Autor: admin

  • Uli Edel: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

    Heute flattert der Spiegel auf den Tisch und verleiht via Titelgeschichte Christiane F. den Titel „Mythos“ und ergeht sich dann seitenweise in Mutmaßungen über Gründe und Gefahren der Faszination von Buch und Film und versteigt sich schließlich bis hin zum Freudianisieren, von wegen abwesende Vaterfigur und so.

    Dabei ist die Faszination dieser Story – und viel mehr noch ihres Stils – viel simpler zu erklären: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist das einzige vernünftige Stück Prosa, das zeigt, wie Jungsein in den Siebzigern war. Ein Zeitroman, der jenseits all der Mißverständnisse von Literarizität, die so die Hirne bundesdeutscher Dichter bevölkern, eine Epoche unverwechselbar in ihrer eigenen Sprache festhält. Jungsein in den Siebzigern, vor Punk, also bevor „Rebellion“ (wieder) „gerechtfertigt“ war, bedeutete totales Sinndefizit. Die einzigen Werte, die man als suchender Pubertärer vorfand, waren die von den heruntergewirtschafteten 68ern übriggelassenen: Sozialismus und/mit Drogen.

    Und die Linken hingen 72 schon in skurrilen, lebensfremden Grüppchen, und die Drogen waren damals schon gelinkte, überteuerte Turnpieces oder das gemeinsam angeschaffte Hek am trostlosen Samstag. Attraktive Idole waren wirklich nur Bowie, Bryan Ferry und Lou Reed. Und was hatten die zu sagen? „I don’t know just where I am going“ und „There are problems in these times, but – hoo! – none of them are mine“ und „Wine in the morning and some breakfast at night“ und „There’s a star man waiting in the sky“ und „She’s total blam-blam!“. Jeder dieser Sätze trifft den Nagel auf den Kopf. So blieb das bis 76.

    Das alles steht, wenn auch nicht explizit, im Buch. Daß dann Heroin als eingrenzbares und von vielerlei berufener Seite diskutierbares „Problem“ herausdestilliert wurde, scheint mir eine Abwehrreaktion der Medien zu sein, die gegen den beunruhigenden Erfolg des Buches, dessen eigentliches Ansinnen sie nur erahnen können; ein Versuch, diese Geschichte in einen soziologisierenden Diskurs hinabzuziehen, der ihre Einordnung und Unschädlichmachung erleichtert. Heroin ist eigentlich nur ein Symptom, das durch ein anderes ersetzbar gewesen wäre.

    Dies ist auch ein Fehler des Films, daß er auf Deubel komm raus abschrecken will, ständig gegen den gelegentlich öffentlich geäußerten Verdacht kämpfen muß, jedwede Darstellung von Heroin, auch die scheinbar abschreckende, würde die Droge glorifizieren (stimmt übrigens, man höre sich nur James Browns „King Heroin“ an). Daher müssen die Leiber hier so intensiv im Turkey zittern, konvulsivisch kotzen und die Hauptdarstellerin beim Geldbeschaffen jeden Stolz ablegen. (Übrigens müßte über das Päderastie-Moment bei der intensiven Rezeption von Buch und Film durch alte Männer auch nochmal nachgedacht werden.)

    Macht aber nicht viel. Überraschend ist dennoch, daß das Stück weitestgehend zu gefallen weiß, in forcierter Neo-BRD-Tatort-Realistik gefilmt, die eigentlichen Stärken des Buches einfängt. Viel von trostloser Disco-Muffigkeit, alltäglicher urbaner Verwahrlosung. Ein aufgeweckter junger Mensch entdeckt bei seiner Suche nach Gegenwelt zum unbefriedigenden Elternhaus (und auf diese Suche geht jeder halbwegs normale Jugendliche, nicht nur der Scheidungswaise und soziale Härtefall) einen Menschenschlag (vor allem junge Männer), der nichts anderes will als „cool“ sein, also die eigene Vitalität abtöten will (Wieso ist „H“ kein Sakrament des Buddhismus?). Der einzige Mensch weit und breit, der diesen Zustand sinnvoll umsetzt, ist David Bowie, kein weiter Weg, sich mit ihm zu identifizieren.

    Klugerweise ist Bowies Musik den ganzen Film über präsent und färbt ihn wie die schmuddeligen Mittsiebziger-Disco-Interieurs. Leider kommt es da zu kleinen Unsorgfältigkeiten: Songs von Lodger und Heroes, Platten, die erst erschienen, als das Buch schon ein Bestseller war, dröhnen aus den Discos. Und einmal legt sich die Filmchristiane (die jungen Leute spielen alle ganz fantastisch) ChangesOne auf und es ertönt ein Stück, das gar nicht auf der Platte ist. Trotzdem: ein guter Film. Als nächstes sollte das Buch von Akif Pirinçci (siehe Bücherseiten) verfilmt werden.

