Kategorie: Archiv

  • Die Taxifahrerin

    Vor einiger Zeit warf man dem deutschen Film vor, sich keine Themen mehr einfallen zu lassen, und, statt etwas zu riskieren, sich in der Eingefahrenheit von Literaturverfilmungen zu akkommodieren. Dem sogenannten neuen französischen Film kann man mit Fug und Recht einen ähnlichen Vorwurf machen.

    Kein Film, der etwas anderes im Sinn hätte, als das gute alte Mann-Frau- oder Mann-Mann-Frau- oder Frau-Frau-Mann-Ding, ohne einen Bezug zu einer als solcher erkennbaren Realität, zu behandeln. Aber schlimmer als das Was ist meistens das Wie.

    Eine Taxifahrerin kurvt durch Paris und lebt davon, ihre reichen Kunden nach der Bezahlung mit ein paar gezielten Tritten umzulegen und anschließend auszurauben. Zwei alte Freunde aus – natürlich Mai-68er-Barrikaden-Tagen – lernen dieses Mädchen kennen. Den einen verführt sie im Taxi, den anderen in dessen Wohnung, nachdem sie ihm vorher gewalttätig klar gemacht hatte, sie bestimme, „wann sie mit wem bumse“.

    Was die Darstellung dieser Beziehung so ärgerlich macht, sind ein paar vorzugsweise in französischen Filmen anzutreffene Klischees über die Frau und die Liebe, die so falsch wie dumm sind. Die Frau ist ein Mysterium, ihre Handlungen sind irrational und widersprüchlich. Man scheint in Frankreich nicht akzeptieren zu wollen, daß eine Frau ein Mensch wie Du und ich ist (eher wie Du); eine Haltung, die man durchaus sexistisch nennen muß. Sie ist eine wilde Katze, sie sagt: „Ich liebe dich“ und schlägt zu und umgekehrt. „Sie ist eine Frau, du mußt mit ihr in die Berge gehen“, raunte mir mal ein französischer Freund zu, als er in meiner Nähe lange schwarze Haare sah. In diesem Fall sind es nicht die Berge, sondern Afrika, aber sie geht alleine hin und läßt die beiden Freunde in ihrer sprachlosen, muffligen, soziologisch nur durch Schreibmaschine, Saxophon, Jazz-Kneipe und 68er-Vergangenheit vage umrissenen Tristesse zurück.

    Ein weiteres Stilmittel, das mir auf den Wecker geht: Es wird unter Liebenden nicht gesprochen. Man glotzt sich in die Augen und sagt Sätze wie: „Du hast schöne Zähne. Schmatz.“ oder: „Es ist mir egal.“ – „Was ist dir egal?“ – „Ich weiß nicht. Alles!“ Das Unsagbare, Unaussprechliche soll eingeführt werden, dabei haben sich Verliebte, wie jeder weiß, eine Menge zu erzählen. Gemeinsam wollen sie die Welt und sich neu entwerfen. In Euphorien reden sie Nächte durch. Nicht so in Frankreich: „Was hast du vor drei Jahren gemacht?“ ist eine der substanzvollsten Fragen, die der eine der beiden verliebten Freunde der wilden Katze von Taxifahrerin stellt. „Ich weiß es nicht“, ist die unglaublich ernüchternde Antwort.

    Entweder will sie nicht darüber sprechen, was traurig wäre, oder sie weiß es wirklich nicht, was erschütternd wäre. Dabei wüßte man es gerne, denn sie ist wirklich toll. Eine kraftvolle Schauspielerin, mit einer beeindruckenden Mimik, guten präzisen Gesten und einem Gesicht, das auf vieles neugierig macht. Deswegen folgt man dem Film, der durchweg schön fotografiert und mit einer klugen, zuweilen an das männliche Pendant aus Amerika erinnernden Musik unterlegt ist und auch bei Kamera- und Schnitttechnik nicht mit Überraschungen geizt, durchweg mit großer Spannung. Stil und Stimmung, die hier verarbeitet werden, erinnern an große Vorbilder aus der Nouvelle Vague (Paris aus der Autoperspektive, vergl. Außer Atem) und New Hollywood (die Neonreklame als Orientierungszeichen in der Großstadt). Die Taxifahrerin hätte ein sehr guter Film werden können, wenn nicht das Drehbuch (bzw. die ihm zugrunde liegende Geisteshaltung) zu bescheuert wären.

