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  • Bush Tetras / Blurt

    Die Bush Tetras spielten im Februar 1981 vor einem begeisterten Publikum im Hamburger Künstlerhaus, auch wenn damals auf dem Plakat auf die Vergangenheit der Gitarristin Pat Place hingewiesen werden mußte, damit überhaupt jemand kam: „Ex-Contortions“ hieß es in unübersehbar großen Buchstaben.

    Die Musik der Bush Tetras wird in der Tat stark von Pat Places eigenwilligen Gitarren- und Slide-Gitarren-Spiel geprägt, das auch die mittlere Phase von James Whites Contortions stark bestimmte. Hinzu kommt bei den New Yorkern aus Überzeugung der brüchige, kaputte Gesang von Cynthia Sley, der präzise, oft funkige Bass von Laura Kennedy und das kraftvolle Schlagzeug von Deep Pop, dem einzigen männlichen Mitglied. Das Konzept einer stark rhythmischen, wenig melodischen Musik, voller wehmütiger Slide-Seufzer und ohne einen direkten Pop-Appeal ging auf den beiden Singles und der einen Maxi-Single der Tetras nie so auf wie bei Live-Gigs. Ohne die Präsenz der vier markanten Individuen klingen die Buschtrommeln des Großstadtdschungels zu richtungslos und nicht so intensiv und spannend, wie zweihundert Connaisseure das im Künstlerhaus erleben durften. Wer das Video zu der Neuaufnahme des Tetras-Hit „Too Many Creeps“ gesehen hat, wird allerdings nicht daran zweifeln, daß es den vieren demnächst auch gelingen wird, ihre „Rhythm’n’Paranoia“-Musik in konservierter Form zu organisieren. Wie der Satz „I don’t go out in the streets no more / there are too many creeps“ durch Außenaufnahmen in New York mit den Tetras und ausgesuchten Creeps, in deren Gesichter die Kamera hineinzoomt, dargestellt wird, ist schon sehr beeindruckend.

    Blurt, die andere Band des Abends, die wie die Tetras, und demnächst auch Lydia Lunch, auf dem neuen Berliner Label People’s Records erscheinen wird, ist ebenfalls eine Live-Band, aber in erster Linie die eines einzelnen Mannes: Ted Milton. Der Sänger und Saxofonist improvisiert zu den harten, treibenden Figuren von Gitarre und Schlagzeug (dort sitzt Teds Bruder Jake). Die Abwesenheit eines Basses und Teds kreischendes, lärmendes, zuweilen auch sehr bluesiges Saxophon geben dem Blurt-Sound etwas angenehm Hysterisches. Erinnerungen an Captain Beefheart kommen nicht nur durch den Gesangsstil, sondern auch durch Teds seltsam wuchernde Texte zustande, die er mit viel Leidenschaft ins Publikum brüllt. Songtitel wie „My Mother Was A Friend Of An Enemy Of The People“ können in etwa eine Vorstellung von Ted Miltons sprachlicher Welt geben. Nach zwei Singles, einer Live in Berlin-LP und einem eine LP-Seite langen Beitrag zu dem Doppelalbum A Factory Quartet, könnte man allerdings auf die Idee kommen, dem Blurt-Konzept, einen Mann sich austoben zu lassen, während die anderen nur Unterstützer-Funktion haben, könnte bald die Luft ausgehen. Die Studio-LP, die demnächst bei People’s Records herauskommt, wird darüber Auskunft geben. Live sind Blurt jedenfalls ein Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

