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  • Malcolm McLaren – Pop-Mephisto

    Was haben die Sex Pistols, Adam Ant, BowWowWow und die New York Dolls gemeinsam? Macher und Mastermind Malcolm McLaren. Das „enfant terrible“ der Popmusik initiierte Trends und Moden, entwarf das Bürgerschreck-Image der Pistols und irritierte Presse und Publikum mit revolutionären Ideen. Sein neuester Coup: eine musikalische Weltreise, die ihn nach New York, Buffalo, Puerto Rico, Peru, Südafrika und Kuba führte. Das bizarre Resultat erläutert McLaren in einem ME/Sounds-Interview.

    Unbestechliche Peitschenhiebe einer Rhythmusmaschine zischen aus den superteuren Lautsprechern der Disco. Dann hört es sich an, als ob die Platte hin und her gedreht, plötzlich angehalten wird, dann wieder diese niedersausenden Peng-peng-Schläge des Computerrhythmus. Eine Stimme erzählt von weit weg etwas von „Buffalo Gals“. Bizarr, bizarr!

    Eigentlich war es immer derselbe Mann, der dafür gesorgt hat, daß bizarre Ideen in der Rockgeschichte nicht das Eigentum eines elitären Untergrundes blieben, sondern in Discos, Hitparaden und großen Konzertarenen wiederzufinden waren. Malcolm McLaren hat mit den „Buffalo Gals“ wieder mal dafür gesorgt, daß wir beim Tanzen was zu knabbern haben.

    McLaren, Schotte, war in den Sechzigern in Paris Anhänger der „Situationistischen Internationale“, einer halbkünstlerischen, halbpolitischen Bewegung, die schließlich maßgeblich an den Unruhen vom Mai 1968 beteiligt war. Doch merkte er bald, daß er seine politischen und theoretischen Ideen am wirksamsten in einer Welt ausleben kann, die seit Elvis Presley die sicherste Plattform dafür bietet, Ungewöhnliches einem möglichst breiten Publikum nahezubringen: Rockmusik.

    Anfang der Siebziger übernahm McLaren das Management der New Yorker Skandal-Glitter-und Junkie-Band New York Dolls. Gemeinsam mit seiner Freundin (heute Ehefrau) Vivian Westwood entwarf er ein Image, das irgendwo zwischen Ziggy Stardust, Rolling Stones und Schmuddel-Transvestiten lag: gigantisch hohe Plateau-Stiefel, knallenge Jeans, tuntige Bewegungen und billig-lasziver Augenaufschlag, dazu harter, lärmiger New Yorker Straßen-Rock’n’Roll – es hat lange gedauert, bis die Dolls verdaut wurden. In England erleben sie gerade ein Revival, während die Original-Mitglieder rettungslos an der Spritze hängen wie Johnny Thunders oder bürgerliche Rock-Entertainer geworden sind wie David Johansen.

    McLarens zweiter Schlag war dennoch ungleich spektakulärer. Er kreierte die Sex Pistols. Aus den Leuten rund um Viviens Avant-Boutique „Sex“ rekrutierte er einen Kreis von Straßenkids, die mit ihrer angeborenen Frechheit, ihrem Schauspieler- und Entertainer-Talent und mit McLarens genial entworfenem Bürgerschreck-Image für die größte Aufregung sorgten, die die Rockwelt seit den Beatles und Stones heimgesucht hatte.

    Spätestens seit er die Pistols managte, bekam McLaren auch selber ein Image: Scharlatan oder Genie? Ausbeuter oder Ideenfabrikant? Noch heute gibt es Dutzende von Gerüchten über ihn: Mal wird ihm der Drogen(?)-Tod von Sid Vicious, mal betrügerisches Management zur Last gelegt, dann heißt es wieder, die Musiker hätten die Tragweite seiner Ideen nie richtig begriffen und seien selber daran schuld, daß McLarens Unternehmungen zwar allemal spektakulär, aber selten von großer Dauer waren. McLaren über die Pistols-Ära: „Das Gute an Sid Vicious war, daß man ihm jedes Lied in die Hand drücken konnte, er sang es. Hätte man dagegen Johnny Rotten ‚White Cliffs Of Dover‘ gegeben, hätte er sich erst mal zwei Wochen auf der Toilette eingeschlossen und über den Sinn der Worte nachgedacht … Punk war eine der wenigen englischen Musikbewegungen, die wirklich subversiv und revolutionär waren. Die von niemandem etwas gestohlen hatte. Das war genuin englische Kultur. Johnny Rotten ist doch direkt aus einem Dickens-Roman entsprungen. Er ist näher an David Copperfield als an Muddy Waters.“

