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  • Material

    Die New Yorker Musiker Michael Beinhorn und Bill Laswell arbeiten seit 1979 mit dem Ton-Ingenieur Martin Bisi und dem kreativen Manager Roger Trilling als Material zusammen, aber wie heute so oft sind sie eher eine Organisation/Institution als eine Band, wie man das von früher kennt. Sie arbeiten mit wechselnden Größen aus allen musikalischen Bereichen, betreiben seit neuestem ein eigenes Label, machen Platten unter dem Namen Material und anderen Namen, produzieren Platten anderer Musiker und geben Konzerte. Eines davon demnächst in Hamburg.

    Die Geschichte der Aktivitäten Materials füllt ein Buch. Die dazugehörigen, sehr unterschiedlichen Wertungen würden den Platz eines zweiten Bandes benötigen, denn Material sind zwei hervorragende Musiker. Aber bei ihren stilistischen Wechselbädern kann auch Substanz verloren gehen.

    Nach mehr oder weniger experimentellen Anfängen, von denen zwei LPs und mehrere Maxi-Singles Zeugnis ablegen, wurde es für Material ernst, als sie zu internationalen Jazz-Größen aufstiegen. Auftritte unter anderem beim Berliner Jazz-Fest und ein Album mit diversen Stars der New Yorker Free-Jazz-Szene drängte sie in eine Richtung, die für das ambitionierte Team, das schließlich einmal mit Elektronik, New Wave/Funk und Avantgarde begonnen hatte, keineswegs die allein selig machende sein sollte.

    Der Erfolg der Disco-Single „Bustin’ Out“, die Material mit der Ex-Labelle-Vokalistin Nona Hendryx aufnahm, bestärkte sie darin, ein anderes Terrain auszuprobieren. Man tat sich mit dem ebenso exzellenten wie experimentierfreudigen Chic-Gitarristen Nile Rodgers zusammen, um eine Disco-LP aufzunehmen, deren Hits („I’m The One“) auch in Hamburg alle Besucher einschlägiger Etablissements kennen, die aber auch nicht von Überraschungen frei ist. So liefert der 60er-Jahre-Free-Jazz-Veteran Archie Shepp einen Beitrag ab, der es verdient, Geschichte zu machen, auch wenn es nur ein wenige Sekunden dauerndes Saxophonsolo in der von Material gecoverten Soft-Machine-Ballade „Memories“ ist.

    Nile Rodgers versorgt Material mit seinem federnden Gitarrensound und erschloß ihnen via Black Radio in den USA einen neuen Markt. Doch sind Material inzwischen wieder einen Schritt weitergegangen. Bereits der letzte Track der LP deutet an, daß man sich für den schwarzen Rap-Scratch-DJ-Untergrund zu interessieren beginnt. Das Faible für elektronische Spielsachen neuerer Bauart, das dort zu spüren ist, trifft sich an manchen Punkten mit der Elektronik-Begeisterung der frühen Material-Maxis. Material haben nun mit Afrika Bambaataa, den man neulich im Trinity sehen konnte, eine Maxi eingespielt und sich für ihre Europa-Tour neben ihrem etatmäßigen Drummer als viertes Mitglied den DJ Grandmixer DST angelacht. DST ist ein prominenter Scratcher in den schwarzen Hip-Clubs von New York, und er wird zur Live-Show von Material scharfe Sounds, grelle, harte Detailgeräusche, die er aus Platten herauskitzelt, beisteuern. Wie sich das anhört, konnte ich unlängst erleben, als mir Bill Laswell eine Cassette mit Basic-Tracks vorspielte, die Material mit DST für das neue Herbie-Hancock-Album gemacht haben. Extrem verhakte, rhythmische Leckerbissen, Knall-Zack-Zong-Lärm von einer äußerst anregenden Sorte. Dies ist ein gutes Konzept für eine Band, die momentan hauptamtlich damit beschäftigt ist, New Yorker Obskuritäten von den Golden Palominos (die neue Band von Arto Lindsay), Bill Laswell selber, Material-Freund Fred Frith und anderen musikalischen Randständigen über das eigene Label an weltweite Konzerne zu verkaufen. Als Zukunft der Pop-Musik. Die es objektiv sein könnte, wer weiß.

  • Das Ende der Politik, wie wir sie kennen

    „I wanna be elected.“ Alice Cooper

    „Von allen vier Milliarden Menschen ist Helmut Kohl der unsympathischste.“ Ein guter Freund

    „Unlike most Germans who’ve been educated after World War II Mr. Kohl speaks very little English.“ New York Times

    Nun ist „die Wende“ endgültig vollzogen und der „Aufschwung“ steht unmittelbar bevor. Bis zum Jahrtausendwechsel soll die Bundesrepublik eine andere werden. Ein polemischer Rückblick auf die Bundestagswahl 1983.

    Ich glaube, Faschismus ist nicht, wenn einer von perversen Minderheiten spricht. Das ist schwarze Galle, ein organisches Problem. Faschismus ist eher die Abschaffung der Sprache, wie sie Kohls Reden eigen ist. Die Hälfte dieses Volkes hat Kohl gewählt, weil er nichts außer „Aufschwung“ gesagt hat. Jedes weitere Wort wäre zuviel gewesen.

    Während der Wahl-Wochen mochte ich schließlich jeden Politiker, der sich dieser neuen Nullsprache entzog. Strauß, Lambsdorff und Stoltenberg stiegen vor dem Horizont von Kohls sprachlichem Schneematsch zu geistigen Leuchten auf. Die Aussicht, Kohl von nun an Tag für Tag und mindestens vier Jahre im Fernsehen ertragen zu müssen, ist die Aussicht auf den Terror der Gedankenfeindlichkeit, der Sprachlosigkeit, ist die Aussicht auf den Terror des Nullsatzes.

    Daß man bei Bundestagswahlen nichts anderes als das Fernsehprogramm der nächsten Jahre wählt, dürfte allgemein bekannt sein. Wer im Ernst glaubt, deutsche Bundestagswahlen hätten irgendetwas damit zu tun, ob und wie viele amerikanische Raketen hierzulande stationiert werden, ist dem Witz des Parlamentarismus aufgesessen, ohne seine zynischen Pointen verstanden zu haben.

