Autor: admin

  • The Stranglers – Gewürgt, gebissen und abgeleckt

    Keiner mag die Stranglers. Man könnte glauben, sie seien die unbeliebteste Band der westlichen Hemisphäre, wenn man all die Statements von „frauenfeindlich“, „bösartig“, „faschistoid“, „Doors-Epigonen“ bis „die schlechteste Band der Welt“ Revue passieren läßt. Ein kurzer, schweifender Blick durchs Sounds-Umfeld: Michel Kröher: „Ich würde gerne die Vorgruppe (Dickies) sehen“, Thomas Buttler: „Die sollte man boykottieren“, Alfred Hilsberg: „Ich hab sie noch nie gut gefunden“, Reinhard Kunert: „Faschistische Musik“, Jürgen Legath: „Die haben wir schon 77 verrissen“, Teja Schwaner: „Da würde ich mich schon lieber von Screaming Lord Sutch erwürgen lassen“.

    Erdrückend, nicht war?

    Es war der Abend, an dem die Entscheidungsschlacht des schon lange schwelenden Konflikts von Punks und Teddys angesagt war, nachdem es in den vorangegangenen Wochen schon einige Scharmützel und Übergriffe gegeben hatte. Hundertschaften von Polizei waren in Bereitschaft, der Konzertbeginn wurde aus taktischen Gründen verschoben. Die Teddys kamen dann doch nicht, und in der Innenstadt wurden bewaffnete Jugendliche festgenommen. Die erstaunlich zahlreichen (vgl. obige Statements) Strangler-Fans mußten im Vorraum warten, statt um 21 Uhr wurden sie erst um 22 Uhr 30 eingelassen, Aggressionen wurden geschürt, Stiletts blitzten hier und da auf. Das Publikum rekrutierte sich zu gleichen Teilen aus Punks, Speed Freaks mit langen Haaren und brutalisierten AC/DC-Anhängern, der kleine Prozentsatz Kunststudenten fiel nicht auf, die Musikbranche blieb fast geschlossen fern.

    Die Dickies (siehe Plattenkritik in diesem Heft) taten das einzig Richtige, um die aufgestaute Wut in einschlägige Kanäle zu lenken: Noch schneller als auf ihren Platten spielten sie 60er-Jahre-Balladen als Pogos. Mit Vorliebe die etwas dümmlichen und banalen, die mit dem heiligen Zorn der Spätpubertät: „Sounds Of Silence“, „Eve Of Destruction“, „Nights In White Satin“, und als besondere Einlage Black Sabbaths „Paranoid“. Clevererweise verschwanden sie nach tollen 45 Minuten, als man spürte, daß Kondition und Witz zu erschlaffen drohten.

    Es wird dunkel, die Stranglers kommen. Burnel, ein teuflischer, schwarzer Entertainer, eine Genet-Figur (Schwulen-Mörder), teilt gleich zu Beginn ein paar gezielte Tritte in das auf die Bühne quellende Publikum aus („völlig harmlose“ Tritte, wie er nach dem Konzert versichert, er habe mittlerweile eine Technik, bestimmt, aber schmerzlos zu treten). Plötzlich fliegt eine Bierdose und wie einstudiert, legen Burnel und Hugh Cornwell die Instrumente nieder, bahnen sich vehement einen Weg durch die Massen und bringen den Werfer gewalttätig zur Raison.

    Dann geht die Musik weiter. Die Stranglers-Musik ist ein Erlebnis, besonders live, eine harte narkotische Droge, etwas Speed und etwas alt gewordenes LSD dazu. Läßt man sich darauf ein, gibt man sich der Wirkung hin, wird man es nicht vergessen. Die Stranglers sind keine Punks, sondern ältere Intellektuelle oder Matrosen, die nie ihren Platz in der Welt fanden und im Jahre des Umschwungs (76/77), die Gelegenheit fanden, ihre düstere Weltsicht an den Mann zu bringen.

