Autor: admin

  • Krieg & Frieden: The Story of the Blues

    „Sitting at home … watching the Late Late Show
    I’m down to seeds and stems again, too …“

    Commander Cody and his Lost Planet Airmen, „Down to Seeds and Stems Again Blues“

    Charlie Parker starb, während er über einen Witz in einer Fernsehshow lachte.

    Der Schalker Tüfekci war in der letzten Saison eine erfreuliche Erweiterung der notorischen, vereinstypischen Galerie markanter Charaktere. Er war nicht nur Türke und gut, er hieß auch mit Vornamen Ilyas. Da jedoch sein deutscher Verein Schalke 04 in letzter Sekunde doch seinen Abschied von der leistungsstarken, in aller Welt gerühmten ersten deutschen Fußballliga nehmen mußte, zog es den originellen Osmanen in seine Heimat und er unterschrieb bei der traditionsreichen Mannschaft mit dem onomatopoetischen Namen: Fenerbahçe Istanbul. Seiner Freundin, ebenfalls vom Bosporus stammend, gefiel das Leben in der Türkei nicht. Sie wollte in Gelsenkirchen bleiben. Tüfekci – welche Gründe ihn auch immer dazu bewogen haben mögen, den Verein der festentschlossenen Freundin vorzuziehen – ging dennoch. Seine Verlobte nahm sich das Leben.

    Neulich konnte man im Fernsehen erleben, wie Stan Libuda, Außenstürmergenie vergangener Tage, Architekt des 5:2 über Bulgarien, damals in der Höhenluft von Léon, mit der rührenden Direktheit des Ruhrgebiet-Fußballers, der Kamera, die ihn in der Nähe irgendeines städtischen Tümpels zwischen Trauerweiden postiert hatte, anvertraute, wie er noch heute unter dem Bundesliga-Skandal und dessen verheerenden Folgen für ihn und seine Karriere leiden müßte. „Ich hätte schon gern noch ein paar Länderspielchen mitgemacht“, schnüffelte er. Es war so traurig.

    Vicki Morgan war, soweit ich weiß, mehr als ein Jahrzehnt die Geliebte des Alfred Bloomingdale, großer, reicher, perverser, amerikanischer Kaufhaus-Millionär und Reagan-Intimus. Nach dessen Tod behauptete Vicki, Alfred von Perversionen „geheilt“ und manches mehr getan zu haben, das sie berechtige, einen nicht unerheblichen Teil der erheblichen Hinterlassenschaften einzustreichen. Die Nation zeigte mit dem Finger auf die Hure, und sie verlor den Prozeß. Jetzt verlor sie das Leben. Ausgerechnet sie, über die kübelweise Unrat geschüttet wurde, ausgerechnet sie wird von einem Einbrecher, der sie nicht vergewaltigen wollte, sondern nur den Rest ihrer Habe rauben wollte, umgebracht.

    In Detroit hat man übrigens jetzt eine nächtliche Ausgangssperre für Jugendliche verhängt und das mit der aufs Unerträglichste angewachsenen Jugendkriminalität begründet. Das deutsche Jugendschutzgesetz will die Jugend vor der Welt schützen, in Detroit wird die Welt vor der Jugend geschützt.

    In wenigen Zeilen melden die Tageszeitungen tödliche Unfälle junger Menschen. Drei kurze Sätze, Vorname des Opfers, Initial des Nachnamens, Klammer auf, Altersangabe, Klammer zu. Drei Tage später erscheint in der Regel die Todesanzeige der Familie und man kann sehen, ob es arm oder reich, das einzige Kind oder eines aus einer großen Schar getroffen hat, sich dabei ertappend, wie man denn doch immer wieder nach einer Systematik im Schöpfungsplan forscht.

    Es wird über kurz oder lang, früh oder spät, doch dazu kommen, daß sie alle wieder den Blues singen. Wenn den Menschen alle Verteidigungsmöglichkeiten, alle Waffen genommen sind, beginnen sie sich mit der Niederlage abzufinden und diesen Zustand festzuschreiben, indem sie ihn benennen, besingen. Positive Punk und was drumherum geschieht ist bereits Blues. Echo ist es auch, FB 3 nicht. Oft ist es auch noch der pubertäre, unwichtige persönliche Dinge zu ernst nehmende Blues, aber in ihm ist bereits der nächste große allgemeine Blues angelegt: der verständliche, vielleicht sogar berechtigte, vielleicht sogar aus Erholungspausen- und Zeitgeistgründen notwendige, wenn auch strategisch falsche Blues. Es wird noch vor Ablauf des Jahres eine großartige, aktuelle Blues-Platte geben. Vielleicht von Pete Wylies Wah!

