Autor: admin

  • Beate Klöckner: Kopfschuß

    Auf den unhipperen Feuilletonseiten der Republik stiftet dieser Film eine merkwürdige Unruhe: die einen umraunen ihn mit einer Wenders/Filmkritik-Remix-Schreibe, und die etwas simpleren Gemüter zeihen ihn der Gewaltverherrlichung. Dabei stößt einen Beate Klöckner recht deutlich auf das, was dieser Film sein soll: Kino über Kino, über die Wirkungsweise von Kino-Mythen und Attacke gegen einen stupiden Realismus-Begriff. Die Story handelt von einer Kinokassiererin, Filmgeschichten werden nicht nur einmal zitiert, Fernseher laufen, Filmplakate prangen, und ein etwas deplazierter junger Mann fragt das exzentrische junge Mädchen des öfteren recht unvermittelt, welchen Film sie gerade laufen haben oder ob sie mit ihrem Film zufrieden sei etc. So wie in den Siebzigern im Subkultur-Slang das Wort Trip zeitweilig durch Film ersetzt wurde: Da lief ein absolut irrsinniger Film, oder: Das ist nicht mein Film/Trip/Ding etc.

    Die nächtlichen Ausflüge, die irrealen Komplotte, Autofahrereien und die superknappen wir-sind-cool-wir-stehen-auf-schwarze-Serie-Dialoge sind denn auch alles andere als aus dem Leben gegriffen; sie winken mit ihren campy Zaunpfählen, daß man die Absicht merken könnte und verstimmt das Kino verlassen könnte, gäbe es nicht den absoluten Glücksfall der Hauptdarstellerin Barbara Rudnik. Die schafft es, ohne bemühten Gesichtsausdruck die kühle Entschlossenheit von Film-noir-Vorbild Lauren Bacall mit dem verworfenen Sex von Barbara Stanwyck zu verbinden, ohne daß man ständig denken muß: ah Zitat, ah schwarze Serie, ah Melville!

    Sie macht sich die zitierten Formen zu eigen, füllt sie mit neuem Leben und gibt Kopfschuß über weite Strecken die Klasse, die so ein verspielter Zitate- und Hommagefilm braucht. Wichtig fürs Gelingen dieser deutschen Nachtvision ist auch der hervorragende Soundtrack, der sich aus Titeln der 39-Clocks-LP zusammensetzt, Instant-Klassiker der neuen deutschen Nacht.

  • Gabor Altorjay: Tscherwonez

    „Tscherwonez“ ist eine russische Goldmünze, und davon hat jener brave, naive, russische Matrose (Tom Dokoupil) ein paar in der Tasche, als er sich beim Landgang in Hamburg auf die Flucht begibt, um seinen vor Jahren entflohenen Bruder zu suchen. Dabei gerät er in eine chaotische Komödie zwischen den Fronten: St.-Pauli-Salambo-Milieu, Supertechno-TV-BRD-Fahndung, tölpelhafter KGB, israelischer Geheimdienst und vietnamesische Boat People. Er verbrüdert sich mit afghanischen Spielern und flirtet unbeholfen mit einer eleganten, schwarzen Hure. Das alles passiert in rasanter Szenenfolge im wirklichen Hamburg zur beschwingten Unterhaltungs-Pop-Musik von Wirtschaftswunder (vergl. LP-Rezension im letzten Heft). Die große Weltpolitik schnurrt zu einer Bolz-Komödie zusammen, bei der die liebenswerten, mit dem verruchten Westen unvertrauten Russen eindeutig die beste Figur abgeben. Die Motive der deutschen Innenpolitik, gern „Probleme“ benannt und in Neue-deutsche-Welle-Texten thematisiert, wie Ausländerfeindlichkeit, BKA-Überwachung erhalten die geschmacklose Klamauk-Dimension, die sie verdienen. Bild-Details enthalten oft lustige Nebengeschichten oder Verweise; etwa wenn man in einem Caféhaus zwei Statisten an auseinanderliegenden Tischen Zeitung lesen sieht, und eine Viertelstunde später, wenn die Handlung das Café erneut streift, beide in eine angeregte Unterhaltung vertieft sind.

    Tscherwonez lebt stark von dem gebrochenen Blick, mit dem man als Ausländer leichter die spaßige Seite von Konflikten und nationalen Eigenheiten erkennen kann.

