Autor: admin

  • Too Late Baby, Too Late Baby Bye Bye

    Der wahre Grund des Sounds-Verkaufs ist folgender: Die von so „scharfsinnigen Politologen“ (Kenneth Anger über Gary Cooper und Fred MacMurray) wie Thomas Bettler und Klaus Fruderking (dazu später) beklagte Hinwendung zum Pop und Abwendung von afrikanischen Frauenbands, die unser Blatt in der letzten Zeit durchgemacht hat, führte bei Redakteuren und Mitarbeitern zu einer 100%igen Durchspülung von Herz und Hirn. Infolgedessen haben wir uns alle rettungslos hierhin und dorthin verliebt (teilweise sogar untereinander oder übereinander weg). Infolgedessen wurden wir aufgeregt, zittrig und kindisch. Da die meisten Leser und Anzeigenkunden nicht verliebt sind, zogen sie die Konsequenzen und wandten sich von uns ab, ließen uns singend im Regen stehen.

    Einen wahren Grund gibt es nicht. Die Auflage war ein wenig gesunken. Nicht so sehr, daß man nicht hätte weitermachen können, wenn man einen kleineren Apparat gehabt hätte, aber doch genug, um bei den düsteren Prognosen für die Jahre 83, 84 ff. den Laden einzustellen, bevor man mit Donner und Doria bankrott geht. Die Titel Sounds und Musik Express wurden an den Schweizer Verleger Jürg Marquard verkauft. Dieser wird in Zukunft ohne uns ein neues Magazin, das beide Titel tragen wird, herausbringen.

    Die Anzeigen waren vor allem im Bereich Schallplatten zurückgegangen. Die Industrie schien vergessen zu haben, daß die meisten ihrer Erfolgsacts zuerst bei uns erwähnt wurden. Aber, was soll’s? Die Reaktion von Leserbriefschreibern, offiziellen gedruckten Nekrologisten oder den vielen netten Anrufern waren fast immer rührend oder nett. Es ist unglaublich, wie viele kluge, nette Menschen es in Deutschland gibt, und ich bedaure jeden, der so eine Erfahrung wie wir jetzt nie machen konnte. Viele haben uns Spenden angeboten, einige für uns privat, andere für ein neues Blatt (Wir drucken zu den Kritikercharts für dieses Jahr unsere Kontonummern ab. Wer zuviel Geld hat, kann uns dann durch Spenden Kinobesuche und Plattenkaufen finanzieren.). Wer fragt, was wir jetzt machen, dem sagen wir zunächst: „Urlaub.“ Die dreieinhalb Jahre Sounds konnten einem schon Gesundheit und Nerven ruinieren, auch wenn mir das immer viel Spaß macht, wenn mir irgendwer oder irgendwas die Nerven entzündet.

    Nun noch ein Wort zu den Doofen: Zwei Reaktionen gab es, die eindeutig gegen uns eingenommen waren. Eine kam von einem weiß gekleideten Jugendlichen, dem die taz aus unerklärlichen Gründen eine Seite eingeräumt hat, um sich über die Musikpresse auf dem Niveau eines SDAJ-Flugblatts auszulassen, mit drögem, alten ideologiekritischen Mist, der zu unerheblich ist, um sich darüber zu äußern. Erwähnt werden muß nur, daß der Autor auch noch behauptet, man könne meinen „Stil“ nur „entknäulen“, wenn man wie ich (!?) viel Haschisch rauche. Ich, der stadtbekannte Hasch-Gegner, der den jungen Leuten unter Fuchteln und Schreien ihre kleinen, schmutzigen Phalli, die sie Joints nennen, aus der Hand reißt und ihnen oberlehrerhafte Predigten über Suchtdrogen und körperlichen Verfall hält (zu beobachten etwa an der maroden, versyphten Volkswirtschaft des Kifferstaat Nordjemen).

    Schlimmer allerdings die Auslassungen der Sounds-Mitarbeiter Frutterking und Blutleer im Düsseldorfer Stadtmagazin Überblick. Nichts gegen Polemiken, aber quod licet Jovi, non licet bovi. Mit Methoden, die heutzutage nicht mal mehr das drögste, verwanzteste Soziologieseminar verkraften könnte, „analysieren“ sie die angebliche „schwarzrechte“, „frauenfeindliche“ (ein Hohn: wir alle sind Freunde der Frauen oder in manchen Fällen sogar selber Frauen), „rassistische Gesinnung“ unseres Blattes. Oldies des studentischen Debildenkens, letzte Trümmer von Vulgärmarxismus wie das Geschwätz von Form/Inhalt (so als wäre ein Text eine Konservendose. Innen Gesinnung, außen steht drauf „Erbsen, EWG-Qualität“, Butterking ist verwirrt, wenn plötzlich draußen „Lacroix-Suppe“ draufsteht, er hält das dann für bourgeoisen Formalismus). Zwei Leute, die aufgrund ihrer militanten Drögheit hier nie so richtig ein Bein auf den Grund bekamen, rächen sich in dem Moment, wo’s nicht mehr schaden kann, durch eine Distanzierung.

    Irre z. B., daß es für sie sexistisch ist, wenn man Annabella nackt im Kreise von BowWowWow abbildet. Daß das Foto ein Gemälde von Renoir nachstellt, wissen sie natürlich nicht (Charles Renoir? Ist das nicht der Schauspieler mit dem grauen schütteren Haar, der immer so schwul spricht? Oder meint ihr Fürst Renoir von Monaco, den Witwer von Grace Kelly, der Vorsitzenden der Grünen?) oder sie fordern „die tatsächliche Relevanz von Trends“, beschweren sich über „Veränderung um der Veränderung willen“. Jajaja. Alles ändert sich, nur der holsteinische Bauernschädel bleibt bestehen. Und in ihm walten so unumstößliche Wahrheiten wie die, daß die Abbildung von ganz oder teilweise entkleideten Frauen junge Vergewaltiger (dafür vergewaltigen unsere Autoren die Sprache: „Herbstzeit, die Zeit, in der die Blätter fallen, wird gern und vielerorts mit Romantik verwoben“, so Thomas Buttler im Überblick über Depeche Mode) heranzieht oder daß die Erwähnung der Bild-Zeitung Einverständnis mit rechter Politik im großen wie im kleinen bedeutet.

