Autor: admin

  • Depeche Mode: … absolute here today (… aber vielleicht gone morgen mittag)

    Daß diese Geschichte von Depeche Mode handelt, ist ein Zufall. Sie könnte genauso gut von Duran Duran (schlechter), Classix Nouveaux (grauenvoll) oder Heaven 17 (besser) handeln. Sie handelt von einer dieser Bands, nach denen modebewußte junge Engländer (und Bewohner anderer europäischer Metropolen) zur Zeit gerne tanzen und deren Musik wesentlich auf Synthesizer aufbaut.

    Depeche Mode haben nur das Glück, in Deutschland massiver von ihrer hiesigen Plattenfirma/Musikverlag unterstützt zu werden. Seit Wochen halten sie Platz eins der Alternative Charts besetzt, so wie die großen Brüder von Spandau Ballet die „richtigen“ Hitlisten. Aber auch da haben sie einen Fuß reingeschoben, und irgendjemand scheint unwahrscheinlich auf ihr kommerzielles Potential zu setzen. Die Bewirtung der Journalisten war jedenfalls ziemlich gut und gewährte interessante Einblicke in die letzten Innovationen des Hotelgewerbes. Mein Zimmer lag am Ende eines dieser psychedelischen Gänge, die so fett mit Teppichboden ausgelegt sind, daß man ständig das Gefühl hat, sie seien uneben oder man würde in ihnen versinken, wie auf einem Flokati auf Acid. Dann mußte ich eine kleine Karte in einen Schlitz schieben, wo ein Laser-Abtastgerät den täglich wechselnden Code ablas, und, wenn er stimmte, mit einem kleinen gefühlvollen Surren sein Einverständnis kundtat und die Zimmertür aufspringen ließ.

    Dort saß ein Mann im Fernseher und erzählte viel von Lords und Sirs, die einander empfingen und abholten und andere adlige Botschafter einluden oder irgendwohin reisten. Später fand ich heraus, daß es die Nachrichten waren. Ein Farmer in Schottland hatte seine Schafe in der Farbe des Union Jack bemalt, um das königliche Brautpaar zu ehren, erzählte der lustige Onkel. Ich mußte an das Tagebuch des Samuel Pepys denken (1660-68). In England hatte sich nicht so viel verändert.

    Oder doch? Je schlechter die Zeiten, desto exotischer die Moden, desto perverser der Lebenswandel derer, die es sich leisten können. So lautet ein Gemeinplatz, mit dem man sich gegenwärtig dem Blitz-Kids-Phänomen nähert. Man vermutet, zumal in Deutschland, verantwortungslose, überzüchtete Sprößlinge reicher Familien, dekadenten Abschaum einer nicht mehr funktionstüchtigen Gesellschaft, elitäre Arroganz und Menschenfeindlichkeit. Ein Radio-Moderator ging unlängst soweit, bei der Rhythmusmaschine in einem Spandau-Ballet-Titel faschistische Exekutionskommandos zu assoziieren. Naja, wenn es darum geht, Jugendlichen, die man nicht versteht, einen Faschismusverdacht anzuhängen, ist die ältere öffentlich-rechtliche Generation immer von einer Phantasie gesegnet, die sie sonst vermissen läßt. Anschließend legte der Mann Chuck Berry auf und pries den guten alten Rock’n’Roll: „Hail, Hail undsoweiter deliver me from the days of old“. Erschüttert mußte jene verlogen-linksliberale Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, daß es sich bei fast allen Vertretern der New-Romantics/Blitz-Kids-Bewegung um Figuren aus der Arbeiterklasse oder der verarmten Mittelschicht handelte. Das durfte nicht wahr sein. Sollte sich das Proletariat etwa weigern, weiterhin dreckig zu sein, zu schwitzen und nach Bier zu stinken, wie es sich gehört? Äußerst verwirrend für unsere aufgeschlossenen Meinungsfabrikanten.

    Auch Depeche Mode sind – man rechnet sie zur New-Romantics-Bewegung – simple Vorstadt-Kids, die sich in Pop versuchen. Mit einem Talent für leichte, nette Melodien und einem nicht übertrieben ambitionierten, aber gut durchdachten Design/Outfit-Konzept erwarben sie die Gunst von Daniel Miller, der mit ihnen zwei nicht sonderlich aufregende, aber unterhaltsame Singles für ein Mute-Label aufnahm. Geliebt werden sie von denen, die genauso sind wie sie: von den Tänzern im „Venue“, die sich mindestens eine Stunde auf das Ausgehen vorbereitet haben und nun nichts weiter wollen als gut aussehen und sich hübsch bewegen, das andere Geschlecht anlocken oder auch das gleiche. Man will was für den Körper tun. Die da oben, die Band, macht dasselbe: Kleine elegante Vor-Zurück-Bewegungen über den drei elektronischen Gerätschaften, und der vierte Mann am Mikro versucht ein wenig zu posieren. Die ganze Band ist noch sehr jung. Wie bei allen neuen kurzlebigen Bewegungen sind Band und Publikum vom selben Menschenschlag. Als der Set vorbei ist, wird einfach zu ähnlicher Musik weitergetanzt, ohne Unterbrechung bis zwei Uhr. Darunter von Heaven 17: „(We Don’t Need This) Fascist Groove Thang“. Und dazu wird genauso getanzt wie vorher zu DAFs „Mussolini“.

