„That Was Then, But This Is Now“ (ABC) „Spaß beiseite“ (Lenin). Soso, Elaste. Das soll also jetzt die „Normalität“ sein, die im letzten Heft (Editorial) vollmundig angekündigte? Das soll die derzeit so dringend nötige Weisheit sein? Na ja. Weisheit auf Münchnerisch eben („Weniger New Wave“, Editorial). Glaube nie einem Münchener, der der New Wave abschwört. Das können die nämlich gar nicht. Für die wurde New Wave doch erst richtig schön, als sie so einen bunten, unverbindlichen Münchener Charakter bekam, das war für die das Paradies, da mußten die sofort eine Zeitschrift machen. Jetzt verkaufen sie zwar eine etwas weniger zänkisch gelayoutete Version von New Wave, weil ja die New Waver auch alle so in die Mittzwanziger gerutscht sind und glauben prompt, sie hätten den eigenen Nationalcharakter überwunden: ihre Schwabinger Gutgelauntheit. Das können die uns doch nicht erzählen. Das haben die doch sogar schon selber gemerkt, indem sie sich Klatsch und eine gewisse Lebensart aus Hamburg holen. Aber, um Himmels willen, welche? Misogynie als Lebenslüge von Dorau und Kid P. Die Frauen seien alle Verbrecher. So etwas muß einem Schwabinger, der an Frauen die Harmlosigkeit und sonnige Beliebigkeit schätzt, natürlich superexotisch, gewagt und weit vorn vorkommen. Daneben darf dann die bunte Pop-Welt weitergedeihen oder besser, Gedeihen vortäuschen. Denn nur in München weiß noch keiner, daß ’82 vorbei ist. Daß das Leben hart, wenn nicht eines der schwersten ist. Daß einem nichts geschenkt wird. Nein, die Brüder da unten haben ständig Urlaub und verwechseln diesen Zustand mit dem Leben eines „Intellektuellen“ (Editorial). O tempora! O mores! Parasitäre Müßiggänger, die ihren Journal-des-Luxes-und-der-Moden-Komplex noch nicht überwunden haben. O tempora, O mores. Aber schließlich lieben wir ja unsere Münchener dafür, daß sich seit dem NS-Film Münchnerinnen von 1944 in München nichts an dem Satz geändert hat, den der Vater dem Sohne mit auf den Lebensweg gibt: „Als wir jung waren, waren wir alle einmal in so eine Rosi oder Resi verliebt. Und wir hätten alles in der Welt für sie getan. Doch dann sind wir älter und vernünftiger geworden und haben eingesehen, daß es noch anderes auf der Welt gibt als die Liebe. Und wir sind glücklich geworden.“ (GGK Düsseldorf)
Autor: admin
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Der billige Schwindel als schöne Kunst betrachtet: Ein paar Überlegungen zum Bild des Deutschen …
„Was ist Existenzialismus?“ Diese Frage stellen mir und anderen auch heute noch viele junge Leute. Und sie kaufen die rot-schwarzen Rowohlt-Taschenbücher mit den Werken von Camus und Sartre.
Warum ich das erzähle? Nun, eigentlich sollte dieser Text Vorstudie zu meiner Dissertationsschrift „Die Geburt des billigen Schwindels aus dem Geist des Existenzialismus“ werden, wurde dann aber doch etwas viel größeres, heiligeres. Nämlich ein Spex-Artikel.
Dennoch will ich von der Geburtsstunde des billigen Schwindels erzählen. Man kann sie sich immer wieder im lokalen Programmkino vorführen lassen, wenn dort Der Fremde von Luchino Visconti gegeben wird. Visconti, eine Art frühvergreister italienischer Fassbinder für Arme (das italienische Bruttosozialprodukt liegt denn auch merklich unter dem westdeutschen, irgendwo in der Nähe des ostdeutschen), versucht dort die Aufgabe zu lösen „Wie visualisiere ich die zärtliche Gleichgültigkeit, von der der paradigmatische Existenzialist“ – um den es in dieser Horrorerzählung immer wieder lehrstückhaft geht – „ständig so zärtlich umweht ist?“ Und wie macht er es? Er läßt Marcello Mastroianni einfach 90 Minuten lang, bis zur Hinrichtung, seine Schwitzflecke ignorieren.
Jahre später stehe ich in einer Kneipe. Der laufenden Cassette fällt nichts mehr ein. Es ist schon spät. Da spielt sie „Riders On The Storm“, die Nationalhymne der nachgeborenen Existenzialisten. Darin heißt es bekanntlich: „Into this world we’re thrown / like a dog without a bone.“ Kurz nachdem er dies sang, starb Jim Morrison und kann für sich geltend machen, den versammelten, geballten billigen Schwindel von Camus, Mastroianni, Visconti und der gesamten bürgerlichen Ideologie des ausgehenden 20. Jahrhunderts noch übertroffen zu haben.
Ich brauche es wohl niemandem mehr zu erklären. Wir werden nicht in diese Welt geworfen, sondern geboren. Mit Knochen. Von unserer Mutter, die vorher mit unserem Vater geschlafen hat. Anschließend erwartet uns eine Fülle von Prägungen, Genen, Neigungen, Einflüssen, Reizen und schließlich Aufgaben.