    Fast alle Protagonisten sind Fremde (Russe, Afghane, Israeli, Italiener, Vietnamese, Amerikanerin), und gefilmt hat ein Exil-Ungar. Tscherwonez erhält so die Struktur von Witzen dieses bekannten Musters: Kommt ein Lappe in Kasachstan in ein kurdisches Restaurant und bestellt ein Wiener Schnitzel. Sagt der kubanische Kellner … Die einzigen Deutschen von Bedeutung im Film sind die beiden jugendlichen, hippen, gelangweilten BKA-Polizei-/Fernseh-Fahnder, die mit ihrer Abgebrühtheit im Leben auch nur einen einzigen Witz sehen können. Als Schauspieler gefallen neben diesen beiden und Dokoupil vor allem Angelo Galizia als Unterwelt-Kellner und die drei russischen Verfolger, die, typisch und folgerichtig für diesen Film, von drei New Yorker Squat-Theatre-Schauspielern dargestellt werden. Ebenso konsequent, daß der türkische Fascho-Fanatiker, der die drei Russen in einem Kebab-Imbiß wegen ihrer Gottlosigkeit angreift, von einem kommunistischen türkischen Professor verkörpert wird.

  • Haircut 100 – Fantastisch!

    Haircut 100 – Spaß des Jahres? Kann es Schöneres geben an einem Maientag, als nach einem Ausflug ins Paulahölzchen sich im Tanzpalast „Trinity“ zu amüsieren? Und das zu den Klängen einer Band, die nichts anderes sein will als gut. Gut klingen, gut aussehen, gut unterhalten. Bis einem die Seele aufgeht.

    Blair Cunningham nimmt am äußeren Ende des Bühnenrunds hinter seinem Funk-Schlagzeug Platz, Mark (Ilford) Fox stellt sich hinter die Congas und das brasilianische Percussionsarsenal, ganz vorne. Ein deutsches „Wir sind Haircut 100“, von Mark freundlich und bestimmt dem Publikum erklärt, und es geht los. Dichte Rhythmen prasseln auf den Disco-Boden. Da läutet es zur großen Pause und zwanglos ergießt sich der Rest der Band auf die Bühne: Les Nemes am Baß, der stille Popper; Nick Heyward, Gitarrist, Sänger, Songwriter, zwar ständig grienend mit leicht melancholisch nach innen gekehrtem Minenspiel zwischen all der hellen, klaren Fröhlichkeit; Graham Jones, der Lausbub, eine Georg-Thoma/Wilhelm-Busch-Figur, wie Nick hält er seine Gitarre sehr hoch und liebkosend; Phil (Neville) Smith, der beschlagene Jazzer und John-Coltrane-Verehrer stellt sich neben die angeheuerte Bläser-Sektion (Trompete, Posaune), und nun sind alle komplett. Keine Chance, ungeschoren davonzukommen! Eine Welle von Charme flutet durch das verstockte Hamburg, tagklare Helligkeit illuminiert das Disco-Halbdunkel. Eine Wohltat für Geist, Ohren, Seele und so weiter.

    Manche sehen das anders. Der NME-Karikaturist Ray Lowry läßt z. B. zwei seiner Figuren ein Heavy-Metal-Konzert besuchen. In bekannter HM-Scorpions-Manier stemmen sich da die Gitarreros die Gitarrenschwänze zwischen die Beine und holen sich ihren stumpfen Macho-Orgasmus. „Nichts ist ekelhafter als eine Gitarre als Penisersatz“, seufzt einer der beiden. Im nächsten Bild sehen wir eine fröhliche kurzhaarige Truppe in hellen Haircut-Pullovern. Bläser halten ihre Hörner jubilierend in die Luft, und vorne an stehen drei Gitarristen, die ihre Gitarren ebenso hoch und waagerecht an die Brust drücken wie Haircut 100. „Aber Gitarren als Teddy-Bär-Ersatz sind fast ebenso brechreizerregend“, findet der andere.