    Nach viel Krach und Auseinandersetzungen und einem sarkastisch bösen Film „The Great Rock’n’Roll Swindle“ trennte sich McLaren von den Pistols bzw. diese sich von ihm und untereinander. Er schritt zu neuen Taten, indem er den bis dahin erfolglos vor sich hin wurstelnden Punk-Underground-Geheimtip Adam Ant unter Vertrag nahm. Er gab ihm Abenteuerromane zu lesen, entwickelte Ideen von einem modernen Piratentum; drückte ihm die Biographien großer Indianerhäuptlinge und legendärer Räuberhauptmänner in die Hand und schuf so die Voraussetzungen für dessen Erfolg als „Prince Charming“, als „King Of The Wild Frontier“, als Idol für ein junges abenteuerliches Publikum.

    Doch noch vor der ersten LP mit neuem Image trennte sich Adam von Malcolm, zahlte ihm hohe Summen für dessen geistiges Eigentum an Image, Outfit und Musikideen und überließ McLaren außerdem seine bisherige Band, die Ants. Malcolm taufte sie kurzerhand in BowWowWow um, setzte eine 16-jährige Anglo-Burmesin namens Annabella Lu-Win als attraktiven Blickfang und kindlich-tobende Leadsängerin ein.

    Dazu dachte er sich den Coup aus, die Produktionen dieser Gruppe nicht als Platten, sondern nur noch als Cassetten auf den Markt zu bringen. Ihm schwebte angesichts der hohen Arbeitslosenziffer eine neue Generation vor, die nicht mehr arbeitete, sich vom Staat das Nötigste holte und ansonsten mit Walkman am Gürtel, ohne festes Zuhause, ohne bürgerliche Werte und ohne eine unmobile, teure Einrichtung wie einer Stereo-Anlage wild und beschwingt Städte und Parks unsicher machte. Er ließ Annabella „die Zerstörung des Arbeits-Ethos“ besingen, ließ sie jubeln „Nein, nein, nein! Mein Vater arbeitet nicht!“ und sogar die von der Phono-Industrie gefürchtete Methode des „Hometaping“ anpreisen.

    Klar, daß sich die Industrie nicht gerade anfreunden konnte mit McLarens Ideen. Zumal BowWowWow, inzwischen gezwungenermaßen auf Platten, nicht der ganz große Erfolg wurden, den sich McLaren und die Plattenfirma erhofften. Während Adam abräumte, schafften BowWowWow gerade mal Achtungserfolge. McLaren heute: „Das war mir von Anfang an klar. Zunächst mal ist ein großer junger Mann immer erfolgreicher als ein kleines Mädchen. Das war von jeher so im Show-Geschäft. Denn Adam war eine Institution für die ganze Familie. Auch Mama und Papa mögen Errol Flynn, mögen Piraten- und Indianerfilme. Annabella dagegen war wild und sie hatte auch nicht den unbedingten Willen zum Erfolg, wie Adam. Die Band verkündete gefährliche Dinge. Schließlich wollten sie auch ihren eigenen Weg, so daß wir uns voneinander trennten. Jetzt machen sie eine neue LP, für die Annabella selber die Texte schreibt, was ich vorher getan habe.“

    In der Presse beschimpfen sie dich heute als Voyeur, als alten realitätsfremden Anarchisten und Betrüger. „Das ist Rock’n’Roll. Das kratzt mich nicht weiter. Solche Äußerungen gehören zum Spiel. Nein, ich mag diese Band weiterhin recht gerne, auch wenn ich das, was ich mit ihnen vorhatte, nun anders weiterverfolge, ich wünsche ihnen viel Glück.“ Immerhin sind sie die erste Band, die ein McLaren-Management halbwegs heil überstanden hat.

    Kurz nach dem Ende seiner Tätigkeit bei BowWowWow, denen er immerhin kostenlos die Idee überlassen hatte, Shadows-Gitarrenmelodien mit Burundi-Trommeln zu koppeln, tat sich McLaren mit Hip-Produzent Trevor Horn zusammen, dem Mann, der früher mit den Buggles erfolgreich war, bevor er mit der Produktion von Dollar und ABC zum Produzenten des Jahres 1982 wurde.