Hauptsache ist: Die deutsche Pop-Musik als Exportartikel funktioniert nach den Gesetzen des BILLIGEN SCHWINDELS, wie ihn der Existenzialismus in diese Welt geworfen hat. Ganz egal, welche objektiven Vorzüge oder Nachteile einer deutschen Pop-Musik anhaften. In dem Moment, wo sie die Grenzen überschreitet, namentlich, wenn sie den Ärmelkanal glücklich durchschwommen hat (auf der Nase eine Orange auf einer Makkaroni balancierend. Haha!), tritt sie automatisch in seinen Bannkreis. Losgelöst von ihren Bedingungen und Absichten wird sie zu einem Nebel, der von der britischen Kultur wie von einem Löschblatt aufgesogen wird. Ergebnis: ein nasser Lappen. Das Löschblatt ist die Disposition der Briten zur Spökenkiekerei (John Donne, Milton, William Blake, Charles Algernon Swinburne, Thomas DeQuincey, Lord Dunsany, George Berkeley … you name them!), die schon immer ihr Komplement im deutschen Wald gesucht hat und umgekehrt. Daß deutsche und englische Mystik sich gegenseitig via – in diesem Gewerbe so häufige – Mißverständnisse in immer verzwirbeltere Höhen hochschrauben, ist ein alter Hut. Aber erst der im Zeitalter der Massenkultur möglich gewordene BILLIGE SCHWINDEL schuf die Voraussetzungen, die UNIO MYSTICA in den Pop-Markt und darin, in dessen kleinerer Nische, Deutscher Export, zu retten.
Die erste Generation bestand u. a. aus Amon Düül II, Can und Tangerine Dream. Es war die Zeit der Kosmischen Kuriere. LSD floß in Strömen auf Löschpapier und Zuckerwürfel. Die Deutschen hatten zum ersten Mal in der Geschichte der Pop-Musik eine eigene Marktlücke aufgerissen. Das, was Pink Floyd oder bestimmte psychedelische Westcoastbands nur angerissen hatten, hatten sie brachial vertieft: die Entdeckung des inneren Kosmos und seine Kartographie durch Begriffe des äußeren: Alpha Centauri heißt der der Erde nächste Fixstern nach der Sonne und eine LP von Tangerine Dream. Rolf-Ulrich Kaiser, in den 60ern noch Theoretiker der Subversion (Underground? Pop? Nein! Gegenkultur!) hatte sein Ohr-Label und dessen Abspaltung „Die Kosmischen Kuriere“ in den Mittelpunkt der deutschen Gegenkultur gerückt. Gruppen hießen Limbus 4 und Annexus Quam (was „Verbindung wir“ heißen soll und in Wirklichkeit „Verbindung wie“ heißt – das nur als kleine Posse aus der Geschichte lateinischer Gruppennamen in der BRD). Der BILLIGE SCHWINDEL konnte losgehen: Tangerine Dream ist bis heute eine einflußreiche Gruppe in England und den USA.
Can wurden einfach mitgeschluckt. Später verstand man, was wirklich gut an Can war und gründete die Buzzcocks. Aus dem Geiste Tangerine Dreams dürfte keine gute englische Band geboren sein. Pete Shelley hat sich jedenfalls immer und von Anfang an und vor allem als Can-Fan definiert. Was aber beweist, daß erst Nachgeborene einen Einfluß zu schätzen wissen. Denn zu ihrer Zeit war in England dasselbe wie TD. Tonnenweise innerer Space aus den Bergwerken deutschen Geistes.
Zweite Welle: Faust. An ihnen wurde das Skurrile, Waldburschenhafte in England geschätzt. Hauffs Märchen, Wilhelm Tieck. Die wirklich gute Vorstellung, daß nur eine Horde deutscher Hippie-Intellektueller den wahren, wirklich-schrägen Untergrund, wie ihn sich Richard Branson vom damals frisch gegründeten Virgin Records wünschte, bei sich im Wald spielen kann. Daß nur umgeben von Hutzelzwerken und den neuesten Ausgeburten der Studio-Technologie die hieb- und stichfeste, wasserdichte, ultimative Hip-Hippie-Musik entstehen könne. Und das war Faust.
Faust war nicht direkt billiger Schwindel, profitierte aber in manchem von der Vorarbeit des BILLIGEN SCHWINDELS und beginnt mit seiner Umformung in die schöne Kunst. Die Löschblätter waren so durstig geworden, daß man inzwischen nicht nur den üblichen Nebel zu liefern brauchte, sondern die Idee vom DEUTSCHEN erweitern, variieren konnte und dabei trotzdem im für den Absatz so günstigen, ja notwendigen BILLIGEN SCHWINDEL bleiben konnte. Faust half die Narrenfreiheit der Deutschen vorzubereiten.
Dritte Welle: Kraftwerk. Kraftwerk wären ohne Helmut Schmidt, Modell Deutschland, der florierenden 70er-Wirtschaft undsoweiter nicht denkbar gewesen. Denn der Clou an Kraftwerk war ja, daß sie keine Maschinenstürmer waren, sondern das Kraftwerk affirmierten. Trotzdem klangen sie meditativ und waren für Kiff- und Acid-Seancen geeignet. Sie vereinten den BILLIGEN SCHWINDEL des Alpha Centauri mit einem neuen guten Modell-Deutschland-Pop. Sie fuhren auf der Autobahn durch den deutschen Wald. Eine Image-Revolution, möglicherweise, das Größte, was deutscher Export-Pop geleistet hat.
Trotzdem gab es weiter den BILLIGEN SCHWINDEL, der durch seine Veredelung in den siebziger Jahren zu Beginn der Achtziger die Abschußrampe war für deutsche Ideen mitten in Hirne, die den BILLIGEN SCHWINDEL in seiner ursprünglichen Form noch abgelehnt hätten (obwohl so klassische Künstler des BILLIGEN SCHWINDELS wie Patti Smith oder Jim Morrison sich in Großbritannien noch heute großer Beliebtheit erfreuen). Die Vertreter hießen (in der Reihenfolge ihres Auftretens): Malaria, Einstürzende Neubauten, Palais Schaumburg, Xmal Deutschland, Einstürzende Neubauten (Reprise), Holger Hiller und Propaganda. Der Plan und Andreas Dorau übten dagegen eine Wirkung aus, wie sie Kraftwerk ausgeübt hätte, wenn sie sich nicht des BILLIGEN SCHWINDELS bedient hätten.
