Autor: admin

  • John Cale

    Für mich ist dieser Mann eine der fünf wichtigsten Gestalten der letzten zwanzig Jahre Kulturgeschichte, aber vielleicht ist er auch eine der letzten wichtigen Gestalten überhaupt, denn deren Zeit scheint ja mehr oder weniger vorbei zu sein.

    John Cale ist Waliser, 1942 geboren, kam 1963 als musikalisches Wunderkind und Stipendiat nach New York. Dort studierte und arbeitete er mit den Großkopfeten der Minimal Music zusammen (La Monte Young, Terry Riley etc.), und wirkte bei Aufführungen des Neue-Musik-Gurus John Cage mit. 1966 durch Young und Claes Oldenburg an Andy Warhol geraten, gründete er zusammen mit Lou Reed „Andy’s Rockband“ The Velvet Underground und verwirklichte dem Pop-Mogul den Traum, nun auch dieses Medium zu beackern. Andy verlor nach der legendären Tour mit der Plastic Inevitable Show das Interesse an Velvet Underground und diese wurde alleine zur wichtigsten Rock-Band aller Zeiten. John Cale stieg nach der zweiten LP, von Lou Reeds tyrannischem Bandleadergebaren zermürbt, aus und versuchte, sein Selbstbewußtsein zu regenerieren, indem er sich auf das besann, was er gelernt hatte: klassische Komposition. Für die Ex-Velvet-Underground-Sängerin Nico produzierte er zwei bizarre Alben seltsamster Mischungen abendländischen Traditionen und unkonventionellen eigenen Erfindungen. Eine davon, The Marble Index, nannte der Rock-Schriftsteller Lester Bangs nicht ganz zu Unrecht „das wichtigste Kunstwerk der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts“.

    Nach diesem Intermezzo wurde Cale Hausproduzent und A&R-Mann, erst bei Elektra, für die er z. B. Iggy & The Stooges entdeckte und produzierte, später bei Warner. Zu seinen weiteren Entdeckungen zählen Jonathan Richman, Patti Smith, Kate & Anna McGarrigle, Squeeze und viele andere. Nebenbei veröffentlichte er während der Siebziger eine Fülle verschiedenartiger Solo-Alben: 1970 Vintage Violence, eine Kollektion schwermütiger Country-Rock-Balladen, 1972 gemeinsam mit Terry Riley Church Of Anthrax, die erste Begegnung von Rock und Minimal Music, 1973 symphonische Werke und Piano-Kompositionen und ebenfalls 1973 Paris, 1919, teilweise mit Orchester, teilweise mit Little Feat. Dies ist sein Meisterwerk, die perfektesten Umsetzungen des Genre „Song“ bis heute und die besten Texte, die die populäre Musik kennt. Dann ging Cale zu Island und setzte das Paris 1919-Konzept mit etwas härteren, konventionelleren Arrangements fort: Fear (1974), Guts (1974) und Helen of Troy (1975) waren gleichzeitig die Alben, die seinen Ruf als harten Zyniker begründeten, nicht zu Recht übrigens, wenn man hinhört. Obwohl eigentlich jeder, der diese Platten hört, ihnen auch kommerzielle Chancen zubilligte, schafften sie es nicht. Resigniert zog sich Cale auf den Produzentensessel zurück, um lediglich hin und wieder mit spektakulären Live-Auftritten die inzwischen doch von Punk einiges gewöhnte Musikwelt dennoch nachhaltig zu verstören.

    1980 meldete er sich mit einem Hardrock-Live-Album im guten Sinne zurück: Sabotage. Ein perfekt produziertes Hit-Album folgte, Honi Soit Qui Mal Y Pense, das aber trotz aller Bemühungen auch diesmal nicht in die Charts kam. Cale zog die Konsequenzen und begeisterte die Kritiker 1982 durch sein rauhes, Song-Material mit Experimenten mischendes Werk Music For A New Society, das er unter vielem anderen auch als eine Würdigung der ökologischen Bewegung verstanden wissen wollte. Seine Solo-Live-Auftritte, wie auch in Hamburg zu erwarten, bringen einen Querschnitt aus seinem ganzen Material mit Schwerpunkten bei Music For A New Society, Paris 1919 und der Island Trilogie.

  • Volkszählung: Der Bundesbürger im Computer

    Irgendwann in diesem Frühjahr, vor dem 27. April, wird ein netter, junger Mann vor der Tür stehen und einen Fragebogen abgeben. Ein paar Tage später wird er ihn wieder abholen. Er wird mahnen, den Bogen unbedingt nur mit Bleistift auszufüllen und er wird nachdrücklich darum bitten, ihn auf gar keinen Fall zu knicken. Er ist einer von 600.000 und er ist für diese Aufgabe eigens in einem Schnellkurs ausgebildet worden. Er ist ein Volkszähler und wahrlich, sein Job wird nicht leicht werden.

    Worum es geht, ist nebulös. Es nennt sich „Volkszählung“ und fragt nach Angaben zur Person, nach der Anzahl der im Haushalt lebenden Mitbewohner, nach Einkünften (Haupt- und Neben-), Dauer des Weges zur Arbeit, bevorzugtem Stellplatz des privaten PKW, soweit vorhanden. Und so weiter.

    Daß die Durchführung dieses Unterfangens mit Schwierigkeiten seitens der gezählten Bevölkerung verbunden sein wird, ist ebenso klar, wie es unklar bleibt, warum dieses Thema bisher so wenig Publizität erhalten hat und auch im Wahlkampf kaum ausgeschlachtet worden ist. Wie so viele andere Dinge auch in diesem Wahlkampf unangetastet bleiben: Warum demontiert die SPD Kohl nicht energischer? Wo bleiben die Details seines wüsten Sexlebens, wo ein Spot, der seine Slapstick-haften, ungelenken Auftritte bei fremden Staatsoberhäuptern dokumentiert? Warum fragen die Grünen nicht nach der Volkszählung? Man hat die ganze Zeit das Gefühl, bestimmte Dinge würden zum Besten aller Parteien verschwiegen.

    Das „Volkszählungsgesetz“ wurde im März 1982 von Präsident Carstens (Lieblingsschriftsteller: Thomas Mann), Kanzler Schmidt (Lieblingsphilosophen Kant und Popper), Innenminister Baum und Finanzminister Matthöfer („Ich bin ein Arbeiterjunge“) unterzeichnet, fällt also noch voll unter die Verantwortung der damaligen SPD/FDP-Regierung und ihrer schillernden Repräsentanten.

    Doch das Volkszählungsgesetz ist auch eine typisch sozialdemokratische Erfindung, wie denn überhaupt das Akkumulieren von Daten und positiven Fakten zur Sozialdemokratie gehört wie die Beichte zur katholischen Kirche.