  • Gibt es ein Leben nach der Restauration? Oder sind The Cure die Vorboten der Wiedereinführung der 70er?

    Es gibt viele Wege diese Geschichte zu beginnen. Mit der Erinnerung an eine erhitzte Sommernacht in einer eher miesen Kneipe, irgendwann 79, als die mäßige Attraktivität der Drinks und der eher provinzielle Zuschnitt der Computer Games schlagartig unwichtig wurde, ob der Musik, die aus dem Cassettenrecorder kam.

    Aber der Barkeeper sagte, das sei Reggae (er war auch etwas mäßig im Kopf und keiner konnte mir sagen, wer diese glasklare, diszipliniert-böse Musik gemacht hatte. Ich merkte mir Textzeilen: „Don’t try to talk to me / I won’t listen to your lies / You’re just an object in my eyes“. Die exquisiten Melodien mit ihrem Understatement machten es leichter und ich behielt den Satz: „We’re imaginary boys“, was sich später als Three Imaginary Boys entpuppte, Titel der ersten LP von The Cure.

    Oder fangen wir so an: Die zerrüttete Vorkriegs-Subway Flughafen-Innenstadt, die sogenannte „Piccadilly-Line“ ruckelt und zuckelt durch absolut langweilige Londoner Vorstädte (West Hounslow, South Ealing, Acton Town …). Zwei Passagiere des Kurzstreckenfluges Hamburg-London sitzen sich gegenüber und suhlen sich in ihrem Oxford-BBC-Wetterbericht-Englisch (der Einfachheit halber übersetzt): Er: Tja, diese kurzen Flüge, das geht noch ganz gut in unserem Alter. Aber London-Singapur, wissen Sie, meine Liebe, wenn man so viel in Südostasien zu tun hat wie ich, wird das auf die Dauer sehr strapaziös. – Sie: Aber in Bombay waren Sie nicht zufällig? Er: Aber sicher, ich hab’ von 1961 bis 67 dort gelebt. – Sie: Nein, wirklich, dann müßten Sie Clive Percy kennen. – Er: Aber ja, er war doch ein Golfer. Ich hab ein paar Mal gegen ihn gespielt. Wir hatten ein lausiges (lousy) Team, haw, haw, aber wir hatten viel Spaß (Fun) … usw.

    Unglaublich, wie furchtlos und selbstgefällig die beiden ihren Upper-Class-Talk über den relativ breiten Mittelraum zwischen den Sitzbänken der Subway brüllen. Neben ihnen sitzt ein in sich zusammengefallenes, vermutlich Klebe-schnüffelndes, blasses, langhaariges Heavy-Metal-Kind mit Lederjacken-Imitat am schlaffen, ausgemergelten Jugendarbeitslosenleib und hat den ganzen Körper voller Wut auf die beiden selbstzufriedenen Kolonialisten-Ärsche. Aber aus dieser Wut wird nichts. Sie wird im Schlamm des nächsten Reading-Festivals ersaufen, und wenn er etwas älter wird, wird er sie mit schwermütiger Tranquilizer-Rock-Musik befrieden. Womit wir beim Thema wären.

    „Dis Contree is upside down, mohn!“ erklärt mir ein Rasta, den ich im Regents Park treffe. „Mir kam es eigentlich ganz friedlich vor“ – „Das ist es ja; was du Friede nennst, ist in Wirklichkeit Langeweile und das überdeckt die Zustände, die hier herrschen.“

    Im selben Park drei Blitz-Kids auf dem Weg zur Party. Bislang glaubte ich, daß diese Spandau-Ballet-Visage-Modeklons nur eine Erfindung englischer Musikblätter auf der Suche nach einem neuen Feinbild sind, aber es scheint sie wirklich zu geben. Aufgeregt zupfen sie an sich rum, einer präsentiert ein SS-Kostüm mit Original-Hakenkreuz-Armbinde.