Der Reihe nach: Malaria waren die Faust der 80er Jahre; das absolut supersichere Reservat der Ziele der Epoche. Ich frage mich bis heute, warum Richard Branson sie nie gesignt hat. Wird halt auch alt der Junge: So wie Faust vorgaben, deutscher Wald, Intelligenz, harter Untergrund, moderne Technik und Deutschland zum unüberwindlichen Zaun gegen alle verunreinigenden Einflüsse geflochten zu haben und das verkauften, hökerten Malaria mit Wave, Frau, Saxophon und Berlin. Eine narrensicherer Ritt auf dem BILLIGEN SCHWINDEL, der nur deswegen nicht so erfolgreich war wie Faust – ich rede die ganze Zeit nur von Kult-Erfolgen, die Geschichte der kommerziellen Erfolge ist eine andere und hat mit dem BILLIGEN SCHWINDEL nichts zu tun –, weil die Zeiten für den Untergrund nicht so dürr waren wie zur Glanzzeit von Faust.
Die Einstürzenden Neubauten waren bei ihrem ersten Erscheinen eigentlich nur Neger, keine Deutschen und daher auch kein billiger Schwindel. Berlin kam damals immer als so eine Art pittoresk verendendes Mitteleuropa vor, das von romantisch-lichtscheuem Getier bewohnt wird, von Negern eben. Daß Berlin in Deutschland lag und damit geradezu nach der New-Wave-Version vom BILLIGEN SCHWINDEL schrie, fiel ihnen erst später ein.
Man muß nun einschieben, daß Fassbinder weltweit immer populärer wurde und damit der Verbreitung und routinierten Verwendung des BILLIGEN SCHWINDELS Einhalt gebot. Er verbreitete so ein exaktes, stimmiges Pop-Image von Deutschland, daß an den BILLIGEN SCHWINDEL keiner mehr geglaubt hätte.
Doch dann kamen Palais Schaumburg über die Euro-Schiene. Euro ist in England eine riesige Wabe im Gehirn, sehr luftig und transparent, die aussicht wie das Brüsseler Plutonium-Modell, so eine schwer zu fassende Assoziationspalette mit viel Schweiz (Yello!), Genf, Abrüstungsgesprächen, Vollbeschäftigung, EG, Butterberg, sauberen, gepflegten Städten, keine Armut, guten Manieren und Mikroelektronik. Das Japan der Engländer, wenn sie sich mal wieder als Weltmacht fühlen, aber nicht mehr von den eigenen Weltmachttraditionen zehren können, sondern die Regeln für das Spiel von den Amerikanern übernehmen und die haben halt ihr Japan.
Palais. Palais Schaumburg! Wenn das nicht nach der segensreichen Freundschaft Giscard-Schmidt klingt! Und noch mehr: Einer der Schaumburg-Sänger sah aus wie Jean Marais!!! (Achtung wir nähern uns dem Zentrum des alten BILLIGEN SCHWINDELS, französische Variante) Und Jean Marais spielt in einem Film von Jean Cocteau (nach einer alten Griechischen Sage!). Sie hören richtig: COCTEAU! PENG! Getroffen. Wir sind im Zentrum des BILLIGEN SCHWINDELS, the french way. (Was Cocteau für die Briten, ist Rimbaud für die Amis, Patti Smith und Camus für die Deutschen. Rimbaud ist der einzige von den Dreien, der nichts dafür kann.) Aber Achtung, Palais Schaumburg sind deutsch. Ja, das war EURO und EURO hätte eine gute Variante des BILLIGEN SCHWINDELS werden können, wenn sich Palais Schaumburg nicht immer wieder umbesetzt hätten und zur Zeit oder schon länger auf den BILLIGEN SCHWINDEL au americaine stehen würden (NEW YORK!).
Da kamen Xmal. Xmal klingt a) nach Xmas (= Christmas) und b) wie ein aztekischer Gott. Deutschland im Namen ist ohnehin sehr clever. Dann waren da all diese Gothic-Bands und die brauchten einfach deutsche Geschwister, egal ob die wirklich was mit Gothic zu tun hatten. Gothic hatte sowieso immens viel von ALPHA CENTAURI in sich, nur war es weniger ernst und spaßiger als Tangerine Dream. Auf jeden Fall hat da der gute alte UR-BILLIGE SCHWINDEL noch nachgewirkt und der 83-Xmal-Kult in England restaurierte ein wenig die gute alte komplementäre Mystik-Austauschbeziehung zwischen uns und den Engländern, die unter so Varianten wie BERLIN und EURO etwas in Vergessenheit geraten war. Oder durch Marginalien wie dem DADA-SCHWINDEL courtesy by Holger Hiller.
Schließlich fiel allen ein, das Berlin ja auch Deutschland ist und der Weg war frei für die triumphale Rückkehr der radikalisierten Neubauten. Die Neubauten verhalten sich zu – sagen wir – Throbbing Gristle wie Tangerine Dream zu Pink Floyd (und Xmal zu Siouxsie). Also war das Timing goldrichtig. So wie TD einfach ein Sahne-Nachschlag für die langsam vom Floyd-Trip runterdämmernden Briten war, so sind die Neubauten der Nachschub für den TG-Fan, der sich den Elektrobohrer gerade aus dem Hirn wieder herausgezogen hat. Und sie sind BERLIN: Verfall eines großen Weltreichs, aktualitätgewordener Untergang des Abendlandes, geteilte Stadt, Hitler, Dönitz, Helmut Berger, Bieberkopf und Liza Minelli in einem großen neutronenverbombten Mutantenzirkus zusammengeschmolzen. Und überall riecht es nach Gummi (von Blixas Jacke!). So verbrannt. So morbide. So untergegangen. Da muß Marc Almond einfach ein Backstage-Küßchen auf Blixas kantige Mutantenwange drücken. Bei den Neubauten ist der BILLIGE SCHWINDEL wieder zur schönen Kunst geworden. So kann es bleiben.
Bleiben Propaganda, die es mit der GROSSEN DEUTSCHEN FILMTRADITION VOR DER NAZIZEIT versuchen. Nicht sehr originell, aber als Nachhall des Neubautenkultflashes, ja vielleicht als dessen Mainstreamausgabe („Dr. Mabuse“ klettert in den britischen Charts langsam nach oben) zumindest eine Erwähnung in den Annalen des BILLIGEN SCHWINDELS wert. Was hiermit geschehen ist.