    Sie werfen uns vor, daß wir uns mit Reagan nur als Schauspieler beschäftigt haben (was nicht stimmt, aber sie zitieren sowieso so dermaßen aus dem Zusammenhang gerissen, daß man ihnen Böswilligkeit unterstellen könnte, wenn man nicht wüßte, daß sie viel zu dröge sind, um böse sein zu können), aber sie leben eben so hinter dem Mond, daß sie nicht einmal wissen, wie wichtig an Reagan sein Schauspieler-Talent ist und wie unwichtig seine Gesinnung. Sie scheinen wirklich zu glauben, wenn ein böser Mann Präsident ist gips böses Politik, und wenn liebes Mann Boß von Staat kommt liebes Politik. Also Vulgärmarxismus dies zu nennen, ist eindeutig eine Beleidigung von Marx und dem Vulgo. Buttermann oder Bottervogel oder wie auch immer verhält sich zu Sounds wie Ernst Dieter Lueg zu Dick Cavett, wie Ekel Alfred zu J.R., wie Drögenstedt am Drögenweiher (bei Bad Oldesloe) zu New York, wie Völkerball zu Fußball, wie Jupp Derwall zu Günter Netzer, wie Ina Deter zu Grace Jones, wie Wolfgang Niedecken zu David Bowie, wie Kohl zu Andropow, wie Apel zu Wehner, wie Fix und Foxi zu Donald Duck, wie Erich Fromm zu Sigmund Freud, wie Horst Eberhard Richter zu Michel Foucault und so weiter.

    Wir werden sicher irgendwie weitermachen, ein neues Blatt ist im Gespräch. We Love You. L.O.V.E. Love.

    Blues oder
    SOUNDS, now SILENCE

    Trauerspiel in zwei Akten

    Frei nach Joachim Ringelnatz (J.R.)

    Mitwirkende:

    Joachim Ringelnatz, Dichter

    Jürgen Legath, Verleger

    Jörg Gülden, Redaktionsleiter

    Teja Schwaner, Freund des Hauses und für alles mögliche verantwortlich außer der Musik

    Akt I

    J.R. zu Pamela (die sich im Off räkelt): „Die Zeit vergeht.“

    J.L. zu J.G. (der sich auf Bali räkeln will): „Das Gras verwelkt.“

    J.G. zu T.S. (der sich anschickt zu mäkeln): „Die Milch entsteht.“

    T.S. zu J.R. (der sich nach einer neuen Zeile umsieht): Sounds nach Bayern verweht.“

    Alle: „Die Kuhmagd melkt.“

    Akt II

    Alle: „Die Milch verdirbt.“

    J.R. zu T.S. (der sich anschickt, sich schluchzend abzuwenden): „Die Wahrheit schweigt.“

    T.S. zu J.G. (der das nicht glauben mag, aber schluckt): „Die Kuhmagd stirbt.“

    J.G. zu J.L. (der das Licht ausmacht): „Ein Geiger geigt.“

    Pamela (aus dem Off) zu J.R. (der kaum mehr dichten kann): Sounds macht jetzt zu!“

    Alle: „Und wir ham unsre Ruh!“

    Applaus. Es werden überall Feuerzeuge entzündet, Feuerwerkskörper explodieren, aber die Akteure lassen sich allesamt nicht zu einer Extranummer, einer Zugabe oder etwa „more“ bewegen.

  • Chris Stein – Alive, NYC 30/9/82

    Special Guests in der Reihenfolge ihres Auftretens: Cynthia Rose (NME), Diedrich Diederichsen, Glenn O’Brien (Interview), Hans Keller, Malcolm McLaren, Deborah Harry.

    Cynthia Rose über den Pop-Rivets-Artikel (resp. Milkshakes). Sie meint, darüber zuerst was in Sounds gelesen zu haben.

    D: Die haben ’ne ganze Zeit in Hamburg gespielt, und ich hab’ sie dort öfters gesehn.

    Darüber, daß sie in den Hamburger Punkläden spielten. Blah, blah. Chris hat inzwischen Sounds durchgeblättert.

    C: Das ist ein gutes Magazin! Besser als Pop/Rocky.

    Murmel, murmel von Glenn O’Brien darüber, wie gut und toll David Johansen ist.

    C: Ja, er ist größer denn je.

    Murmel, grummel, murmel. Goldene Blondie-Schallplatten an den Wänden. Kein Zweifel, dies ist das Büro von Animal Records, dem ambitionierten Firmenprojekt von Blondies Chris Stein, einem netten, zurückhaltenden, näselnden Brillenträger, der H und D an Michael Ruff erinnert.

    D: OK, laß uns mit Animal Records anfangen! Wann hattest du zum ersten Mal die Idee dazu?

    C: Zum ersten Mal etwa vor zwei Jahren …

    D: Was war denn die erste Band, die du hattest?

    C: Walter (Steding), es fing mit Walter an, das war so das erste. Die Iggy-Sache kam dann so ziemlich zuletzt. Ich arbeite mit Walter schon sehr lange, fünf Jahre vielleicht, und habe mit ihm schon Tapes etc. gemacht. Dann jenes erste Album für Red Star. Aber Walter hatte auf diese Weise keine großen Aussichten, also machte ich selber ein Label …

    D: Glaubst du, daß es eine Lücke zu füllen gibt auf dem amerikanischen Markt?

    C: Ja, sicher, absolut. Auf diesem Level gibt es hier in den Staaten nichts Vergleichbares …

    D: Nur sehr kleine Labels …

    H: Oder ZE …

    C: Genau. Aber … Chrysalis hat eine sehr gute, weltweite Distribution, die bringen die Platten überall hin. Und das ist der Hauptunterschied.

    D: Aber was ist der Unterschied zwischen Animal und einem ganz normalen Sublabel, ich meine, ein Label, das zur Company gehört, aber mit einem unterschiedlichen Image versehen wurde …

    C: Ja, nun, ein Unterschied ist, daß unsere Künstler absolut frei sind, nachdem sie das Produkt veröffentlicht haben, es gibt keine Verpflichtungen für die Zukunft.