    Synthi- und Orgelintros, die kein Ende nehmen, dazu Jean Jacques Burnels Baß, so tänzelnd und elegant, wie seine Bewegungen auf der Bühne, Cornwells Gitarre dürr und schlank, aber bestimmt, und Jet Blacks Schlagzeug macht als Rückgrat der Band genau das Richtige, um die Musik vor dem Auseinanderfallen zu bewahren: er spielt sehr dumpf und präzise.

    Die Erregung der Fan-Massen nimmt immer mehr zu, das coole Verhalten der Stranglers scheint sie erst recht zu provozieren: sie wollen auf die Bühne, einige sicher um Burnel anzufassen. Mehrfach muß das Konzert abgebrochen werden, weil die Bühne voller Fans ist. Aber die Stranglers wollen das, sie brauchen ein erregtes Publikum, sie haben alles unter Kontrolle: ist das das faschistische Element? Angewandte Massenpsychologie?

    Der Auftritt der Stranglers, deren Platten mich nie vom Stuhl gerissen hatten, hat mich mehr begeistert, als der so mancher Lieblingsband. Psychopathisch-eindringliche Gegenwartsmusik, sehr wahrhaftig.

    Später im Hotel. Die Stranglers sollen die Journalisten treffen, die sie aber offensichtlich boykottieren, außer einem Fanzine-Schreiber, einem Lokalreporter und mir. Jean Jacques Burnel tritt auf den Plan: Zur Begrüßung beißt er jeden von uns in die Hand, um anschließend die, derer er noch habhaft werden kann, abzulecken. Als er erfährt, daß ich bei Sounds arbeite, bekommt er ein gefährliches Funkeln in den Augen und auch Cornwell, der der Szenerie bis dahin distanziert und amüsiert zugeschaut hatte, erhebt sich; denn sie haben dieses Magazin noch in unangenehmer Erinnerung wegen des eingangs erwähnten Verrisses.

    Meinen Kopf in Burnels Schwitzkasten, erkläre ich ihm, daß ich für den Artikel nicht verantwortlich gewesen sei. Augenblicklich läßt er ab und leckt zur Versöhnung noch ein paar Mal in meinem Gesicht herum, um das Spiel dann mit dem englischen Boss der United Artists fortzusetzen, der in diesem Moment erscheint und willenlos seinen Kopf hinstreckt.

    Auf konkrete Fragen reagiert Burnel später weniger schillernd, ergeht sich in linken Allgemeinplätzen, ziemlich lustlos. Gegen AKWs, gegen Aufrüstung.

    Dagegen wird er euphorisch, wenn es um sein Innenleben geht: „In meiner Zelle, meinem Gehirn habe ich unglaubliche Bilder und Visionen, was ist das dagegen (zeigt auf die nächtliche Skyline von Hamburg)!“

  • Rainer Werner Fassbinder: Die dritte Generation

    Udo Kier, Jochen Breiter, Heinz Wrobel, Matthias Walden, Karl-Heinz Köpcke, Rudi Dutschke, Harry Baer, Volker Spengler, Eddie Constantine, biep, biep, biep, biep, Bulle Ogier, ein 17-jähriges Mädchen, das im zweiten Weltkrieg Selbstmord begangen hat, der rote Dany, Helmut Schmidt, Hark Bohm – Stimmen, Gesichter, Mitwirkende des neuen Fassbinder-Films Die dritte Generation.

    Hochhäuser, ein Blick aufs nächtliche Berlin, von dem Hark Bohm (der Kommissar) meint, es sähe aus wie aus einem Film, den er mal gesehen habe und den Eddie Constantine (der Industrielle P.G. Lurtz) als Andrej Tarkowskis Solaris („einer der zehn besten Filme, die ich je gesehen habe …“) identifiziert. Ein Japan-Restaurant, mehrere eitle etablierte Wohnungen, ein Schallplatten-Geschäft, Sony-Video-Geräte (Bild und Ton), ein „Volksgefängnis“ …

    Die Zeit der Nachrichtensperre, als die Nachrichten keine Nachrichten sendeten und reduziert wurden auf ihre Stimme: die Stimme der Nachrichten als Zeichen für Information, das nach und nach die Information ersetzt. Fassbinders Figuren sind uninformierte Individualisten.