    Der Ruck nach rechts wird vor allem dazu dienen, das angeschlagene Vertrauen in Pluralismus und Parlamentarismus, in unseren Staat zu regenerieren. Christdemokraten an der Macht bedeutet Aufwertung jeder parlamentarischen Opposition, lenkt den Ekel auf eine besonders ekelhafte Partei und wäscht die andere frei von allem Makel. Doch wird das Gesicht Kohls unter Umständen dazu führen, daß man nicht einmal mehr die gedanklichen Prozesse vollzieht, die für Ekel die Voraussetzung bilden. Kohls Nivellierungs-Power vernichtet jedes Hinsehen, verstellt sogar den Blick auf ihn, Kohl.

    Kohl ist das Ende der Politik, wie wir sie kennen, Politik der siebziger Jahre, die präzise repräsentiert wurde von den Gesichtern derer, die sie vertraten.

    Weil man dieses Ende im vorhinein ahnen konnte, habe ich diesen Wahlkampf genießerisch eingesogen wie keinen zuvor. Dies hätte das letzte Mal sein können, der letzte klassische BRD-TV-Wahlkampf, jenes Genre, das unsere Jugend bestimmte. Ich konnte niemanden verstehen, der diesen Wahlkampf langweilig nannte.

    Zeichen für Historie

    Was für Inszenierungen! Da war die dramatische Regeneration der SPD, die dann doch zu kurzatmig war, letztendlich. Dennoch, wie der moralinsaure Loser Vogel binnen weniger Tage Format gewann, wie er zum Mann des Verstandes, der Nachdenklichkeit aufgeblasen, als Intellektueller und Workoholic aufgebaut wurde, das war herrliches, klassisches Wahlkampftheater. Wie die Kamera beim Wahlparteitag an der SPD-Führungsspitze entlang fuhr und bis auf den kohligen Populisten und Intellektuellenfeind Börner nur gute Köpfe einfing: Willy Brandt, Peter Glotz, Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Hans Jochen Vogel und wie sie alle heißen. Lauter gestandene Männer, Zeichen für Historie, für über hundert Jahre Politik, Drama, Mauschelei, Kampf, Revisionismus, Bürokratie, Macht, Widerstand. Jeder für sich ein potentieller Romanheld, eine Figur. Das sah aus wie ein beeindruckendes Gegengewicht zur Bonner Nullenregierung und zu einer Grünen Partei, die sich weigerte, Namen herauszugeben, und aus mediensemiotisch nicht abgesicherten Überlegungen unsinnigerweise keine Polit-Stars heranzüchten will.

    Dann machte die SPD Fehler über Fehler. Sie führte ihren Wahlkampf defensiv, beklagte sich jammernd über unfaire Äußerungen von Heiner „Goebbels“ Geißler, erging sich in Marginalien und setzte der „Aufschwung“-Kampagne der CDU nichts entgegen. Obwohl das leicht gewesen wäre. Etwa so: Kohl = Reagan/Thatcher, mehr Arbeitslose, Wirtschaft trotzdem weiter putt. Schmidt/SPD = trotz Weltwirtschaftskrise passable Arbeitslosenzahlen, passable Wirtschaft. Die SPD ist die Partei, die den Kapitalismus am sichersten funktionieren läßt, das wenigstens sollte den Systemfreunden, aus denen unser Volk wohl zu über 90 Prozent besteht, klar sein. Wer den soliden Siebziger-Jahre-Kapitalismus ohne Krisen und Hungersnöte will, wählt SPD, jene große, integrierende Mutter aller Bestrebungen zwischen Großunternehmen und ökologischen Weltrettern. Alles findet sein Plätzchen in der SPD. Sie ist die Partei, die große, verfilzte, bürokratische Organisation, die alle einschließt und alle vertritt.

    Aber man versäumte, diese Rolle auszuspielen. Keine Wahlkampfstrategen saßen in der Baracke. Wehner hörte nur noch Nekrologe zu Lebzeiten, und Vogel schaute sorgenvoll drein. Was für die dummen Deutschen nicht eben attraktiv wirkt, neben dem weinseligen Volltrottel aus Mainz. Ein Volk von Volltrotteln wählt seinesgleichen, es sei denn, man setzt ihm eine Autorität vor, wie Schmidt oder Strauß.

    Doch es gab in diesem Wahlkampf keinen genialischen Bollerkopf und Kraftmenschen. Strauß wurden mit Rücksicht auf die deutsche Durchschnittlichkeit alle griechischen und lateinischen Zitate von der Wahlkampfzentrale untersagt, und Schmidt verkaufte seine Weltwirtschaftsvisionen lieber an renommierte, wenngleich verschnarchte und wenig gelesene Wochenblätter, statt sie medienwirksamer und im Dienste der SPD auszubreiten. So wurde der Wahlkampf nicht Personen-, sondern Slogan-bezogen geführt: Auf Kohls „Aufschwung“ reagierte die SPD jedoch nicht mit „Wir machen den besseren Aufschwung, du machst nur Detroits“, sondern mit Äußerungen der folgenden Art: „Es ist durchaus richtig, daß Kohl den Aufschwung schafft, und wir Sozialdemokraten sind die Letzten, die sich dagegen stellen würden. Aber wir bitten dennoch um ihre Stimme, denn schließlich geht es um die Gesamtschule und den § 218.“ Ach so.

    Wenn Geißler geiferte, gebärdete sich die SPD fürnehm und faselte hochtrabend, man dürfe den politischen Gegner nicht diffamieren. Hätte sie’s doch getan! Dieser Gegner schrie doch nach Diffamierung. Der diffamierte sich doch schon von alleine, wenn er nur seine Visage aus dem Auto steckte: Kohl besucht Thatcher. Thatcher sieht, daß Fotografen die beiden in staatsmännischer Pose aufnehmen wollen. Kohl glotzt indisponiert in der Gegend umher. Thatcher greift den riesigen, unförmigen Körper an der Schulter und stellt ihn zurecht.

    Meister Petz aus Oggersheim

    Kohl besucht Mitterand. Am Grabmal des ewigen Soldaten oder des unbekannten Toten oder wie immer der arme Kerl heißen mag legt er einen Kranz nieder. Das Protokoll verlangt, daß er neben den Kranzträgern drei Schritte bis zum Grabmal des ewigen Toten mitgeht. Dadurch entsteht eine Lücke zwischen Mitterand und einem Minister, zwischen denen Kohl vorher gestanden hatte. Dann liegt der dicke Kranz schließlich im Namen des deutschen Volkes am Grabmal der ermordeten Toten, und Kohl geht die drei Schritte zurück und plumpst schräg auf Mitterand. Plumps! Mitterand ergreift den riesigen, unförmigen Körper dieses seltsamen Regierungschefs und stellt ihn zurecht.