  • Red Crayola

    In der Hochzeit von Psychedelia, in den späten Sechzigern, gab es in Texas die vielleicht erfindungsreichste Spielart dieser Musik: Die in wechselnden Besetzungen um Mayo Thompson gruppierte Band Red Crayola. Sie produzierten damals für das legendäre „International Artists“-Label (auf dem auch solche Psychedelic-Klassiker wie The 13th Floor Elevators veröffentlichten) zwei aufsehenerregende, radikale LPs, bevor sich die Gruppe sang- und klanglos auflöste und Bandleader Mayo sich anderen Dingen zuwandte. Während der siebziger Jahre produzierte er eine Solo-LP, die so gut wie nicht zu haben ist, und machte Aufnahmen mit einem Ensemble, das er „Art & Language“ nannte.

    Aufsehenerregend war seine Rückkehr auf die Szene. Von den Energien der britischen Punkbewegung beeindruckt, siedelte er nach England über, und als er sah, daß gerade diese Bewegung die Nachfrage nach seinen alten Arbeiten forcierte, produzierte er eine neue Red-Crayola-Platte mit Mitgliedern der Gruppe Pere Ubu sowie dem Schlagzeuger Jesse Chamberlain. Mayo Thompson wurde dann etwas wie Hausproduzent und spiritus rector des geschmackvollsten und interessantesten unabhängigen Labels „Rough Trade“ und bewies sich an so verschiedenartigen Projekten wie der ersten LP der nordirischen Polit-Punk-Band Stiff Little Fingers und dem Solo-Album des Jazz-Gitarristen James „Blood“ Ulmer. Im Sommer 1980 schloß er sich Pere Ubu als Gitarrist an, steht der Band aber nur halbjährlich zur Verfügung. Die andere Zeit nutzt er für Red Crayola, die seit 1978 mit wechselnden Besetzungen Platten produzierten. Die neueste LP „Kangaroo?“ ist eine ambitionierte, überaus komplizierte und durchdachte Kollektion von nahezu essayistischen Texten zu einer entsprechend anspruchsvollen, aber immens melodischen Musik. Titel wie „A Portrait of V.I. Lenin in the Style of Jackson Pollock“ (Teil Eins und Zwei) sollten nicht abschrecken, sondern eher dazu anregen, sich vor Konzertbeginn mit jener LP zu beschäftigen. Eingespielt wurde sie mit der Elite der „Rough Trade“-Musiker: Allen Ravenstine (Pere Ubu) – Synthi, Gina Birch (Raincoats) – Gitarre, Lora Logic (Essential Logic) – Saxophon, Gesang, Ben Allesley – Baß und Epic Soundtracks (Swell Maps) – Schlagzeug. Außer Ravenstine wird diese Besetzung auch das Hamburger Konzert bestreiten.

  • Gibt es ein Leben nach der Restauration? Oder sind The Cure die Vorboten der Wiedereinführung der 70er?

    Es gibt viele Wege diese Geschichte zu beginnen. Mit der Erinnerung an eine erhitzte Sommernacht in einer eher miesen Kneipe, irgendwann 79, als die mäßige Attraktivität der Drinks und der eher provinzielle Zuschnitt der Computer Games schlagartig unwichtig wurde, ob der Musik, die aus dem Cassettenrecorder kam.

    Aber der Barkeeper sagte, das sei Reggae (er war auch etwas mäßig im Kopf und keiner konnte mir sagen, wer diese glasklare, diszipliniert-böse Musik gemacht hatte. Ich merkte mir Textzeilen: „Don’t try to talk to me / I won’t listen to your lies / You’re just an object in my eyes“. Die exquisiten Melodien mit ihrem Understatement machten es leichter und ich behielt den Satz: „We’re imaginary boys“, was sich später als Three Imaginary Boys entpuppte, Titel der ersten LP von The Cure.

    Oder fangen wir so an: Die zerrüttete Vorkriegs-Subway Flughafen-Innenstadt, die sogenannte „Piccadilly-Line“ ruckelt und zuckelt durch absolut langweilige Londoner Vorstädte (West Hounslow, South Ealing, Acton Town …). Zwei Passagiere des Kurzstreckenfluges Hamburg-London sitzen sich gegenüber und suhlen sich in ihrem Oxford-BBC-Wetterbericht-Englisch (der Einfachheit halber übersetzt): Er: Tja, diese kurzen Flüge, das geht noch ganz gut in unserem Alter. Aber London-Singapur, wissen Sie, meine Liebe, wenn man so viel in Südostasien zu tun hat wie ich, wird das auf die Dauer sehr strapaziös. – Sie: Aber in Bombay waren Sie nicht zufällig? Er: Aber sicher, ich hab’ von 1961 bis 67 dort gelebt. – Sie: Nein, wirklich, dann müßten Sie Clive Percy kennen. – Er: Aber ja, er war doch ein Golfer. Ich hab ein paar Mal gegen ihn gespielt. Wir hatten ein lausiges (lousy) Team, haw, haw, aber wir hatten viel Spaß (Fun) … usw.