    Wir stecken mitten in einer Epoche der Restauration, aber Reagan (im Moment der Niederschrift dieses Artikels liegt er im Krankenhaus und reißt knarzige Witze) und Thatcher haben nicht mal das Niveau eines Fürsten Metternich: Paralysiert und stupide darben ihre Länder im tumben Krisenmanagement und ihre Jugend geht derzeit den blödesten Moden und Leerlaufbeschäftigungen seit der Erfindung des Yo-Yo nach. Und die Musik: 90 % der derzeit aktiven neuen Bands beschäftigen sich mit der Spiegelung des neurotisch-narzißtischen Heranwachsenden-Ego in Text wie Musik. Das Schöne daran ist, daß dieser Egozentrismus meist um völlig neuartige, weil unstabile, ideologisch-konfuse Egos ohne Traditionen und Wertvorstellungen kreist. Solche Direktheit gefiel etwa auch an der ersten Cure-LP. Zorn, Verstockung, Bosheit, Genußsucht, Trauer, Angst, Rebellion – also die Essentials jedweder Rockpoesie – aber ohne das Vorgeformte einer Gut/Böse- oder Image-bezogenen Denkweise. Kein selbstgefällig-bourgeoiser Liedermacher- oder Literaten-Pipifax, sondern direkte Umsetzung echter Not. Also die Cure waren am Anfang neu.

    Wie viele ihrer Kollegen und Geistesverwandten hielten aber auch The Cure die Eigenständigkeit nicht durch, flohen sie in die Soße vager Atmosphärik. Will sagen: Wenn eine narzißtische Musik nicht mehr Ton für Ton rigoros Narzißmus entwickelt, also die Arbeit an sich selbst forciert, unnachahmlich wird, landet sie meist in reaktionären Traditionen. Beiträge zur Bewußtseinsbildung des modernen Menschen leistet nur der Exakte, der sich für seine Epoche exemplarisch-individuell wie historisch-unverwechselbar formuliert. Und The Cure fingen an jenem Punkt an, Camus’ L’Étranger zu vertonen: Ein Stück Literatur, das ich von jeher gehaßt habe. Camus, ohnehin stets überschätzt, Sartres sentimentaler kleiner Bruder, versucht in dieser Novelle eine philosophische Konstruktion, naturgemäß abstrakt, eine Kunstfigur, „den Existentialisten“ par excellence, zur Hauptfigur einer Geschichte zu machen, also für ein Kunstwerk zu nutzen. Ein Unterfangen, das absolut unkünstlerisch ist, da es seine Wahrheiten nicht ästhetisch zu formulieren versucht, sondern sich mit vorher konzipierten Wahrheiten zufrieden gibt und folglich völlig verkrampft wirkt. Um so beliebter ist besagte Novelle bei Deutschunterricht-geschädigten Oberschülern, weil nämlich das „Was will uns der Künstler damit sagen“-Problem von vorneherein gelöst ist: Von Anfang an steht fest, daß der exemplarische Existentialist vorgeführt werden soll, und das kommt am Ende auch heraus. Tautologie. Und dann erst der Film mit dem schwitzenden Mastroianni, der besser einen Torero als einen „von zärtlicher Gleichgültigkeit Umwehten“ spielen sollte. Er wird zum Werbeträger für Deodorant und am schlimmsten ist die Stelle, wo die Gleichgültigkeit so zubläst, daß er den klischeehaft-faschistoiden Richtern, die im Begriff sind, das Todesurteil über ihn zu fällen, aus lauter formelhafter existentialistischer Gleichgültigkeit, die gelangweilte Schwitzfleck-feuchte Schulter zeigt.

    Zurück zu The Cure. Sie vertonten also Der Fremde und nannten es „Killing An Arab“, und der Song war gar nicht mal unflott, aber die Krankheit der Band deutete sich an: zu wenig Selbstdistanz. Was ja eigentlich eine Voraussetzung für wahre Originalität ist, aber andererseits verbaut es den Weg zu der Erkenntnis, was an einem selbst eigentlich gut ist. Man macht eine ehrliche Platte. Aber für die zweite Platte genügt es nicht, weiter nur ehrlich zu sein. Man muß sich überlegen, warum gerade diese besondere Ehrlichkeit gut war. Die Cure sagen, sie wollen weiter Musik über „Stimmungen“ machen und greifen einfach in das riesige Füllhorn voller Innerlichkeits- und Kitschtraditionen, die uns das abendländische Kulturerbe hinterlassen hat.

    „Diese andauernde Kriselei / öffnet dich für Kultur“, singen die Schönsten (Ruff und Weiß von den Geisterfahrern) und haben damit recht. Als ich die Cure in dem Büro ihrer Plattenfirma treffe, sind sie am Sichten ihrer Post, und da schreibt ihnen ein deutscher Fan, daß ihn „A Forest“ vom zweiten (eben wesentlich schwächeren) Cure-Album 17 Seconds an Heinrich Heine erinnere.

