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  • Jah Wobble

    In den Jahren 1979 bis 1981 war der Bassist, Studio-Zauberer und Reggae-Verehrer Jah Wobble eine der schillerndsten und innovativsten Gestalten der neueren Musik. Dann wurde es etwas still um ihn. Um so überraschender ist sein Comeback mit einer neuen Live-Band, da er noch vor kurzem aller Welt erklärte, er habe sich aus der Musik-Szene zurückgezogen und würde derzeit vom Taxifahren leben. Wobble war eines der ersten New-Wave-Kinder, die die 1977/78 aufflammende Begeisterung für Reggae und Dub-Produktionstechniken innerhalb der Punk-Szene anders zu verarbeiten wußten als durch das Nachsingen von Jamaika-Klassikern oder die Integration von Begriffen wie „Babylon“ in den aktiven Wortschatz. Jah Wobble entwarf, zunächst auf Singles, eigene, mit britischem Humor durchsetzte Dub-Varianten, die, neben den Bemühungen von XTC etwa zur selben Zeit, in der Welt der weißen Musik einzigartig waren.

    Der nächste Schritt war Jah Wobbles (daß er sich nach jamaikanischer Produzenten- und DJ-Sitte den Titel „Jah“ zugelegt hatte, war in seinem Fall wirklich keine Anmaßung) Mitgliedschaft bei Public Image Ltd., kurz PIL, der Band des Weltstars und Sex-Pistols-Überlebenden Johnny Rotten/Lydon, der Wobble für die aufsehenerregenden ersten beiden Experimental-Rock-LPs als wichtigste musikalische Kraft angehörte.

    „Will Jah Wobble ever grow up?“ ließ er dann sein Alter Ego Dan McArthur fragen, als er sich für seine erste Solo-LP (entstanden zwischen der ersten PIL-LP und der „Metal Box“) als verwundeter Nahostkrieger fotografieren ließ. The Legend Lives On … Jah Wobble in Betrayal war eine bemerkenswerte Platte: Ein Hit („Betrayal“) im nur leicht Reggae-beeinflußten konventionellen Rock-Idiom eröffnete die Platte, um den Hörer in eine Vielfalt von angedeuteten, bunten Klangwelten zu locken. Jah Wobble begann sich zu einem der angesehensten Neuerer zu entwickeln, zu einem Studio-Wizard der Achtziger, doch er verhielt sich nicht gerade clever im Umgang mit der Öffentlichkeit. Während diese noch Betrayal verdaute, brachte er zwei Monate später ein weiteres Werk von LP-Länge auf den Markt, auch wenn er es als V.I.E.P. tarnte (Very Important E.P.) und zu Billig-Preisen verschleudern ließ. Noch skurriler als auf Betrayal machte er sich daher an die Exploration des Studios und jagte z. B. den Fats-Domino-Oldie „Blueberry Hill“ durch eine Computer-Version. Die Metal Box, das zweite PIL-Album, zeigt ihn dann noch einmal von einer anderen Seite, als Instrumentalisten und Live-Musiker, was ganz andere Talente als seine Studio-Experimente erforderte. Die Metal Box, seinerzeit weltweit als Meilenstein gefeiert, ging zwar zu großen Teilen auf sein Konto, aber er verließ die Band dennoch kurz nach dieser Platte und ist nur noch auf dem Live-Album von PIL zu hören. Stattdessen hatte der Rastlose, den man in Deutschland nur einmal in Berlin bei einem enttäuschenden Solo-Auftritt zu vorgefertigten Bändern erleben konnte, offensichtlich endlich den richtigen Partner gefunden: den ebenso renommierten wie versponnenen Kölner Can-Musiker und Studio/Tape-Tüftler Holger Czukay, wie Wobble Bassist und geradezu religiöser Anhänger der Studio-Elektronik. Entgegen den Erfahrungen der Rock-Geschichte, daß das Zusammentreffen von Genies selten erwartungsgemäße Ergebnisse hervorbringt, machten die beiden, gemeinsam mit dem Can-Drummer Jaki Liebezeit, eine außergewöhnlich gute EP mit vier Fusionen aus leichtfüßigen schwebenden Melodien (Jah Wobble am akustischen Piano, Holger Czukay an der Trompete) mit rhythmischer Raffinesse im Lichte exzellenter, räumlicher Produktion.

    Nach diesem Höhepunkt verschwand Jah Wobble von der Bildfläche und machte besagte Ankündigung mit dem Taxifahren wahr. Anfang 1982 tauchten Meldungen über eine neue Band auf, und eine autorisierte Live-Cassette einer Jah-Wobble-Band namens The Human Condition machte die Runde. Darauf konnte man recht enttäuschenden Heavy-Metal-Lärm hören, der nur sehr gelegentlich von ein paar Ideen veredelt wurde. Jetzt plötzlich tourt er in England mit einer fünfköpfigen Band und kriegt wieder die allerbesten Kritiken. Für eine Überraschung war Jah immer gut, und Talent hat er genug.

  • New York im Herbst: PIL sind zurück! Oder: Meine schönsten Ferienerlebnisse

    Seit drei Tagen habe ich nun wieder den Lexington Avenue Local, der zwischen der Brooklyn Bridge in Manhattan und dem Pelham Bay Park in der Bronx verkehrt, gegen die U2 eingetauscht, die zwischen Hagenbecks Tierpark und Wandsbek verkehrt.

    Und das leichte, garantiert nicht berauschende amerikanische Bier gegen das schwere deutsche, das auf einem lastet wie der todessüchtige Oktober-Himmel und die leeren deutschen Straßen. Das Leben in Deutschland ist unausgefüllt, lädt zu Nachtmahren und Gespinsten, zu Projektionen und Paranoia ein, produziert Geist. In Amerika, besonders New York, wird beständig aufgenommen, für Geist ist kein Platz. Die Straßen sind voll (Menschen, Zeichen, Laute, Schreie, Schicksale), die Räusche sind leicht und selbstverständlich.

    Für Geist ist kein Platz: Jeder ist zu 100 % in den Kreislauf von Produktion und Konsumption eingegliedert. Aber obwohl es keinen Geist gibt, findet man in Amerika weit mehr leichtfüßigen, souveränen Intellekt: bessere Buchhandlungen und kultiviertere intellektuelle Journale.

    Die Rückkehr von PIL ist in New York das Ereignis der Saison, für mich nur eines unter vielen, solange ich dort war. Zurück in der BRD, mit dem professionellen Blick des Musikschreibers belastet, beginnt das wilde Konzert im Broadway-Tanzpalast „Roseland“ wieder zu wachsen.