    The Story Of The Blues war noch keine Blues-Platte. Es war eine Platte, die sich euphorisch gab, darüber einen neuen Begriff ins Gemenge geworfen zu haben, eine Schritt-nach-vorne-, eine Appell-an-alle-Platte. Großartig und voller dummer, rührender Sätze, in denen sich die Fähigkeit zum großen Blues abzeichnete. „Too many small time philosophers“ werden beklagt. Gibt es Angenehmeres als „small time philosophers“?

    Blues ist nicht die einfache große Traurigkeit mit einem kathartischen Höhepunkt. Blues ist das Eingestehen des Nichtweiterwissens als chronische Krankheit. Blues war immer da, behaupten seine Apologeten. Blues sei zeitlos, habe mit der conditio humana zu tun. Und sie haben recht: Blues ist immer da. Aber man sieht ihn nur, wenn sonst nichts los ist. Wenn sich alle nur noch seufzend fallen lassen, weil ihnen die Talente abhanden gekommen sind. Wenn sie vergessen, daß es keine Menschen gibt, sondern nur historische, artifizielle Modelle, wenn sie das Geschichtslose, also Irreale, den Körper, seine Vergänglichkeit, den Tod für real zu halten beginnen und das Geschichtliche, die Welt, für irreal, hoffärtig und nichtig, Blues ist die Hölle, aber wir müssen da durch und es wäre abgeschmackt das zu tarnen, indem wir Wörter wie „Soul“ oder „Punk“ bemühen, um diese Talsohle zu veredeln. Blues ist nicht James Browns „It’s a Man’s Man’s Man’s World“ oder ein großartiger, einfacher, trauriger John Ford-Film. Mit den Tränen über das Unglück vermischt sich die Kraft zu Neuem, zum Aufstehen und Das-Haus-verlassen.

    Blues ist eher sowas: Würde mich einer fragen, was Peter Zadek machen würde, wenn er Figaros Hochzeit inszenieren tät, würde ich sagen, er würde den Figaro sagen lassen, er habe „keinen Bock auf seine Frau“. Wenn man das Fernsehen anstellt, ist Peter Zadek im Bild und albern kostümierte Figuren laufen rum und ein schmunzelnder Reporter meint, „der unkonventionelle“ Regisseur würde Figaro sagen lassen, er hätte keinen Bock auf seine Frau. Wenn man mich fragen würde, was wohl Peter W. Jansen über den neuen Psycho II denken würde, würde ich sagen, er hält ihn für unsubtil und roh und würde von Hitchcocks Subtilität schwärmen. Wenn man dann das Fernsehen anstellt, sitzt da Peter W. Jansen, und ihr alle wißt, was er sagt. Und Rebecca Horn tritt auf und wieder einmal sieht man das, was zur Zeit wirklich die Herrschaft angetreten hat: Die perfekte Scheiße, die in ihrer Beschissenheit und Widerwärtigkeit so perfekt, so unangreifbar perfekt-beschissen ist, so monolithisch verkotet, so monumental verexkrementet, daß sie einem Respekt abnötigt, den Blues in einem gedeihen läßt. Perfekte FRAUENKUNST, perfektes ZADEKBÜRGERSCHRECKMACHTMITDENKLASSIKERNWASERWILLTHEATER.

    Der Retter ist dann unvermutet jemand wie Franz Josef Strauß, der beim alljährlichen CSU-Parteitag-Preview-Besäufnis eine so glänzend besoffene Rede hält, dessen purestes, ungetrübtes, von mildem Alterswahnsinn dynamisiertes Delirium („Ich bin der König von Bayern“ … „Dann flüchte ich in die Demokratische Republik Tschechoslowakei und werde gleich nach Polen ausgeliefert und von da aus an Honecker weitergereicht“) vom ZDF gnadenlos und unkommentiert übertragen wird, so daß es nicht nur im CSU-Saufkeller erschrocken still wird. Da dreht einer durch, da zeigt einer was, da geht etwas total gnadenlos den Bach runter, Zack und Zong und Glucks.

  • Heaven 17 – Elektro-Pop

    Als sie sich von Human League trennten, gab man ihnen kaum eine Chance. Denn das Trio aus Sheffield machte nicht nur avantgardistische Tanzmusik, sondern auch politische Songs. Mit Hilfe ihrer Produktionsfirma B.E.F. aber gelang ihnen der Eiertanz zwischen Kunst und Kommerz.

