joke erwärmen, er mixt den Pop-Gehirn-Groove von Wham, die eher mit dem Wunsch nach Ferien und Partys zu tun haben, mit dem Polter-Body-Groove von Killing Joke oder Gang Of Four, die eben nackt am Lagerfeuer sitzen zu wollen meist nur ungenügend verheimlichen.

    Und diese Jaz Colemans oder lehmbeschmierten Virgin Prunes haben, das muß ich notgedrungen zugeben, auf ihre eigenartige Ober-Jahre Art ihre Art von Sex, den ja auch einige Hippie-Gruppen hatten. Jaz Coleman ist eine peinliche New-Wave-Ausgabe von Sean Connery, auch wenn er sich wie ein dummer Straßenkünstler schminkt.

    Das neue Ding wird also eine Funkisierung, eine antimelodische Zerstörung sein, die das alles weiter treiben wird und dann vielleicht 1993 beim 70er Stand von Sly angekommt. Was sein muß, muß sein. Jedenfalls wird im gleichen Zug die superslicke Oper, das Melodienfeuerwerk und alles was sonst noch unter „intelligenten Pop“ läuft, sein Gesicht verändern. Ob die Antwort auf den wahren, weißen Funk von Boy George kommt, bleibt abzuwarten, könnte sich aber nach Singles wie „Time“ oder „Karma Chameleon“, den beiden größten Triumphen der Melodie in diesem Jahr, abzeichnen.

    In Mr. Deeds Goes To Town von Frank Capra ist Gary Cooper ein Millionär geworden, naiver Aphorismendichter. In New York speist er bei „Thullios“ (Slogan: „Eat with the Literati“), um echte Dichter zu sehen. Diese machen sich arrogant über ihn lustig. Nur einer, McLaren, hat ein Herz für ihn und geht mit ihm Saufen. Am nächsten Tag wird Gary Cooper von seinem Diener geweckt, der ihm eine Prärie-Auster credenzt und auf die Frage „Was habe ich gestern gemacht?“ entgegnet: „Sie standen in Unterhosen mit dem Nobelpreisträger McLaren auf der Straße und sangen ‚Retournons à la nature‘“.

  • Ein altmodischer Weltenretter

    Ist der neue James Bond-Film Octopussy wirklich nur ein Märchen von Kalten Kriegern für den heißen Herbst?

    Ein Brite in den besten Jahren, eingezwängt in die Enge eines Cockpits, flieht. Gelangweilt bis milde amüsiert dreht er seinen Roger-Moore-Kopf und registriert mit der Miene eines Aristokraten, der sich beim leider nicht vermeidbaren Stadtaufenthalt gerade eines lästigen Bettlers entledigt hat und nun schon wieder angehauen wird, ein raketenartiges Geschoß, das das nichtswürdige Militär einer ebenso nichtswürdigen Bananenrepublik auf ihn abgefeuert hat. Er weiß, daß er nicht ausweichen kann, das fiese Flugobjekt würde jeden Kurswechsel mitmachen. Doch 007 besiegt moderne Waffentechnik mit klassischen Listen. Da unten ist diese Flugzeughalle, in der sich das bananenrepublikanische Kroppzeug zusammenrottet, plötzlich zum Himmel starrt, auseinandersprengt … doch zu spät.

    Die meisten Leser müßten wissen, was jetzt passiert. Keinem Kinogänger konnte diese Szene in den letzten Monaten entgehen. Sie ist gleichzeitig Trailer (Werbespot) und Prä-Vorspann-Eröffnungssequenz des neuen Bond-Abenteuers. 007 jagt seinen Mini-Jet durch die sperrangelweit aufgerissenen Flügeltüren der Halle, die Rakete hinterher. Selbige explodiert dort und vernichtet mehrere Juntas, während Bond auf einer Landstraße landet, die Tragflächen einklappt und mit seinem nunmehr zum Kfz umfunktionierten Düsenjäger vor einer einsamen Tankstelle ausrollt: „Volltanken“.