    Das Volkszählungsgesetz sieht laut seinem Paragraphen 5 vor, daß „alle Volljährigen oder einen eigenen Haushalt führenden Personen, auch für minderjährige oder behinderte Haushaltsmitglieder, für Personen in Gemeinschaftsunterkünften, Anstalten und ähnlichen Einrichtungen, auch die Leiter dieser Einrichtungen, soweit Umstände, die in der Person des Auskunftspflichtigen liegen, dies erforderlich machen“ auskunftspflichtig sind.

    Mit anderen Worten: Jedermann lasse sich schätzen. Die Daten, die bei diesem gigantischen Unternehmen gewonnen werden sollen, werden von den statistischen Landesämtern bzw. vom statistischen Bundesamt zentral gespeichert. Dies ist das eigentliche Novum an der Zählung: Daten, die bisher getrennt bei Finanzbehörden, Meldeämtern oder bei Kreiswehrersatzämtern lagerten, sollen nunmehr in einer Zentrale zusammengefaßt werden, die wiederum zentral entsprechende Interessenten beliefern kann. Manche Interessenten, wie Meldeämter, werden umfassend beliefert (und bei denen lagen Daten noch nie besonders sicher), andere, wie das BKA oder der BND, kriegen alles außer Namen, aber die brauchen sie auch nicht, denn die Personen lassen sich bei so umfassend gespeicherten privaten Daten mühelos rekonstruieren (welcher Verlag könnte es sein, der in der Hallerstraße 72 residiert?).

    Doch scheint das allein noch keinen hinreichenden Grund für diesen enormen Aufwand abzugeben. Ließen sich denn nicht die ohnehin reichhaltig vorhandenen Daten einfach umlagern, zusammenfassen und man hätte, vielleicht mit einigen Ergänzungsdaten, alles, was man für die umfassende Langzeitstrukturplanungen angeblich dringend braucht? Doch die Meldeämter erhalten ausdrücklich, über im Einzelfalle anfallende Anfragen hinaus, das Recht, ihre Daten mit den neuen Daten zu vergleichen. Dabei werden die Meldeämter feststellen (andere Ämter werden nachziehen): Eine Differenz scheint wohl das sein, um was es geht; diese Differenz ist nicht nur die Ordnungswidrigkeit, die Illegalität, sie gibt zugleich Auskunft über zehn bis fünfzehn Jahre bundesrepublikanischer Sozial- und Kulturgeschichte.

    Der Bürger ist nämlich nicht mehr jenes Wesen, das einen Beruf hat, irgendwann heiratet, Kinder in die Welt setzt und sich an einem Wohnsitz niederläßt. Er hat sich entscheidend verändert: nomadisiert heute von Stadt zu Stadt, taucht in WGs und bei Freunden unter, hat hier und dort Stützpunkte und Nester, füllt Fragebögen und offizielle Dokumente nur noch höchst selten, ungern und nicht immer wahrheitsgemäß aus. Was wiederum eine neue Nachfrage-Explosion auf dem Datenmarkt bewirkt, neue Fragebögen entstehen läßt, und beim Bürger die Bürokratie-Müdigkeit weiter schürt. Es gilt eine geheime, dennoch weitgehend etablierte Infrastruktur auszuforschen, die sich keineswegs auf den Bürger beschränkt, der das Etikett „alternativ“ mit sich herumschleppt.

    Der Bürger drückt sich vor Bund und Zivildienst, indem er sich in Berlin meldet, obwohl er doch in Wahrheit weiter in Hamburg lebt. Er versteuert seine Nebeneinkünfte nicht und beherbergt lichtscheues Gesindel in seiner Altbau-Wohnung. Kurz: Der Bürger hat sich zu einem Volksschädling entwickelt. Da muß Abhilfe her.

    Andererseits ist dieser Bürger nur ein Produkt des Erfassungssystems: je umfangreicher und präziser die Fragenkataloge werden, desto mehr abweichendes Verhalten stöbern sie auf. D. h.: Die zunehmende Nomadisierung und Illegalisierung des geschätzten Bürgers wird erst durch die Dateien produziert. Das abweichende Verhalten früherer Epochen fiel noch durch die grobmaschigen Raster der biederen Nachkriegsämter.

    Das Volk wird jedenfalls neu geschätzt und vermessen, dann wird es definiert, und man kann sagen, was es ist und wer ihm wo und wodurch schadet. Das langsame Verschwinden der Konturen des Volkes, das Abwandern großer Teile in Bürokratie-freie Zonen, halblegale Untermietverhältnisse, dubiose Dritt- und Viertwohnsitzkungeleien – das Schrumpfen und Verschwinden des Volkskörpers verlangt nach einer Wiedergeburt des Volkes im großen Stil. Und zwar nicht in Ämter und Zuständigkeitsbereiche zergliedert, sondern durch eine zentrale Stelle repräsentiert, die, wie eben das Statistische Bundesamt, gleich der Bibliothek von Babylon, das gesamte „riesige Tatsachenmaterial“ (Horst Herold) unter Dach und Fach hat.

    So sehr aber die westdeutsche Sozialdemokratie in den letzten zehn Jahren den Computer und damit die Erfaßbarkeit, Quantifizierbarkeit, Registrierbarkeit und Lenkbarkeit des Tatsachenmaterials als die Bürokratie der Bürokratien mythifizierte, die – wie Horst Herold, der brillante Vordenker dieser Bewegung, es sich vorstellte – seismographisch auf leiseste Veränderungen in Gesinnung und Willensbildung des Tatsachenmaterials reagieren kann und so als Super-Demokratie nicht nur die plumpen Wahlzettel, sondern in unerschütterlicher Objektivität jedes Zucken des Faktischen, jeden Grunzer des Volkes auswerten und bei zukünftiger Planung berücksichtigen kann; so beharrlich eilt diesem Mythos ein umgekehrter Mythos voraus: der „Computerstaat“, der „Überwachungsstaat“, das 1984, in dem dieses Tatsachenmaterial nur verwendet wird, um „den Menschen“ (positive Gegenfigur zum Computer, „die Maschine“, im Computerstaat-Mythos) zu drangsalieren, zu kontrollieren, zu überwachen, zu entmündigen, zum Fakt zu degradieren.

    Dieser Gegenmythos war wie der Igel immer schneller als entsprechende Hasen. Sein emotionaler Impuls ist die Angst des als einmaliges Individuum sich empfindenden Kleinbürgers, wie ein Fakt behandelt zu werden. Menschen sind Menschen und Fakten sind Fakten. Werden Menschen wie Fakten behandelt, verwandeln sie sich qua Transsubstantation zu Robotern. So ungefähr stellt sich das der durchschnittliche Computerstaat-Gegner vor.