    „Ich bin ein glücklicher Mensch. Nein, wirklich, warum sollten mich solche kleinen Mißerfolge beunruhigen? Wir haben keine Verluste gemacht, wir haben alle Freiheiten bei unserer Plattenfirma, warum also aufregen?“

    Martyn Ware redet von der Pleite des Konzeptalbums Music Of Quality And Distinction. Das B.E.F.-Team, die beiden Ex-Human-League-Musiker Martyn Ware und Ian Craig Marsh sowie Sänger Glenn Gregory hatten nach dem Kritikererfolg ihrer Debüt-LP Penthouse And Pavement einen Versuch gewagt, der rundum fehlschlug. Von Gary Glitter bis Tina Turner hatten sie bekannte Sänger angeheuert, die ihre Lieblingssongs in neuen Arrangements wiederbeleben sollten. Tina Turner sang „Ball Of Confusion“ von den Temptations, Bernie Nolan „You Keep Me Hangin’ On“, Billy MacKenzie von den Associates sang Bowies „Secret Life Of Arabia“.

    Als die Platte schließlich erschien, wurde sie von der Kritik nahezu einhellig verrissen, das Publikum verstand sie auch nicht, die immens hohen Produktionskosten schienen in den Sand gesetzt. „Wir waren völlig deprimiert. Zuerst wollten wir ganz neu anfangen, unsere Firma B.E.F. auflösen, Heaven 17 auflösen und was ganz anderes machen. Aber dann wurde uns klar, was für eine tolle Organisation B.E.F. für uns ist, was für Möglichkeiten sie uns eröffnet.“

    B.E.F. (British Electric Foundation) ist einiges: Songwriterteam, Produzententeam, Produktionsgesellschaft. Die Euphorie anläßlich des Entschlusses, Pop-Musik von einer Firma herstellen zu lassen, nicht von einer Band wie tausendmal vorher, kann man im Video zum Song „Penthouse And Pavement“ von der gleichnamigen Heaven-17-LP nachvollziehen: Die drei zelebrieren das Leben der hohen Executives, zwischen Chefetage und hübschen Mädchen, nicht ohne die entsprechende Ironie freilich, mit der die drei eingeschriebenen Mitglieder der Labour-Party diesem Thema gegenüberstehen.

    Das Video zur nächsten Heaven-17-Single „Let Me Go“ reflektierte dagegen den finanziellen Reinfall des B.E.F.-Albums: „B.E.F. – Bankrott?“ fragt eine herumflatternde Zeitung, während Glenn Gregory den Mantelkragen höherschlägt und wie ein Gejagter durch die Kulissen läuft.

    Martyn ist mit dieser Interpretation nicht ganz einverstanden: „Unabhängig von unserem Schicksal war von Anfang an geplant, daß unsere Videos in einer Serie den Aufstieg und Niedergang dieser Firma B.E.F. zeigen, die nichts mit der wirklichen B.E.F. zu tun hat. Weder haben wir Büros in Wolkenkratzern – noch sind wir jetzt pleite.“

    Martyn konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, und wagte auch kaum zu hoffen, daß nur ein paar Wochen nach diesem Gespräch die damals frisch erschienene Single „Temptation“ als auch die LP The Luxury Gap hohe Plazierungen in den europäischen Hitlisten erreichen würden. Eigentlich hatte er sich schon damit abgefunden, daß ihre Produkte von Kritikern euphorisch geliebt, aber kommerziell auf keinen grünen Zweig kommen würden.

    Sozialist und Systemkritiker Ware hat sich einen neuen Heimcomputer zugelegt, einer der wenigen auffälligen Gegenstände seiner spartanisch eingerichteten Wohnung. Während er ein „Painting“-Programm ausprobiert, erklärt er den politischen Anspruch seiner Musik: „Wir sind ja nicht blöd und sagen den Leuten, was sie tun sollen. Wir singen auch nicht, Karl Marx is lovely, obwohl das vielleicht mal eine gute Idee wäre. Wir beschreiben nur die Welt, wie sie ist. Wir wollen gute Pop-Musik machen, das bedeutet aber nicht, daß wir dumme Pop-Musik-Texte schreiben müssen.“

    Zwei Dinge fallen an The Luxury Gap auf. Zum einen die Verlagerung der politischen Themen von der Außen- zur Innenpolitik. Ging es bei Penthouse And Pavement vorwiegend um Reagan, die Bombe, Nachrüstung und den Kampf dagegen, so steht bei The Luxury Gap der Alltag („Crushed By The Wheels Of Industry“) der Arbeiter- bzw. Arbeitslosen-Klasse im Mittelpunkt. Das Cover erläutert den Graben („Gap“) zwischen den luxuriösen Offerten der Konsumindustrie und der Realität einer kapitalistischen Krisenökonomie.

    Zum anderen handeln mindestens drei Songs (auch das typisch für ihre vielen Talente und die Fähigkeit, Abwechslung zu schaffen) von Liebesgeschichten: einmal ist es ein 37-Jähriger, der eine 17-Jährige mit rührendem Pathos bittet: „Kiss the boys goodbye / Come live with me“. Zweimal geht es um Absetzbewegungen, darum daß einer gehen will und man ihn lassen soll („Let Me Go!“, „We Live So Fast“).

