Autor: admin

  • Was ist Pop? XTCsNRG

    Es ist 2 Uhr 30. Wir sitzen seit zwei Stunden in einer sinistren Hamburger Subkultur-Kaschemme. Der Rauch findet keinen Abzug, die Alkoholika sind zu narkotisierenden Nebelschwaden verdunstet. Mein Gesprächspartner, der an diesem Abend nur Milch und Mineralwasser getrunken hat, verabschiedet sich. Ich bleibe noch einen Moment sitzen. Hinter mir liegen sechs Stunden, in denen ich versuchte, einem der faszinierendsten Phänomene zeitgenössischer Musik auf die Spur zu kommen: XTC. Und der sich da draußen ein Taxi winkt, ist zumindest 60 % dafür verantwortlich: Andy Partridge.

    Vor dem Konzert war ich in der Garderobe. Alle waren geschäftig und lachten. Aus dem Bordcase eines Musikers oder Roadies sah das Titelmädchen des neuesten amerikanischen Playboys heraus. Dave Gregory kommt auf mich zu und fragt, ob ich ihn interviewen wolle.

    Gerne.

    Dave Gregory spielt Gitarre. Er ist erst seit Anfang 79 bei XTC, er hat Barry Andrews ersetzt. Hört man sich alte XTC-Platten (White Music, Go 2) an, glaubt man, Barry Andrews’ unorthodoxes Keyboardspiel sei zu einem großen Teil für die Originalität des XTC-Sounds verantwortlich. XTC-Musik ist Anders-Sein in vertrauten Formen. Durch Barry Andrews’ auffällige Spielweise lokalisiert man Anders-Sein im Kontrast von scheinbar Unvereinbaren, also im Arrangement (Keyboard paßt nicht zur Restmusik).

    Dieser Eindruck reduziert die Musik von XTC auf einen Gimmick, einen Kunstgriff, und lenkt von den Kompositionen ab. Durch Drums And Wires stellt man fest, daß das verfremdende Barry-Andrews-Spiel in Wirklichkeit auf Schwierigkeiten beruht. Die drei anderen sind schon lange zusammen, Andrews mußte als vierter Mann etwas eigenes beisteuern oder sich anpassen, schließlich stellte er sich neben die Musik, betrieb Selbstdarstellung. Auf Drums And Wires ist er nicht mehr dabei und hier hört man einen vierten Mann, der nicht aus dem Kollektiv ausbricht, aber trotzdem die ihm eingeräumten Spielräume zu nutzen weiß. Seine Soli und Fill-ins auf der Gitarre haben nichts Clowneskes und Demonstratives, betonen nicht das Exaltierte, das der Band ja ohnehin anhaftet, sondern verbinden, verdichten, bringen der Musik die Präzision, die ihr fehlte, als sie sich im Klassischen Rock und Jazz-Nebeneinander der Solisten und Individuen zu verlieren drohte. Im Vordergrund steht wieder die Komposition, und damit das Kollektiv.

    Dave Gregory wirkt auch, fast folgerichtig, bescheiden und ruhig. Er ist kein Selbstdarsteller, würde sich nicht mit zum Gruß erhobener Bierdose fotografieren lassen. Er erklärt, daß auch für ihn das Arbeiten in einem Kollektiv wichtig ist. Die Imagelosigkeit der Band liege eben auch daran, daß sie nur eine Band sein will, die bestimmte Musik und bestimmte Texte macht, aber völlig auf ein nichtmusikalisches Styling verzichtet, was sie von den Ramones oder Devo oder anderen Anti-Ego-Bands unterscheidet. Dave Gregory möchte auch nicht unbedingt komponieren, um sich selbst zu verwirklichen geht er in instrumentalen Aufgaben auf, in ihm lebt noch der vom Jazz geprägte Musiker-Geist. Das mag zwar etwas altmodisch sein, paßt aber ausgezeichnet zu XTC.

    Und die erste Frage, die ich Andy Partridge nach dem Konzert (das übrigens toll war) in der Lobby des Atlantik-Hotels stelle, ist die nach der Basis, den Roots.