  • Alan Vega

    Alan Vega war die singende Hälfte des Duos Suicide, das seit 1971 die Musik der allerneusten Zeit vorwegnahm. Lange vor den Erfolgen von Soft Cell und DAF haben Vega und sein Partner Martin Rev am Synthi mit minimalem Aufwand maximale Erfolge erzielt und, unverstanden von den veraltetem Rock’n’Roll zujubelnden Amis, auf zwei LPs die Vorbilder für die so erfolgreiche Bewegung des Synthi-Pop abgegeben. Nachdem auch die zweite wunderschöne Suicide-LP kommerziell versagte und die Gruppe auf Tourneen weiterhin ausgebuht wurde (in Hamburg konnte man sie als Vorgruppe von Elvis Costello im AudiMax erleben, das muß so um 1978 gewesen sein), wollte keine Plattenfirma der Welt die beiden weiter unter Vertrag halten. Alan Vega zog die Konsequenzen. Aus der Erkenntnis heraus, daß die minimalistische Musik schon bei den berühmten Sun Sessions von Elvis Presley entstanden sei, widmete er sich einer Wiederaufnahme der Rockabilly-Tradition, veredelt von seinen urbanen Speed-Visionen. Zusammen mit seinem Partner Phil Hawk an der Gitarre und einer Rhythmusmaschine spielte er eine überragende, überschäumende Platte ein, die trotz geringer Produktionskosten wieder ein Flop zu werden drohte, bis etwas Unerwartetes geschah: Die Single-Auskopplung „Jukebox Baby“ wurde zum Hit in europäischen Discos und schaffte ausgerechnet in Frankreich auch überragende Verkaufserfolge. Vega, dessen amerikanische Firma von den französischen Erfolgen nicht viel hatte, unterschrieb daraufhin bei dem französischen Vertriebslabel Celluloid, das derzeit mit Gruppen wie Material und einem vielfältigen Programm neuer Musiken von sich reden macht. Für eine zweite LP war dann sogar das Geld für eine kostspieligere Produktion mit Band vorhanden. Vega spielte in Clubs rund um New York mit jungen unbekannten Musikern und entwickelte mit ihnen eine stilistische Weiterführung seiner ersten Solo-LP. Noch wesentlich gehetzter, speediger und nervöser hechelt er sich durch die zerstörten Mythen amerikanischer Rock-Rebellion, bis er in einem vierzehnminütigen Gruft-Gesang mit Dröhn-Musik von seinen Erfahrungen im Vietnam-Krieg erzählt: „Viet Vet“. Wie immer bei Vega oder Suicide tragen auch hier die ungünstigen Produktionsbedingungen mit zum Charme der Musik bei. Die wenig erfahrene Band, die außer den erwähnten Club-Auftritten kaum Erfahrungen besaß, wird von Vega in ihrer Kurzatmigkeit ebenso genial als Stilmittel benutzt wie das Fehlen einer Band bei seiner vorangegangenen Platte. Inzwischen hört man aber von drüben, trotz der üblichen Buh-Orgien, die die Band als Vorprogramm der Pretenders in amerikanischen Football-Stadien über sich ergehen lassen mußte, daß Alan Vegas Rockabilly-Ensemble sehr gut beieinander sei, was verspricht, daß wir beim Hamburger Live-Auftritt wieder mit einer neuen Phase von Vegas Entwicklung konfrontiert werden dürften.

  • Spandau Ballet

    Als vor eineinhalb Jahren die erste Maxi-Single von Spandau Ballet in dem charakteristischen griechisch-römischen Cover-Stil verpackt erschien, waren sich die Medien ihrer einmütigen Ablehnung seltsam sicher. Die Band, die sich gern in aufwendigen Kostümen, mit Tüchern behangen und mit extravaganten Frisuren präsentierte, war für die besserwisserische, von Soziologismen verseuchte Kritik, vor allem in Deutschland, ein Bestandteil eines neuen, für berufsmäßige Interpretierer unverständlichen Phänomens, das man „New Romantics“ nannte. Gruppen wie Spandau Ballet, Ultravox, Duran Duran, Depeche Mode, Classix Nouveaux, Soft Cell, Visage (von denen genau dreieinhalb gut sind und dreieinhalb schlecht) wurden von dieser Kritik in die Ecke eines apolitischen Eskapismus gedrängt. Man verkleide sich, um der Härte des Alltags (die berühmten Arbeitslosenziffern) zu entfliehen, statt sich, wie es die Väter schließlich getan hätten, zu Protestmärschen aufzumachen.