    Tatsächlich aber ist der Computer mit seiner Gier nach Daten das letzte Zucken der sozialdemokratischen Grundidee von der Planbarkeit der Welt. Wie alle Bürokratien, die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen sind, ist auch die sozialdemokratische fixiert auf Objektivierbarkeit, beseelt von dem Gedanken, objektive Erkenntnis sei möglich. Horst Herold, dessen Bedeutung als sozialdemokratischer Denker man nicht hoch genug einschätzen kann, weiß warum er sagt, er sei Marxist. Und die naiven Gegner des Computerstaats müssen sich in diesem Zusammenhang gefallen lassen, von Marxisten als „Idealisten“ tituliert zu werden. Denn ihr Gerede vom freien, nicht als Faktor in der gesellschaftlichen Wirklichkeit kalkulierbaren „Menschen“ ist nun wirklich tiefstes 19. Jahrhundert und alles andere als materialistisch.

    Das Problem mit dem Computer, mit dem Positivismus und mit dem Objektivieren ist nämlich, bevor man sich auf den Mißbrauch einläßt, zunächstmal: Es funktioniert nicht. Auch der Computer kennt nur seine Systeme, und die sind unvollkommen, sind fehlerhaft, haben Lücken. Diese Lücken klaffen um so größer, je mehr sich der Bürger nicht mehr so verhält, wie die Eckdaten von vor zehn Jahren es hätten vermuten lassen, je mehr er sich aus dem Orientierungsrahmen „Realität“ absetzt. Der Mensch verflüchtigt sich in nicht gekanntem Ausmaß, und der Computer-Bürokrat glaubt, ein neues, erweitertes System könne ihn ausfindig machen. Aber auch dieses System wird nur ein weiteres Mal sich selbst ausfindig machen, nicht seine Lücken.

    Horst Herold zum Beispiel wußte von einer Lücke zu berichten, die sich noch in einem relativ banalen, überschaubaren Rahmen gebildet hatte. Auf dem Weg vom Verdacht zur Festnahme über Erheben von Anklage oder Fallenlassen des Verfahrens, über Urteil, Freispruch oder Bewährung, über Vollzug des Urteils, Begnadigung, Entlassung oder Ausbruch oder Tod in der Haftanstalt, verschwanden in den Lücken des Systems Mengen von Schicksalen.

    Dies ist ein simpler Fall. Bei den großangelegten Planungen, Umschichtungserhebungen, ja, wer weiß, vielleicht sogar Ernstfall-Vorbereitungen, für die die neue Volkszählung dienen soll, werden die Lücken um so größer sein. Und ich rede nicht von denen, die die Auskunft verweigern, sondern von denen, die das System nicht erfassen kann, weil es immer nur sich selbst erfaßt.

    Computer funktionieren, je größer und perfekter sie werden, wie ein großes Bewußtsein, das seine Grenzen nicht selber erkennen kann, aber ununterbrochen ein Programm für seine eigene Legitimation entwickelt. Der Computer formt das Wissen so, daß immer wieder der Computer gebraucht zu werden scheint, um das Wissen zu instrumentalisieren oder zu ergänzen. Er schafft seine eigene Computerwirklichkeit. Und er ist umgeben von Besessenen, die ihm in diese faszinierende Welt, in dieses Positivisten-Paradies gefolgt sind und hin und wieder vom Staat Geld fordern, um weiter spielen zu können.

    Immerhin könnte man davon ausgehen, daß unter einer sozialdemokratisch geführten Bundesregierung wirklich dieses Ziel im Mittelpunkt gestanden hätte: absolute Planbarkeit zum Wohle sozialdemokratischer Ziele. Die SPD hat zwar von BKA-Modernisierung bis zur Ausrüstung ganzer Innenstadtbereiche mit Videokameras alle Voraussetzungen für den Mythos „Computerstaat“ erbracht. Aber wie man sie kennt, die Sozis, hätten sie alle anfälligen Daten in ihrem sozialdemokratischen Objektivierungsrausch verfeuert. Sie hätten weiter gezählt und gerechnet wie ein schwerer Neurotiker, aber es wäre unwahrscheinlich gewesen, daß diese Neurose zu irgendeinem aggressiven Cäsarenwahn mutiert wäre. Sie hätten geplant, gesammelt und gefilmt, aber außer beim BKA oder einigen anderen unkontrollierbaren gefährlichen Behörden wäre vielleicht noch relativ wenig passiert.

    Die eigentlichen Gefahren der Volkszählung darzulegen, wird erschwert durch den Gegenmythos. Die Kritiker des Computers sind verfangen in ihrer idealistischen Rhetorik, die das Abstrahieren von Blut- und Tränen-getränkten Schicksalen auf Zahlen, Formeln und digitale Prozesse wie ein Teufelswerk betrachtet, wo es doch zunächst mal eine weltfremde Spinnerei ist, ein anachronistischer Fortschrittsglaube, dem man nicht mit prä-marxistischen, sondern allenfalls mit post-marxistischen Argumenten begegnen kann, bzw. mit kühlem Kopf.

    Die Rhetorik vom „Menschen“ findet bezeichnenderweise ihre symmetrische Entsprechung in der Propaganda des „Miteinander“ bei der neuen Bundesregierung. Diese CDU käme selber nie auf den Gedanken einer solchen Zentralverfassung, sie steht in ihrer fossilen, tapsigen Gestrigkeit für andere Lösungen des Überwachungsproblems. Die SPD, die eigentlich konservative Partei, die Partei, die mithilfe des sozialen Netzes für das einigermaßen reibungslose Weiterwurschteln des modernen Kapitalismus die Garantie bietet, hält am System dieses Netzes fest, weil sie im Interesse von Unternehmern und Gewerkschaften für sozialen Frieden sorgen muß, weil sie will, daß keine Hungernden „rumlungern und rumnerven“. Die reaktionäre CDU dagegen schränkt das soziale Netz zugunsten von irrationalen Appellen ein. So wie damals die Nazis: „Übt nationale Solidaritat!“ Hast du einen Arbeitslosen in der Nachbarschaft, bring ihm mal ’ne Stulle vorbei!

    Entsprechend verhält es sich beim Computerstaat. Die SPD baut ihn auf, um immer gut informiert zu sein. Da sie aber keine brandschatzenden Jugendlichen auf den Straßen will, hütet sie sich, ihn in allen Konsequenzen auszuspielen. Die CDU hätte diesen Apparat gar nicht erst errichtet, sie hätte sich lieber auf ein gutes, altes Blockwart-, Denunziations- und Geständnissystem verlassen. Vielleicht würde das in Hamburg nicht funktionieren (jedoch: wer kennt ihn nicht, den Gemüsehändler von gegenüber, der bis spät in die Nacht mit Gemüsekistenstapeln beschäftigt ist und dabei jeden Vorgang auf der Straße registriert und auf die Frage „Was machen Sie da eigentlich so spät in der Nacht?“ mit einem lapidaren „Es gibt immer was zu stapeln!“ reagiert), aber immer noch leben die meisten in Dorf und Kleinstadt, und da würde das reibungslos klappen: Wer spinnt, fällt auf, und wieso ist der junge Sowieso eigentlich immer noch nicht bei der Wehrmacht?