    Da quietscht das Kino-Publikum vor Vergnügen, und tatsächlich ist der Superheld als liebgewonnene Figur der Pop-Kultur nur zu halten, wenn man so eine exotische und clever zurechtgezimmerte Figur wählt wie den unverwüstlichen 007. James Bond benutzt zwar die amerikanische Erfindung der Omnipotenz, aber er füllt sie mit europäischen, speziell britischen Ideen und Traditionen aus, in ihm vermischt sich europäische Resignation mit einem Nachklang versunkener britischer Weltherrschaftsansprüche zu einer seltsamen Superhelden-Identität, die die Grundvoraussetzung aller Spionage-Plots ignoriert: daß auf der einen Seite die good guys, auf der anderen die bad guys stehen.

    Bei Bond wird den Amis zwar ihr Imperium zähneknirschend als Realität, an der man nicht vorbeikommt, zugestanden, die Russen sind eh meist arme Säue, die den Leuten aus den eigenen Reihen Streiche spielen und die anders als die Amis und im Gegensatz zu weitverbreiteten Auffassungen nicht einmal wie Imperialisten aussehen: grundsätzlich gilt jedoch, daß beide Supermächte nicht in der Lage sind, die Weltherrschaft angemessen zu verwalten. Blöde und vertrottelt sind sie der Eigendynamik ihrer Militärmaschinerie ausgeliefert. Wäre da nicht der überlegen agierende britische Geheimdienst, schon oft hätten sie sich gegenseitig in die Luft gejagt, in Kriege verwickeln lassen oder sich von Ernst Stavro Blofeld oder anderen Finstermännern mit Welteroberungsphantasien in die Luft jagen lassen.

    Dabei ist die 007-Welt nichts anderes als eine Welt, in der das britische Kolonialreich und die dazugehörige Kultur noch völlig intakt sind, nur verrutscht aus der Welt der offiziellen und offensichtlichen Politik ins Unbewußte der Politik, in ein Schattenreich, wo geheime Türen, unterirdische Gänge, verbotene Inseln, Colts und Frauen von Rasse und Klasse das Leben regeln. Alles, was im Bondland geschieht, könnte auch im vorigen oder vorvorigen Jahrhundert geschehen sein: Frauen werden erobert, mit Smartness und Verführungskunst, so wie man das damals machte, die Welt wird bewohnt von entweder devoten Hilfsvölkern, die der britischen Krone bereitwillig Sklaven zur Verfügung stellen (und für ihre Dienste für 007 in der Regel ihr ohnehin wenig ersprießliches 3.-Welt-Leben opfern müssen) oder von feigen, säbelschwingenden oder sonstwie mediäval bewaffneten Banditen und Barbaren, die sich genauso bereitwillig den Bösen zur Verfügung stellen. Und selbst wenn Bond in Gefangenschaft gerät, wird er behandelt wie ein feindlicher Offizier zu Zeiten behandelt wurde, als das Kriegshandwerk noch ein Handwerk war: man lädt ihn erstmal zum Dinner ein (danach wird er dann meistens mit den Details seiner bevorstehenden Exekution vertraut gemacht).

    Kein Wunder, daß die Feuilletons Octopussy, dem neuesten, wieder sehr spritzig von John Glen in Szene gesetzten Bond-Film, eine „hergesuchte“ Story und „Unwahrscheinlichkeit“ vorwerfen. Naiv wie sie sind, ahnen sie halt nicht, daß nicht Ron im Oval Office per Knopfdruck und Telefon über Wohl, Wehe und Fortbestand dieser Welt befindet, sondern 007, irgendwo da draußen in Indien oder Ostberlin auf der Flucht vor indischen Elefanten oder teuflischen Messerwerfern.

