Kategorie: Archiv

  • Volume – International Discography Of The New Wave (Records, Labels, Distributors, Record Stores, Financiers, Radio)

    Nun ist es soweit, auch die Neue Welle ist in die Phase der Katalogisierung, der Sichtung und Abheftung getreten. Aber gerade bei den unüberschaubaren Aktivitäten in der unabhängigen Szene ist so ein Führer Gold wert. Ihr findet im Discographie-Teil wirklich alles: Von Boss & Beusi bis zu den Sex Pistols, von unveröffentlichten Lydia-Lunch-Kristian-Hoffmann-Kollaborationen bis zu kompletten Discographien von New-Wave-Urvätern wie John Cale oder Can. Man hat so rigoros alles, was sich selber irgendwie vage „New“ dünkt, aufgenommen, daß sogar das komplette Programm von Metronomes Reflektor-Label aufgelistet ist.

    Bei den Labels, Vertrieben, Clubs usw. sind die nicht-amerikanischen Abteilungen etwas unvollständig, aber auch nur, wenn man die gigantische Fülle der Discographie zum Maßstab nimmt. Für Touristen ist auch eine Menge dabei. Im Herbst soll die zweite Auflage vorliegen, die ob der zu erwartenden weltweiten Resonanz aller Aktivisten dann auch die letzten Lücken schließen wird.

    Zu beziehen über Zensor, Belziger Str. 28, 1 Berlin 62 für DM 20.–

  • Verschiedene: Hommage an John Lennon

    Dies ist eine Comic-Anthologie mit internationaler Beteiligung anläßlich des Todes von John Lennon. Die Bearbeitung des Themas brachte die verschiedenartigsten Beiträge, in Qualität wie Interpretation, zustande: So wie Robert Gernhardt mit seinen verspielt-irrealen Tuschzeichnungen, Chlodwig Poth mit der nicht-enden wollenden Zweierkiste, bleibt auch das Gros der internationalen Zeichner seinem gewohnten Stil treu.

    Die französischen Mystiker nerven, wie üblich, aber viele hatten, offensichtlich recht spontan, den richtigen Einfall: Die „Momentaufnahme aus einem erfüllten Frauenleben“ etwa, wo Lennons Tod beiläufig in einen flotten, exemplarischen Abriß von drei Jahrzehnten Subkultur eingebaut wird oder Tardi/Granges subtile und einfühlsame Story des Lennon-Mörders. Einige ekelhaft humoristische Stories wie die von Binet sollte man überschlagen, während Gibrats „Little Lennon in New York“ in Anlehnung an Winsor McKays „Little Nemo“ die richtige Art von Witz trifft. Zwischen den überwiegend guten Stories wird man mit Fotomaterial, Discographien und historischen Abrissen versorgt. Zu den besten Sachen gehören die von Bilal und Cosey, am unkonventionellsten und radikalsten löst Cestac das Problem. Auf einer Doppelseite listet er einige Todesfälle in New York am 8.12.80 auf. John Lennon bleibt einer unter vielen.

    102 Seiten, DM 16,80, Verlag Schreiber & Leser

  • Providence

    Kenner werden wissen, daß dieses Werk schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat und auch schon im TV zu sehen war. Resnais, der in den 60er Jahren so was wie ein Heros einer schwermütig-veranlagten intellektuellen Avantgarde war (Letztes Jahr in Marienbad), dürfte heutzutage nur noch wenig bekannt sein, und gerade dieser schwierige Film dürfte, jenseits aller Popularität und Publicity, für den Verleih ein ziemliches Risiko bedeuten.