    „Sein Name garantierte Geld. Mein Name und meine windigen Ideen bewegen keine Plattenfirma der Welt, besonders viel Geld lockerzumachen. Und das brauchte ich.“ In der Tat, denn für sein neues Projekt mußte McLaren monatelang durch die Welt reisen.

    Ich gehe davon aus, daß wir in England unsere musikalische Bedeutung überschätzen. Wir sind ein unmusikalisches Volk. Wir sind gute Geschichtenerzähler und wir sind gute Piraten. Wir sind gut darin, andere Kulturen zu bestehlen; das ist ein besonders ausgeprägtes Moment britischer Musik. Die Stones hatten’s von Chuck Berry, die Beatles von Tamla Motown und beide waren erfolgreich, so daß wir heute denken, wir wären der Mittelpunkt der Pop-Musik. Meine Idee war es, diese Isolation der britischen Inseln zu überwinden und auf der ganzen Welt Beispiele zu sammeln für das, was ich mir unter wahrem Rock’n’Roll vorstelle, sei es in der South Bronx in New York, sei es in den peruanischen Anden, bei den Zulus in Südafrika oder bei kubanischen Schwarzen. Wahrer Rock’n’Roll ist älter als Beethoven oder Barry Manilow, älter als Jesus Christus. Sieh dir die besten Momente in der Geschichte des weißen Rock’n’Roll an. Elvis Presley – das war reinstes Afrika. Musik, die vom Beat kommt, von den Hüften, nicht vom Gehirn. Eine revolutionäre, sehr sexuelle Musik. Das ist Afrika, das sind afrikanische Tänze. Und das ist die älteste Kultur der Welt.

    Heute findest du sowas in der South Bronx, dem verfallensten Teil von New York. Junge schwarze Gangs, die sich zwei Plattenspieler schnappen und aus den Platten den Beat herauskitzeln, den Groove. In England werden die Leute verückt, wenn es nicht alle 30 Sekunden ’ne neue Melodie gibt. Aber die Jungs halten die Platten immer wieder an, um einen Beat durchlaufen zu lassen. Dazu rappen sie oder tanzen, und das geht wirklich tief, das hat Magie.

    McLaren hat sechs Wochen in der South Bronx gelebt, um die Technik des „Scratchen“ und „Cutten“ zu lernen, also zu lernen, wie man mit zwei Plattenspielern, einigen guten Rhythmus-Platten und einer Rhythmusmaschine eine neue „magische Stammesmusik“ herstellen kann. Dann nahm er in den Apalachen einen „Square Dance“ auf, einen Rundtanz, der nach ganz bestimmten Regeln (die von einem Sprecher immer wieder rhythmisch gebrüllt werden: „Und jetzt drehst du deinen Partner im Kreis“, „Und nun alle als Promenade“) organisiert wird.

    Dieser Tanz ist der einzige Beitrag weißer Volkskultur auf McLarens musikalischer Weltreise. Und das auch nur, weil für ihn bei diesem Tanz der rituelle Aspekt so unverfälscht vorhanden ist wie sonst nur bei schwarzen Tänzen: „Der Stamm oder die Dorfgemeinschaft trifft sich auf dem Dorfplatz, bildet eine Runde und tanzt nach bestimmten Regeln. Ziel der Sache: Sex. Der Junge soll sich ein Mädchen suchen.“

    Mit den Aufnahmen des Squaredances „Buffalo Gals“ fuhr McLaren nach New York zurück, wo er zusammen mit einer Rap/DJ-Gang eine Scratch-Version von „Buffalo Gals“ herstellte: Die ist nun auf der A-Seite, der Originaltanz mit unterlegtem Baß- und Schlagzeug, beides im Super-Trevor-Horn-Sound, auf der B-Seite der ersten Single.

    Auf der LP kommen aber noch wesentlich spektakulärere Stücke Musik ans Tageslicht: „Du kennst vielleicht Afrika Bambaataa (Discogängern von der Single „Planet Rock“ bekannt, Anm. d. Verf.), diesem Rapper aus der Bronx. Er nennt seine Gang Zulu-Nation, weil er eine starke Verbindung zu der Kultur der Zulu empfindet. Die Zulu sind das einzige afrikanische Volk, das je ein Heer des britischen Empire besiegt hat. Und zwar kam das so: Es gab da einen Häuptling namens Chaka. Dieser Chaka kannte die Engländer und wußte, daß er ein richtiges Heer braucht, um sie zu besiegen, also sammelte er 500.000 junge Zulus, denen er zunächst einmal jeden Kontakt zu Frauen verbot. Dann trainierte er sie durch einen Tanz. Ein harter, simpler Tanz zu einem harten Beat. Sie mußten solange tanzen, bis die Erde unter ihnen anfing zu brechen, bis es deutliche Risse im Erdreich gab. Du kannst dir denken, daß sie vor nichts und niemanden Angst hatten. Der Tanz kommt auch auf unserer Platte.“

    Produzent Trevor Horn, der ruhige, zivilisierte Engländer, der seine Erfolge als Produzent der von McLaren so gehaßten, englischen Pop-Musik machte, reiste zunächst widerstandslos mit. Erst als McLaren sein Interesse für magische Musik nach Kuba trieb, kam es zum Konflikt.