    Glenn O’Brien verläßt den Saal, nachdem er noch Verabredungen mit Chris ausmachte, ah, call me tomorrow etc., etc. …

    C: Ah, es ist einfach die Art, wie wir das Label führen, das wird ziemlich anders sein. Es wird sehr viel freier und verrückter sein als die üblichen Labels.

    D: Es muß doch Gründe geben, warum es auf dem amerikanischen Markt nie oder kaum je so eine Institution wie diese gegeben hat. Das muß für dich doch sehr schwierig sein. Ich meine, es gibt hier doch fast nur ganz große oder ganz kleine Plattenfirmen.

    C: Es ist so, daß selbst Firmen wie FBI oder ZE Verträge abschließen mit Gruppen. Aber so junge Kids wie der Gun Club, die wollen doch keinen Fünfjahres-Vertrag unterschreiben, die wollen beweglich bleiben, aber doch ihre Sachen rausbringen. ZE und FBI wollen Drei- oder Vierjahres-Verträge, das nun mache ich überhaupt nicht und ich denke, das ist der Hauptunterschied.

    H: Ich glaube auch, daß ein Hauptproblem in Amerika mit den Labels ganz einfach die Größe des Landes ist. Es gibt hier alle diese lokalen Szenen. Die kleinen Labels haben zwar manchmal einen größeren Hit, aber oft bleibt die Wirkung der Produkte auf die nähere Umgebung beschränkt, Eastcoast oder Westcoast etc.

    D: Aber was war denn nun zum Beispiel der Grund dafür, daß Iggy für seine letzten zwei Alben keinen richtig guten Deal kriegte?

    C: Ich glaube, es war hauptsächlich die Richtung, in welche er geleitet wurde, also die künstlerische Richtung. Man versuchte, ihn auf Mainstream zu bringen. Mit dieser neuen Platte, das ist nun wieder sehr frei. Das, was er davor machte – ich glaube, das war gar nicht mehr so richtig er selbst. Ich glaube, die Plattenfirma versuchte ihn zu kommerzialisieren.

    H: Du denkst, sie haben ihn gedrängelt?

    C: Ja, auf eine bestimmte Art schon. Jetzt mit dieser Platte hatte er die Möglichkeit, das zu tun, was er wollte.

    H: Ich habe mich mit James White unterhalten, und er sagte, daß seine LP im Frühjahr aufgenommen worden war. War es denn schon damals klar, daß die Platte auf Animal herauskommen würde?

    C: Ja. Wir sind gute Freunde von James. Sieh mal, alle Leute, mit denen ich arbeite, sind Freunde. Das ist weniger eine professionelle Beziehung. Ich bin seit langem mit Iggy befreundet und mit den Leuten von Gun Club, mit Jeffrey, der in L.A. den Blondie-Fan-Club leitete.

    D: Also diese Freundschaften sind wichtiger als deine künstlerischen Vorstellungen als Besitzer eines Labels?

    C: Ich habe keine bestimmte Richtung im Auge. Ich lasse die Leute das machen, was sie machen wollen.

    D: Chris Stein als Wohltäter? Hast du denn nicht eine bestimmte Vorstellung, wie auch jeder Produzent, nur auf einer anderen Ebene?

    C: Ich denke nicht. Auch wenn ich produziere, versuche ich das einfach gut zu machen, ich pushe nicht. Ich versuche, das Beste aus dem rauszuholen, was die Leute haben. Das ist etwas, was ich von Mike Chapman (langjähriger Blondie-Produzent, klassischer Hitparaden-Pop-Produzent) gelernt habe, er ändert sich eigentlich nie, er nimmt einfach, was er vorgesetzt kriegt und versucht es zu verfeinern. Das versuche ich auch.

    D: Es war ja sehr offensichtlich, daß er und Blondie gut zusammenpassen würden, und er brauchte da keine Konzessionen von seiner Seite zu machen.

    C: Ja, true. Aber was ich mache, ist, denke ich, ein wenig breiter, ein wenig offener als das, was er macht. Er ist da mehr limitiert, und ich bin offen für verschiedene Arten von crazy music, you know.

    D: Aber wenn du Geld und Zeit in deine Arbeit steckst, muß doch auch irgendwas dabei entstehen. Niemand ist so altruistisch …

    C: Ich glaube, ich möchte versuchen, die Industrie zu ändern, sie dahin zu bringen, neue Sachen zu akzeptieren. Denn während der Siebziger war alles sehr limitiert, alles blocked up, you know. Das muß geändert werden, und es passieren eine Menge neue Sachen. Für die Musikindustrie in Amerika war das ein sehr schlechtes Jahr, das schlechteste Jahr. In Deutschland auch?

    D: Nein …

    H: Deutsche Musik läuft sehr gut, im letzten Jahr war ein richtiger Boom …

    C: Das ist gut, aber es brauchte lange Zeit.

    D: Es begann etwa 1978 auf der Underground-Ebene, aber heute sind die Charts voll von deutschen Sachen.

    H: Aber es ist auch schon überzogen. Es war schon längst an dem Punkt, wo man dessen schon wieder müde ist. Aber wenn du die James-White-Besprechung im NME liest …

    C: Yeah, they hated it …

    H: Und Iggy kam auch nicht gerade blendend weg …

    C: Der NME spinnt total. Diese Frau (Cynthia Rose) ist die erste seit Jahren, die ich vom NME spreche …

    H: Ich habe gerade die Rezension vom neuen Kool-&-The-Gang-Album von Danny Baker gelesen. Er muß völlig daneben sein …

    C: Die sind völlig verrückt …

    H: Was für eine tolle Platte!

    D: Ich glaube nicht, daß es so wichtig ist, ob die die Sachen mögen oder nicht, ich denke, daß sie immer noch die Zeitung sind, die am meisten Beachtung verdient …

    C: Vielleicht … aber ich glaube das nicht. Die haben eine Menge Leser verloren. Vor ungefähr drei Jahren hatten die etwa 200.000 Abonnenten, und jetzt haben die vielleicht noch 100.000. Ich glaube, die sind auf so ’ne Art faschistisch. Ich meine, sie behaupten, sie seien links, aber eigentlich sind sie rechts.

    D: Das ist interessant. Warum? Findest du sie elitär?