    Richtig gefährlich wird es jetzt, wo die Computer-Technologie in die Hände der CDU fällt. Das ist, als hätte ein Deus ex machina Napoleon vor Moskau oder Hitler vor Stalingrad eine Pershing in die Hand gedrückt. Die irrationale CDU sägt erstmal an dem rührigen Herrn Bull, der bisher so nett und wenigstens symbolisch dafür sorgte, daß nicht jeder Amtmann und jeder Technokrat prinzipiell und ohne Einschränkungen sich beim Datensupermarkt bedienen durfte. Und dann fallen ihr die Ergebnisse der von ihren Vorgängern ersonnenen Volkszählung in die ungeübten Fingerchen, und sie kann wüten und schindludern, gerade, wie ihr der Sinn steht.

    Da sieht man den galligen Wörner direkt vor sich, wie er im vollen Wichs mit ein paar Rekruten nachts vorm Datensichtgerät hockt, ein paar Weiber aus dem Casino zur Unterhaltung dabei und sich jeden Wehrpflichtigen vornimmt und satanisch grunzt, wenn er wieder einen erwischt hat, der noch einen zweiten Wohnsitz im Bundesgebiet hat und von seiner Wohngemeinschaft als Mitbewohner genannt wurde. Oder den guten Geissler, wie er nach illegalen Türken sucht, oder Stoltenberg, der bei einem Bommerlunder kleine und kleinste Steuerhinterzieher ausfindig macht. Und so weiter.

    Man kann die Volkszählung boykottieren, dann begeht man eine Ordnungswidrigkeit und muß mit einer Geldbuße zwischen 5 und 10.000 Mark rechnen, zu erwarten sind aber etwa 100 Mark. Bei einer hohen Anzahl von Boykotteuren, die zudem Widerspruch einlegen können, dürften die Gerichte mit der Eintreibung überfordert sein. Man kann auch einen Widerspruch mit aufschiebender Wirkung einlegen, das kostet auch circa einen Hunderter, führt aber dazu, daß die Volkszählung voraussichtlich durchgeführt werden wird, bevor über den Widerspruch entschieden sein wird. In Holland haben 30 % der Bevölkerung die Auskunft verweigert. In Zukunft will man dort von solchen Erhebungen absehen. Wenn die Zahl der Verweigerer hierzulande deutlich geringer sein sollte, begibt man sich natürlich in die Gefahr, erst durch den Boykott sichtbar zu werden im Raster. Erst bei einer hohen Zahl Verweigerer ist der Boykott ein Erfolg, sonst könnte er einer Selbstbeschuldigung gleichkommen.

    Und das ist überhaupt der Punkt: Das ganze Ding ist nämlich wahrscheinlich verfassungswidrig. Niemand braucht nach unserer Verfassung sich selbst zu beschuldigen. Einige dieser Fragen könnten aber, zumindest theoretisch, eine Selbstbeschuldigung fordern (Steuerhinterziehung, Zuhälterei etc.), und deshalb muß niemand sie beantworten, auch der Unschuldige nicht.

  • Viele bunte Ameisen. Die linken Liedermacher: Ein Rückblick auf die Singebewegung der sozialliberalen Epoche

    Jetzt, wo es vorbei ist, darf man Rückschau halten. Jetzt, wo wir Kohl haben. Jetzt, wo es die große weiche, weite Friedensbewegung gibt, diese ideologische Heißmangel. Jetzt also, wo unsere Liedermacher, wie einst Vorbild Dylan beim Newport Festival 1965, zur elektrischen Gitarre greifen, um ihre richtigen Anliegen und von niemandem angezweifelten Wahrheiten mit noch mehr Megawatt zu verbreiten.

    Dabei wollte dieser Protestgesang am Anfang gar nicht in die großen Arenen. Im Gegenteil: in Kneipen und Kellern wurden die Anliegen der Sechziger mit gutem alten Handwerkszeug, mit Klavier und Klampfe, in die deutsche Gemütlichkeit heimgeführt. Mit den Teufeleien der Kulturindustrie hatte man damals nichts am Hut – die Liedermacherei gab sich als linker Entwurf, wobei das Konzept aber tatsächlich reaktionäre Züge hatte, denn es war geschichtslos. Und noch heute kann die Frankfurter Rundschau in einer Liedermacher-Rezension die rhetorische Frage stellen: „Ist denn heute nicht genauso wahr wie 1848, daß …“

    Eben nicht.

    Jede Gesellschaft kriegt die Kultur, die sie verdient. Die sozialliberale Gesellschaft der Siebziger war eine, die aus allen Löchern eines verkündete: Demokratie. Jeder darf mitmachen. Jeder, der den Mund aufmacht, wird gehört, macht mit, hat Anteil. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Wehr dich! Sag deine Meinung! Dabei entstand ein Sprechen, das als vielfältig ausgab, was im Grunde nur eines war: das immergleiche Anti-Repressionslied.1

    Und so sangen sie dann über die Akkorde e-moll/C-Dur/D-Dur/G-Dur: „Fünfunddreißig Kinder sind zu viel für eine Klasse“ oder „Wie öde ist eine Hochhausstadt / weil man hier keine Freunde hat“ oder „Gammastrahlen für die Ewigkeit / in den Kassen der Konzerne klingelt das Geld“.

    Der Liedermacher ist nämlich in der Regel ein aufmerksamer Stern-Leser (sehen wir mal von den Veteranen ab, die ihr Denken noch der klassischen Linken verdanken). In seinen Texten finden wir genau dieselben „Probleme“ der Zeit wieder, die auch als „Probleme“ die „mutigen“ Leitartikel des Stern bewegen. Also das, was wir an der freien Meinungsäußerung in dieser wunderbaren Demokratie so schätzen. Nur, daß diese „Probleme“ im Stern noch von der Aura der Aktualität zehren – frisch gefunden, frisch erfunden –, während sie beim Lied erst zur Gesinnung käsen müssen.

    Der Stern-lesende Liedermacher mahnt und warnt, beschwert sich und klagt an. Er hat die Rhetorik des Kindes, das sich bei seinem Vater über vorenthaltene Spielsachen beschwert. Er singt mit der Stimme dessen, der sein gutes Recht einklagt, herbeinörgelt beim Vater Staat.

    Er glaubt, es sei notwendig, das allgemein Bekannte auszusprechen, weil es ja immer noch einige gebe, die auch das allgemein Bekannte noch nicht kennen: „Ein KKW ist großer Scheiß / was schon jeder zweite weiß / Doch wir müssen allen sagen / keiner kann Uran vertragen.“ Und wenn es dann alle hören, werden „Prozesse in Gang gesetzt“, so die optimistischen Herausgeber eines Liedermachersammelbandes. So der Mechanismus des Liedes, wie ihn sich der aufklärende Liedermacher vorstellt.