    Die Rockism-Debatte erhitzte die englischen Blätter fast ein halbes Jahr. Rockists wie Lowry forderten realistische, authentische Musik und verachteten den leichtfüßigen Pop von Depeche Mode, Haircut 100 oder Human League. Und Anti-Rockist-Ideologen wie der überdrehte Paul Morley oder der brillante Ian Penman entwarfen kühne Pop-Theorien, die das Zeitalter des Rock’n’Roll mit all seinen zahlreichen, auch von mir, auch in dieser Zeitschrift beschriebenen Mythen und Festschreibungen, beenden sollten. Neue Freiheiten wurden gefordert für das Arbeiten mit Stil, Bild, Image, und in Sounds-Kreisen findet bezeichnenderweise nach einem Haircut-100-Konzert die gleiche Debatte statt, Jörg Gülden und Reinhard Kunert sind von Haircut nicht besonders bewegt (Gülden) bis gelangweilt (Kunert). Große Namen fallen, die Ähnliches besser gemacht hätten, aber auch nordirische Showbands könnten angeblich dasselbe (was Haircut 100 zu einem Lachanfall bewegt). Dabei geht es eben bei der heutigen Pop-Musik nicht mehr um die totale Bühnenbeherrschung, die individuelle Körper-Ekstase oder den Einer-für-Alle-Tod auf der Bühne. Auch nicht um das, was gerne als „Substanz“ für gestandene Rock-Helden beansprucht – und meist auch deren hartes, rechtschaffen kaputtes Leben bestimmt – wird. Es geht um eine subtile Art, mit Pop-Musik zu sprechen, um das völlig freie und befreiende Umgehen mit sonstwem und sonstwo gehörigem Material.

    In Wahrheit gehört es niemandem. Seit Jahrzehnten zieht sich dieser unerträgliche Diskurs von Klauvorwürfen durch die Argumentationsreihen von Rock-Kritik bzw. Kunst-Kritik allgemein. Besonders der beklaute Neger wird gern bemüht, weil sich da ja so schön eine Analogie zu ökonomischen/historischen Verhältnissen herstellen läßt. Aus dieser möglicherweise vor meiner Geburt berechtigten Argumentation ist ein großes paranoides System geworden, das nach den ursprünglichen Erfahrungen unverfälschter Originalität und nach Erfindern von Ästhetiken sucht, die es nicht gibt. Statt sich dem berückenden, entzückenden Amalgam zu öffnen, das die heutige Musikwelt darstellt.

    Schwierigkeit Nummer zwei für Haircut ist die Kritik-/Politik-/Realismus-Forderung. Wieder Lowry, der zeichnet, wie Haircut im TV eine verballhornte Version von „Favorite Shirts“ singen und das mit den Grausigkeiten von Falkland/Arbeitslosigkeit/Polizeistaat etc. kontrastiert (Haircut-Mitglieder meinen übrigens zu Falkland, daß es Linke in die groteske Situation versetze, mit Faschisten solidarisch zu werden, weil der Anti-Kolonialismus ein höherer Wert sei. Solche Dinge erzählen sie aber nicht bei offiziellen Interviews, sondern nur hinterher. Normalerweise verweigern sie solche Statements mit der Begründung, man würde ja auch nicht sechs andere ganz normale Engländer fragen, was sie dazu denken). Lowrys Eskapismus-Vorwurf findet seine Fortsetzung bei deutschen Siouxsie/Killing-Joke/Theatre-of-Hate-Fans, die von Musik eine direkte Verbindung mit dem Leben in all seiner existentiellen Traurigkeit verlangen. Nicht nur, daß sie lieber Schubert oder Throbbing Gristle hören sollten; diese Idee von der Verdoppelung der Tristesse durch triste Kunst führt direktemang in den Schwachsinn. Musik, die ein pubertäres Gefühl von Aussichtslosigkeit durch Reproduktion dieses Gefühls bestätigt, bewegt nichts. Bleibt folgenlos, wie alle andere pubertäre Kunst von Hermann Hesse bis Pink Floyd. Das Traurige hat seinen Platz in den Widersprüchen, den Spannungen und Kontrasten, die jedwedes wache, klare Konzept von Musik zu dem Leben des jeweiligen Zuhörers herstellt. Egal, ob es sich eher fröhlich oder traurig darstellt, solange es dynamisch bleibt und den Lebenserfahrungen der Hörer auf prickelnde Weise widerspricht. Das gilt auch für die politische Variante: wer die mißglückte letzte Jam-LP kennt, weiß, was ich meine: „Die Jam können nie wieder einen lustigen Song schreiben“, sagt Nick Heyward. Sie haben sich innerhalb des Medien-Spiels in die Ecke der verantwortungsvollen Working-Class-Anwälte begeben und werden nun wiederholend, bestätigend, redundant. Brillante Leute wie Lowry würden selber gähnen, wenn sie die Musik bekämen, die sie fordern. Lowry ist gerade deswegen so gut, weil er sie nicht kriegt. „Nur weil wir nicht explizit Stellung nehmen, wie die Medien sich das vorstellen, sind wir nicht politisch blöd oder blind“, sagen Haircut. „Wir sind, wie wir sind. Und unser Image brauchten wir nicht lange zu suchen. Wir sind nette Jungs, die frisch aus der Schule kommen. Ich mag die Ideen, daß wir clean sind. Wir sind definitiv keine Rock’n’Roll-Band. Unser Sex-Leben ist langweilig, wir feiern keine Exzesse.“ Später verbieten sie sich Bierflaschen auf Fotos. Alkohol ist gegen das Image.