    Von deinen ersten Schritten auf amerikanischem Boden an lernst du die unermeßliche Bedeutung kennen, die dort Türsteher und Demarkationslinien haben. Überall sind Menschenströme, und überall sind Linien und Grenzen, die sie daran hindern, über die Ufer zu treten. Und überall sind Offizielle, die den Menschenstrom dirigieren. Gelbe Linien hindern dich im Museum, zu nahe an die Bilder zu treten, gelbe Linien zeigen an, wie nahe du an die Subway-Gleise treten darfst, Polizisten und Linien dirigieren dich zu deinem Bankschalter, durchschnittlich fünf bis zehn Leute sorgen für die Kanalisierung von Besucherströmen bei Konzerten (Rausschmeißer nicht mitgerechnet). Einer teilt den Strom in Besucher mit Karten, solche die sich noch eine Karte kaufen wollen und solche, die vorgeben, auf der Gästeliste zu stehen. Drei weitere Leute prüfen die Berechtigung des jeweiligen Ansinnens, fünf dirigieren einen in den richtigen Teil des Saals. Im Restaurant weist dich ein Maitre D’ an deinen Platz, und am allerwichtigsten sind die ungeschriebenen Grenzen zwischen erlaubten und verbotenen Stadtvierteln: die Avenue A etwa, die den noch halbwegs sicheren Teil des East Village von der Drogen/Mörder-Gegend trennt (obwohl Makler und Kapitalisten im Moment gerade die Gegend jenseits der Avenue A für Schickis und Künstler urbar machen und die Ärmsten der Armen, die da zur Zeit wohnen, buchstäblich in den Fluß drängen, mit Mietwucher und Sanierung), oder die 96. Straße, die die propere Upper East Side von (Spanish) Harlem trennt (und zwar so abrupt, daß es aussieht, als würde Schwabing an Istanbul grenzen). Es ist sehr spannend und genußvoll, an diesen Grenzen zu patrouillieren oder sie zu überschreiten.

    Public Image Ltd.

    Seit Wochen sprachen die New Yorker Jugendlichen von nichts anderem. Und zwar alle: die vielen Lydia-Lunch-Kopien, die in geringer Stückzahl eigens aus Europa importierten Pillenbibis, die John-Luri/James-White-Cool-Jazz-und-Cocktail-Replicants, die ehrlichen Rock’n’Roller, die Jazz-Connaisseure, die völlig ahnungslosen, soeben angereisten „Where Are You From I’m From Texas“-Figuren. Alle. Die finnischen Kunst-Stipendiaten, die hier für europäische Malerei sorgen (zusammen mit einigen deutschen Wilden der dritten Liga, die ich bei einer Ausstellung im Goethe-Haus sah, die unserem Vaterland fast so wenig Ehre machte wie der neue Bundeskanzler: „Unlike most Germans who’ve been educated after World War II Mr. Kohl speaks very little English“, New York Times), die französischen Schicki-Import-Punker, allerdings kaum Schwarze. Das Gedrängel an der Demarkationslinie wurde dann auch noch von Massen von Punks beherrscht, die trotz der spektakulären Pleite vor einem Jahr im Ritz, als PIL nur Videos zeigten und für ein Pogrom sorgten, ihrem alten Helden weiterhin die Stange hielten und davon überzeugt waren, daß John ein zweites Mal nicht mit sowas davonkommen würde. Er versuchte das auch nicht.

    Nachdem die satirische Band Art auf selten dämliche Weise ihr kritisches Bewußtsein vorführte, indem sie offensichtlich verhaßte Chart-Hits im Insterburg-Sound nachspielte und die Texte „lustig“ verfremdete, kam es zu einer langen Pause, in der aber das Gedränge um gute Sichtplätze schon gefährliche Dimensionen annahm. Der Manager des Tanzlokals stellte sich, von stämmigen Rausschmeißern umgeben, auf die Bühne und bat die Massen, einen Schritt zurückzutreten, ein Anliegen, das nur höhnisch belächelt wurde: Wenn die Massen in Amerika plötzlich keine Linien mehr vor sich haben, wenn kein Türsteher oder Polizei-Kordon ihnen die Richtung aufzwingt, kennen sie keine Grenzen mehr. Das Gerangel wurde zum Tumult, meine Wenigkeit dazwischen, und das Konzert begann, obwohl der Manager kurz zuvor mit Abbruch gedroht hatte. Ein gut gelaunter Johnny Lydon erklomm die Bühne, nachdem sich das Keith-Levene- / Peter-Jones-, Ex-Cowboys-International-Bassist / Martin-Atkins-Trio schon an kranken Blues-Verfremdungen warmgespielt hatte und zog zur frenetischen Freude der Massen das ganze Potpourri von Gesten, höhnischen, alkoholisierten britischen Späßen, Punk-Grimassen und PIL-Klassikern ab, vor allem die erste LP wurde fast durchgespielt: „Annalisa“, „Religion“ und vor allem gleich zu Beginn das beste PIL-Stück bis heute: „Public Image“.

    Um mich herum wurde es gleich sehr gefährlich: ein Drogen-Hippie verlor die Kontrolle und ließ seinen Körper, von Schweißozeanen bedeckt, unter rudernden Armbewegungen durch die Menge gleiten, ein alter Mann neben ihm fühlte sich angegriffen und schlug zurück, prügelte schließlich hysterisch auf alle ekstatischen Teenies in seinem Umfeld ein, mit beiden starken Bärenarmen und Boxerfäusten bzw. Ellenbogen, denn er hielt noch sein kleines Frauchen umklammert, das die Auf- und Niederbewegungen seiner Schläge widerstandslos mitmachte. Vorne wurde gepogot und die Bühne gestürmt, pro Minute warfen die Bouncers, die Lydon meistens verdeckten, vier bis fünf Bühnenkletterer wieder ’runter, und Johnny grinste. Ein Hauch von 77 durchwehte den Saal. So müssen sich die Rocker gefühlt haben, die Anfang der Siebziger in HH beim Chuck-Berry-Konzert von Nostalgie ergriffen auf die Bühne kletterten, den verunsicherten Chuck zur Brust nahmen und ihm ein herzhaftes „Sauber, Chuck!“ zubrüllten. Den endgültigen Sieg trug PIL – übrigens eine gute Band, rein musikalisch – davon, als sie den zum Hit programmierten Song „Mad Max“ vortrugen. Johns schneidendes Organ im Dienste modernisierter weißer Rock-Musik, ohne Avantgarde-Ambition, ohne in Amerika unpassende Niedlichkeit.

    John Cale

    Mein alter Held trat mit zwei absoluten Nullen in einem sonst der SoHo-(hier gibt es nur Künstler und Kellner, die erfolglose Künstler sind)-Performance-Zirkel vorbehaltenen Laden auf: einem Saxophonisten, dessen Namen ich vergessen habe, und einem gewissen Bob Neuwirth, der angegammelte Greenwich-Village-Literar-Folklore zum Besten gab, wobei ihn John auch noch an Viola und Piano begleitete, doch dazwischen gab es auch Cale solo mit „Fear“, „Paris 1919“ und „Guts“ am Grand Piano und mit dem neuen „Chinese Envoy“ an der Gitarre. Er lächelte säuerlich, trug Dinner-Kleidung und steckte barfuß in Lackschuhen. Er erklärte mir später, die Idee des Konzertes sei es gewesen, Neuwirth zu improvisierter akustischer Konzertmusik rappen zu lassen, worin dieser eigentlich ganz groß sei. Auf der Bühne wäre Neuwirth dann zu schüchtern gewesen und hätte auf den Ablauf eines einstudierten Programms bestanden, was Cale wiederum lächerlich fand.