    Unglaublich, wie furchtlos und selbstgefällig die beiden ihren Upper-Class-Talk über den relativ breiten Mittelraum zwischen den Sitzbänken der Subway brüllen. Neben ihnen sitzt ein in sich zusammengefallenes, vermutlich Klebe-schnüffelndes, blasses, langhaariges Heavy-Metal-Kind mit Lederjacken-Imitat am schlaffen, ausgemergelten Jugendarbeitslosenleib und hat den ganzen Körper voller Wut auf die beiden selbstzufriedenen Kolonialisten-Ärsche. Aber aus dieser Wut wird nichts. Sie wird im Schlamm des nächsten Reading-Festivals ersaufen, und wenn er etwas älter wird, wird er sie mit schwermütiger Tranquilizer-Rock-Musik befrieden. Womit wir beim Thema wären.

    „Dis Contree is upside down, mohn!“ erklärt mir ein Rasta, den ich im Regents Park treffe. „Mir kam es eigentlich ganz friedlich vor“ – „Das ist es ja; was du Friede nennst, ist in Wirklichkeit Langeweile und das überdeckt die Zustände, die hier herrschen.“

    Im selben Park drei Blitz-Kids auf dem Weg zur Party. Bislang glaubte ich, daß diese Spandau-Ballet-Visage-Modeklons nur eine Erfindung englischer Musikblätter auf der Suche nach einem neuen Feinbild sind, aber es scheint sie wirklich zu geben. Aufgeregt zupfen sie an sich rum, einer präsentiert ein SS-Kostüm mit Original-Hakenkreuz-Armbinde.

    Wir stecken mitten in einer Epoche der Restauration, aber Reagan (im Moment der Niederschrift dieses Artikels liegt er im Krankenhaus und reißt knarzige Witze) und Thatcher haben nicht mal das Niveau eines Fürsten Metternich: Paralysiert und stupide darben ihre Länder im tumben Krisenmanagement und ihre Jugend geht derzeit den blödesten Moden und Leerlaufbeschäftigungen seit der Erfindung des Yo-Yo nach. Und die Musik: 90 % der derzeit aktiven neuen Bands beschäftigen sich mit der Spiegelung des neurotisch-narzißtischen Heranwachsenden-Ego in Text wie Musik. Das Schöne daran ist, daß dieser Egozentrismus meist um völlig neuartige, weil unstabile, ideologisch-konfuse Egos ohne Traditionen und Wertvorstellungen kreist. Solche Direktheit gefiel etwa auch an der ersten Cure-LP. Zorn, Verstockung, Bosheit, Genußsucht, Trauer, Angst, Rebellion – also die Essentials jedweder Rockpoesie – aber ohne das Vorgeformte einer Gut/Böse- oder Image-bezogenen Denkweise. Kein selbstgefällig-bourgeoiser Liedermacher- oder Literaten-Pipifax, sondern direkte Umsetzung echter Not. Also die Cure waren am Anfang neu.

    Wie viele ihrer Kollegen und Geistesverwandten hielten aber auch The Cure die Eigenständigkeit nicht durch, flohen sie in die Soße vager Atmosphärik. Will sagen: Wenn eine narzißtische Musik nicht mehr Ton für Ton rigoros Narzißmus entwickelt, also die Arbeit an sich selbst forciert, unnachahmlich wird, landet sie meist in reaktionären Traditionen. Beiträge zur Bewußtseinsbildung des modernen Menschen leistet nur der Exakte, der sich für seine Epoche exemplarisch-individuell wie historisch-unverwechselbar formuliert. Und The Cure fingen an jenem Punkt an, Camus’ L’Étranger zu vertonen: Ein Stück Literatur, das ich von jeher gehaßt habe. Camus, ohnehin stets überschätzt, Sartres sentimentaler kleiner Bruder, versucht in dieser Novelle eine philosophische Konstruktion, naturgemäß abstrakt, eine Kunstfigur, „den Existentialisten“ par excellence, zur Hauptfigur einer Geschichte zu machen, also für ein Kunstwerk zu nutzen. Ein Unterfangen, das absolut unkünstlerisch ist, da es seine Wahrheiten nicht ästhetisch zu formulieren versucht, sondern sich mit vorher konzipierten Wahrheiten zufrieden gibt und folglich völlig verkrampft wirkt. Um so beliebter ist besagte Novelle bei Deutschunterricht-geschädigten Oberschülern, weil nämlich das „Was will uns der Künstler damit sagen“-Problem von vorneherein gelöst ist: Von Anfang an steht fest, daß der exemplarische Existentialist vorgeführt werden soll, und das kommt am Ende auch heraus. Tautologie. Und dann erst der Film mit dem schwitzenden Mastroianni, der besser einen Torero als einen „von zärtlicher Gleichgültigkeit Umwehten“ spielen sollte. Er wird zum Werbeträger für Deodorant und am schlimmsten ist die Stelle, wo die Gleichgültigkeit so zubläst, daß er den klischeehaft-faschistoiden Richtern, die im Begriff sind, das Todesurteil über ihn zu fällen, aus lauter formelhafter existentialistischer Gleichgültigkeit, die gelangweilte Schwitzfleck-feuchte Schulter zeigt.