    In der Wirklichkeit sah es bei Heaven 17 unlängst ganz anders aus: „Glenn hat gerade geheiratet, die Sängerin von Allez Allez, eine belgische Gruppe, die wir produziert haben. Ich habe das eingefädelt. Ian und ich haben neue Freundinnen. Wir leben gerade das Gegenteil von dem, was wir singen und 37 ist auch keiner von uns.“

    Die Allez-Allez-Platte war nur eines von vielen Projekten, an denen das Produzenten-Gespann Ware/Marsh in letzter Zeit gearbeitet hat. So bereitet man eine B.E.F.-Dub-Platte vor, die Heaven-17-Tracks in unkenntlichen Instrumentalversionen featuren wird. Mit den beiden Lieblings-Gastmusikern von B.E.F., John Wilson (Baß) und Nick Plytas (Piano), werden jeweils Solo-Instrumental-LPs aufgenommen.

    Bevor Martyn sich weiter um seine Arbeit kümmert – man sitzt nämlich gerade an einem Soundtrack für einen TV-Film – zeigt er seine Spiele, ausgesuchte Zeugnisse von schwarzem Humor. „Nuclear War“, „Holocaust“ und ähnlich heißen die kleinen Kartenspielchen mit Ereigniskarten wie „2 Millionen People Dead“. „Das Beste ist, daß, egal wie man spielt, am Ende immer die ganze Welt vernichtet wird. Hahaha.“

  • Kajagoogoo – Helden, Hits & Hysterie. Die neuen Götter auf dem Teen-Olymp

    1955 war es Elvis, 1962 die Beatles, 1969 Marc Bolan & T. Rex, 1976 die Bay City Rollers. Zufall oder Gesetzmäßigkeit, daß alle sieben Jahre eine neue Teen-Hysterie ausbricht? Jedenfalls scheint es 1983 wieder so weit zu sein: Kajagoogoo sind auf dem besten Wege, die neuen Götter auf dem Teen-Olymp zu werden. Allerorten kreischende Fans, verbissene Autogrammjäger, Scharen verschämter Mädchen vor dem Hoteleingang. Was ist an Kajagoogoo eigentlich dran? Schließlich machen auch Gruppen wie Duran Duran oder Spandau Ballet gefällige Popmusik, schließlich stimmt auch bei ihnen die Optik. Dennoch haben Kajagoogoo sie mit einem einzigen Hit aus dem Rennen geworfen. ME/Sounds versuchte, das Geheimnis der fünf Zauberlehrlinge zu ergründen.

    „Es wird langsam Zeit, daß sie uns ernst nehmen.“ Wer? Wen? Die Presse Kajagoogoo natürlich. Stuart Neale, Keyboarder der Teen-Idole, fühlt sich reduziert und ungerecht behandelt. Ich erzähle ihm von der LP-Kritik, die Julie Burchill im englischen New Musical Express geschrieben hat. Sie fand die Gruppe furchtbar, ließ kein gutes Haar an ihr, weder am Image noch an der Musik, meinte aber dann zugestehen zu müssen: „Man darf sie nur aus einem Grund nicht aufhängen: Kleine Mädchen kreischen, wenn sie Kajagoogoo sehen.“

    Stuart: „Normalerweise ist es umgekehrt: Die Kritiker finden unsere Musik ganz okay, aber sie glauben nun mal, daß an einer Band, die von Teenagern bejubelt wird, irgendetwas faul sein muß.“

    Stuart ist der ruhige, nachdenkliche Typ bei Kajagoogoo, ganz Musiker, gar nicht Star. Im selben Hotelfoyer, ein paar Meter weiter, sitzt Nick; nach Limahl, dem Sänger, der zweitgrößte Mädchenliebling in der Band. Gleichzeitig auch, wie man aus der Lektüre wohlbekannter Teen-Zeitungen erfahren durfte, ein derart religiöser Zeitgenosse, daß er die Bibel stets im Gepäck führt. Ununterbrochen grinst er – ob angestrengt oder aus echter Amüsiertheit, kann man bei der Entfernung nicht sagen.

    Stuart wirft ihm einen sinnierenden Blick zu. Man kennt sich schließlich schon seit Jahren, ackert, kämpft, müht sich ab und findet sich jetzt in einem Hotel wieder, wo ein paar Tage später David Bowie höchstpersönlich Hof halten wird.

    Die Stunden bis zum ersten Aufritt auf dem europäischen Kontinent vertreibt man sich mit ein paar ruhigen Interviews mit der geneigten Presse. Stuart leidet mehr als andere Band-Mitglieder darunter, daß der Teen-Mania-Aspekt bei Kajagoogoo so im Vordergrund steht. Das Quartett Art Nouveaux, Kajagoogoo ohne Limahl, hatte jahrelang versucht, beim seriösen, Experimenten aufgeschlossenen Publikum Anklang zu finden. „Wir waren auch damals schon sehr imagebezogen. Wir trugen eigens für uns geschneiderte Bühnenanzüge, aber das paßte wieder nicht mit unserer avantgardistischen, sehr instrumentalen Musik zusammen.