    Welche Bedeutung Verkleidung, Stil und Mode gerade im strategischen Sinne für Jugendkultur hat, daß es gerade darum geht, längst vereinnahmten Protest-Strategien zu entgehen, und daß es eben auch darum geht, für eine liberal-soziologische Interpretation unverständlich zu bleiben, wurde verschwiegen. Höhepunkt der New-Romantic-Verteufelung war die Assoziation eines NDR-Moderators, der in der besagten Maxi-Single „To Cut A Long Story Short“ mit ihren Sequenzer-Rhythmen die menschenfeindliche Mechanik von Hinrichtungsmaschinen heraushörte und die verbreitete Meinung, der Name Spandau Ballet sei aus Sympathien für Rudolf Hess gewählt worden. Gary Kemp, der Kopf der Gruppe, konnte zunächst nicht oft genug von seiner sozialistischen Haltung reden, seine Philosophie des Ausgehens, des englischen Souls und seiner Anhänger erklären. Er wurde nicht wahrgenommen. Das lag vielleicht auch daran, daß Spandau Ballet nicht auf Anhieb zu gefallen wußte. Die erste LP hatte diverse Längen, das Instrumentarium war relativ öde, die Arrangements nur in Ansätzen interessant. Erst im letzten Sommer gelang Kemp & Co. mit „Chant No. 1“ eine absolut überzeugende Realisierung ihrer Ideen. Die mit Unterstützung der Bläsertruppe Beggar & Co eingespielte Hymne an das Nachtleben in Soho gehörte definitiv zu den fünf Songs des Jahres. Dem folgte eine LP mit fünf Titeln vergleichbarer Qualität, die alle ebenfalls als Maxis in besserer Abmischung zu haben sind, und drei überflüssige Verirrungen in vermeintliches Neuland (Anklänge an Music For Zen Meditation und andere Resultate von Gary Kemps etwas zu intensiver Hermann-Hesse-Lektüre). Doch zu Spandaus Soul-Boy-Ideologie gehört es, auf die Maxi-Singles – als wesentliches Medium der üblichen luxuriös-aufwendigen Abmischung – ebensoviel Gewicht zu legen wie auf die ursprüngliche Komposition. Daher sind die hervorragenden letzten fünf Maxis für die Absichten der Gruppe entscheidender als die zweite LP.

    Sehen konnte man Spandau Ballet bislang nur auf Video, wofür gemäß der New-Romantic-Haltung sehr viel Mühe und Liebe aufgewendet wurde. Vor wenigen Wochen gab es in England die ersten Bühnen-Auftritte des fünfköpfigen Ensembles, und der leidenschaftliche Crooner Tony Hadley soll mit seinem Gesang die Massen verzaubert haben.

  • Alan Vega

    Rock’n’Roll, R&B, Blues – Während Depeche Mode mit ihrer Beach-Boys-mäßigen „See You“-Single für den musikalischen Höhepunkt der kindlichen Synthie-Pop-Welle sorgten (nach dem grandiosen „Don’t You Want Me?“, versteht sich), erlebt die alte Musik ihre besten Tage. Meine Lieblingsplatten sind zur Zeit: Tav Falco’s Panther Burns, The Gun Club, The Fleshtones und Alan Vegas zwei Solo-LPs.