    Zurück zu The Cure. Sie vertonten also Der Fremde und nannten es „Killing An Arab“, und der Song war gar nicht mal unflott, aber die Krankheit der Band deutete sich an: zu wenig Selbstdistanz. Was ja eigentlich eine Voraussetzung für wahre Originalität ist, aber andererseits verbaut es den Weg zu der Erkenntnis, was an einem selbst eigentlich gut ist. Man macht eine ehrliche Platte. Aber für die zweite Platte genügt es nicht, weiter nur ehrlich zu sein. Man muß sich überlegen, warum gerade diese besondere Ehrlichkeit gut war. Die Cure sagen, sie wollen weiter Musik über „Stimmungen“ machen und greifen einfach in das riesige Füllhorn voller Innerlichkeits- und Kitschtraditionen, die uns das abendländische Kulturerbe hinterlassen hat.

    „Diese andauernde Kriselei / öffnet dich für Kultur“, singen die Schönsten (Ruff und Weiß von den Geisterfahrern) und haben damit recht. Als ich die Cure in dem Büro ihrer Plattenfirma treffe, sind sie am Sichten ihrer Post, und da schreibt ihnen ein deutscher Fan, daß ihn „A Forest“ vom zweiten (eben wesentlich schwächeren) Cure-Album 17 Seconds an Heinrich Heine erinnere.

    The Cure haben ein neues Album gemacht, und die Welt ist noch etwas schlechter geworden. Warum macht ihr eigentlich nur Musik über Depressionen, depressive Zustände, Nächte, Einsamkeit etc.? Robert Smith, Gitarrist, Sänger und Chefideologe: „Es gibt nicht allzuviel Gründe, froh zu sein. Wenn ich glücklich bin, genieße ich den Augenblick und mache keine Songs darüber.“ – Ein Song ist ja auch mehr als nur eine Mitteilung über den Gefühlszustand von Robert Smith, es geht mir eher um die Auswahl der Themen und Topoi, etwa der Baum auf dem Cover à la ECM. Warum ist z. B. 17 Seconds so unendlich viel langsamer als Three Imaginary Boys? „Es ist viel schwieriger, Stimmungen in schnellen Songs zu erzeugen. Es gibt nur eine ganz beschränkte Bandbreite von Emotionen, die ein schneller Song erzeugen kann. Eigentlich nur Zorn oder Wut.“ – Aber eure erste LP ist doch der Gegenbeweis. – „Ich finde die zweite viel besser als die erste. Ich hasse meine Stimme, wenn ich so singe wie auf der ersten Platte. Ich mag keine Musik, die hüpft und springt wie XTC. Auf Faith (LP Numero Tres) sind Sachen, die noch viel, viel langsamer sind, als alles, was wir je gemacht haben.“ – Ihr habt zweimal in Deutschland gespielt vor völlig unterschiedlichem Publikum. Beim zweiten Mal gab’s fast mehr lange Haare und Bärte als kurze Haare, Färbemittel und dergleichen.

    „Ja, das war hier ähnlich“, fällt der Drummer ein, „zuerst hatten wir nur Hardcore-Punks und dann haben sie uns besser kennengelernt und wir hatten ein vielfältigeres Publikum“. Robert Smith: „Damals hieß alles Punk und heute reden alle von den ‚New Romantics‘, Spandau Ballet und solche Sachen. Wir wollen mit solchen Strömungen nichts zu tun haben. (Ich möchte endlich die Band kennenlernen, die sagt: ‚Wir sind modisch!‘) Wir ziehen so viele verschiedene Leute an.“

    Interessierst du dich für die? „Nein, ich interessiere mich überhaupt nicht für mein Publikum. Wenn sie mögen, was wir tun, sollen sie kommen, wenn nicht, dann nicht. Das heißt aber nicht, daß wir sie kennen müßten. Sie sollen sich auch für uns nicht als öffentliche Figuren interessieren. Ich will auch nicht wissen, wann John Lydon Geburtstag hat. Das hat alles keine Bedeutung. Die Leute benutzen Musik viel zu sehr als Mittel für irgendetwas anderes (‚Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts.‘ – Eisler), uns geht es um Musik. Wir lassen aber die Leute nach Konzerten in die Garderobe kommen, wir sind nicht unnahbar oder arrogant, aber weiter kannst du einfach nicht gehen.“

    Thema: Verantwortung des Künstlers. Die Wirkung depressiver Stimmungsmusik auf Kids in einem Land mit ohnehin depressiver Stimmung:

    „Also ein Grund, warum wir depressive Musik machen, ist, daß wir nicht lügen wollen. Wenn du live einen spaßigen Song spielen willst und fühlst dich gerade elend, mußt du lügen, umgekehrt kann man sich aber ganz leicht traurig machen, man muß nur für eine Sekunde wirklich denken, nachdenken (Wenn ich nachdenke, muß ich lachen.), du kannst viel mehr Leidenschaften und Gefühle in depressiver Stimmung ausdrücken.“ – „Wieso auch glücklich sein, mit 10 Pints Lager vielleicht?“ Und die resignierten Kids sollen in flauschiger 19.-Jhdt.-Melancholie noch resignierter werden? „Im Gegenteil. Unsere Musik befreit sie von ihren Resignationsgefühlen. Du setzt dich hin und hörst Musik, die deinen Stimmungen entspricht und anschließend bist du sie los.“ – „Live interpretieren wir unsere Songs auch viel zorniger, wütender. Aber im Studio kannst du nicht auf Befehl Wut entwickeln, eher schon Melancholie.“ – „Du kannst nicht sagen, traurige Lieder würden Traurigkeit glorifizieren. Du bekommst eher das beruhigende Gefühl, daß es anderen ähnlich geht wie dir, du wirst ermutigt.“ Na schön. Ich hätte euch über diesen Punkt auch nicht so lange ausgequetscht, wenn The Cure die Einzigen wären, die innerhalb der letzten zwei/drei Jahre von Frische und Aggressivität zu Melancholie und romantischen Stimmungen übergewechselt wären. Ich sehe hier ein desolates Land und dazu kommt Desolation-verbreitende Musik. Ist das Zeitgeist?

    „Nein, wieso, die Welt war schon immer gräßlich. Wenn du die Zeitung aufschlägst, ist fast alles, außer vielleicht den Meldungen über das Königshaus, grausig. Manchmal denke ich, daß es mir egal ist, wenn alles bald in die Luft geht. Manchmal ist es mir aber überhaupt nicht egal. Aber es war eben schon immer so. Die Menschen sterben, entweder weil sie alt sind, oder sie sterben durch eine Kugel, oder sie werden totgeschlagen. Worauf es ankommt: Sie sterben!“ Dennoch nennt sich die neue LP von The Cure Faith und nach erstem Reinhören bestätigt sie den Weg zu sprichwörtlich britischer, buchstäblich nebliger Trauer: durchlaufende monoton-mollige Baßmelodien, Akkordfolgen à la „A Forest“, wenig Abwechslung. Dröhnmusik. Keyboards gar à la frühe Yes. Trotzden sind die Cure ehrlich und aufrichtig. Wer konnte schon ahnen, daß „Bleak Wave“ nach zwei Jahren in klassischer Innerlichkeit enden mußte, in verkifftem Trübsinn. Ich glaub’ ihnen auch, daß sie ihre jetzige Musik lieber mögen als ihre aufregenden Anfänge. Es ist Musik zum sich Reinsickern lassen. Musik, bei der der Musiker selbst zum angetörnten Zuhörer wird. Und die Jungs haben eben das Glück, daß ihr privater Rückgriff auf bewährte Dauerregen-Stimmung in schönen Farben nach wie vor den Geist der Jugend ergreift. Das befreit vom Reflektieren und ermöglicht die bei unseren Jungen so geschätzten „Feelings“. The Cure sind auf dem Wege zur Supergruppe. Aber vielleicht sind sie zu ehrlich dazu und immer noch zu interessant.

    1981 erinnert verdammt an 1971.

  • Gedanken zu Rock Session 5 (Sounds-Diskurs)

    Mit Kritik an Sounds ist unsereins ständig konfrontiert. Hilfreich ist da vor allem die von Bekannten mündlich ausgesprochene Kritik, das Feedback im Alltag. Hilfreich können auch Leserbriefe sein, auch wenn sie meistens eher demoskopisches Material abgeben. Anlaß dieses Artikels aber ist professionelle Kritik, wie sie sich durch Zufall gerade jetzt häuft. Als Beispiel soll ein Artikel des ansonsten verdienstvollen „Rock Session“-Herausgebers Klaus Humann dienen, den zum Anlaß nehmend äußert sich unser Mitarbeiter Klaus Frederking über Sounds. Gemeinsam ist all diesen Kritiken, daß sie (Ausnahme: Frederking) nicht nur nicht hilfreich sind, sondern auch an einem Mythos stricken, ein Klischee verfestigen, mit dem zu leben unangenehm ist. Zunächst zu einer typischen Äußerung.