    C: Ja, sind sie wirklich. Ich meine, die hören schon, was auf der Straße passiert, weil sie kleine working class boys aus dem eastend sind, wie es von Danny Baker etwa anzunehmen ist. Aber ich glaube trotzdem, daß alles nur um Images geht. Es ist, ah, es ist schwer, ah … sie sind sicher sehr nationalistisch, sie wissen nichts davon, was in Amerika auf den Straßen passiert. Ich glaube, die unterstützen jetzt sehr das, was aus Deutschland kommt.

    D: Ein Typ da, ja.

    H: Er wird immer wichtiger.

    C: Sie sind sehr antiamerikanisch. Sehr dumm. Ich bin überhaupt nicht nationalistisch.

    H: Sie kümmern sich um Rap – was sie aber oft mißverstehen. Irgendeiner hat da z. B. mal geschrieben, daß Grandmaster Flash sein Lieblings-Sänger sei, obwohl Flash nie singt.

    C: Ha, ha! Ja, hab’ ich gehört.

    D: Wenn du sagst, daß deren Haltung am Image klebt, wie würdest du dann jemanden beschreiben, der das besser macht, in einer „nicht-faschistischen“ Art?

    C: Man muß einfach offener sein. Ich finde, daß die Musikindustrie und die Leute (das Publikum) wieder mehr Power kriegen sollten. In den 60ern bestand so eine Power, die Musik hatte großen Einfluß auf die Leute. Und das kam daher, daß viele Leute daran interessiert waren, eine Bewegung zu kreieren, eine Szene zu bilden, die eine Sache war, anstatt das Ganze zu zersplittern. Ich möchte eine Rückkehr dazu sehen. Dieses Gefühl ging verloren. Und der NME sagt: „Wir sind die Stimme der Revolution.“ Sind sie aber nicht. Die bringen nur die jungen Leute dazu, sich untereinander zu bekämpfen, anstatt eine power-base zu kreieren. Das ist meine Meinung dazu.

    H: Denkst du dir da einen Idealfall, wie das hier in NY etwa von 1973 bis 1977 war, als die Szene total durchwachsen war, d. h., es war nicht einfach nur Punk oder New Wave, sondern alles mögliche …

    C: Ja, in etwa, als es anfing 1973 mit den New York Dolls usw. Aber ich glaube, daß das in NY immer noch funktioniert. Sieh mal, als wir anfingen, hatten wir ein rein weißes Publikum, und jetzt hast du mit der ganzen Rap-Sache auf einmal auch eine Menge schwarze Kids im Publikum, und das ist toll.

    D: Um noch einmal auf diesen Punkt zurückzukommen: Blondie wurde speziell in Amerika oft daraufhin angegriffen, zu sehr mit Modischem herumzuspielen …

    C: Yeah, too much art …

    D: Ja, aber auch Fashion. Ich denke, daß diese Art Anti-Fashion-Kritik noch schlimmer ist als alles, was du den Engländern vorwerfen könntest.

    C: Das verstehe ich durchaus.

    D: Ich meine, mein liebstes Blondie-Album war Autoamerican. Und das hat in Amerika die schlechtesten Kritiken bekommen.

    C: Ja, ich mag das auch sehr. Nun, Mode ist zweifellos sehr wichtig. Als wir nach Los Angeles gingen, am Anfang, und alle diese Anzüge trugen, trugen die dort alle Blue Jeans und so weiter. Jetzt sehen alle so aus wie wir damals. Wenn du durch New York gehst, alle sehen sie nach New Wave aus, schwarze Hosen etc. Das gibt Identität.

    D: Dagegen ist doch die Rock-Musik, jedenfalls die Rock-Musik, wie sie die Stones verstehen, ein fester Teil des Establishments.

    C: Sicher richtig. Hast du das Interview mit Captain Sensible gesehen? Er sagt, The Clash hätte sich an Amerika verkauft. Er denkt, sie seien The Rolling Clash.

    H: Ich glaube, daß es heute aber vice versa ist. Ein Teil des Establishments hat sich heute das angeeignet, was man New Wave nannte, und ich denke, daß heute eher wieder Leute wie Gun Club oder die Blasters weg vom Establishment sind …

    D: Ich glaube, daß jeder die Blasters mag. Ich glaube, daß die Stones die Blasters mögen, aber nicht den Gun Club.

    C: Gun Club sind sicher noch auf der Außenseite, aber sobald sie Erfolg haben werden, sind sie drin. Iggy ist immer noch auf der Außenseite …

    D: Wie geht es mit Blondie weiter?

    C: Wir machen noch ein weiteres Soloalbum mit Debbie. Ich weiß nicht, wie lange es noch mit Blondie weitergeht.

    D: Aber im Kern der Institution Blondie gibt es doch immer eine Art Politik, d. h., man muß auf Trends etc. antworten. Wie wollt ihr da weitermachen, mal von Platten und Shows abgesehen?

    C: So, wie jedermann anders in der Lage reagieren würde: Etwas anderes machen. Aber ich denke schon, wir sollten weitermachen und auf Trends reagieren. Schwierig.

    D: Das ist schwierig. Auf der einen Seite habt ihr die ökonomische Position, auch mal nicht erfolgreich sein zu müssen, auf der anderen Seite hattet ihr den Nummer-Eins-Erfolg.

    C: Richtig, das ist ein Konflikt.

    D: Hast du denn irgendeine Taktik für die Zukunft, die du erklären kannst?

    C: Das einzige, was ich dazu sagen kann, ist, das wir uns umsehen, was allgemein passiert, um dann etwas anderes zu machen. Es war für uns eigentlich immer einfach, zu sehen, was passieren wird. So bin ich mit Animal Records bestimmt zur richtigen Zeit gekommen, was sehr gut ist. Es war vor einem Jahr, als wir anfingen, darüber zu sprechen noch nicht ganz klar, aber jetzt, so wie die Industrie in Amerika aussieht, scheint es genau das Richtige gewesen zu sein. Es passierte ganz natürlich. Es ist wie Zen, wenn du dich wie verrückt auf etwas konzentrierst, sagst, das muß jetzt passieren, dann erreichst du das Ziel nicht. Aber wenn du einfach vorwärts gehst und die Sachen passieren läßt, kommst du voran.

    H: Aber du empfindest es nicht als eine Tragödie, daß Blondie zur Zeit auf einem Tiefpunkt ist?

    C: Nein, nicht wirklich.