    Woher er kommt, wohin er will?

    Er zieht die Augenbraue hoch und stochert lustlos in seinem Roastbeef, „Pop-Songs!“

    Was ist das?

    „Wir mögen immer noch die Small Faces, die Kinks, die Monkees, die Beatles, wir mögen Songs.“

    Aber XTC hat das doch weiter entwickelt, XTC ist doch gerade nicht eine dieser Bands, die z. Z. gedankenlos und ohne Blick Material aus den 60ern kopieren und uns mit schleimiger neuer Langeweile versorgen, XTC ist doch so zeitgenössisch wie innovatorisch. Wie soll da der klassische Pop-Song eine Grundlage bleiben, wie weit kann man mit Songs gehen?

    „Die Songs auf der Residents-LP Duck Stab/Buster & Glen sind ein Maßstab, genauso würden die Beatles heute klingen, wenn Lennon/McCartney weiter so hätten zusammenarbeiten können wie in den 60ern.“

    Methoden

    Was ist mit der Pop Group, die doch unter exzessiver Verwendung von Dub, atonalen Passagen, elektronischer Verfremdung so etwas wie Song-Strukturen bewahrt haben und sicher nicht umsonst heißen wie sie heißen (auch wenn es ironisch gemeint ist)!

    „Die Pop Group, das sind ernsthafte junge Männer, wie die meisten neuen Bands, sie nehmen sich und ihre Empfindungen so ernst, daß es starr wird.“

    XTC haben einmal in einem Songtext beschrieben, was sie unter Pop verstehen: „We come the long way / We come the wrong way / We play our songs much too loud / … / How do you call that noise / … / This is Pop“

    Pop-Song ist also ein Ausdruck von Vitalität und Humor und überschreitet die Grenzen des Gewohnten, des guten Geschmacks bis hin zum Schrägen (in diesem Punkt sind die Monkees vielleicht wirklich Vorläufer von XTC), aber eben nicht dumm und reproduktiv, das sind nur die Revivals. Erstaunlich, daß eine der wenigen Bands, die bei Andy positiv wegkommen, Cowboys International sind. Ähnlich wie XTC haben Cowboys International Traditionen, die sie nicht verhehlen, imitieren aber nicht die Errungenschaften ihrer Vorbilder, sondern übernehmen nur deren Methode, um sie auf ihre Erfahrungen, ihr Leben, ihre Zeit zu übertragen. Zwangsläufig entsteht dabei eine andere, neue Musik.

    Alles Attitüdenhafte, Selbstdarstellerische ist Andy ein Greuel. Seine Bühnenpräsenz ist Energie, Entäußerung, aber sie steht für sich, verweist auf keine Mythen und Images, wie sie aus der Pop-Geschichte bekannt sind, er hat tatsächlich den Ehrgeiz, Andy Partridge zu sein und sonst nicht. So macht er sich auch über die neue Talking-Heads-LP lustig, obwohl er die Band früher gemocht hat, mit ihnen getourt ist. Mittlerweile stehe David Byrne völlig im Mittelpunkt und würde nur noch von einem reden: „This ain’t no party … is this a party … this could be a party … this should be a party … there’s a party in my mind … everybody leaves the party … and so on.“

    Inzwischen sind wir ziemlich unsanft aus dem Atlantic vertrieben worden und fahren in eine Kneipe von Hängern, Gescheiterten, Studenten und Künstlern, dem anderen Ende der BRD. Wir fahren mit dem Auto, im Kassetten-Recorder läuft U-Roy, den Andy mag und er fragt, wieso hier überall mehrspurige Prachtalleen seien, auf denen keine Autos fahren und erinnert sich an seinen Song „Roads Girdle The Globe“ und sagt, daß er Autos haßt.