    Über den Plot des Filmes wurde genug geschrieben: Terrorismus als Komplott von Staat und Kapital, hier aber nicht mit dem Gestus der Enthüllung vorgebracht, sondern als selbstverständliche Voraussetzung für die Filmhandlung.

    Rainer Werner Fassbinder zeigt in Die dritte Generation die besten Schauspieler. Es sieht aus, als hätte er sie tun lassen, was ihnen Spaß macht, wie in Satansbraten oder den anderen experimentellen Fassbinder-Komödien: „Macht einen Fassbinder-Film über die BRD, satt und prall und voll mit BRD.“

    Ich liebe Fassbinders Sprache, die Dialoge, die aus Reinecker-Parodien, Goethe, Artaud, Brecht, Hamburg-Hauptbahnhof, Sponti-Slang zusammengesetzt scheinen. Rainer Werner Fassbinder ist kein Poet.

    Rainer Werner Fassbinder ist der beste Regisseur der BRD, ist auf der Höhe der Zeit, kein Schlöndorff, kein Herzog, kein Syberberg, kein Biedermann, kein Trotta, kein Böll, kein Grass kann ihm das Wasser reichen. Und auch Die dritte Generation ist manchmal langweilig oder geschmacklos, aber der beste deutsche Film seit dem letzten Fassbinder.

  • Maxim Rad: Nihilism – Qu’est-ce que c’est?

    Jeder Großstädter weiß, wovon die Rede ist. Was in den einheimischen Clubs an semi-professioneller Musik geboten wird, ist meistens besser als das, was die etablierten Plattenfirmen an Schmock und Schlock aus denselben Großstädten heraussuchen und unter Vertrag nehmen. Und in jeder Metropole der westlichen Welt gibt es die Band, den Musiker, den Geheimtip, der alles schlägt und natürlich von der Industrie ignoriert wird.

    Das L.A.-Punk-Magazin Slash über ihren lokalen Favoriten „X“:

    Alles ist gesagt worden, alles ist wahr. Sie sind die Besten, die Größten, (…) jeder Griff enthält alles, an das wir geglaubt haben, wofür wir gebetet haben (…). Sie sind der schillernde Beweis, daß die Schallplattenindustrie ihre Nase so tief in den eigenen Arsch gesteckt hat, daß sie es nie schaffen wird, sie hin und wieder herauszuziehen und die süßen Düfte des kommenden Jahrzehnts zu riechen.

    Was X für L.A. und dieses leicht hysterische Fanzine bedeutet, das ist für manchen Hamburger Maxim Rad alias André Rademacher, 22-jähriger Gitarrist, Sänger, Songwriter und Arrangeur, der seit Jahren diversen Gruppen sein Gepräge gegeben hat. Er machte die legendären Jackets („Hamburgs erste New Wave Band“), später The Tanz und war für den musikalischen Teil der Kiev-Stingl-Band Sterea Lisa mehr verantwortlich als es die Credits der neuen LP (Hart wie Mozart) verraten. Aber vor allem schreibt er seit Jahren Songs, die in der BRD ohnegleichen sind. Sie passen nicht in unsere Kulturlandschaft, sind international, stammen aus der Welt, in der Helmut Schmidt Präsident der Vereinigten Staaten von Europa und Amerika ist. Es sind die Lieder, die einer schreibt, dessen Welt von Beginn des bewußten Lebens an anglo-amerikanische Rockmusik war („Coloured Pop Stars Are My World“). Da gibt es keine bedeutungsschwangere Kulturkunst, keine Ambitionen, das Weltganze zu erfassen. Es handelt sich bei Maxim Rad um komprimierte Rockgeschichte-Essenz: von Revolver bis Fear Of Music. Und obwohl Maxim ein aufmerksamer New-Wave-Beobachter/-Anhänger ist, sind die Rolling Stones noch seine Lieblingsband, sind ihm Little Feat lieber als The B-52’s.