    Kurt Martin Dahlke, der Pyrolator: „Mir wird dieser Handlungsablauf immer deutlicher bewußt. Die landläufige Musikpresse ist von der Industrie bezahlt. Ob das nun Sounds ist oder wer auch immer. Die sind von der Industrie bezahlt. Ob das nun die Verlagsgesellschaft ist oder der Chefredakteur selbst, das spielt im Prinzip keine Rolle. Bestimmte Produkte sollen gefördert werden, um mehr Geld reinzukriegen. Und die sagen natürlich an ’nem bestimmten Punkt, nee Leute, jetzt bremst euch mal mit eurem Alternativkram und schreibt mal über Sachen, die wir auch verkaufen wollen.“ Ein Statement, das sich in seiner unbefangenen, unreflektierten Naivität kaum unterscheidet von dem Satz: „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, wie ihn Klischee-Rentner angeblich nach der Tagesschau ausstoßen. Aber warum soll sich der Pyrolator, den ich sonst sehr schätze, auch genaue Kenntnisse aneignen über Dinge, die ihn nur am Rande betreffen, er ist ja auf anderes spezialisiert. Blöd ist nur, daß der „Rock Session“-Autor, der dieses Statement zitiert, darin „die Geri-Reig-Philosophie des Plan“ findet: „Etwas Eigenes machen. Sich absetzen. Sich bewußt querstellen zu vorgegebenen Verfahrensweisen (…) ein unabhängiges Label zu betreiben ist ein politische Entscheidung“. Du meine Güte!

    Sounds ist abhängig von Anzeigen. Diese werden zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Schallplattenindustrie akquiriert. Sounds hat erwiesenermaßen, zu meiner Zeit jedenfalls, nie sein redaktionelles Konzept von dieser Abhängigkeit beeinflussen lassen. Weil man Sachen wie den Plan wichtig findet, macht man sich Ärger, halst sich sinnlose Diskussionen auf, und hört dann sowas. Soweit die menschliche Seite.

    Die andere Seite ist die mangelnde Aussagekraft solcher Sätze. Im Kapitalismus wird alles von irgendwelchen Industrien bezahlt. Das Geflecht der Abhängigkeiten ist ein Dickicht. Dies festzustellen, ist eine Binsenweisheit. Wichtiger wäre, sich Gedanken zu machen, wie jemand mit den vorgegebenen Voraussetzungen eines Gesellschaftssystems umgeht. Ich wage die Behauptung, daß Sounds die von allen an Kiosken im normalen Vertrieb erhältlichen Musikzeitschriften der BRD und GB die freieste ist, diejenige, die inhaltlich so wenig Beschränkungen unterliegt, daß wir zeitweilig einen Anteil von über 50 % von unabhängigen oder Importplatten in unseren LP-Kritiken hatten, an denen die heimische Industrie nicht einen Pfennig verdient. Daß es Kraft kostet, so etwas durchzusetzen und zu verteidigen, dürfte eigentlich nicht zu schwer vorstellbar sein. Sich darüber Gedanken zu machen, müßte für einen Kritiker der Kritik mit lohnenswerteren Erkenntnissen und Beobachtungen belohnt werden, als das ewige nörgelnde Herumreiten auf den äußerlichen ökonomischen Bedingungen oder Zwängen. Interessant ist, wie ihre Wirksamkeit eingedämmt bis vermieden wird, nicht, daß es sie in einem, ohnehin nur nebulös verstandenen, ökonomischen Zusammenhang irgendwie doch geben müßte.

    In der gleichen Ausgabe macht sich Klaus Humann, seines Zeichens Herausgeber der „Rock Session“, ausführliche Gedanken über Sounds. In zwölf Mini-Kapiteln rechnet er mit uns ab, auch wenn ihm dabei so oft die Beispiele des „Beispiel Sounds“ ausgehen, daß er allgemeine Auslassungen über Rockjournalismus einflicht, die der unschuldige Leser ebenfalls auf Sounds beziehen müßte. Schon im Vorspann wird da ein horribles Bild vom Rock-Kritiker gezeichnet („Talking-Heads-Halstuch, Bob-Seger-Mütze, Eagles-T-Shirt, Greg-Kihn-Sweat-Shirt …“). Eine Zunft, die sogar das Hemd am Leibe der Gefügigkeit für Korruption verdankt. Es gibt Leute, die so rumlaufen und auch vorwiegend in Promo-Geschenkchen denken. Nur haben sie mit Sounds nichts zu tun, auch wenn Humann den Eindruck erwecken will, nur er in der Rock-Session-Einsiedelei sei von derlei weltlichen Anfechtungen frei. Die ersten beiden Kapitelchen beziehen sich auf den Rest der Musikpresse. (Fehler: Sounds verkaufte im ersten Quartal 1981 laut NW-Statistik (die sich jeder besorgen kann), 39 Tausend, 9 Hundert und ein paar zerquetschte pro Heft). In Kapitel drei steht, daß Humann Sounds früher charmanter fand. Nun gut. Kapitel vier ist infam: „Seit dem Wechsel ist Sounds in meinen Augen effizienter, cooler, angepaßter geworden.“ Effizient heißt wirksam. Ist eigentlich gut, oder? Nicht für Humann, der mit der Wahl dieses Wortes nicht die Bedeutung anpeilt, die man normalerweise unter „effizient“ versteht, sondern Assoziationen wecken will, die sich aus der Verwendung des Begriffs in Kalkulationen und Rechenschaftsberichten multinationaler Konzerne herleiten. Er will sagen: Wir nützen der Industrie. Hoho! Da soll er mal einen Vertreter der Industrie fragen.