    In der Kneipe angekommen und am letzten Tisch niedergelassen, hacke ich gleich wieder auf der Kollektiv-Frage herum. Ich bitte Andy, seine Beziehung zur Restband zu verdeutlichen. Er holt aus. Das Schisma mit Barry habe begonnen als der anfing zu komponieren. Für GO2 hätten sie fünf Songs von ihm aufgenommen, aber nur zwei verwenden können, und auch die seien für ihn die Schlechtesten auf der Platte. „Damals sah es so aus (er legt einen Zeigefinger an das eine Ende des Tisches): Hier war Barry, (er legt den anderen Zeigefinger ans andere Ende) da war ich, Colin und Terry in der Mitte.“

    Über die Gegenwart sagt er nicht so viel: „In Amerika haben sie alle Colin-Moulding-Songs auf die erste Seite getan, meine auf die zweite, damit die Platte mehr Airplay bekommt, ‚Making Plans For Nigel‘ ist von Colin und war unser erster Chartserfolg, er ist McCartney, ich bin Lennon.“

    Mit dem habe ich mich als Kind auch immer identifiziert, richtig sympathisch der Andy, ich versuche zu prüfen, ob er recht hat. Er trägt eine John-Lennon-Nickelbrille, leicht getönt, und bei Pointen oder wichtigen Stellen in seiner Rede zieht er die rechte Augenbraue über den Rand der Brille, er ist schmucklos angezogen, brauner Studenten-Parka, undefinierbare englische Hosen, er spricht leise und bestimmt, es könnte stimmen, der gleiche britische Zynismus, aber mit einem John Lennon in der Band gibt es kein Kollektiv.

    Dub

    Was er mit dem Vergleich sagen will, ist natürlich nichts anderes als daß er, A.P., die Avantgarde in der Band ist, Colin Moulding der Gefällige, dessen Songs die Kohlen einbringen. Andy Partridge hat genaue Vorstellungen wie die Weiterentwicklung der XTC-Musik vor sich gehen soll, welche Stilmittel forciert werden sollen. Auf White Music, der ersten LP, gab es eine Fassung von „All Along The Watchtower“, bei der Andys Gesang abgehackt und verfremdet klang, bis zur Unkenntlichkeit des Textes. Er fand das sehr gut, konnte sich das aber bei Eigenkompositionen nicht leisten, da kein Mensch mehr die Wörter verstanden hätte, die bei „All Along The Watchtower“ jeder kennt. „Complicated Game“ geht in die Richtung, mehr noch die Dub-Fassung von „Meccanik Dancing“: „Dance With Me, Germany!“ Diese Dub-EP, die einer begrenzten Auflage von Go 2 beigefügt war und in der Geschichte der Rock-Musik bis heute einzigartige Experimente enthält, war keineswegs ein einmaliger Gag. Partridge, der in gleicher Weise an weißen Avantgardisten (Philip Glass – alle reden ja zur Zeit von ihm) wie an Reggae interessiert ist, hat jetzt die Bänder von Drums And Wires neu gemischt und an einigen Stellen neue Gesangstracks drübergemischt. Demnächst erscheint die erste weiße Dub-LP, die mehr sein soll als Dub in Jamaika oft ist: eine instrumentale Variante der Songs, mit ein paar Studio-Effekten angereichert.

    Take Away, wie die Platte vermutlich heißen wird, soll stattdessen neue live nicht realisierbare Wege im Rahmen der XTC-Musik begehen. Die ersten Dub-Experimente haben ja schon auf das „normale“ XTC-Repertoire gewirkt. Wer gesehen hat, wie XTC „Complicated Game“ oder „Battery Brides“ in ihrem aktuellen Set (der übrigens angeblich jede Nacht wechselt) spielen, weiß, wie weit sie gehen mit Atonalität, komplizierten Rhythmen, Stimmverfremdungen – und trotzdem bleiben sie die laute Pop-Band und die Punks im Publikum pogoen unverdrossen weiter.

    Dub spielt bei XTC auch eine ganz andere Rolle als bei Bands wie den Slits oder der Pop-Group, wo eben ein Reggae-Produzent bestimmte Effekte eingebracht und z. T. auch sehr gut integriert hat, die aber eindeutig ihre jamaikanische Herkunft verraten. Eine der großen Stärken von XTC ist eben ihre Fähigkeit, Fremdeinflüsse völlig zu transformieren und sich selber anzueignen.