    Die New Romantics haben keine besonderen Werte, die sie verteidigen, sie wollen sich nur auf eine naive Weise etwas Würde zulegen, unverwechselbar werden. Lest in der Spandau-Ballet-Geschichte nach, was es bedeutet, gut auszusehen. Die New-Romantic-Kultur hat sehr viel Hohles hervorgebracht (Visage, Ultravox, Classix Nouveaux), aber ich sehe, daß wir gemeinsame Feinde haben: Die Bewahrer des Status Quo, der Meinungsscheiße, der Klischeestandpunkte. Depeche Mode haben sich unvoreingenommen von dem z. Z. grassierenden Traditionsfieber bestimmter neuer Pop-Technologien bedient, mit einer Direktheit, die an Punk erinnert. Nur mit einer anderen Zielsetzung, mit einer anderen Geste. Ihr Approach, ihre Art für Tanz und Melodie zu arbeiten und sich dabei nicht an ihren extrem flachen Texten wundzuscheuern, ist ein weiterer Schritt zur Abkoppelung jugendlicher Gefühls- und Begriffswelt von den Kategorien unserer Kultur. Wahrscheinlich werden von der ganzen Musik, die nach ihnen an diesem Abend zum Tanz gespielt wurde, nur Heaven 17 und Spandau Ballet die Substanz haben, um es längere Zeit zu machen, aber Depeche Mode sind absolut here today und sehr wahrscheinlich gone tomorrow, somit aber wahrscheinlich die beste Momentaufnahme der aktuellen Stimmungslage.

    Einen Tag später im Kensington-Center: Hier, wo in diversen Winzboutiquen auf drei Stockwerken in den Siebzigern Fashion verhökert wurde, wird jetzt Fashion gelebt. In jeder dieser extrem schmalen Nischen ist irgendeine Sekte beheimatet. Drei Teds lehnen an einer Musikbox als wollten sie für Guy Pellaert Modell stehen, die Kleidungsstücke auf den Stangen an der Wand wirken nur wie Alibi, nicht zum Verkauf bestimmt. Ein Junge mit mehreren grün-gefärbten Reinigungs-Mopps auf dem Kopf grunzt mich an: „Loik mai Hairstail?“ Neben dem Ted-Laden treten sich zehn Skins auf die Stiefel, während sie in einem Zehn-Quadratmeter-Raum zur Musik von Four Skins Jacken begutachten. Ken Lockie sitzt im nächsten Raum, trinkt Tee mit anderen schwarz-gekleideten ernsten jungen Männern, sie wirken wie Aristoteles mit Schülern und debattieren würdig irgendein philosophisches Thema. Von nebenan dröhnen durcheinander: Duran Duran (aus der Blitz-Boutique), B-52’s (vom Futuristic-Shop) und Clash aus der Ecke, wo Star-T-Shirts verkauft werden. Eine Sozialarbeiterin macht Anschläge an ein schwarzes Brett: billige Wohnungen, Halbtagsjobs. Und aus dem Plattenladen: Die intellektuellen Del-Byzanteens aus New York.

    Niemand bekämpft sich hier. Die einzelnen Gruppen gehen ihren Ritualen nach und lassen einander leben. Man läuft hier keinen Klischees von sich selbst hinterher. Alles ist in Bewegung, auch wenn vieles darunter so dumm ist, daß einem übel wird (Welcher 16-Jährige ist schon klug?). Die Leute tun aber alles für ihre Autonomie: „I got a right to live and be in love with music so fancy free“, singt Debbie Harry auf Koo Koo. „Music belongs to the people“, Kid Creole und seine Coconuts. Wem das zu unpolitisch ist, der sollte seinen Begriff von „Dem Politischen“ überprüfen. We need a marxist Groove Thang!