    James Bond ist eine Figur der 50er Jahre. Daß er weder an Aktualität, noch an Attraktivität eingebüßt hat, wird wohl daran liegen, daß sich an der weltpolitischen Lage und den damit verbundenen Ängsten von uns Europäern nichts Wesentliches geändert hat. Holocaust, one way or the other, bleibt Thema Nr. eins. Die andere unverzichtbare Bedrohung, die aus der frischen Erinnerung an den deutschen Faschismus in den 50ern Eingang in die Bond-Mythologie fand, hat man modifiziert: Der leicht teutonisch wirkende, meist wuschelige, weiße Katzen streichelnde Großbösewicht, der aus lauter Irrationalismus die Unhöflichkeit besitzt, die Welt unterwerfen zu wollen, koste es was es wolle, ist durch zeitgemäßere Monstren ersetzt worden.

    Voraussetzung bleibt das mulmige Gefühl, das die Europäer, namentlich die Briten, wohl weniger die Deutschen, beschleicht, wenn sie sich vergegenwärtigen, daß die Geschicke dieser Welt in den Händen quadratschädeliger Yankees oder unterzivilisierter Iwans liegen. Ein Gefühl, in dem sich Nostalgien reaktionärer Art und „progressive“ Neo-Nationalismen treffen, aber das von Bonds charmanter Ironie auch nicht verschont bleibt und hin und wieder der gebotenen Lächerlichkeit ausgesetzt wird.

    Bond bezieht seine Aktualität auch nicht aus den derzeit so beliebten Spekulationen über Computer und technische Revolutionen aller Art. Die als technische Neuerungen ausgegebenen kleinen Waffenspielzeuge vom Schlage Giftkugelschreiber oder Abhördigitaluhr, die Waffenexperten des Secret Service Bond immer wieder andrehen, sind genau die Sorte Erfindungen, die man aus einer Zeit kennt, als man noch Elektronengehirn zum Computer sagte und Lügendetektoren das neueste Ding waren. Alles Moderne an Bond wirkt so unmodern wie Taucherkugel, Draisine und Heißluftballon, Bond widersteht der Moderne erfolgreich auch noch im All und angesichts der H-Bombe.

    Nein, das Aktuelle kommt immer aus der diplomatischen Absurdität, die den Filmen im einzelnen zugrunde liegt, diesmal ist es eine ganz besonders schrille Stammtisch-Polit-Theorie. Analog zu Kubricks Dr. Strangelove (Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben), wo der ausgeflippte General James D. Ripper gegen den Willen seines von einem besorgten Peter Sellers verkörperten Präsidenten einen Holocaust vom Zaun bricht, ist es hier ein spinnerter General Orlov, der es wieder gegen den Willen seines überaus friedfertigen, milden Generalsekretärs nicht länger mitansehen will, wie die UdSSR ihren Vorteil an konventionellen Waffen leichtfertig bei Abrüstungsverhandlungen an die NATO verdaddelt. Womit Orlov wohl nicht ganz unrecht hat. Doch sein Plan ist teuflisch, phantasievoll und originell: Wenn eine amerikanische Atombombe auf einem US-Stützpunkt in der BRD hochginge, müßte doch eine dermaßen machtvolle Abrüstungsbewegung losbrechen, daß der NATO nichts anderes übrig bliebe, als atomar abzurüsten und den Weg für einen konventionellen Siegeszug der Roten Armee freizumachen. So der Plan Orlovs, der haargenau der westlichen Propaganda über die Notwendigkeit der Nachrüstung aufgesessen und offensichtlich zu naiv ist, Propaganda als solche zu erkennen, ja tatsächlich glaubt, Kriegsvorbereitung ließe sich von Friedensbewegungen stören. Aber wir können wohl davon ausgehen, daß im Falle einer wirklichen Katastrophe auf der US-Basis Feldstadt, Western Germany, genau die Überlegungen aus dem kranken Hirn eines Orlov als Erklärung für den Vorfall in den hiesigen Medien präsentiert würden. Bond bringt die westliche Paranoia-Propaganda darüber hinaus auf den Punkt, indem er das, was als Regelfall russischer Mentalität hierzulande verbreitet wird, als Ausnahme darstellt. Während der väterliche Generalsekretär und der russische Botschafter in London, der nachher die anglorussischen Beziehungen wieder einrenkt, als ausgesprochen sympathische alte Herren erscheinen, der Generalsekretär gar mit Original-Breschnew-Brauen.