    Die Schwarzen auf Kuba haben sich von allen ehemaligen Sklaven am wenigsten mit der weißen oder anderer Bevölkerung vermischt, sie haben ihre Kultur bis heute am reinsten gehalten. Als ich mit Trevor in Kuba war, hatte ich eine schwarze Percussion-Truppe organisiert und ins Studio geholt. Und anders als überall sonst in der Welt, übernahmen sie sofort das Kommando und stürzten Trevor in heillose Konfusion. Sie sprachen nur spanisch oder afrikanisch, er konnte ihnen also nicht sagen, welche Mikros sie benutzen sollten und so weiter! Und mir passierte etwas, was mir in meinem ganzen Leben noch nie passiert war: Ich fiel in Trance. Trotzdem haben wir irgendwie etwas aufgenommen. Wir gingen also zurück ins Hotel und hörten uns die Bänder an. Trevor drehte durch: „Ich kann den Beat nicht finden, ich kann den Rhythmus nicht finden!“ Er sollte ja etwas Eigenes zu der Musik spielen. Wir hatten zu allen Aufnahmen, die wir gemacht hatten, noch einen eigenen Beitrag geleistet, aber jetzt ging es nicht. Der gefeierte Musiker und Produzent Trevor Horn konnte den Beat nicht finden, er konnte die Melodie nicht finden, obwohl es ganz klar war, daß es einen Beat und auch eine Melodie gab. Trevor wollte also zurück nach England und ich dachte: Da fliegt mein Etat! Ich flehte ihn an, zu bleiben, ließ einen Musikwissenschaftler aus New York einfliegen, der sofort die Melodie und den Beat raustüftelte, auf dem Synthi einspielte und mir eine erstaunliche Eröffnung machte. Das Regelmäßige an dieser Musik war nicht das, was sie spielten, sondern das, was sie wegließen, die Pausen. Und er ging noch weiter: Möglicherweise war diese Musik bewußt so verschlüsselt, daß sie nicht imitiert oder übernommen werden kann.

    Das alles hindert Malcolm nicht, wenige Monate nach Erscheinen seiner LP Square Dances Of The World (in Deutschland gibt’s bislang nur die Single) noch einen Schritt weiterzugehen in Sachen Gigantomanie: Er will alle Mitwirkenden aus New York, Buffalo, Puerto Rico, Peru, Südafrika und Kuba nach London zu einem Konzert holen und bei Erfolg und Finanzierung sogar eine Tournee veranstalten.

  • Psychic TV

    Ist das nun wieder ein clever lanciertes Märchen oder ausnahmsweise die Wahrheit: Die Heirat mit Paula, dem Mädchen, das sich schon als Teenager für Genesis P. Orridge interessierte, soll aus dem wilden Mann der Psycho-Horror-Band Throbbing Gristle einen verträumt-folkigen Songwriter gemacht haben? Eine von vielen Fragen, die das LP-Debüt Force The Hand Of Chance der neuen Gruppe Psychic TV offenläßt.

    Psychic TV ist zunächst mal keine Gruppe im ordinären Sinne, sondern ein Unternehmen, das von einem sagenumwobenen „Temple Ov Psychick Youth“ ausgeht, den die beiden Ex-Throbbing Gristle-Mitglieder Genesis P. Orridge und Peter „Sleazy“ Christopherson nach vier regulären und diversen inoffiziellen Live-LPs gegründet hatten.

    Zuerst hatten die beiden mit Freunden ihres „Tempels“, über den man nur rätselhafte Gerüchte hört (Magie, Sex, Rituale), noch versucht, im alten Experimental-Horror-Genre weiterzumachen. Mit Instrumenten wie tibetanischen Trompeten aus Menschenknochen wurden sieben „Psychick TV Themes“ eingespielt, die in dieser Form aber keine Plattenfirma veröffentlichen wollte.