    The Cure haben ein neues Album gemacht, und die Welt ist noch etwas schlechter geworden. Warum macht ihr eigentlich nur Musik über Depressionen, depressive Zustände, Nächte, Einsamkeit etc.? Robert Smith, Gitarrist, Sänger und Chefideologe: „Es gibt nicht allzuviel Gründe, froh zu sein. Wenn ich glücklich bin, genieße ich den Augenblick und mache keine Songs darüber.“ – Ein Song ist ja auch mehr als nur eine Mitteilung über den Gefühlszustand von Robert Smith, es geht mir eher um die Auswahl der Themen und Topoi, etwa der Baum auf dem Cover à la ECM. Warum ist z. B. 17 Seconds so unendlich viel langsamer als Three Imaginary Boys? „Es ist viel schwieriger, Stimmungen in schnellen Songs zu erzeugen. Es gibt nur eine ganz beschränkte Bandbreite von Emotionen, die ein schneller Song erzeugen kann. Eigentlich nur Zorn oder Wut.“ – Aber eure erste LP ist doch der Gegenbeweis. – „Ich finde die zweite viel besser als die erste. Ich hasse meine Stimme, wenn ich so singe wie auf der ersten Platte. Ich mag keine Musik, die hüpft und springt wie XTC. Auf Faith (LP Numero Tres) sind Sachen, die noch viel, viel langsamer sind, als alles, was wir je gemacht haben.“ – Ihr habt zweimal in Deutschland gespielt vor völlig unterschiedlichem Publikum. Beim zweiten Mal gab’s fast mehr lange Haare und Bärte als kurze Haare, Färbemittel und dergleichen.

    „Ja, das war hier ähnlich“, fällt der Drummer ein, „zuerst hatten wir nur Hardcore-Punks und dann haben sie uns besser kennengelernt und wir hatten ein vielfältigeres Publikum“. Robert Smith: „Damals hieß alles Punk und heute reden alle von den ‚New Romantics‘, Spandau Ballet und solche Sachen. Wir wollen mit solchen Strömungen nichts zu tun haben. (Ich möchte endlich die Band kennenlernen, die sagt: ‚Wir sind modisch!‘) Wir ziehen so viele verschiedene Leute an.“

    Interessierst du dich für die? „Nein, ich interessiere mich überhaupt nicht für mein Publikum. Wenn sie mögen, was wir tun, sollen sie kommen, wenn nicht, dann nicht. Das heißt aber nicht, daß wir sie kennen müßten. Sie sollen sich auch für uns nicht als öffentliche Figuren interessieren. Ich will auch nicht wissen, wann John Lydon Geburtstag hat. Das hat alles keine Bedeutung. Die Leute benutzen Musik viel zu sehr als Mittel für irgendetwas anderes (‚Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts.‘ – Eisler), uns geht es um Musik. Wir lassen aber die Leute nach Konzerten in die Garderobe kommen, wir sind nicht unnahbar oder arrogant, aber weiter kannst du einfach nicht gehen.“

    Thema: Verantwortung des Künstlers. Die Wirkung depressiver Stimmungsmusik auf Kids in einem Land mit ohnehin depressiver Stimmung:

    „Also ein Grund, warum wir depressive Musik machen, ist, daß wir nicht lügen wollen. Wenn du live einen spaßigen Song spielen willst und fühlst dich gerade elend, mußt du lügen, umgekehrt kann man sich aber ganz leicht traurig machen, man muß nur für eine Sekunde wirklich denken, nachdenken (Wenn ich nachdenke, muß ich lachen.), du kannst viel mehr Leidenschaften und Gefühle in depressiver Stimmung ausdrücken.“ – „Wieso auch glücklich sein, mit 10 Pints Lager vielleicht?“ Und die resignierten Kids sollen in flauschiger 19.-Jhdt.-Melancholie noch resignierter werden? „Im Gegenteil. Unsere Musik befreit sie von ihren Resignationsgefühlen. Du setzt dich hin und hörst Musik, die deinen Stimmungen entspricht und anschließend bist du sie los.“ – „Live interpretieren wir unsere Songs auch viel zorniger, wütender. Aber im Studio kannst du nicht auf Befehl Wut entwickeln, eher schon Melancholie.“ – „Du kannst nicht sagen, traurige Lieder würden Traurigkeit glorifizieren. Du bekommst eher das beruhigende Gefühl, daß es anderen ähnlich geht wie dir, du wirst ermutigt.“ Na schön. Ich hätte euch über diesen Punkt auch nicht so lange ausgequetscht, wenn The Cure die Einzigen wären, die innerhalb der letzten zwei/drei Jahre von Frische und Aggressivität zu Melancholie und romantischen Stimmungen übergewechselt wären. Ich sehe hier ein desolates Land und dazu kommt Desolation-verbreitende Musik. Ist das Zeitgeist?