    Nick verrät einem Bild-Reporter, daß er alles nur mitmache, um seiner Ex-Freundin zu imponieren, die ihn vor ein paar Monaten verlassen hat. Er holt zerknüllte Polaroids aus der Tasche und zeigt ihm Bilder, die ich leider nicht sehen kann. Mark Fox, der eine deutsche Mutter hat, steht auf und sagt: „Oh, Axel Springer! Er wird schreiben ‚NICK HEYWARD HAT KREBS! GRAUSIG!‘“

    Mark steht für die unberechenbare Vielfalt, die sich hinter Haircut 100 verbirgt, hinter diesem scheinbar einheitlichen Sound. Auf der Bühne steht er manchmal fast unbeteiligt vor seiner brasilianischen Percussion-Kiste und schaut, als würde er sich lustvoll überlegen, welches kleine Gerätchen er jetzt hervorkramen wird. Er macht dann drei Takte mit irgendeiner obskuren Rassel, um sie dann wieder gelangweilt wegzulegen und sich den Congas zuzuwenden. Solche netten Show-Details gibt es tausendfach im Haircut-Programm, ohne daß sie im geringsten zufällig oder spontan wären. Haircut 100 ist organisierte Lebensfreude. James Brown war nichts anderes.

    Mark antwortet auf meine Beschreibung davon, was der konventionelle Rock-/New-Wave-Hörer erwarte und bei Haircut vermisse, mit dem deutschen Satz: „Alle Straßen münden sich in schwarze Verwesung.“ – „Was ist das?“ – „Weiß ich nicht, irgendein Expressionist, Georg Heym wahrscheinlich“, dies wieder auf englisch. Nick Heyward schwärmt derweil von den Beatles. Daß er wie sie eine Breitenwirkung erzielen möchte, die nicht bei der Subkultur aufhört, aber diese auch nicht ausschließt. Wie Sergeant Pepper, das auf der Straße gepfiffen wurde und Stoff für Dissertationen abgab. Am Heathrow Airport hat der Zollbeamte ihr Album gelobt, das übrigens anders als die Show nach zu häufigem Hören leichte Verschleißerscheinungen aufweist.

    Gute Kunst zerstört Gewißheiten und gibt trotzdem Kraft, Mut, Lebensfreude. Von „Subversion“ und „Strategie der Affirmation“ wollen wir diesmal gar nicht reden, diese Begriffe werden auch langsam überstrapaziert und damit an das Feuilleton verraten. Haircut 100 werden wie die Beatles den Weg über die Charts in die Zeit gehen und nicht umgekehrt. Und darauf, daß sie in die Charts kommen, habe ich gerade zwei Kisten Champagner gesetzt. Lustig, wie beim Bankett die Debatten am Rockist-Tisch mit den vom Haircut-Tisch sich überlappen, und das eine in das andere greift, ohne daß irgendjemand irgendwas versteht. Es war wie beim Soundcheck, als die beiden Profi-Gast-Bläser zum Einspielen Dixieland vor sich hintröteten, und dann zu ihrem Erstaunen feststellen mußten, daß die jungen Burschen ohne weiteres mithalten konnten. Schließlich steigerte man sich in ein irrsinniges „When The Saints“ und grüßte auf diesem Wege die englischen Fußball-Fans, die wegen ihrer blöden Patrioten-Regierung vielleicht auf die WM verzichten müssen.

    Viele glauben, Haircut sei eine Popper-Band mit nichts als Sektblasen im Kopf. Darüber hinaus entstammen sie, weil das Klischee das so will, gutbürgerlichen Familien. Wer würde schon vermuten, daß einzelne Mitglieder jahrelang arbeitslos waren, daß Mark Fox als Lehrer gearbeitet hat, Nick Heyward als Layouter und zwei von Haircut in besetzten Häusern leben. Daß Blair Cunningham, der aus den U.S.A. stammt, eines von zehn Kindern ist und seine neun Brüder auch alle Schlagzeuger sind. Wann gibt das subkulturelle Kleinbürgertum endlich seine Ideen davon auf, wie ein echter Mensch zu sein habe.