    Schließlich geht Andy und hinterläßt bei mir den Eindruck, Kopf der Sache zu sein, ich habe weitgehend seine Schilderung der Barry-Andrews-Affaire übernommen, und der Eindruck vom etwas gesichtslosen Kollektiv ist dem von der Andy-Partridge-Band gewichen, obwohl gerade auf der ersten Platte auch Colin ziemlich avantgardistische Sachen geschrieben hat und auf Go 2 einige sehr schöne, der Musik zuträgliche Beiträge von Barry Andrews zu finden sind. Ich frage einen Freund von Andy, der die ganze Zeit dabeigesessen hat, was Andy Partridge für ein Mensch sei. Er beginnt seine Antwort mit: „Er ist ein Intellektueller!“

  • Geräusche für die 80er

    Zum dritten und bislang größten Festival neuer Musik in Deutschland hatten sich Musiker und Publikum aus allen Teilen der BRD sowie aus England, der Schweiz und Österreich eingefunden – die Markthalle war eine Stunde nach Eröffnung ausverkauft, Hunderte warteten im Vorraum, andre fälschten Stempel oder schlichen sich durch Seiteneingänge – der Erfindungskraft waren keine Grenzen gesetzt. Das Interesse des Publikums war eben so vital wie bei keinem der ihren Set aufführenden Gruppen, die sonst in der Markthalle spielen.

    Vom äußeren Erscheinungsbild her teilte sich das Publikum in drei Gruppen: Hardcore-Punks mit Pistols- und Clash-Badges, London 77; Avantgardisten in Fantasie- oder Roboterkleidung, grell oder dezent, Tabea Blumenschein, Kraftwerk oder Bowie; schließlich alle möglichen, die einfach interessiert waren, die wissen wollten, was passiert. Von dieser Gruppe hatte es in den beiden vorhergegangenen Punk-Nächten wesentlich weniger gegeben.

    Bei der Auswahl der Bands war auf zweierlei geachtet worden – erstens, daß die Bands möglichst wenig öffentlich gespielt haben und vor allem noch an keiner anderen Punk-Nacht teilgenommen haben und zweitens, daß eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Pogo-Punks und Avantgardisten besteht, denn schließlich war es ein Benefiz-Konzert für einen neuen Club in Hamburg, in dem die beiden Sektionen der neuen Welle ihren Platz finden sollten.

    Eigentlich waren sich nur bei Rotzkotz, die als letzte, nach Mitternacht, Rock’n’Roll (back to the roots) spielten, alle einig, alles was davor geschah ließe sich, wollte man es sich einfach machen, auf den Satz reduzieren, den einige (waren es Punks?) während des Auftrittes von Liebesgier skandierten: „Wir sind intolerant!“

    Fraktionskämpfe und -schlachten bestimmten den Abend. Die Punks, in der Überzahl und selbstbewußter, hatten relativ ungestört ihren Spaß bei den Hamburger Bands Abwärts, Razors und Coroners. Mir haben davon Abwärts am besten gefallen, Alfred die Razors, meinem Nachbarn die Coroners, aufgeregt haben sie niemanden.

    Tempo mit ihrer Beat-Musik, manchen etwas suspekt, wurden von angeblich extra zu diesem Zweck angereisten Berlinern von der Bühne gepfiffen.

    Bei Liebesgier, einer Vier-Frauen/ein-Mann-Band aus Berlin, die mit von New York beeinflußter, aber sehr eigenständiger Minimal-Radikal-Musik (deutsche Texte) nicht nur mich zu begeistern wußten, standen sich die „Aufhören!“-Rufer und die „Zugabe“-Rufer ungefähr gleichstark gegenüber.