    Intro

    Alte Musik? Rock-Musik ist steintot, und was wir heute von Tav Falco, Gun Club oder Alan Vega zu hören bekommen, ist keine alte Musik. Dieses elende und aufregende Jahrhundert laboriert nun schon gute achtzig Jahre an dieser Avantgarde-Idee herum, die einen immer weiteren „Fortschritt“ mittels „Grenzen überschreiten“, „Gewohnheiten brechen“, „neue Formen finden“ wünscht, postuliert oder erträumt. Da wird immer noch das freie, selbstverantwortliche Individuum gehätschelt, das sich möglichst grenzenlos und genialisch austobt. Diese progressive Paralyse des Avantgardismus führte schließlich zur Selbstaufhebung der Künste. In der Konzept-Art zählte nur noch das unsichtbare Konzept, nicht die Realisierung, Beckett schrieb das Drama „Atem“, das nur einen im abgedunkelten Bühnenraum Atmenden vorführt, und John Cage schrieb „4’33“ für schweigendes Piano (bezeichnend, daß die Pop-Variante dieser Idee ganz explizit „Two Minutes Silence“ hieß auf der John-Lennon/Yoko-Ono-LP Unfinished Music No. 2, Komponisten des Schweigens sind laut Credit Lennon/Ono). Pop-Musik hatte mit diesem Dilemma nie viel zu tun, nur ein paar verirrte Geister meinen, daß die Beatles unsere Miniatur-Schönbergs seien oder huldigen dem trägen Götzen Zeitlosigkeit. Pop entwickelt sich nicht nach vorne. Es geht nicht voran. Es geht zur Seite, daneben. Stilblöcke, Spielweisen stehen allen zur Verfügung. Du stürzt dich mit allem Enthusiasmus auf sie, du landest neben deinen Vorbildern, und diese Differenz erzählt von der Wahrheit, Aktualität und Tiefe deiner Musik. Diese Differenz ist Stil, ist der neue Stil neben dem Vorbild-Stil. Im Vergleich mit Vega und den anderen Genannten ist Dave Edmunds wirklich nur stumpf. Und Velvet Underground war neben Beatnik-Big-City R&B und Mittagspause war neben Beat, und Fall neben Velvet und John Lee Hooker, und Klassenfeind neben den Cramps und Vanilla Fudge, die ihrerseits …

    Kunst

    Alan Vega ist tough. Er stammt aus den härteren Bereichen Brooklyns, schaffte irgendwann den Sprung nach Manhattan und ein leidliches Überleben in der Kunst-Parasiten-Szene. Er sah Zeiten der Obdachlosigkeit, der erzwungenen Kriminalität, und er redet den mit tausend „man’s“ und anderen Kürzeln durchsetzten New Yorker tough kid slang. Er kommt nach Manhattan und wird Künstler. Er bastelt seit den frühen Siebzigern Neon-Skulpturen. „Ich mache Kruzifixe“, sagt er. Die Materialien klaut er oder findet sie auf Baustellen.

    Suicide

    Ebenfalls Anfang der Siebziger lernt Alan den Musiker Martin Rev kennen. Der Rest ist Legende. Suicide wird gegründet: Das erste DAF-Soft-Cell-Ein-Sänger/Ein-Synthie-Duo der Geschichte. Ein Jahrzehnt des Kampfes gegen amerikanischen Rock’n’Roll beginnt. Keine Auftritte für Suicide. Ein paar Künstlertreffs haben vielleicht ein Herz, aber bis 77 läuft fast nichts. Dann die erste LP bei Marty Thaus Red-Star-Label. Jenes unsterbliche (ja das ist zeitlos, was superaktuell war!) Meisterwerk, die Verschmelzung aus herzerweichender Romantik, ungefilterter Toughness und Drogenwahnsinn mit den strengen Ideen des Synthi-Minimalismus. Die Plattenindustrie verschafft Suicide Auftritte, und die nehmen alles, was sie kriegen können. Die Desaster, die ihnen als Vorgruppe von den Clash, Elvis Costello und den Cars zustoßen, sind schon Bestandteil der Suicide-Legende. Blutige Nächte in Europa, Bierflaschenhagel in den USA: „Man hat uns einfach nicht verstanden. Wir waren unserer Zeit voraus.“