    Ich treffe ihn in den ZE-Büroräumen. Er berichtet von seiner neuen Symphonie, die er demnächst aufnehmen wird. Von dem neuen Bewußtsein in Europa („es geht den Leuten dort erstmals nicht um die Gegenwart, sondern um die Zukunft. Daß so ein Bewußtsein sich so weit verbreitet, daß es politisch wirksam wird, ist etwas Neues“), das ihn zu dem LP-Titel Music For A New Society veranlaßte. Im Gegensatz zu unserem Paris-Gespräch vor eineinhalb Jahren ist er ruhiger, distanzierter, höflicher, amüsierter. Er hält das amerikanische, wachstumorientierte Denken für anachronistisch. Er sagt, daß er weiterhin zwischen Rock-Musik („die ich mit gutem Grund hasse!“ J. C.) und seinen kompositorischen Neigungen hin- und hergerissen sein werde und daß er und jeder andere, der je mit Velvet Underground zu tun gehabt hätte, es begrüßen würde, wenn Lou Reed für einige Zeit im Gefängnis verschwände („Ich weiß nicht genau, was er uns schuldet, aber es sind Unsummen. Die erste Velvet Underground ist längst eine Platin-LP.“). Seine letzte LP sei enorm billig gewesen und würde ihn zu keinerlei Verkaufserfolgen verpflichten, während Honi Soit, die auf kommerziellen Erfolg hin kalkuliert gewesen wäre, sich als der totale Flop erwiesen hätte. Trotz eines Super-Hits, wie ich meine („Dead Or Alive“). Cale zieht Stücke wie „Wilson Joliet“ vor. „Broken Bird“ erinnert uns beide an „You Know More Than I Know“, und wir vertiefen uns schließlich in ein Insider-Gespräch zwischen Cale-Fans (Cale-Fan Nummer eins: Diedrich Diederichsen, Cale-Fan Nummer zwei: Cale).

    Jonathan Richman

    Ich sah circa 40 Gruppen bzw. Künstler in circa 25 Konzerten. Dies war das beste. Das Lone Star Café nennt sich auch „die Botschaft Texas“ in New York und bietet ein Heim für Acts wie Jorma Kaukonen oder die herumstreunenden Reste der New Riders Of The Purple Sage, aber auch für Kurtis Blow oder Defunkt. Das Publikum unterscheidet sich hier deutlich von dem New Yorker Publikum. Eigens angefertigte, originalgetreue Provinz-Amerikaner, sorgfältige Redneck-Replicants und viele picklige, sehnsüchtige 50er-Jahre-Schulmädchen sorgen für den exotischen Reiz, den dieses Lokal auf coole, weltweise New Yorker ausübt.

    Jonathan Richman gibt es noch. Die Modern Lovers gibt es noch. Und beide waren wohl seit den Aufnahmen der Debüt-LP (deren offizielle Version ich übrigens der unlängst ausgegrabenen Pre-Version vorziehe, obwohl man auf den Song „I’m Straight“, der frühesten Abrechnung mit Kiffern und Hippies, natürlich nicht verzichten kann, und der ist nur auf der inoffiziellen Version enthalten) nicht mehr so gut wie in jener Nacht. John Cale: „Jonathan? Bei ihm weiß man nie. Er ist jetzt verheiratet oder so, und das war mal wieder das Letzte, was man von ihm erwarten konnte.“ Tatsächlich singt Jonathan in fast jedem Song (und er spielt fast nur neue) von seiner neuen Liebe. Wie am Anfang seiner Karriere singt er nicht fertige Songs, sondern hält kleine Reden zur Musik, erzählt Geschichten, zu denen sich seine charmanten Ansagen wie barocke Kapitelüberschriften verhalten. Jeder Song handelt von ihm selber, und seine beiden Sängerinnen sprechen ihn im Dialoggesang mit „Jonathan“ an und stellen interessierte Fragen. Dahinter die Modern Lovers: drei alte Männer am mit Besen getupften Schlagzeug, Baß und Orgel.

    Alle waren von Jonathans Soul gerührt: die pickligen Mädchen, die New Yorker, die Replicants, die Cowboys – alle weinten. Songtext: „Jahre bevor ich geboren wurde / kam ein Astrologe zu meiner Mutter / und er sagte: Mrs. Richman / sie werden einen Jerk zur Welt bringen“. Ansage: „Seit ich mein Mädchen liebe, kommen meine Freunde zu mir und sagen: ‚Jonathan, jetzt, wo du ein Mädchen hast, magst du uns nicht mehr und gehst nicht mehr mit uns aus‘ und ich sage: ‚Aber Freunde, jetzt, wo ich mein Mädchen liebe, liebe ich die ganze Welt mehr als sonst, also auch euch‘“, soweit die Ansage, dann der Song, eine langsame Ballade: „Seit ich mein Mädchen liebe / kommen meine Freunde zu mir und sagen: ‚Jonathan, jetzt, wo du ein Mädchen hast‘“ usw. Es ging jedem unter die Haut.

    Sun Ra

    Spielt hier fast jede Woche. Die Bigband mit den Space-Häubchen intoniert einen Standard nach dem anderen, immer veredelt durch die Weisheit von Musikern, die sich jede Ecke des Kosmos erimprovisiert haben und im Alter nun auf konventionelle Disziplin achten und sich das Big-Band-Repertoir der 30er und 40er vornehmen. Dennoch immer noch jede Menge jugendliche Nachwuchskräfte im Arkestra. Erst nach zehn Minuten kommt Sun Ra selber auf die Bühne, vor ihm tanzende Mädchen, die jubilieren: „The Sun is coming“. Der Alte läßt sich an Piano und Hammond-Orgel nieder. Sein alter kosmischer Weggeführte seit mehr als dreißig Jahren, John Gilmore, grinst bei seinen Soli wie ein römischer Imperator, der seine allerperversesten Ausschweifungen auch nur noch gelangweilt und abwesend erlebt, und spielt das Schönste, das man sich vorstellen kann. Im Publikum sitzen zwei junge Schwarze mit je einem Haufen Percussion-Instrumenten vor sich auf kleinen Teppichen ausgebreitet. Ab und an ergreifen sie eines und bringen es zu Gehör.