    Genesis wandte sich daraufhin an seine alten Freunde Marc Almond (von Soft Cell) und Stevo (deren exzentrischer Manager); man einigte sich auf eine kommerzielle Strategie. Ein in der Geschichte noch nicht dagewesener Vertrag mit der WEA wurde ausgehandelt, durch den die Gruppe einen Vorschuß kassierte, den noch keine Band erreichte, die nicht wenigstens einmal live aufgetreten war. Auf das Label durften sie sogar stolz schreiben „Some Bizarre (das ist die Firma von Manager Stevo) abusing WEA“ – Some Bizarre mißbrauchte WEA.

    Für dieses Unternehmen brauchte man allerdings auch eine andere Musik, Genesis und Sleazy besannen sich auf ihre sentimentale Ader: Mit leicht gespielter, teils ernster Naivität nahmen sie Balladen mit lieblichen Kehrreimen auf, mit zirpenden akustischen Gitarren und zuweilen schmachtenden Streicher-Arrangements. Soft-Cell-Star Marc Almond machte als zusätzlicher Sänger mit. Nur zwei Stücke, „Terminus“ und „Ov Power“, erinnern noch an die Radikalität ihrer früheren Avantgarde-Gruppe.

    In der neuen musikalischen Richtung wollen die beiden aber durchaus weiterarbeiten. Psychic TV soll eine unberechenbare Institution bleiben. Nur will man nicht mehr den totalen Konfrontations-Kurs steuern, der T.G. jahrelang zwar eine Kultberühmtheit und treue Fans, aber die Ablehnung der Medien und der Plattenfirmen eingebracht hatte. Sagt G.P.O.: „Man muß die Prozesse und Strukturen kennenlernen, indem man selber mit ihnen arbeitet. Erst dann kann man sie durchschauen und gegen sie arbeiten.“

  • Virgin Prunes

    Wenn irgendeine Gruppe dem entspricht, was man einmal unter dem abgenutzten Begriff einer Kultgruppe verstand, so sind das die Virgin Prunes. Von ihrem ersten Auftreten vor mehr als zwei Jahren bis in die heutigen Tage verstanden sie es, ihrer wechselnd interessanten Musik eine zusätzliche Dimension mit viel Art-School-Brimborium, Maskerade und weitläufigen Verwirrungsfeldzügen zu geben.

    Die ersten Singles für Rough Trade waren zu ihrer Zeit nicht besonders auffällig. Die sogenannte New-Wave-Bewegung war, wie schon zehn Jahre vorher die Hippies, in das Stadium der Experimente hineingeraten. Improvisierte Musik gewann wieder an Bedeutung. Die Virgin Prunes standen irgendwo dazwischen. Ihre Ideen hatten nicht die Beliebigkeit so vieler Lärm-Bands. Ihre sehr vielfältigen Spielweisen und hin und wieder gar melodiösen, oft faszinierend monotonen Entwürfe hatten durchaus Bestand. Dann kam die Serie „A New Form Of Beauty“, bestehend aus sechs Teilen: einer 17-cm-, einer 25-cm-, einer 30-cm-(Maxi-)-Single, einer Video-Kassette, einer Ausstellung/Performance und einem Katalog/Booklet. Die ersten beiden Produkte tatsächlich auf einem Höhepunkt ihrer musikalischen Ideenfülle, die einen direkt dazu veranlassen konnte, den Anspruch des Titels als eingelöst zu betrachten.

    Es folgte eine ermüdende Single, und mit den letzten Beiträgen einer großen Reportage in der französischen Zeitschrift actuel traten die künstlerischen Ambitionen der Iren in den Vordergrund: Verbotenes, angeblich Tabuisiertes von Homosexualität bis Sich-nackt-im-Schlamm-Wälzen wurde mit theatralischem Eifer zelebriert. Tabus brechen, die schon lange keine mehr sind, inflationär mit der eigenen Befreitheit herumlärmen, da treffen sich die Prunes dann auch mit Gestalten wie dem von ihnen verehrten britischen Regisseur Ken Russell oder der überstrapazierten Kunstschulen-Hip-Figur Jean Cocteau, für den zur Zeit in England jeder etwas übrig zu haben scheint.

    Trotz alledem veröffentlichten die dennoch ganz liebenswerten Spinner unverdrossen eine neue Single, eine weitere 10-inch (25 cm) mit Booklet und eine LP … If I Die, I Die, die eindeutig der populären Gegenwartsmusik gegenüber offener ist und wieder einige starke musikalische Reize zu bieten hat. In der Hinsicht dürfte sich das Konzert also lohnen.