  • Das Tier

    Was für ein Film. Joe Dante hat seine Wurzeln in Roger Cormans eiliger B-Film-Fabrik wahrhaftig auszunutzen gewußt! Sein Film Das Tier ist gespickt mit Verweisen auf die genaue Kennerschaft seines Regisseurs in allen Bereichen des B-Films und der ihn umgebenden Trash-Kultur. In hochkarätigen, ausgeklügelten Bildern streift er aber auch, stets leicht amüsiert, Genres wie moderne Social Fiction à la China Syndrom. Eine Fernsehansagerin ist einem geheimnisvollen Mörder auf der Spur, stellt ihn live in einer Video-Duo-Box, wo er von einem flinken Streifenpolizisten präventiv einstweilig erschossen wird.

    Aber Werwölfe sind nicht so schnell kleinzukriegen …

    Die Szene wechselt schnell. Eine skurril besetzte Psycho-Erholungssiedlung soll die junge Frau von dem Schock in der Duo-Box heilen. Doch im Wald hängen Nebelschwaden, und was kann der von Patrick Macnee (= John Steed) gespielte Trivial-Psychiater schon dagegen ausrichten. Am schönsten sind natürlich die Bilder von der ersten gemeinsamen Nacht eines frischgebackenen Werwolfs mit einer nymphomanen Artgenossin. Zeremoniell werden die Bademäntel abgelegt, im Vordergrund flackert ein Feuerchen, und durch die Wipfel schimmert der Vollmond. Zuerst sind sie ja Menschen und tuns auch wie Menschen und dann wird aus Lustgeschrei Wolfsgeheul, Zähne werden ausgefahren, Haare sprießen aus der jungen West-Coast-Amerikaner-Haut, und zwei Hundesilhouetten vereinigen sich schließlich brünstig jaulend im Lichte des magischen Mondes. Aber das ist nur einer der Höhepunkte. Denn das Gute am Tier ist, daß alle seine Relativierungen durch Zitate, Überzeichnungen und gute Witze in dramatischen Momenten (kurz bevor ein Werwolf mal wieder eins seiner Opfer verschlingt, wird kurz ein kleiner Farb-TV gezeigt, auf dem sich gerade Disneys Ede Wolf das Maul leckt) nicht zu verminderter Spannung führen. So entsteht keine studentische Lachorgie über einen absurden Film, sondern harter Horror, brillante Bilder und soziologische Satire: Auch unter den Werwölfen gibt es konservative Rednecks, die die liberale Linie, auf Menschenfleisch zu verzichten und nur noch Kühe zu reißen, ablehnen; dazu typisch kalifornische Wesen, die schon Gestalt-Therapie, EST und Scientology hinter sich haben und das Werwolf-Leben als „eine unheimlich gute Erfahrung“ betrachten, und sogar liberale Pseudo-Psychoanalytiker, die ihr Doppelleben tarnen und sich anpassen wollen.

    Mehr verraten, hieße die Überraschung zerstören.

  • Super 8 Welle

    Daß Punk vergleichbare Phänomene in anderen Medien hervorgebracht hat, dürfte sich ’rumgesprochen haben. Die Rückkehr zum direkten, expressiven Ausdruck, zum Tafelgemälde in der bildenden Kunst ist oft entsprechend interpretiert worden. Daß inzwischen auch in der Arbeit der Filmavantgarde ähnliche Tendenzen abzusehen sind, wurde schon in einem Artikel im Sounds 11/79 abgehandelt. Inzwischen sind auch hier die Folgen zu beobachten, die Rückkehr zu narrativen Filmen nicht nur bei jungen Super-8-lern, sondern auch die Nestoren der Bewegung kehren zu Spielhandlungen zurück.

    Die Bs, Scott und Beth B, waren die ersten konsequenten und ausdauernden Arbeiter der New Yorker Super-8-Szene. Rechnet man Vorläufer wie The Legend Of Nick Detroit nicht mit, so waren sie es, die dem Super-8-Film einen festen Platz in der New Yorker Rock-Szene sicherten. Nicht nur die vielen Schauspieler aus Musiker-Kreisen sorgten für die Aufmerksamkeit des Rock-Publikums. Scott und Beth B zeigten ihre Filme vorzugsweise in Rock-Clubs, während der Umbaupause oder vor Beginn des Konzerts. Die beiden kamen aus der Kunst-Szene, hatten als Bildhauer und Maler gearbeitet und entschieden sich für die Kamera, um ein direkteres und vielseitigeres Arbeiten zu gewährleisten. Beth: „Wir wollten Bilder herstellen, aber gleichzeitig intensiv mit Klängen arbeiten. Wir wollten Bildkompositionen, aber auch Charaktere, wir wollten aktuelle Dokumente, aber auch Fiktion. G-Man, unser erster Film, sollte eine Kombination aus dokumentarischen und experimentell-narrativen Filmtypen sein.“