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„Die Frau im Kapitalismus“
Streifzüge durch die Geschichte
1. Von der Gebärmaschine zum freien Unternehmer
Die Frau im Kapitalismus. Eigentlich hat sie da nicht das Geringste verloren. Als man den Kapitalismus und seine Widersprüche erfand, war es für die Frau endgültig aus. Proletarier sollten sich vereinen, Menschen (was in den meisten Sprachen „Männer“ heißt) waren Menschen und hatten Stiefel im Gesicht nicht gern, Arbeiter wurden expropriiert von den zu Expropriierenden, Intellektuelle bildeten die Vorhut der Massen, Bürger hatten das eine Bewußtsein, der bereits erwähnte Proletarier kriegte das andere, das revolutionäre, eine Geschichte von Klassenkämpfen war die Geschichte und das seit den Sklavenhaltergesellschaften. Die Frau wurde also auch retrospektiv vernichtet: „Die Frauen haben die Welt vielleicht ein wenig freundlicher aussehen lassen, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“
Wo auch immer wir anfangen, ob bei der Entstehung oder der Entdeckung des Kapitalismus, was, wie bei Kontinenten und Fixsternen, nicht gleichzeitig war: Die Frau war auf ganzer Linie abgemeldet, da sie, wie zum Beispiel auch Gott und seine Widersacher (Nietzsche), nichts zum Bruttosozialprodukt beitrug. Ihr Liebreiz war ökonomisch vernachlässigbar. Erklärungen und Vorschläge für die Abschaffung des Kapitalismus und seiner Mißlichkeiten gibt es viele. In Deutschland war die des Antisemitismus zunächst folgenreicher als die des Sozialismus, und daher hatten an allem die Juden schuld. Bezeichnenderweise prägte August Bebel, der Sozialist, der für die Sozialisten die Partei und die Frau erfand, letztere etwa genau 34 Jahre nach der Erfindung des Kommunismus, den Satz „Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls“. Als man in Deutschland den Antisemitismus per Verleihung der Regierungsgewalt an gestandene Antisemiten sozusagen virulent werden ließ, wurde auch das Übel des Kapitalismus, die Frau abgeschafft zu haben, auf rührend direkte Art angegangen. Die Abwesenheit der Frau in der Runde der volkswirtschaftlichen Faktoren und ihre daraus hergeleitete Nicht-Existenz im Kapitalismus wurde als Problem erkannt und gelöst; nicht etwa, indem die Antisemiten die Frau zum wirtschaftlichen Faktor umfunktionierten und in die Welt heimholten, sondern, ganz nach Art des dummen Kerls, wurde eine zweite, der ökonomischen analoge Sphäre der Produktion organisiert, die Menschenproduktion, dies wiederum komplementär zu einem anderen, politischen Mittel dieser Zeit, der Menschenvernichtung. Der Frau wurden Nennungen, Orden und Präsenz zuteil, wenn sie sich bereit fand, in möglichst effizienter, reibungsloser Art und Weise Menschen produzieren zu helfen, deren Besitzer sie freilich ebensowenig ist wie der Arbeiter im Kapitalismus im Besitz der von ihm produzierten Güter. Wir sprechen bei diesem Vorgang vom entfremdeten Gebären. Und welcher Mann denkt nicht noch heute, daß sein Sohn, den er sich mittels der Induktion gewisser ihm eigener Mittel in die Apparaturen des weiblichen Leibes verschafft hat, mit der gleichen Berechtigung ihm gehört, wie die Schachtel Zigaretten, die er erwarb, indem er eine Münze aus seinem Besitz in die Apparaturen des Zigarettenautomaten einführte. Doch nun passierte etwas Merkwürdiges: war die Frau des Dritten Reiches glücklich, wenigstens als Produktionsmittel der beschriebenen Art (nicht einmal als ein seine Arbeitskraft auf dem freien Arbeitsmarkt feilbietender Arbeiter) an der Volkswirtschaft, wie sie damals verstanden wurde, Anteil zu haben, so wollte sie in der BRD plötzlich gleich zwei Sprossen der sozialen Leiter auf einmal erklimmen. Sie gibt an, nicht länger eine Gebärmaschine sein zu wollen. Statt aber nun ihre Gebärfähigkeit, wie es im Kapitalismus üblich wäre, gegen einen Arbeitslohn zu verkaufen, strebt sie an, selbst über ihre Kinder zu verfügen wie ein Alleinunternehmer oder ein selbständiger Handwerker und gibt sich auf diese Weise, die kein Kapitalismus der Welt akzeptieren kann, schnurstracks erneut auf den Weg in die Nichtexistenz. Ganz egal ob sie Petra Kelly oder Gudrun Landgrebe heißt.
2. Präfix und Suffix
Auch wenn es im Sinne der grammatischen Terminologie nicht korrekt ist, bei den in der deutschen Sprache so einmaligen Doppelwörtern wie Kriegsverbrecher den Wortteil Krieg zum Präfix und den Wortteil Verbrecher zum Suffix zu erklären, nein auch bei Ermächtigungsgesetz funktioniert das nicht, so gibt es bei Wortbildungen mit dem Wort Frau eine gewisse Berechtigung. Da die Frau in den ökonomischen Rahmenbedingungen unseres Lebens nicht existiert, höchstens um die Steuerklasse zu verschönern, nach vollzogener Hochzeit, existiert sie gar nicht (wie schon gesagt), denn die Ökonomie allein befindet über diese Fragen (jedenfalls im Kapitalismus). Damit wird das Wort oder der Wortteil „Frau“ genauso ein die Wortbedeutung lediglich verzierendes oder vertiefendes Semen, wie eben auch die klassischen Präfixe Ent oder Ver, die uns den Unterschied zwischen Verführung und Entführung erklären, aber niemals für sich existieren könnten, ohne Führung eben. Nach dem verlorenen Kriege kam die Frau in Deutschland vor allem als Suffix zu Trümmer vor. Wieder also in unproduktiver Funktion, als ökonomisches Halbding, das zwar der Wirtschaft gute Dienste leistete, aber auf der Haben-Seite der Produktivität nicht zu Buche schlug. Als unbezahlte Fortsetzung der nationalsozialistischen Hiwis traten sie nicht einmal als Haltestellen in das, Eisenbahnstrecken zuweilen nicht unähnliche, Geflecht der Geldzirkulation ein. Und auch später, in der Adenauer-Ära, hielten sie sich hartnäckig im Suffix-Bereich, nämlich zu Ehe und Putz; letzteres wurde nach erheblichen sozialen Kämpfen in Reinmache umgeändert. Die Umbenennung der Reinmachefrau in Raumpflegerin, ungefähr zeitgleich mit der Verwandlung des Negers in einen Schwarzen, war bereits der Sozialdemokratisierung unseres Staatswesens zu verdanken und die Geburtsstunde der Filmemacherin.