    danceteria

    Hier verbringt man seine meiste Zeit in New York. Auf drei Stockwerken Parties, Konzerte, Film-Premieren, Videos mit Obskuritäten aus allen Epochen des TV und aktuellen, aber meist viel langweiligeren Band-Promo-Spots. An den warmen Tagen konnte man noch aufs Dach, wo man einen herrlichen Blick auf die nächtliche Skyline hat, genau im Norden vom Empire State Building, im Süden vom World Trade Center begrenzt. In der danceteria gab es eine nouveau roman party, bei der man Alain Robbe-Grillet, der wie ein Chansonnier der schlüpfrigen Sorte aussieht, im Sessel gelümmelt betrachten und die souveräne, greise Nathalie Sarraute zwischen Transvestiten und Cool-Jazz-New-Wavern ausmachen kann, Psychedelia-Parties, wo alle Welt mit Reptilien und Schlangen erscheint und sich auf einem bis dahin ungeöffneten Stockwerk eine Band anhört, die von „Five To One“ bis zu „Whole Lotta Love“ die letzte Jahrzehntwende in Erinnerung ruft, bevor sie einem Sitar-Spieler Platz macht, für den um absolute Ruhe und Höflichkeit gebeten wird, während man im Nebel ätzender Räucherstäbchen an der Bar nach Heineken verlangt. Hier spielt James White im dritten Stock am weißen Pianoforte Jazz-Standards im forcierten, chromatischen Monk-Stil, während von unten aus dem zweiten Stock der Disco-Bass ’rauf dumpft, James’ filigranes Improvisieren stört und John Lurie an der Bar sitzt und erklärt: „Ich bin gekommen, um ihn ein bißchen zu ärgern. Wir mögen uns nämlich nicht.“ Hier sah ich ESG, die vier rührenden Puerto-Ricanerinnen mit der Minimal-Percussion-Musik, denen inzwischen die Ideen ausgehen, die Swollen Monkeys mit ihrer Studentenulk-meets-Pigbag-Show, die hervorragende Bostoner Frauen-spielen-Seeds-Band Dangerous Birds, die Lounge Lizards, die zur Party für den neuen kurzen, strengen, abstrakten, fast-Beckett-Film von Permanent Vacation-Regisseur Jim Jarmusch Stranger Than Paradise aufspielten (zwei Hauptrollen für John Lurie also an diesem Abend) und mit ihrer neuen Besetzung (außer Evan ist keiner mehr dabei, statt Gitarre Posaune) auch ihr Konzept umwarfen. Sie bemühen sich jetzt ernsthaft um Jazz und sehen da natürlich viel schwächer aus: statt B-Movie-Songs und Ideenüberfluß lange Soli und Improvisationen. Hier sah ich jede Menge Kabarett und Kleinkunst, was schnell auf die Nerven geht, Berlin-20er-Revival (bäh!). Sehr sophisticated dagegen „No Entiendes!“, eine Kabarett-Serie von Haoui Montaug, einem der danceteria-Türsteher, der nebenbei noch das Lucky Strike mit „Alles Wird Gut“-artigen Zielen betreibt (Ausstellungen, Musik, Performance und Film bei Kaffee und Alkohol) und der als virtuoser Moderator Musik und Tanzdarbietungen präsentiert, die, sagen wir mal, zu 50 % originell sind. Und das alle drei Wochen. Als Moderator engagiert er sich für den liberalen, demokratischen Gouverneurskandidaten Mario Cuomo, der gegen New Yorks kapitalistenfreundlichen, schwulen Bürgermeister Ed Koch antrat (und dann auch überraschend die Vorwahlen gegen Koch gewann): „Ich habe nichts gegen Schwule, einige meiner besten Liebhaber waren schwul, aber aus gegebenem Anlaß muß ich doch einen schwulenfeindlichen Slogan ausgeben: ‚We need a Cuomo, not a homo!‘“ Oder er bringt dem Publikum einen spanischen Satz bei, wie etwa „El pueblo unido jamás será vencido“ – Wenn sich das Volk zusammenschließt, wird es nie besiegt werden. (Ein Satz aus meinem Lieblingsbuch Sprache der Unterdrückten von Compagnero Nostro aus dem Solo-un-capitalisto-morto-esto-un-capitalisto-beno-Verlag.) Ich habe mich mit ihm über die New Yorker Subkultur unterhalten, die Klasse, die er als die „Privilegierten Armen“ bezeichnet, weil sie ohne viel Geld auskommen müssen, in schlechten Gegenden leben, aber dennoch Zugang zu Information, Bildung und Bewußtsein haben. Diese Klasse ist zwar einerseits heute in New York, wie kaum irgendwo sonst in den USA, Nährboden für ein neues subversives Denken, andererseits nach wie vor von der Situation bestimmt, daß man nach New York geht (aus allen Teilen der Welt), um es zu schaffen. Diese Szene ist nach wie vor weiß dominiert und teilweise rassistisch (unglaublich, wenn ein netter, gebildeter Gesprächspartner, den man zufällig kennenlernt, en passant fallen läßt, daß für ihn Schwarze vor allem potentielle Vergewaltiger seiner Frau seien), was Haoui, einem der Initiatoren der britischen Rock-Against-Racism-Bewegung, besonders auf die Nerven fällt. Er hofft, gemeinsam mit der Village Voice übrigens, auf eine neue marxistische Intelligenz, die sich in Amerika parallel zum neuen Konservatismus langsam herangebildet hat.

    Gun Club, Peter Holsapple u. a.

    Ins CBGBs ging ich ungern, aber oft, denn hier treten in dunkler, muffiger Bierstuben-Atmosphäre nach wie vor wichtige und vor allem neue Bands auf. Die New Yorker Gesundheitsbehörde setzte das CBGBs in einer Liste der 25 Etablissements, die die meisten Hygiene-Bestimmungen übertraten, auf Platz eins. Hier sah ich neben den vielen anglophilen New Yorker Bunnymen-u. ä.-Epigonen Peter Holsapple von den dB’s in einem Neil-Young-Revival-Solo-Auftritt, der fast so ans Herz ging wie die ungeschützte Selbstdarstellung Jonathan Richmans. Und hier trat der Gun Club auf: Sänger Jeffrey Lee Pierce, Vorsitzender des Debbie Harry Fan Clubs, Los Angeles, trat in seiner von Debbie für ihn gestylten Frisur vor der fast kompletten Band Blondie, Richard Hell, der offensichtlich genesenen Pat Place von den Bush Tetras vor Richard Hell, Lydia Lunch und noch mehr alter CBGBs-Prominenz auf. Leider kam er mit seinen etwas zu stereotypen glubschäugig-boshaften Entladungen nicht ganz an das Niveau der hervorragenden Miami-LP heran: das Songmaterial wurde zugunsten von Sprüngen ins Publikum vernachlässigt. Dennoch eine der absolut kommenden Bands. Bald mehr davon in diesem Heft.