    Was für Chancen hat einer wie er in der deutschen Rock-Szene, wenn er nicht Avantgardist und Untergrundler bleiben will, sondern die Rock’n’Roll-Fantasien verwirklichen? Als die Jackets mit den ersten Punks über Hamburg hereinbrachen, brachten sie es schnell zur lokalen Kultband und bewirkten, daß sich ein lokaler Musikverlag für Maxims Songs interessierte. (Noch heute wird er auf sein Lied „Just A Monday Morning In The Subway“ angesprochen, das er für die Jackets schrieb, aber inzwischen selbst längst vergessen hat.)

    Langeweile

    Da im Lande des Deutschrocktraumas nicht viel zu holen war, bemühte man sich bald um einen internationalen Deal und fand zunächst allenthalben Interesse. Robert John Lange (Boomtown-Rats-, Records-, Supercharge- etc.-Produzent) zeigte sich interessiert, aber dann sagte jemand noch Berühmteres zu: Lou Reed, mit dem Maxim früher viel verglichen worden ist. Alles schien klar. Da wurde Lou Reed von Clive Davis, dem Arista-Mogul, zurückgepfiffen. Angeblich war ein früherer Versuch Lou Reeds, sich als Produzent zu betätigen, total schiefgegangen. Maxim wurde zu Reed ins Hotelzimmer nach Wilster gebeten, wo dieser gerade The Bells aufnahm. Ohne Maxim in die Augen sehen zu können, wiederholte Lou Reed immer wieder, daß es nicht seine Schuld gewesen sei. Alles Scheiße.

    Maxim ging zur Uni, langweilte sich, blieb ihr fern und langweilte sich lieber im Hamburger Nachtleben. (Auf die Frage eines französischen Poeten, was denn der junge Deutsche für Texte schreibe, antwortete Maxim: „About Nightlife And Girls“.) Tagsüber las er Baudelaire und Rimbaud, um für seine Texte inspiriert zu werden. Glücklicherweise (nichts gegen Rimbaud und Baudelaire, aber wir alle wissen ja, was passiert, wenn sich Rockmusiker von ihnen beeinflussen lassen) konnte er mir kurz darauf erzählen, daß „Szene“ und „Subkultur“ mit all ihren liebenswerten Dummheiten und Peinlichkeiten ein beständigeres Reservoir für seine Texte blieben.

    Plötzlich hatte er doch eine Produktion, natürlich im Ausland. Eine französische Firma hatte mehr in ihn investiert als ein deutsches Debütalbum je einer deutschen Firma wert gewesen wäre. Und das Beste: die Platte erscheint international (Januar 1980). Der Prophet wird in England oder Australien mehr gelten als im eigenen Lande.

    Paris: Ich treffe Maxim im Studio, wo er gerade die basic tracks seiner LP Times Ain’t That Bad aufnimmt. Erster Eindruck: der frühe Jonathan Richman, aber die Modern Lovers durch die Crusaders ersetzt. Maxim hat seine knappen, markanten Kommentare zum Geisteszustand der Nacht-Bohemia neu arrangiert. Sauveur spielt einen unbändigen Funk-Baß. Er kann alles, hat von Sex Pistols bis zu synthetischen Disco-Formationen schon überall mitgespielt. Einen Kontrast bildet das straighte Schlagzeug von Jean-Paul Prat, der auch schon bei The Tanz dabei war, dessen Bruder spielt Saxofon. Keyboards und andere Raffinessen des Arrangements sind noch nicht fertig, aber schon festgelegt.