Und im anderen Teil Deutschlands? Im anderen Teil Deutschlands traten alle Menschen in eine Partei ein. Die Partei ist die Fortsetzung der Frau mit anderen Mitteln, wie die geistige Entwicklung August Bebels (und Friedrich Engels’!) bewiesen hat. Diese Arbeiterbürokratie holt die Frau aus dem Nichts zurück, nicht in die Produktivität, sondern in die symbolische Ordnung, die anstelle des Kapitalismus getreten ist. Die Partei: eine große grammatisch weibliche Organisation, die sich um alle sorgt, Geliebte und Mutter, Ehefrau und Tochter in einem ist, Göttin einer matriarchalischen Religion. Doch dies nur als Abschweifung. Unser Thema ist ja nicht „Die Frau im Sozialismus“.
3. Die Frau als Subjekt der Geschichte
Das Lustige aber ist, daß die Abschaffung der Frau als Suffix, ja ihre Präfixwerdung (Frauenfilme) in den Siebzigern, anderswo gar nicht auf den reformistischen Eifer der SPD und den von ihr angezettelten Spätkapitalismus mit menschlichen Antlitz warten mußte. Viel früher als die deutsche hat die amerikanische Frau einen Platz im Kapitalismus gefunden, zwar nicht gleich im Produktionsprozeß – erst heute können Amerikanerinnen stolz singen „She works hard for the money“, und damit sich selbst meinen – aber immerhin im Überbau, was ja auch ganz stattlich ist. Die Amerikanerin war es, die unter der Regierung Theodore Roosevelts (1901-1909) den Alkoholismus entdeckte, und zwar als Hauptwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft (oder als Nebenwiderspruch der Prostitution?). Man lese nur in Büchern des 19. Jahrhunderts nach. Da saufen sich zwar hin und wieder welche zu Tode. Aber das wird meist ganz lapidar und mechanistisch angesehen und entsprechend vermerkt. Die komplizierte Psychostruktur der Suchtkrankheit haben erst die amerikanischen Frauen dem Trinken übergestülpt. In einem beispiellosen Feldzug gegen alles, was Männern Spaß macht (Bars und Bordelle), erreichten sie 1919, während in Berlin Noske Wichtigeres zu tun hatte und sich seinen Namen als Bluthund erwarb, unter Präsident Woodrow Wilson (1913-1921), der wegen dieses Anliegens sogar Versailles und den Völkerbund vergaß, die totale bundesweite Prohibition des Alkohols in den USA.
Durch diese Aktivitäten versetzten sie dem Kapitalismus einen seiner schwersten Schläge. Sein Bauchgrimmen war noch Jahrzehnte zu hören. Durch die Illegalisierung des Alkohols bei unverminderter Nachfrage nach ihm wurde sein Konsum zu einer Straftat und 50 % der Bevölkerung auf einen Schlag kriminalisiert (die Männer nämlich; trinkende Frauen galten schon immer als kriminell, allein weil sie das Gebot ihrer Nichtexistenz durch einen für Frauen unvorschriftsmäßigen, für trinkende Frauen jedoch charakteristischen Überschuß an Verhalten überschritten). Die Folge war ein enormer Anstieg des Verbrechens, organisierte Banden, die einen Untergrundkonkurrenzkapitalismus aufzogen und schließlich der bekannte Weltwirtschaftsuntergang am Ende der zwanziger Jahre mit seinem schwarzen Freitag, seinen Deflationen, Stagflationen, Depressionen, verfallenen Wechseln, windigen Schwindeln, geplatzten Krächen, frei floatenden Haussen und Baissen und nicht zuletzt seinen flottierenden Petrodollars. Der Diskontsatz schlug Purzelbäume, der Lombardsatz kapriolte, und erst der New Deal des Präsidenten Franklin Delano Roosevelt (1933-45) konnte das alles wieder einrenken. In Deutschland nicht einmal der. Eine Welle von Schleichers und von Papens führte schließlich in die Katastrophe.
Freilich hatten die Frauen das nicht gewollt, aber wir können hier sehen, was passiert, wenn untrainierte Subjekte Geschichte machen. Nein, die Frauen, die hier so fatal Einfluß ausübten, waren in Wirklichkeit jeder Änderung abhold und gehörten zweifellos der konservativen Seite der Bevölkerung an. Wie eigentlich überall in der parlamentarisch verwalteten Welt, die ja in ihrer Mehrheit auch eine kapitalistische ist, die Frauen in ihrer überwältigenden Mehrheit der politischen Rechten angehören. Das heißt, daß sie ihre objektive Lage, nicht am Produktionsprozeß beteiligt zu sein, nicht durch Reformen gefährdet sehen wollen. Sie haben es ja auch so leichter, die Unumgänglichkeit des Kapitalismus zu umgehen als der Mann, der dafür eine Revolution, Truppen, Agitation, verplombte Güterwagen und vieles mehr braucht.