    Clubs

    Immer angenehm: Das Pyramid an der Avenue A: wo sich Schickies, Hells Angels, Künstler, Transvestiten, Reiche und Arme und alle Rassen zu Kleinkunst bei Schummer-Beleuchtung und leichtem, billigem Bier treffen. Nicht mehr 100%ig zu empfehlen: Das Roxy an Freitagen. Hier sind in der sonst Rollschuhläufern vorbehaltenen Disco schwarze DJ-Kultur und die neuesten Electric-Boogie-Ideen zu besichtigen, ohne den gefahrvollen Weg in die Bronx unternehmen zu müssen. Inzwischen sind zuviel Weiße im Laden, und das Niveau sinkt. Im Trammps veranstaltet der Stones-Entdecker, Yardbirds-Produzent und Arto-Lindsay-Fan Giorgio Gomelsky, Exil-Schweizer und Studio-Besitzer, Montags Massenkonzerte mit jungen Bands: viel DNA-Epigonen dritter Wahl und viel von dem, was Hans „SoHo-Angst-Jazz“ nennt, aber auch positive Überraschungen. Das Armageddon, mitten in der harten Schwulengegend gelegen, veranstaltet Avant-Rock an zwei Tagen in der Woche. Hier findest du 100%ig-jüdische, 100%ige Denker: echter, kochender Brägen, hohes Niveau. Die neue Super-Gruppe mit Arto Lindsay, John Zorn und Anton Fier („Crosby Stills & Nash des Lärms“, New York Rocker) habe ich knapp verpaßt, hatte aber nicht einmal ihren eingefleischtesten Fans gefallen. V-Effect, ein intellektueller Blurt-Verschnitt, waren aber sehr gut (besser als Blurt). Tagsüber: Lucky Strike. Nach vier: Berlin, AMPM, Blue Door, Continental, Fallout Shelter etc. Die Bowling Alley hat auch wieder eröffnet, obwohl am Morgen des Eröffnungstages der Besitzer von Räubern mit einer Bowling-Kugel erschlagen wurde.

    Geld

    Eigentlich gibt es nämlich kein Geld in Amerika. Nur Kreditkarten und endlos viele Verlosungen, Super-Gelegenheiten, Verbilligungen. Fernsehen und Schaufensterdekorationen vermitteln dir, daß Kaufen nicht Kaufen, sondern Gewinnen ist. Wie im Lotto. Die schmutzigen Scheine faßt du nicht an, mit deiner Karte ergatterst du deinen Gewinn, und Gewinnen ist das Wichtigste in Amerika, Winner das häufigste Wort. Wenn du kein Winner bist, bist du ein Loser, und das ist das Schlimmste.

    Hits

    Die zwei Haupthits waren „The Message“, von dem jede einzelne Textzeile ununterbrochen von der Wirklichkeit bestätigt wird und dessen Refrain die Leute in der Bronx auf T-Shirts tragen, und „Planet Rock“ von Afrika Bambaataa, dem gegenwärtig populärsten DJ aus der Bronx. Bambaataa war der Führer einer der vielen in den frühen Siebzigern die Stadt unsicher machenden Bronx-Gangs, er hat aber auch miterlebt und initiiert, wie die Straßengewalt nach und nach durch Kreativität abgelöst wurde. Graffiti, Breakdancing, andere Tänze, Rap, DJ-Kunst – in der South Bronx, dem weltweit bekannten Modellpark urbaner Verwahrlosung, hat eine der größten kreativen Explosionen stattgefunden. „Planet Rock“ zollt der inzwischen erwachten Vorliebe der Kids für kleine elektronische Spielsachen Tribut. Kraftwerk ist hip und wird in das Stück eingebaut, sogar Trio kann man in der South Bronx hören. Meinen schönsten Tag in New York hatte ich, als wir an mehreren von John Aheam (ein in der Bronx wirkender, sehr erfolgreicher, aber auch sehr idealistischer Pop-Bildhauer, der die Menschen seiner Umgebung auf grellen Büsten porträtiert) gestalteten Hauswänden vorbei Samstag nachmittag durch die Bronx spazierten und den Kindern auf den Spielplätzen bei ihren lebensgefährlichen Kunststücken zusahen. Dennoch steht auch der Bronx-Kultur die weiße Ausbeutung bevor. Die weiße Neigung zu „cheap holidays in other peoples misery“, die gerade bei N.Y.-Touristen und auch New Yorkern sehr ausgeprägt ist. Ausbeutung ist nicht, wenn weiße Pop-Musik schwarze Elemente einsackt. Ausbeutung ist der dumme Oh-wie-süß-Blick.

  • Paul Schrader: Katzenmenschen

    Durch eine rötlich beleuchtete Sandwüste folgt die Schwester ihrem Bruder bis zu einem Baum voller schwarzer Panther, angesichts dessen er ihr die Gruppenregel ihrer Sippe erklärt: der Vater mit der Tochter, die Mutter mit dem Sohne, der Bruder mit der Schwester. Was in Totem und Tabu als das Tabu einer Totemgemeinschaft (nicht blutsverwandt, sondern durch Zugehörigkeit zu einem Totemtier) beschrieben wird, ist hier Gesetz: der Inzest. „Um so sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbotes zu verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern.“ (Sigmund Freud, Totem und Tabu) Die Sequenz in der Wüste bildet den Mittelpunkt von Cat People, der noch einmal ausspricht, was bis dahin die Geschichte bestimmte. Nastassja Kinski wird, wie der Vorspann suggeriert, aus einer vorhistorischen Opferzeremonie jäh auf den Flughafen von New Orleans versetzt, wo sie an Malcolm McDowell gerät, der nur sie, seine Schwester, lieben kann, andernfalls er der Geliebten den Tod bringen muß.

    Einer der Tricks ist, ein Tabu zu nehmen und es zu normalisieren, dann geht plötzlich alles. Für die Katzengemeinschaft ist das Tabu die Regel: Inzest erhält die Art. In dem Moment, wo das Tabu als Regel gesetzt ist, ist alles pervers, alles läuft umgekehrt. Es hat mir Spaß gemacht, das zu tun. (Schrader)

    Cat People wird wie sein Vorgänger American Gigolo von der edlen Synthi-Musik Giorgio Moroders funktional begleitet. Wie beim Gigolo singt eine prominente Stimme das Credo der Hauptfigur, wie beim Gigolo mit vertauschtem Geschlecht, dort Debbie Harry für Richard Gere: „Call Me!“, hier David Bowie für Nastassja Kinski: „Putting Out Fire With Gasoline“. Wie in Gigolo arbeitet Schrader mit einer sehr subtilen, aber wenig spektakulären Optik, die den Film für die vielen verständnislosen Berufskritiker so kompliziert macht. Es gibt keine Kunst-Signale, daher erntet Cat People so viel Verrisse. Zwischen die Höhepunkte hat Schrader viele humorvolle Szenen geschaltet: ein Austernessen z. B., ein Kind, das im Zoo zu einem Löwen sagt: „leg dich hin“, was der Löwe sofort befolgt, ein Zahnarzt, der den Panthern die Zähne stumpf macht und auch einen Zoo-Offiziellen behandelt, ein schwarzes Hausmädchen, das „Female“ heißt, weil sie als Findelkind keinen Namen, sondern nur eine Geschlechtsbezeichnung vorzuweisen hatte. Nach dem Höhepunkt des Films, der alles entscheidet, sehen wir noch einmal John Heard durch den Zoo gehen. Er scheint trotz allem aufgeräumt und guter Dinge. Ein hilfloser Mitarbeiter fragt, was er tun solle, er habe Krähen und Stachelschweine in einen Käfig gesperrt, und nun zupften die Krähen den Stachelschweinen die Stacheln raus.