    Warum war das kein Wahlkampfthema? Die CDU wußte um diese Kohl-Eigenschaft und wußte sie zu nutzen. Sie entnahm der Bären-Assoziation den liebenswerten Meister-Petz-Beigeschmack und flößte so Frauen, Kindern, alten Frauen und gefallenen Hunden Vertrauen ein. Sogar der Begriff „Birne“ hat Kohl letztendlich geholfen, wurde im Kinder-, Hunde- und Rentner-Wahlkampf zur Waffe für die CDU.

    Die Omnipräsenz des Kinder schüttelnden, Hände und Hunde haltenden Meister-Petz-Kanzlers aus Oggersheim hatte die Bundesbürger dann so nachhaltig auf dessen neue Nullsatzwelt konditioniert, daß SPD-Vertreter in Fernsehrunden noch so eloquent auftreten konnten, es wurde ihnen nicht gedankt. Glotz bügelte Geißler und Stoiber runter, daß es eine Freude war, aber wenn dann Stoiber, den die Engländer „Strauß’s wife“ nennen, antwortet: „Das Gute ist das Gute, und in diesem Sinne werden ich und meine Freunde weiterarbeiten. Keinen Fußbreit den kommunistischen Bestien, mit dem Hut in der Hand kommt man durchs ganze Land!“, fühlte sich der Bundesbürger wieder wohl in seiner Birnewelt, die er um keinen Preis für die komplizierte SPD-Welt des real existierenden Kapitalismus eintauschen wollte. So strömte dann der vom Übervater und Bollerkopf Schmidt emanzipierte Bundesblödi in neuer Mündigkeit millionenweise ins Kohlland. Wein, Weib und Gesang, Mainz bleibt Mainz. Wie geht’s denn so heute? Muß ja, muß ja – das ist Kohlland.

    Plötzlich exzellente Leute

    Dann gab es noch die FDP des schlitzohrigen Genschers mit so herausragenden Figuren wie Otto „Graf“ Lambsdorff. Zunächst als Verräterpartei vom Bundesbürger moralisch in Acht und Bann getan, wurde sie später zum Lieblingskind des „taktischen Wählers“, eine ganz besonders ekelhafte Spezies, die sich beim Wählen auch noch Gedanken macht und dem Mythos Demokratie ganz besonders perfide aufgesessen ist. Was kann man schon einem bayerischen Einödhof-Bauern vorwerfen, der mit der DNS-Struktur, dem Gen-Befehl, CSU zu wählen, auf die Welt gekommen ist, was einem guten Eimsbüttler Sozi, dessen Chromosomen verlangen, die SPD zu wählen? Aber jemand, der FDP wählt, weil er lieber Genschers sächsische Schmalzigkeiten hört als Strauß’ bayerisches Geboller oder am Ende gar glaubt, Genscher könne in irgendeiner Weise die amerikanische Aufrüstung stoppen! Nein, da will ich Caspar Weinberger heißen, wenn der im Recht ist. Hans „Dietrich“ Genscher, Ganove und Schlitzohr von hohem Rang, warf aber seine ganze Ohrfeigengesicht-Harmlosigkeit in die Schlacht und hielt die Hand nach Zweitstimmen auf. Darüber hinaus veranstalteten er und der „Graf“ alle Augenblicke irgendwelche Scheinparteitage, Dahrendorf und der sichtlich geknickte Baum wurde herbeigekarrt, eine Irmgard Adam „Schwätzer“ aus der Taufe gehoben, die jeden zweiten Tag im Fernsehen erschien und sprach wie die nette Bankangestellte, die einem erklärt, man habe sein Konto nunmehr maßlos überzogen, und mit einem liberalen Lächeln von gerichtlichen Schritten und Vollzugsmaßnahmen parliert. Durch die ewigen Sonderparteitage erreichte die FDP schließlich eine höhere TV-Präsenz als die völlig paralysierte SPD und schaffte am Ende wieder fast sieben Prozent. Genscher hat sich mal wieder aus der „Gacke“ gezogen, in die er durch „eichne Blödheit geraten“ war (Titanic).

    Dann gab es noch die Grünen, die schließlich ich und alle meine Freunde gewählt haben, obwohl wir eigentlich mit alternativer Gesinnung wenig am Hut haben. Die Grünen haben sich im Hauptwahlkampf dann auch weit über das durchschnittliche Körnerfresserniveau gesteigert, sie brachten plötzlich exzellente Leute aufs Tapet, waren mit präzise argumentierenden Marxisten in Fernsehrunden vertreten, die zum ersten Mal in der Geschichte der BRD im Fernsehen sagen konnten, was mit Unternehmergewinnen wirklich passiert. Und wenn, was ebenso häufig vorkam, die Grünen nur sprachlose Stotterer mit artigem Gesinnungsgesicht in die Arena schicken konnten, gewannen sie Stimmen aus Kohls Kinder-, Hündinnen- und werdende-Väter-Reservoir. Diese Leute, inzwischen gewohnt, daß Nicht-reden-Können für „Empfindlichkeit“ steht, gaben den grünen Stotterern Mitleids-Stimmen, weil sie fanden, daß die anderen „ja eh nur g’schwollen daherreden.“ Die Moderatoren waren übrigens immer auf Seiten der Sprachlosigkeit, mit unnachgiebiger Härte monierten sie jeden Terminus lateinischer Provenienz, der ihnen wie ein Fremdwort vorkam, auf daß ja nichts anderes als „Aufschwung“, „Atomkrieg“, „NATO“, „Arbeitslosigkeit“ (ist bei Jugendlichen ganz besonders schlimm!) und Genschers fünfundzwanzigtausendmal gesagtes „Wir dürfen nicht zu Wanderern zwischen den Welten werden“ ausgesprochen wurde.

    Dennoch konnten uns die Grünen positiv überraschen, trotz ihres katastrophalen Kulturprogrammes mit allen Horror-Gestalten des BRD-Kulturbetriebs („Die grüne Raupe“). Sie stellen mit Schily, Kelly und Beckmann gleich drei extrem gute Abgeordnete, die für eine neue Zeit stehen, die als Bundestagsabgeordnete die Gewähr bieten, daß der neue Bundestag wenigstens ein klein wenig anders aussieht als der vorherige und alle anderen.