    Hits

    „Suicide hat ein zerstörerisches Image. Wir galten als aggressiv, schräg und unverkäuflich. Bei unserer zweiten LP hatten wir versucht, durch Namensänderung das Image abzubauen. Wir nannten uns Vega/Rev statt Suicide. Ric Ocasek von den Cars hatte unseren Sound ziemlich geglättet, aber es hat nichts genützt.“ Meinst du nicht, daß in der Zukunft eins der romantischen Suicide-Lieder nochmal ein Hit werden könnte? (Ich denke etwa an die göttlich-liebeskranke Maxi-Single „Dream, Baby, Dream“ oder an „Sweetheart“ von der zweiten LP). „Höchstens im Jahre 2023. Suicide-Songs werden nie Hits, das habe ich gelernt. Ich dachte zunächst auch, wir hätten Hit-Potential. Ich würde sogar sagen, wir haben eine Menge Hits geschrieben, aber es gibt da etwas, was uns daran hindert, in die Charts zu kommen.“

    Soft Cell

    „Ich bin übrigens froh, daß du mir nicht auch die Frage stellst, die mir hier in Europa noch jeder Interviewer gestellt hat. Ob ich nicht sauer sei, daß Soft Cell mit unserer Musik Erfolg hätte. Ob ich nicht sauer sei, daß sie bei uns geklaut hätten usw. Ich habe Richard Grabel vom NME erzählt, daß ich sie blöd fände, und dann waren sie in New York und kamen bei mir angeschissen: ‚Wäh, wäh, warum sagst du sowas Gemeines über uns. Wir haben immer so viel Gutes über Suicide gesagt, und du ziehst so über uns her, wäh, wäh!‘, – absolut lächerlich. Ich habe gar nichts dagegen, wenn man klaut. Wir haben auch geklaut, bei Velvet Underground und was weiß ich wo. Aber wir hatten eben auch das richtige Gefühl dafür. Wenn Martin ein Riff aus drei Tönen spielt, klingt es absolut anders, als wenn jemand anders dasselbe Riff spielen würde. Das ist das Problem mit Soft Cell. Sie sind nicht gut. Andererseits … so schlimm sind sie auch nicht, und ich habe keine Lust, immer gegen sie zu hetzen.“

    Solo

    „Suicides Vertrag bei ZE war ausgelaufen. Aber ich hatte noch einen kleinen Zeh in der Tür. Den nutzte ich für meine erste Solo-LP, ein superbilliges Produkt. Es war gar nicht so sehr meine Absicht, Rock’n’Roll zu machen. Ich machte die minimalistischen Sachen weiter, die ich auch bei Suicide gemacht hätte, nur daß Martin diesen Stil langsam satt hatte. Phil Hawk war der richtige Mann, mich zu begleiten“.

    Drogen

    Die zweite Seite der göttlichen Alan-Vega-Solo-LP beginnt mit dem Song „Speedway“: „Speedway / oh speedway / gasoline / oh cocaine“ Alan knüllt eine Dollar-Note: „Die meisten Musiker haben kein Arbeits-Ethos, keine Disziplin. Mir ging es sehr schlecht, und ich habe sehr viel durchgemacht, aber ich wußte immer, wer ich bin und was ich zu tun habe. Ich bin ein Künstler und habe daran zu arbeiten. Du darfst nicht in Begriffen wie Karriere denken, du mußt wissen, was du zu tun hast. Deswegen gehen so viele Musiker zu Grunde. Sie verlieren den Boden unter den Füßen. Kommen mit den Drogen nicht zurecht. Sie wissen nicht mehr selber, was ihre Stärke ist, sondern müssen es sich von anderen sagen lassen.“ Später: „Wir waren diese ganze Suicide-Tour, die ganzen dreißig Tage über auf Trip. Es war irrsinnig. Mann, das waren Zeiten!“