    Man konnte ihn jetzt in diversen europäischen Großstädten bei der Europa-Tour der Bs sehen, einer Tour, die geprägt war von den gleichen Regeln und Gesetzmäßigkeiten wie die Tour einer Rock-Band. Nach ihrer ersten Show in Hamburgs semi-kommunalem „Metropolis“-Kino nahmen wir die Bs zu einer Calypso-Party mit, die Musiker von Schaumburg und den Zimmermännern organisiert hatten. Vor dem Hintergrund sommerlich-entfesselter Leidenschaften zeichneten sie in ihren Erzählungen virtuos Bilder von der amerikanischen Degeneration, von religiösen Wahnsinn, einer mit debil nicht mehr ausreichend umschriebenen Medienwelt und von Moden in New Yorks intellektueller Schickeria: „In sind zur Zeit Filme aus Deutschland, Philosophen aus Frankreich, Musik aus England und Politik aus Italien, also Autonomisten und solche Sachen.“ Als es den beiden zuviel wurde, sah man sie dann auch zu den Klängen von The Mighty Sparrow, Lord Kitchener und Van Dyke Parks tanzen.

    In einigen der B-Filme taucht übrigens Lydia Lunch in tragenden Rollen auf, und man macht ja mit New Yorkern immer dieselbe Erfahrung. Sie präsentieren sich als bösartige, unberechenbare, unzugängliche Wesen, und wenn man sie kennenlernt, sind sie gütig, einfach und nett. Wir haben nur noch die Hoffnung, daß Lydia ist wie ihr Image: „Da können wir dich enttäuschen. Sie ist vor ein paar Tagen aus Kalifornien zurückgekommen und redet viel von ‚Love and Peace‘. Der einzige, der wirklich unberechenbar und dabei genial ist, ist Jack Smith.“ Jack Smith hatte 1962 einen der wichtigsten Underground-Filme aller Zeiten gemacht, Flaming Creatures.

    G-Man von 1979 handelt in seiner jetzigen, gekürzten Fassung von einem Spezialisten zur Terroristenbekämpfung, gespielt von dem wunderbaren Bill Rice und seinen Erlebnissen bei einer Domina. „Dieser Mann lebt von dem, was er bekämpft. Seine Aufgabe ist es, den Terrorismus zu verhindern, gleichzeitig muß er, wenn er seinen Job behalten will, dafür sorgen, daß Terrorismus weiterbesteht.“ Eindrucksvolle Bilder, vom Fernsehen abgefilmt, zeigen diverse Momente amerikanischer Terrorismus-Fernsehsendungen. „Es war die Zeit der RAF in der BRD und anderer europäischer Aktivitäten. Gleichzeitig dachten wir über Repräsentanten der Autorität nach, wie hier Bill Rice einen verkörpert. Der Film hat mit der Widersprüchlichkeit der von den offiziellen Medien zu diesem Thema ausgestreuten Informationen zu tun, auch mit der Paranoia, die erzeugt wurde in diesem Zusammenhang. Und die notwendig ist für die Terroristenfahnder, um nach Terroristen fahnden zu können. Das Interview mit Bill Rice in dem Film basiert auf einem Interview, das wir mit einem wirklichen Fahnder gemacht haben.“ Wir erzählen den Bs von den genialischen Systemen des Horst Herold und daß perfekte Fahndung keineswegs eine Errungenschaft sogenannter konservativer Politiker ist, sondern daß bei uns ein Sozialdemokrat alle anderen übertroffen hat, aber daß Herold so durchgeknallt ist, daß seine Theorien auf eine schon subversive Weise die Wahrheit sagen. Ähnlich wie in den Teilen von G-Man, die vom Fernsehen stammen. Da wird gezeigt, wo man Bomben auf Flughäfen suchen soll, aber damit gleichzeitig, wie man sie verstecken kann.