    Kabel statt Autobahnen

    Die Grünen sind die zu Macht gekommenen 68er, sie sind also 15 Jahre zu spät. Sie sollten wissen, daß sie ihre 5,6 Prozent einer Allfraktionen-Allgenerationen-Koalition innerhalb der Linken und der Subkultur verdanken. Sie repräsentieren nicht nur Drögis über 35 und nicht nur Landkommunen und alternative Kleinbürger, sie repräsentieren auch alle die, die nicht gewählt haben, weil sie finden, daß die Grünen fünfzehn Jahre zu spät kommen. Doch das ist nun mal der Gang des Systems mit seiner scheußlichen Fünf-Prozent-Klausel und anderen Mißlichkeiten. Wenn wir ins Parlament kommen, werden wir auch fünfzehn Jahre zu spät sein. Aber Leute, die fünfzehn Jahre zu spät sind, sind mir lieber als Leute, die hundert Jahre und mehr zu spät sind, womit wir beim schlimmsten Vertreter der neuen Regierung wären: Norbert Blüm.

    Dieser Spaßvogel aus dem Hessenland (Helmut Schmidt wußte, warum er sagte: „Südlich von Harburg beginnt der Balkan.“) traf sich bei seiner Kampagne für frühkapitalistische Kleinbetriebe, deren Aus-dem-Boden-Sprießen nur noch von bösen sozialdemokratischen Verordnungen gehemmt werde, mit großen Teilen der Alternativbewegung. Das neue Kleinunternehmertum, geboren aus der alternativen Neigung, Läden aufzumachen, das in seinen Kneipen, Reparaturwerkstätten und Programmkinos, unter Beanspruchung der Bereitschaft zur Selbstausbeutung bei den aus Gesinnungsgründen mitarbeitenden Angestellten, alle gewerkschaftlichen Erfolge der letzten zweihundert Jahre umgeht. Das ist das andere Deutschland, das Deutschland der Tüchtigen, die was auf die Beine stellen, von denen in der Bild am Sonntag immer die Rede ist. Die sich den Arsch abschuften für die alternative Sache und so die Arbeitslosenziffern senken. Das sind die Freunde von Blümi Blüm, dem Frohsinnsminister der alternativ-schwarzen Koalition.

    Was wird noch geschehen, bis 1991 mit Kanzler Engholm die SPD erstmals nach acht Jahren wieder die Regierung übernehmen wird und sich dann mit sechs Millionen Arbeitslosen herumschlagen muß?

    Schwarz-Schilling will die BRD verkabeln, der einzige Punkt, wo ich mit der CDU übereinstimme. Totale Medienwelt? D’accord! Wunderbar! Schlimmer als das öffentlich-rechtliche TV kann’s sowieso nimmer kommen, und eine größere Vielfalt, größere Sendekapazität bietet auch größere Angriffsflächen, ist leichter unterwanderbar. Dennoch erinnert dieser riesenhafte Ausbau der Kommunikationswege an einen anderen riesenhaften Ausbau der Kommunikationswege bei einer anderen Wende in einem anderen März vor fünfzig Jahren. An Hitlers berühmte Autobahnen.

    Sonst geht alles den Bach runter. Der komplizierte sozialdemokratische Herrschaftsapparat wird zusammenschnurren, und an seine Stelle wird die plumpe Staatsgewalt christdemokratischer Eiferer treten. Alte, traditionelle Linke werden sich wieder wohl fühlen, weil die Welt wieder so aussehen wird wie im 19. Jahrhundert, und alle alten Lehrsätze, alle angegammelten Feindbilder werden in Amt und Würden zurückversetzt werden. Doch das ist gefährlich. Wenn die Linke sich darauf einlassen sollte, wird ihre ohnehin kaum erträgliche Schrulligkeit und Gläubigkeit ins Kraut schießen, kriegen wir es mit einem Haufen metaphysischer Sonderlinge zu tun.

    Zwar herrschen jetzt wieder die alten, dumpfen Kapitalistenknechte aus den fünfziger Jahren, aber sie herrschen nicht im ideologisch-kulturell kaum der Nazizeit entwachsenen Wirtschaftswunderland, sondern im Kontext der sozialdemokratisch-modern ausgestalteten Talk-Show-Republik der achtziger Jahre.

  • Krieg & Frieden: Schauplätze, Ortsnamen, Eigennamen

    1. Wien

    Exakt einen Tag brachte ich unlängst in Wien zu. Am Flughafen, der nicht nach Weltstadt, eher nach Mannheim-Süd, nur für Segelflugzeuge zugelassen, aussieht, kommt es zur Konfrontation mit dem hier gültigen Koordinatensystem: Die Wegweiser der Flughafenautobahn ließen zwei Alternativen zu, Bratislava (früher Preßburg) oder Budapest. K.u.K.-Feeling kommt auf. In Österreich gibt es keine Grenzen nach unten und oben. In den Bücherregalen stehen Hermann-Hesse-Gesamtausgaben neben Karl-Kraus-Gesamtausgaben, in Plattenregalen steht Red Crayola neben dem Gesamtwerk von André Heller. Die Stadtzeitschrift Wiener, die zu den best gelayoutesten Magazinen der Welt gehört, leistet sich die Schlagzeile: „In New York tanzt man Rap – Warum nicht in Wien?“ Weil man in Wien Walzer redet. Die SPÖ macht Wahlkampf-Werbung in GGK-SPD-Stil, aber besser und selbstbewußter (obere Bildhälfte: Schwarzweiß-Foto eines völlig derangierten Waldes, in der Mitte: rote GGK-SPD-Schrift: „Darum geht’s“, unten glückliche österreichische Jungspießer mit Pfadfinderlächeln in milder Herbstsonne in Farbe. „Für Österreich und seine Menschen: SPÖ“).

    In der modern gelayouteten Stadtzeitschrift Wiener hält es ein Kolumnist für originell, neu und mitteilenswert, daß Wahlkampf ja doch nur Theater sei. Ist es wahr? Sollten Politiker etwa bei Fernsehdiskussionen nicht ernsthaft die Belange des Volkes diskutieren? Sollte am Ende gar ein eingefahrenes Spiel mit verteilten Rollen da aufgeführt werden? Ist Politik ein schmutziges Geschäft? Geht es beim Fußball nur noch ums Geld und nicht um den Sport? Ist Graf Lambsdorff ein Gangster? Ist Völkermord beklagenswert? Hat ein Spiel 90 Minuten? Ist der nächste Gegner immer der Schwerste? In Wien existieren massive Blödheit und beeindruckende Klugheit nah nebeneinander. Die Häuser sind so alt und vermieft, daß man sie einreißen möchte, die Werbeagenturen sind besser als irgendwo sonst in der Welt. Die Werbung in Wien macht sichtbar. Die Häuser sehen aus wie ein gestörtes Schwarzweiß-Fernsehbild von Häusern. Die Männer sind zwischen Torheit und Tiefsinn hin- und hergerissen. Die Mädchen haben alle so was G’schlampertes.