    Minus Delta T, die beste Band des Abends und für mich der beste Live-Auftritt seit Monaten, wurden schließlich gewalttätig von der Bühne geholt. Ihre Musik voller kleiner, hektischer Bewegungen, mit Cello, Synthi, Bohrmaschine, Staubsaugerschlauch etc. hatte dabei sogar im Nicht-Avantgarde-Lager Freunde gefunden, es fanden sich Leute, die dazu Pogo tanzen konnten. Außerdem hatten sie das nötige Selbstbewußtsein, das Liebesgier fehlte, sich den Attacken des Publikums zu widersetzen. Schließlich kam es zu einer kurzen Schlägerei auf der Bühne, zu Aggressionen im Publikum, die erst Rotzkotz wieder entspannen konnten.

    Man macht es sich zu einfach, wenn man hier Punks und Avantgardisten, Kunstschule und Straße, Toleranz und Intoleranz gegenüberstellt. Die Liebesgier-Musikerin, die nach ihrem Auftritt auf üble Weise von Berliner Punk-Frauen verprügelt wurde, die Langhaarigen, die immer, wenn sie die Gelegenheit fanden, die gerade spielende Band von der Bühne zu schreien versuchten – das alles weist auf komplizierte Fraktionsbildungen hin. Lokale Auseinandersetzungen, Kollegenneid, was auch immer – die Atmosphäre war giftig, das Festival nur unter dem Aspekt zu ertragen, daß es eben zur Zeit keine andere Möglichkeit gibt, neue Musik an die Öffentlichkeit zu bringen und daß der Zweck des Festivals war, sich selbst überflüssig zu machen. Ob allerdings die kontinuierliche Arbeit eines Clubs die Rivalitäten zu entspannen hilft, bleibt die Frage. Wir werden uns damit in der nächsten Ausgabe auseinandersetzen.

    „Geräusche für die 80er“ war trotzdem das beste Festival, das wir uns zur Zeit wünschen können, weil Widersprüche manifest und z. T. ausgetragen wurden, weil es gute neue Musik live zu hören gab, allein eine halbe Stunde Minus Delta T wären das Eintrittsgeld wert gewesen. P.S.: Versäumt habe ich die Salinos. Augenzeugen differieren zwischen „Offenbarung“ und „Katastrophe“.

  • 6. Hamburger Kinotage

    Während ich dies schreibe, sind sie noch nicht vorbei und ein Film, den ich unbedingt sehen will, ist noch nicht gelaufen: The Projectionist von Harry Hurwitz.

    Die Hamburger Kinotage sind eine Art Messe für Programmkinos. In den letzten Jahren konnte man hier frühzeitig Trends und Bewegungen erkennen. Gerade weil die Millionenproduktionen fehlten, wurde sozusagen die Basis der Kinoentwicklung dokumentiert. Das Publikum drängt sich wie jedes Jahr in Filme wie Steppenwolf nach Hermann Hesse oder Ashram In Poona, die ich mir beide ersparte.

    Versäumt habe ich die wahrscheinlich interessanten Filme Patrick, Twee Vrouwen, Ohne Betäubung (der neue von Andrzej Wajda) sowie Stepford Wives, den vertrauenswürdige Quellen als sehr gut bezeichnet haben.

    Rancho Deluxe von Frank Perry mit Jeff Bridges ist ein langweiliger, überflüssiger Film von der Sorte „Zwei liebenswerte Vagabunden ziehen durch Amerika, saufen, huren und schlagen sich durch“, sicher ein Hit bei Studenten, Musik: der gealterte Jimmy Buffet. Sweet Sweetback’s Baadasssss Song, der nur von Schwarzen hergestellt wurde, enttäuscht mit seinen ermüdenden neo-psychedelischen Leuchtreklame-Farbverfremdungsorgien, The Mafu Cage zeigt eine Carol Kane, die um ihr Leben zu spielen scheint, konfrontiert mit Lee Grant als Schwester. Schwestern auf amerikanisch. Eine Zeit lang vermag der Film zu fesseln, dann nutzen sich die exzessiv angewendeten Stilmittel ab und der Rest verpufft in Tiefsinn. Stony Island erzählt die Geschichte einer Jazz-Rock-Band, nach dem Muster: enthusiastische junge Leute gründen eine Band, träumen vom Ruhm, üben, opfern, kämpfen mit dem Business („Das Business ist wirklich hart, Mann, verstehst du, Bruder, ich meine wirklich hart, Mann!“). Klischees und schon wieder Leuchtreklame (Was hat Scorsese bloß angerichtet!). Dem Publikum wird bedeutet: „Jeder kann es schaffen!“ Der Willi-Busch-Report von Niklaus Schilling wird auf diesen Seiten sicher noch ausführlicher gewürdigt. The Long Weekend aus Australien ist ein Dokument der mittlerweile prosperierenden australischen Filmindustrie. Viel Geld für Kamera und Soundtrack und ein interessantes Drehbuch: Ein zerstrittenes Ehepaar fährt ins Grüne, und seltsame Dinge geschehen. Die Natur rebelliert. Leider blieb für mich Geschichte und Idee in der Stern-Farbdoppelseiten-Ästhetik hängen.