    Unlängst gab es eine Sammelplatte mit dem bezeichnenden Titel Sinnvoll und tanzbar (sinnvoll wollten sie schon immer sein, tanzbar ist das Zugeständnis an die neue Zeit) in Form einer „Atomkraft – Nein danke!“-Plakette. Wird Künstlern des sinnvollen „Musikant“-Labels der EMI, wie etwa den sinnvollen bots, die Goldene Schallplatte verliehen, findet die Zeremonie nicht wie sonst üblich in der Chefetage mit Sekt und anderen Accessoires bourgeoisen Lebensstils statt, sondern in der Kantine. Die Verleihung übernimmt der Betriebsrat.

    Aber auch die Leute, die normalerweise von Sinn, Vernunft und Wahrheit den Kanal nicht vollkriegen können, wollen ab und zu von etwas anderem hören. Dafür wurde in den siebziger Jahren die Phantasie erfunden. Stifter dieser Religion sind vor allem Österreicher wie André Heller oder Arik Brauer, ihr Tempel ist der Zirkus Roncalli. Mit militanter Freude an Wiederholungen feiern sie das „Anderssein“: „Glaub nicht an das Winkelmaß“, singt der „träumende Romantiker“ und „Surrealist“ (ein Begriff, der im Kulturbetrieb für jeden Scheiß herhalten muß) Arik Brauer. Und: „Mal auf dein Tor den Schmetterling / die Blume und den Mond / und viele wunderliche Dinge …“ (Namensschild und Klingel sind ja auch langweilig).

    Die Phantasievollen haben ein ganzes Kinderzimmer voller Metaphern zu bieten, wenn es darum geht, das hohe Lied des Individualismus zu singen, die eigene unangepaßte Persönlichkeit zu feiern und Feuerschluckern oder Zigeunern oder – natürlich! – traurigen Clowns zu huldigen. Wenn ich zum Beispiel André Heller zitiere, komme ich mir vor wie ein Denunziant: „ich bin eifersüchtig auf die sprache. sie ist eine nymphomanin, schläft daher mit jedermann, und ich hätte sie gerne für mich alleine.“ Läßt man sich mal auf das eklige Bild ein, die Sprache sei die Geliebte derer, die sie sprechen, dann muß man sich schon darüber wundern, daß sie sich mit einem einläßt, der sie derart roh behandelt. Denn eifersüchtig ist Heller nicht auf die Sprache, sondern vermutlich auf seine vielen bärtigen Schreiber- und Poetenkollegen.

    Irgendwo zwischen dem Lyrik-Schmonzes, wie ihn das österreichische Kulturvolk so gerne pflegt, und aufgeklärter Gesinnung steht Konstantin Wecker, ein wirklich großer deutschsprachiger Liedermacher, der unangefochtene King der Szene. Einer, der seine Texte ungestraft Elegien nennen darf und dem man sie als Taschenbücher verlegt. Berühmt wurde er durch den „Willy“, eine mit nachdenklichem Gestus vorgetragene Dialekt-Ballade gegen intolerante, gewalttätige faschistoide Spießer. Also wieder das gute alte Stern-Feindbild, wieder die Auseinandersetzung mit einem dieser Wunschgegner, die dem 68er-Gemütsmenschen geblieben sind.

    Wer ist eigentlich für die mordlüsternen Spießer, die die „Willys“ und „Andis“ dieser Welt erschlagen und erschießen? Warum also soviel davon hermachen, daß man kein mordlüsterner Spießer ist und deren Tun verurteilt? Reduziert man dadurch die Anzahl mordlüsterner Spießer oder erhöht man die Zahl selbstgenügsamer Alternativmenschen, die sich in dem Bewußtsein sonnen, daß sie allesamt keine mordlüsternen Spießer, sondern friedliche Alternativmenschen sind mit einer Toleranz wie Drahtseile?

    Nur an mich denkt niemand. Wenn ich den Wecker mit Triefmiene sein „Meisterwerk“ (so Liedermacherexperte Thomas Rothschild über den „Willy“) in einer TV-Sendung wie, sagen wir mal, Litera-Tour mit Reinhard Hoffmeister vortragen sehe, vor dreieinhalb Millionen ergriffener, zustimmender Alternativmenschen, werde ich zum mordlüsternen Spießer. Soviel billiges Rechthaben kann kein gesunder Mensch ertragen. Da tut man dann mit Absicht das Falsche, nur um nicht auf so einem kleinen gemeinsamen Nenner stehen zu müssen. Aber bevor ich Platten- und Bücherverbrennung spiele, höre ich lieber ein paar Takte Punkrock („duffduffduff“), und alles ist vergessen, und ich habe sogar den Segen von Konstantin Wecker, sagt er doch: „Wenn dir was weh tut, / mußt du schreien.“ Aua!

    Anders die ganz alten Sänger, die Kommunisten. Die wissen, was sie wollen, müssen nicht auf Deubel-komm-raus Übereinstimmung produzieren, wo keine ist. Also die Kommunisten mag ich. Degenhardt und so. Auch wenn sie inzwischen völlig anachronistisch sind, sind sie doch wenigstens Zeichen besserer Zeiten. Und je starrköpfiger sie sich geben, je weniger sie sich revisionistisch mit der allgemeinen Friedens- und Kirchentagsgesinnung arrangieren, desto lieber habe ich sie. Leider leiden etliche von ihnen unter dem eigenen Anachronismus und der dazugehörigen galoppierenden Wirkungslosigkeit und versuchen Ausweichmanöver. Das heißt, sie suchen sich Schauplätze, wo die Widersprüche noch die alten zu sein scheinen. Vor ein paar Jahren war das zum Beispiel Chile.

    Darüber hat ja eigentlich ein jeder dasselbe zu sagen. Ich meine, es liegt auf der Hand: ein faschistischer Putsch gegen eine sozialistische Regierung, unterstützt vom US-Imperialismus, der seine Kapital-Interessen in Gefahr sieht. Echt traurig, wirklich böse, voll Scheiße! Ich, mein Nachbar, meine Frau, meine Katzen, meine Kücheneinrichtung – wir alle denken vollkommen zu Recht: „Voll Scheiße!“ Aber dann kommen nach halbjähriger Gärungszeit dreieinhalbtausend linke Liedermacher daher und singen nochmal: „Voll Scheiße!“ Da gähnt der Kühlschrank und der Brotkasten schläft ein. Das ist das Problem mit den linken Liedermachern; ansonsten ist mir nichts lieber als ein Kommunist. Vorausgesetzt, er redet hochdeutsch und nicht so platt (im doppelten Sinn) wie Hannes Wader.