    Kollisionskurs

    „Minimalismus ist nichts Neues. Und schon gar nicht das Eigentum der Kunstszene. Hör dir die Sun Sessions mit Elvis an! Das ist Minimalismus. Das entspricht vollkommen der Idee, die ich davon habe. Man läßt das Unwesentliche weg und konzentriert sich auf das Wichtige.“ Alan Vegas zweite Solo-LP ist von einer anderen Schönheit als die erste und sämtliche Suicide-Werke. Die weiträumigen, stimmlichen Ausschweifungen, die großen Gefühle, großen Gesten, die bizarr schillernden, drogengetränkten Flächen weichen der konzentrierten, realistischen Hetze eines modernen 50er-Rock’n’Roll. „Die Rock’n’Roll-Idee nahm Formen an, als ich eine Band zusammen hatte. Natürlich war die erste Platte von mir wieder ein Flop. Dann kam die große Überraschung. Ausgerechnet in Frankreich war ‚Jukebox Baby‘ ein großer Hit geworden. Die dortige ZE-Vertriebsfirma Celluloid nahm mich direkt unter Vertrag und ermöglichte mir die Aufnahmen von Collision Drive. Ein lustiges Völkchen ist das bei Celluloid. Da gibt’s zum Beispiel diesen Jacno. Ein toller Hit-Komponist, aber noch sehr jung. Er ist der typische, genießerische französische Lebemann. Er nimmt, was er kriegen kann. Eines Tages saß ich mit ihm und seiner Freundin Elli Medeiros, eine tolle Sängerin, in einem Café. Da kommt ein Mädchen und will ein Autogramm von ihm. Und was tut er? Er zieht eine riesige Luger und hält sie ihr an die Nase. Mir blieb der Atem stehen. Von ihm hätte ich das am wenigsten erwartet.“

    New York

    Vegas Musik handelt in Varianten vom Ausbruch, von der individuellen Reise. Die amerikanische Rock-Mythologie zapft er um „Outlaws“, „Ghost Rider“, „Jukeboxes“, „Speedways“ und „Cowboys“ an. Vegas New-York-Rockabilly klatscht aber wie ein Flummi an die Häuserfronten, die dem „Motorcycle Hero“ die freie Sicht versperren. Vegas Reisen und Jagden, Kämpfe und „Rock’n’Roll rebels in a lonely town“ sind unwirkliche, schattenhafte Ereignisse, auf Hinterhöfe projizierte Fantasien, das pochende Delirium amerikanischer Identitätssuche. Der Moment des Todes, da sich noch einmal die Lebensgeschichte vor dem sterbenden Auge abspielt, ist für die US-Kultur eingetreten.

    Und gleichzeitig gibt dieser Sterbensmoment Kraft. Wenn mit dem Tod der US-Kultur all ihre Wesen noch einmal aufleben, dann verwandeln sie sich plötzlich in Waffen, in todsichere Formen, hinter denen man sich verbergen und überleben kann: „Rebel Rocker“.

    „New York und die ganze Musik-Szene scheinen mir total am Ende zu sein. Ich sehe eigentlich niemanden, der es jetzt schaffen kann, etwas Wichtiges zu leisten. Wenn einer gut ist, dann ist es James White. Er muß nur endlich von der Droge herunterkommen und er muß mit diesem albernen Funk aufhören. Aber er weiß, was er will. Er ist hart gegen sich selbst und ein besessener Arbeiter. Er kann es schaffen. Aber es ist wie mit meinem besten Freund, Johnny Thunders, er muß sich endlich vom Heroin trennen. Sonst schafft er nichts mehr.“ dB’s? Raybeats? Fleshtones? „Die Fleshtones waren ja eigentlich meine Entdeckung. Ich habe sie am Anfang sehr gefördert. Es ist seltsam. Damals waren sie sehr gut. Heute ist es so, daß sie Tage haben, an denen sie noch absolut brillant sind und andere, wo du einschläfst. Aber selbst, wenn ich sie für ’ne große Gruppe halten würde: Werden die Fleshtones je die Welt verändern?“

    Politik

    Wird Musik überhaupt je die Welt verändern?