    Einige Filme waren nicht erwähnenswert, andere habe ich vergessen. Hingewiesen sei noch auf The Great Rock’n’Roll Swindle mit Vicious-Burger und Rotten-Bar-Schokolade, eine Rezension folgt im nächsten Heft.

    Summa Summarum: Entweder die Kinoentwicklung oder die Macher des Filmfests haben nachgelassen, Höhepunkte wie Eraserhead oder Blue Sunshine gab es keine.

  • Sounds-Diskurs: Ideologien, Identitäten, Irrwege?

    1977 waren wir noch angewidert, von der pompösen, platten, sich in immer gleichen Ritualen ergehenden, feisten, saturierten Pop-Musik, heute gibt es mehr gute Bands als wir zu hoffen gewagt haben. Und immer wieder neue, die auf eigenen, unabhängigen Singles und Samplern die Musik machen, die wir uns für die Zukunft wünschen. Ist die Revolution vorbei, und haben wir gesiegt?

    Wir haben eine Musik, die hitzige, erbitterte Auseinandersetzungen provoziert, die Menschen über das Thema: wie man die neue Soundso-LP findet, aneinander geraten läßt. Die neue Musik löst nach wie vor Feindschaft, Kampf aus, und noch wird viel getan, um sie zu ignorieren und abzutöten. Die Generation der 68er-Revolutionäre tut alles, um das Lebensgefühl der ihr nachfolgenden Generation nicht zu Wort kommen zu lassen.

    Von einer von der Industrie diktierten Mode ist dann oft die Rede, der sich die junge, angeblich angepaßte Generation bedingungslos ausliefere. Dabei ist dies ein Gemeinplatz, der auf die Kultur derer, die ihn immer so eilfertig zur Hand haben, sich allemal besser anwenden läßt als auf „unsere“. Wer macht denn die Umsätze? Der Zweitausendeins-Laden oder der fliegende Badges-Händler? Wer läßt sich die vollkommen überflüssigen neuen F. Mac, P. Floyd oder L. Zep andrehen, nur auf Grund von gigantischer Werbung?

    Exkurs: Die Leser, die uns immer vorwerfen, wir seien Punks und sie keine, und sie würden das Abo kündigen, wenn das so weiterginge oder auch sofort, ohne Gnadenfrist, werden jetzt sicher gleich nicht mehr weiterlesen, da sie glauben, ein Pamphlet für New Wave vor sich zu haben. Spätestens bei der dritten pathetischen Verwendung der ersten Person Plural („wir“, „uns“) sagen sie entweder: „Na schön, ich bin nicht einer von denen, ihr erklärt mir den Krieg, gut, ich akzeptiere“ und schlagen das Heft zu, daß die Shitkrümel auf dem Tisch in die Luft gewirbelt werden. Oder sie sagen: „So ein Quatsch, hier wird doch künstlich ein Generationskonflikt herbeigeredet. Ich hör doch auch Springsteen und Costello, Bob Dylan und David Byrne“.