    2. Berlin / Tokyo

    Im Pressezentrum der Berliner Filmfestspiele, gleich beim Bahnhof Zoo, vorne links, steht Rosa von Praunheim und redet mit einem wichtigen Mann, in der Kantine sitzt Michael Strauven, der sensible Film-Moderator aus dem Fernsehen, der so sensible sein will wie der große sensible Filmregisseur Wim Wenders und dabei wirkt wie ein chinesischer Fisch in den lehmigen Fluten des gelben Flusses, und unterhält sich mit Rosa von Praunheim. Anwesenheit und Abwesenheit sind derzeit Lieblingsgegenstände meines Räsonnements. Rosa von Praunheim erzielte während der Filmfestspiele einen neuen Weltrekord in Anwesenheit. Ich sah einen räsonnierenden Film von Chris Marker, Sans Soleil, der im wesentlichen über Japan räsonnierte. Oft amüsant, wie Roland Barthes’ Buch Im Reich der Zeichen, oft aber von der unerträglichen Idealisierung bestimmt, die allen von 68 geprägten Intellektuellen, besonders den französischen, als Matrix jeder Äußerung eigen ist. Einmal hoffen, wünschen, projizieren, immer hoffen, wünschen, projizieren. Nur der Gegenstand wechselt. Nichts gegen Hoffen, aber bitte nur in einem vergänglichen, befristeten, strategischen Zusammenhang. Marker idealisiert wieder absolut, wenn auch pfiffig: Er gehe nie mehr bei Rot über einen Zebrastreifen, auch wenn kein Auto in Sicht sei. Er habe gelernt dem Geiste der verschrotteten Autos zu huldigen. Er ehre auch die leeren Briefkästen, denn er habe gelernt, den Geistern der zerrissenen Briefe zu huldigen. Ja, die poetischen, europäischen Gemütsmenschen. Abends gab es dann einen japanischen Punk-Film, der aus der Perspektive der Subkultur Japan zeigte. Der dieselben Ordnungen, Regelungen zeigte, die Europäer so gerne idealisieren und sie behandelte, wie unsereins den Papst und die Katholische Kirche. Es lohnt nicht einmal, sich darüber lustig zu machen.

    In Berlin gab es auch Infermental zu sehen, das sechsstündige Video-Magazin, das in drei Portionen à zwei Stunden gezeigt wird und Beiträge von vielen wichtigen Menschen und Organisationen enthält. Demnächst werde ich eine Promo-Kampagne dafür in Gang setzen. In Berlin wählte ich ein paar Mal am Tag die Nummer 040/1166, die als Kripo-Ansagedienst die Stimme eines Kieler Mörders brachte, der tatsächlich sprach wie ein Mörder auf einer sehr schlechten Märchenplatte. Mit einer künstlichen, fast verfremdeten Häme, krächzend, quäkend. Auf dem Niveau von Klaus Kinski, aber echt. Sick. Die Zeit lamentierte anschließend natürlich wieder von pietätlos. Es ist unglaublich, daß sich die Zeit immer so verhält, wie man es von ihr erwartet. Daß da ein Presseorgan wirklich noch mit einer Stimme spricht, obwohl der etatmäßig etwas linkere Kulturchef Raddatz die Grünen wählt und Theo Sommer stattdessen die FDP. In Berlin, im „Risiko“ haben sie 1166 über Lautsprecher abgespielt.

    3. Hamburg, Haiti, Peru, Chile, Dominikanische Republik

    Wo wir bei der Presse sind: Die Zeitschrift Stern glänzte in den letzten drei Jahren in ihrer Musikberichterstattung durch eine Fehlerquote, die kaum ein anderes Blatt je erreichen kann. Irgendwann haben wir bei Sounds mal eine Stern-Journalistin auf die Ätzliste gesetzt, woraufhin ihr Chef bei unserem Chef nachfragte, was denn das für ein Kollegenverhalten sei. Woraufhin wir aus zwei Jahrgängen konsequent die Fehler sammelten, haarsträubendes Zeug darunter, und die Dokumentation an den Chef schickten. Man fragt sich ja, ob die Fehlerzahl in den Artikeln, wo man die Fakten nicht aus erster Hand besser kennt, genauso hoch ist. Der Chef antwortete irgendwas im Stile von „Kommt nicht wieder vor“. Kam aber doch. Immer wieder. Letztes Beispiel: Malcolm McLaren. Die Autorin des Berichtes will in „Buffalo Gals“ Musik aus den peruanischen Anden und aus der dominikanischen Republik gehört haben. Abgesehen davon, daß ich bezweifele, sie könne Musik aus den peruanischen Anden von Musik aus den chilenischen Anden unterscheiden und Musik aus Haiti von Musik aus der dominikanischen Republik, dürfte es jedem schwerfallen, irgend etwas derartiges aus „Buffalo Gals“ herauszuhören. Die Erklärung kann nur sein: die Autorin hat im Musik Express über McLaren nachgelesen und dabei die Beschreibung seiner LP, die es noch nicht gibt, mit der Beschreibung seiner Maxi verwechselt. Oder sie hat McLaren wirklich interviewt und versteht kein Englisch.

    4. Köln / Bonn

    Es ehrt mich natürlich, daß sich Dr. med. Dr. phil. Rainald Goetz um meinen Kopf sorgt. Schließlich hat er den besten Artikel geschrieben, der je in Konkret erschienen ist. Aber was soll ich tun? Mein Mitteilungsbedürfnis ist grenzenlos und so schlecht fand ich Spex noch nie, eher zu bieder als zu locker was wirklich schlimm wäre. Aber ich würde auch für schlechtere Zeitschriften schreiben. („Wer schreibt, der bleibt …“ Anm. d. Red.) Regel: wer einen Text nicht kürzt oder verfremdet, darf ihn drucken. Wer einen Text kürzt oder verfremdet, muß etwas anderes zu bieten haben. Z. B. eine hohe Auflage, einen interessanten Leserkreis oder ein interessantes redaktionelles Konzept. Die Idee der fliegenden Blätter scheitert an meiner Faulheit. Reaktionen von Rainald Goetz bekam ich für einen Artikel in Spex, was prinzipiell für dieses Forum spricht, ich glaube kaum, daß er eine andere Musikzeitschrift liest.