    H: Das hatte ich mir schon gedacht. Wenn ihr nun alle 22 wärt, könnte es eine Tragödie sein, da ihr aber alle eure Erfahrungen und Jahre hinter euch habt, reagiert ihr wahrscheinlich weiser auf die Umstände.

    C: Sicher, das ist ein Punkt, daß wir alle etwas älter sind. Alte Gruppen wie etwa die Rolling Stones etc. haben alle ihre Tiefs, und es ficht sie nicht wirklich an …

    D: Aber ich glaube, die Stones leiden darunter, daß sie immer noch vorgeben wollen, jung zu sein, vor allem mit ihrer Stage Show. Dagegen Roxy Music: Die machen die Musik ihres Alters. Die hatten die gute Idee, sich als elder statesmen des Rock zu präsentieren.

    C: Richtig, aber deren Musik war immer irgendwie reif, so wie die auf die Bühne kommen.

    H: Und Bryan Ferry sah immer aus … Das war sehr schlau von ihm konzipiert … ich meine, sein Image war immer das eines 45-jährigen Salonlöwen. Und das kann er natürlich bis zu dem Alter mit Erfolg durchführen.

    D: Ich habe diese letzte abgebrochene Blondie-Tour nicht gesehen, aber ich möchte wirklich wissen, wie ihr auf der Bühne heute mit diesem Problem fertig werdet.

    C: Ich denke, die Shows waren ok und sehr natürlich. Wir hatten die beste Resonanz aller Zeiten, wirklich, wir haben ein Video-Tape davon in Kanada gemacht.

    H: Warum wurden denn die englischen und europäischen Dates abgesagt?

    C: Weil der Ticket-Verkauf nicht richtig lief, und wir waren auch richtig müde und sagten uns, wir warten erstmal, was passieren wird. Wir machen jetzt Debbies Solo-Projekt und sehen zu, was damit passiert …

    H: Wer wird produzieren?

    C: Ich denke Chapman. Ich würde aber auch gern wieder mal was mit Rodgers/Edwards machen …

    D: Es war sehr interessant, daß Rodgers und Edwards versuchten, Blondie-Songs zu schreiben und umgekehrt.

    C: Ja, war es, aber ich denke nicht, daß es nach einer der beiden Institutionen klang.

    H: Ich hatte am Anfang meine Probleme mit der Platte, aber ich kam später auf sie zurück.

    C: Ja, vielleicht kommt man in der Zukunft noch mehr darauf zurück.

    H: Was anderes. Was planst du in Zukunft für Animal?

    C: Oh, eine Menge Sachen. Walters LP kommt raus, dann eine LP von Snuky Tate. Er ist verrückt, a pain in the ass, but he is ok. Dann eine Rap-Platte mit (Fab Five) Freddy …

    H: Oh, ja, ich weiß. Das ist dieses 15-Stücke-Album für die DJ-Arbeit …

    C: Richtig. Und Glenn O’Brien machte vor etwa drei Jahren einen Film mit all den Leuten, Kid Creole und James White etc. … den Soundtrack bringen wir auch raus – also ’ne ganze Menge Sachen …

    H: Du kümmerst dich also vorwiegend um NY?

    C: Nein, nicht nur. Etwas aus Washington ist auch geplant. So in etwa alles, was ich an Interessantem finde.

    D: Gehst du denn aus, in die Clubs hier?

    C: Nein, nicht richtig.

    D: Aber das ist doch die Quelle für neue Bands.

    C: Ja, aber ich kenne die neuen Gruppen durchaus, kennst du z. B. Cha Cha Fernandez?

    H: And The Slumlords? Ja.

    C: Ja. Great. Ed Strait geht in die Clubs, die ganze Zeit.

    D: Auf Autoamerican kam durch, daß du ein verhinderter Soundtrack-Komponist bist.

    C: Ja.

    D: Auch als Soundtrack-Komponist im klassischen Sinne? Bernard Hermann, Hollywood?

    C: Ja, sicher. Ich kann bloß keine Noten schreiben.

    D: Wie arrangierst du dann die Streicher?

    C: Ich spiele das auf Synthesizer ein und gebe das Tape einem Typen, der es dann überträgt.

    D: Was sind deine Lieblings-Soundtrack-Komponisten?

    C: Nino Rota.

    H: Ach ja, da gibt es diese Hommage-LP mit Blondie-Beteiligung: Amarcord.

    C: Ja, genau. Rolling Stone hatte die Platte besprochen und meinte, sie mögen diese Platte, aber die (Nino-Rota)-Kompositionen seien sehr gehaltlos. Background-Musik. I couldn’t believe it … ich habe das ausgeschnitten und an die Wand geklebt. Einer der größten Komponisten überhaupt – gehaltlos.

    C: Samstag gehen wir uns Gun Club ansehen im CBGB’s …

    D: Ja, ich auch.

    C: Ich hab’ CBGB’s in Jahren nicht mehr gesehen. Hilly fragte uns, ob wir da wieder mal spielen möchten …

    H: Wen?

    C: Mich und Debbie.

    D: Wie? Als Blondie?

    C: Ha, ha, ha, … wie auch immer, einfach für eine Show.

    Über die Zustände im CBGB, das von der New Yorker Gesundheitsbehörde auf den ersten Platz der Liste unhygienischer Etablissements gesetzt wurde.

    C: Habt ihr denn unser Buch gesehen?

    D: Ja, es kam als Import ’raus. Kid P. hat es rezensiert.

    C: Echt?

    H: Ihr wart wütend über das Lester-Bangs-Buch?

    C: Ach, es war einfach unangenehm, bestimmte Sachen gedruckt zu sehen.

    H: Ich mochte es eigentlich.

    C: Die Kritik unsererseits daran war, daß das alles seine eigenen Hirngespinste waren. Es ist mehr seine eigene Biografie. Alles über sich selbst.

    H: Hast du ihn inzwischen noch getroffen, ich meine, bevor er starb?

    C: Jaaaa, na ja.

    H: War da ein richtiger Streit?

    C: Ach nein. Er war halt, was er war. I don’t care. Er war ein unglücklicher Mensch. Deswegen ist er auch gestorben.

    In der Kneipe. Chris ist im Büro geblieben.

    D: Wetten, daß der da drüben ein Engländer ist.