    Zum Beispiel der Film Missing von Costa-Gavras zeigt, wie die Chile-Geschichte bewältigt werden kann. Er verteilt sie auf mehrere Charaktere, von denen einer, Jack Lemmon als biederer New Yorker, der seinen Sohn sucht, bislang dachte: „Voll gut“, daß die Roten weg sind. Auch Missing ist kein Meisterwerk, aber der Unterschied zu unseren Liedermachern ist doch bedeutend: Während die alle so tun, als hätten sie – lauter kleine Victor Jaras – persönlich im Stadion gesessen, holt sich dieser Film seine Wirkung, seine Intensität und Subjektivität aus einer guten, routinierten und einigermaßen distanziert ausgedachten Geschichte.

    Der gefallene Engel unter den Kommunisten ist Wolf Biermann, der einzige Liedermacher deutscher Sprache, der jemals mehr war als einer, der den Konvertierten predigt. Wie nämlich Dylan war Biermann, mag er sich bei dieser Bezeichnung auch noch so sehr winden, ein Pop-Star. Und Pop-Stars sind ja die letzten Instanzen der Kunst, die noch etwas bewegen, verrücken. Wie Dylan vereinte Biermann nämlich mehrere bis dahin unvereinbare Kulturen und Systeme in einem System, knallten in seinem Image andere Images zusammen: Erstens Vollprolet, Hamburger, Populist, Sexist, Draufgänger; zweitens: Kommunist, Sohn eines Kommunisten und bis obenhin voll revolutionären Pathos, wie es ihn hierzulande nirgendwo gab; drittens: Er lebte in der DDR und griff sie von links an, Kronzeuge für heranwachsende Linke, die sich gegen den Eltern-Satz „Geh doch nach drüben“ zu wehren hatten; viertens hatte er neben Brecht und Arbeiterkultur mit DDRler-Neugier noch den Blues, Bob Dylan und US-Kultur gefressen, und das war unschlagbar.

    Als er dann in den Westen kam, verließ er das Podest, kam, wie in der Liedermacher-Kultur immer wieder gefordert, von seinem Sockel herunter, und das war sein Fehler. Star sein, verunsichern, Gehirne bewegen und dergleichen kann man nämlich nur unter Ausnutzung strategischer Vorteile. Für die BRD-Medien-Kultur gab Biermann diese Vorteile auf und gehorchte dem Imperativ der sozialliberalen Drög-Kultur, sich mit „Kumpel“ und „Du“ anreden zu lassen. Er wurde wie Franz Beckenbauer „einer von uns“, lobte Lindenberg und dessen Einfluß auf die Jugend, und seine Virilität und sein Pathos schmeckten in „Talk-Shows“ wie Autor-Scooter nur noch schal.

    Schal wie jodelnde Volkstanztrupps mit sozialkritischen Texten („Das nächste Stück haben wir den ‚Anti-Startbahn-Schuhplattler‘ genannt. Wir wollten damit zeigen, daß der Widerstand gegen die da oben und ihre Startbahn hier in Unterbayern schon eine Tradition hat seit den Bauernkriegen, als der Luther …“). Aber bei aller Kumpelei feiern sie dann ständig das Anderssein, das Unangepaßte, das angeblich für diesen Staat so schwer zu verknusen ist. Wie können wir denn alle Kumpel sein, wenn wir alle anders sind?

    Ganz einfach! Dafür wurde schließlich die Phantasie erfunden und an die Macht geholt. Die Phantasie sorgt für ein tolpatschiges, ungefährliches Anderssein, das keinen Kumpel verstört. Die vielen andersartigen Kumpel haben einfach ein Volk von bunten Ameisen gegründet. Jeder so anders, daß alle gleich aussehen und ein Gang durch das Uni-Viertel weniger unterscheidbare äußere Merkmale ans Licht fördert als ein Besuch der Hamburger Börse. Die Konvention des Unkonventionellen hat da eine Kultur geschaffen, deren Liedermacher-Halfzware-Welt genauso rigide von Gesetzen durchzogen ist wie das Leben in Nordkorea.

    Doch sind auch diese Zeiten bald vorbei. Noch größere, unverbindlichere Allgemeinüberzeugungen prägen die Menschen: der Frieden als Generalanliegen ist nicht mehr zurückzudrängen. Nicole will ihn, Vicky will ihn, und Angi Domdey will ihn. Die Musikerin aus dem Ensemble Schneewittchen, bis dahin durch possierlich-unverbindliche Frauenkunst hervorgetreten, singt jetzt: „Pazifistin bin ich“. Wenn sie sänge „Ich bin Pazifistin“, wäre das keine Lyrik, die kleine Umstellung befriedigt den literarischen Minimalanspruch. Georg Danzer kann seine 1978 für eine Kampagne des BKA geäußerte Überzeugung „Gewalt ist Shit“ sicher auch gut in die Nachrüstungsdebatte einbringen, und über all dem thronen BAP und bots, deren Liedermacher-Rock in einer Weise die Hitparaden als Großkampfarenen der Gesinnungssingerei erobert hat, wie es keiner der Original-Siebziger-Liedermacher sich je erträumen konnte. Nicht einmal die ganz großen wie Wolf Biermann oder der verträumte holländische Charmeur Hermann van Veen, auch nicht die kinderliebe Bettina Wegner, die mich neulich im TV begeisterte, als sie die ungemein originelle Vision vortrug, daß der Herr Jesus, käme er heute zur Erde, von intoleranten, faschistoiden Schweinspießern undsoweiter, undsofort … Nein, sie alle haben nur den Boden bereitet, waren harmlos gegen die massive Aufrüstung an Plattheiten, die uns jetzt bevorsteht.

    Wäre es nicht das Vernünftigste, man machte einen Abrüstungsvorschlag? Wir stellen keine neuen Mittelstrecken-bots auf, wenn ihr euren Kohl verschrottet. Wäre das nicht vernünftige, sozialdemokratische Politik, wenn es schon sozialdemokratische Politik sein soll?