    Wir beschlossen also, uns kommerzielleren Klängen zuzuwenden und einen Sänger zu engagieren. Wir gaben eine Anzeige auf und entschieden uns noch am ersten Tag für Limahl.“ Das süße Ding, das trotzdem schuftet wie ein Profi-Star, der seit Dekaden im Rampenlicht steht. Sein ganzer Tag ist von vorne bis hinten auf optimale Star-Effektivität hin durchgeplant. Jedes einzelne Autogramm wird ernst genommen, jedes kleine Mädchen wie ein noch so wichtiger Journalist behandelt. Verantwortung.

    Stuart sieht noch eine andere Verantwortung: „Die Kids, die zu unseren Shows kommen, sind mit elektronischen Klängen aufgewachsen. Synthesizer sind für die total selbstverständlich. Wir sind für viele möglicherweise die erste Erfahrung mit richtigen Instrumenten, mit musikalischem Handwerk.“

    Gute Handwerker sind die vier, davon kann man sich nicht nur auf der Bühne überzeugen. Wenn mir je eine Schallplatte von Kajagoogoo richtig gefallen hat, also so gefallen, daß ich sofort in den nächstbesten Plattenladen gegangen wäre, um sie zu kaufen, so war das die Maxi-Version von „Too Shy“ mit ihrem verschlungenen, baßlastigen Intro.

    „Wir wollten einmal eine andere Art des ‚Maxi-Remixes‘ versuchen. Die meisten langen Versionen sind ja so aufgebaut: Song/Percussion – Mittelteil/Wiederholung des Songs. Wir haben dagegen versucht, den Song, den man als Hit ja schon kannte, ganz nach hinten zu stellen.“

    Was auf angenehme Weise Spannung erzeugt: Innerhalb des langen Intros sind sparsam kleine Signale eingeflochten, die auf den bereits bekannten Hit verweisen, ihn aber nicht deutlich zu erkennen geben. Diese Signale häufen sich und lösen die Spannung schließlich im Refrain auf.

    Ansonsten war mir die Kajagoogoo-Musik auf der LP White Feathers allenfalls als „clever“ aufgefallen. Offensichtlich ist das Konzept, einerseits weich, wattig und schmusig zu klingen und andererseits unter all den Daunenfedern Rhythmen und Riffs zu verstecken, die auch andere als engumschlungene Tänze möglich machen. Ob sie die gleiche clevere Balance auch live an den Tag legen würden, blieb indes abzuwarten …

    Der Sommer hatte gerade neue Höhepunkte erzielt – und keiner, der nicht ein wirklich unüberwindliches Bedürfnis verspürte, eine Gruppe sehen und hören zu wollen, hätte an einem solchen Tag freiwillig mehrere Stunden in einer stickigen Halle verbracht.

    Dennoch war Kajagoogoo ausverkauft. Und die Luft gar nicht so schlecht, wie ich mit leichter Verwunderung feststellte. Ein Bekannter machte mich aufmerksam: „Hier raucht keiner.“ Tatsächlich, keine dicken, bläulichen Schwaden, auch keine Bier- und Alkohol-Dünste, stattdessen überall frische, prickelnde Limonade. Kein gewöhnliches Konzert, soviel stand fest.

    Ich habe Depeche Mode gesehen, ich habe Culture Club, Human League und Tears For Fears gesehen – alles Gruppen also, für die die jungen und die ganz jungen Mädchen schwärmen. Doch das hier war etwas anderes: Nicht nur, daß die Mädchen diesmal 99 Prozent des Publikums stellten (was Böswillige dem Umstand zuschreiben könnten, daß in Kajagoogoo-Konzerte eben genau die Mädchen gehen, die [noch] keinen Freund haben), es waren auch ganz andere Mädchen als die, die etwa ein Tears-For-Fears-Konzert besuchen. Nicht selbst- und modebewußte neuzeitliche Prinzessinnen warteten cool auf den Auftritt ebenso cooler Jungs, stattdessen aufgeregte, von einem Fuß auf den anderen tretende Sixties-Girls, die dem Erscheinen ihrer fünf grinsenden Helden entgegenzitterten.

    Ich kenne Beatlemania-Szenen auch nur aus Film und Fernsehen, aber ungefähr so muß es gewesen sein: Beim ersten Anzeichen des sich nähernden Show-Beginns hebt ein Kreischen an, das mögliche musikalische Darbietungen nur erahnen läßt. Der Geräuschpegel steigt nochmals, als Bassist Nick – und ein weiteres Mal, als Limahl die Bühne betritt – und sich die Köpfe aus dem Dunst des Kunsteisnebels abzeichnen.