    Dem Leser Wolph danke ich für das Marx-Zitat, aber Petra Kelly ist gut. Nur wer noch an Politik im alten Sinne glaubt, kann ihr ihre Inhalte übelnehmen. Sie spricht nicht Inhalte verkaufend im alten Politikersinne. Sie reiht Worte auf eine Schnur („Wir werden uns für behinderte Frauen, gefallene Hunde, zertretenes Gras einsetzen“), spricht irgendwo ganz vorne im Mund, nicht mit so einem blöden, tiefen Brustton. Sie sieht gut aus (wie sonst nur Schily, Maren-Grisebach, Helmut Schmidt. Und Peter Glotz erinnert mich immer mehr an Wolfgang Büld.). Es sah noch nie jemand im deutschen Bundestag gut aus. Petra Kelly ist die einzige sichtbare Veränderung, der wahre historische Einschnitt. Ich freue mich schon heute auf ihre erste Rede für gefallene Hunde.

    5. Liverpool, Wales

    Es gibt zwei Sorten von Mädchen. Die eine kam gestern, die andere vorgestern in die Markthalle. Die eine kam zu Echo & The Bunnymen, ist jung, quirlig und interessant, auch die, die nicht gut aussehen, weil sie immer aussehen, immer Zeichen aussenden, historisch wahrnehmbar und neu sind. Sie haben sich alle in Ian McCulloch von Echo & The Bunnymen verliebt. Die andere Sorte ist überwiegend uninteressant, älter, weniger konturiert, von Beruf und Alltag zerfressen und historisch. Unter ihnen sind allerdings die absoluten Spitzengeschöpfe, die 1a-Menschen, die ein Leben umkrempeln können. Sie kamen am Tag davor zum John-Cale-Konzert und verliebten sich in den großen Waliser. Dem Konzert des Jahres. Nach dem John-Cale-Konzert war ich nüchtern und früh im Bett. Gestern nach Echo war ich lange aus und trank zu viel Whiskey. Heute finde ich keinen Bezug zum Leben und bin kurz davor im Bett zu bleiben. Da geschieht etwas Wunderbares: Auf der Straße sehe ich zwei Kameramänner, einen Mikrogalgenhalter und einen schnauzbärtigen Mann mit Mikro. Er fragt einen anderen schnauzbärtigen Mann, einen aus der Gauloises-Reklame: „Glauben sie, daß jetzt der Aufschwung kommt?“ Die Erwähnung dieser religiösen Vokabel, die die SPD zwei Millionen Wählerstimmen kostete, versetzte mir einen Stoß und ich konnte wieder arbeiten. Draußen öffnete sich der Himmel, die Sonne lachte. Die Krise war vorbei. Es war der 10. März 1983, in vier Tagen würde Karl Marx Geburtstag haben.

    Ein Freund rief an und beklagte sich über seine minderjährige Freundin. Ich sagte: „Das Problem mit der jüngeren Generation ist, daß sie nichts mitgemacht haben. Keine Drogen, keine Politik. Davon sind sie herzlos geworden. Nicht, daß ich mir eine neue Generation wünsche, die denselben Scheiß macht wie wir, aber wir sind so nett, weil wir es hinter uns gebracht haben. Die Jungen hatten es einfach zu leicht. Deswegen können sie auch einem Sänger etwas abgewinnen, der singt ‚Is this the blues, I’m singing?‘ oder ‚Who am I?‘“ – „Aber zu unserer Zeit hat man doch auch die Doors gehört?“ – „Ja, aber man hatte eine Doors-Phase, die man dann wieder ablegte, um das Gegenteil zu verkünden.“ – „Du meinst, die Kinder nehmen das ganz absolut, nicht als Bestandteil einer bestimmten Rhetorik, eines Diskurses?“ – „Ach, was. Die denken doch gar nicht, die sehen nur hin. Das ist ja auch gut so. Mit Nurhinsehen kommt man unter Umständen weiter als mit Denken. Denken muß man nämlich richtig können, Fehler beim Denken sind fatal. Fehler beim Hinsehen gibt es nicht. Richtiges Denken ist natürlich besser als richtiges Hinsehen, aber wer denkt schon richtig?“ – „Meinst du auch, daß die Ära Kohl von der Ära Derwall schon vorweggenommen worden ist?“ – „Oh, ja, das 4:3 gegen die CSSR damals entspricht den DM-Aufwertungen im Moment, das Ausscheiden gegen Österreich in Argentinien den letzten Monaten der Schmidt/Genscher-Regierung. Kohl wird auch noch mit so einer WM-in-Spanien-Battiston-K.O.-Schlagen-Taktik ins Finale kommen, aber danach geht’s bergab.“ – „Kann ich das meiner Freundin erzählen? – „Deiner minderjährigen Freundin? Aber immer! Unseren Altersgenossen könntest du das nicht erzahlen, die verstehen wieder kein Wort, die würden wieder sagen, Fußball sei Fußball und Kapitalismus sei Kapitalismus.“ – „Ah, so.“ – „Bis nachher!“ – „Tschüß!“ – Tschüß!“.

  • Drögis in der Vorstadt

    Sei wie dein Vorbild – mindestens für fünfzehn Minuten: In einer Hamburger Vorstadt-Disco veranstaltete die Bild-Zeitung einen „Lookalike“-Wettbewerb. Gesucht wurde jenes Paar, daß dem Pop-Duo Haysi Fantayzee am ähnlichsten sieht.

    Es war eines dieser Bild-Preisausschreiben. Beim ersten Live-Auftritt des Lumpen-Chic-Hit-Duos Haysi Fantayzee in einer Hamburger Vorstadt-Disco sollte ein Tanzwettbewerb, verbunden mit einem „Lookalike“-Contest (wer sieht Haysi Fantayzee am ähnlichsten, wer kopiert das Outfit am genauesten?) darüber entscheiden, wer den Hauptpreis erringen würde: Ein Tag London mit Haysi Fantayzee, Besuch einer Hip-Disco und Limo-Service. Die Paare mögen sich bei der Haysi-Plattenfirma RCA anmelden. Zwanzig könnten teilnehmen.