    Nick Heyward sagt, daß ähnlich wie Haircut 100 eingeschätzte Bands wie ABC oder Blue Rondo à la Turk zwar für den Moment gut seien, aber keine große Zukunft hätten, weil sie auf einer Idee aufbauen. Bei Haircut sei das Image und die Musik keineswegs auf Norweger-Pullover, propere Frisuren, Funk, Samba und Love Songs festgelegt: „Die Leute denken immer noch, wir seien eine Eintagsfliege. Als wir von Gelb zu Weiß gewechselt sind, hat man uns intensiv nach den Gründen ausgefragt. Warum so eine Imageänderung.“ – Macht es nicht Spaß über solche kleinen Dinge zu reden? – „Oh, doch. Ich stehe sehr auf Kleinigkeiten. Ich hab’ auch überhaupt nichts gegen dumme Fragen. Wir können auch sehr gut alberne Antworten geben. Wie die Beatles, die waren auch sehr gut darin.“

  • 20 Jahre derselbe Beat

    Diedrich Diederichsen über die überschätzten Rolling Stones

    Eigentlich gäbe es keinen Grund, den Rolling Stones böse zu sein, wenn jedermann sie als das nähme, was sie sind: eine 60er-Band der oberen Mittelklasse, die beim Marsch durch die Institutionen ihre Tugenden verloren hat, ihren verinnerlichten Rhythm & Blues nicht mehr loswird und ihren treu zu ihren Füßen gealterten Fans bestätigt, daß die Welt immer noch so ist, wie sie sich das vorstellen: Everybody needs somebody to love, aber you can’t always get what you want, daher fehlt es dir an satisfaction, doch schließlich you get what you need.

    Doch die Stones werden ernst genommen. Der an sie geknüpfte Rock’n’-Roll-Mythos spukt anachronistisch in Millionen Köpfen und sorgt erfolgreich dafür, daß Pop-Musik nicht so ist, wie sie sein könnte, sondern meist langsam, flau und verschlafen. Die Rolling Stones stehen für Eindimensionalität im Bewußtsein von Rock-Konsumenten, für reaktionäre, chronische und verfestigte Ideen und Klischees von „echten Menschen“, „wahren Bedürfnissen“ und „ehrlicher Empörung“.

    Das Künstliche, Übertriebene, Spielerische, Hyperaktuelle, verwirrend Schnelle – also alles, was durch Pop-Musik herrschende Übereinkünfte erschüttert – ist den Stones unendlich fern. Sie sind ein Bestandteil dieser Übereinkünfte und sorgen mit dafür, daß freie Geister und verändertes Bewußtsein niedergegrölt werden.

    Ihr Mythos gibt vor, daß sie sich als ehrliche Häute mit harter Handwerksarbeit an die Spitze gearbeitet hätten. Ihre Drogenskandale tun diesem Bild keinen Abbruch; sie sind ein voll integrierter Bestandteil ihres Mythos, so wie eine gewisse Trinkfestigkeit eben auch zum gesunden „Menschbleiben“ der sozialen Aufsteiger-Ideologie gehört. Der „Mensch“ oder das „Menschliche“ wird denn auch nur zu gern angerufen, wenn es darum geht, die Stones zu verteidigen.

    Mit wackelnden, oft gesenkten Köpfen, einer müden In-mir-steckt-ein-Tier-Sex-Show, dumpfen Gitarren-Riffs oder quengelnden Soli wird den beruhigten Individuen der Medien-Simulacra-Epoche tröstend versichert, daß die Burschen da vorne es wirklich fühlen, wirklich den Blues hätten und wirklich die Weiber vernaschen, wie ihnen der Schwanz gewachsen ist.

    Und gerade weil die „wirkliche“ Lebensführung der Stones, wie sie von den Medien verbreitet wird, ihrer politischen Glaubwürdigkeit, die jedem 68er ans Herz gewachsen ist, widerspricht, hat man sie erst recht an die Brust gedrückt. Sex, Drogen, Jet-Set, Steuerflucht. Und dennoch haben sie den Blues wie wir alle. Sind eben auch nur Menschen mit ihren großen und kleinen Fehlern. Außerdem, mal ehrlich, wer könnte denn schon allen Ernstes den Verlockungen des Reichtums widerstehen. Da hat der linke Spießer Verständnis. Das Rock-Business sei ja bekanntlich auch ein hartes.