    „Früher zumindest gab es so ein Phänomen, daß Musik Wirkung auf politische Bewegungen hatte. Heute ist das ein für alle Mal vorbei. Musik wird diese Aufgabe nie wieder übernehmen können. Etwas völlig Neues wird kommen. Ich weiß nicht was. Vielleicht gibt es ja endlich wieder gute Schreiber, das wäre ja mal an der Zeit. Aber eigentlich glaube ich, daß wir sehr bald mit völlig neuen Künsten konfrontiert werden. Ich sage dir auch, wie unser neuer Präsident heißen wird: John Glenn. John Glenn war der erste Amerikaner im All. Er ist vor kurzem Gouverneur von Ohio geworden, und die Ergebnisse von Ohio haben immer eine gewisse repräsentative Bedeutung. Glenn ist der erste Demokrat, der da seit langem gewählt wurde. Und er ist ein linker Demokrat. Obwohl man eigentlich nicht links sagen kann, denn er hat eigentlich einen völlig neuen Blick auf die Dinge. Eben von oben (ha!ha!).“

    Viet Vet

    „Viet Vet“, 12:45 (Alan Vega)

    „Ja, ich war in Vietnam. Trotzdem handelt das Stück nicht von mir. Bin ich verstümmelt?“

    „Von allen Vietnam-Filmen kommt Deer Hunter der Sache noch am nächsten. Kein Vietnam-Film ist gut, aber De Niro bringt etwas von unserem Lebensgefühl ’rüber. Apocalypse Now ist dagegen der größte Haufen Scheiße, den es überhaupt gibt. Ich hasse diesen Kerl, diesen wie-heißt-er-noch? … ah ja, Coppola. Ein ekelhafter Kerl, voller Scheiße. Und dann hat er sich noch alle Ideen von den Doors geholt. Der Film ist ‚The End‘ von den Doors. Alles, was er darüber hinaus ist, ist Scheiße.“

    Iggy Pop

    Vegas vehementes Benehmen, seine direkten Äußerungen, seine gedrechselten Slang-Metaphern – das erinnert alles an Iggy Pop. Sein Bühnenauftreten als todesmutiger Märtyrer, totaler Schauspieler wird schon seit Unzeiten mit Iggy verglichen: „Klar, Iggy war der zweite große Einfluß, und ich habe bei ihm reichlich geklaut. Er ist der beste Entertainer. Aber dann, so ab 71, passierte ihm das, was ich vorhin beschrieb. Er verlor sich, die Kontrolle, er verlor den Kontakt zur Erde. Heute spinnt er. Ich meine, er bleibt ein großer Sänger, der vielleicht beste, weiße Blues-Sänger, alles, was er singt, klingt irgendwie gut. Aber was er so verbreitet, sein Pro-Reagan-Engagement zum Beispiel, all diese Kopf-Spielereien, das ist einfach lächerlich. Er spielt irgendwie ’rum und hat die Ergebnisse nicht unter Kontrolle. (mit singender Stimme) Zu viielee Drohgehn!“

    Zukunft

    „Wir waren jetzt mit den Pretenders auf Tour. Wir sind noch mehr ausgebuht worden als zu Suicide-Zeiten. Trotzdem war es gut. Irgendwo in diesen Stadien sind immer ein paar Kids, die uns mögen, die gern was Neues kennenlernen. Im Mai kommt die Europa-Tour, unter anderem bei euch. Ob es ein neues Suicide-Album geben wird, weiß ich nicht. Wenn einer uns ein Angebot macht …“

    Wir schrieben mal in unserem Blatt, es solle den Arbeitstitel Trance tragen.

    Trance? Nie gehört. Ist aber ein guter Titel. Werden wir verwenden.“

    Discographie

    Suicide (Red Star/Ariola), vergriffen / Alan Vega / Martin Rev – Suicide (Island/Ariola) / Suicide (Red Star, Compilation aus der ersten LP und auf dem Live At Max’s Kansas City veröffentlichten Aufnahmen) / Suicide – Half Alive (Reach Out International-Cassette mit frühen und Live-Aufnahmen. Vega: „Ich mag nur eine Seite: nämlich die, die alle nicht mögen. Die, die alle mögen, hasse ich.“) / Alan Vega & Fleshtones – Rocket U.S.A., auf Blast Off!, noch ’ne ROIR-Cassette / Alan Vega (Ze/Celluloid/Ariola) / Alan Vega – Collision Drive (Celluloid/Ariola)