    Es war einer dieser Freitag-Nachmittage. Dröge verstrichen die Stunden. Draußen senkte sich der Abend über die Hansestadt. Was für ein märchenhaftes Glücksversprechen, daß irgendwo da draußen im undurchdringlichen, unerforschten Dschungel der Vororte drei Millionen big leggy-Pillenbibis mit Haysi-Kostümen und Haysi-Beinen um die Palme des Sieges streiten! Millionen quietschender Kinder mit langen, dünnen Beinen und genialen Lumpen-Chic-Ideen, die sich auf diese supervergängliche Sekundenmode stürzen und wissen: nur jetzt, in dieser Hundertstelsekunde der Kulturgeschichte, in dieser flimmernden, hypervergänglichen Künstlichkeit, erfasse ich den historischen Moment, artikuliere ich, mache ich sichtbar.

    Da draußen also ein Festival der Evidenz. Hier nur dröge verstreichende Stunden und ein Abendhimmel, der sich dräuend über uns senkt. Was lag näher, als sich ins Auto zu setzen und mithilfe eines Falk-Plans und einer Taschenlampe in die dröge Vorstadt durchzuschlagen.

    Wir fuhren also durch Eimsbüttel, Eimsbüttel-Nord, Stellingen, Rellingen, Krukendorf, Barmstedt, Ebenhöh, Billerkamp, Reddingstedt, kriechen kilometerfressend nach Norden und passen uns der ortsüblichen Höchstgeschwindigkeit von 12 Stundenkilometer an. Gleichmäßig nieselt der historische, immergleiche, schon die von Karl dem Großen gegründete Hammaburg belästigende, von Bischof Ansgar, Barthold Hinrich Brockes, Georg Philipp Telemann, Gotthold Ephraim Lessing, Klopstock, Matthias und Herrmann Claudius, Brahms, Arno und Helmut Schmidt beklagte Nieselregen auf die großflächige Windschutzscheibe. Die kühnen Scheibenwischer des 79er Peugeot (aus dem lichtdurchfluteten Frankreich) tun zwar ihr Bestes, um diese deprimierende, nivellierende Geißel des Nordens zurückzudrängen, mit kühnen Streichen wegzuwischen wie Napoleon die Kalmücken vor Nowosibirsk, aber der Nieselregen wird von Kilometerstein zu Kilometerstein dichter und hartnäckiger. Alles verliert nach und nach seine Farbpigmente, erschrocken sehe ich im Rückspiegel, wie meine Haare ausbleichen. Mein Begleiter sieht aus wie Opi. Opi aus Essen.

    Schließlich biegen wir in eine Straße, die Dödelwisch oder Kuhlenkamp oder Bockfleet oder Plattdüüdsch heißt, ein. Ein kastenförmiger Kasten dient hier den Einwohnern als Discothek. Der Peugeot aus dem Jahre 79 (aus dem sonnendurchfluteten Frankreich) kommt in einer Parklücke zum Stehen. Griesgrämige Kaimane stehen um das lichte, gleißende Auto herum. Mißtrauisch beäugen sie die Fremden, die in ihre Gegend gekommen sind. Einer versperrt mir mit verschränkten Armen den Durchgang. Ich drücke ihm eine Apfelsine in die Hand, und alles ist in Ordnung. Hier, wo nie die Sonne scheint, wirkt sowas Wunder. „Du brauchst Vitamine, Junge!“ Er versteht. Grinst. Ich darf passieren.

    Der Zugang zum kastenförmigen Kasten ist breit. Zehn bis fünfzehn Türsteher regeln den Einlaß. Gleich neben dem Eingang hat man in einer schrulligen Laune eine neonbeleuchtete Imbißbude eingerichtet, die neben dem gefährlichen, grottenartigen Discodunkel wie eine Fata Morgana und sehr einladend wirkt.

    Wir nehmen einen Kaffee, den es nur in der neonbeleuchteten Imbißbude gibt. Im Grottendunkel führen sie nur schwere Narkotika. Am Nebentisch stehen zwei Dorfmädchen, nein, keine Nordhamburger Vorstadt-Drögmädchen, sondern Dorfmädchen. Original-Import aus den Fünfzigern. Sie unterhalten sich emsig und eifrig und ernsthaft über die Frage, ob „Shiny, Shiny“, die neue Single von Haysi Fantayzee, dem gleichen „Musikstil“ zuzuordnen sei wie „John Wayne Is Big Leggy“, die letzte, sehr erfolgreiche Single von Haysi Fantayzee. Ihre einzige Informationsquelle, ja die einzige Art von Text, zu der sie Zugang haben, ist die Hitparade im Radio. Fernsehen haben die Eltern nicht („So’n Ding kommt mir nich ins Haus, allein schon wegen der Kinder“), die Bravo ist von der nordelbischen Landeskirche offensichtlich nicht zum Verkauf an Gemeindemitglieder unter 18 Jahren zugelassen worden. Also blasen die beiden Mädchen die Hitparade ebenso mit Fantasmen, Einbildungen, Mikroauslegungen und Legendenbildungen auf, wie früher die Völker, die nur ein Buch kannten, die Heilige Schrift aufgeblasen haben. Enzensberger hat neulich geschrieben, daß der heutige Durchschnittsmensch an so vielen Vorgängen partizipiere, so viele Informationen aufnehme, daß er sich durchaus mit den Gelehrten vergangener Zeiten messen könne, die in wenigen begrenzten Gebieten beschlagen waren. Diese Mädchen ähneln eher dem klassischen Gelehrten, sind nicht dem Zeichengewitter unserer Tage ausgesetzt, sondern brüten ebenso beharrlich über dieser einen faszinierenden Liste wie Thomas von Aquin seinerzeit über der Heiligen Schrift.

    Übrigens gaben die beiden – sie hießen Meta und Käte, zwei heutzutage nur noch in Schleswig-Holstein und auch da nur in wenigen infrastrukturell unterentwickelten Gebieten gebräuchliche Namen – der neues Haysi-Fantayzee-Single keine großen Chancen. Nicht zu Unrecht, wie ich meine. Die unlängst erschienene Haysi-Fantayzee-LP hat außer einem attraktiven Titel („Battle Hymns For Children Singing“), einem Super-Hit („John Wayne Is Big Leggy“) mit dummem Text (über John Wayne macht man keine Witze!) und einem Super-Booklet (sechzehn Seiten Fotos von den tollen Kleidern, Körpern und Gesichtern von Haysi und Fantayzee) nicht viel zu bieten.