    Ein anderer Film der Bs läßt Prominente aus der New Yorker Underground-Szene Briefe an Jim Jones, den Mann, der in Jonestown 900 Leute einen Massenselbstmord begehen ließ, vorlesen. Jeder durfte sich seinen liebsten Brief auswählen, den, mit dem er sich am meisten identifizieren konnte. Arto Lindsay, Pat Place, Laura Kennedy (auch Bush Tetras) und Beth B selber geben die eindrucksvollsten Vorstellungen. Ein weiterer Film zum B-Lieblingsthema: Gehirnwäsche, Manipulation. Das wohl drängendste Thema in den USA. Das, was in dem dann folgenden Film Black Box Lydia Lunch an Folterungen an dem harmlosen Blonden Jim Mason durchführt, kommt zwar (hoffentlich) noch nicht in den USA vor, aber die Gerätschaften werden dort hergestellt, wie die Bs, die für jeden Film eine Menge recherchieren, herausgefunden haben: Eine kleine Metallkammer, in der man weder stehen noch liegen kann und nach Stunden vollkommenen Reizentzugs mit Licht- und Geräuschkaskaden gefoltert wird. Während The Offenders, der als achtteilige Serie gedreht wurde und nach und nach im Max’s gezeigt wurde, auf eher lustige Weise kleine absurde Bandenkriege und die Geschichte einer Ausreißerin porträtiert (wieder spielen jede Menge Musiker mit: Evan Lurie, John Lurie, Adele Bertei, Lydia Lunch und Diego Cortez), arbeiten die Bs zur Zeit mit einem 16-mm-Film über Evangelisten wieder in ihrem Gebiet. Evangelisten, religiöser Wahn, eine massive religiös begründete Anti-Schwulen-, Anti-Abtreibungs-, Anti-etc.-Bewegung durchflutet die USA und hat nicht zuletzt Reagan zur Macht verholfen. Radikale Sekten kontrollieren Fernsehsender mit Dauerprogrammen in allen Staaten, setzen Werbefirmen unter Druck, die liberale Sender unterstützen, und verbreiten schwarze Listen mit gottlosen Fernsehsendungen. Von den Vinylverbrennungen ganz zu schweigen. Im NME wurde ja kürzlich auch Lennon-Mörder Marc David Chapman mit der Anti-Rock-Kampagne dieser Christen in Verbindung gebracht. Die Bs können da eine Menge Horror-Stories über unseren mächtigen Verbündeten erzählen. „Alle unsere Filme handeln von Kontrolle, wie in den verschiedenen Aspekten des Lebens Kontrolle über andere ausgeübt wird. (…) Aber wir sind, obwohl wir stets experimentelle Teile in unsere Filme integrieren und z. B. auch sehr extreme Filmmusik produzieren, dem narrativen Kino verpflichtet. Das Narrative, die Erzählung, die Handlung hilft der Kommunizierbarkeit, so wie der durchgehende Beat beim Rock’n’Roll.“

    Für dieses Statement hatte Scott noch einmal das Band zurückgespult: „Unsere Filme illustrieren Philosophien. Trap Door z. B. illustriert die Nietzschesche Idee, daß es zwei Moral-Strukturen gibt, eine bestimmt für die Massen, ‚sei ein netter Junge‘, ‚sei ein guter Christ‘ und die zweite heißt ‚Nimm alles, was du kriegen kannst‘.“

  • Metropolis-Jubiläum – Nicht sehr weich, aber man gewöhnt sich

    Weil ich ein Metropolis-Gänger sei, sollte ich übers zweijährige Jubiläum schreiben, war die Idee des zuständigen Redakteurs. Ich halte mich insofern daran, als ich nicht recherchieren oder bilanzieren will, sondern meinen Eindruck von dieser Institution aus der Position eines privaten Kinokunden wiedergebe, der sich um die Befriedigung seiner cinephilen Bedürfnisse sorgt.

    Die Kinosituation in Hamburg war von jeher katastrophal. Das „Abaton“, das sich stets auch um das eigene kommerzielle Überleben kümmern mußte und mehr und mehr in eine Situation geriet, wo es eine bestimmte, gewachsene, soziologisch klassifizierbare Subkultur mit ganz bestimmten filmischen Gütern beliefern mußte, konnte nicht alleine leisten, was in anderen Großstädten die kommunalen Kinos besorgten: Das Fundament einer soliden Filmbildung liefern und die Avantgarde, vorzugsweise die heimische, fördern.

    Dann wurde auch in Hamburg von einem Kommunalen Kino geredet. Hellmuth Costards Film Der kleine Godard zeigte eine sehr lustige Planungssitzung. Das Kino nannte sich dann „Metropolis“ und zog in die Räume des alten Dammtor-Kinos. Der Name war mir sympathisch, weil er auf Fritz Lang verwies. Ein gutes Omen. Er war mir weniger sympathisch, weil es sich ausgerechnet um jenen, längst geflügeltes Wort gewordenen und in den Wortschatz der Allerwelts-Metaphern eingegangenen Titel eines Films handelte, der so oft als definitive Großstadtallegorie herangezogen wird. So als ob sich ein Buchladen, der sich auf Science Fiction spezialisiert, „1984“ nennen würde. Ich war dankbar, daß sich das Kino nicht der studentischen Kundschaft anbiederte und sich „Themroc-Palais“ oder „Bogey“ nannte, aber noch besser hätte ich einen Namen wie „Intolerance“ gefunden. Es klingt einfach schöner, wenn man am Telephon sagt: „Ich geh’ ins ‚Intolerance‘.“

    Die Räume des „Metropolis“ sind ziemlich schön; denn sie sind würdig. Das Personal ist freundlich und weiß oft den Regisseur eines Films zu nennen, wenn man danach fragt. Das ist in Hamburg fast einmalig. Leider gibt es keinen Kaffee mehr und auch keine anderen Getränke.