    Irrsinnig schnell

    Abends besuchen wir die einschlägigen Pariser Lokale. Auf New Wave gestylte Frauen sitzen an kleinen Tischchen und schreiben mit edlen Füllern in lederne Tagebücher. Ein dickleibiger Pianist spielt alte Art-Tatum-Stücke. Zwei ätherische Jugendliche unterhalten sich über Roland Barthes. Die französische Bohème. Wie angenehm, daß sich das tagsüber auf Band gespielte Weltbild abends in der Wirklichkeit bestätigt. Wir lachen. Maxim stellt mir einen Pariser Bekannten vor, der nur drei Rock-LPs besitzt: Sergeant Pepper, Some Girls und Richard Hell and The Voidoids. Maxim singt: „Nihilism, Qu’est-ce que c’est?“, um die Frage ein paar Strophen weiter mit „Nihilism is no fun“ zu beantworten, oder „Liebling, make me believe in something“ oder „She’s so young and uh so kalt“. Paris bestätigt die Atmosphäre dieser in Hamburg geschriebenen Sätze. Paris als Super-Hamburg oder Semi-New-York.

    Um Maxims Musik zu verstehen, muß man wissen, daß es Fan-Musik ist, wie etwa auch bei Hermann Brood. Ich frage ihn, was er gut findet außer den Stones, Beatles und Little Feat. „Im Moment Rickie Lee Jones“, sonst aber auch die Talking Heads oder die Sex Pistols, wie es mit Devo sei? „Eine halbe Stunde witzig, dann langweilig.“ Iggy Pop? „Toll, ‚I wish life could be Swedish magazines‘ ist ein toller Satz.“ Ein Journalist meinte mal über ihn, er sei eine Kreuzung aus Bowie und Knopfler. „Bowie gerne, stimmt aber nicht, genausowenig wie Lou Reed, Knopfler nie und nimmer.“ Dylan? „Habe ich immer gehaßt, mittlerweile beginne ich ihn zu respektieren, seine Stimme ist abscheulich.“

    Wer Maxims Platte hört, sollte vielleicht ein paar elementare Erfahrungen mit Rock-Musik gemacht haben, sollte sich erinnern, wie sich das Solo-Gitarrero-Spiel totlief, wie Transformer und Ziggy Stardust erschien. Damals schnitt sich Maxim die langen Haare ab, konzentrierte sich mehr aufs Songschreiben als auf Geschwindigkeit („Damals war ich wirklich irrsinnig schnell, heute kann ich das gar nicht mehr“). Oder man sollte sich an 76/77 erinnern. Auch das hat Spuren bei Maxim hinterlassen. Maxims Musik ist bewußter Mainstream der nahen Zukunft. Rock in der klassizistischen Phase.

  • Bücher. Neues. No Fun

    Bücher sind schwerfällig. Wie kann ein unbekanntes Buch meine Aufmerksamkeit erlangen? Platten sind so schnell, Filme auch. Aber wieviel Schrott muß man lesen, um ein neues interessantes Buch zu erwischen? Was wird überhaupt noch geschrieben? Eitle Szenen-Lyrik, sexistische, alkoholistische Bukowski-epigonale Gossen-Literatur, dickleibige Lebenshilfe für Studenten und Hausfrauen, von Vipassana-Meditation über den Widerstand in Sonstwo und wieder Lyrikbände, Großstadtrahmen, indische Meister, der Weg zu sich selbst. No Fun.

    Was bleibt mir also, als über einige untereinander thematisch nicht zusammenhängende Bücher zu berichten, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, und die neu sind.

    Das heißt nicht neu, aber möglicherweise demnächst nicht mehr zu haben sind einige Bände der Rowohlt-Reihe „das neue Buch“, die ich in verschiedenen deutschen Großstädten in Ramschkästen gesehen habe, zu Preisen zwischen 4 und 6 Mark. Tom Wolfe: Radical Chic oder Mau Mau bei der Wohlfahrtsbehörde. Alte Zeiten. Ein Höhepunkt des New Journalism. Leonard Bernstein gibt eine Party in seinem Duplex-Appartement für die Black Panther.