    H: Ja? Ja, das ist Malcolm McLaren.

    D: Der ist hier, um seine Squaredances Of The World aufzunehmen. Seine Idee vom globalen Dorf. McLaren meets McLuhan. Produzent: Trevor Horn.

    H: Sein Gegenüber könnte Michael Jackson sein.

    Debbie (aus der Jukebox): Flash is cool … Rahapture …

  • Herbstsaison. Die große Depression

    Herbst. Das Spiel ist aus. Jetzt wird es ernst. Wer jetzt alleine bleibt, bleibt es lange und kommt unter Umständen nicht durch.

    Diesen Gedanken formulierte auch der lungenkranke Schwerenöter, Lyriker und erbauliche Tröster unserer Großmütter Rainer Maria Rilke, der wie so viele Lyriker mit Vorliebe den Herbst besang. Dies nutzt auch der linke Buchladen in meiner neighbourhood.

    Da ich in keiner Studentengegend wohne, sondern in einem proletarisch/kleinbürgerlichen, unausrottbar sozialdemokratischen Viertel, ist dies der einzige linke Buchladen der Gegend. Vor ca. zwei Jahren hatte dieser die schrille Idee, an der nächstgelegenen U-Bahn-Station einen Schaukasten zu mieten und darin für sich, seine Bücher und seine Weltanschauung zu werben. So präsentierte man nacheinander: die Tatsache, daß Männer Schweine sind und über ein Geschlechtsorgan verfügen, das diverser Kriegsmaschinerie ähnelt (dargestellt anhand von sinnfälligen Fotomontagen mit FLAK, Kanonen, Raketen …) und daß sich diese Männer selbst finden sollen und daß es Bücher zum Thema gibt; die Tatsache, daß die Deutschen sich nicht immer so schlecht gegenüber ihren Ausländern benehmen sollen (um zu verdeutlichen, daß es gar keine festumrissene deutsche Identität gibt, wies ein kleiner Zettel auf die vielen Völker, aus denen sich unseres zusammensetzt, hin, daneben hatte man einen kleinen Spiegel geklebt, der es dem auf die U-Bahn Wartenden ermöglichte, noch schnell einen Mitesser auszudrücken und en passant sein Deutschtum zu überprüfen), und die Tatsache, daß James Joyce aus Irland stammt (wo die Bärte rot und die Bartträger blau sind – belegt im Schaukasten anhand einer Reihe vierfarbiger Amateurphotos und dem Zusatz: „Iren – die Menschen, die Joyce liebte“. Meines Wissens liebte dieser Herbert Wehner des modernen Romans wenige Menschen, schon gar nicht ganze Volksstämme.). Aber es ist natürlich toll, wenn sich Tag für Tag die arbeitende Bevölkerung beim Warten auf die U-Bahn über James Joyce, Ausländer und Männerprobleme Gedanken machen muß. Und ich habe beobachtet, daß diese Installationen, eine Mischung aus Erstsemester-Hochschule-für-bildende-Kunst- und Uni-Wandzeitung-Solidarität-mit-dem-kämpfenden-Volk-von-Vietnam-Wandzeitung-Ästhetik die Leute tatsächlich faszinieren.

    Jetzt hat dieser Buchladen sein Meisterwerk geliefert. Ein ganz und gar mit Herbstlaub ausgefüllter Schaukasten macht Stimmung für Rilke, den Herbstlyriker, und unser aller Herbstgefühl. Wirklich großartig finde ich, daß man den Herbst hier wirklich als Problem vorstellt, das den arbeitenden Menschen ebenso stark zu schaffen macht wie Lohnpause und Bundesliga.

    Niemand kümmert sich darum, uns diese Probleme vom Hals zu schaffen. Da kommt ein rechtschaffener Bürger aus dem Urlaub zurück, dem wohlverdienten, und in der Zwischenzeit hat man kurzerhand die Regierung ausgewechselt. Zwar fällt es auch den Nachrichtensprechern nicht leicht, die Worte „Bundeskanzler“ und „Helmut Kohl“ oder „Innenminister“ und „Friedrich Zimmermann“ in Verbindung zu bringen, aber sie tun es trotzdem und brüskieren so jeden halbwegs normalen Menschen. Schmidt, der rechtmäßige Kanzler, die hervorragend-richtige Repräsentation von bundesdeutscher, spätkapitalistischer, ideologieloser, pragmatischer Krisenverwaltung, tritt zurück und erhält plötzlich ungewohnte geistige Dimension. Klaus Bölling veröffentlicht sein triefendes, unbedingt lesenswertes Bundeshaus-goes-Richard-Wagner-Tagebuch, und Schmidt wird darin plötzlich zum Schüler des Philosophen Popper, dessen Erwähnung durch Schmidt vorher immer wie eine Notlüge wirkte, um den sozialdemokratischen Pragmatismus geistig zu überhöhen. Nun erscheint Schmidt als Schüler des greisen Weisen (in Wirklichkeit ein dröger Empirie-Anhänger, dessen Anti-Marxismus seinem Namen alle Ehre macht), der diesen noch vor seinem zu erwartenden Tod in London aufsuchen will, um ein paar wichtige Erkenntnisse abzuholen, auf daß das kostbare Wissen erhalten bleibe …

    Mit Schmidt endet eine Epoche, in der Politik ein letztes Mal durch eine Figur repräsentierbar war und damit wenigstens noch einen Rest von Interesse, Auseinandersetzung und Denken möglich machte. Schmidt war die letzte Figur, die es erlaubte, das politische Gepräge einer Epoche ästhetisch zu erfassen und zu verarbeiten. Nach ihm kommt das Ende der Politik. Unter Kohl/Vogel wird die Wahlbeteiligung nach und nach auf 30 % sinken. Die Staatsgeschäfte werden irgendwie weitergeführt. Eine Jugend wird diesen Zustand begünstigen, die, wann immer man ihr Fernsehzeit leiht, verkündet, es ginge nicht um Politik, sondern um Gefühle, Humanität, Nettigkeit und „romantisches Verlieren“, wenn sie Dinge tut wie ein Haus zu besetzen. Dabei hatte das Fernsehen ihnen noch vorher die Ehre angetan, ihr Handeln in irgendeinen, wenn auch fernsehtypisch vagen, politischen Zusammenhang zu stellen.