    Innen in der Disco-Grotte senkte sich die große Enttäuschung wie ein pulverdampfgeschwängerter Abendhimmel über unsere Gemüter und verfinsterte sie. Keine Dorfmädchen und keine Big-Leggy-Girls, sondern Nordhamburger Flegel: brutal, unsensibel und geschichtslos. Der ewige Nordhamburger Flegel, eine Kulturgeschichte in zwei Bänden – Band I: Geschichtlicher Überblick von Carl dem Großen bis Klaus von Dohnanyi und warum der Nordhamburger Flegel keine Spuren dieser Geschichte erkennen läßt; Band II: Der ewige holsteinische Bauernschädel, und warum sich dieser von der Teilnahmslosigkeit während der Bauernkriege über die stillschweigende Tolerierung der dänischen Okkupation bis hin zur Überbewertung der Diskussion des Rauchverbots in Literaturwissenschaftlichen Seminaren nicht geändert hat.

    Physiognomisch und überhaupt haben sich diese Typen nie geändert. Ihr oberstes Ziel, nie etwas zu verändern und das Leben möglichst hochgradig langweilig und erlebnisarm zu gestalten, blieb unverändert. Seit den Siebzigern bedecken sie ihre Körper mit einer gewissen Karstadt-Mode, aber das verdeckt nicht ihre jahrhundertalte, von keiner Historie getrübte Nieselregenhaftigkeit.

    Keine Haysi Fantayzee weit und breit. Keine Kinder. Nur Männer, brummig und stumpf. Nur Männer, von denen sich einige einen lustigen Hut aufgesetzt haben. Vielleicht meinen sie, es sei Kostümfest. Oder sie können ihren Karnevalshut nicht vom Haysi-Fantayzee-Hut unterscheiden. Das Nachdenken über die Beweggründe dieser Menschen, einen ganz bestimmten Hut aufzusetzen, erinnert mich an Andy Warhol, der sich fragte, was Menschen, die ein Sweat-Shirt mit der Aufschrift „Miami“ schön finden, wohl häßlich finden mögen. Ein Sweat-Shirt mit der Aufschrift „Chicago“?

    Langsam erschienen die ersten Mädchen. Nein, Frauen. Die Frauen der Nieselregenmänner. Mit zusammengekniffenen Beinen und in berechtigter Angst vor diesen Männern sitzen sie an den Rändern. Nein, ich bin ungerecht. Wie immer erwiesen sich diese Frauen als lebendiger, wahrnehmbarer, und historischer als die tausendjährigen Drögis. Dennoch verließ uns langsam der Mut. Dies war bis jetzt nur die Fortsetzung der Drögheit mit anderen Mitteln.

    Schließlich tauchten zwei erste Fantayzee-Girls auf, weitgehend dem Original angenähert, aber nicht quietschend und schrill, sondern ernst und um Genauigkeit bemüht. Weitere Mädchen folgten und verzogen sich in Dreiergruppen auf die Damentoilette. Eine Hamburger Drög-Stimme meldete sich aus dem Glaskasten des DJ: „Souo. Jetz möcht ich euch ehrsmahl die Spielregeln erklärn, nech …“ Man erfuhr, daß eine Jury, die aus einem freien Fotografen, einem Bild-Journalisten und Haysi Fantayzee bestehen werde, nach Kleidung und Tanzen Punkte vergeben werde. Die zwanzig Paare möchten sich doch in einem gesonderten Raum einfinden.

    Wir hatten längst den Sieger gefunden. Da war kein Zweifel möglich. Kurz bevor die echten Haysi Fantayzee ihre fade Playback-Show begannen, entdeckten wir sie am Eingang. Ein Mädchen, das aussah wie Kate (das ist das Mädchen von Haysi Fantayzee), nur, daß ihre Beine noch schlanker und länger waren, ihr Gesicht noch hübscher und intelligenter aussah und ihr Outfit noch virtuoser, und ein Junge, der im gleichen Maße besser war als Jeremiah (das ist der Mann bei Haysi Fantayzee). Ihm fehlte allerdings der Charme des viktorianischen Schwulen, der an Jeremiah so gefällt.

    Daß Haysi Fantayzee genau deswegen auf der Welt sind (damit man sie kopiert und übertrifft), das bewies der Abend hinlänglich.

    Haysi Fantayzee sind eigentlich ein Trio, aber nur zwei, Kate und Jeremiah, zeigen sich. Nachdem der Mann im Glaskasten langatmig allen möglichen Leuten gedankt hatte („… und freuen wir uns ganz besonders, daß auch Drögfred vom Sowieso heute abend hier erschienen ist, das ist ganz riesig, der berühmte Drögfred, den ihr alle von seiner Sowieso-Sendung kennt …“) kamen die beiden sichtbaren Teile des Trios auf die Bühne, jackelten und juckelten zu ihren zweieinhalb Hits, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Die Hits kamen vollständig vom Tape, als Übergänge hatte man kurze Scratch-Geräusche zwischen die Stücke geschaltet und sogar die mimten Kate und Jeremiah vorm Mikro. Es war als Darbietung ebenso öde und provinziell und butterfahrtenhaft, wie der ganze Nachmittag zu werden drohte, wäre nicht dieses wunderbare Paar aufgetaucht.

    Nach der Haysi-Kurzshow sollte der Wettbewerb beginnen. Allein, es waren nur drei statt zwanzig Paare zugegen. Angeblich hätten die anderen, laut Glaskasten-Stimme, die Hosen voll. Eine seltsame Veranstaltung, nicht einer Top-Five-Gruppe würdig. Die Paare waren: Zwei alte Leute im Faschingskostüm. Frohsinn im Blut, „Alles nicht so verbissen sehen“-Mentalität im Herzen und vermutlich CDU auf dem Wahlzettel, zwei jüngere Leute, die ganz gut aussahen und auch ganz schön ähnlich, und unser Super-Siegerpaar, dem sie das Wasser dennoch nicht reichen konnten. Nach zehn Minuten Tanzen war der Wettbewerb vorbei, und die Jury zog sich zur Beratung zurück.

    Wir gingen, um uns zu ersparen, daß vielleicht der Bild-Mensch aus lauter Bild-Mensch-Haftigkeit mit dem „Alles nicht so verbissen sehen“-Paar sympathisieren und seinen Einfluß geltend machen könnte, um nicht unser, sondern dieses Paar zum Sieger zu wählen.

    In Bonn regierte derweil Helmut Kohl, aber der HSV konnte die Tabellenspitze halten.