    Endlich hat Cox sich gefangen. „Davon wissen wir überhaupt nichts“, sagt er. „Wir bedrohen niemanden. Desgleichen befürworten wir Gewaltanwendung nur zur Selbstverteidigung, denn wir sind ein Kolonialvolk in einem kapitalistischen Land … verstehen Sie? … und das einzige, was uns bleibt, ist, uns gegen Unterdrückung zu verteidigen.“ Quad versucht das Ganze umzudirigieren – Aber unvermittelt meldet sich Otto Preminger vom Sofa aus, auch ganz dicht neben Cox, zu Wort: „Er hat vorhin einen wichtigen Ausdruck gebraucht“ – jetzt sieht er Cox an – „Sie haben gesagt, dies ist das repressivste Land der Welt. Das glaube ich nicht.“ Cox sagt: „Lassen Sie mich die Frage beantworten“ – (…) Preminger redet noch immer auf Cox ein: „Sind Sie der Meinung, daß diese Regierung repressiver ist als die nigerianische?“

    (aus Radical Chic)

    Ebenfalls verramscht wird Ed Sanders’ Charlie-Manson-Reportage The Family.

    Er berichtet ausführlich über einen kurzen Filmstreifen mit einem toten weiblichen Opfer am Strand. Anfangs wurde er gefragt, ob er etwas über solche Filme wisse. Hier seine Antwort: F: Von welchem Tötungsfilm wissen Sie etwas? A: Ich weiß nur, wie eine junge Frau, vielleicht siebenundzwanzig, kurzes Haar … ja … und sie haben ihr den Kopf abgehackt, das war … F: Wo war das? A: Wahrscheinlich, na, der Landschaft nach irgendwo am Highway 1, am Strand.

    (aus einem Interview über Tötungsfilme, die Manson und die Familie gedreht haben sollen)

    Dieter Prokop (Autor von Soziologie des Films) hat ein Buch Faszination und Langeweile genannt, das sowas wie eine Mediensoziologie liefert (bei dtv als Taschenbuch für 12,80 DM), sich aber nicht scheut, auch einige ästhetische Fragen im Schnellverfahren zu klären. Da gibt es z. B. eine naiv-amüsante Unterscheidung zwischen „guten“ und anderen Produkten. Beispiel für gute Produkte ist – wie könnte es anders sein – Charlie Chaplin. Trotzdem lohnt es sich, wegen der Tabellen, Statistiken das Buch mit „kritischer Distanz“ zu lesen.

    Ein faszinierendes Buch zum Medienthema ist Jean Baudrillard: Kool Killer (Merve Verlag, 6,–). Jean Baudrillard wurde bekannt durch sein bei uns immer noch nicht erschienenes Oublier Foucault (Foucault vergessen), ein Versuch ein Intellektuellen-Idol zu demontieren. Kool Killer vereinigt einige neuere Aufsätze zu Themen unserer Zeit. Philosophischer Punk. „Unser Theater der Grausamkeit“ (1. Mogadischu, 2. Stammheim) führt die gängigen Interpretationen des Terrorismus durch die Massenmedien ad absurdum („Alles Quark“), „Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen“ handelt von der subversiven Kraft des Graffitis in New York: „Politisch wirklich von Belang ist also nur das, was heute diese Semiokratie (Herrschaft der Zeichen, die von Radio, Fernsehen etc. gesendet werden) … attackiert. In diesem Sinne läßt sich das jähe Hereinbrechen der Graffiti über die Wände, Busse, U-Bahnzüge New Yorks wie auch das Hervorbrechen wilder Wandmalereien … deuten.“ Andere Aufsätze versuchen, Vorstellungen, Ideen über Massenmedien zu entwickeln, jenseits von McLuhan und Enzensberger.