    Die Antwort auf diese Situation kann nur heißen: Marxismus-Revival. Her mit sauberer, rigider Dialektik! Her mit Selbstkritik, Parteiausschlußverfahren, Ernsthaftigkeit! Funktioniert natürlich nicht so einfach. Ist Wunschdenken. Macht nichts. Vielleicht einfach: Sauberes-Denken-Revival, auch wenn das unseren genußvoll verfeinerten und überzüchteten Gehirnen noch so weh tut. Im Rahmen des permanenten Zwei-Fronten-Kampfes (gegen Establishment und gegen alternatives Establishment) wäre das Marxismus-Revival im Zeichen der Kohlschen „Machtübernahme“ (besser „Erschleichung“, „Amtsanmaßung“) das geeignete Medikament. Die Lage ist, daß der einzige einigermaßen aussichtsreiche Widerstand, der grüne, seinen Erfolg seiner Gefühligkeit (Massenbewegung, Slogans für Doofe, Fraternisierung, geistige Schmusedecke) verdankt und sich damit derselben verdunkelten Mentalität bedient, die auch die CDU speist (Gefühle gegen Ideen, mulschige, wabblige Tölpel- und Riesenhaftigkeit gegen Konturen. Ist Kohl „The Thing“?), von den wenigen Lichtgestalten wie Petra Kelly einmal abgesehen. Sympathisch bei den Grünen auch: Cohn-Bendits gescheiterter Vorstoß als „Genscher der Spontis“ und die vielen Alt-K-Grüppler, denen die Gefühligen jetzt den Garaus machen wollen.

    Wird aber alles nichts. Clubs, Labels, Verlage, Gruppen lösen sich auf. Helmut Schmidt, Blondie und The Jam entziehen sich in derselben Woche der Verantwortung. Normalerweise ist wirtschaftlicher Niedergang (Massenarbeitslosigkeit) mit kultureller Blüte verbunden. Nicht so in den 80ern. Für unsere Zukunft sieht es wesentlich düsterer aus: Uns steht nicht nur ein 1929-Rezessions-Weltwirtschaftskrisen-Revival bevor, sondern außerdem ein großes 33-45-innere-Emigration-Revival (Lesetip: Gottfried Benn: „Kunst und Drittes Reich“), hoffentlich nicht auch noch das Hjalmar-Schacht-Autobahnbau-Rüstung-Ankurbelungs-Revival.

    Bezeichnend für die große Depression: die guten Konzerte waren alle hilflos, überkommen, unzutreffend, nicht ganz das Richtige. Das einzige Konzert, das mir den Glauben an die Musik zurückgeben konnte, war der dieses Jahr unerreichte Auftritt von Dexys Midnight Runners, der Gruppe 1982.

    Die heutige Zeit ist durch zwei fundamentale Niederträchtigkeits-Strukturen organisiert, die ich an zwei Beispielen verdeutlichen will. Erstes Beispiel: Dem Fernsehen entnehme ich, daß anläßlich des fünften Jahrestags der Ermordung des Hanns Martin Schleyer von Daimler Benz ein Hanns-Martin-Schleyer-Preis für hervorragende Verdienste um die Sozialpartnerschaft gestiftet worden ist (also für mehr Nettigkeit von sogenannten Arbeitnehmern und sog. Arbeitgebern). Ich will ja nicht sagen, daß das so wäre, als würde man einen Adolf-Hitler-Preis für Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden aussetzen, auch nicht, als würde man einen Paral-Preis für die Aussöhnung von Menschen und Mücken, nein denn vernichten wollte Schleyer ja niemanden. Aber an einen Horst-Tappert-schwarze-Serie-Preis, einen Nobby-Stiles-Fairness-auf-dem-Fußballplatz-Pokal muß ich denken, an einen J.J.-Cale-Pogo-Preis, und wenn es nicht zu billig und zu naheliegend wäre, würde sich mir sogar der Vergleich mit einem Harald-Juhnke-Enthaltsamkeitsorden aufdrängen. „What’s the use of getting sober, when you’re gonna get drunk again“, fragt Joe Jackson. (By the way: Nichts gegen den originellen Nobby Stiles und viel gegen das moralinsaure Anliegen „Fairness“ im Fußball!).

    Zweites Beispiel: BAP dominieren unsere Hitparaden und werden allerorten hochgehalten als Beispiel für eigentliche, richtige, natürliche Rockmusik. BAP verkörpert die erfolgreichste Form des Rockism, jener reduktionistischen Einstellung, die dem alten verlogenen Unsinn vom Reden wie einem der Schnabel gewachsen ist bis in unsere Zeit am Leben hält und auch noch als oppositionell verkauft. Titanic schrieb hierzu sehr treffend: „Um seinen pseudosentimentalen Maffayaden einen volkstümlichen Anstrich und seinen Fans lindenberghaften Lehrstoff zu verpassen, singt Karohemdträger W. Niedecken in einem Phantasiekölsch, das er wohl selber nicht ganz versteht Auf Legastheniker-LPs wie for usszeschnigge und vun drinne noh drusse nimmt er angepaßtes Spießertum unter die unangepaßte Lupe. So erfreut er sich als gebildeter Vergangenheitsbewältiger (‚Kristallnaach‘) (…) und die eigene Unverdorbenheit bestaunender Nichtwellenreiter der klassischen ‚Einer-von-uns‘-Berühmtheit nicht bloß beim Freizeitclub der Sprachbehinderten, sondern auch bei dem Teil der Jugend, dem man mit echt gutgemachter Spontaneität noch imponieren kann. Und der ist größer als man wünscht.“ Und zeugt Kinder, erzieht sie in seinem Sinne und perpetuiert das Elend.

    Doch zurück zu den Konzerten, zur Chronistenpflicht: Fred Frith’ Skeleton Crew und Cassiber, das um Chris Cutler und Christoph Anders erweiterte Goebbels/Harth-Duo erinnerten noch einmal nachdrücklich an das, was uns unter „Avantgarde“ einmal vorgeschwebt hatte.