    Dabei waren die Stones nicht immer konservativ. In den 60ern konnte Jagger noch überzeugend die überdreht-schrillen Pop-Zynismen und Rebellen-Attitüden verkörpern, für die er so berühmt ist. Obwohl die Stones nur eine von vielen britischen R&B-Bands waren, hatten doch zumindest ihre Singles ein gewisses Etwas, eine signifikante Abweichung vom Standard.

    Jagger konnte sein Maul sehr gut sehr weit aufreißen, und er konnte ätzend, witzig und skandalös sein. Heute sind gerade diese Talente zu einer unerträglichen Bauernschläue degeneriert. Keith Richards war ein guter Melodienfinder, heute ist er eines dieser wandelnden Outlaw-Klischees, die der Cowboy-Mentalität der Rock’n’Roll-Ideologie so lieb sind.

    Brian Jones hatte dagegen Talent und als einziger auch Stilgefühl und konnte durch die ihm folgenden Gitarrensklaven Mick Taylor und Ron Wood nicht ersetzt werden.

    Bill Wyman und Charlie Watts sind zwei grundanständige lads. Watts trommelt auch in seiner Freizeit in einer Blues-Session-Kapelle. 20 Jahre derselbe Beat. Da fängt irgendwann der Hospitalismus an. Wyman nutzt die großen Pausen für kleine Disco-Schlager. Eine nette, saubere Tätigkeit. Sein „Si, si, je suis un rockstar“ ist witziger als die meisten Stones-Produkte der letzten zehn Jahre.

    Aber zwischen 1965 und 1969 waren sie gut. Als Kind mochte ich sie weniger, weil sie so offensichtlich alle Ideen der Beatles, der wahren ersten weißen Pop-Band, klauten. Aber später legte ich so langweilige Ideen wie die vom geistigen Eigentum ab. Gerade wenn sie die Beatles beklauten, waren sie am besten.

    Der drogentriefende Hippie-Kitsch, den sie mit ihrem schrillen, treffenden Album Their Satanic Majesties Request verbreiteten, gehört zu den eindrucksvollsten, schönsten und zersetzendsten Pop-Operetten. „She’s A Rainbow“, das euphorisch von Sex und bunten Kleidern schwärmt, ist mit seinen süßlichen Klassik-Piano-Zitaten das wohl beste Stones-Stück überhaupt, ein überzuckerter, pinkfarbener Plastik-Erdbeer-Milkshake.

    Auch die Satanismen des Albums Beggars Banquet hatten Stil, und von dem unerträglich folgenschweren „Street Fighting Man“ einmal abgesehen, gelang ihnen sogar guter Polit-Pop, etwa das Laßt-uns-auf-die-Arbeiterklasse-anstoßen-Sauflied „Salt Of The Earth“.

    Obwohl Brian Jones nie selber einen Song für die Stones geschrieben hat, muß er doch für Qualität, Witz und Sarkasmus verantwortlich gewesen sein. Er hatte auch die Sound-Ideen, die für den Unterschied sorgten, auf den es ankommt. Sein auf der Marimba getupftes Intro zu „Out Of Time“ ist eine glitzernde Perle auf dem ohnehin sehr gelungenen Aftermath-Album. Jedenfalls wurden Jagger/Richards nach seinem Tod zu den redundanten Langweilern, die sie bis heute geblieben sind. Von vier, fünf Songs abgesehen, blieb ihre einzige Fähigkeit die Beherrschung eines kleinen Arsenals von Rolling-Stones-Erkennungszeichen, an denen der kadavergehorsame Stones-Fan (Stones-Fans sind eine noch schlimmere Spezies als die vielgescholtenen Dylanologen) merkt, daß die Stones die Stones sind. Stones-Rezensionen sind denn auch meistens nichts anderes als tautologische Beteuerungen, daß die Stones wieder, oder noch, wie die Stones klingen.

    Am besten sind die Stones in Godards Film One Plus One, und lustig ist es auch, wenn Mick Jagger in dem sonst brachial-bedeutungsschwangeren Kinostück Performance im Schlafzimmer Borges zitiert.

    Ein Wort noch an die, die in diesem Text das Produkt eines Generationskonflikts vermuten. Es gibt keine Prä-Stones-, Stones- und Post-Stones-Generation. Es gibt nur und wird immer geben: Beatles-Fans, die die Weisheit mit Löffeln gegessen haben, und Stones-Fans, denen eh nicht zu helfen ist.