    John Gielgud spielt einen alten Schriftsteller, auf den Tod zugehend, der während einer Nacht sich sprunghaft und skurril-versponnen mit seinem Leben und dabei vor allem mit seiner Familie auseinandersetzt, sie literarisch in Geschichten und Situationen verfangen läßt, dazwischen genüßlich grunzend, Wein schüttend und unter Leibschmerzen zuckend, raisoniert. Am nächsten Tag hat er Geburtstag, die Familie kommt zum Gratulieren und entpuppt sich als viel normaler, gesunder, friedlicher als in den Imaginationen des alten Lustgreises, der – frei nach Henry Miller und ähnlichen – seine Fantasie und Rückschau vor allem mit Sex und Exzessen bevölkert, die er in die eher spießigen Leben seiner Familie eindringen läßt.

    Der Versuch, eine anspruchsvolle, literarisch konzipierte Erzählweise filmisch umzusetzen, gelingt Resnais, der schon immer dazu neigte, sich zu viel Mühe zu geben, nicht immer. Zwar ist Providence gespickt mit Verweisen und Anspielungen, leistet sich stets sinnlich-dichte Atmosphären und kraftvolles Spiel, aber mit Tempo und Rhythmus hapert es hier und da. Was einen Besuch jedoch allemal lohnt, ist das einsam souveräne Spiel Dirk Bogardes in der Rolle des ersten Sohnes, ein Staatsanwalt, den der Vater als seinen zentralen Widerpart aufbaut. Ein brillanter Rhetoriker und überlegen-gefühlloser Intellektueller, der in seiner Präzision, seinem Zynismus und seiner Korrektheit die Werte in sich versammelt, die dem alten Lebemann am meisten widerstreben.

  • Berlin 1981

    Berlin galt uns noch vor wenigen Monaten als das Zentrum mißverstandenen Pops und ekler Macho-Posen, die Avantgarde und die interessanten Gruppen schienen verschwunden. Dies hat sich geändert: Drei Konzerte Ende April und Anfang Mai haben unsere Meinung geändert.

    Während Caruso und andere Vokalisten versunkener Zeitalter vom Band Stimmung machten und englische Touristen in der „Reichshauptstadt“ „Führers Geburtstag“ feierten, strömte durch die schmalen Eingänge des SO36 die inzwischen bekannte Zusammensetzung des Untergrund-Inzucht-Publikums.

    Die Tödliche Doris machte den Anfang. Obwohl der eher miese Sound einige ihrer kleinen Einfälle und ausgesucht skurrilen Instrumente (Xylophon, Cello, Akkordeon) behinderte, war es schon sehr eindrucksvoll anzuschauen. Ungewohnte Physognomien, interessante moderne Mutationen des Kurzhaar-Phänotyps, und immer so ein leicht resigniert, gequältes Lächeln, Spiders From Mars. Ein angenehmer Einstieg. Die Texte kann man an der vorzüglichen Platte studieren. Es folgte die Session-Formation Le Sang Froid mit Musikern der neuen Supergruppe Südpol und dem Leiter der Berliner Factory Dependence. Das war zwar nicht schön, aber es war wenigstens Kamikaze. Harter Krach mit durchlaufendem Beat und verwirrter Ausstrahlung. Dann das Debüt von Malaria. Viel deutlicher als bei dem von Ewald ein paar Absätze weiter beschriebenen Hamburg-Auftritt zeigte das neue Quintett seine Möglichkeiten, vor allem bei neuem Songmaterial, wie das zynisch-poppige „Geh Duschen“ oder „Laufen“, das live noch besser kommt als auf der 12-inch. Es wäre allerdings wichtig, den Set dramaturgisch geschickter aufzubauen, nicht gerade mit zwei verträumten Nummern anzufangen. Aber insgesamt war es ein toll-theatralischer Auftritt.

    Schließlich die Ichs. Nochmal der Phänotyp der Epoche. Interessante Gesichter, interessante Ausstrahlung, aber etwas DAF-geschädigte und konturenarme Musik. Kenner wollen von der Gruppe allerdings schon wesentlich Besseres gehört haben, und die Atmosphäre ließ ohnehin nach, da das verwöhnte und blasierte Untergrund-Publikum inzwischen die Geduld zuzuhören verloren hatte.