    Ich finde, das „Metropolis“ sollte nach zweijähriger Arbeit selbstbewußter werden. In allen Vermittlungs-Geschäften (Journaille, Fernsehen etc.) hat sich seit ungefähr zwanzig Jahren eine Haltung breitgemacht, die die Person des Vermittelnden kenntlich macht und miteinbezieht in die Darstellung des zu Vermittelnden. Ich möchte eine solche Subjektivität auch fürs Kino. Ein Kino sollte sich weder als Sex-Shop noch als Bibliothek aufführen, es sollte sich geben wie eine Zeitschrift. Ein anspruchsvolles Kino sollte sich wie eine anspruchsvolle Zeitschrift geben, das „Metropolis“ verbirgt sein Programm zu sehr hinter Schein-Objektivität. Das mag an begrenzten Mitteln liegen, vielleicht liegt es aber auch an falscher Bescheidenheit.

    Ich mag auch die Askese des Kunstfilmbetriebs nicht leiden, die in den Anfängen der Filmkunst-Theater berechtigt gewesen sein mag, als die Dichotomie „kommerziell/avantgardistisch“ noch einen Sinn hatte. Heute wissen wir, daß auch das Kommerzielle, oft gerade das Kommerzielle formal viel kühner ist als das beamtete Avantgardistendasein mit Pensionsberechtigung (um mal etwas zu übertreiben). Ich meine: Das „Metropolis“ sollte Werbung zeigen vor dem Hauptfilm. Das entweiht, gibt Zeit, sich im tiefschwarzen Raum zu sammeln, bringt Geld – und oft gibt es die tollsten Sachen zu sehen.

    Die Attraktivität des Programmes wechselt für mich sehr stark. Ganze Monate gehe ich nicht hin. Ganze Monate hetze ich Tag für Tag zu den unmöglichsten Zeiten zwischen den Schaukästen in dem Hinterhof, eine Zigarette hastig im Sand des Foyer-Aschenbechers ausdrückend, um mich, oft mit knisternden Plastiktütchen beladen, meist während des Vorspanns, in der vierten oder fünften Reihe niederzulassen. Man sitzt nicht sehr weich, aber man gewöhnt sich. Die Filme werden mit größter Sorgfalt und komplettem Nachspann vorgeführt. Oft hält Heiner Roß Vorträge über die Schwierigkeiten der Kopiebeschaffung. Da er das tut, erspare ich mir hier die Recherche.

    Das „Metropolis“ arbeitet viel mit ausländischen Kulturinstituten, Botschaften etc. zusammen. Es beteiligt sich auch an Anlässen wie finnische oder polnische Wochen. Das hat sein Gutes, wenn die Botschaften oder Wochen oder Kulturinstitute die der Vereinigten Staaten, Frankreichs oder vielleicht auch Italiens sind. Auch Lateinamerika, Sowjet-Union oder Spanien mag hin und wieder hingehen. Aber leider wird viel zu häufig so ein Exotismus ausgelebt, der ausgerechnet den Ländern eine Chance gibt, wo sich eine Filmkultur überhaupt noch nicht entwickelt hat. Und wenn man sich nicht für die Länder selber interessiert, hat man nichts von zweiwöchigen Bulgarien-Dokumentationen. So was müßte Aufgabe des slavistischen Instituts der Universität Hamburg sein; im „Metropolis“ nimmt es die Zeit für Wichtigeres. Wenn das Wichtige getan ist, nämlich den Hamburgern die Geschichte des Films, die bislang spurlos an ihnen vorübergegangen ist, nahegebracht zu haben, kann man sich solchen Randerscheinungen widmen. Aber solange selbst Hamburgs aufgeschlossene Bevölkerungsschichten nicht einmal wissen, daß John Wayne ein großartiger Schauspieler war und ihn immer noch vor allem für eine Verkörperung des US-Imperialismus halten, muß hier noch viel getan werden. Zwar kennen inzwischen die meisten Menschen, die ins Kino gehen, Howard Hawks und (vielleicht auch dank des „Metropolis“) Fritz Lang, aber sie haben viele wichtige Filme dieser Regisseure nie gesehen. Ihre Aufführung war immer von kommerzieller oder programmplanerischer Zufälligkeit bestimmt, nicht von guten ‚halbwegs‘ vollständigen Retros. Schlimmer noch ist, daß Regisseure wie Raoul Walsh, Tay Garnett, Jacques Tourneur, Don Siegel, King Vidor, Preston Sturges etc. u. v. a. dem Namen nach überhaupt nicht bekannt sind, und wenn, vom Fernsehen. Und ein Film im Fernsehen ist ein Fernsehfilm, kein Film.