    Wenn Tourneurs Cat People der erste Horrorfilm war, in dem das Monster nicht zu sehen ist, dann verbindet dies, wenn auch nicht viel mehr, Schraders Version mit der von 1942. Zwar gibt es blutige Szenen, und die Katzen werden gezeigt, aber sie sind es nicht, worauf es ankommt: der unheimlichste Moment ist der Schluß, als John Heard, der gerade noch mit dem Stachelschweinproblem als Zoodirektor beschäftigt war, die von ihm geliebte Nastassja, nun auf ewig in einen Panther verwandelt, hinter Schloß und Riegel, in der Mittagspause am Kinn krault.

    „Ich wollte einen Film machen, in dem das Böse nicht abgewehrt und schließlich getötet wird, sondern geliebt. Ein Film, der nicht in Gewalt endet, sondern in einer Art Zeremonie.“

  • Dexys Midnight Runners. Die Romantik der Revolution – Manifeste des jungen Souls

    Wie kann ich über die tiefsten Tiefen des weißen, jungen Seelenlebens schreiben, ohne wenigstens ein bißchen unglücklich verliebt zu sein? Wie kommt es, daß ich die bohrenden, von Schmerz und Liebesleid getränkten Lieder von Dexys Midnight Runners in jeder Lebenslage genießen kann, während z. B. Richard Hell für Rache und Eifersucht aufgespart bleibt?

    Um die Gedanken zu sammeln, machen wir erstmal einen kleinen Spaziergang und delektieren uns via Walkman am zarten Schmelz der neuen Scritti Politti. Green Garthside erzählt, was das sei, when a man loves a woman; nämlich the language of getting, having and holding. Jetzt kauf ich mir die Bild-Zeitung: ein Professor, der sich ernährungswissenschaftlich mit Junk Food beschäftigt hat, ist ermordet worden, während seine Mörder in seiner Wohnung tafelten und im Kubrick/The Shining-Stil mit Senf „Redrum“ an die Wände klierten. Ich esse einen Viertelpfünder. Nur eine flüchtige Sehnsucht nach einem der Mädchen vor „McDonald’s“ könnte schon reichen, um mich in die Stimmung zu versetzen, die Voraussetzung ist für das Leben, Schreiben, Singen etc. des Kevin Rowland.

    Doch kein Mädchen erscheint. Türkische Teds entrollen ihre Südstaaten-Flaggen zum Gebrüll ihrer Motorräder, Hausfrauen schnattern, Kinder quäken, und die CDU steht an der gegenüberliegenden Straßenseite und wartet ab, bis ich aufesse, um dann die Regierung zu übernehmen. Im neuen Spiegel ruft Augstein „Kanzler, halte durch!“ – rrroaring eighties.

    Und Kevin Rowland kommt daher, untermalt von den durchblutetsten Bläsern, getragen von Philippiniengraben-tiefen-Mount-Everest-hohen Melodien und verlangt something pure. Let’s make it precious!

    Bei Rowland stehen sich die Propaganda der puren Seele und das geschickte Taktieren, Durchbrechen von Medienkonventionen als scheinbare Gegensätze gegenüber. Um in der Musik frei und unpeinlich-konkret sein zu können, richtet er sein gesamtes abstraktes Denken auf das Drumherum, auf Taktik und Strategie. Nach einigen oberflächlichen Artikeln über die erste Dexys-Midnight-Runners-Besetzung 1979 brach Kevin jeden Kontakt zur britischen Musikpresse ab und veröffentlichte stattdessen kleine Essays als Anzeigen in denselben Blättern. 1982 spricht er wieder, denn „was damals eine notwendige, ungewöhnliche Maßnahme war, wurde in der Zwischenzeit zur langweiligen Pose, ließ sich nicht länger durchhalten.“

    Kevin Rowland, 28 Jahre alt („Wie alt bist du?“, will er von mir umgehend wissen), irischer Abstammung, aber in England groß geworden, war irgendwann mal ein Punk und Kopf der Gruppe The Killjoys, als solchen kann man ihn noch heute bei den immer noch häufigen Aufführungen des Films Punk in London in Jugendzentren und ähnlichen Lagern studieren. „Ich glaubte, endlich eine Bewegung gefunden zu haben, die mir entsprach. Später haßte ich Punk inständig, weil mir Punk vorgeführt hatte, daß auch ich so dumm sein konnte, mich in einer Bewegung wohlzufühlen. Aber es war ein schönes Gefühl, in einer Masse von Gleichgesinnten unterzugehen. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, jemals wieder einer Bewegung anzugehören.“ Was sicher mit dem Grad des Erwachsenwerdens zu tun hat. Anfang 20 nimmt man, wenn man Glück hat, und es läuft gerade was, die letzte Bewegung mit, danach wird man entweder kleinbürgerlicher Bohemien oder kleinbürgerlicher Spießer.

    Die erste Dexys-Single war „Dance Stance“, später in „Burn It Down“ umbenannt: Kevin hatte mit der englischen Arroganz den Iren gegenüber zu kämpfen. „Sie machen Witze über Iren, was nicht weiter schlimm wäre, aber viele von ihnen glauben tatsächlich, Iren seien dumm. Ich entdeckte zu der Zeit gerade einige irische Autoren, die mich stark beeindruckten, wie Brendan Behan oder James Joyce. In meiner Wut zählte ich alle, die mir einfielen, auf und nannte den Song ‚Burn It Down‘.“

    This man is waiting for someone to hold him down / He doesn’t quite fully understand the meaning / never heard about, won’t think about / Oscar Wilde and Brendan Behan / Sean O’Casey, George Bernard Shaw, Samuel Beckett / Eugene O’Neill, Edna O’Brien and Lawrence Sterne / Sean Kavanaugh and Sean McCann / Benedict Kiely, Jimmy Hiney / Frank O’Connor and Catherine Rhine.

    Kevin zitiert gerne. Er weiß, daß ein Name, ein Verweis heutzutage wesentlich stärker ist als poetische Bilder, er weiß, daß das auch für die Musik gilt. Er nennt stets offen seine Quellen, hat ein Faible für Hommages, was ihm übel gesonnenen Kritikern den Verriß erleichtert. „Bei der ersten LP nannten sie es Otis-Redding-Rip-Off, jetzt reiten sie auf Van Morrison herum. Sicher ist Van Morrison einer der ganz wenigen, dessen Platten ich zu meinem Vergnügen höre und nicht, wie das meiste Zeug, nur um mich zu informieren, aber schon auf der ersten Platte gab es eine offene Hommage an seinen Gesangsstil.“ Und zwar im Schlußdrittel von „I Couldn’t Help If I Tried“.