    Nach dem ersten Stück bringt Limahl die Kinder zum Verstummen. Er spricht zu ihnen. Auf deutsch. „Entschuldigt bitte, daß ich hier von einem Zettel ablese (kicher, kicher), aber ich spreche leider kein deutsch (kicher). Unser nächster Song …“ und so weiter.

    Die ausführlichen deutschen Ansagen bringen das Publikum immer wieder in Verzückung. Wenn die Musik dann wieder ansetzt (offensichtlich die reine Nebensache), fliegen die mitgebrachten Plüschtiere auf die Bühne – und das Kreischen wird wieder so laut, „daß wir uns oft selber nicht hören können“ (Stuart).

    Von seiner Ankündigung, man werde auf der Bühne auch ein wenig improvisieren, das Instrumentale ausbauen, ist denn unter diesen Umständen wenig zu spüren. Die Kajagoogoo-Musik gerät zur gleichförmigen Pflichtübung, ein Song klingt wie der andere. Aber: Wenn man mitten drin steht in diesem Emotions-Orkan, kommt es einem sowieso nur pharisäerhaft vor, über Wert und Unwert dieser Musik nachzudenken. Eine Urschrei-Therapie dürfte dagegen wie eine Talk-Show im dritten Programm wirken.

    Wie war das also mit der Begeisterung? Kajagoogoo langweilen mit ihrer Bühnenshow, aber das, was sie bei ihrem Publikum entfachen, gehört zu den großen Natur-Ereignissen.

    Dabei ist Kajagoogoo die erste Band seit langer Zeit, die den Teens ganz alleine gehört: Adam Ant, Haircut 100, Human League, Depeche Mode, Altered Images, Spandau Ballet, Culture Club, sogar Nena – sie alle hatten auch ältere Bewunderer, waren bei der Kritik wohlgelitten bis gefeiert. Kajagoogoo aber sind derart Eigentum der Teens wie zuletzt nur die Bay City Rollers.

    Ich erzähle Stuart, daß ich mir die Zukunft von Kajagoogoo entweder als Bay City Rollers der Achtziger – oder als verjüngte Neuauflage von Duran Duran vorstellen kann. Duran Duran hatten es bekanntlich geschafft, Teen-Publikum mit dem älteren, konservativen Genesis/Pink-Floyd-Publikum zu verbinden – und gleichzeitig auf die Kritikergunst verzichten zu können.

    Stuart erzählt, was seiner Meinung nach den Unterschied zwischen ihnen und den Rollers ausmacht: „Zum einen spielen wir unsere Instrumente selber, ohne Netz und doppelten Boden; wir haben Ehrgeiz als Musiker. Zum anderen sind wir älter. Wir sind nicht, wie immer alle vermuten, ein Hype wie die Monkees oder die Rollers. Wir sind keine fertigen Produkte, die sich jemand anderes ausgedacht hat. Wir machen alles selber.“

    Auch das Image?

    „Auch das Image.“

    Was denkt ihr euch bei eurem Image?

    „Nun, es ist schwer, ein Image mit Worten zu beschreiben.“

    Was ist der Inhalt, die Absicht eures Auftretens?

    „Ganz wichtig ist, daß wir Optimismus ausstrahlen wollen. Wir wollen den Kids Optimismus vermitteln.“

    Zu dem man eigentlich gerade in England nicht so viel Anlaß hat.

    „Meinst du die Arbeitslosenzahlen?“

    Zum Beispiel.

    (Pause) Ich baue eine Brücke: Haircut 100 haben immer gesagt: „Wir sind die wirklich Aufrichtigen. Gerade weil wir einfach nur geradlinigen, cleanen Pop spielen, sind wir aufrichtig, denn wir sind wirklich so. Die wahren Heuchler sind Siouxsie und Killing Joke, denen es blendend geht, die aber dennoch die ganze Zeit so tun, als laste die Welt auf ihren Schultern!“ Gilt das vielleicht auch für Kajagoogoo?

    „Oh, ja, oh, so kann man das sehen. Ich glaube, Entertainment enthält immer eine gewisse Flucht vor der Wirklichkeit. Man geht ins Konzert, weil man von seinen Problemen genug hat.“

    Die Frage ist doch: Geht ein sorgenbeladener Normalmensch ins Konzert, vergißt seine Probleme für zwei Stunden und ist anschließend verträumt, ausgelaugt und unfähig? Oder geht er ins Konzert und kommt heraus gekräftigt, bestätigt und voller Wut, jetzt den Kampf aufzunehmen?