    In einem anderen Band des Merve-Verlags, Kollektiv A/traverso: Alice ist der Teufel – Radio Alice (Bologna) sind einige Sendungen von Radio Alice dokumentiert (mit Musikprogramm), dazu Erklärungen, Kommuniques, Dokumente aus/über die „Praxis einer subversiven Kommunikation“ durch diesen Piratensender. „Die Diktatur des SINNs zersprengen, das Delirium in die Ordnung der Kommunikation einführen …“ (Radio Alice)

    Starless And Bible Black hieß eine King-Crimson-LP, (Bob) Dylan heißt ein bekannter Sänger, das erste ist ein Zitat von, das zweite der Vorname des in Deutschland immer noch wenig rezipierten Lyrikers, Dramatikers usw. Dylan Thomas. Für mich das beste in englischer (amerikanische ausgenommen) Sprache (mit ein paar anderen Autoren zusammen), was in den letzten 50 Jahren erschienen ist. Dtv legt jetzt ausgewählte Essays, Hörspiele und das Drama Unter dem Milchwald (Under Milk Wood) zusammen für 9,80 DM als Taschenbuch vor. Dylan Thomas starb 1953, nachdem er einen Weltrekord im Whiskytrinken aufgestellt hatte. Es wird endlich Zeit, sich seiner zu erinnern. Beim Lesen lege man sich John Cale Paris 1919 auf, vor allem „Child’s Christmas in Wales“ (Dylan Thomas war Waliser) oder „The Soul of Patrick Lee“ aus Church Of Anthrax. Es ist kaum zu vermeiden, das elende Wort „Poesie“ zu verwenden.

    Und seht auch in dem zungenschlagenden Strom die großen monokeltragenden Männer, die nach Sattelseife und Klubsesseln riechen und ein erlesenes Gemisch von Whisky und Fuchsblut atmen, mit den großen vorstehenden Hauern der oberen Klassen und mit Grafschaftsschnurrbärten, Erscheinungen, die vermutlich in England erfunden wurden (…). Und die metallisch dröhnenden eisig-unverfrorenen Mannweiber mit Wellblechdauerwellen und Nilpferdhäuten …

    (Dylan Thomas über die Schiffspassagiere nach New York)

    Jeder Zweite scheint heutzutage das Bedürfnis zu haben, sich poetisch zu äußern. Gedichte schreiben ist ganz einfach. Formgesetze gelten eh nicht mehr, und das letzte Problem, einen Verlag zu finden, wird durch unzählige Minipressen, hektografierte Zeitschriften und Selbstvertriebe gelöst. Doch im Gegensatz zu Musik und Video hat die anyone-can-do-it-Bewegung in der Lyrik keine Vorwärts-, sondern Rückentwicklungen gebracht, heim und back zu romantischem Sud, Innerlichkeit, Schleim, Schlamm, süßlichem Gesäusel, Tiefsinn. Wir ignorieren.

    Rockbücher

    Auf die deutsche Übersetzung des hervorragenden Rock And Roll Is Here To Pay von Chapple/Garofalo, die Rowohlt ankündigt, warten wir zwar noch, dafür gibt es eine neue „Rock Session“ zum Thema Außenseiter mit Berichten u. a. über Kevin Ayers, Pete Brown, Fugs, Don Van Vliet (Captain Beefheart) und einem sehr guten „Außenseiter-Lexikon“ (bei dem übrigens Van Dyke Parks und die Residents fehlen). Höhepunkt ist wieder Lester Bangs, diesmal mit einer Geschichte über Nico.

    Endlich ist das Sounds-Plattenbuch da. Auf 1.500 Seiten sämtliche Plattenkritiken seit Bestehen von Sounds! Erschienen ist das Werk bei Zweitausendeins zu einem sensationellen Preis, DM 20,–.

    Zum Schluß sei noch ein monumentaler Rolling-Stones-Fotoband erwähnt: The Rolling Stones On Tour, Text: Terry Southern, Fotos: Annie Leibovitz, Christopher Sykes, ist bei Dragons Dream erschienen zum Preis von 4,95 Pfund und wird in der BRD von Proost en Brandt, Köln ausgeliefert. Der Preis ist zwar recht hoch, aber das Fotomaterial ist vom Besten – z. B. Andy Warhol, wie er Mick Jagger fotografiert und auf der nächsten Seite das Ergebnis – und Texte und Anekdoten sind nett, wenn einen die Stones interessieren.

    (Rockbücher-Abschnitt als Roger Willoughby)