  • Alte Mythen

    Nachdem sich Motown-Soul nun wirklich in alle Winkel der Szene herumgesprochen hat und noch der letzte Drömel stolz eine Diana Ross & The Supremes – 20 Golden Greats-Kompilation sein eigen nennt, ist nun der Stax-Soul, die andere Richtung der schwarzen Musik der 60er Jahre, mit einem massiven Revival an der Reihe. Erst waren es Dexys Midnight Runners, die schon vor zwei Jahren keine Gelegenheit ungenutzt ließen, von seltenen Stax-Singles zu schwärmen, nun kommen noch Bands wie die Nitecaps oder Jack Mack & the Heart Attack dazu, die auf Vorbilder wie Otis Redding, Wilson Pickett oder Eddie Floyd verweisen.

    Anders aber als die vielen angenehmen Revivals, Verweise und Wiederaufnahmen, mit denen wir in der letzten Zeit zu tun hatten, ist das Stax-Revival eine weniger spielerische Angelegenheit, sondern wird teilweise sogar richtig ernst genommen. Dazu muß man wissen, daß der Stax-Sound von allen Spielarten der schwarzen Pop-Musik dem Rhythm & Blues der fünfziger Jahre am nächsten steht und somit so etwas wie ein schwarzer Bruder des weißen Rock ist. Bezeichnenderweise sind es Künstler des Stax-Label, die über die Siebziger- und Achtziger-Jahre-Entwicklungen der schwarzen Musik (Phillysound, Disco, Chic, P-Funk, Free-Funk, Rap) mit der gleichen Borniertheit die Nase rümpfen wie die weißen Rock-Fans. Wilson Pickett: „Die Disco-Künstler haben keinen Stil … Für die Schwarzen ist Disco ein musikalischer Rückschritt, denn mit diesem immer gleichen Beat kommt man nicht weiter.“ So doof reden sonst nur Weiße über Disco.

    Wilson Pickett kam nach Hamburg, der Liebling der Vertreter aller Authentizitäts- und Rock- und Soul- und Straßenstaub-Mythen, also all derer, die im schwarzen Star lieber einen Blues-leidenden Verlierer als einen eleganten Gewinner sehen wollen. Er spielte nirgendwo anders als im Logo, dem tierischen Rockschuppen mit der originalen Schweiß- und Bieratmosphäre und der vollgeilen Überfüllung. Für zwanzig Mark, eingeklemmt zwischen Rollo-der Wikinger-Verschnitten und Gangstern der dritten Liga, durfte man eine Stunde Klassiker der 60er von „Midnight Hour“ bis „Land of 1000 Dances“ erleben. Zuerst trat seine Band ohne ihn an und versuchte sich an einer superschlappen Version des Kool-&-The-Gang-Hits „Get Down On It“. Die schlappe R&B-Band kam mit dem komplizierten, verschachtelten Kool-&-The-Gang-Stück an keiner Stelle zurecht, und vor allem die Bläser klangen wie kranke Katzen. Dann kamen Wilson Pickett und ein dicker Mann, die ein Spiel aufführten, das man noch öfters sehen sollte: Immer wenn Wilson auf die Bühne ging, wurde er unisono vom dicken Mann und vom Orgelspieler angekündigt, ca. 10 mal pro Song. Verließ er die Bühne, wurde er vom Orgelspieler abgesagt und der dicke Mann warf ihm einen Bademantel über: die alte James-Brown-Show, aber in einer so elend-abgeschmackten Variante, daß es direkt wieder lustig war. Von den bekannten Songs sang Wilson Pickett meistens eine Strophe, dann wurde nur noch ein Bläser-Riff wiederholt und Wilson holte sich ein ums andere Mal ein paar Damen aus dem Publikum auf die Bühne, mit denen er tanzte, gluckste, grunzte, rumknutschte und Händchen hielt. Das machte er nett, Charme hat er.

    Es war ein Ausflug in das andere Hamburg. Ich war froh, es so lange nicht sehen zu müssen: das Gibbi-Westgermany-Hamburg, das besoffen sich krampfhaft um Originalität bemühende Eric-Burdon-Hafen-Reeperbahn-Hamburg. Das Hamburg der alten Mythen und der alten Witze. Derweil tobte in den einschlägigen Cafés und Discos die Saison, das junge Hamburg, und wir wollen uns mit diesem Ereignis nicht weiter belasten.