    „Weißt du, wir machen uns im Moment nicht so viel Gedanken über solche Sachen. Wir versuchen im Moment, musikalisch weiterzukommen, eben über Musik auch ein älteres Publikum zu erreichen. Wir sind zur Zeit so beschäftigt, daß wir nicht einmal Zeit zum Wählen hatten.“

    Was hätte Stuart denn gewählt?

    „Schwer zu sagen. Bestimmt nicht die Tories. Vor allem wegen der Rüstungspolitik der Konservativen. Die Labour-Partei ist mir andererseits auch nicht recht. Die sind einfach zu phantastisch, zu utopisch und wollen aus der EWG austreten. Aber wie gesagt, so genau weiß ich es auch nicht, weil es für uns in letzter Zeit so viel anderes zu bedenken gab.“

    Ich frage mich, ob Stuart ein stiller, nachdenklicher Musiker ist – oder ob er vielleicht einfach nicht gerade der Temperamentvollste ist. Jedenfalls gibt es eigentlich nur ein Thema, das ihn aus seiner Reserve lockt. Und das dürfte den Leser dieser Zeilen am wenigsten interessieren: neue Instrumente, neue Synthesizer, neue technische Entwicklungen.

    Er hat sich gerade ein neues Gerät gekauft, mit dem man einfach alles machen könne. Ich weise ihn darauf hin, daß er noch kurz vorher das Loblied des traditionellen Instrumentalisten gesungen hat. Aber auch das ist für ihn kein Widerspruch. Kajagoogoo sei eben für beides offen, für das komplizierte Live-Baßspiel von Nick ebenso wie für die Computerprogramme, mit denen sich Pianist Stuart beschäftigt. Überhaupt seien alle Multi-Instrumentalisten. Bei Art Nouveaux haben sie die Instrumente noch gewechselt, bei Kajagoogoo hätten Image-Gründe sie bewogen, sich jeweils auf ein Instrument zu beschränken. Welche Image-Gründe?

    „Naja, das klassische Band-Image, wo das Spielen eines bestimmten Instruments eben auch mit einem bestimmten Charakter verbunden ist.“

    Wie bei den Beatles.

    „Genau.“

    Und warum Kajagoogoo und nicht The Sowiesos?

    „Weiß nicht, Kajagoogoo sollte nichts besonderes bedeuten, sondern einfach nur schön klingen. Wir hatten gerade Limahl in die Band gebracht und waren uns im klaren, daß zu dem neuen Konzept auch ein neuer Name gehört. Kajagoogoo war sehr hübsch.“

    Sollten Kajagoogoo tatsächlich nichts anderes sein als die Wiedergeburt der Bay City Rollers mit anderer, ausgefeilterer, ambitionierterer Musik? Teen-Darlings für die kurzen unsicheren Momente zwischen 11 und 16, je nach Stand der hormonellen Entwicklung? Und später vielleicht mit den Fans altern und ungefährliches Kunstgewerbe à la Duran Duran betreiben? War nicht „Too Shy“ doch ein Tick neuartiger? Besser?

  • Film statt Musik

    Das „Dopium“ mußte aufgrund von Unpäßlichkeiten seitens der Besitzerin des „Podium“, in dessen Räumen ersteres gelegen war, seine Pforten schließen. Für Kleinkunst ist in dieser Stadt halt immer noch mehr Platz als für Hipness, so weit es so etwas überhaupt noch gibt.

    Jedenfalls waren die letzten Wochen des „Dopium“ von einer hervorragenden Publikums-Mixtur und dem Versuch, einen neuen Live-Laden zu etablieren, gezeichnet. Einen dieser heißen und stets angenehm-langweiligen Sonntage half ein Auftritt der Gruppe Los Cocomicos abrunden. Die Bergedorfer Big-Band hörte sich an wie ein Cocktail aus den angenehmeren Mode-Erscheinungen des vergangenen und des vorvergangenen Jahres. Mit viel Übungsfleiß hatte man sich die Mischung aus Haircut 100, Blue Rondo à la Turk und Orange Juice einigermaßen perfekt beigebracht. Wie es sich für typisch Hamburger Plünderpop gehört, beherrschten alle, außer dem etwas zu linkischen und bemüht humorigen Sänger, ihr Handwerk und gaben eine nette Showband ab. Natürlich spät, natürlich international vorerst chancenlos, natürlich ohne Größe und Charakter, aber erfreulich.

    Öffentliche Ereignisse wußte der Musiksektor ansonsten nicht zu verzeichnen. Interessanter ging es im Kino zu, wo ich denn auch das einzige nennenswerte Konzert, Defunkt, verpaßte. Die „Hamburger Kinotage“ hatten diesmal einiges zu bieten. Die Filme der diesjährigen Veranstaltung waren so deutlich besser als in den Vorjahren, daß der Hinweis auf ein paar Highlights genügen soll, die Vorfreude zu wecken.