    Nach „Dance Stance“ kam „Geno“, wieder ein Name, nämlich der von Geno Washington, der damals ein Star war, „back in 68“, als Kevin 14 war und die scharfen Älteren bewunderte („Michael the lover, the fighter that won“), selber als „lowest head in the crowd“ schüchtern Tanzschritte übt und bemüht ist, sich aus Schlägereien herauszuhalten. Robert Wyatt, zu der Zeit Schlagzeuger der genialen frühen Soft Machine: „Damals kamen nach unseren Shows junge Intellektuelle und sagten: ‚Ihr wart großartig, letztens hatten wir hier nur so primitives Zeug wie Geno Washington & The Ram Jam Band.‘ Und wir nickten stumm und wären glücklich gewesen, wenn wir so gut wie Geno Washington hätten spielen können.“ „Geno“ war ein Hit für Dexys und Grundstein ihrer nun überall verbreiteten Soul-Rebel-Philosophie. Ein Kampfaufruf für schnelles, intensives, aufrührerisches Leben. Große, in ewig-pubertären Herzen brennende Liebe, Kleinguerilla und chemische Aufputschmittel (wie zum Beispiel das von Mods bevorzugt eingepfiffene Dexedrin [= Dexy]). Die young soul rebels kamen zu einem Zeitpunkt, als die Post-Punk-Szene total zu verbürgerlichen drohte. Die erste LP, Searching For The Young Soul Rebels, war neben den Werken von The Fall die überzeugendste, klarste Stimme der britischen Working Class – kein durch aufgepropfte, veraltete Seminarmarxismen vernebeltes Etwas, kein anti-künstlerisches, anti-intellektuell-verkrampftes Bemühen um street credibility, sondern die brachiale, großartige Wiedereinführung von großkotzigen Siegerbegriffen wie Wahrheit. Noch heute haben wir diese großen Gesten bitter nötig, müssen wir uns stolz erheben über Techniker, Abwiegler und Drähtezieher.

    Andererseits ist es mit großen Worten so eine Sache. Kevin: „Früher war ich schüchterner, bei den Killjoys, aber auch noch bei der ersten Dexys-Besetzung. Doch im Laufe der Zeit wurde es mir immer klarer, daß man alles zeigen, geben muß. Wenn man gut ist, kann das nicht peinlich werden.“ Jede Liebesaffäre wurde bei Kevin zum Song, jeder Depressionsanfall, jeder politische Zorn. Und wenn er so am Boden ist, daß er sich nicht mal mehr zum Songschreiben aufraffen kann, helfen ihm seine Soul-Helden: „Bill Withers was good to me.“

    Searching … beginnt mit drei kurzen Ausschnitten: aus Deep Purples „Smoke On The Water“, Sex Pistols’ „Anarchy In The U.K.“ und „Rat Race“ von den Specials, bevor die Bläsersätze von „Burn lt Down“ dazwischenschmettern und sagen: so war’s bisher, jetzt kommen wir (frei nach Kevin Rowland). Vor das manieriert gehauchte Schlußstatement: „Everything I do from now on will be funky“ hatte man den aggressivsten Song der Platte gesetzt, „There, There, My Dear“. Nach traurigen, zutiefst rührenden (obwohl oder gerade weil sie so superclever gemacht sind: Raffinesse, Können und Tränen gehören bei Dexys so eng zusammen wie in den besten Filmen John Fords oder Frank Capras), born-on-the-wrong-side-of-the-track-Liedern („Tell Me When My Light Turns Green“), Einsamkeit und Liebe wird in „There There My Dear“ noch mal Tacheles geredet. Kevin schreibt einem gewissen Robin (Kevin: „Ich bin immer die Person, die ‚ich‘ sagt. Ich mag keine Gedichte, in denen von ‚ich‘ und ‚du‘ nur in abstrakter Weise die Rede ist.“) und wirft ihm seine dummen Posen vor. Dieser Robin, eine verlogene Künstlertype, ist gegen Mode, gibt vor, zornig zu sein, zitiert Burroughs, Berlin, Duchamp, Kerouac, Kierkegaard und mag nicht mal Frank Sinatra. Weil er gegen Mode ist, trägt er Tag für Tag dasselbe. Kevin entgegnet ihm: Wenn er so gegen Mode ist, warum trägt er nicht bunte, grelle Kleidung, das sei schließlich am meisten out, während seine Trenchcoat-Anti-Mode absolut in sei. Wenn er so wütend ist, warum kämpft er nicht? Schließlich sei es nach wie vor die einzige Möglichkeit, die Welt zu verändern, diejenigen Männer zu erschießen, die dafür sorgen, daß sie so ist, wie sie ist (zusammengestellt aus Original-Songtext und Kevins Erläuterungen mir gegenüber).

    Kevin: „Der Song entstand, nachdem ich mich mit Mark Stewart von der Pop Group getroffen hatte. Das war ungefähr ein halbes Jahr vor deren zweiter LP. Mark jammerte: ‚Ich habe so großartige Ideen, aber meine Plattenfirma hat kein Geld oder will mir keins geben.‘ Ich sagte: ‚Mark, warum jammern? Wenn du Geld brauchst, raub eine Bank aus!‘ Später schrieb er einen Song ‚Rob A Bank‘, und ich schrieb den Satz ‚The only way to change things is to shoot men who arrange things‘, weil damals alle diese Pseudos ’rumliefen und mit bedeutungsschwerem Blick verkündeten: ‚Meine Musik verändert‘ die Leute, die Welt, die Gesellschaft oder was auch immer. Vollkommene Scheiße! Die Antwort war dieser Song. Das Gleiche war diese Mode-Sache. Sie sagten, sie seien gegen Mode, und genau das war ihre Mode. Deswegen die Aufforderung, sich exzentrisch anzuziehen.“ Kurz darauf ging es dann auch mit den New Romantics los. Dexys blieben beim Fashion War an vorderster Front. Yazoos Fashion-Pazifismus, Fashion sei unwichtig und oberflächlich, und man solle sich raushalten, ist in der Tat eine unrealistische und altmodische Haltung, vor allem die ihm zugrundeliegende Idee von Oberfläche/Tiefe, Innen/Außen. Kevin will für seine Dexys Midnight Runners eine sehr präzise, scharfe, deutliche Mode, die zu seinen musikalischen Ideen paßt und fast genauso wichtig ist: „Je mehr du dein Image, dein Äußeres, dein Auftreten selbst in die Hand nimmst, desto geringer sind die Möglichkeiten der Medien, dich zu interpretieren. Ich möchte gerne klare Grenzen ziehen, nicht im Sinne von Selbstbeschränkung, sondern im Sinne von Abgrenzung, so daß jedem klar ist: das ist noch Dexys, dies nicht mehr.“

    Kevins neueste Fashion-War-Idee hat ein bißchen was von der Anti-Fashion-Fashion, die er „Robin“ in „There, There, My Dear“ vorwirft. Was Kevin auch teilweise zugibt, wie er da mit seinen, wie es scheint, von hochbezahlten Designern künstlich zerfetzten Latz-Jeans, dem kunstvoll zerschnittenen oder zerrissenen Lambswool-Pullover und dem von eigens gezüchteten Spezialmotten zernagten Hippietuch mir im Phonogram-Konferenzraum gegenübersitzt. Dort, wo normalerweise die Bosse über die Verkäuflichkeit von Produkten entscheiden. „Das Entscheidende war, daß es der richtige Schachzug zur richtigen Zeit war. Und daß es mit der Musik zusammen ein Ganzes bildet.“ Aber nicht nur er läuft auch privat im Gammler-Revival-Outfit ’rum, auch die anderen Mitglieder, so sie überzeugte sind, tragen ihre Latzis, wenn auch ohne den künstlichen Schmutz.