    Hier gibt es viel zu tun, hier muß ein Bewußtsein umgekrempelt werden, das sich in München z. B. schon in den Sechzigern wandelte, das in Berlin eine Selbstverständlichkeit ist. Stattdessen sehe ich im Programmkonzept „Metropolis“ eher die Gefahr, einen unter Kinogängern verbreiteten Irrtum zu verfestigen. Das Zusammenfassen von stilistisch, historisch und auch sonstwie heterogenen, verschiedenartigen, unvereinbaren Filmen zu Themen-Reihen fördert die Idee, ein Film sei nichts anderes als die Exekution eines Stoffes. Eine Reihe „Oh Verbrechen“ zu nennen und dann Filme zu kompilieren, in denen irgendwann ein Verbrechen begangen wird, ist ungefähr so wie Filme zusammenzustellen, deren Regisseure ein „M“ als Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens tragen. Die Programmkinos machen ja mit ihrem „Literatur im Film“-Unsinn ganz ähnliche Fehler. Warum verzichtet man nicht auf Rubrizierungen, wenn man keine zusammenhängenden Filme zusammen bekommt und sagt stattdessen: „Hier sind ein paar Filme, die gut sind und die wir gerade zur Verfügung gestellt bekamen“ oder so. Ich mache mir natürlich keine Vorstellung davon, wie nervenaufreibend und sonstwie grauenvoll die Arbeit an einem anspruchsvollen Kinoprogramm sein mag, aber ich möchte auf den Programmzetteln „meines“ Kinos keinen Unsinn lesen. Kino entwickelt sich nicht über Stoffe, sondern über Stile, Personen, Studios, politische Gegebenheiten etc. Dies gilt es sinnfällig zusammenzustellen.

    Und in diesem Punkt hat das „Metropolis“ Großes geleistet. Mit Lang fing es sehr gut an. Tagelang das Gesicht von Rudolf Klein-Rogge, tagelang die größten, gleichzeitig gewagtesten und akkuratesten Filme der Zwanziger zu sehen. Das war schon was. Moderne Begriffe von Fahndung und Polizei. Duplizität von Over- und Underground. Eine Fritz-Lang-Reihe ist ein künstlerischer Verdienst, ein massiver Eingriff ins Bewußtsein. Eisenstein-Reihen können wir auch im Abaton sehen, und außerdem gibt es da auch Werbung und Getränke. Der angekündigte zweite Schub Fritz Lang kam bis heute nicht. Wenn eine komplette Zusammenstellung aller seiner amerikanischen Filme zu schwierig sein sollte, dann tut’s auch ein Teil. Man läßt sich sowas gerne erklären.

    Ein andrer Höhepunkt war Jean-Marie Straub und Danièlle Huillet, denn die sind auf der Langstrecke die besten in Deutschland arbeitenden Filmschaffenden der letzten zwanzig Jahre. Im Zusammenhang sind ihre Filme nicht nur klarer, sondern auch besser. Zur Aufführung der beiden Böll-Arbeiten („Verfilmungen“ wäre ein falsches Wort, denn Straub/Huillet leiden gerade nicht unter der Bewußtseinstrübung, die diesem Begriff zugrunde liegt) Machorka-Muff und Nicht versöhnt war einer der alten Hauptdarsteller aus den frühen Sechzigern herübergekommen. Er saß amüsiert in der zweiten Reihe und man konnte ihn so von hinten und von vorne sehen. Die Holger Meins gewidmete Schönberg-Verfilmung Moses und Aron, die das Fernsehen dreimal wegen dieser Widmung absetzte, lief mit Widmung. Mein genereller Blick auf das Kino wurde durch die Retrospektive dieser Filme, die ich mir in den Jahren zuvor zusammenklauben mußte (Nicht versöhnt lief mal in einer dieser blöden „Literatur im Film“-Reihen nachmittags vor grölenden oder gelangweilt mit den Füßen scharrenden Schülern im „Magazin“, Moses und Aron vor protestierenden Alternativen im „Klick“) so verändert und umgestellt wie nachher nur noch einmal wieder im Metropolis, bei der David-Wark-Griffith-Retro, der wichtigsten pädagogischen Leistung dieses Betriebes.