    1. „Solange man nur ad infinitum das immergleiche Anti-Repressionslied singt, bleiben die Dinge unverrückt, und es ist ganz gleich, wer den Gesang anstimmt, es hört ihm doch keiner zu.“
      Michel Foucault ↩︎
  • Krieg & Frieden

    1. Krieg: „Hunde, wollt ihr ewig leben?“

    Hätte die Stadt Stalingrad schon während des Zweiten Weltkriegs den Namen getragen, den sie heute trägt, Wolgograd, wäre vermutlich 250.000 Deutschen die Erfahrung des Kessels und der damit verbundene Tod, die Auszehrung und das Verrecken erspart geblieben. Hitler hätte die Schlacht weniger als seinen persönlichen Kampf mit Stalin empfunden und noch im November 1942 den Ausbruch gestattet, oder die Russen hätten der rettenden Operation „Wintergewitter“ des General Hoth weniger Widerstand entgegengesetzt, oder die 62. Armee der Sowjets hätte kapituliert. Weil aber auch Stalin zur Verteidigung seiner Stadt alle nur erdenklichen strategischen Brain-Trusts anzapfte, Gehirnschmalz und Material ohne Begrenzung in die Schlacht warf und Hitler genau an dem Punkt die Kriegswende aufzwang, an dem dieser sich erfrechte, seinen Namen zu besudeln, kam es, wie es bei anderem Namen nicht kommen mußte. Man sieht: die Welt west vor sich hin, aber die Einschnitte, Brüche und Wenden setzt die Sprache, bis tief hinein nach Rußland in den Winter 42/43.

    Und Stalingrad dämmert weiter als superschweres Zeichen in den Erinnerungen der ganz Alten. Wenn es an Festtagen und Jubiläen aus den hinteren Bezirken hervorgeholt wird und die Jungen erreicht, entstehen ganz seltsame Verschiebungen und Kollisionen. Einen Tag nach der Ausstrahlung des Films Hunde, wollt ihr ewig leben? wurde ich geweckt durch zackige Befehle und Durchhalteparolen. Die Kinder auf der Straße herrschten sich an und nannten einander Seydlitz und Paulus. Nationalmythen, ob böse oder gute – wie der Western für die Amerikaner – werden immer zu Kinderspielen. Und daran ist auch nichts „bedenklich“ oder „gefährlich“, wie die Studentenkommune im zweiten Stock meint. Kinderspiele brauchen gute formal-strategische Grundbedingungen, Stalingrad ist eine solche, wie der Postkutschenüberfall im Western. Auch große Kinder spielen gerne „Stalingrad“. Gestern im „Subito“ zum Beispiel: Wir hatten die 62. Drögarmee an die Wand gedrängt, sie mußten sich mit den Flipperautomaten begnügen und wir brauchten nicht mit ihnen zu reden, da kamen von zwei Seiten die schweren Artillerieverbände der beiden kampferprobten Hardcore-Langweiler-Divisionen. Wie sollte da ein Durchbruch zu der jungen, attraktiven, blitzgescheiten XYZ gelingen, mit der man so gerne noch geplaudert hätte? Die Langweilerverbände rückten näher, die Vorräte gingen aus. Die Ju 52s flogen keine neuen Drinks mehr ein. Da stieß in letzter Sekunde, kurz bevor uns die Langweilerarmee zermalmt hätte, die junge XYZ, sozusagen als General Hoth, sozusagen als „Wintergewitter“ von Südwest durch die feindlichen Linien und durchbrach mit unglaublichem Mannesmut den Kessel. Ohne Gefechte bis zum letzten Blutstropfen war der Fluchtweg frei. Sicher erreichten wir die Theke.

    Der Film Hunde, wollt ihr ewig leben? war übrigens schwach. Wie kann es ein Film nicht fertigbringen, mich zu rühren, der über sechsstellige Totenzahlen berichtet, wo doch sonst schon der Tod eines Haustieres mich zu Tränen rühren kann (in Poltergeist). Er war toll als Film über die 50er Jahre, er war intensiv und gespickt mit Auskünften über diese Jahre und bewies dabei einmal mehr, daß die Nazi-Zeit nicht 1945, sondern 1967 zu Ende ging. Er war gut als Stalingrad-Bebilderung, wenn man im Spiegel den tollen Augstein-Artikel über Stalingrad gelesen hatte.

    2. Krieg: „Nie wieder Faschismus!“

    Steht doch neulich im Spiegel die SPD hätte sich mit dem zweiten Platz abgefunden und wolle nun auf gar keinen Fall mit den Grünen überhaupt noch reden, ja, es sei noch nicht einmal sicher, ob eine Richtlinienkonferenz die sozialdemokratischen Abgeordneten nicht durch Fraktionszwang daran hindern will, grüne Abgeordnete überhaupt anzusehen. Es sei durchaus so, daß gerade die Arbeiterschaft und in den Gewerkschaften eine beträchtliche Verunsicherung darüber herrsche, ob die Parteispitze gewillt sei weiterhin und so weiter und so fort … toujours, toujours. La Volksfrontneurose.

    Hat man sich gerade so halbwegs mit den Sozis wieder angefreundet, ist zu Tränen (aber diesmal wirklich) gerührt von der Verabschiedung Herbert Wehners durch Helmut Schmidts unvergeßliche Worte: „Es ist nicht nur Respekt und Solidarität, was wir für dich empfinden, es ist auch Zuneigung – und, ja – es ist auch Liebe“, hat man sogar dank des Spiegel-Portraits und der darin beschriebenen „Kopflastigkeit“ Vogels (was für eine angenehme Eigenschaft in diesem von mulschigen Wabbelgefühlen bestimmten Kohlbonn) den Kanzlerkandidaten liebgewonnen, kommen die Sozis wieder mit ihrer guten alten Volksfrontneurose. Wie 33! „Nein, mit denen wollen wir nicht. Dieser komische Kohl geht schon von allein den Bach runter.“ Sicher, nachdem vorher 6 Millionen der besten jungen Deutschen an fortgesetztem Brechreiz verenden mußten, vielleicht! Ihr doofen Sozis, wollt ihr uns schon wieder sitzen lassen?

    Oder ist das ganze eine tolle Taktik? Soll grüne Wähler mobilisieren, damit sie auch ganz bestimmt die Fünf-Prozent-Klausel schaffen und andererseits die rechten Ränder des SPD-Wählerpotentials veranlassen, auch ganz bestimmt den Vogel zu wählen. Und dann nach der Wahl doch verhandeln, nach dem guten alten „Was schert mich mein Geschwätz von gestern“-Grundsatz? Und Petra Kelly als Außenministerin? Und Otto Schilly als Justizminister? Das wäre wunderbar, dann Hut ab vor dem taktischen Geschick der Sozis.

    Aber wenn solche angenehmen Zustände einkehren sollten, machen uns bestimmt die doofen Grünen einen Strich durch die Rechnung, indem sie Udo Lindenberg nach Bonn schicken. Dann wähle ich CSU. Und wenn ich dafür nach München ziehen muß.

    3. Krieg: „The Zulu-Nation … they don’t get funky!“

    Afrika Bambaataa war in Hamburg, der Zulu-Häuptling aus der South Bronx, der legendäre Super-DJ, der seinerzeit aus Bandenkriegen Rap-Partys machte, der verfeindete Stämme zur Zulu-Nation einte, der durch seine „Planet Rock“-Single New-Wave/Kraftwerk-Synthis in die Rap/DJ-Kultur einführte und, laut keinem geringeren als George Clinton, den Funk, wie wir ihn kennen, zu Grabe getragen habe („The Zulu-Nation, they don’t get funky, the Soul-Sonic-Force, they don’t get funky“), auf daß eine neue Ära beginne, der Clinton mit seiner „Loopzilla“-Orgie persönlich Tribut zollte.