4. Die Frau als Außenminister
In der jüngeren Geschichte des Kapitalismus geschieht es immer häufiger, daß Frauen eine ihnen gemäße Methode, Geschichte zu machen ohne Unheil zu stiften, erlernten. Ich will nur zwei Beispiele nennen: Miss Ellie Ewing und Hans-Dietrich Genscher. Ohne über eine eigene Hausmacht zu verfügen, ist Miss Ellie in dem von Fraktionskämpfen zerrissenen Ewing-Imperium zum unverzichtbaren Katalysator der auseinanderstrebenden Kräfte aufgestiegen, der die Handlungsfähigkeit des Konzerns nach außen garantiert und in Notsituationen auch selber außenpolitisch aktiv wird, zerschlagenes Porzellan kittet. Und so weiter. Ebenso Hans-Dietrich Genscher, ein zähes sächsisches Weib, als Original von Dresden bis Dürrröhrsdorf schon in ihrer Jugend bekannt, bekleidet sie nun schon seit vierzehn Jahren, und damit länger als irgendeiner ihrer männlichen Kollegen, ein Ministeramt in der BRD. Ohne Genscher, der man, wie den Frauen ja ganz allgemein, Wankelmut und Opportunismus nachsagt, geht in Wahrheit gar nichts in der BRD. Und ist es nicht klar, daß niemand dieses Land besser dem Ausland als handlungsfähigen, souveränen Staat, als zuverlässigen Handels- und Verhandlungspartner, für den das Strauß’sche „pacta sunt servanda“ mehr als nur ein Lippenbekenntnis ist, verkaufen könnte, als eben Hans-Dietrich Genscher?
Wir sehen also, daß im späten Spätkapitalismus mit seinen extremen Widersprüchen, seinen schier unlösbaren Problemen und Ölkrisen, nur die als Milde und Ausgleich getarnte Verschlagenheit der Frau, die als aus dem Produktionsprozeß Ausgeschlossene über die distanzierte Pfiffigkeit verfügt, die dem Zaungast von jeher nachgesagt wird, für die überlebensnotwendige Versöhnung der Gegensätze garantieren kann.
5. Die Frau als Störenfried der Weltwirtschaftsordnung.
Unter dem Stichwort „Gleichberechtigung“ haben einige kapitalistische Staaten eine Regelung geschaffen, die auch Frauen Zugang zum Schaffen von Mehrwert, zum Expropriiertwerden, zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft abends beim Trinken, zum Stricken ohne daß ihnen anschließende der Schal gehören würde und was dergleichen Umstände mehr einen anständigen Kapitalismus ausmacht, verschaffen soll. Die Frau, die, wenn sie schlau war, und das war man von ihr gewohnt, bislang die entfremdete Arbeit verweigerte und sich stattdessen kleine imperial organisierte Herrschaftsbereiche sicherte, sogenannte Haushalte, schien ihrer bisherigen Lebensgewohnheiten überdrüssig: kein träges, wohliges Räkeln, kein verführerisches Verführen, kein Daheimbleiben und alle Neune langmachen mehr, nein, plötzlich wollte man beweisen, so als Frau, daß man auch ein Mann, ein Mensch sei, der sich wehren kann, und, um dafür überhaupt einen Anlaß zu haben, natürlich erstmal ausgebeutet werden mußte.
Natürlich waren diese Frauen keine Frauen im Sinne der Frau im Kapitalismus mehr, deren Wesensmerkmale wir ja bereits mit Zurückgezogenheit, Abwesenheit und blanker Nichtexistenz angegeben haben, jedenfalls im Sinne der alles beherrschenden Volkswirtschaft. Die Besetzung der Volkswirtschaft jedoch von biologisch der Frau zugehörigen Truppen mußte jedoch gleichzeitig einen Abzug von traditionell von diesen Truppen besetzten Positionen und Gebieten bedeuten: Badestrände, Zeitschriftentitelbilder, Männerphantasien, Damenclubs, Soldatenspinds, Küchen- und Reinigungskolonnen. Männer gingen nun verstärkt baden, fotografierten ihresgleichen und ihre Autos für die Zeitschriftentitelbilder, hatten plötzlich nur noch Fußball im Kopf und begannen homosexuell zu werden, wovon sie später AIDS bekamen und starben.
Was wollte die Frau überhaupt in der Volkswirtschaft? Die saisonale Kurzarbeit verschlimmern? Die zyklisch steigenden Arbeitslosenzahlen ins Schwindelerregende treiben? Als billige Reservearmee untertariflich bezahlt arbeiten und damit den in jahrhundertelanger Arbeiterbewegung erkämpften Erfolgen der männlichen Gewerkschaftsbewegung das Wasser abgraben, die Preise verderben auf dem freien Arbeitsmarkt? Und darüber hinaus noch den Malaysiern in den Billiglohnländern die paar Rupien streitig machen, die sie bei Mannesmann/Singapur verdienen und für ein Säckel Reis ausgeben?
6. Die Frau in der Zukunft
Nein, die Frau sollte den Ökonomismus so schnell wieder vergessen wie sie mit Fickstreiks und Prostituiertengewerkschaften begonnen hat. Nicht nur weil sie nicht weiß, daß das Ausbeutersystem empfindlich auf jede Massenbewegung und sei es der massenhafte Rückzug, raus aus den Männerphantasien, rein in die Borsigwerke reagiert, sensibel wie ein Seismograph auf der nach oben offenen Richterskala auf eine Erschütterung des Erdreichs. Nicht nur, weil der Kapitalismus noch bei dem kleinsten Beben sein Lieblingsspiel beginnt, das da heißt: Kriseln, Kriseln, immerzu Kriseln. Solange seine Schreckensmelodie erklingt, gipfelt sie im Refrain der Krise. Ewig, monoman und immerdar. Die Frau aber, die in glückhafter Ruhe an der Geschichte vorbeidämmert, sollte dieser steinernen Melodie keine neuen Mißtöne hinzufügen, sondern still sich freuen an den Nischen und Winkeln, die der Weltgeist für sie ausgespart hat, still überwintern dort und voller Zuversicht vertrauen darauf, daß die Partei eine noch glücklichere, weil sichtbare Lebensweise in einer fernen, schönen Zukunft ihr zuweisen wird.