    Richtig. Und es geht auch nicht um zwei geschlossene Fronten ohne Überläufer und Deserteure, sondern um Konflikte, die sich auch in einem Gehirn zutragen können. Es geht um Identität, kulturelle Identität. Die vereinfachende Schematisierung soll nur helfen, den Überblick zu wahren.

    Welche Rock-Ideologie hast du? Welche haben wir (ich)? Welche Ideologien gibt es? Warum brüllen wir so?

    Würden unsere Leser und ihre Freunde ein Parlament bilden und gezwungen sein, Parteien zu gründen und Fraktionen zu bilden, um regierungsfähige Mehrheiten zu erlangen, würden, so schätze ich, folgende Gruppierungen entstehen:

    1. Die „guter, dufter Rock’n’Roll“-Partei.

    Professionalismus ist ihnen wichtig, Derivate des klassischen Kunst-kommt-von-Können-Glaubens spuken in ihren Köpfen, ist aber nicht das beherrschende Element. Hauptsache: es geht gut los. Man gebraucht mit Vorliebe Wörter wie „Röhren“ und „Fetzen“. Schweiß muß fließen. Diese Leute betrachten Rock-Musik als eine Art Ausgleichssport, über Änderungen der Regeln und über Spielverderber denken sie wie über schlechte Schiedsrichter: sie pfeifen.

    Diese Partei entstand als Reaktion auf eine verfettete, prätentiöse Rock-Musik und hat Punk, zumindest Teilen der Bewegung, ein wenig das Terrain geebnet. Ihre Rezeptionsweise von Rock-Musik ist seitdem festgeschrieben und unveränderlich. Die linke Fraktion hört Bruce Springsteen, die rechte Bob Seger.

    2. Die Mellow-West-Coast-Partei

    Eine reaktionäre Partei, die in den späten 60ern ihr entscheidendes Erlebnis hatte (Grateful Dead auf Trip hören, oder so was) und seitdem zu konservieren versucht, was damals war. Das geschieht auf vielerlei Art und Weise (Post-Southern-Rock, Neo-Country-Rock, Post-Post-West-Coast; keiner merkt, daß Siouxsie den frühen Airplane viel näher steht als Starship): die einen vollziehen jede Nuance des langen Hippie-Niedergangs mit, andere igeln sich ein, arbeiten bei einer Bank und sammeln nach Feierabend seltene Stücke von 67.

    Sie entspannen sich bei Musik, sie mögen keine Auseinandersetzung, sondern intaktes Privatleben, das sie gegen unbefriedigendes Berufsleben stellen. Nachdenken, sich entwickeln, eingreifen, auf Geschehnisse reagieren empfinden sie als Streß. Sie mögen keinen Streß.

    3. Die Anhänger schneller Gitarrensoli

    technischer Perfektion und guter Anlagen. Ihre Ideologie ist die des guten Handwerks, das pure Kunst-kommt-von-Können. Sie kommen oft vom Jazz oder landen irgendwann dort.

    4. Die Verklärten

    Dies sind Verwandte von Nummer drei. Leute, die geistige Läuterung à la Ich-sah-Gott-im-Barclay-James-Harvest-Konzert erleben. Diese Partei ist bunt und vielfältig und in sich zerstritten. Gemeinsam haben sie nur, daß sie alle an der deutschen Krankheit leiden, irgendwelche Dinge zu wichtig zu nehmen oder nur zur Hälfte zu begreifen, sei es Nietzsche oder den Guru in Poona. Sie tragen dementsprechend 90 % der Deutschrock-Szene. Sie begeistern sich für Opern (Rockopern) oder Operetten (Rockoperetten) und überhaupt für Groß- und Gesamtkunstwerke. Mit einem Bein auf ’nem Astralplaneten, mit dem anderen in Walhalla.

    5. Die hippen, resignierten Intellektuellen

    Die mögen vor allem gute Texte, Zynismus, Sensibilität, Leiden an der Existenz und Seriosität. Sie können natürlich vorzüglich Englisch. Sie haben alle vorher genannten Ideologien durchschaut und fallen auf nichts mehr rein. Sie schwören immer noch auf Dylan, das sei eben ihre Generation. Sie mögen die jüdische Intelligenz eines Randy Newman, die Akuratesse eines Ry Cooder, die melancholische Sensibilität einer Joni Mitchell oder die Hipster-Attitüde einer Rickie Lee Jones. Sie hören fast nur Musik von Einzelnen; Bands und überhaupt Kollektivismen sind ihnen suspekt.