    Der beste Film des Festivals kam von einem Oldtimer, dessen seit Jahren ungebrochene Fähigkeiten in letzter Zeit zuwenig des verdienten Lobes zuteil wurde: François Truffaut. Die bereits 1979 in Frankreich fertiggestellte fünfte Folge seiner 1959 mit Sie küßten und sie schlugen ihn begonnenen Serie um den Lebensweg Antoine Doinels (seit zwanzig Jahren kongenial verkörpert von Jean-Pierre Léaud, der am Anfang noch ein Kind war) heißt Liebe auf der Flucht und sieht aus wie eine „Best Of Truffaut“-Anthologie: Ein knappes Drittel besteht aus Rückblenden auf ihre Vorgänger, Antoines ungeübte Schwärmerei für das Boheme-Mädchen Colette, der er, zum Literaten berufen, nur als Briefeschreiber zu imponieren vermag, die zwei Filme währende krisengeschüttelte Ehe mit Christine, die am Anfang der neuen Folge in gegenseitigem Einvernehmen geschieden wird, die neue Liebe zu Sabine, der blonden Uhrmacherin und Plattenverkäuferin mit dem Snoopy-Nachthemd, der Schrein für den Helden Balzac, den das Kind Doinel religiös verehrt, das Romandebüt „Liebessalat“ – Motive aus vier Filmen jagen den habituell rennenden Helden in Höchstgeschwindigkeit durch seine neueste Affaire, die wie alle vorangegangenen das Geschriebene, den Roman als zweite Ebene braucht, um für Antoine Sinn zu machen. Seiner Ex-Freundin Colette erzählt er als Romanidee, was für ihn gerade leidenschaftliche Wirklichkeit ist und dennoch komponiert und aufgebaut sein will wie von Balzac. Die Schulpsychologin aus dem ersten Doinel-Film erscheint in Schwarzweiß und beschäftigt sich mit dessen Unfähigkeit, die Wahrheit zu sagen: „Deine Eltern sagen, daß du immer nur lügst.“

    Doch diese Unfähigkeit ist nichts anderes als die Fähigkeit zur Fiktion, zur Literatur, die immer sein Leben einholt. Die Liebe auf der Flucht vor der Literatur.

    Japanische Filme sehen manchmal so aus, als seien sie gemacht worden, um einer europäischen Idee von östlicher Mysteriosität zu entsprechen. Irezumi von Yoichi Takabayashi erinnert eher an, sagen wir, Hiroshima Mon Amour als an Ozu, mit dem ihn europäische Kritiker vergleichen, obwohl er sich einer sehr japanischen Geschichte widmet: Eine inzestuös verflochtene Sippe von Tätowierungsspezialisten, die als die Besten ihrer Branche gelten, weil sie eine geheime Technik kennen, die der Film dann zeigt: Tattoo mit Sex. Im Reich der Sinne und Nadeln. Am Ende ist die Familie ausgelöscht, das sündige Handwerk ausgestorben. Übrig bleibt das Mädchen, das ihr letztes Meisterwerk wurde, von ihrem ahnungslosen, älteren Freund, der auf tätowierte Rücken steht, ohne zu wissen, wie die Meister arbeiten, zu der Prozedur genötigt und ihm am Ende entwachsen. Eine hübsche Geschichte, die man in Amerika „Tattoo People“ genannt hätte, und ein Film, der aussieht, als hätte ihn ein Franzose gedreht, um David Bowie zu beeindrucken.

    Spektakulärer Höhepunkt des Festivals sollte Videodrome werden, der neueste Film des kanadischen Wunderkindes David Cronenberg, der mit 23 seinen ersten, härtesten Film drehte, mit 26 seinen bisher erfolgreichsten, Scanners, und auch heute noch keine 30 ist. Videodrome basiert auf zwei konkurrierenden Weltverschwörungsphantasien. Beiden gemeinsam ist eine Weltsicht, in der das Simulacrum der TV- und Videowelt an die Stelle der Wirklichkeit getreten ist. Cronenberg pendelt in der Durchführung zwischen superplump und supersophisticated, zwischen Campus-Humor und intelligenten Verspiegelungen und Narreteien. Zuweilen ist er kurz davor, der verkabelten Welt der 80er das zu geben, was Kubrick mit 2001 der raumfahrenden und LSD schluckenden Welt der 60er gegeben hat, um sich im nächsten Moment in albernen Obsessionen zu verstricken oder seiner Vorliebe für besonders brutale Special-Effects zu frönen. Aber kann irgendjemanden ein Bild wirklich erschrecken, das zeigt, wie einem Mann eine Videocassette direkt in den Bauch geschoben wird? Nicht alleine die hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Deborah Harry und James Woods machen Videodrome zumindest sehenswert. Spektakulär sind Cronenbergs Arbeiten sowieso.