    Dieser dicke Häuptling war da, mit zwei Rappern, die teilweise ganz gut in Fahrt waren und die Ladies im schlecht besuchten „House“ „Yeah“ rufen ließen und die anderen „Ho!“ und „Ho! Ho!“ und manchmal auch „Ho! Ho! Ho!“ und uns dazu aufforderten, unsere Hände in die Luft zu halten und sie zu bewegen als würden wir „just don’t care“. Na ja, so sehr care ich auch sonst nie über die Bewegung meiner Hände. Sie waren gut, und Bambaataa mixte nach der neuen, unauffälligen Methode ohne zuviel spektakuläres Scratchscratchscratch, aber irgendwie war es wie bei einer Aufführung des „Urfaust“ in der South Bronx im deutschen Original mit DJ Germania Gründgens als Magic Mephisto und Wild Will Quadflieg als Funky Faust.

    4. Frieden: Ich will Gas, ich will Spaß.

    Voll lustig. Gu-ut! Du lachst dich schlapp, echt jetzt unso voll Spa-aß! Freitagabend im sogenannten Proll-Palast, einem Super-Maxi-Kino am Hamburger Times Square (Gänsemarkt) mit dreiundfünfzig Dub-Schachtel-Kinos und Superprollstopfdrängelschlangen bis zum gegenüberliegenden McDonald’s (wo gerade die neue McDonald’s-Werbestrategie zum Einsatz gekommen ist: Um das Junk-Food-Image abzubauen, hängen jetzt überall edle Weichzeichner-Kleinbürgerkitsch-Fotos, als gelte es einem Neureichen Fondue-Utensilien anzudrehen. Die Fotos zeigen die edlen Bestandteile der McDonald’s-Produkte, wie eine Big-Mac-Käsescheibe, von Silberbesteck gehalten und darunter steht irgendetwas Vertrauenerweckendes in Schreibschrift, das man von weitem nicht lesen kann, das aber so aussieht wie: „Seit 500 Jahren wird in der Provence nach alten Rezepten, die nur vom Vater auf den ältesten Sohn mündlich überliefert werden der Big Mac hergestellt. Nur feinste Gummibrötchen, wie sie nur in diesem einen Tal der Provence wachsen, kommen für die Zubereitung in Frage. Und so weiter. Dann wird das ganze vermittels eines geölten Blitzes gehärtet und fertig ist die Melange.“).

    Im Prollpalast also, auf den letzten freien Plätzen im 1.500-Grad-Winkel zur Leinwand, sahen wir „Ich will Gas“ mit Markus und Nena. Nena ist 60 Minuten lang ein gutes Pillenbibi, quietscht und nöhlt und zappelt und kann – klassische Pillenbibi-Tugend – nicht stillsitzen oder -stehen. Dann fängt sie an höllisch zu nerven, weil sie nicht stillstehen kann und nur nöhlt und quietscht. Markus ist der subtile Drömel, als den wir ihn kennen, fällt nicht weiter auf. Karl Dall in dreiundzwanzig Nebenrollen ständig präsent, ist super, allein das Geld wert. Eben jemand, der wirklich blöde Witze erzählen darf. Und der zum Teil sogar gute Witze weiß: wenn er zum Beispiel als italienischer Schaffner nach einer Tirade italienischer Klischee-Sätze „e pericoloso sporgersi“ einflicht. Sieger dieses Kalmauks für alle Freunde des saftig-reinen Proll-Spaß, denen wahrscheinlich schon der Glaube daran vergangen ist, es gäbe in Deutschland noch echten Tollpatsch-Twatsch-Spaßland-Humor, ist jedoch Regisseur Wolfgang Büld selber, der in einer Cameo-Appearance als Wüstling im Walde Nena an die Wäsche will und auf ihre ungemein intelligente Bemerkung „Sie sehen gar nicht aus wie ein Förster“ antwortet: „Bin ich auch nicht. Eigentlich bin ich gelernter Barkeeper. Natur? Bäh! Ich liebe verräucherte Discotheken. Aber das Arbeitsamt hat mich hierher geschickt.“ Leider trübt die bis auf die beiden Titelsongs („Ich will Gas“ und „Nur geträumt“) durchweg scheußliche Musik (auch scheußlich anzusehen, wie sie sich einen abquälen mit Singen, die beiden Spaßvögel) die Freude an diesem derben Meisterwerk.

    5. Frieden: Was uns gefallen hat, weiter so!

    Wie die Stranglers, die früher mal geniale Texte schrieben („Man killed by industry / man killed by luxury / man killed by falling tree / Give me a piece of my mummy, she was quite good to me“ – das klassische Beispiel, das schon Oehlen/Büttner in „Die Verbesserung der Jugend durch Rockmusik“ zitierten), trotz extrem dummer Texte eine sehr gute, abseitige Platte gemacht haben: mit all ihrem Europa-Kultur-Unsinn, mit ihren netten Doors-Imitaten, die die bierernsten echten Doors bei weitem überholen, mit ihren cleveren, nett gedachten Melodien. Wie aus verquälten alten Männern die reine Freude und Unschuld spricht. In „Paradise“, dem besten Song der LP kann man hören: Stranglers, wie sie Doraus und Marinas spielen, mit Jean Jacques Burnel als Dorau.

    6. Krieg: Was wir nicht mehr ertragen können!

    Randy Newman, dieser pfiffige Schlauberger aus L.A. Ich habe ihn immer immer gemocht, ihm immer die Stange gehalten, obwohl ich mir dabei immer schon etwas bildungsbürgerlich vorkam. Aber daß ich jetzt überall lesen muß, seine – na ja, ganz pfiffigen Texte hätten versteckte Bedeutungen (was immer das sein soll: Bedeutung, ich zähl bis hundert, geh’ versteck’ dich! – Aber wo denn? – Versuch’s da drüben bei dem unüberschaubaren Relativsatz! – Aber die ganzen Randy-Newman-Exegeten werden mich mit Bluthunden jagen! – Tja, das ist nun mal dein Schicksal, arme Bedeutung, wärst du doch bei den Tagesthemen geblieben!).

    Und dazu hundertundeins Fotos von seinem ewig gleichen Woody-Allen-Gesicht. Ich habe gewiß nichts gegen New Yorker Juden, einige meiner besten Freunde … lassen wir den Unsinn! Schafft mir Randy Newman aus den Augen, dann kann ich auch seine alten Platten, besonders die hervorragende erste, aus der Van-Dyke-Parks-Schule, und die wunderbare Nilsson sings Newman behalten.