    Man sollte dieses Monatsprogramm zur Pflichtvorführung machen für jeden, der aus Steuermitteln einen Film bezahlt bekommt. Die streng chronologische Anordnung machte klar, wie Kino entsteht; nicht nur, wie es historisch entstanden ist, sondern wie es Tag für Tag immer wieder neu entsteht. Wie Worte, Bilder, Gesichter, Bewegungen, Schriften, Blicke und Behauptungen aufeinander zugehen und sich gemeinsam auf den Weg machen. Es ist ja nicht damit getan, daß die Bilder laufen. Wenn man so etwas gesehen hat, ist nichts mehr so wie vorher. Nicht einmal der nichtigste Werbespot bleibt selbstverständlich. Film funktioniert nicht mehr wie vorher, wenn vorgeführt wird, woher er kommt, und was er im Wesen ist.

    Ich hätte nun gerne anschließend eine Stroheim-Retro oder eine Murnau-Retro oder frühe Ford-Filme gesehen, aber das war natürlich nicht möglich, auch das „Metropolis“ muß sich da vermutlich an einer gewissen Ausgewogenheit orientieren.

    Eine andere wichtige Aufgabe, neben der Filmbildung, das Arbeiten mit der Avantgarde, hat das Kino vorzüglich wahrgenommen. Gleichzeitig mit Griffith gab es Wybornys 16-mm-Filme komplett, was in verschiedener Hinsicht gut paßt. Die von ihm und anderen beeinflußte junge Hamburger Avantgarde fand gelegentlich ihren Platz. Häufiger wäre besser. Und sogar die bescheidenen Anfänge einer Hamburger Super-8-No Wave, wie sie in New York floriert, feierte wenigstens für einen Termin in Gestalt von Filmen von Klaus Maeck, Donald Fuck und Kid P. Einzug in den Kulturtempel. Häufiger wäre besser, und man sollte sich bei diesem Punkt von der Fixierung auf Hamburg lösen. Super-8-Punk existiert in der ganzen BRD und braucht dringend Öffentlichkeit. Ähnlich wie in Berlin das „Arsenal 2“ könnte das „Metropolis“ bei uns eine tägliche Einrichtung (vielleicht zur Nacht) auf die Beine stellen, die alte und neue Avantgarde zusammenbringt und in dem Rahmen ihrer kulturellen Umgebung präsentiert (Musik und bildende Kunst).

    Einmal kamen die Bs nach Hamburg. Scott B und Beth B sind zwei New Yorker Filmer, die durch die unabhängigen Kinos der Welt touren wie Rock-Bands. In Hamburg spielten sie im „Metropolis“ und brachten eine Menge amerikanische Intelligenz mit. Sie redeten mit jedem, der wollte, besuchten Parties und Konzerte und zeigten nebenbei auch ihre Filme. Solche Leute sollten öfters kommen. Es gibt genug davon. Ihre Anwesenheit erweitert die Ideen davon, was möglich ist.

    Das Publikum im „Metropolis“ ist eine angenehme Kreuzung aus „Abaton“, Kunstschule, Galerielöwe und Opernsänger. Von der „Abaton“-Kundschaft fehlen zum Glück die Freunde der lauten Unterhaltung im Kino, die einen Film nur noch betrachten können wie zu Hause vor der Glotze, nämlich dumm kommentierend, ständig erklärend und übertrieben amüsiert. So war es möglich, Filme ungestört stumm zu sehen, live Pianisten zuzuhören, die z. B. einige Lang-Filme untermalten. Etwas störend ist nur, daß eigentlich immer die Gleichen kommen, sich kennermäßig zublinzeln und zum ausgezeichneten Filmgeschmack gratulieren. Etwas zu wenig Culture-Clash im Publikum. Aber das liegt an der Beschaffenheit dieser Welt, nicht am Kino.

    Eine Leistung des „Metropolis“, die unbedingt gewürdigt gehört, ist der Blick auf Hamburg im Kino. Die Wiederholung der ersten Hamburger Filmschau war sensationell. Schön ist das Bemühen, dieser grauen, scheinbar gesichtslosen Stadt durch die Zusammenstellung von Filmbildern, auf denen sie in den verschiedensten Zusammenhängen vorkommt, zu einer romantischen Identität zu verhelfen, sie zu seinem gleichberechtigten Schauplatz zu machen, der es auch mit Chicago, New York, L.A. oder Paris aufnehmen kann.

    Viele schöne Aufgaben gäbe es für die Zukunft dieses Kinos. Zum Beispiel wünsche ich mir seit Jahren, daß sich mal einer wirklich umfassend und kenntnisreich dem ungehobenen Schatz amerikanischer B-Filme seit dem zweiten Weltkrieg widmet, der filmischen Pop-Kultur mit all ihren umwerfenden Bizarerien (man lese hierzu „The Cramps Guide To Teenage Monster Stories“), und die vielen Retros, die nur das dritte Programm vom WDR macht, wie man manchmal neidisch den TV-Programmen entnimmt, sind auch bitter nötig.