    „Nein, wieso, die Welt war schon immer gräßlich. Wenn du die Zeitung aufschlägst, ist fast alles, außer vielleicht den Meldungen über das Königshaus, grausig. Manchmal denke ich, daß es mir egal ist, wenn alles bald in die Luft geht. Manchmal ist es mir aber überhaupt nicht egal. Aber es war eben schon immer so. Die Menschen sterben, entweder weil sie alt sind, oder sie sterben durch eine Kugel, oder sie werden totgeschlagen. Worauf es ankommt: Sie sterben!“ Dennoch nennt sich die neue LP von The Cure Faith und nach erstem Reinhören bestätigt sie den Weg zu sprichwörtlich britischer, buchstäblich nebliger Trauer: durchlaufende monoton-mollige Baßmelodien, Akkordfolgen à la „A Forest“, wenig Abwechslung. Dröhnmusik. Keyboards gar à la frühe Yes. Trotzden sind die Cure ehrlich und aufrichtig. Wer konnte schon ahnen, daß „Bleak Wave“ nach zwei Jahren in klassischer Innerlichkeit enden mußte, in verkifftem Trübsinn. Ich glaub’ ihnen auch, daß sie ihre jetzige Musik lieber mögen als ihre aufregenden Anfänge. Es ist Musik zum sich Reinsickern lassen. Musik, bei der der Musiker selbst zum angetörnten Zuhörer wird. Und die Jungs haben eben das Glück, daß ihr privater Rückgriff auf bewährte Dauerregen-Stimmung in schönen Farben nach wie vor den Geist der Jugend ergreift. Das befreit vom Reflektieren und ermöglicht die bei unseren Jungen so geschätzten „Feelings“. The Cure sind auf dem Wege zur Supergruppe. Aber vielleicht sind sie zu ehrlich dazu und immer noch zu interessant.

    1981 erinnert verdammt an 1971.

  • Uli Edel: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

    Heute flattert der Spiegel auf den Tisch und verleiht via Titelgeschichte Christiane F. den Titel „Mythos“ und ergeht sich dann seitenweise in Mutmaßungen über Gründe und Gefahren der Faszination von Buch und Film und versteigt sich schließlich bis hin zum Freudianisieren, von wegen abwesende Vaterfigur und so.

    Dabei ist die Faszination dieser Story – und viel mehr noch ihres Stils – viel simpler zu erklären: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist das einzige vernünftige Stück Prosa, das zeigt, wie Jungsein in den Siebzigern war. Ein Zeitroman, der jenseits all der Mißverständnisse von Literarizität, die so die Hirne bundesdeutscher Dichter bevölkern, eine Epoche unverwechselbar in ihrer eigenen Sprache festhält. Jungsein in den Siebzigern, vor Punk, also bevor „Rebellion“ (wieder) „gerechtfertigt“ war, bedeutete totales Sinndefizit. Die einzigen Werte, die man als suchender Pubertärer vorfand, waren die von den heruntergewirtschafteten 68ern übriggelassenen: Sozialismus und/mit Drogen.

    Und die Linken hingen 72 schon in skurrilen, lebensfremden Grüppchen, und die Drogen waren damals schon gelinkte, überteuerte Turnpieces oder das gemeinsam angeschaffte Hek am trostlosen Samstag. Attraktive Idole waren wirklich nur Bowie, Bryan Ferry und Lou Reed. Und was hatten die zu sagen? „I don’t know just where I am going“ und „There are problems in these times, but – hoo! – none of them are mine“ und „Wine in the morning and some breakfast at night“ und „There’s a star man waiting in the sky“ und „She’s total blam-blam!“. Jeder dieser Sätze trifft den Nagel auf den Kopf. So blieb das bis 76.