    Angepaßt? Ein hohles, abgenutztes Wort. Erfunden von einer Generation von liberalen Fusselhippies, die glauben, mit individuellem Habitus die Welt zu verändern. Ab nach Poona mit dem Wort! Aber da es nun mal hier steht, müssen wir es auch diskutieren. An wen oder was angepaßt? An die Belange der Industrie („Der Firmenwunsch ist da Befehl“, Humann)? Als Beispiel für diese Vorstellung zeichnet er ein Bild vom eiligen, unsorgfältigen Sounds-Journalisten, der mit dem Taxi auf Firmengeheiß die Vorab-Kassette von der Plattenfirma abholt, in die Maschine bespricht nach einmal Hören, damit die Plattenfirma den Rezensionstext in einer Anzeige für die gleiche Platte verwenden kann. Ein Gespinst, diese Vorstellung! Wir rezensieren schon mal Vorab-Kassetten.

    Der Leser muß schließlich wissen, wie die neue Sowieso ist, wenn er sie als Import drei Wochen vor dem bundesrepublikanischen Erscheinungstermin im Laden stehen sieht. Diese Vorab-Kassetten müssen wir der Industrie (falls sie von der Industrie kommen und nicht vom Musiker selber) aus dem Kreuz leiern. Denen ist Sounds nämlich längst zu renitent und die Gefahr eines Verrisses viel zu groß, um sich dermaßen ins Zeug zu legen. Humann hat was gegen Schnelligkeit. Dann sollte er die „Zeit“ lesen, die lassen Abbey Road ein Jahrzehnt reifen, bevor sie das Werk als Direct-Master-Speed-Half-Cut wie einen alten Wein rezensieren. Rock-Musik ist schnell. Das tägliche Leben, nicht das epochale. Und auch wir haben reichlich Artikel, die Tradition und Geschichte Tribut zollen. Aber Humann weiß selber: „Die Pflicht einer Zeitschrift wie Sounds (anders als ‚Rock Session‘) ist Nachricht, damit Aktualität und Analyse, das Spontane und das Abgeklärte (Ein heillos konfuser Zustand, ein psychologisches Paradox!), die Nähe und die Distanz (nun bricht vollends die dialektische Schulung durch. Diese Forderung ist so wahr wie falsch, sie ist gleichsam die Antizipation des Wahren im Falschen, oder besser die im Irrtum eingebettete Erkenntnis)“.

    Was will der Mann also? Seine Anschuldigungen sind aus der Luft gegriffen, seine Forderungen erreichen einen Abstraktionsgrad, wo sie in totale Beliebigkeit umschlagen. Seine Informationen sind falsch (Auflagenzahlen, Industriekontakte). Im nächsten Kapitel wirft er uns vor, Platten zu verreißen, ohne unsere Erwartungshaltungen und Kategorien offen zu legen. Dabei fällt folgender Satz: „Wichtig ist das feeling, geil oder nicht geil, das interessiert.“ Abgesehen davon, daß die Worte „geil“, „Feeling“ oder auch „Die Stimme“, „Das Wahnsinnigste“ oder „Der Trend“, die er uns später in den Mund legt, in den letzten zwei Jahren zumindest, nicht zum Vokabular von Sounds-Kritiken gehörten, bleiben seine Vorwürfe in diesem Kapitel so klischeehaft und vage (unqualifizierte Verrisse) wie ein paar Kapitel weiter der Vorwurf, andere Platten zu gut zu besprechen (Hype). Das läßt sich auf einen abweichenden Geschmack reduzieren, der hier durch einen nachdenklichen Gestus verbrämt wird, aber nichts anderes sagt als: Ihr sagt Pink Floyd ist schlecht, das ist gemein, oder ihr sagt die Slits sind gut, da hat euch wohl die Industrie einen Schein zugeschoben. Unterstellungen, die normalerweise nur in den Leserbriefen vorkommen, die man gar nicht erst abdruckt, weil sie zu substanzlos sind.

    Nach der Aufdeckung eines vermeintlichen Gefälligkeitsjournalismus im Falle Lake, der sich vor meiner Zeit bei Sounds zugetragen haben soll, kommt die Geschichte mit dem Hype-Verdacht. Sounds ließe sich, wenn auch nicht ganz so offensichtlich, aber eben doch, von der Industrie zur Behandlung bestimmter Themen, die der Industrie nützen, verführen. Ohje! Es läßt sich leider nicht vermeiden, daß die eine oder andere gute Gruppe eben bei der Industrie unter Vertrag ist. Aber die Themen haben wir noch immer selbst ausgesucht und zwar nach unseren Vorlieben und oft hatten wir jemanden entdeckt, bevor die Industrie wußte, wer das überhaupt ist: DAF, James White, das gesamte Rough-Trade-Programm, ZE u. v. a. m. Daß die Leute hinterher Verträge abschließen, ist nicht unsere Schuld. Sounds begünstigt möglicherweise die Voraussetzungen für eine Unterschrift bei der Industrie, aber sollen wir gute Musik verschweigen, nur damit der Dämon Industrie nicht auf die Idee kommt, armes hilfloses Musiker mit große böse Vertrag zu linken?