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Dallas oder Denver?
Diedrich Diederichsen über den Wettlauf der TV-Serien
Am Anfang war Der Denver-Clan einfach schlecht. Kein Mensch gab einen rostigen Nickel für die Carringtons, obwohl alle monatelang auf die große Konkurrenz für Dallas gewartet hatten.
Nach der einhelligen Denver-Ablehnung kam dann die Überraschung: Ganz Deutschland gab auf einmal zeitgleich vor, nur noch Denver zu sehen und Dallas langweilig zu finden.
Und jetzt ist plötzlich ebenso überraschend endlich die große Konfusion da. Die ersten schwenken zu Dallas zurück, die letzten zu Denver hin, die allerersten wieder zu Denver.
Dallas war neu. Neuer als alle Videospiele, Heimcomputer, Pop-Videos, Breakdancer und Synthesizer zusammen. Dallas war das erste Sein-bestimmt-das-Bewußtsein-Produkt der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Das erste vollmarxistische Kunstwerk made in USA – aber ohne jedes verbrauchte europäische Zeichen für „links“, „kritisch“, „dekuvrierend“.
Die Serie stand eher in der Tradition Brechts als in der von Lukács. Wie ein Brettspiel zerlegte Dallas sein Thema: Wie die Lebenslügen der Hochfinanz unter dem Druck ökonomischer Vorgänge entstehen. Ein Zufallsgenerator sorgte, so schien es, für die Abfolge der Probleme und der daraus entstehenden Folgeprobleme. Im Abstand von acht Wochen wurden neue Elemente eingeführt, entweder in Form von Charakterveränderungen der handelnden Personen oder durch neue Personen und Schauplätze.
Nicht kontrolliert von Geldzirkulation, Lohn, Preis und Profit war einzig die Sphäre weiblicher Neurosen, wo sich Dallas Vulgärpsychologismen mehr oder weniger charmanter Art leistete, auf die das Stammpublikum in den USA nicht verzichten kann. Trotzdem war ich fest überzeugt, daß Dallas irgendwo im Himmel von David O. Selznick, Sergej Eisenstein, Roland Barthes und John Ford als das massenkulturelle Kunstwerk des 20. Jahrhunderts konzipiert worden sein muß.
Dann kam Denver und die große Enttäuschung. Voll ZDF-mäßig.
Denver war im Gegensatz zu Dallas vertikal organisiert, im Mittelpunkt standen Fahrstühle und Treppen, Helikopter und Flugzeuge. Hierarchien, wohin man sah. Haushalt mit Haushaltsvorstand, darunter das Gesinde in verschiedenen Rangstufen, darüber Gott, der Präsident und die Araber. Und ständig kletterte und schraubte sich irgend etwas nach oben oder fiel herunter, ganz amerikanisch-reaktionär soziale Durchlässigkeit suggerierend. In Dallas bleibt oben, wer oben ist. Man bewegt sich auf einer Ebene, vorzugsweise mit dem Auto. Horizontal, wie Geldverkehr nun mal verläuft.
Lediglich das Öl lag in beiden Sendungen unter der Erde. Aber nur Denver hielt es für nötig vorzugeben, daß diejenigen, die sich am Öl die Finger schmutzig machen, aus derselben gesellschaftlichen Sphäre stammen wie jene, die daran verdienen (Matthew Blaisdal, Steven Carrington).
Denver machte Reichtum sichtbar in schrillem US-Barock. Dallas zeigte Kapitalismus, wie er heute ist. Geld ist Kontoauszug und Kreditkarte, nicht Schloß und Schein. In Dallas werden Geschäfte gemacht, in Denver nur Erbteile hin und her geschoben. Der Gipfel der Gestrigkeit war aber die Idee, die Tochter des Konzernchefs Blake Carrington (die farblose US-Ausgabe einer Kreuzung aus Carstens und Stoltenberg, die gegen die farbige US-Ausgabe einer Kreuzung aus Schmidt und Strauß, J.R. Ewing, nie eine Chance hatte) ein Verhältnis mit ihrem Chauffeur haben zu lassen. Pfui Deibel! 19. Jahrhundert!
Dallas zeigte den Massen, wie – auf dem Bildschirm, vor aller Augen – wirtschaftliche Abläufe Lebenslügen und Ideologien produzieren. Denver blieb beim alten amerikanischen Glauben, daß es auf jeden allein ankomme, und verbreitete ernstgemeinte Sätze, die mit „Ein Mann muß …“ anfangen. Fiel in Dallas so ein Satz, dann höchstens, um exemplarisch Dummheit (wenn der Sprecher des Satzes daran glaubte: Ray Krebbs) oder Lüge (wenn er nicht daran glaubte: J.R. Ewing) vorzuführen.
Die Schwäche des Denver-Ensembles (Ausnahme: Pamela Sue Martin als Fallon) tat ein übriges: keine Profile (von J.R. wollen wir gar nicht erst anfangen) wie die der tragischen, neurotischen Sue Ellen, des rätselhaften schwarzen Lochs Miss Ellie, des bizarr-verwachsenen Elends Lucy Ewing, des mit Grandezza scheiternden Kapitalisten zweiter Klasse Cliff Barnes.
Dann tat Denver etwas Cleveres. Die Macher von TV-Serien in den USA sind kurzgeschlossen mit Demoskopen, die minutiös ermitteln, wie welches Element welchem Zuschauertyp gefällt. Auf entsprechende Wünsche wird daher gern eingegangen. Soweit die Logik des Drehbuchs und die Gesetze der Narration es erlauben.