    Fred Frith führte im Trio und unter ständigem Wechseln der Instrumente vor, was er sich unter einer „musikalischen Weltreise“ oder wie man sonst die bunte Aneinanderreihung verschiedener Musikstile nennen möchte, vorstellt. Der Stil, die formale Festlegung änderte sich schnell und abrupt, aber irgendein musikalischer Parameter war immer festgelegt, der Rest wurde der Leidenschaft und der Spontaneität überlassen. Obwohl Frith ein guter Mann ist, ließ es mich kalt: eine etwas zu durchsichtige, akademische Fingerübung. Anders bei Cassiber, bei denen das Nachdenken über Musik sich auf glückliche Weise mit nicht mehr hinterfragbaren Obsessionen paarte: bestimmte unauslöschliche Leidenschaften für Jazz bei Harth, Fetzen europäischer Melodik bei Goebbels und bei dem hervorragenden Cutler, der für ein Tribut an seinen Freund Robert Wyatt sorgte, indem er das Konzert in einer furiosen Version von „At Last I’m Free“ enden ließ. So sollte Nachdenken über Musik sein: daß man am Ende das macht, was man sowieso machen wollte und zusätzlich weiß, warum. Und das Wissen-Warum, diesen kleinen geilen, intellektuellen Luxus, wandelt man dann gleich noch einmal, hörbar für das Publikum, in musikalische Einfälle um. Ein gutes Konzert. Trotzdem irgendwie zu alt.

    Kurtis Blow war mit seiner Rap-Show schon eine angenehme Abwechslung für Hamburg, besonders wegen der begeisterten Teen-Reaktionen auf die „Everybody in the house say yeah!“-Masche. Aber neben dem bißchen schwarzen Charme, an den man sich hierzulande natürlich immer klammert, war nicht viel los mit Kurtis: Routine, Exekution von Schallplatten, und uns fehlte sein bester Song „Throughout The Years“. Palais Schaumburg machten es im Prinzip richtig: mit Würde und Anstand weitermachen. Das tun, was zu tun ist. Nur klingt es jetzt so gut wie ungefährlich. Gute Songs, unpeinlicher Auftritt, aber keinerlei Überschwang. Das gilt sowohl für die LP als auch für den perfekten HH-Auftritt, nicht für den gefährdeten, überraschenden Holland-Auftritt, den ich vor Wochen sah. Solides Kulturgut, aber nicht die Kultur der Stunde, nicht stumpf, aber auch nicht scharf.

    Mayo Thompson und seine umbesetzte Red Crayola (Allen Ravenstine von Pere Ubu, Ben Annesley und ein neuer Schlagzeuger) machten die beste Figur in diesem Monat. In einem unspektakulären Konzert im ebenfalls (wie alles) ruinierten „Versuchsfeld“ trug Mayo das Programm der nächsten LP vor (mit den wahrscheinlich besten Song-Texten, die du je gelesen hast) und schloß bei der dritten Zugabe mit „Ergastulum“ von der unlängst wiederveröffentlichten LP Corrected Slogans (by the way: Hallo, Tibor Kneif, der du doch in deinem akademischen Rock-Musik-Buch so viel [zu viel] Wert auf Genauigkeit legst, „Art & Language“ ist keine Band, sondern eine Künstler- und Theoretikergruppe, die lediglich an den Texten von Red Crayola mitarbeitet). In diesem Song werden die ökonomischen Formeln und Gleichungen aus Marx’ Kapital als fröhliche akustische Country-Nummer gesungen. Ein Vorbote des Marxismus-Revival? Ach was! Laß dir nichts erzählen. Motto des Monats: „Rip it up / and start again!“ (Orange Juice).

  • Depeche Mode

    Als Vince Clarke, Autor einiger der edelsten Kinderpop-Klassiker und aller Depeche-Mode-Songs, nach der ersten LP und mehreren erfolgreichen Singles das Quartett verließ, schien es, als sei dessen schnelle Karriere zunächst beendet. Hits wie „Just Can’t Get Enough“, „New Life“ und auch die eher schwächeren DepMod-Titel dazwischen schienen zu eindeutig den Stempel des Autors zu tragen, der seine Fähigkeiten nun in den Dienst des Duos Yazoo stellte. Doch mit Martin Gore wuchs ein Songwriter aus den eigenen Reihen nach, der zwar etwas mehr auf melodische Schnörkel und Raffinessen der Vokalarrangements setzt und dafür weniger von der Schmissigkeit Vince Clarkes zu bieten hat, aber für die gleichen Erfolge in den Charts zu sorgen weiß wie sein Vorgänger. Die in Moritz Rrr/Atatak-Covern verpackten Singles „See You“ und „Meaning Of Love“ waren sentimentale Balladen von der Klasse besten liebeskranken Teen-Pops, „Leave In Silence“ für kommerzielle Zwecke direkt riskant kompliziert: elektrische, gefrorene Pubertäts-Seele – in gleicher Weise rührend wie befremdend und zuweilen gar analytisch.

    Die zweite LP, A Broken Frame reicht allerdings, wie auch schon Speak & Spell unter der Ägide von Vince Clarke, nicht an die Qualität der hervorragenden Singles heran, die auf ihr enthalten sind. Ein Song mit der einnehmenden Kraft von „See You“ findet sich unter den neuen, durchweg zarten, brüchigen Nummern nicht noch einmal. Die immer gleichen Synthi-Arrangements können auf der Langstrecke nicht mehr hundertprozentig befriedigen. Wie die klassischen Pop/Beat-Bands der 60er ist auch Depeche Mode eindeutig eine Singles-Band, und wir sollten nicht hoffen, daß sie plötzlich den Ehrgeiz entwickelt, gewichtige, geschlossene Konzept-LPs an die Stelle ihrer beschwingten Pop-Songs zu setzen, deren Funktion nun einmal an die Stimmungswechsel der Charts gebunden ist. Die nach der Aktualität der Wochenstimmung verlangen und durch das behäbige Medium LP eher zu kurz kommen.

    Ein Depeche-Mode-Konzert ist übrigens keine besonders aufregende Angelegenheit, das würde zu den schüchternen Songs auch nicht so gut passen: Die drei stehen hinter ihren Synthis. Man kann ihre netten, etwas ungelenken Schulbubengesten betrachten, sich an ihrer unprätentiösen Show erfreuen und die bekannten Hits hören. Genausogut kann man sich zu Hause ein paar Fotos anschauen und die Singles via Walkman beim Einkaufen genießen.