    Doch auch diese Russen sind nichts anderes als Darsteller ihres eigenen Klischees, grelle Comic-Figuren, aber solche, die es gerne sind, denen es gefällt, einen Platz zugewiesen zu bekommen in dieser unübersichtlichen Welt der Geheimdiplomatie mit ihren rasant und willkürlich wechselnden Schauplätzen, Akteuren, Spielregeln, wo nur die wirklich gut abgehangenen, klassischen Stereotypen von Bestand zu sein scheinen, bis auch sie gnadenlos aufgelöst werden und nur noch eins zählt: Colt und Frauenkörper, wie sie in dem zeitlos-psychedelischen Octopussy-Vorspann schwerelos durcheinanderwirbeln. Drumherum diese Welt aus Witzfiguren, wie jene Deutschen, die den trampenden Bond zur US-Basis in Feldstadt mitnehmen und dabei unausgesetzt Bier und Würste verschlingen, wie diese Inder, die ewig Schlangen beschwören müssen, auf lästigen, spitzen Nägeln herumliegen, Schwerter verschlingen und diese Tätigkeiten erst aufgeben, wenn ein Agent namens Double-O-Seven großzügig Rupien in die Menge wirft, um sinistre Verfolger abzuschütteln. So halten Stammtischideen eine Welt in Atem, die sich willig in die Arme der sie zum Narren haltenden, verführerischen Klischees wirft.

    Von Bestand sind nur die Männerphantasien an den Swimming Pools dieser Welt, die Scherzchen mit Miß Moneypenny, die Bond seit zwanzig Jahren und dreizehn Filmen anhimmelnde Sekretärin seines Chefs M, und die immer gleichen Schlußsequenzen, die Bond in irgendeinem Boot auf irgendeinem Gewässer mit irgendeinem Bond-Girl zeigen (auch für zünftige Trivialsymbole ist Bond immer zu haben), diesmal mit „Octopussy“, der Anführerin eines Amazonen-Schmuggler-Ringes, die Bond beim Weltretten zur Seite steht und dafür mit Sex und einer 1a-Lebensrettung großzügig honoriert wird.

    Nicht das spießige „Politik ist ein schmutziges Geschäft“ ist Bonds Maxime, Politik, d. h. Weltretten, ist schon spaßig, aber aus Bonds Lächeln spricht der Skeptizismus einer alten Welt, die alles schon hinter sich hat und nun nur noch darauf achten kann, daß die neuen Welten nicht zu viel Scheiß machen.

    Die englische Zeitschrift Marxism Today würdigte unlängst den Nationalhelden Bond und unterschied dabei zwischen dem progressiven Bond der frühen Jahre und einem konservativen Bond der Siebziger, ersterer wäre demnach Sean Connery, der bestenfalls ein guter Schauspieler genannt werden kann, der Bond angemessen verkörpert. Unter dem Druck des angekündigten Sean-Connery-Comebacks als James Bond, noch in diesem Herbst, ist mit Octopussy ein Film entstanden, der die Qualitäten des frühen Bond mit denen der beiden schrillen, die Welt politischer Übereinkünfte restlos zersetzenden Hitchcock-Spionage-Werke Topaz und Torn Curtain verbindet.

    Wahrscheinlich leistet sich Bond nie mehr Marxismus, als seine Produzenten Saltzmann und Broccoli oder seine Sponsoren von Seiko bis zum indischen Fremdenverkehrsamt gestatten, aber mir gefällt dieser Gedanke nicht. Bond steht unter keinem Einfluß. Richtiger scheint mir die Annahme, Bond selber entscheidet über Bond, und Bond ist nun einmal ein kultivierter, lebenslustiger Brite in den besten Jahren, der den Colt und die Octopussys dieser Welt jeder Theorie vorzieht, auch der weniger grauen.