Dallas hat gegen diese Gesetze nur einmal verstoßen, als man den tödlich verunglückten Dusty Farlow, auf das leidenschaftliche Bitten weiblicher Zuschauerteile hin, wieder ins Leben zurückrief und ihn noch eine Weile als behinderten, impotenten, aber dennoch geliebten Klotz am Bein Sue Ellens fortvegetieren ließ, bis ihn sein Vater nach und nach ablöste, der sich noch heute bester Gesundheit und der Zuneigung der alten (Miss Ellie) wie der mittleren (Sue Ellen) Ewing-Generation erfreut. Andere krude Eingriffe dieser Art hätten sich mit dem Konzept von Dallas nicht vertragen, für das essentiell bedeutsam ist, daß die einmal aufgestellten Regeln eingehalten werden.
Bei der noch jungen Serie Denver war es ein leichtes, den Zuschauerwünschen schnell und unbürokratisch nachzukommen. Charaktere veränderten sich über Nacht: Fallon war erst nymphoman und hat nun schon seit Wochen keinen GV mehr gehabt, Steven war erst schwul, dann nicht mehr, und was die periodisch auftauchenden, mehr oder minder mißratenen Mitglieder der Mischpoke Krystles betrifft, scheint das US-Publikum unentschieden zu sein; so oszillieren sie zwischen An- und Abwesenheit, Gut und Böse.
Noch unbekümmerter geht man mit Charakteren um, die einfach unerträglich wurden oder deren Darsteller kündigten und daher über Nacht eliminiert werden mußten: die moralinsaure Blaisdel-Bande oder der Superficker Dr. Toscanni.
Der Clou aber sind die überraschenden Neuerwerbungen: Alexis, der erste Denver-Star, der annähernd das Format besaß, J.R. in den Vorwahlen Delegierte abzujagen; Kirby – es mußte einfach noch eine junge Frau ins Haus Carrington; Adam – mit den Männern war es auch nicht so toll. Demnächst folgt der kokainsniffende Halbwelt-Playboy Peter de Vilbis (Helmut Berger!) und die Eliminierung des Butlers Joseph.
Inzwischen leiten sich sämtliche Handlungsstränge nur noch aus dem Druck her, das Auftauchen, Verschwinden und Wiederauftauchen einigermaßen logisch zu begründen. Ein Handlungsstrom ist fast verschwunden. Jeffs Siechtum ist eigentlich die einzige Nebenhandlung, die ihre Spannung nicht aus dem bevorstehenden Auftauchen oder Verschwinden einer Spielfigur bezieht.
Dabei wird Denver immer besser. Denn nun lösen sich vor unseren Augen die biederen Erzählgerüste und alle Psychologie des vorigen Jahrhunderts auf, und die Serie hangelt sich atemlos von Knalleffekt zu Knalleffekt. Rückhaltlos setzt die erste vollkybernetische Fernsehserie der Welt jetzt auf Demimonde-Glamour und Chichi-Pracht. Die dominierende Figur ist längst Alexis Carrington-Colby, und mit ihr verschreibt sich die ganze Serie dem totalen Talmi. Zumindest für einen kurzen Moment ist das ein roher, seltener Spaß.
In Alexis Carrington (Joan Collins) hat Denver darüber hinaus eine zentrale Figur, die verkörpert, was man bei Dallas in letzter Zeit fast vergessen hat: Sex. Vulgärer, whiskeytrunkener US-Neureichen-Sex, der mit seiner ungesund-fiebrigen Ausstrahlung das TV-Publikum anzieht und nach allen Regeln der Kunst verdirbt.
Und Denver hat den Jugendvorteil. Es gibt in Dallas keine Jugendlichen mehr: Was ist die tröpfchenweise erzählte Randrandgeschichte zwischen der unattraktiven Lucy und dem Ray-Krebbs-Protege Mickey gegen den allamerican Jeans-Hintern von Sammy Jo oder gegen die Haare von Kirby?
So häuft Denver immer mehr Glamour an, ohne sich um alte Werte wie Glaubwürdigkeit, Charakterpsychologie, dramatischen Aufbau zu scheren.
Und ist Dallas nun ein rein intellektuelles Vergnügen geworden? Minderheitenprogramm? Abstrakt und entschlackt? Das Bauhaus unter den TV-Serien?
Dallas ist nicht untätig geblieben. Zurückhaltend, unspektakulär und mit langem Atem sind Schwächen nach den Wünschen der Zuschauer ausgemerzt worden.
So hat der flache, moraltriefende Bobby Ewing einen Charakter bekommen; ihm ist ein eigenes kleines System von Widersprüchen zuteil geworden. Seine Frau Pam geht fremd, was schon immer Profil bilden half. Sue Ellen gewinnt Größe in ihrer Paraderolle im Kampf mit dem Glas, das neulich, wie das berühmte Hitchcocksche Milchglas aus Suspicion, von so einer typischen amerikanischen Theke Millionen Fernsehzuschauer diabolisch angrinste: „Hallo, ich bin der Alkoholismus!“
Sogar Miss Ellie ist plötzlich in eine geriatrische Quasi-Affäre verwickelt, und Cliff Barnes läuft als krähender, trotziger Tropf mit Galgenhumor und grandiosen Gesten zur Form seines Lebens auf.
Angesichts dieser dramaturgischen Filigranarbeit ebbt die Freude am vollkybernetischen Denver-Clan doch ein wenig ab. Nun droht die Serie in eine haltlose Beliebigkeit umzuschlagen, gegen die auch alle Demoskopie nicht mehr hilft. Denn wenn der Zuschauer alles kriegt, was er will, wird er verzogen und übersättigt und will plötzlich etwas anderes: die ruhige strenge Wahrheit von Dallas. Die formelhafte, logische Week-to-week-Chronik des ganz alltäglichen Kapitalismus.
Denver ist Gary Hart. Die neue Idee. Der rundum kybernetisch-demoskopisch-imagetheoretisch abgesicherte Kandidat. Das Volk schmeckt an der neuen Idee, begeistert sich kurz und findet dann heraus, daß unsere 80er Jahre nicht das Jahrzehnt für neue Ideen sind. Daß die ganz alten Konflikte, das ganze alte Soziale wieder zählt. Und wählt den alten Sozialreformisten Fritz. Dallas ist Mondale.
Was ist besser?
Dallas.