    Darum kann es nicht gehen und darum geht es auch nicht. Humanns Hype-Unterstellung gipfelt in dem Satz: „Eine Gruppe aus New York oder London schafft es immer viel schneller als eine Gruppe aus Hannover, Herford oder Schwetzingen.“ Ach nee! Wenn sich das ein bißchen geändert haben sollte (abgesehen davon, daß auch heute noch ein deutliches Qualitätsgefälle, nicht nur zwischen New York und Schwetzingen, sondern eben auch zwischen Sheffield und Hannover klafft), dann doch wohl durch die angepaßten, effizienten (eben!) und coolen Sounds-Schreiber, die seinerzeit von Oldwavern wie Humann viel Kritik für ihr Engagement ernteten. Der nächste Streich: Ein Zitat aus Chapple/Garofulos „Wem gehört die Rockmusik?“, in dem eloquent beschrieben wird, wie 1975(!) in den USA(!) Rockkritiker durch subtile Strategien zu willfährigen Sklaven des Industrieinteresses werden. Der Text stand April 1980 in Sounds. Wir hatten derlei Dinge durchaus also auch reflektiert. Aber in diesem Zusammenhang soll der Text natürlich den Eindruck erwecken, er treffe auf die Verhältnisse bei Sounds zu. Was wiederum infam genannt zu werden verdient.

    Gekrönt wird Humanns „Kritik an der Rock-Kritik“ von einer Gegenüberstellung einer positiven Sounds-Kritik (M.O.R.K. über Fleetwood Mac, Tusk) mit einem WEA-Pressetext. Beide haben sprachlich, gedanklich nichts gemeinsam, außer dem Produkt positiv gegenüberzustehen. Daraus schließt Humann: „Die Plattenfirma und ihr journalistischer Partner …“. Nur weil Werbekampagne mit positiver Beurteilung zusammenfällt, soll da was faul sein. Warum zählt er dann nicht die Dutzende von verrissenen Platten auf, denen ebenso große Werbekampagnen vorausgingen? Hinzu kommt, daß uns Kröhers brillantes, aber opulentes Werk damals nicht reichte als Auseinandersetzung mit Tusk und daher in der gleichen Ausgabe eine Zusatzkritik von Thomas Buttler abgedruckt war, die die WEA-Kampagne explizit angriff. Die ignoriert Humann, man muß wohl sagen, böswillig. Daher kann auch diese Antwort um den Ton des Auge um Auge, Zahn um Zahn nicht herumkommen. So willkommen Kritik normalerweise ist, wenn sie auf vorhandene Widersprüche hinweist, zu unterscheiden weiß. Mit Dämonisierung ist niemandem geholfen. Dafür sind die Zusammenhänge inzwischen ohnehin zu kompliziert. Und auch bei der Industrie gibt es Idealisten, die gegen den Strich schwimmen, die wissen, wessen Interessen sie vertreten und dieses Bewußtsein in ihre Arbeit einfließen lassen, und Leute, denen künstlerische und politische Werte über Wohlverhalten gehen. Aber das wäre wirklich zu kompliziert, gell?

    Kritik stelle ich mir so vor, wie Klaus Frederking das in dem vorstehenden Artikel gemacht hat. En Detail. Auch ich halte Spex für eine Alternative zu Sounds, die eine andere Methode von Rockjournalismus entwickelt hat. Nur, daß ich, im Gegensatz zu ihm, die Methode des unredigierten Erlebnisberichtes für vollkommen unsinnig halte. Der Wert eines solchen Berichts ist mit einem erschöpft, da seine immer gleichen Formeln und wiederkehrenden Erfahrungen von den Bedingungen des Tour-Betriebs abhängig sind, nicht von dem spezifischen Charakter der einzelnen Gruppe. Somit halte ich Ruffs keineswegs dilettantischen, sondern neuartigen Gedanken zu Jazz im Falle Comsat Angels dem nervtötenden Frage/Antwort-Spiel in Spex für um einiges überlegen. Mein Stray-Cats-Artikel ist, zugegeben, etwas dünn, aber er enthält doch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Ein Rockjournalist sollte meiner Meinung nach nicht Mythen zerstören, sondern sie als solche kenntlich machen und herausarbeiten, ob sie ein Teil von Selbstdarstellung, selbstgewählter Stil, kokette Relativierung eigener Aussagen darstellen oder ob sie ein kommerzielles Wiedererkennungszeichen der Industrie sind (Ob Mythen oder Nicht-Mythen, ich glaube, wir meinen das Gleiche – K.F.).

    Spex entwickelt seine Stärken meiner Meinung nach eher da, wo es Sounds ergänzt (das ist nicht arrogant gemeint), wo wenige längere Plattenkritiken stehen, statt vieler kurzen, wie bei uns. Beides ist sinnvoll und beides sollte es geben. In diesem Sinne kann man sich über Spex freuen, aber unterlegen sind wir bestimmt nicht.