    Um sich für neue Musik zu interessieren, sind sie entweder zu schlaff oder zu verbittert, entweder zu hochmütig oder zu abgebrüht.

    Das waren sie erstmal. Natürlich sind das Kunstgeschöpfe, Koalitionen. Niemand braucht sich zu beschweren, daß sein komplexes Ego nicht vorkommt, niemand ist so simpel (ich weiß das), und viele gehören mehreren Parteien an.

    Der Punkt ist: alle diese Ideologien dienen dem Stillstand, der Entrüstung über Neues, den Reaktionen, mit denen von Arnold Schönberg (auch Frühere schon) über Charlie Parker, Free Jazz, Beatles bis zu den Residents alle Neuerer der Musikgeschichte zu kämpfen hatten. Einer, der sich einer gewissen Kultur (Subkultur) und Ideologie zugehörig fühlt und deren Werte bedroht sieht, greift zu den Waffen, welche auch immer das sein mögen. Die Anhänger der New Wave, die ja auch einen großen Teil unseres Leserparlaments bilden würden, haben (hatten) im allgemeinen wenig zu verlieren. Entweder sind sie zu jung, um eine festumrissene ideologische Identität zu besitzen, oder sie haben im Rockgeschehen schon immer nach Alternativen gesucht, haben 1966 Zappa gehört, 1969 Soft Machine, 1970 Stooges, 1971 Bowie oder Henry Cow oder John Cale.

    Ihre Haltung war schon immer eher das In-Frage-Stellen als die langfristige Identifikation.

    Und da sagt nun einer, das könnten sich in einem Staat wie dem unsrigen nur die wenigsten leisten. Eine feste kulturelle Identität sei zum Überleben nötig, und John Cale oder Henry Cow hätten eh nie Platten verkauft.

    Wenn das so ist, werden wir dann 1986 bei der Promotion-Tour für die achte Richard Hell-LP ein ausverkauftes Congress Centrum Hamburg voller fett gewordener Stachelköpfe erleben, die sich bei der ersten Zugabe („Blank Generation“) an die guten alten Spätsiebziger erinnern?

    Wird es dann einen Spiegel-Artikel über die dritte Solo-LP von David Byrne geben?

    Schon jetzt gibt es Anzeichen, daß die neue Welle genauso in sich aufgesplittert wird wie die alten Fraktionen, die einander ablehnen, bekämpfen und untereinander Rituale zelebrieren, während derer sie mit sich und der Welt einverstanden sind.

    Doch noch sind diese Rituale nicht sinnentleert, wie die der Alten. Einer, der J.J. Burnel anfassen will, ist eben lebendiger als einer, der das Grab von Jim Morrison besucht. Noch müssen die eher am Rock’n’Roll orientierten neuen Bands ihr Publikum nicht auffordern aufzustehen, noch sind ihre Konzerte keine Opernabende, noch ist Provokation, Überraschung und Verweigerung der Rituale ein entscheidendes Element der modernen Bands, noch verlassen die meisten Hamburger über dreißig selbst bei den Talking Heads nach drei Stücken den Saal und nehmen das Risiko eines Stranglers-Konzerts gar nicht erst auf sich.

    Denn in einem entscheidenden Punkt unterscheidet sich die neue Musik ideologisch nicht von der grundsätzlichen Rock-Philosophie. Sie ist Rebellion. Im weitesten Sinne des Wortes. Sie macht wach. Und die neue Musik rebelliert eben nicht nur gegen das, wogegen schon immer Grund zur Auflehnung bestand, sondern auch gegen die, die oft guten Willens dem Tranquilizer-Rock Vorschub leisten und im Laufe der 70er geleistet haben.

    Wo wollt ihr stehen?