    Zwischen den zwei LPs, den zwei Outfits und Selbstdarstellungen lag eine lange Strecke von Singles, Tourneen und vor allem Umbesetzungen. Insgesamt hat Kevin Rowland 27 verschiedene Musiker verschlissen, deren wichtigste Al Archer und Big Jim Patterson waren, die auch des öfteren als Co-Autoren auftauchten. „Musikalische Beziehungen sind wie Liebesbeziehungen, sie haben einen euphorischen Beginn, einen reifen Höhepunkt mit absoluter Verständigung, und irgendwann werden sie lau und laufen aus. Da ich immer die absolute menschliche Intensität brauche, zwischen mir und den anderen Musikern, waren die vielen Wechsel nötig … Leute wie Al Archer haben dann auch eigene Ideen, wollen eigene Bands gründen. Als Songwriter stand ich schon im Mittelpunkt, die anderen haben mir aber geholfen, die Melodien, die ich gesungen auf Tape aufnahm – ich schlepp’ immer einen kleinen Recorder mit mir ’rum und singe vor mich hin – in musikalische Sprache zu übersetzen. Big Jim hatte als Posaunist viel mit den Bläsersätzen zu tun, Al kam von der Gitarre, das ergibt ganz verschiedene Arten zu arrangieren. Jetzt sind wir wieder nur vier feste Mitglieder, haben aber so eine Reserve von knapp zehn Leuten, die zu unseren Touren im Winter (auch nach Deutschland!) geholt werden. Meistens sind es alte Fans, die bei uns einsteigen. Der neue Gitarrist reiste schon der Ur-Besetzung nach. Er hatte etwas gefunden, das ihn interessierte. Sowas ist der Idealfall. Dexys Midnight Runners als eine Institution, die sich durch die jeweiligen Mitglieder wandelt.“

    Aber immer einen Kevin Rowland im Zentrum hat, der für Kontinuität sorgt. „Ich nehme das, was ich tue, sehr, sehr ernst, es ist mein Leben. Ich kann mir keine Kompromisse leisten. Dafür bin ich zu engagiert.“

    Too-Rye-Ay, das zweite Album, ist mehr Seelenchemie, weniger große Rebellion. Mehr Herz-für-Zukurzgekommene (Alcoholics, Child Molesters …), als Wir-heben-die-Welt-aus-den-Angeln. Obwohl es genau damit schließt: „We are far too young and clever!“, heißt es in „Come On Eileen“, dem Song des Jahres, der aber bezeichnenderweise auf einer Jugenderinnerung Kevins beruht. Ansonsten steht mehr der Einzelne, mehr die Beobachtung als das Ganze im Vordergrund. Kevin weist Attribute wie „persönlicher“ oder „weniger politisch“ ob ihrer reduzierenden Bedeutung zu Recht von sich. Dennoch ist Too-Rye-Ay eine klassische zweite LP, bei der nicht mehr so viel Grundsätzliches klargestellt werden muß, bei der man ins Detail gehen kann.

    Zum Beispiel „Plan B“, die furiose Eröffnung der zweiten Seite: „Wir haben damals eine Single in Deutschland aufgenommen, ‚Love Pt. 2‘ / ‚Inferiority Pt. 1‘. Es ist die radikalste Platte, die ich je gemacht habe. Man hat mir zwar schon immer gesagt, meine Stimme sei over the top, aber hier war sie es wirklich. Normalerweise habe ich mich im Studio konzentriert und dann eine Passage so gesungen, wie ich sie haben wollte. Bei der Platte habe ich wirklich buchstäblich vor dem Mikrophon geweint. Die Platte kam nicht so gut an. Ich habe mich aus dieser Trennungskrise später erholt. Ich wurde stärker, unter anderem hat mir Musik geholfen: Bill Withers mit ‚Lean On Me‘. Aus dieser gestärkten Situation heraus habe ich ‚Plan B‘ geschrieben, nunmehr als eine Art Brief an einen Freund, der in der Lage war, in der ich mich ein halbes Jahr vorher befand. ‚Plan B – they’re testing you‘. Wenn du jetzt nicht stark bist, werden sie immer alles mit dir machen können, dann wirst du ewig untergebuttert. Verstehst du, es sollte ein Song sein, der diesem Freund und anderen auf die Beine hilft, Mut macht, sie selbst zu sein.“ Drama als Therapie. Wenn du wirklich leidest, hab keine Scheu, deine Probleme ins Gigantische zu übertreiben. Sie in den Regionen anzusiedeln, wo du wieder wirklich wichtig bist. Übertreibe! Die Kraft, die von einem Song wie „Plan B“ ausgeht, schießt auch in die Motorik, wenn kein (oder vielleicht gerade dann) drängendes Dilemma vorliegt. Du ballst auch so deine kleinen Fäustchen, reckst den Kopf in die Höhe und summst: „Far too young and clever! Ha!“

    „Ein Satz wie ‚The only way to change things …‘ heißt nicht: ‚geh ’raus und baller auf die Schweine.‘ Er sagt nur, wie es ist. Die Konsequenzen mußt du selber ziehen.“ Welche Konsequenzen hast du gezogen? „Nun, äh, ich habe einen gewissen moralischen Code …“ Wie in „Until I Believe In My Soul“, wo du davon sprichst, deinen Körper zu peinigen, bis du an deine Seele glaubst, fast mönchisch? „Nein, das hat nichts mit Askese zu tun, eher mit Selbstdisziplin, damit, das Beste aus sich herauszuholen. Ich habe keine Religion, aber ich glaube sehr stark an die Art von Religiosität, die sich in Gospels und Spirituals äußert.“

    Kevin Rowland krault sich im schwarzen Lockenhaar. Er mag keine Lyrics interpretieren. Er hämmert lieber an seinen Song-Monumenten. Er steht wie so viele heutzutage für das Bedürfnis, neue Klarheiten herzustellen. Das heißt, er spricht und äußert sich nur, wo er kann. Er macht Musik/Text/Image-Ganzheiten und will sich nicht auf die Ebene der Theorie begeben. Dafür haben wir andere Größen, z. B. Green von Scritti Politti, der Mann, der neben Kevin Rowland, Mayo Thompson und Mark E. Smith wahrscheinlich am besten weiß, was er tut. Kevin Rowlands größte Stärke ist sein Mut, sein mit dem ganzen Körper vertretener Vorwärts-Appell. In vielen anderen Dingen unterscheidet er sich kaum von anderen 28-Jährigen dieser Erde. Er hat die beste Single des Jahres und eine der besten LPs zu verantworten, aber was ist schon eine Platte?