    Das alles steht, wenn auch nicht explizit, im Buch. Daß dann Heroin als eingrenzbares und von vielerlei berufener Seite diskutierbares „Problem“ herausdestilliert wurde, scheint mir eine Abwehrreaktion der Medien zu sein, die gegen den beunruhigenden Erfolg des Buches, dessen eigentliches Ansinnen sie nur erahnen können; ein Versuch, diese Geschichte in einen soziologisierenden Diskurs hinabzuziehen, der ihre Einordnung und Unschädlichmachung erleichtert. Heroin ist eigentlich nur ein Symptom, das durch ein anderes ersetzbar gewesen wäre.

    Dies ist auch ein Fehler des Films, daß er auf Deubel komm raus abschrecken will, ständig gegen den gelegentlich öffentlich geäußerten Verdacht kämpfen muß, jedwede Darstellung von Heroin, auch die scheinbar abschreckende, würde die Droge glorifizieren (stimmt übrigens, man höre sich nur James Browns „King Heroin“ an). Daher müssen die Leiber hier so intensiv im Turkey zittern, konvulsivisch kotzen und die Hauptdarstellerin beim Geldbeschaffen jeden Stolz ablegen. (Übrigens müßte über das Päderastie-Moment bei der intensiven Rezeption von Buch und Film durch alte Männer auch nochmal nachgedacht werden.)

    Macht aber nicht viel. Überraschend ist dennoch, daß das Stück weitestgehend zu gefallen weiß, in forcierter Neo-BRD-Tatort-Realistik gefilmt, die eigentlichen Stärken des Buches einfängt. Viel von trostloser Disco-Muffigkeit, alltäglicher urbaner Verwahrlosung. Ein aufgeweckter junger Mensch entdeckt bei seiner Suche nach Gegenwelt zum unbefriedigenden Elternhaus (und auf diese Suche geht jeder halbwegs normale Jugendliche, nicht nur der Scheidungswaise und soziale Härtefall) einen Menschenschlag (vor allem junge Männer), der nichts anderes will als „cool“ sein, also die eigene Vitalität abtöten will (Wieso ist „H“ kein Sakrament des Buddhismus?). Der einzige Mensch weit und breit, der diesen Zustand sinnvoll umsetzt, ist David Bowie, kein weiter Weg, sich mit ihm zu identifizieren.

    Klugerweise ist Bowies Musik den ganzen Film über präsent und färbt ihn wie die schmuddeligen Mittsiebziger-Disco-Interieurs. Leider kommt es da zu kleinen Unsorgfältigkeiten: Songs von Lodger und Heroes, Platten, die erst erschienen, als das Buch schon ein Bestseller war, dröhnen aus den Discos. Und einmal legt sich die Filmchristiane (die jungen Leute spielen alle ganz fantastisch) ChangesOne auf und es ertönt ein Stück, das gar nicht auf der Platte ist. Trotzdem: ein guter Film. Als nächstes sollte das Buch von Akif Pirinçci (siehe Bücherseiten) verfilmt werden.

  • Volume – International Discography Of The New Wave (Records, Labels, Distributors, Record Stores, Financiers, Radio)

    Nun ist es soweit, auch die Neue Welle ist in die Phase der Katalogisierung, der Sichtung und Abheftung getreten. Aber gerade bei den unüberschaubaren Aktivitäten in der unabhängigen Szene ist so ein Führer Gold wert. Ihr findet im Discographie-Teil wirklich alles: Von Boss & Beusi bis zu den Sex Pistols, von unveröffentlichten Lydia-Lunch-Kristian-Hoffmann-Kollaborationen bis zu kompletten Discographien von New-Wave-Urvätern wie John Cale oder Can. Man hat so rigoros alles, was sich selber irgendwie vage „New“ dünkt, aufgenommen, daß sogar das komplette Programm von Metronomes Reflektor-Label aufgelistet ist.

    Bei den Labels, Vertrieben, Clubs usw. sind die nicht-amerikanischen Abteilungen etwas unvollständig, aber auch nur, wenn man die gigantische Fülle der Discographie zum Maßstab nimmt. Für Touristen ist auch eine Menge dabei. Im Herbst soll die zweite Auflage vorliegen, die ob der zu erwartenden weltweiten Resonanz aller Aktivisten dann auch die letzten Lücken schließen wird.

    Zu beziehen über Zensor, Belziger Str. 28, 1 Berlin 62 für DM 20.–